„Anleitung für dein Leben“ von Dr. Sophie MORT

Bewertung: 4 von 5.

Selbsthilfebücher müssen wohl einiges versprechen, um auf dem Markt wahrgenommen zu werden. Der (Unter-)Titel hat mich daher eher ein wenig skeptisch gemacht.
Als ich dann das Buch in den Händen hielt, nötigte mir schon der bloße Umfang einigen Respekt ab: 500 Seiten psychologische Lebenshilfe – das muss man sich schon trauen!
Die Psychotherapeutin MORT hat sich getraut – und das hat sich eindeutig gelohnt.

Dieses Buch hat einen klaren Aufbau, ist nachvollziehbar strukturiert, ist für psychologische Laien gut lesbar und enthält tatsächlich eine Riesenportion psychologische und psychotherapeutische Erfahrung.
Gegliedert ist es in drei große Teile:
– Welche Ursachen/Gründe könnten zu dem aktuellen Leid geführt haben? (Genannt werden verschiedenste biografische Belastungen).
– Warum war es bisher so schwer, die Probleme und Krisen zu bewältigen? (Hier geht es um emotionale und kognitive Sackgassen bzw. Verstrickungen, auch um ungünstige Bewältigungsversuche – z.B. Suchtverhalten).
– Welche konkreten Methoden und Strategien können tatsächlich weiterhelfen? (Konkrete Übungen leiten an zur Regulation von Emotionen und zum systematischen Aufbau von Selbstfürsorge und Achtsamkeit).

Der Ratgeber ist durchgehend in direkter Ansprache an die Leserschaft (im vertrauten „Du“) geschrieben: Alle Informationen sind darauf ausgerichtet, bei den Interessierten und Betroffenen das Verstehen der eigenen Lage und die Voraussetzungen für eine Verbesserung zu vergrößern. Daher wird dem Verständnis für menschliche Schwächen, dem empathische Einfühlen in die emotionalen Nöte und der Akzeptanz von Widersprüchlichkeiten bzw. Ambivalenzen viel Raum gegeben.
Im besten therapeutischen Sinne ist die Autorin zugewandt, parteilich und unterstützend.

Auffällig ist, welchen großen Stellenwert MORT den konkreten Lebensbedingungen der Menschen beimisst: Für sie gibt es keine Grenze zwischen Alltagserfahrungen und einer irgendwie spezifischen Dynamik von psychischen Störungen. Die Botschaft an ihre Leser/innen ist: „Es sind in erster Linie die vorgefundenen (defizitären oder belastenden) familiären, sozialen und materiellen Lebensbedingungen; es sind erlittene Verletzungen, Ausgrenzungen, Diskriminierungen oder Traumatisierungen, die dazu geführt haben, dass du dich in einer kritischen, belasteten oder marginalisierten Situation befindest.“
Ein wiederkehrendes Kernthema ist das Selbstwertgefühl: MORT wird nicht müde zu verkünden: „Es gibt keinen Grund, an dir zu zweifeln, deinen Wert in Frage zustellen oder Schuldgefühle wegen eines vermeintlichen Versagens zu haben. Du bist okay, du bist liebenswert, so wie du bist; du hast jedes Recht, unabhängig von deinen Leistungen oder deinem Status geachtet und geliebt zu werden!“ (Zitate von mir zusammengefasst).

Zusammenfassend kann man sagen: Es ist ein stark alltags- und lebensraumbezogener psychologischer Ratgeber, in dem einzelne Störungsbilder und deren spezifische Dynamik kaum eine Rolle spielen. Der Blick auf Lebensereignisse und Lebensverhältnisse, speziell auf verschiedene Diskriminierungsmuster spielt eine entscheidende Rolle. Man merkt der in London lebenden Autorin deutlich an, das sie den AktivistInnen (z.B. der Gender- und Transbewegung) nahe steht und ihre Perspektive auf die Welt die einer engagierten jungen Frau ist, die sich auch auf den Social-Media-Kanälen zuhause fühlt (sie selbst ist auch Bloggerin und hat eine Achtsamkeits-App entwickelt).

Kritisch könnte man anmerken, dass sich vielleicht nicht alle Altersgruppen gleichermaßen durch diesen Stil und diese Schwerpunktsetzung angesprochen fühlen. Manchmal vermisst man schon ein wenig bestimmte Sachinformationen, z.B. über die grundlegenden Störungsbilder (Drogensucht, Selbstverletzungen, Suizidalität), über die mögliche Rolle von medikamentöser Therapie und die spezifischen Voraussetzungen, die einen Zugang zu einer Psychotherapie (hier in Deutschland) ermöglichen. Auch über benachbarte Versorgungsangebote (Beratungsstellen oder Psychiatrie) erfährt man so gut wie nichts.

Das soll den insgesamt sehr guten Eindruck dieses Selbsthilfe-Buches nicht schmälern. Bis auf den (für manche vielleicht abschreckenden) Umfang hat MORT ein niederschwelliges, einladendes und motivierendes Buch geschrieben, das auf einer soliden fachlichen Basis steht und sich angenehm von den Heilsversprechungen der Esoterik-Szene oder der „Positiven Psychologie“ (in der man alles schaffen kann, wenn man nur will und an sich glaubt) abhebt. Die Autorin unterschlägt nicht, dass die Veränderung dysfunktionaler Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster auch Geduld und Disziplin erfordert.
Insbesondere für viele Betroffene in der ersten Lebenshälfte schafft MORT mit diesem Buch ganz sicher den Zugang zu einem selbstwertstützenden Verständnis des eigenen Leids und ermöglicht ein lebenspraktisches „Empowerment“ für die Bewältigung aktueller Krisen.

„Die Schönheit der Differenz“ von Hadija HARUNA-OELKER

Bewertung: 3.5 von 5.

