“Fast im Jenseits” von David EAGLEMAN


























Bewertung: 4 von 5.

EAGLEMAN ist ein bekannter Neurowissenschaftler, der sich sich auch mit seiner Fähigkeit, das komplexeste Organ auf auf diesem Planeten anschaulich zu erklären, einen Namen gemacht hat (“The Brain“). Hier tritt er als Literat auf und legt ein kleinen Band mit Ultra-Kurzgeschichten vor (40 auf 140 Seiten).
Es sind eher Betrachtungen als Erzählungen, psychologische und philosophische Gedankenspiele, die einen gemeinsamen Bezugspunkt haben: den Übergang vom Diesseits zum Jenseits.

Der Autor spielt virtuos mit den Perspektiven, die sich aus verschiedenen Vorstellungen von dem “Leben nach dem Tode” ergeben könnten. Dabei nimmt er gängige Bilder, religiöse Ideen und symbolische Darstellungen mit einer geradezu absurden Konsequenz wörtlich und führt uns in Welten und Zwischenwelten, in denen sich nicht nur das “Menschliche, Allzumenschliche” auch im Jenseits entfaltet, sondern sich auch die diversen Götter als hilflos, ambivalent und überfordert erweisen.

Auf diesem Hintergrund entlarvt EAGLEMAN die Vordergründigkeit unserer Motive, mit denen wir der Endgültigkeit unseres Todes zu entfliehen versuchen. In vielen kreativen und humoristischen Varianten führt er vor, als wie wenig tragfähig sich die Konzepte der ewigen paradiesischen Glückseligkeit bei genauerem Hinsehen erweisen.
Seine Schlussfolgerungen sind aber keineswegs deprimierend oder nihilistisch: Der Ausflug ins Jenseits endet durchweg mit einem sehnsuchtsvollen Rückblick in die oft so achtlos geschmähte irdische Existenz.

So ist die eigentliche Botschaft des Autors eine eindeutig weltliche: Das Glück lauert nicht in einem – wie auch immer gearteten – Paradies, sondern in der Annahme all der Beschränktheiten und Zufälligkeiten des ganz normalen Erdenlebens.

Ein sehr nachdenkliches und menschenfreundliches Büchlein, das sich angenehm aus der Masse der Erbauungsliteratur abhebt.
Ob man tatsächlich 40 Varianten der Thematik bräuchte, mag genauso offenbleiben wie das Bedürfnis, die ein oder andere Konstellationen doch etwas genauer zu ergründen.
Was man ganz sicher bekommt: 40 kurze Denkanstöße, die zum Schmunzeln und Philosophieren anregen.

“Radikal emotional” von Maren URNER

Bewertung: 4 von 5.

Die Neurowissenschaftlerin hat die Sachbuch-Bühne im Jahr 2019 mit Betrachtungen zum “Konstruktiven Journalismus” betreten; mit “Radikal emotional” legt sie ihre dritte Publikation vor.

URNER gehört zu den öffentlichkeitswirksamen Wissenschaftler/innen, die all das in Worte, Zielsetzungen und Begründungen fassen, worüber sich gutmeinende und aufgeklärte Menschen “eigentlich” sowieso einig sein müssten: Wir stehen vor dermaßen riesigen Herausforderungen bei den Themen Klima, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Konfliktlösung, Autokratie und gesellschaftlicher Machtverteilung, dass es völlig absurd erscheint, wie ahnungslos, ignorant, resignativ oder gar böswillig-egoistisch wir auf die verschiedenen Abgründe, Kipppunkte oder Zuspitzungen zusteuern.
So eindeutig – so allseits beschrieben und bekannt.

Das alles treibt die Autorin um, ganz persönlich und emotional, als Wissenschaftlerin und als Privatmensch. Ihre Konsequenz: Sie schreibt ein sehr persönliches Sachbuch über den Zusammenhang zwischen Gefühlen und Politik. Sie ist nämlich überzeugt davon, dass es weder sinnvoll, noch möglich ist, vermeintlich rationale gesellschaftliche bzw. politische Prozesse und Entscheidungen von der emotionalen Basis unseres Denkens und Handelns zu trennen. URNER ist sich auch deshalb so sicher, weil sie Fühlen und Denken ganz grundsätzlich als letztlich biologisch begründete Vorgänge in einem Gesamtsystem betrachtet.
Und weil sie ganz persönlich betroffen ist, und weil es um (ihre und unsere) Emotionen geht, schreibt sie ein sehr persönlich-emotionales Buch. Sie duzt ihre Leserschaft, spricht sie immer wieder direkt an, pflegt einen beständigen Dialog. Das tut sie auch dadurch, dass sich selbst, ihre Motive, den Schreibprozess und ihre Erfahrungen dabei fast permanent thematisiert. URNER befindet sich also fast immer sowohl auf der Inhalts-, als auch auf der Metaebene, auf der sie ihr Vorgehen erklärt, Aspekte ordnet, Anekdoten erzählt oder an die Leser/innen appelliert.

