„Pubertät ist voll nice – nur blöd, dass wir jetzt die Eltern sind“ von Silke NEUMAYER

Bewertung: 3 von 5.

Nichts spricht dagegen, locker-leichte Bücher über die Tücken des Familienlebens zu schreiben. Humor ist eine bewährte Methode, Dinge zu verarbeiten oder zu ertragen, die man doch nicht ändern kann. Man lacht eben trotzdem – und es fühlt sich dadurch schon ein wenig erträglicher an. Das hat damit zu tun, dass Humor ein wenig Distanz zum Geschehen schafft; Abstand wiederum ist der erste Schritt hin zu einem Gefühl von Kontrolle.

Ohne Zweifel ist die Phase der Pubertät eine der größten Herausforderungen, die das Zusammenleben zweier Generationen zu bieten hat. Das gilt nicht für alle, aber doch für die Mehrzahl der Familien. Somit greift die Kommunikationswissenschaftlerin NEUMAYER, als deren inhaltliche Qualifikation „Fachfrau fürs Leben“ genannt wird, ein dankbares und ergiebiges Thema auf.

Eines leistet dieser Bericht aus dem Innenleben eines Pubertäts-Haushaltes ohne Zweifel: Es nimmt – durch amüsante Übertreibungen und witzige Anekdoten – dem stressigen Thema die verbissene Ernsthaftigkeit. Bekannte Aspekte der Teenager-Jahre (z.B. Stimmungsschwankungen, Unzuverlässigkeit, Risikobereitschaft, Handysucht und Modewahn) werden so zu unvermeidbaren Absurditäten und Verrücktheiten umdefiniert. Die Botschaft „Regt euch nicht auf, da muss man einfach durch!“ Wenn man dann in der Darstellung noch eine Schüppe drauflegt, erscheint die Realität schon fast harmlos. Und tatsächlich – wie ein Beispiel aus einer anderen Familie zeigt – es könnte ja alles noch viel schlimmer sein…

Selbst wenn man sich auf all das einlässt – und nicht mehr erwartet – gibt es doch etwas anzumerken: Es scheint in dieser Familie (die Autorin hat eine 16-jährige Tochter) absolut keine realen Grenzen für jugendliche Bedürfnisse und Vorstellungen zu geben. Ressourcen, vor allem materielle, stehen offenbar unbegrenzt zur Verfügung.
Das entspannt natürlich den ein oder anderen Konfliktbereich.

Wer in diesem Buch als Mutter oder Vater tatsächlich Hinweise oder ernsthafte Anregungen für den schwierigen Weg zwischen Begleitung, Loslassen, Aushalten, Beeinflussen und Begrenzen sucht, wird leer ausgehen. Es gibt dieses Abwägen schlichtweg nicht. Die einzige Ausnahme betrifft die Ambivalenz hinsichtlich der ersten Jungen-Übernachtung; auch diese wurde natürlich überwunden.
Pubertät ist in der Lesart von NEUMAYER eine Art Krankheit, für die es keine Behandlung gibt – schließlich wird ja bekanntermaßen das Gehirn umgebaut. Über Reste von Erziehung nachzudenken, scheint völlig abwegig zu sein. In dem gesamten Buch gibt es ein einziges Beispiel für eine versuchte Grenzsetzung; ansonsten liegt die Macht zu 100 % beim Jugendlichen. Als Rechtfertigung für diese Kapitulation wird abwechselnd die Unabänderlichkeit des Geschehens und die Erinnerung an die eigene Jugend angeführt – wobei unterschlagen wird, dass die eigenen „Eskapaden“ vermutlich gegen einen gewissen Widerstand erkämpft wurden.

Dieses Buch ist kein Ratgeber. Es ist ein amüsant geschriebener Einblick in den Alltag einer gutsituierten und liberalen Mutter, die eine offenbar ziemlich selbstbewusste und durchsetzungsfähige Tochter hat (das ist sicherlich kein Zufall).
So eine Lektüre kann ohne Zweifel gut tun. Der ein oder andere festgefahrene Konflikt kann vielleicht relativiert werden. Auf jeden Fall fühlt man sich in seinem Alltags-Wahnsinn nicht mehr alleine.
Hilfreich ist das Buch sicher für Eltern, die alles ein wenig zu verbissen sehen. Wer sowieso schon aufgegeben hat, fühlt sich möglicherweise in seiner Ohnmacht bestätigt. Ob das so positiv wäre, wage ich zu bezweifeln.

„Rawls in 60 Minuten“ von Walther ZIEGLER

Bewertung: 5 von 5.

Menschen, die sich aus philosophischen oder politischen Gründen für Gerechtigkeitstheorien interessieren, stoßen ziemlich rasch auf den Amerikaner John Rawls. Sein Buch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ ist eines der einflussreichsten Beiträge zu diesem Thema überhaupt.
Da nicht jede/r bereit ist, solche Grundlagenwerke im Original zu lesen, gibt es sog. Sekundärliteratur, die nicht nur kürzer ist, sondern oft auch Barrieren im Verständnis bzw. in der sprachlichen Zugänglichkeit abbauen. Einen solchen niederschwelligen Einstieg soll dieses Büchlein bieten.