Das ist ein ordentlicher Brocken Lese- oder Hörarbeit (560 S. bzw. 15 Std.). Die Autorin, deren Eltern afrikanischer bzw. deutscher Herkunft sind, legt einen „großen Wurf“ zum Thema „diskriminierungsfreie Gesellschaft“ vor. Dabei greift sie auf biografische und berufliche (journalistische) Erfahrungen zurück und entwickelt auf dieser Basis eine Zukunftsvision des solidarischen Zusammenlebens, in dem Unterschiedlichkeiten (Differenzen, Diversität) nicht nur anerkannt und akzeptiert , sondern als bereichernde Elemente einer gemeinsamen humanen Welt begrüßt werden.

HARUNA-OELKER wendet sich in ihrem Buch so ziemlich allen Gruppen zu, die als übersehene, marginalisierte, diskriminierte, ausgesonderte, abgewertete, unterdrückte oder verfolgte Minderheiten mehr oder weniger im Fokus stehen. Speziell aufmerksam macht die Autorin auf den Aspekt der „Intersektionalität“, also die Tatsache, dass die diskriminierten Merkmale oft nicht isoliert bzw. unabhängig voneinander bestehen, sondern in ihrer Kombination besonders einschneidend wirken.
Sie ergänzt subjektive Sichtweisen immer wieder durch die Befunde der sozialwissenschaftlichen Community, die sich rund um die Themen „Rassismus“, „Antisemitismus“, „Marginalisierung“, „Gender“, „Trans“ und „Feminismus“ gebildet hat.
(Ein wenig „unwissenschaftlich“ erscheint mir die fehlende Definition von „Normalität“ in diesem Text: Es wird an keiner Stelle zwischen „statistischer“ Normalität und einer „normgebenden“, wertenden Normalität unterschieden.)

Die Haltung der Autorin ist eine Art „grenzenlose Zugewandtheit und Solidarität“. An sich selbst hat sie den Anspruch, dass ihr Verhalten (insbesondere ihre Sprache) möglichst von keiner betroffenen Personen an irgendeinem Punkt als verletzend, ignorant, ausgrenzend, uninformiert usw. erlebt werden könnte. Da ihr bewusst ist, dass sie zwar einige – aber eben nicht alle – Diskriminierungsbereiche aus eigener Erfahrung kennt, hat sie ihren Text von anderen, spezifisch-sensibilisierten Personen überprüfen lassen.
Das führt dann zu einem Sprachgebrauch, der sich vermutlich als Benchmark für das maximal Möglich eignen würde (so wird z.B. jedem „Mann“ oder „Frau“ noch beigefügt: „oder der/die als solche/r gelesen wird“). Auch Wortprägungen wie „FreundInnenschaft“ kommen vor (möglicherweise, weil der Begriff „Freundschaft“ noch nicht divers genug klingt).

Die Autorin will zweifellos – trotz eindeutigster Parteinahme für alle Minderheiten – mit ihrem Buch keine Gräben aufreißen. Sie gehört nicht zu den AktivistInnen, die durch bewusste Provokationen für die eigenen Ziele kämpfen und dabei in kauf nehmen, dass nur die eigene Blase erreicht (und mobilisiert) wird. HARUNA-OELKER appelliert an alle gutmeinenden Menschen (den rechten Rand lässt sie beiseite). Vor allem auch an diejenigen, die zwar nicht selbst unmittelbar betroffen sind, aber ihre gesellschaftlichen Privilegien (als Mitglied der weißen, binär-heterosexuellen, normschönen, gebildeten, sozial abgesicherten, nicht-behinderten Mehrheit) für das Ziel eines humanen Zusammenlebens einsetzen wollen.

Wenn der Begriff nicht als Kampfbegriff (von der anderen Seite) kontaminiert worden wäre, könnte man dieses Buch auch als ein Manifest des „Gutmenschentums“ bezeichnen: Wer wollte sich ernsthaft den hier beschriebenen Zielen entgegenstellen? Wer wollte den benachteiligten Gruppen ihre Gleichstellung und ihr Mitwirken an dem gesellschaftlichen Ganzen vorenthalten? Wer sollte nicht Diskriminierung, Hass, Gewalt und Ausbeutung möglichst weitgehend aus unserem Zusammenleben verbannen wollen?

Für viele (in irgendeiner Weise betroffene) Leser/innen wird dieses Buch ein willkommenes, bestimmt auch beglückendes Geschenk sein: So viel engagierte Empathie, so ein grenzenloses Interesse für die jeweils spezifischen Erfahrungen, so viel Beistand und Solidarität, so viele Hinweise auf Persönlichkeiten und Publikationen aus der jeweiligen Community.
Man kann sicher sein: Dieser Text verbindet, entlastet, ermutigt, stärkt, motiviert.
Was wollte man mehr?!

Was ist mit denen, die sich aus der geschützten Distanz der „priviligierten Mehrheitsgesellschaft“ diesem Buch widmen möchten – vielleicht um ihre Sensibilität zu vergrößern, vielleicht auch nur, um die Dynamik des „Antidiskriminierungs-Diskurses“ endlich mal zu verstehen?
Man sollte sich darauf einstellen, dass die Maßstäbe wirklich sehr hoch gesetzt werden. Spätestens nach den ersten 200 Seiten wird man sich überfordert fühlen von dem Anspruch, sich jeweils in die Erfahrungswelt der betrachteten Gruppe in dieser Intensität einzudenken. Vielleicht muss man sich dann klarmachen, dass Antidiskriminierung auf dieser Stufe ein Vollzeitjob ist, den man im normalen Alltag weder leisten kann noch muss.
An einigen Stellen kam mir die (sicher etwas naive) Idee, ob nicht eine grundlegende, in Familie und Schule eingeübte Haltung von „Respekt und Anstand“ schon einen großen Teil der angestrebten Ziele erreichen könnte: Wenn jede/r lernen würde, „einfach“ jedem Menschen ohne Abwertung, Ausstoßung oder Ausbeutung gegenüberzutreten – müsste man vielleicht nicht jedes einzelne Merkmal so genau betrachten…