Der grundlegende Unterschied zu anderen Büchern, die zu einem Umsteuern motivieren wollen, besteht darin, dass URNER gleichzeitig die Welt und das Funktionieren der eigenen Psyche erklären will. Denn sie will ja analysieren, warum uns die so eindeutig prekäre Weltlage nicht zu gleichermaßen eindeutigem Handeln veranlasst.
URNER führt die Leser/innen in drei Stufen durch ihre Systematik:
Im ersten Teil geht es um “radikale Aufmerksamkeit”, also um die Frage, was und wie wir fühlen, worauf wir achten und welche Identität wir dabei entwickeln.
Weiter geht es mit der “radikalen Ehrlichkeit”. Was hindert uns daran, aus der einlullenden “Realitäts-Simulation” zu erwachen? Welche – letztlich evolutionär entstandenen – Denk- und Bewertungsmuster müssen erkannt und überwunden werden? Welchen toxischen Belohnungsmustern sind wir ausgesetzt? Sind wir in einer “Normalitäts-Falle” gefangen?
Im letzten Teil bringt die Autorin uns die “radikale Verbundenheit” nahe, in der wir als biologische Naturwesen unausweichlich leben und die wir als soziale bzw. gesellschaftliche Wesen brauchen, um die Zukunftsaufgaben zu bewältigen. Dabei gilt es zu erkennen, dass jede private Handlung auch einen politischen Aspekt hat und welche Rolle unser elementares Bedürfnis nach Zugehörigkeit spielt.

URNER sammelt die Bestandteile ihres Mosaiks auf einem weiten Feld von (sozial)psychologischen, biologischen und gesellschaftswissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen. Das ist anregend, manchmal wirkt es vielleicht auch ein wenig willkürlich und beliebig – so, als ob die Autorin auch wirklich alles unterbringen wollte, war einem so einfallen könnte.
Man kann sich daran stören, dass sich die Autorin tatsächlich ein wenig zu stark um sich selbst dreht: um die Entstehung des Buches, um die Auswahl und Reihenfolge von Themen, um ihre Erlebnisse bei Konferenzen und um ihre kreativen und zweifelnden Momente. Für Menschen, denen es vordringlich um Sachinhalte geht, ist das sicherlich alles “too much”.
Umgekehrt: Wem die üblichen Sachbücher zu trocken, zu dröge, zu “verkopft” daherkommen, der/die wird den vertrauten, lockeren und fast intimen Stil vielleicht zu schätzen wissen.
Etwas wirklich Neues erfährt man in diesem Buch nur dann, wenn man bisher das Studium von Nachhaltigkeits- und Psycholiteratur eher vermieden hat. Es geht hier vorrangig um die Ansprache, um die Eindringlichkeit der Vermittlung, um das Wecken von Betroffenheit.
Es ist nicht zu übersehen, dass die Autorin von ihrem speziellen Zugang zur Thematik sehr überzeugt ist; sie ist ganz offensichtlich auch stolz auf ihr Ergebnis. Auch wenn das bei einem normalen Sachbuch vielleicht ein wenig zu selbstverliebt rüberkommen könnte – bei einem Buch über Emotionen kann man da sicher mal toleranter sein…

Letztlich bleibt unterm Strich eine Empfehlung – wenn man zu der skizzierten Zielgruppe gehört. Viele Leser/innen werden sich in ihren eigenen Gefühlen und Gedanken bestätigt fühlen; auch dass kann einfach guttun und vielleicht sogar motivieren.
Warnen möchte ich allerdings vor der Hörbuchfassung: Ich beurteile normalerweise ein Buch nicht nach dem Umgang mit der sprachlichen Gender-Frage – aber die (gefühlt) Tausende von gesprochenen Gender-Doppelpunkte oder -sternchen sind auch für wohlmeinende Zuhörer kaum auszuhalten.