Die geniale Grundidee von Rawls ist schnell beschrieben: Die Rahmenbedingungen für eine gerechte Gesellschaft würden sich dann – sozusagen von selbst – ergeben, wenn sie unter einer bestimmten Bedingung ausgehandelt würden: Die Beteiligten dürften nicht wissen, welche Position sie in dieser Gesellschaft selbst hätten. Dieser „Schleier der Unwissenheit“ würde verbergen, ob sie arm oder reich, gesund oder krank, männlich oder weiblich, usw. wären.
Rawls legt dann in seinem Werk sehr überzeugend dar, welche Regeln bei einem solchen Prozess (höchstwahrscheinlich) herauskommen würden: Man würde die Alternative wählen, in der für die schwächsten Mitglieder am besten gesorgt und nur solche Unterschiede in der Verteilung von Reichtum akzeptiert würden, die auch den Schwächsten zugute kämen.

ZIEGLER gelingt es sehr gut, die Komplexität des Ursprungstextes in einer Weise zu reduzieren, die sowohl ein Grundverständnis ermöglicht, als auch weitergehende Aspekte thematisiert. Indem er auch kritische Einwände auf seine Theorie anspricht, führt er über Darlegungen von Rawls sogar hinaus und fördert die Einordnung in aktuelle politische Diskussionen.

Ohne Übertreibung lässt sich wohl sagen: Ein wirklich fundierter Diskurs über eine gerechte Gesellschaft ist ohne einen Bezug zu Rawls kaum denkbar – selbst wenn man seine Theorie aus bestimmten Gründen letztlich relativieren oder zurückweisen würde.
Der Text von ZIEGLER bietet einen gut strukturierten und und didaktisch klugen Einstieg. Viel mehr politisches Weltverständnis kann man für die hier aufgewandte Zeit und das investierte Geld (8 € als EBook) kaum erwarten.
Sollte man aus anderen Quellen allerdings schon mit den Grundgedanken von Rawls vertraut sein, dann könnte sich eher der Originaltext lohnen.


„Das Leben ist einfach, wenn du verstehts, warum es so schwierig ist“ von Holger KUNTZE

Bewertung: 5 von 5.

Ein psychologisches Selbsthilfe-Buch zu schreiben, ist immer eine Herausforderung und vor allem eine Gradwanderung: Wie findet man den schmalen Weg zwischen niederschwelliger Ansprache und fachlicher Seriosität?
Um es vorweg zu sagen: KUNTZE ist da tatsächlich so etwas wie ein „großer Wurf“ gelungen.
Aber um ehrlich zu sein: Der Autor hatte es bei mir anfangs nicht ganz leicht, weil ich ich gegenüber einer psychotherapeutischen Qualifikation auf Heilpraktiker-Basis eine gewisse Skepsis habe. Bei der Beurteilung des Buches verlor dieser Aspekt aber rasch an Bedeutung.

Das Buch hat ein klares Ziel: Es soll Menschen bei der Überwindung von Krisen helfen. Der Autor stellt sich auf diese Ausgangssituation in geradezu vorbildlicher Weise ein, indem er – diese Floskel sein erlaubt – die Leser/innen dort abholt, wo sie gerade stehen.
Gefühlt 50% des gesamten Textes bestehen darin, den Leser/die Leserin motivierend einzufangen. Der Mann weiß offensichtlich, welche Hemmschwellen und Vermeidungsstrukturen krisengeschüttelte Menschen haben. Es scheint kaum ein Einwand gegen das aktive Einlassen auf die Anregungen dieses Buches denkbar, der von KUNTZE nicht gesehen, thematisiert und argumentativ entkräftet wird. Es ist ohne Zweifel eine Hauptstärke dieses Autors, die „andere Seite“ (die Bedürftigkeit, die Mutlosigkeit und den Zweifel der Betroffenen) mitzufühlen und mitzudenken.
KUNTZE wirbt unaufhörlich für sein Krisenbewältigungs-Angebot. Er ist ohne Zweifel überzeugt davon, etwas bieten zu können, was Hoffnung und Zuversicht verdient. Er versucht, fast ein persönliches Vertrauensverhältnis zu etablieren; dabei sind ihm – glücklicherweise – Guru-Allüren gänzlich fremd. Basis für das Vertrauen soll sein inhaltliches Konzept sein, für das er sowohl einen fachlich-wissenschaftlichen Hintergrund als auch seinen Erfahrungsschatz als Therapeut in die Waagschale wirft.

