„Der Tausch“ von Julie CLARK

Bewertung: 3.5 von 5.

Die Autorin bietet ein sehr ambivalentes Lesevergnügen: Für die erste Hälfte würde ich vier bis fünf Sterne geben, für den zweiten Teil zwei bis drei.

Das Buch startet mit einem dynamischen Plot, der einen wirklich gefangen nimmt. Der spontane(?) Tausch von zwei Flugtickets führt die beiden Protagonistinnen in echte existentielle Ausnahmesituationen. Zwei zeitlich versetze Erzählstränge verbinden die beiden interessanten Frauenschicksale.

CLARK schreibt keinen klassischen Thriller; glücklicher Weise wird die durchaus vorhandene Spannung nicht durch die Schilderung von Brutalität erzeugt.
Thematisch geht es um zwei Bereiche: Männergewalt in den „besseren“ Kreisen und die verzweifelte Suche nach Zugehörigkeit und familiärer Einbindung.
Männer kommen in diesem Roman insgesamt nicht besonders gut weg (was keineswegs ein Makel ist).

Die Biografien und Lebenssituationen der beiden Frauen werden mit viel Einfühlungsvermögen und einem guten Blick für (innere) Prozesse dargeboten. So entsteht viel Raum zur Identifikation. Es werden „echte“ Person beschrieben, mit Widersprüchen und Brüchen, keine eindimensionalen Abziehbilder.

Doch irgendwann verliert sich die Geschichte in endlosen Reflexionen und Ambivalenzen. Alternative Entscheidungen werden einfach zu oft durchgekaut. Am Ende kann man es z.B. kaum aushalten, dass es eine der beiden Frauen einfach nicht schafft, sich aus einer ganz offensichtlich gefährlichen Situation zu lösen.

Insgesamt eine Menge Tempoverlust auf freier Strecke. Schade.

„Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ – von Bill GATES

Bewertung: 4 von 5.

Wer braucht ein Klima-Buch von einem Menschen, der inzwischen schon fast sein eigenes Denkmal geworden ist: als Microsoft-Gründer, als Multimilliardär und als einer der weltweit größten Stifter im Bereich Gesundheit und Entwicklung?
Inzwischen ist er auch einer der zentralen Projektions- und Feindbilder für Verschwörungstheoretiker – nicht zuletzt auch bei Corona-Leugnern.

Sicher braucht niemand dieses Buch, um auf die Gefahren der Erderwärmung durch den CO2-Overkill hingewiesen zu werden. Auch ohne GATES ist allen interessierten Menschen inzwischen bekannt, welchen ungefähren Emissions-Anteil die unterschiedlichen Bereiche haben. Auch die größten Gegenkräfte und Lösungsansätze wurden in unzähligen Publikationen beschrieben und bewertet.
Gibt es also überhaupt ein Alleinstellungsmerkmal – außer der Prominenz des Autors?
Darauf gibt es m.E. nur eine mögliche Antwort. „Ja!“

Wer sich auf den Text von GATES einlässt, bekommt folgende Dinge in beeindruckender Konsequenz geboten:
– eine systemimmanente Perspektive (GATES stellt an keiner Stelle den Kapitalismus und die Wirksamkeit bzw. den Nutzen seiner Wirkmechanismen – insbesondere die Kräfte des Marktes – in Frage)
– ein Bekenntnis zu Fortschritt und Wohlstandsentwicklung (er lässt an keiner Stelle Zweifel daran aufkommen, dass auch der bisher „zurückgebliebene“ Teil der Welt das Recht auf die Segnungen der Industriegesellschaft hat)
– eine positive und optimistische Haltung gegenüber den Innovationskräften (er ist überzeugt, dass wir mehr und noch intelligentere Technologie brauchen, um zu Lösungen zu kommen)

Bis zu dieser Stelle könnte man auf die Idee kommen, GATES für einen naiven Technik-Optimisten zu halten, der zwar das Problem anerkennt, aber echte Konsequenzen scheut.
Aber da kommt jetzt noch ein paar echte Extras ins Spiel:
Systematik, Gründlichkeit und konsequenter Realitätsbezug.

Der Zugewinn dieses Buches liegt in seinem radikalen Zahlen- und Faktenbezug.
GATES rechnet unaufhörlich: mit den Anteilen der verschiedenen Bereiche am CO2-Ausstoß, mit den Folgen der weiteren Entwicklung von Bevölkerungswachstum, mit den Entwicklungsprozessen in den armen Ländern, mit den bereits erfolgten und zukünftig erreichbaren Fortschritten und mit den Folge- und Zusatzkosten, die das notwendige Umsteuern mit sich bringen würde.
Das tolle an dieser Vorgehensweise: Die Notwendigkeit der CO2-Neutralität bis 2050 ist gesetzt, ohne wenn und aber!

Da GATES auf der einen Seite beim Ziel kompromisslos ist, er das Wirtschaftsmodell (inklusive Wachstum für einen Großteil der Welt) aber nicht nicht in Frage stellt und er auch nicht von einer Bevölkerung ausgeht, die freiwillig große Einschränkungen oder Opfer in Kauf nimmt, nimmt er sich die Freiheit, alle Alternativen durchzuspielen und zu rechnen.
Dabei spart er auch schmerzliche Entscheidungen nicht aus: Wenn die Menschheit z.B. wirklich auf die zukünftige Nutzung einer weiterentwickelten Kernkrafttechnologie verzichten will (was er für extrem unklug halten würde), dann müssten riesige Investitionen in Transportkapazitäten (Stromleitungen) und Speichertechnologie erfolgen.
Dass man die Ernährungsprobleme der Welt ohne moderne Gentechnik und intelligente Düngung lösen könnte, hält er ebenfalls für ziemlich naiv.