Schwierig fand ich an einigen Stellen die Gewichtungen bei der Beurteilung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit: Bilden beispielsweise die verabscheuungswürdigen rassistischen Hassverbrechen, Übergriffe und Pannen der Sicherheitskräfte und die mangelnde Partizipation Behinderter denn tatsächlich die typische Realität unseres Gemeinwesens ab?
Zwischendurch entsteht ein Bild, in dem die zivilisatorische Entwicklung der letzten 75 Jahre ein wenig aus dem Blick gerät. Was ist – so fragt man sich – mit der Erfahrung der Flüchtlinge, die nach ihrer Odyssee durch Nordafrika und Südost-Europa in Glückstränen ausbrechen, wenn sie das erste Mal mit „unserer“ Polizei in Berührung kommen?
Gibt es in der Menschheitsgeschichte wirklich so viele Beispiele für Kulturen, in denen mit Andersartigkeit, Fremdheit, Abweichungen, Behinderungen humaner umgegangen wurde als in unserer Gegenwart? Liegt ein völlig „bewertungsfreier“ Umgang mit „Anderssein“ wirklich in den evolutionären Kapazitäten der Gattung Mensch?
Es geht nicht um Rechtfertigung von Missständen oder um den Verzicht auf weitere Fortschritte; es geht um das Gesamtbild. Ich glaube nicht, dass man den Mainstream damit erreicht, dass man ihm das Gefühl gibt, in einem mehr oder weniger unmenschlichen System zu leben. Positiv ist, dass die Autorin in ihrer Bilanzierung am Ende hier deutlich versöhnlichere Worte findet.

Das Buch stellt ein sehr umfassendes, sowohl kognitive als auch emotionale Seiten ansprechendes Plädoyer für eine Akzeptanz von Diversität dar. Es macht bewusst, dass uns (und unsere Weltsicht) unterschiedliche Erfahrungen geprägt haben, die wir uns alle nicht aussuchen konnten. Die Verschiedenheiten als ein Schatz zu betrachten, der für eine „reichere“ und solidarischere Gesellschaft genutzt werden kann und sollte, ist ein sehr erstrebenswertes Ziel

„Die Republik der Träumer“ von Alaa AL-ASWANI

Bewertung: 4 von 5.

Ein politischer Roman – geschrieben als Zeitzeugnis für die kurze Phase des „Arabischen Frühlings“ in Ägypten.

Der ägyptische Autor (ursprünglich Zahnarzt!) nimmt seine Leser/innen mit auf eine intensive und berührende Reise in das Zentrum der Massenproteste des Jahres 2011.
Das damals auch als „Facebook-Revolution“ bezeichnete Aufbegehren konnte zunächst auch durch massive Gewaltanwendung des Regimes nicht gestoppt werden und führte – für viele unerwartet – tatsächlich zur Absetzung des damaligen Autokraten Mubarak.
In brutaler Direktheit schildert dieser Roman – exemplarisch am Schicksal einiger Protagonisten auf beiden Seiten – wie voreilig und naiv die Hoffnungen auf einen echten demokratischen Aufbruch waren. Der herrschende Militärapparat ließ es sich nicht nehmen, die zarte Pflanze der Hoffnung mit unbarmherziger Härte zu zertreten.

AL-ASWANI zeichnet ein deprimierendes Bild der ägyptischen Gesellschaft: Überall lauert Doppelmoral, Bigotterie, Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und Opportunismus. Die Macht-Eliten in Wirtschaft, Religion, Medien und Militär verachten das „gemeine“ Volk. Permanent wird deutlich, dass es keine Spur von einer aufgeklärten Zivilgesellschaft gibt, die einen gesellschaftlichen Mittelbau mit einer gewissen Gemeinwohl-Verantwortung bilden könnte.
Erschreckend ist vor allem der Einblick in die extreme Verstrickung zwischen weltlichem und religiösem Leben: Die religiösen (insbesondere natürlich islamischen) Bezüge dienen den Mächtigen buchstäblich in jedem zweiten Satz zur Begründung und Rechtfertigung ihrer egoistischen Machenschaften.

Der Autor schildert das alles in einer ungeschönten, oft mit brutalen Details angereicherten Sprache. Er lässt keinen Zweifel aufkommen an der Bösartigkeit und Verrohung der Militärs und an dem moralischen Sumpf, der sich bei den Eliten unter einer dünnen Schicht von demonstrierter Tugendhaftigkeit zeigt. Dabei spielen Sex und Alkohol immer wieder eine zentrale Rolle – weil sich darin die Doppelmoral wohl am besten zeigen lässt.

Vielleicht muss das alles so extrem sein, weil es die (damalige) ägyptische Realität widerspiegelt.
Als Leser hat es mich manchmal irritiert, geradezu ärgerlich gemacht: Wo bleiben die Zwischentöne? Gibt es wirklich nur ganz Gut und ganz Böse? Ging die Gewaltbereitschaft in Polizei und Militär wirklich so weit, blieb so gänzlich unwidersprochen?
Manchmal beschlich mich das (vielleicht völlig unberechtigte) Gefühl, dass die sehr ausführlich dargestellte sexualisierte Gewalt und der permanente Alkohol- und Drogenkonsum auch etwas mit den (literarischen?) Themen des Autors zu tun haben könnten.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben: Natürlich wird der Roman auch von einigen positiven Figuren getragen: nicht nur von den jungen Leuten des Tahir-Platzes, die ohne Gnade verfolgt und z.T. massakriert wurden, sondern auch von einzelnen Persönlichkeiten mit humanitärer Gesinnung und Zivilcourage.
Trotzdem bleibt die Botschaft klar: Fortschritt, Demokratie und Gerechtigkeit ist unter diesen gesellschaftlichen und religiösen Machtstrukturen nicht zu erwarten.
Diese Lektion mussten die „Träumer“ letztlich schmerzhaft durchleiden.
Und so bleibt – tragischer Weise – letztlich nur der archaische Weg der persönlichen Rache.
Armes Ägypten!