Woraus besteht nun das Selbsthilfe-Paket? Ist es ein Wundermittel oder alter Wein in neuen Schläuchen?
KUNTZE bietet einen roten Faden, ein Baukastensystem, das auf einer inneren Logik basiert. Das schafft schonmal eine konzeptionelle Kohärenz; der Autor will keine blinde Gefolgschaft, sondern aufgeklärte Anwender/innen, die Zusammenhänge verstehen.
Schauen wir uns die wichtigsten Bestandteile kurz an:
– Am Anfang steht so etwas wie ein Theorieteil. KUNTZE schafft einen Bezugsrahmen für die später folgenden praktischen Schritte. Im Kern erklärt er auf der Basis von evolutionären bzw. biologischen Prägungen und unter Einbeziehung der Funktionen unseres Gehirns, warum der Mensch konstitutionell dazu neigt, sich so stark auf Gefahren und Bedrohungen zu fixieren. Er macht deutlich, warum der tief verankerte „Gefahrenmodus“ so schlecht dazu geeignet ist, die Heraus- und Überforderungen unseres modernen Lebens zu bewältigen.
Hier reicht es noch aus, dem Autor lesend zu folgen; es ist die Ruhe vor dem Sturm…
– In einem zweiten Teil werden therapeutische Erkenntnisse und Interventionen eingeführt, die Eingang in den Alltag des Fühlens, Denkens und Handelns finden sollen. Hier werden keine esoterischen Heilsbotschaften oder der platte „Everything-goes-Optimismus“ der „Positiven Psychologie“ verkauft. Zurückgegriffen wird auf – locker gemischte – Bausteine, die ihre Herkunft aus modernen verhaltenstherapeutischen Ansätzen und aus den humanistischen Therapien haben.
Spannend und kreativ wird das vor allem dadurch, dass KUNTZE ein Händchen dafür hat, therapeutische Wirkfaktoren derart geschickt in verdauliche Häppchen zu verpacken, dass man kaum merkt, was man alles schon intus hat. So bietet er z.B. mal eben in einem Kästchen zehn Akut-Interventionen an oder verpackt ein weitgehendes kognitives Umsteuern in 20 harmlose Begriffspaare.
Immer geht es darum, Erstarrung und Pessimismus hinter sich zu lassen, Denkblockaden zu lösen und auf die Seite des Tuns, der Aktivität und der Möglichkeiten zu gehen.
– Der letzte Teil des Buches ist dann endgültig ein Arbeits- und Übungsbereich. Hier dient das Lesen nur noch der Vorbereitung des Tuns. Aber KUNTZE wäre nicht KUNTZE, wenn er nicht auch diesen Teil akribisch und liebevoll vorbereitet hätte. Egal, ob es um Abschied, Ressourcen, Dankbarkeit oder Werte geht – es steht immer eine extrem breite Palette von Beispielen und Alternativen zur Auswahl. Hier findet sich wirklich jede/r wieder.

Wo bleibt das Aber?
Es ist nicht zu übersehen: Natürlich ist es ein Selbsthilfe-BUCH! Alles, was hier passiert (und passieren kann) ist über das Medium Sprache vermittelt. Viele (sehr viele) Übungen beinhalten verbale Differenzierungen oder Ausdrucksformen. Man kann es kurz halten: Wem der Umgang mit Sprache nicht vertraut ist oder schwer fällt, der sollte schlichtweg andere Wege der Hilfestellung suchen.
Anzumerken (nicht zu kritisieren!) ist auch, dass der Autor keine störungsspezifischen Hilfen anbietet. Der Gegenstand seiner „Behandlung“ ist nicht eine gestörte (oder gar psychisch kranke) Person, sondern die Bewältigung von Krisensituationen – wie sie jedem Menschen im Laufe des Lebens widerfahren können (und es in der Regel auch tun).
Auch ist richtig , dass das Buch nicht alle sinnvollen und nützlichen psychologischen bzw. therapeutischen Ansätze aufzeigt oder gar nutzt. Ein solcher Anspruch könnte niemand ernsthaft erheben – und das liegt auch KUNTZE fern.

Meine Gesamtbewertung des Buches weist einen – bedeutsamen – Mangel auf: Ich habe es nur gelesen und nicht durchgearbeitet. Eine Wirksamkeit des angebotenen Weges kann ich deshalb weder bestätigen noch in Zweifel ziehen.
Bescheinigen kann ich diesem Buch jedoch einen vorbildlichen Zielgruppen-Bezug und eine sehr angenehme Form der persönlichen Ansprache und Motivierung. Mir erscheint das Vorgehen fachlich plausibel und seriös vermittelt. Es werden keine übertriebenen Erwartungen geweckt und keine Interventionen vorgeschlagen, die zu unerwünschten Nebenwirkungen führen könnten. Angenehm ist auch, dass hier kein „Trainer“ auf Tempo und Konsequenz trimmt. Selbstfürsorge wird groß geschrieben; niemand muss perfekt sein oder werden.
Ein gelungenes Buch, dem ich vielleicht doch einen anderen Titel gewünscht hätte…

„Von der Pflicht“ von Richard David PRECHT

Bewertung: 4.5 von 5.

Es gibt mit Sicherheit reißerische Titel für ein Buch über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen; es ist geradezu provozierend „altmodisch“ gewählt. Gerade deshalb bietet er eine gute Entscheidungsgrundlage hinsichtlich der Beschäftigung mit diesem Buch.
Wie seit vielen Jahren gewohnt darf sich der Medien-Star unter deutschen Philosophen auch bei diesem Statement der Aufmerksamkeit und des Verkaufserfolges sicher sein. Er braucht daher weder hinsichtlich der Vermarktung noch in Bezug auf den Inhalt große Kompromisse einzugehen. Genau das strahlt diese Publikation auch aus.

Die Covid-Pandemie ist der zentrale Ausgangspunkt für die Betrachtungen über das Verhältnis von Rechten und Pflichten zwischen den beiden „Vertragspartnern“ Bürger und Staat. PRECHT analysiert mit scharfem Blick die Gemengelage zwischen staatlicher Vorsorge und Diktatur-Panik. Vieles davon wurde im Laufe des letzten Jahres schon geschrieben und gesagt, doch der Autor fokussiert auf diesen einen Aspekt: Was darf oder muss der Staat tun und was kann oder muss der Einzelne erwarten, erdulden bzw. beitragen.