GATES steht zum Marktkapitalismus, hält es aber für unausweichlich, dass der Staat die Richtung vorgibt und Anreize schafft. Er fragt immer wieder danach, wie sich die Zusatzkosten für eine CO2-freie Alternative verringern lassen könnte, so dass der Markt den Rest regeln kann. Manchmal kann das allerdings auch bedeuten, dass die alten Produkte eben teurer gemacht werden müssen.

Das Gute an diesem Buch ist, dass es eine andere Zielgruppe anspricht und erreicht, als es die üblichen Klimabücher schaffen. So ein Buch lesen auch wirtschaftsnahe Leute, Investoren und Politiker. Hier spricht einer von Ihnen – nicht irgendwelche vermeintlichen „linksgrünen Gutmenschen“, Hier regieren Zahlen, Kosten, Renditen, Umsetzbarkeit.
So wird aus dem – vielleicht auf den ersten Blick empfundene – Nachteil („der stellt ja gar nicht die Systemfrage“) ein echter Vorteil: Das Thema ist im innersten Kreis der Etablierten Wirtschaftslenker angekommen!
Was kann uns Besseres passieren?

Ich kann dann jedenfalls gut darüber hinweggucken, dass der Autor offensichtlich einer
Art Menschenrecht auf Klimaanlagen u.ä. nachhängt oder er den Begriff „Verzicht“ nicht für relevant hält. Wenn alle schon so weit wären wie GATES, hätten wir schon gewonnen!

„Livewired“ von David EAGLEMAN

Bewertung: 4 von 5.

Ja, ich finde das Gehirn so spannend, dass ich mir das neue Buch des bekannten Spezialisten und Sachbuchautors auch auf Englisch zugemutet habe. Von seinem pupulär-wissenschaftlichen Buch „The Brain – Die Geschichte von dir“ war ich sehr begeistert. Das neue Werk geht etwas tiefer und fachlicher in die Materie, ist aber auch für interessierte Laien les- und verstehbar.

EAGLEMAN nimmt seine Leser/innen wieder mit auf eine Reise durch durch die Wunderwelt des menschlichen Gehirns. Dabei kommt es ihm in diesmal auf einen besonderen Aspekt an: Er macht an – sehr vielen – überzeugenden Beispielen eindrucksvoll deutlich, wie unglaublich flexibel das Gehirn seine Arbeit verrichtet.
Statt ein festverdrahteter und vollständig programmierter Computer zu sein, ist das Gehirn ein plastisches, kreatives und extrem anpassungsfähiges Werkzeug.

Was zunächst eher banal und trocken klingt, bekommt im Verlaufe des Buches eine geradezu atemberaubende Dynamik. Denn der Autor geizt nicht mit spektakulären Befunden aus oft ziemlich abgedrehten Experimenten. Gemeinsames Ziel all dieser Versuchsanordnungen ist es, die flexible Funktionsweise nicht am Normalzustand des Gehirns zu demonstrieren, sondern ihm erstaunliche Leistungen bei völlig veränderten und neuen Anforderungen abzuverlangen.
Das Ergebnis: Das Gehirn ist so „offen“ und „selbstoptimierend“ programmiert, dass es z.B. völlig neue Wahrnehmungskanäle entwickeln oder künstliche neue Gliedmaßen integrieren und steuern lernen kann.
Wie kann das funktionieren? Das Gehirn sucht in eingehenden Informationen ununterbrochen nach Mustern und Regelmäßigkeiten und konstruiert daraus neue innere Welten (selbst bei zunächst völlig unbekannter Herkunft der Reize); auf der anderen Seite kann es das innere Körperbild problemlos erweitern, wenn eine entsprechende Rückmeldeschleife angeboten wird.

Später erfolgt dann doch die Einbeziehung von Alltagsphänomenen. Insbesondere die unterschiedlichen Formen und Ebenen des Lernens und des Gedächtnisses werden als weitere Beweise dafür ins Feld geführt, dass sich das Gehirn permanent in einem Veränderungsmodus befindet. Dabei gibt es ein komplexes Zusammenspiel von verschiedenen Zeit- und Strukturebenen.

Als eine Art Schlussbetrachtung erläutert der Autor dann seine Überzeugung, dass die Grundprinzipien der „selbstorganisierten lebenslangen Neuverdrahtung“ (mein Formulierungsversuch) auch auf die Entwicklung von Robotern bzw. Künstlicher Intelligenz angewendet werden sollten.

Insgesamt bietet EAGLEMAN einen informative Ein- und Überblick in ein Forschungsfeld, in dem sich tatsächlich neue Dimensionen auftun und immer wieder neues Staunen ausgelöst wird. Man spürt auf jeder Seite, dass – in dem uns bekannten Teil des Universums – das menschliche Gehirn die komplexeste Struktur darstellt, zu der sich die Bausteine der Materie jemals zusammengefunden haben.
So schaut man dann fasziniert zu, wie das Gehirn versucht, sich selbst zu verstehen.

Weil schon der Inhalt anspruchsvoll genug ist, hoffe ich das dem deutschen Publikum bald eine Übersetzung vorgelegt wird.

„Brüder“ von Jackie THOMAE

Bewertung: 4 von 5.

Kurz gesagt: ein anregendes Leseerlebnis!