Das Buch verspricht eine bewegendes Leseerfahrung. An den historischen Hintergründen ist nicht zu zweifeln. Trotzdem sollte man sich klarmachen, dass hier kein neutraler Beobachter am Werke war, sondern auch ein politischer oppositioneller Aktivist.
Er macht uns sowohl mit seiner beißenden Gesellschaftsanalyse, als auch mit seiner politischen Wut bewusst, dass unsere westeuropäische und säkulare Rechtsstaatlichkeit ein unglaublich kostbares Gut ist.

„Begleiten statt verbieten“ – von Leonie LUTZ und Anika OSTHOFF

Bewertung: 4.5 von 5.

Es ist noch nicht sehr lange her, da bestanden Erziehungs-Ratgeber für das digitale Leben überwiegend aus Warnungen: vor zu viel, zu früh, zu lange. Als Risiken wurden u.a. genannt: Bewegungsmangel, Wahrnehmungs- und Koordinierungsprobleme, Überfordern der Augen, Beeinträchtigung der kindlichen Gehirnentwicklung, soziale Isolation und Gewaltbereitschaft.
Es ist ein großer Verdienst des vorliegenden Buches, sich von dieser einseitigen Betrachtung endgültig gelöst zu haben, ohne die realen Herausforderungen und Gefahren der Digital-Welt zu leugnen. Als Antwort darauf bieten die beiden Autorinnen aber zeitgemäße und kreative Lösungen an, die weit über das Beschränken und Kontrollieren hinausgehen: Sie setzen auf Information, die wiederum die Grundlage für die aktive Gestaltung eines Rahmens bilden, in dem sich Kinder und Jugendliche mit zunehmender Autonomie auch digital entfalten können.
Aber sie setzen noch einen drauf: LUTZ und OSTHOFF wollen Lust machen auf aktiv gelebte digitale Familien-Kultur und geben jede Menge Anregungen für Spaß, Kompetenzerweiterung und Alltagsnutzen.

Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen ist sind die aktuellen und zukünftigen beruflichen Anforderungen in einer Welt, deren fortschreitende Digitalisierung wohl nur durch einen totalen Zivilisations-Bruch (wie er zurzeit leider vorstellbarer geworden ist) aufzuhalten wäre. Statt sich dieser Entwicklung voller Skepsis und Widerstand entgegenzustellen, schlagen die Autorinnen die aktive (Mit-)Gestaltung vor: „Machen wir doch das Beste daraus! Seien wir vorbereitet und gewappnet (statt panisch und vermeidend)!“ (Meine Formulierung).
Der Weg dorthin ist geradezu revolutionär: Eltern werden in diesem Buch motiviert, selbst diejenigen zu sein (werden), die ihre Kinder in die Faszination der digitalen Welt einführen. So surft man sozusagen vor bzw. auf der Welle, statt ihr angestrengt und miesepetrig hinterher zu hecheln.
Der digitale Familienalltag kann aus so viel mehr als Spielen und Lernen bestehen: Das gemeinsame Erstellen von multimedialen Produktionen und Erinnerungsstücken (Foto-Sammlungen, Hörspiele, Pin-Wände, Videos, usw.).

Der Vorteil dieses offensiven Vorgehens: Es kommt erst gar nicht das Gefühl auf, dass die digitale Welt irgendwie böse oder von den Erwachsenen ungewollt ist. Noch wichtiger: Das kompetente Umgehen mit Gefahren des Internets wird als natürlicher Bestandteil des gemeinsamen Tuns erlebt (und nicht als nachträgliche, nervige Beschränkung).

Egal, ob es um Spiele, Chatten, Lernen oder Social Media geht: Es werden immer ganz konkrete Hinweise auf rechtliche Rahmenbedingungen bzw. auf Risiken und deren Eingrenzung gegeben. Da, wo kurze Anregungen (bzw. einzelne Links) nicht ausreichen, werden jede Menge Quellen für weitergehende Informationen genannt.
Natürlich werden in diesem Zusammenhang die jeweiligen Besonderheiten der bei den Kids beliebten Plattformen nachvollziehbar und differenziert beschrieben.

LUTZ und OSTHOFF lassen immer mal wieder einfließen, dass das Digitale natürlich eingebettet sein muss in eine Erfahrungswelt, in der Bewegung, Naturerleben, Ruhephasen und unmittelbare Sozialkontakte ausreichend Raum haben. Dass das in den Kreisen, in denen sich die beiden bewegen, selbstverständlich ist, wird man nicht bezweifeln.
Ob dies von allen technik-affinen Familien wirklich verinnerlicht und umgesetzt wird, muss allerdings offen bleiben.

Es gibt bei diesem Buch letztlich nur ein ABER – und für das können die Autorinnen nichts: Unbestreitbar bleibt, dass diese Form der motivierenden Aufklärung nur solche Eltern erreichen wird, die die notwendigen Voraussetzungen dafür mitbringen (Zeit, Vorbildung, materielle Ressourcen, Motivation und persönliche bzw. technische Kompetenzen).
Weil das die Autorinnen ganz sicher auch selbst wissen, werden sie nicht müde zu betonen, dass die Vermittlung von digitaler und medialer Grundkompetenzen eine Basis-Aufgabe der öffentlichen Bildung (ab der KITA-Zeit) werden muss.

Für halbwegs digital-affine Eltern stellt dieses Buch eine extrem praxisnahe Erweiterung vorhandener Haltungen und Kompetenzen dar.
Bei etwas traditionelleren (oder kritischeren) Eltern könnten die Autorinnen einen lohnenden Perspektivwechsel einleiten und damit das Verhältnis zwischen den Generationen auf Dauer entspannen. Dabei könnte z.B. helfen, dass am Ende des Textes eine umfassende Liste von Regeln vorgeschlagen werden – und zwar für Kinder, Jugendliche und Eltern. Digital-offen zu sein, heißt nämlich keineswegs, dass alles erlaubt ist.
Für Großeltern stellt dieses Buch ebenfalls eine große Chance dar: Mit dem hier dargestellten Wissen (und Verständnis) ausgestattet könnten sie als kompetente Berater oder Vermittler auftreten – und gleichzeitig dem Vorurteil entgegenwirken, dass die Älteren sowieso „raus“ sind, bei diesem Thema.