Leicht fällt PRECHT dann der Übergang von dem konkreten Pandemie-Geschehen zu einer umfassenden Analyse der zeitgeschichtlichen Trends, die – so einer seiner Grundthesen – aus dem autoritätshörigen Untertan eine Art „Kunden“ gemacht hat, der den Staat als einen Dienstleister betrachtet, dem gegenüber er keinerlei Verpflichtungen spürt bzw. akzeptiert.

PRECHT wäre nicht PRECHT, wenn seine Durchdringung der Thematik nicht eine Zusammenschau von historischen, wirtschaftlichen, juristischen und philosophischen Aspekten böte. Dabei bleibt er durchaus nicht auf der gefälligen und leicht verdaulichen Oberfläche; er mutet seinen Leser/innen vielmehr einigen Tiefgang zu.
Immer wieder lauern in dem Text pointierte Formulierungen, denen Gewicht und Erkenntnisinhalt man sich erst durch kurzes Innehalten bewusst machen muss; bei einem kurzen Querlesen (oder -hören) würde solche Köstlichkeiten verloren gehen.

Die meisten Käufer/innen dieses Buches werden soweit vorinformiert sein, dass Sie schon vorher wissen, was PRECHT am Ende vorschlägt. Seine Idee, durch zwei „Pflichtjahre“ (nach Ausbildung bzw. beim Renteneintritt) das Verhältnis von staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten wieder auf eine gedeihlichere Grundlage zu stellen, trägt er nicht zum ersten Mal vor.
Aber er legt nach: Nicht nur durch die vorangehende Analyse der Ausgangslage (s.o.), sondern auch durch eine konkretere Ausgestaltung dieses „Dienstes am Gemeinwohl“ und eine ausführliche Auseinandersetzung mit möglichen Kritikpunkten bzw. Einwänden.
Er argumentiert dabei weder besserwisserisch noch ideologisch – und lädt die Gegner seines Modells ausdrücklich ein, sich Gedanken über eine „bessere“ Alternative zu machen.

Wer sollte dieses Buch lesen (hören) und wem reicht vielleicht die Quintessenz aus Rezensionen, YouTube-Beiträgen und Talkshow-Auftritten?
Ich schlage zwei Kriterien vor: Wie groß ist das Interesse an einer vertiefenden und eingebetteten Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen? Welches Vergnügen empfindet man dabei, knackige und originelle Formulierungen serviert zu bekommen – selbst wenn die Inhalte nicht völlig neu sein sollten?

Das Hörbuch wird vom Autor selbst vorgelesen. Das ist angenehm und hat keinen Nachteil gegenüber einer Produktion mit einem professionellen Sprecher. Da PRECHT seinen Text – vielleicht weil er ihn so gut kennt – recht schnell liest, empfehle ich eine leichte Reduzierung der Wiedergabegeschwindigkeit (auf ca. 80-95%). Das hat dann auch den Vorteil, dass man nicht schon nach 03:06 Stunden durch ist…

Warum ich jetzt ein GRÜNER bin

Ich bin zum ersten mal in meinem Leben Mitglied einer Partei.
Das bedarf einer kurzen Begründung. Warum jetzt noch, in dieser eher fortgeschrittenen Lebensphase?
Politisch interessiert und (ganz gut) informiert war ich mein gesamtes erwachsenes Leben. Mit einem nächsten Schritt, des Bekenntnisses, der Zugehörigkeit oder des aktiven Engagements habe ich mich immer schwer getan. Es gab ja immer irgendetwas, was dagegen sprach. Neben den Allroundern (Zeit, Geld, Bequemlichkeit) spielte sicher auch die Frage eine Rolle, in welchem Umfang ich mich denn von einer bestimmten Gruppierung tatsächlich vertreten fühlte. Gerade in diesem Punkt bin ich mir im Moment sehr sicher.
Doch der Reihe nach:

  1. Klima und Nachhaltigkeit
    Der Schutz von Umwelt und Klima ist für mich seit einiger Zeit das zentrale Thema.
    Die Nachdrücklichkeit, wie die GRÜNEN diese Zielsetzungen verfolgen hebt sie von allen anderen Parteien deutlich ab. Die Kritik an einem „zu wenig radikalen“ Kurs halte ich für unberechtigt, solange die Forderungen deutlich über das hinausgehen, was in irgendwelchen Koalitionen umsetzbar wäre.
  2. Gesellschaftspolitische Ziele
    Mir sind die Vorstellungen von einer solidarischen und gemeinwohlorientierten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung sehr sympathisch. Auch mit dem neuen Wahlprogramm verbinde ich das Gefühl, dass ich in einer solchen Gesellschaft gerne leben würde.
  3. Politikstil / Parteiführung
    Ich finde es sehr angenehm und vertrauensbildend, dass das Führungsduo Baerbock/Habeck eine politische und kommunikative Kultur vorlebt, die im Einklang mit den gesellschaftlichen Zielen liegt. Es ist für mich ein Gegenprogramm zum ideologischen Eifer oder zur Ellbogenkonkurrenz.
  4. Außenpolitik/Europa
    Die GRÜNEN verfolgen aus meiner Sicht alle für mich wichtigen Ziele. Europäische Themen haben für sie eine hohe Wertigkeit; sie vertreten einen verantwortungsvollen Umgang mit globalen Fragestellungen (einschließlich Abrüstung und ziviler Sicherheitspolitik).