THOMAE schreibt einen erfrischend modern wirkenden Familien- bzw. Entwicklungsroman. Eigentlich schreibt sie zwei davon, die durch eine genetische Brücke nur lose miteinander verbunden sind: Die beiden geschilderten Lebensläufe (die von Kindheit ins frühe/mittlere Erwachsenenalter reichen) sind durch einen gemeinsamen biologischen (nicht sozialen) Vater aufeinander bezogen. Der Vater hat eine schwarze Hautfarbe, die beiden Mütter sind Weiße.
Die Protagonisten sind somit Halbbrüder, die – das sei verraten – sich nie persönlich begegnet sind. Sie leben zwei völlig unterschiedliche Leben, machen extrem divergierende Erfahrungen und entwickeln sich entsprechend zu völlig verschiedenen Personen.
In gewisser Weise hat man zwei Bücher in der Hand, deren zwei Erzählstränge in weiten Teilen auch unabhängig voneinander funktionieren würden.

THOMAEs Roman lebt davon, dass sehr dichte und lebendige Einblicke in verschiedene Milieus, Lebensumstände und Beziehungskonstellationen gewährt wird.
Während Mick als alternativ-hedonistisches Mitglied der Berliner Clubszene auftritt, entwickelt sich aus Gabriel ein international tätiger Star-Architekt, der in der Londoner Wohlstands-Blase beheimatet ist.
Der gemeinsame Vater war Gast in der DDR im Rahmen der internationalen Solidarität mit Dritte-Welt Staaten. Insofern dokumentiert die Erzählung auch zeitgeschichtliche Aspekte der beiden deutschen Staaten.
In dem Leben des Architekten Gabriel wird auch seiner Partnerin/Ehefrau eine eigene Erzählperspektive eingeräumt; ein Teil der Geschichte wird als Wechselspiel aus der jeweiligen Sicht dargeboten.

Obwohl man beiden Brüdern ihre Multikulturalität ansieht, geht es in diesem Roman nicht vorrangig um Fragen oder Probleme des Rassismus. Die Herkunft ist ein Teil ihrer Identität, sie überlagert aber nicht alle anderen Aspekte – sie ist irgendwie untergemischt und tritt hin und wieder an die Oberfläche. Bestimmte Verhaltensweisen lassen sich dann als ein Kampf gegen die eigene Abstammung verstehen: so entstehen in der Abgrenzung von antizipierten Klischees neue, selbstkonstruierte Klischees.

Für mich stellt dieser Roman eine echte literarische Leistung dar; es ist eine überzeugend zeitgemäße Erzählung – inhaltlich und sprachlich. Man hat dauernd das Gefühl, dass solche facettenreichen und detailgenauen Schilderungen nur aus einer Innenperspektive her möglich sind. Es wird sehr genau hingeschaut, eingefühlt, nachgespürt. Hier leistet die Autorin bei der Innenschau ihrer männlichen „Helden“ wirklich Erstaunliches.
Die beiden Welten, die sich aufspannt, bekommen sehr schnell klare Konturen; man schaut mit dem Vergrößerungsglas und ist irgendwie mitten drin.
Als jemand, dem die Lebenswelten und die gemischten Identitäten beider Brüder ziemlich fremd sind, habe ich diesen ungewöhnlich direkten und plastischen Zugang als sehr anregend genossen.

Das Ende war fast ein wenig zu „normal“ für diesen besonderen Roman; aber das hat nicht gestört.

„Vom Ende des Gemeinwohls“ von Michael J. SANDEL

Bewertung: 4 von 5.

Kann ein Buch zugleich bedeutsam, inspirierend und total nervig sein?
Ja, das geht.

SANDEL, ein politisch engagierter amerikanischer Philosoph, legt eine fulminante Abrechnung mit dem Konzept der Leistungsgesellschaft vor. Er tut das mit einer Akribie und mit einer Eindringlichkeit, die leider den – offenbar kaum zu zügelnden – Überzeugungswillen in eine nur schwer zu ertragende Redundanz abgleiten lassen.

Im Grundsatz geht es um die Frage, ob das seit Jahrzehnten hochgelobte Gesellschaftsmodell, in der Erfolg und Wohlstand nicht von ererbten Privilegien abhängen, sondern von den individuellen Leistungen des Einzelnen, eine gute Antwort auf die Gerechtigkeitsfrage darstellt.
Das Prinzip lautet: Wenn es gleiche Zugangschancen zu Bildungsangeboten gibt, dann entscheidet nur das Talent und die eigene Anstrengung darüber, wie weit man die Erfolgsleiter hinaufsteigt.
Sandel legt auf 450 Seiten (inkl. ausführlicher Quellen und Anmerkungen) dar, warum dieses – auf den ersten Blick so einladende Konzept – eine ganze Reihe von gravierenden Widersprüchen und Nachteilen in sich birgt.
SANDEL hat dabei in erster Linie die US-amerikanische Situation im Blick, thematisiert aber zwischendurch immer wieder Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten.