Wärmstens (und dringend) empfehlen möchte ich dieses Buch allen Fachkräften, die in pädagogischen, beraterischen oder therapeutischen Kontexten mit Kinder, Jugendlichen oder Familien zu tun haben. Der hier vermittelte Kenntnisstand sollte sich möglichst rasch als Standard etablieren.

„Projekt Zukunft“ von Dirk STEFFENS

Bewertung: 4 von 5.

Was muss ein Nachhaltigkeits-Buch im Jahre 2022 bieten, um es noch über die Wahrnehmungsschwelle zu schaffen?
Es könnte z.B. von einem namhaften Autoren stammen (was der Fall ist), es könnte ein besonderes Vermittlungskonzept verfolgen (ist auch vorhanden) oder könnte gleich eine ganze Gruppe ausgesuchter Experten/Expertinnen zu Wort kommen lassen (was natürlich auch passiert).

STEFFENS stellt diesmal zentrale Themen der Ökologie- und Nachhaltigkeitsbewegung in Dialog-Form dar: Er spricht mit jeweils einer wissenschaftlichen Koryphäe u.a. über die Themen „notleidende Weltmeere“, „Zerstörung der Böden“, „Rettung der Wälder“, „Klimawandel und Wetter“, „zukünftige Pandemien“, „moderne Sklavenwirtschaft“, „verantwortlichen Konsum“ und über die Zukunft der Spezies Menschen ganz allgemein.
Diese „Gespräche“ sind keine Kontroversen: Man ist sich über die jeweilige (katastrophale) Ausgangslage genauso einig wie über die (eigentlich) notwendigen Maßnahmen. So agiert STEFFENS eher als Stichwortgeber und Strukturierer – und eben nicht als Vertreter einer Gegenposition.
Damit das Verfolgen der Argumentation nicht am fehlenden Verständnis scheitert. werden da, wo es hilfreich erscheint, zusätzliche Sachinformationen eingespeist.

Der gewählte Aufbau lockert das Buch auf und macht es auch für solche Interessierte gut lesbar, die nicht unbedingt die Systematik eines durchstrukturierten Textes suchen. Dazu trägt natürlich auch bei, dass die interviewten Personen einen jeweils unterschiedlichen Gesprächsstil haben. So wird die Darstellung eben auch persönlicher: Sichtbar werden nicht nur die Inhalte, sondern auch die Menschen, die sich diesen jeweils leidenschaftlich verschrieben haben.
Dazu passt es auch, dass STEFFENS nicht nur nach Fakten und inhaltlichen Einschätzungen fragt, sondern auch nach dem Umgang mit der gefühlten Verantwortung und den durchlittenen Frustrationen bzw. Enttäuschungen: Denn eine Erfahrung haben alle Gesprächspartner/innen gemeinsam: Die bisherigen Reaktionen auf die massiven Herausforderungen und gravierenden Risiken bleiben hinter dem längst zur Verfügung stehenden Wissen weit zurück, sehr weit…

Man kann dem Buch kaum vorwerfen, dass es für vorinformierte Menschen wenig Neues enthält. Diese Publikation ist sicher nicht für eine Zielgruppe gemacht, deren Bücherregale schon von der Last der Nachhaltigkeits-Bücher ächzen.
Durchaus überraschend ist aber doch an einigen Stellen die Differenziertheit der Diskussion: So wird z.B. bei Gespräch über den Zusammenhang zwischen Wetter und Klima durchaus vor Pauschalisierungen und Vereinfachungen gewarnt.

Auch eine philosophischen bzw. anthropologischen Ebene berührt das Buch – wenn es am Ende um die Frage geht, wieweit die evolutions-biologische Basis des Menschen möglicherweise ein baldiges und endgültiges Scheitern unserer Spezies unvermeidlich macht.
Es tut gut, dass Hoffnung und Optimismus (als Bespiele für kulturelle Errungenschaften) ihren Platz behalten – zumindest in diesem empfehlenswerten Sachbuch.

„In 100 Tagen zu einem jüngeren Gehirn“ von Dr. Sabina Brennan

Bewertung: 4 von 5.

Man könnte etwas zurückschrecken – angesichts des etwas marktschreierischen Titels. Aber das wäre wirklich voreilig und total ungerechtfertigt.

Die Neurowissenschaftlerin und Psychologin BRENNAN hat hier einen Sachbuch-Ratgeber vorgelegt, das durch seine Informationstiefe, seine Strukturiertheit und seine Didaktik beeindruckt.

Als Leser/in erfährt man wirklich extrem viel über die Bedingungen für gute Hirnfunktionen (und deren Erhalt bis ins hohe Alter). Dabei stellt sich von Thema zu Thema deutlicher heraus: Nahezu alles, was der Allgemeingesundheit dient, ist auch gut für unser Gehirn: ausreichender Schlaf, gute Ernährung, ein „bewegtes“ Leben, soziale Einbettung, Stressresistenz, positive Einstellungen (zum Leben und zum Älterwerden) und die Früherkennung (und Bekämpfung) von Bluthochdruck und Diabetes.
Das hört sich vielleicht irgendwie banal an: Man weiß doch eigentlich schon, wie man gesünder leben könnte (und müsste)! Worin liegt dann der Mehrwert dieses Buches?

Zum einen ist es wirklich erstaunlich, mit wie viel (gut verständlichen) Fakten die Bedeutung der jeweiligen Bereiche untermauert wird. Wer es genauer – vielleicht sogar ganz genau – wissen will, wird in diesem Buch bedient. Zwar werden keine Untersuchungen zitiert (das würde dem anwendungsbezogenen Charakter dieses Ratgebers widersprechen), aber mit medizinischem und neurologischen Hintergrundwissen wird nicht gespart.