Insgesamt ist es wohl der „werteorientierte Pragmatismus“ der aktuellen Parteilinie, der mich zunehmend überzeugt hat. Ich sehe das echte Bemühen, einen Aufbruch zu wagen, der einen großen Teil von wohlmeinenden und aufgeklärten Menschen mitnehmen kann und will.

Und die Kröten?
Erstaunlich wenige! Ein paar Gender- und Antidiskriminierungsinitiativen gehen mir persönlich zu weit. Manchmal sehe ich die Gefahr, dass vor lauter Minderheitenschutz die brave und leise Mehrheitsgesellschaft ein wenig aus dem Blick gerät.
Aber auch das sehe ich bei der aktuellen Parteiführung in guten Händen.

Warum sollte ich also einer Partei, mit der ich so viel Übereinstimmung empfinde, nicht beitreten?

Mein Ziel für die Bundestagswahl: Lasst uns aus „Schwarz/Grün“ „Grün/Schwarz“ machen (oder eine andere von den GRÜNEN geführte Koalition)!

„CO2 – Welt ohne Morgen“ von Tom ROTH

Bewertung: 3 von 5.

Man wird reichlich durchgeschüttelt auf diesem kurvenreichen Parcours durch die Hintergründe eines spektakulären Falls von Öko-Terrorismus. In welchem Zustand man sich als Leser/in am Ende dieses Trips befindet, hängt wohl stark von den eigenen Ansprüchen und Erwartungen ab.

Eine recht verwickelte Story mit unerwarteten Wendungen – da kann man sich schnell des Spoilens schuldig machen. Deshalb nur ein paar Worte zum Inhalt: Eine Gruppe jugendlicher Klima-Aktivisten wird bei ihrem Aufenthalt in einem australischen Camp gekidnappt. Von den Entführern geht die eindeutige Botschaft an die Welt: Sollte es nicht zu den geforderten radikalen Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe kommen, werden im Wochenabstand alle 13 Kids vor laufenden Webcams getötet.
Natürlich ist die Welt in Aufruhr, insbesondere natürlich die Medien, die betroffenen Regierungen und die Sicherheitskräfte.

Im Fokus des Romans steht das Schicksal der 15-jährigen Hannah und ihrer Angehörigen in Deutschland; aber auch die deutsche Kanzlerin bekommt ihren Auftritt. Insbesondere Hannahs Onkel, ein bekannter Kriegsreporter, wird zum zentralen Protagonisten bei der Aufklärung des Geschehens.
Schnell stellt sich heraus: Das Ganze ist doch ziemlich verworren und komplex. Spuren führen u.a. nach Schweden und nach Uganda.

Dass der Autor versucht, den (oder die) Spannungsbogen bis zum Ende reichen zu lassen, ist bei einem Thriller sicherlich keine Überraschung; ebenso wenig die Erkenntnis, dass manchmal der Schein trügt.
Aber macht das schon ein gutes Buch aus? Und vor allem einen gelungenen Öko-Thriller?

Sicher darf man einem Thriller erstmal nicht vorwerfen, dass seine Story ziemlich konstruiert wirkt. Schließlich geht es um Unterhaltung. Für mein Empfinden leidet aber die Qualität eines Romans doch irgendwann, wenn es auf der Plausibilitätsskala mit Karacho abwärts geht. Für meinen Geschmack gibt es einfach ein paar „zufällige“ Querverbindungen und Zusammentreffen zu viel, um sie noch als dichterische Freiheit gelten zu lassen: Da ist dann die Begleiterin passender Weise auch eine Pilotin und der Böse hat ein vollgetanktes Flugzeug zur gefälligen Benutzung bereitgestellt. Und wer da mit wem alles zufällig bekannt und verwandt ist, unglaublich…
Auch mit gängigen Klischees und Emotions-Schablonen hält sich ROTH nicht gerade vornehm zurück; da beschleicht mich zwischendurch das Gefühl, eine Mustersammlung für „anrührende“ Situationen zu lesen.

Kommen wir zum Öko-Aspekt. Es werden Motive junger Menschen dargestellt, die Dramatik der Ausgangslage beschrieben und die Hintergründe der Forderungen an die Weltgemeinschaft mit Fakten hinterlegt. So weit, so öko.
Trotzdem gelingt es – meiner Meinung nach – dem Autor nicht, der Klima- und Umweltthema den ersten Platz einzuräumen. Dazu ist er zu verliebt in seine verschachtelte Story.
Natürlich darf das so sein; man darf auch einen Thriller schreiben, der vielleicht eher „zufällig“ vor dem Hintergrund des Klimawandels spielt. Mich überzeugt eher der umgekehrte Ansatz – dass man seine ökologische Botschaft in die Form eines Romans oder Thrillers packt. Beispiele dafür bieten „Der neunte Arm des Octopus„, „Klima“ oder „Das Meer„.