Einige seiner Thesen seien hier kurz angedeutet:
– Die Verabsolutierung des – auf akademische Abschlüsse ausgerichteten – Leistungsprinzips habe zu einer gesellschaftlichen Spaltung geführt, die nicht nur die Verteilung des Wohlstandes, sondern auch das gesellschaftliche Klima bzw. die Einstellungen der Menschen beeinflusst habe: Die selbstgewissen Winner erheben sich über die, die es nicht gebracht haben; die Looser spüren diese Verachtung und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich selbst die Schuld an ihrem Versagen zu geben (denn sie hatten ja alle Chancen…).
– Es erscheine aber faktisch unmöglich, den Anspruch der Chancengleichheit konkret einzulösen, da das Aufwachsen in privilegierten, unterstützenden und bildungsnahen Familien durch noch so viel außerfamiliäre Förderung nicht ausgeglichen werden könne. Die bevorzugten Familien böten nicht nur Bildung und Förderung, sondern auch das Umfeld, in dem solche Kompetenzen wie Anstrengungsbereitschaft oder Selbstvertrauen wachsen könnten.
– Das Narrativ, dass in einer Leistungsgesellschaft jeder den Platz erreichen würde, der ihm fairerweise auch zustände, wird vom Autor von verschiedenen Seiten aus angegriffen. Er macht z.B. immer wieder deutlich, dass von erfolgreichen Menschen grundsätzlich die Rolle unterschätzt würde, die der Zufall oder eben günstige Ausgangsbedingungen für ihre Karrieren spielten.
– SANDEL beklagt, dass der Leistungsbegriff auf den akademischen Bereich der Berufswelt reduziert wird und damit einer Mehrheit der Bevölkerung das Gefühl vermittelt wird, das sie nur einen minderwertigen, zweitklassigen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben erbringen könnten. Damit habe ein großer Teil der Arbeit ihre Würde verloren.
– SANDEL macht auch deutlich, dass die unterschiedlichen Leistung (wie immer sie auch gemessen und beurteilt würde) noch nicht die Frage beantworte, welches Ausmaß an Ungleichheit denn mit dieser verbunden sein sollte. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er das zunehmende Auseinanderklaffen von Mindestlohn und Spitzengehältern – praktisch und moralisch – für völlig unangemessen hält.
– Als besonders abschreckendes Beispiel für die Fehlbewertung von Leistung und gesellschaftlichem Beitrag spricht SANDEL den aufgeblähten Finanzsektor an, in dem aberwitzige Gehälter gezahlt würden, ohne das die Realwirtschaft tatsächlich einen Nutzen habe.
– Beim Ausgleich von Nachteilen (z.B. durch wirtschaftlichen Wandel) müsse nicht nur die Konsumfähigkeit der Betroffenen erhalten werden, sondern es müsse dafür gesorgt werden, dass Ersatzarbeitsplätze, Umschulung u.ä. zur Verfügung ständen. Es gehe immer auch um das Selbstwertgefühl – und nicht nur um genügend Almosen.

Da es sich um ein brandaktuelles Buch handelt (2020), verwundert es nicht, dass all die beschriebenen Zustände im Zusammenhang mit dem Trump-Populismus betrachtet werden. Für SANDEL ist der typische Trump-Fan genau dieser Mensch, der sich von der globalisierten akademischen Elite als Looser eingestuft fühlt – als jemand, der eben die Chance, mit Hilfe eines College-Abschlusses selbst auch aufzusteigen, nicht genutzt habe.

Zum Resümee:
SANDEL hat ein sehr gründliches, tiefschürfendes und relevantes Buch geschrieben, zu einer Grundsatzfrage, die neben dem Klimawandel und der Bewältigung der digitalen Revolution zu den großen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte gehört. Das Spektrum seiner Betrachtungen reicht von philosophischen Gerechtigkeitstheorien bis zu konkreten politischen Forderungen.
Es könnte daher eine uneingeschränkte Empfehlung für Interessenten mit einem größeren Anspruch an Informationstiefe sein, wenn – ja wenn es nicht ein solches Ausmaß an Wiederholungen gäbe. Einige Grundaussagen werden tatsächlich so oft – immer wieder gleich oder ähnlich – formuliert, dass es schon ein wenig ärgerlich ist.
Ich würde davon ausgehen, dass ein Mensch, der sich so gründlich in ein Thema vertiefen will, dieses Ausmaß an Redundanz wirklich nicht benötigt.
Es bleibt ein wichtiges Buch. Für Amerika ist es sicher schon ein radikales Buch – aber ohne jede platte Ideologie.

„Aufklärung jetzt“ von Steven PINKER

Bewertung: 5 von 5.

Seit ca. zwei Jahren habe ich das Gefühl, kein im weitesten Sinne gesellschaftlich oder politisch angehauchtes Buch lesen zu können, ohne nicht irgendwann auf einen Verweis zu diesem Autor und diesem Buch zu stoßen. Mehrfach fiel die Entscheidung, es dann doch mal zu lesen. Dann wieder ein Zögern: Muss ich wirklich auf hunderten Seiten nachlesen, was ihm als Kernaussage zugeschrieben wird: dass alles (also die ganze Welt) viel besser ist als man meint?
Zum Glück wurde ich durch ein Geschenk aus dieser Ambivalenz befreit.

PINKER ist ein in den USA vielbeachteter Intellektueller, von Haus aus Psychologe, mit einem breiten, multidisziplinären Blick – unter Einschluss von soziologischen, politischen und philosophischen Perspektiven. Sein entscheidendes Merkmal ist allerdings, dass er all diese Erkenntnisse in den Dienst einer Sache stellt, der er sich mit vollem Engagement (Achtung: Wortspiel) verschrieben hat.
Sein von Daten, Grafiken und Quellen geradezu überbordendes 730-Seiten-Buch (davon allein 150 S. Anmerkungen) hat tatsächlich nur ein Ziel: PINKER will auch den letzten Zweifler davon überzeugen, dass die Geschichte der letzten ca. 250 Jahre, die als Folge der Epoche der Aufklärung zunehmend von Vernunft und Wissenschaft geprägt war, den Menschen auf allen erdenklichen Ebenen Fortschritte geschenkt hat. Aber es geht ihm auch um die Schlussfolgerung aus dieser – für ihn zweifelsfreien – Erkenntnis.
Wir sollten und dürfen aus zwei Gründen nicht nachlassen, diesen Weg weiter zu beschreiten: Einmal, weil zwar (im Vergleich zu früher) alles besser und vieles gut, aber längst nicht alles perfekt ist; zum anderen werden Vernunft und Wissenschaft von verschiedenen Seiten massiv angegriffen und in Frage gestellt (einer dieser Gegner ist – auch in diesem Buch von 2017 schon – ein gewisser Trump).