Zum anderen gibt es da noch den Schwerpunkt der strukturierten Anleitungen: Jedes Thema wird auf die konkrete Verhaltensebene heruntergebrochen, wird in beobachtbare und zählbare Häppchen aufgeteilt und in einem ganzen Wust von Listen und Tabellen zur Erfassung vorbereitet. BRENNAN ist nicht die Freundin von Allgemeinplätzen; niemand kann sich in diesem Buch hinter unspezifischen „guten Vorsätzen“ verstecken.
Wer sich auf das 100-Tage-Programm einlässt, der sieht sich mit ganz konkreten Entscheidungen und Maßnahmen konfrontiert: Wie soll mein Schlaf-Vorbereitungs-Ritual ab heute aussehen? Welche Bewegungs- und Trainingseinheiten verteile ich wie in meine Woche? Wann reduziere ich wie weit mein Rauch- und Trinkverhalten? Wie trainiere ich meine Bewertungen in eine positivere Richtung?
Was man sich genau vornimmt, bleibt dabei der eigenen Entscheidung überlassen; wenn man sich aber etwas vornimmt, dass wird es minutiös nachgehalten.

Diese „Vorzüge“ von Systematik und Strukturiertheit führen gleichzeitig auch zu dem Knackpunkt dieses Buches: Wer ist wirklich so motiviert, dass er oder sie sowohl die differenzierte Selbstanalyse, als auch die exakten Zielsetzungen und die kontinuierliche Erfassung der Einzelschritte diszipliniert durchhält? Anders gefragt: Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um von diesem Buch wirklich in echt zu profitieren?

Günstig ist es auf jeden Fall, wenn man sich gerne durch wissenschaftliche Detailinformationen überzeugen lässt, nach dem Motto: Wenn mir das jemand so genau erklärt, dann bin ich eher in der Lage, meinen „inneren Schweinehund“ zu überwinden.
Die zweite Eintrittskarte ist wohl ein Faible für Systematik: Wer das Ausfüllen von Tabellen eher als Belastung erlebt, wird mit dem 100-Tage-Programm nicht weit kommen.
Kritisch anzumerken wäre in diesem Zusammenhang, dass in einzelnen Passagen die Detailversessenheit schon fast zwanghafte Züge annimmt (z.B. bei der Erfassung unterschiedlicher Arten von Bewegungsintensitäten in verschiedenen Lebensbereichen – natürlich tagesgenau).

Unterm Strich bleibt ein mit Fakten gefülltes Buch, das gut lesbar und sehr motivierend geschrieben ist. Auch wenn man letztlich nicht jede Tabelle ausfüllen sollte, bleiben mit Sicherheit Anregungen übrig, die vielleicht den entscheidenden Rück zur (lange geplanten) Veränderung in Richtung gesundheitsbewusstes Leben geben.
Soviel kompaktes Gesundheitswissen, so viel konkrete Anleitung zur Umsetzung für so wenig Geld: Das ist wirklich kaum zu toppen!

„Trasnssexualität“ von Alice SCHWARZER und Chantal LOUIS

Bewertung: 4.5 von 5.

Ein kluges Buch zu einem brisanten Thema zur richtigen Zeit!
Damit wäre eigentlich schon alles Wesentliche gesagt…

Es gibt Momente in der gesellschaftlichen Diskussion, da gewinnt man den Eindruck, dass sich die Maßstäbe in einer verstörenden Radikalität wandeln. Selbstverständlichkeiten scheinen sich aufzulösen; logische Gewissheiten wirken wie auf den Kopf gestellt.
So ähnlich ist es in den letzten Jahren vielen Menschen mit dem Diskurs über Transsexualität gegangen: Sie sahen sich einer machtvollen Beeinflussungsdynamik ausgesetzt, die aktuell in der Vorstellung gipfelt, dass die Verbindung zwischen dem biologischen Geschlecht und der empfundenen Geschlechts-Identität vollständig in Frage gestellt werden kann.
Die alleine Definitionsmacht über das Frau- bzw. Mannsein steht – im Weltbild der Trans-Aktivist:innen – jedem Individuum nicht nur selbst zu, sondern ist auch mit dem legitimen Anspruch verbunden, dass Umgebung und Gesellschaft alle sozialen, juristischen und medizinischen Anstrengungen vollziehen, der empfunden Wirklichkeit – möglichst ohne Zögern – zu entsprechen.
In der aktuellen Diskussion um die Änderung des Transsexuellen-Gesetzes manifestiert sich dieser Kampf um die „Gleichstellung“; u.a. geht es darum, Jugendlichen ab 14 Jahren die juristische Veränderung Ihres Geschlechts so einfach wie möglich zu machen.

Dieses Buch von SCHWARZER & LOUIS ist ein geradezu perfekter Beitrag zur öffentlichen Auseinandersetzung über dieses Thema. Beim Lesen entsteht sehr schnell das wohltuende Gefühl, wieder in einer Welt zu leben, in dem ein vom Baum fallender Apfel nicht in den Himmel aufsteigt, sondern auf den Boden fällt. Es gelten Gesetze von Logik und Wissenschaft; es gibt den Wunsch, einer komplexen Materie durch differenzierte und begründete Betrachtungen gerecht zu werden. Wie erholsam!

Niemand wird den Autorinnen unterstellen können, dass sie ein konservatives Welt- und Menschenbild bewahren wollen. Im Gegenteil: Es ist gerade die engagiert feministische Perspektive, aus der heraus die Irrungen und Verwirrungen (von Teilen) der Transbewegung unübersehbar werden. Es geht den Autorinnen insbesondere um die Verteidigung von Frauenrechten gegenüber biologischen Männern, die sich als Transfrauen definieren und daraus die Zugangsberechtigung für alle (bisher) geschützten Räume ableiten.

Aber den Autorinnen liegt auch das Schicksal von jungen Menschen (mehrheitlich Mädchen) am Herzen, die in extrem steigendem Umfang ihre (z.T. alterstypischen, z.T. biografisch begründeten) inneren Konflikte rund um ihre Geschlechtsrolle durch Flucht in eine andere – oft auch biologisch/medizinisch umgesetzte – Geschlechtlichkeit zu lösen versuchen. Auf die psychischen und medizinischen Risiken wird ausführlich hingewiesen.