Insgesamt ist hat mich dieses Buch nicht wirklich erreicht. Für mich hatte die Achterbahnfahrt ein paar Kurven zu viel (aber ich steh auch nicht so auf die Fliehkraft-Extreme).

„Die Zukunft ist smart. Du auch?“ von Holger VOLLAND

Bewertung: 5 von 5.

Der Titel des Buches lässt viele Interpretationen zu. So könnte man durchaus vermuten, dass hier ein unkritischer Lobgesang auf die Segnungen der digitalen Welt angestimmt wird.
Das wäre eine grobe Fehleinschätzung!

Der Internetpionier VOLLAND schafft mit seinem Buch eine – meiner Einschätzung nach – geradezu perfekte Synthese zwischen einer pragmatischen Offenheit gegenüber der digitalen Welt und einer aufklärenden Bewusstmachung ihrer Risiken. Toll!

Der Autor nimmt sich die wesentlichen Lebensbereiche vor: das eigene Zuhause, Mobilität, Bildung, Gesundheit, Wirtschaft. Arbeitsleben, Recht und Politik. Die Breite und Tiefe der Information ist auf die Bedürfnisse des interessierten Normalbürgers ausgerichtet. Dieses Buch richtet sich weder an Technik-Verweigerer noch an Nerds; es hat das Ziel, aufgeklärte Bürger, Konsumenten und User zu hinterlassen.
Es schließt damit eine riesige Lücke – denn für die meisten Menschen über ca. 50 gab es im Rahmen der eigenen (Aus-)Bildung noch keine systematische Vorbereitung auf die wichtigste gesellschaftliche Umwälzung seit Erfindung der Dampfmaschine. Und selbst technikaffine Normales haben Mühe, mit den Innovationen der letzten 20 Jahre und ihren Konsequenzen auch nur halbwegs Schritt zu halten.

VOLLAND schafft es mit diesem Buch nichts weniger als die Grundlage für eine Art digitale Allgemeinbildung. Was hier drin steht, sollte eigentlich jede/r wissen.
Das klingt übertrieben, ist es aber nicht. Weil nahezu jede/r buchstäblich täglich mit den angesprochenen Fragen konfrontiert ist, z.B.:
– Was bedeutet es, in einer total vernetzten Welt zu leben?
– Habe ich die Chance, Kontrolle über meine Daten und damit über meine Privatheit zu behalten (bzw. zurückzuerlangen)?
– Was sind die wichtigsten Gefahren im eigenen täglichen Umfeld, was müsste eigentlich jede/r beachten?
– Warum werden noch nicht alle Chancen der Digitalisierung genutzt (z.B. in der Medizin)?
– Sind wir dauerhaft den Monopolisten des Silicon-Valleys ausgeliefert?
– Wie wird sich die Arbeitswelt bzw. die Wirtschaft entwickeln – und wie kann sich die Gesellschaft darauf vorbereiten?
– Brauchen wir endlich ein Digital-Ministerium?
– Droht uns allen die Big-Data-Überwachung nach dem Chinesischen Modell?

Der Autor schreibt locker und gut lesbar, verzichtet aber – glücklicherweise – auf eine übertriebene Anhäufung von persönlichen Anekdoten. Es ist schlichtweg eine angenehme Mischung, bei der man sich wie ein erwachsener Mensch angesprochen fühlt. Der Schwerpunkt ist Information, nicht Unterhaltung. Aber gleichzeitig handelt es nicht um ein Fachbuch, sondern um gut gemachten Sach-Journalismus.

Gibt es überhaupt eine Schwachstelle in diesem durchweg gelungen Buch?
Auf zwei Ebenen wird man wirklich ziemlich perfekt bedient: Man erhält alltagsbezogene Hinweise auf die Schwachstellen, Risiken und Einflussmöglichkeiten für sein ganz normales digitalen Leben. Und es gibt eine Menge Aufklärung hinsichtlich technischer, wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge.
Natürlich gäbe es noch eine dritte Ebene: nämlich die konkrete (technische) Anleitung für die Umsetzung der vorgeschlagenen Schutz- und Sicherungsschritte. Das würde dann bedeuten, das man ins Eingemachte gehen müsste (z.B. in die Einstellungen von Smartphone-Menüs oder Browser). Fairerweise muss man wohl zugestehen, dass dies den Rahmen eines solchen Buches sehr schnell sprengen würde – angesichts der Differenziertheit der Varianten und Versionen.

So bleibt eine wirklich guter Gesamteindruck: Hier wird ein lebenspraktisches Standardwerk vorgelegt. Digitales Grundwissen sollte inzwischen einen ähnlichen Stellenwert haben wie Basiswissen über gesunde Ernährung oder soziale Kompetenzen.
Das Buch von VOLLAND macht einen großen Schritt in diese Richtung!

„Klima“ von David KLASS

Bewertung: 4 von 5.

Umwelt- und Klimathriller werden sich wohl zu einem eigenen Genre entwickeln: Das Thema ist brandaktuell, wird uns lange Zeit erhalten bleiben und birgt jede Menge Stoff für Konflikte auf allen Ebenen – technologisch, politisch, emotional, moralisch, psychologisch.
Und die üblichen Zutaten – Spannung, Liebe, Sex, Loyalitäts- bzw. Gewissenskonflikte und Action – lassen sich immer einbauen.
KLASS kennt offensichtlich die Regeln des Thriller-Handwerks.