Das Besondere an PINKER ist, dass er bei seinem Kampf gegen Irrationalitäten und Ideologien keinen Unterschied zwischen Freund und Feind macht. Er fordert alle Seiten und Gruppierungen zum Respekt vor Fakten und Daten auf – egal ob es sich um Linke oder Rechte, um religiöse Eiferer oder Okö-Aktivisten handelt. Auch wenn er selbst ein weltoffener Liberaler ist: Im Zweifelsfall würde er wohl einen stringent und faktenbasiert argumentierenden Konservativen einem linken Schlagwort-Populisten vorziehen.

Der Autor ist ein Überzeugungstäter und er liebt statistische Beweise für seine Thesen. Wer Material sucht für die Entwicklung von Lebenserwartung, Gesundheit, Hunger, Gewalt, Krieg, Menschenrechte, Bildung, Lebensqualität, Glück, usw. – er/sie findet sie in diesem Buch. Aber – anders als befürchtet – werden die Ergebnisse nicht einfach nur hintereinandergestellt. PINKER schafft Ordnung und Zusammenhänge, findet immer wieder Bezüge zu seinen Grundthesen.

Manchmal erzeugt PINKER auch innere Widerstände. Bei seinen Ausführungen über die Umwelt- und Klimaproblematik bezieht er klar Position gegen eine „Weltuntergangs-Stimmungsmache“; er betont, dass die von vielen Aktivisten betriebene Katastrophisierung weder angemessen noch pragmatisch (im Sinne von motivierend) sei. Er setzt auch beim Öko-Thema (u.a.) auf die Innovationskraft der Wissenschaft (was bei ihm übrigens auch modernste Kernkrafttechnologie und Geo-Engineering mit einschließt). Etwas widersprüchlich ist hier seine Argumentation, der Klimabewegung auf der einen Seite übertriebene Panikmache vorzuwerfen, es dann aber der Klugheit der Menschen zuzuschreiben, dass man ja begonnen hat, gegenzusteuern (ob das wohl ohne die Aktivisten passiert wäre?).

Es wäre unfair, den Autor als datenverliebten Erbsenzähler zu betrachten. Es geht im letztlich um das große Ganze. PINKER ist ohne Zweifel ein Menschfreund, ein Humanist. Sein Maßstab für den Fortschritt ist das Wohlergehen der Menschen. Dass dabei auch der wirtschaftliche Wohlstand eine große Rolle spielt, wird vielleicht nicht jedem Wachstums- oder Globalisierungsgegner gefallen. Aber er legt einen globalen Maßstab an und hat großes Verständnis dafür, dass sich weite Teile der Welt nach dem Niveau von Lebensstandard sehnen, den wir – konsumgesättigt wie wir sind – eher kritisch in Frage stellen.

Der Psychologe PINKER kommt durchaus auch zu Wort. Er analysiert die Verzerrungen in Wahrnehmung und Bewertungsmustern, die Neigung zu Irrationalität und die Anfälligkeit für ideologisch basierte Fehlschlüsse. Und – was noch wichtiger erscheint – er macht konkrete Vorschläge, wie durch Bildung und Aufklärung die Kompetenzen für vernunftgeleitetes Denken und Handeln gefördert werden könnten.

PINKER legt insgesamt ein beeindruckendes Plädoyer für die Beibehaltung und Verteidigung des eingeschlagenen Weges vor. Und es ist wirklich lehrreich und lohnend, sich die realen Fortschritte in den Lebensverhältnissen einmal so konkret vor Augen führen zu lassen. Zahlreiche weitere Aspekte konnten in dieser Rezension gar nicht erwähnt werden.
Dieses Buch wird mit Sicherheit bei jedem Leser Spuren hinterlassen (bei Leserinnen auch). Es ist im besten Sinne ein Grundlagenwerk, eines von der Sorte, bei dem man froh ist, es mal im Original gelesen zu haben (auch wenn es ein paar Stunden Konzentration kostete).
Auch wenn man PINKER nicht in jedem Punkt folgt und er gelegentlich die Grenze zur Polemik berührt: dieser Mensch und dieses Buch machen einen schlauer.
Ich würde es sofort wieder lesen!

„Die Grüne Macht“ von Ulrich SCHULTE

Bewertung: 4 von 5.

Ein kritisch-aufklärerisches Buch über die GRÜNEN im Superwahljahr 2021. Sicher keine schlechte Idee! Geschrieben hat es ein bekannter taz-Redakteur, der auf eine lange Beobachtungszeit zurückgreifen kann.

Es ist ein politisches Buch über eine politische Partei und deren Führungs-Duo; da auch der Autor ein politisch denkender und wertender Mensch ist, kann das Ergebnis naturgemäß nicht neutral oder gar objektiv sein.
Generell kann man festhalten: SCHULTE bringt der aktuellen Strategie der GRÜNEN zwar eine gewisse Grundsympathie und einigen Respekt entgegen, sucht aber – wo immer es geht – nach Schwächen, Widersprüchen, Inkonsequenzen und Tendenzen in Richtung Prinzipienverrat.
Als Grundhaltung lässt sich rasch erkennen: Zwar kann der Autor nicht verhehlen, dass der aktuelle Kurs und die darauf basierende Außendarstellung sehr erfolgreich sind; aber nach seinem Geschmack geht die Öffnung zur Mitte, die Anpassung an den politischen Mainstream zu weit. SCHULTE reiht sich damit – wenn auch in gemäßigter Form – in die Kritik derjenigen Aktivisten und Intellektuellen ein, die sich grünere und linkere GRÜNE wünschen und den radikaleren Wurzeln der früheren Alternativ-Partei nachtrauern.