Kaum eine andere öffentliche Person ist im letzten halben Jahrhundert so publikumswirksam gegen die (durch männlich-dominierte Zuschreibungen entstandenen) Begrenzungen und der weiblichen Rolle in unserer Gesellschaft angegangen. Auch hierbei ging es um die Trennung zwischen biologischem Geschlecht und den realen Lebensoptionen der individuellen Menschen (in der Regel ging es um Frauen).
Man merkt dem feministischen Urgestein in diesem Buch deutlich die Erschütterung darüber an, dass aktuell die Verwandlung von Frau in Mann für viele (gerade junge Frauen) scheinbar naheliegender und „attraktiver“ geworden ist, als die Weiterführung des Kampfes gegen die Einschränkungen der weiblichen Rolle.

Die Autorinnen betrachten auch, wie es zu einem „Riss“ zwischen dem Feminismus und der modernen Trans-Bewegung kommen konnte. Sie sehen den Grund in der zunehmenden Radikalisierung eines bestimmten Teils der Trans-Szene, die jede Abweichung von ihrer „Reinen Lehre“ sofort als Verrat brandmarkten und mit ihren Vorwürfen immer häufiger einfachste Regeln von Solidarität missachteten (dabei aber selbst uneingeschränkte Solidarität einforderten).
(Erwähnt sei in diesem Zusammenhang, dass die Autorinnen natürlich davon ausgehen, dass es eine – eher kleinere – Gruppe von Menschen gibt, deren innere Not tatsächlich durch eine Transition gelöst werden kann und auch sollte).

In diesem Buch kommen eine ganze Reihe von anderen Stimmen zu Wort. Es gibt sowohl (teils schon etwas ältere) Grundsatzbetrachtungen; aber auch medizinische und psychiatrische Fachleute werden einbezogen. Das trägt dazu bei, dass dieses Buch nicht nur nicht nur die eigene Meinungsbildung fördern, sondern auch den inhaltlichen Informationsstand erweitern kann.

Die Autorinnen scheuen sich nicht, ganz konkrete Bewertungen der aktuellen politischen Diskussion vorzunehmen: Sie halten die angestrebte weitgehende Liberalisierung des Transgender-Gesetzes (insbesondere hinsichtlich der Altersgrenzen) für eine gefährliche Fehlentwicklung. Damit stellen sie sich eindeutig gegen den grün-liberalen Zeitgeist, der üblicherweise fest als Bundesgenosse für feministische Ziele eingeplant werden kann.
Hut ab!

Dieses Buch ist absolut empfehlenswert für alle, die ein wenig tiefer in die Tansgender-Materie einsteigen wollen. Wer es noch strukturierter und wissenschaftlicher haben möchte, kann jetzt das Standardwerk von Kathleen STOCK („Material Girls“) auch auf Deutsch lesen.

„Die Psychologin“ von Helene FLOOD

Bewertung: 4 von 5.

Ein vielschichtiger Roman, dessen Einordnung als „Thriller“ mir nicht so glatt heruntergeht. Die Autorin hätte wohl auch einen anregenden Text verfasst, wenn es nicht um einen Kriminalfall gehen würde. Zum Glück kommt die Story ganz ohne (grausame) Gewalt aus.
Es ist nicht gerade überraschend: Es handelt sich (wenn überhaupt) um ein „Psycho-Thriller“ (im doppelten Sinne).

Die Psychologin ist als Psychotherapeutin tätig; sie behandelt insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene. Sie tut das in Ihrer kleinen Praxis, der in ein frisch geerbtes Haus integriert wurde.
Zusammen mit ihrem Mann, einem Architekten, versucht sie, die finanziellen Voraussetzungen für die notwendige Renovierung des großen alten Hauses zu schaffen. Der damit verbundene Stress hinterlässt in der Beziehung der beiden einige Spuren.
Es dauert nicht lange bis zu dem Verbrechen, dessen Aufklärung dieser Roman beschreibt. Verraten darf man wohl, dass die erzählende Psychologin selbst in das Augenmerk der Ermittler gerät.

FLOOD nimmt insbesondere zwischenmenschliche Beziehungen unter die (psychologische) Lupe: Es geht um die Entwicklung der Beziehung und familiäre Hypotheken. Die Therapeutin lässt uns aber auch an ihrer beruflichen Rolle teilhaben und wirft dabei einen Blick auf generationstypische Problemlagen. Wie so oft gibt es innerhalb des Textes Zeitsprünge, durch die nach und nach ein differenzierteres

Das Stilmittel der Autorin ist die Introspektion, die Selbstreflexion: Die Protagonistin lässt uns tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt schauen. Dabei verliert sie im Laufe des Geschehens zunehmend die Position der analysierenden, fachlich-distanzierten Beobachterin. Wir schauen ihr bei dem zunehmenden Sicherheits- und Kontrollverlust (sozusagen von innen) zu.

Ob nun der Spannungsbogen für echte Thriller-Fans spektakulär genug, das Ende ausreichend stimmig ist, vermag ich als Laie in diesem Genre nicht zu beurteilen. Natürlich gibt es unerwartete Wendungen und ein paar dramatische Zuspitzungen. Schlecht träumen muss wohl aber wegen dieses Buches niemand.
Der Chef-Ermittler und seine etwas ambivalente Beziehung zur Psychologin schaffen noch etwas zusätzliches Krimi-Feeling.

Insgesamt ein intelligenter und tiefgründiger Krimi, den man vor allem Leser/innen empfehlen kann, denen es nicht nach Action und Gewalt gelüstet.

„Liebe in Zeiten des Hasses“ von Florian ILLIES

Bewertung: 1 von 5.

Meistens verstehe ich ja, warum ein Buch, das mich nicht anspricht, für eine bestimmte Zielgruppe anregend und wertvoll sein könnte. Bei diesem Werk kostet selbst das eine gewisse Mühe.