Der Held seiner Geschichte ist ein Öko-Terrorist mit keinem geringeren moralischen Anspruch, als die Welt vor dem ökologischen Untergang zu retten. Er ist der legendäre „Green Man“, der mit seinen Anschlägen die Welt aufrüttelt, obwohl dabei immer wieder Menschen sterben.
Die Story nimmt uns mit in die Endphase des Kampfes zwischen dem genialen Umwelt-Aktivisten und dem FBI, für den Green Man zum Staatsfeind Nr. 1 geworden ist.

Wir lernen auf der einen Seite nach und nach die persönlichen Hintergründe des Helden kennen, während die anderen Seite durch einen jungen Spezialisten personalisiert wird, der plötzlich in die vorderste Front des Sicherheitsapparates gerät.
Ab da heißt es: „Genie gegen Genie.“

KLASS bietet eine anregende Mischung aus Öko-Aufklärung, technischer Raffinesse, moralischen Dilemmata, Generationskonflikten und Beziehungsgeschichten.
Es gibt ausreichend Spannung und erfreulich wenig Gewaltschilderung.
Das ein oder andere Klischee (nach dem Motto: „das musste ja so kommen“) wird ebenfalls nicht ausgespart.

Es gibt ein ernst zu nehmendes Grundthema: Wie weit darf der Widerstand gegen die Umweltzerstörung gehen? Welche Opfer (Kollateralschäden) dürfen in Kauf genommen werden, um das ganz große Desaster doch noch abwenden zu können? Wie spektakulär müssen die Methoden sein, damit die Welt wach wird und handelt? Ist Öko-Terrorismus irgendwann nicht nur nachvollziehbar, sondern eine moralische Pflicht?
Aus meiner Sicht wird nicht restlos nachvollziehbar, dass es wirklich diese gravierenden Anschläge auf die Symbole der Umweltzerstörung sein könnten, die den entscheidenden „wake-up-call“ schaffen.

Solange es die Klima-Thriller schaffen, spannungssuchende Leser/innen auf die Thematik aufmerksam zu machen, finde ich das Ganze sinnvoll und richtig.
Dieses Buch kann ich jedenfalls empfehlen, wenn man damit leben kann, dass einiges doch ein wenig vorhersehbar und in bekannten Schemata verläuft.
Es ist solide gemacht, nicht experimentell, sondern nach den Regeln der Thriller-Kunst.

„Komisch, alles chemisch“ von Mai Thi NGUYEN-KIM“

Bewertung: 4 von 5.

Dieses Buch scheint selbst eine Art Experiment zu sein – kein chemisches, aber ein pädagogisch-psychologisches. Die Ausgangsfrage: Wie weit kann man die Schwelle senken, die „normale“ (eher junge) Menschen davon abhält, sich freiwillig mit der Wissenschaft Chemie zu befassen?
Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalisten NGUYEN-KIM stellt mit ihrem Buch einen ernsthaften Rekordversuch auf die Beine.

Die Autorin verpackt ihre „Einführung in die Chemie“ in die Darstellung ihres Alltagslebens. Man erfährt eine Menge über ihren Tagesablauf, ihre Vorlieben und ihr soziales Umfeld. All das braucht man nicht, wenn man ausschließlich an der Sache interessiert ist.
Doch es geht hier um eine Mission: Wissenschaft soll trendy werden, konkret erfahrbar im täglichen Umfeld, positiv besetzt, mit einem Wort: cool!

Abgeholt werden die Lesenden dort, wo ihnen – oft nicht bewusst – Chemie jeden Tag begegnet: bei ihren emotionalen Reaktionen, beim Handy-Akku, beim Kochen bzw. Backen, bei Kaffee und Alkohol. Die Message: „Alles ist Chemie!“
Zwischendurch verliert NGUYEN-KIM gerne mal ihre Spezialgebiert ganz aus den Augen und wirbt engagiert für das wissenschaftliche Denken und Forschen ganz allgemein.

Locker und wie selbstverständlich wechselt die Autorin zwischen den Banalitäten und Tücken der alltäglichen privaten Routinen und einer – dann doch plötzlich recht handfesten – Faktenvermittlung. Plötzlich tauchen typisch-chemische Fachbegriffe und Struktur-Zeichnungen auf; einige Grundprinzipien des Periodensystems oder z.B. des „Bindungsverhaltens“ von bestimmten Molekülen (und ihren Außenelektronen) werden erläutert. Wenn man davon profitieren will, muss man den Lese-Stil eindeutig anpassen (also abbremsen).
Aber die nächste Erholungspause ist nicht weit – und wenn es das Lästern über einen neuen Nerd-Kollegen der Freundin ist.

Man muss also wissen, was man will. Das Buch richtet sich vom Stil der Ansprache ganz eindeutig an ein junges Publikum, dem die angebotenen Motivationshilfen den Weg zum Schnuppern an der Chemie eröffnen könnten. Erwartet werden kann am Ende eher eine Einstellungsveränderung als ein echter „Grundkurs“; aber auch das wäre ja ein Erfolg.
Für etwas ältere oder gezielt an Wissensvermittlung interessierte Menschen wäre das Buch wohl eher ein Fehlkauf. Da wäre die Schwelle dann doch ein bisschen zu niedrig…

Das aktuelle Nachfolge-Buch („Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit„) geht vom Anspruch und von der Ansprache deutlich über das hier besprochene Buch hinaus.

„Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt HAIG

Bewertung: 3.5 von 5.

Matt HAIG ist ein wahrer Menschenfreund. Er schenkt uns Geschichten, die ans Herz gehen, die Mut zum Leben machen. Aber er kennt und beschreibt auch die dunklen Seiten und macht literarische Angebote, die einen Weg aus ihnen heraus zeigen könnten.
Genau dies ist das Ziel des hier besprochenen Buches.

Die Schattenseite der Protagonistin, einer jungen Frau (Nora) mit einer ziemlichen Pechsträhne, ist sehr konkret: Sie sieht keinen rechten Sinn mehr darin, weiterzuleben. Ja, im Grunde hat sie schon abgeschlossen und sich auf den Weg zu einer Art „Bilanz-Selbstmord“ zu machen.
Doch – und das ist die Fantasy-Rahmenhandlung – sie gerät in einen Transitbereich zwischen Leben und Tod. Die Mitternachtsbibliothek ist ein Ort, in der die Zeit angehalten wird und so ein Raum entsteht, in beliebig viele Alternativ-Leben zu schlüpfen. Betreut wird dieses Unterfangen durch eine weise Bibliothekarin, die dafür sorgt, dass alle gewünschten Varianten zur Verfügung stehen – denn sie kennt sich in den unendlichen Regalen mit unterschiedlichen Lebensbüchern aus. Natürlich stellt sie nicht nur technische Hilfe, sondern auch ihren Rat zur Verfügung.
Der Roman begleitet die junge Frau durch all die Leben, die sich ihr als attraktiver und lohnender als ihr „verpfuschtes“ eigenes vorkommen.

HAIG lehnt sein Gedankenspiel an ein Modell der theoretischen Physik an: Eine Reihe von klugen Köpfen hält es für wahrscheinlich, dass in einer unendlichen Zahl von Paralleluniversen jede denkbare Variante von Ereignissen und Verläufen tatsächlich stattfindet. Für die meisten Menschen ist das eine extrem unplausible Vorstellung – aber das spielt für die Metapher von der Mitternachtsbibliothek natürlich keine Rolle.

Wir begleiten also alternative Lebensgeschichten, die ganz unterschiedlich eng an das bisherige Leben von Nora angelehnt sind. Auch ist die Verweildauer in dem jeweiligen Setting verschieden lang (von Minuten bis zu gefühlten Jahren).
Dabei spielt eine Besonderheit der Konstruktion eine Rolle: Nora gerät jeweils ganz plötzlich in einen Kontext, deren Spielregeln sie gar nicht beherrscht – weil sie Personen, Orte und Vorgeschichte meist gar nicht kennt. Das schafft zwar spannende und originelle Situationen – passt aber (finde ich) nicht so gut zu dem Konzept, dass ja eigentlich die „Qualität“ der unterschiedlichen Leben verglichen werden sollen (und nicht das Beherrschen von unbekannten Konstellationen).
Egal – das ist nur ein Nebenaspekt.

Es geht HAIG natürlich um die Botschaft, um die „Moral von der Geschichte“. Einige werden an dieser Stelle schon recht konkret ahnen, worauf es hinausläuft. Ich spare mir das Spoilen. Nur soweit: Das Buch soll – natürlich – Mut zum Leben machen!

HAIG spinnt ohne Zweifel eine kreative Idee aus und bastelt daraus eine unterhaltsame Erzählung. Er setzt Humor und auch ein wenig Spannung ein, spielt gekonnt mit Emotionen. Nora, die alles andere als perfekt ist, bietet sich als Identifikations-Figur an, man kann mitfühlen und mitleiden. Und natürlich regt die Story dazu an, mal selbst die eigenen ungelebten Aspekte und Optionen durchzuspielen.
Das ist alles nett und anregend.

Die Frage ist, bis zu welchem Punkt ein gut gemeintes Buch voller Lebensweisheit und pädagogisch-therapeutischer Wegweisung noch als Bereicherung erlebt wird – und ab welcher Stelle es ein bisschen zu dick aufgetragen, zu vorhersehbar-optimistisch erlebt wird. Mir war der pädagogische Holzhammer am Ende deutlich zu stark ausgeprägt; die Botschaft wurde wirklich geradezu eingehämmert.
Ich verstehe die Motivation von HAIG, denn er hat dieses Buch sicher vorrangig für Menschen geschrieben, die sich die Frage, wie „lebenswert“ ihr Dasein ist, tatsächlich (hin und wieder) stellen. Er wollte ganz sicher sein, dass diese Menschen die Botschaft hören.

Es ist wie so oft: Die Bewertung eines Buches hängt davon ab, wer es zu welchem Zeitpunkt und in welcher Lebenssituation liest.
Für die Zielgruppe mag es ein geradezu „rettendes“ Buch sein; für den einen etwas distanzierten Leser ist es stellenweise grenzwertig.

(vom gleichen Autor: „Wie man die Zeit anhält„, „Ich und die Menschen„)