Nun schreibt SCHULTE keineswegs ein oberflächliches Pamphlet. Auf über 200 Seiten betrachtet er insgesamt 20 Aspekte der aktuellen Realität einer Partei, die sich anschickt, alte Volksparteien (zumindest eine) abzulösen und selbst zu einer gesellschaftlichen Integrationskraft zu werden (für inzwischen alle Politikfelder).
Der Autor beschreibt differenziert, wie erfolgreich sich Baerbock und Habeck bemühen, für eine Vielzahl von Milieus einen Politikstil und ein Lebensgefühl zu verkörpern, die weit über linksökologische Nischen hinaus eine Ausstrahlungskraft in sich tragen. Ganz bewusst wurden ideologische Gräben verlassen; man gibt sich locker und teamfähig, kommunikativ und empathisch. Politik mit der Brechstange und mit dem berühmten „Basta“ ist out, Autoritätsgehabe und Grabenkriege um die „Reine Lehre“ kommen nicht mehr an.

SCHULTE ist geradezu verblüfft, wie gut dieses Image ankommt; aber dabei darf es natürlich nicht bleiben. Da wo es gut läuft, müssen sich doch irgendwo versteckte Konflikte, Halbheiten oder gar Täuschungen aufdecken lassen. Dazu einige Beispiele:
– natürlich entdeckt der Autor hinter dem so erfolgreich zur Schau gestellten Teamspirit doch eine echte Konkurrenz zwischen den beiden Frontmenschen (finde ich weder erstaunlich noch ehrenrührig)
– es wird der Vorwurf erhoben, dass man sehr viel Kontrolle über die öffentliche Darstellung ausübe, z.B. bei dem Umgang mit Interview-Texten (finde ich nur logisch, wenn man die Erfahrungen bzgl. der Skandalisierung einzelner Aussagen berücksichtigt)
– an verschiedenen Stellen wird bemängelt, dass man sich so „breit“ aufstelle, sich sogar um die „Mitte“ bemühe, sicher gegenüber der CDU so einladend zeige, sogar freundliche Worte gegenüber der Polizei oder dem Verfassungsschutz finde (okay: das ist nun mal die Strategie, die eine Chance auf ein maßgebliches Mitwirken eröffnet hat; wenn man sich so entschieden hat, muss man nicht immer wieder über Einzelaspekte meckern…)
– an verschiedenen Stellen erfülle man die Ziele und Maßstäbe selbst noch nicht weit genug, z.B. in der öffentlichen Präsenz von diversen Minderheitsgruppen (gleichzeitig werden ernsthafte Bemühungen in diese Richtung geschildert…)

Noch ein paar Worte zu dem Knackpunkt der Kritik: Sind die GRÜNEN zu zahm, zu bescheiden, zu kompromissbereit in Sachen Umwelt und Klima geworden? Haben die Aktivisten recht, die schon alternative Parteien mit einem tieferen GRÜN suchen bzw. gründen?
Recht ausführlich geht SCHULTE der Frage nach, ob die modernen GRÜNEN überhaupt noch bereit sind, den Menschen Einschränkungen oder Verzicht zuzumuten. Er verneint diese Frage weitgehend und schließt daraus, dass die Partei entweder nicht die Wahrheit sagt (um potentielle Wähler nicht zu verschrecken) oder inzwischen der Überzeugung ist, dass die Sache mit dem „Grünen Wachstum“ (Nachhaltigkeitswirtschaft ohne Verbote und Wohlstandsverlust) tatsächlich funktionieren könnte.
Ich halte diesen Widerspruch für konstruiert: Wir brauchen auf der einen Seite einen Investitions- und Innovationsschub in Richtung kreativer (technischer und digitaler) Lösungen – weil eine Politik in Richtung Deindustrialisierung weder durchsetzbar noch sozial verantwortbar erscheint. Und wir brauchen natürlich Vorgaben, Regeln, Grenzwerte und andere massive Steuerungsmethoden. Beides wird von den GRÜNEN vertreten – wobei vielleicht inzwischen ein bisschen zu vorsichtig mit vermeintlichen Reizworten umgegangen wird.

Resümee:
Der Autor tut so, als könnte man alles gleichzeitig haben. Auf der einen Seite erfolgreich ein positives und einladendes Angebot zu machen für eine breite Allianz von ökologisch und sozial interessierten Menschen – und dabei pausenlos, kompromisslos und radikal die Endziele einer gemeinwohlorientierten und ökologischen Gesellschaft auf den Lippen tragen.
Letztlich muss SCHULTE immer wieder einräumen, dass der eingeschlagene Weg sowohl sinnvoll („es geht in die richtige Richtung“) als auch erfolgreich („eine breite gesellschaftliche Integrationskraft“) ist.
Seine kritischen Anmerkungen sind deshalb nicht falsch oder verwerflich; sie wirken nur immer wieder etwas „gewollt“. Ein bisschen nach dem gewohnten Intellektuellen-Motto: „Was auf breitere Zustimmung stößt, muss ja irgendwie verkehrt sein.“
Letztlich landet der Journalist bei der (für ihn wohl frustrierenden) Schlussfolgerung, dass diese GRÜNEN keine grüne Revolution planen, so dass sie die eine Seite enttäuschen werden und die Ängste der anderen Seite überflüssig machen. Allerdings – so müsste man ergänzen – wird die Politik für die große Gruppe dazwischen vermutlich ganz in Ordnung sein.