ILLIES – so habe ich der Ankündigung entnommen – wollte eine Art kulturelles Sittengemälde eines extrem „zerrissenen“ Jahrzehnts zeichnen, als eine Art Gegenentwurf zu den politischen Verwerfungen dieser Zeit.
Was ich einige Stunden gehört habe, waren immer wieder neue amouröse Verwicklungen einiger Hauptakteure, die auch nach fast einem Jahrhundert noch als künstlerische und literarische Avantgarde des letzten Jahrhunderts gelten: Jean-Paul Sartre, Henry Miller, F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Katia und Thomas Mann.
Teilweise lustvoll-euphorisch, manchmal eher manisch-getrieben werden von diesen Menschen und ihrem Umfeld immer wieder neue Beziehungsversuche gelebt und erlitten. Das alles passiert in einer „Kunstwelt“, die in weiten Teilen von den Alltagsnöten der normalen Bevölkerung klar abgegrenzt ist.

Gut: Ich kann nicht beurteilen, wie sich diese Paare und ihre Wechselwirkungen mit der Zeitgeschichte weiter entwickelt haben. Mir war nach vier Stunden einfach so langweilig, dass ich das Buch abbrechen musste.

Für wen könnte dieses Buch geschrieben worden sein?
Nun, es verschafft kulturbeflissenen Menschen sicher ungewohnt intime und detaillierte Einblicke in die privaten Welten ihrer Idole. Auch wer aus historischem Interesse diesen Ausschnitt der jüngeren Geschichte unter einer sehr speziellen Perspektive betrachten möchte, kann sicherlich von diesem Text profitieren.

Konkret empfehlen kann ich dieses Buch niemandem. Mir leuchtet nicht unmittelbar ein, welche wirklich relevanten Erkenntnisse man aus dem komplizierten Liebesleben einer abgehobenen kulturell-intellektuellen Klasse gewinnen könnte.

„Hybris“ von Johannes KRAUSE und Thomas TRAPPE

Bewertung: 2.5 von 5.

Als ausgewachsener Sachbuch-Fan kann ich mich kaum erinnern, einmal eine ähnlich schlechte Bewertung für ein offenbar erfolgreiches populärwissenschaftliches Buch abgegeben zu haben. Das liegt wohl daran, dass ich mich tatsächlich richtig geärgert habe.
Wie konnte es dazu kommen?

Es geht in diesem Buch um die Archäogenetik, Das ist ein recht moderner Zweig der Altertums-Forschung, der die bisherigen Methoden der Spurensuche und -auswertung um eine entscheidende Zutat bereichert hat. Seitdem das menschliche Genom entschlüsselt und serienmäßig lesbar ist, gelingt es nämlich immer häufiger, selbst jahrtausendealten Fossilien DNA-Informationen zu entlocken.
Das führt inzwischen dazu, dass mit einer unglaublichen Präzision erfasst werden kann, in welchem Umfang bestimmte genetische Anteile in der jeweiligen Probe stecken. So kann man z.B. auf das Prozent genau erkennen, wieviel „Neandertaler-DNA“ zu verschiedenen Zeiten und Orten in den Menschen steckten (wir haben heute noch ein paar Prozent in uns).
Beeindruckend ist auch, welche Aussagen selbst über die allerfrühestens Migrationsbewegungen der unterschiedlichen (Vor)Menschen-Typen möglich sind. Viel besser als früher kann man nachhalten, in welchen Etappen und auf welchen Wegen allmählich die Ausbreitung des Homo Sapiens auf unserem Planeten vonstatten ging – wer also wann und wie z.B. den amerikanischen Kontinent frühbesiedelt hat.

Das klingt doch alles total spannend! Was habe ich denn bitte da zu meckern?
Es sind zwei Dinge, die mich an diesem Buch wirklich nachhaltig stören:
Da ist einmal die verwirrende Darstellungsweise, in der man kaum einen didaktischen roten Faden erkennen kann. Am laufenden Meter werden einem immer wieder neue Jahreszahlen um die Ohren gehauen; dabei wird rücksichtlos zwischen ganz unterschiedlichen Zeiträumen hin- und hergesprungen. Zwischendurch weiß man dann manchmal gar nicht mehr, ob man sich gerade 5000, 200000 oder ein paar Millionen Jahre von der Gegenwart entfernt hat. Für jemanden, der nicht in der Materie steht, kann diese Art der Vermittlung nicht hilfreich sein. Das Ergebnis: Man ertrinkt fast in einem Meer von Fakten und Zahlen, oft ohne zu wissen, wo sich die Wasseroberfläche befindet.
(Ich gebe zu, dass möglicherweise das Medium des Hörbuches diesen Mangel noch verstärkt hat.)

Schon fast als Täuschung empfinde ich die Sache mit dem Titel! Mit dieser Anspielung auf die aktuelle Selbstüberschätzung („Hybris“) des Menschen wird der Eindruck erweckt (und so wird das Buch auch beworben), als ob die geschichtlichen Darstellungen eigentlich nur den Hintergrund dafür bilden würden, eine gegenwartsbezogene Analyse des menschlichen Scheiterns in Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen auf diesem Planeten zu vollziehen. Doch beim Warten auf diesen (vermeintlichen) Höhepunktes des Buches stellt sich irgendwann eine quälende Ungeduld ein. Wenn von den sechs Vorlese-Stunden schon deutlich über fünf vergangen sind, kann die Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation wohl nicht mehr ganz zentral werden.
Letztlich kommen sie dann, die Betrachtungen des Ist-Zustandes: Insbesondere die Pandemie, der potentielle Atom-Overkill und die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen durch den (genetisch eingebrannten?) Wachstums-Wahn erinnern – so die Autoren – schmerzhaft daran, dass wir alle nicht über der Natur stehen. Ob die Selbstausrottung durch die Potentiale der KI oder eine Flucht auf andere Planenten verhindert werden könne?

Das Ganze in drei Sätzen:
Die Verbindung von Archäologie und modernster Genetik schafft faszinierende Möglichkeiten.
Auch interessierte Laien sind durch Menge und Darstellung der Details überfordert.
Über die möglichen Schlussfolgerungen für die heutige Lage der Menschheit hätte man gerne mehr gelesen.