Wer sich selbst eine Meinung von dem Politikentwurf der aktuellen GRÜNEN machen will, dem sei das aktuelle Buch von HABECK empfohlen („Von hier an anders„).
Wer seine eigene kritische Haltung gegenüber dem vermeintlichen „Kuschelkurs“ der Partei untermauern möchte, ist mit dem Buch von SCHULTE sicher gut bedient.

„Erste Person Singular“ von Haruki MURAKAMI

Bewertung: 3.5 von 5.

Der japanische Meister-Erzähler legt acht Kurzgeschichten vor. Sie lösen bei mir, einem echten Fan, extrem ambivalente Gefühle aus.
Im Durchschnitt ist es letztlich für mich nur ein durchschnittliches Buch.

Ich weiß nicht, ob es stimmt. Es fühlt sich so an, als ob MURAKAMI seine alten Tagebuch-Notizen durchgeschaut hat, um nach verwertbarem Stoff zu suchen. Natürlich ist er fündig geworden und lässt seine Leser, die sicher am liebsten einen neuen großen Roman bekommen hätten, daran teilhaben.

Ohne Zweifel: Irgendwie kann MURAKAMI aus jeder noch so banalen oder zufälligen Situation eine Geschichte machen. In einigen dieser geschilderten Begebenheiten geht es um für ihn typische Sonderbarkeiten; der Autor hat offenbar eine Begabung für die Begegnung mit Absurditäten. Er versteht es wie kaum ein anderer, die Ebenen knapp unterhalb (oder neben) der rationalen Alltagswelt zum Klingen zu bringen. Der Autor hat einen scharfen Blick für situative Details, der eine sehr spezielle Atmosphäre entstehen lässt.
Kurz gesagt: Einige dieser Geschichten bereiten also den gewohnten Lese- bzw. Hörgenuss.

Ja, jetzt kommt das Aber.
Es gibt andere Geschichten, die ich als Zumutung erlebt habe. Es kann doch nicht sein, dass einer der Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis Texte abliefert, die man bestenfalls als Schreibübungen eines Jung-Autors durchgehen lassen könnte. Als Beispiel sei die Betrachtung seiner Baseball-Leidenschaft genannt.
Es kommt mir in diesen Momenten so vor, als ob da unbedingt jemand schreiben will, der eigentlich gerade nichts zu sagen hat. Schreiben als Selbstzweck – weil man es kann?
Oder ist dieser Schriftsteller inzwischen so berühmt, dass jede Episode aus seinem Leben eine Bereicherung für die Literaturgemeinde darstellt?
Vielleicht wollen ja auch der Verlag oder die ungeduldige Leserschaft bedient werden?

Egal. Ich werde auch das nächste MURAKAMI-Buch wieder erwerben, voller Vorfreude und Erwartung. Man kann auch mal Fünfe gerade sein lassen…

„Anständig leben“ von Sarah Schill

Bewertung: 4 von 5.

Beim ersten Durchblättern war ich ein wenig misstrauisch – schienen mir doch die Schilderungen sehr persönlich und subjektiv zu sein. Mein Resümee sieht aber letztlich ganz anders aus.
Doch der Reihe nach.

Eine junge Frau, die sich als Teil eines aufgeklärten, liberal-progressiven Milieus darstellt, will die Sache mit der Nachhaltigkeit genauer wissen. Unverbindliche Apelle oder diffuse Vorsätze reichen ihr nicht mehr. Da sie nicht an den alarmierenden Befunden zur ökologischen Ausgangslage zweifelt (die auch im Erscheinungsjahr 2014 schon eindeutig waren), will sie endlich handeln.
Statt von allem ein bisschen zu verändern, will sie durch Selbstversuche erkunden, was es denn eigentlich bedeuten würde, wenn man Einsichten und Ziele wirklich konsequent in Handeln umsetzt. Exemplarisch nimmt sie sich zwei der großen Öko-Themen vor: die fleischlose Ernährung und die Plastikvermeidung.

Die ersten zwei Drittel des Textes bestehen aus der Beschreibung der Erfahrungen, die Sarah SCHILL dabei gemacht hat, je einen Monat vegan bzw. plastikfrei zu konsumieren und zu leben. Im letzten Teil des Buches wird die Perspektive erweitert: die Autorin nimmt Kontakt zu Projekten und Initiativgruppen auf, recherchiert zu weiteren Einzelthemen (z.B. „urban gardening“, der Tier-Schlachtung und der Jagd) und bietet durch ein ausführliches Quellenverzeichnis und zusätzliche Links eine Menge Infoservice zur Vertiefung bzw. zur praktischen Umsetzung.

Es wurde schon angedeutet: SCHILL hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. Zwar beinhaltet es auch jede Menge sachlicher Informationen über die desaströse Ausgangslage, im Mittelpunkt steht aber das eigene Erleben beim Versuch des privaten Umsteuerns. Dabei spielen durchgängig zwei Perspektiven eine Rolle:
– Mit welchen inneren und äußeren Hürden habe ich zu kämpfen, wenn ich wirklich – von jetzt auf gleich – konsequent handeln will?
– Wie entwickeln sich meine eigenen Positionen zwischen gedankenlosem Hedonismus und Öko-Sektierertum? Wie geht es mir damit?

Tatsächlich liegt der Mehrwert dieses Buches genau dort.
Die Autorin schafft einen Identifikationsraum, in dem sich die Leser/innen mit ihren eigenen Ambivalenzen wiederfinden können. Es gibt Widersprüche und Zweifel, Idealismus und Resignation. Das alles kennt man von sich selbst. Kaum jemand schafft es, auf allen Gebieten gleichermaßen konsequent zu sein; ehrlicherweise will das auch kaum jemand wirklich.
SCHILL geht mit ihrer Neugier und ihrem Tatkraft den meisten Leser/innen ein paar Schritte voraus. Das ist mutig, anregend und hilft bei der eigenen Positionierung. Da gibt es eine Art „Heldin“, die ein Stück unerschrockener ist als man selbst. Aber es ist eine Heldin aus Fleisch und Blut, keine perfekte Lichtgestalt.
Dass die Autorin einen locker-flockigen Stil hat und sich auch selbstkritisch und humorvoll hinterfragt, versteht sich schon fast von selbst.

Ich kann das Buch sehr empfehlen, wenn man keine reine faktenbasierte Sachbuchlektüre sucht. Es wirkt aktuell, obwohl seit dem Erscheinen schon ein paar Jahre vergangen sind. Natürlich gäbe es inzwischen neuere Zahlen und zusätzliche Verweise – die beschriebenen Grundkonflikte mit der eigenen Konsequenz haben sich nicht verändert.

„Vergiss kein einziges Wort“ von Dörthe BINKERT

Bewertung: 4 von 5.

Eine Familiensaga vor (zeit)geschichtlichem Hintergrund. Ein historischer Roman also, wie es ihn in den letzten Jahrzehnten zuhauf gab. Warum sollte man genau diesen lesen?
Ich weiß nicht, ob man sollte. Ich weiß, warum ich wollte (nachdem eine gute Freundin mich darauf gestoßen hat).

Meine Eltern stammten aus Schlesien. Ich kenne die Geschichten ihrer Flucht, habe aber nur sehr diffuse Vorstellungen von dem Leben in ihrer Heimat. Ich war noch nie in Polen, habe mich noch nicht mal genauer mit der wechselvollen Geschichte der früheren „Ostgebiete“ beschäftigt. Ich war immer Westdeutscher und hatte mehr Bezug zu den Urlaubsländern in Südeuropa als zu den geografischen Wurzeln meiner Herkunftsfamilie.
Dieses Buch sollte daher ein kleiner Versuch werden, eine große Lücke zu füllen.

Die Autorin hat alle Zutaten im Gepäck, um einen historischen Familienroman zu gestalten. Sie bietet ein verzweigtes, aber trotzdem noch überschaubares Netz von Figuren an, die in einer Drei-Generationen-Perspektive miteinander verbunden sind. (Fast) alles, was in Familien und ihrem Umfeld so passieren kann, kommt auch in diesem Roman vor. Dazu gesellen sich alle die Dinge, die vor, in und nach einem Krieg passieren – nicht auf den Schlachtfeldern, sondern in der Heimat, wo die Familien (also hauptsächlich die Frauen) auf die Rückkehr bzw. die Todesnachricht ihrer Männer warten. Es geht also um Armut, Hunger, Sorgen, Gewalt – aber auch um Solidarität, Menschlichkeit, Familiensinn und die Suche nach den kleinen privaten Glücksinseln. Im Mittelpunkt stehen mutige und leidensfähige Frauen.

Neben dieser privaten Seite geht es in solchen Büchern auch um den zeitgeschichtlichen Background – in diesem Fall um die nahezu unfassbar komplizierten und leidvollen Erfahrungen der Menschen, die sich einmal als „Schlesier“ gefühlt haben. Es ist ganz eindeutig das Hauptanliegen der Autorin, die Irrungen und Wirrungen lebendig zu machen, die mit den multiplen und wechselhaften Identitäten als „Deutsche“ bzw. „Polen“ zusammenhingen – quer durch die Familien.

Das Buch ist leserfreundlich ausgestattet. Es bieten eine Übersicht über die Personen und ihre Bezüge und eine ausführliche Übersicht über die historischen Fakten. Toll!
BINKERT präsentiert keinen hochliterarischen Text. Die Sprache, das Erzählen ist Mittel zum Zweck, sie ist funktional. Das ist kein Nachteil, wenn man sich auf die Inhalte konzentrieren möchte.
Natürlich wird hier keine neutrale Dokumentation vorgelegt. Das Alltagsleben rund um Gliwice/Gleiwitz wird aus Sicht der Menschen aufgefaltet; dabei spielen ihre Beziehungen und ihre Gefühle, ihre Hoffnungen, Enttäuschungen und Verluste die entscheidende Rolle. Geschichte wird personalisiert und damit auch emotionalisiert. Wer das kitschig findet, sollte andere Bücher lesen.

Das Buch hat für mich seinen Auftrag eindeutig erfüllt. Zwar wäre ich auch mit etwas weniger privatem Herz/Schmerz zufrieden gewesen, aber insgesamt ist der Autorin ein gutes Gleichgewicht zwischen Einzelschicksal und Vermittlung von historischen Zusammenhängen gelungen. Die 630 Seiten waren mir nicht zu viel; ich musste mich an keiner Stelle aufraffen weiterzulesen – ganz im Gegenteil.

Es gibt allerdings auch etwas Betrübliches: Für mich kam dieses Buch zu spät!
Vor 10 oder 15 Jahren wäre es eine perfekte Grundlage für Fragen gewesen, die ich meinen Eltern leider nie gestellt habe. Es wären sicher Gespräche entstanden, die nie geführt wurden.
Ein Buch, das einem so etwas bewusst macht, kann kein schlechtes Buch sein.