“Die Stimme der Kraken” von Ray NAYLER

Bewertung: 4.5 von 5.

Kraken (oder Oktopoden) sind extrem spannende Wesen. Schon seit längerem ist bekannt, dass sie zu den intelligentesten Lebewesen auf diesem Planeten gehören. Für viele Menschen ist es irritierend, dass ausgerechnet ein Tier, dass uns auf allen Ebenen so fern zu sein scheint, bemerkenswerte kognitive Leistungen vollbringen kann.
Für die Biologie und die Neurowissenschaften bieten Kraken insbesondere auch deshalb ein faszinierendes Forschungsfeld, weil ihr Nervensystem so grundsätzlich anders (dezentral) strukturiert ist, als das bei Säugetieren der Fall ist.
Darüber zu spekulieren, ob und wie es zwischen diesen so unterschiedlichen Geschöpfen eine Form von Kommunikation entstehen könnte, wäre somit sicher eine anregende Herausforderung.
NAYLER nimmt diese Challenge an und konstruiert rund um dieses Thema eine Handlung, die Anteile von Science-Fiction, Thriller, Öko-Aktivismus, Gesellschaftskritik und Wissenschafts-Sachbuch in sich vereinigt. Um es vorweg zu sagen: Diese Mischung ist ihm exzellent gelungen!

Der dominante Handlungsfaden findet auf einem abgeschiedenen Archipel statt, das einem großen Tech-Konzern gehört. Dieser ist – natürlich – im Bereich der Künstlichen Intelligenz tätig und erforscht in diesem Zusammenhang auch die besonderen Gaben der Oktopoden. Zusammen mit einer auf diesem Gebiet erfahrenen Wissenschaftlerin und einer technisch hochgerüsteten Sicherheitsbeauftragten befindet sich dort der am weitesten entwickelte Androide, ein bereits sehr menschenähnlicher Roboter. Später kommt die Leiterin des Projektes dazu, eine bekannte Forscherin und Autorin.
Der Roman beschreibt die allmähliche und von zahlreichen Erschwernissen begleitete Kontaktaufnahme zu der örtlichen Krakenpopulation.
Ein zweiter wesentlicher Schauplatz ist ein illegaler Fischtrailer, auf dem sich hochdramatische Dinge abspielen, die in der meisten Zeit keinen unmittelbaren Bezug zur Haupthandlung haben.

Bei Romanen, die sowohl einen bedeutsamen Inhaltskern haben, als auch einen spannenden Handlungsbogen bieten, stellt sich die Frage, welcher Aspekt im Vordergrund steht. In diesem Fall gewinnt ziemlich eindeutig der Inhalt. Zwar gibt es eine ganze Reihe von Zutaten, die sich dem Plot einen gewissen thrillerhaften Drive geben (dazu gehören durchaus auch Episoden mit recht gewaltvollen Schilderungen und einige überraschende Wendungen), doch spürt man als Leser/in schnell, wofür das Herz des Autors wirklich schlägt:
Es geht NAYLER um das zugleich kreativ-spielerische und tiefgründige Ausloten der Frage, welche Formen von Bewusstsein, Kommunikationsfähigkeit und Begegnung es in dem Dreieck von Mensch, KI-System und intelligentem Tier geben kann bzw. könnte. Der Autor umspielt diese spannende und existentiell bedeutsame Thematik parallel auf zwei Ebenen: Einmal durch eine fantasievolle Ausgestaltung der Romanhandlung, zum anderen – auf der Theorieebene – durch die reflektierenden Dialoge der beteiligten Figuren.

Wenn diese Betrachtungen auch hoch abstrakt und abgehoben erscheinen mögen: Die Rahmenbedingungen in der realen Welt werden von NAYLER keineswegs außer Acht gelassen; im Gegenteil! Der Autor beschreibt nicht nur die rücksichtlosen wirtschaftlichen Ausbeutungsstrukturen, in denen finanzielle Verwertungsinteressen ohne jede ökologische Verantwortung walten. Er macht auch auf die Gefahr aufmerksam, dass die Gier nach medialen Sensationen und wissenschaftlichen Durchbrüchen genau diese bisher verborgenen Schätze gefährden bzw. zerstören könnten. Und es wird ein zukunftsweisender Blick darauf geworfen, welche ethischen Fragen uns bei der Entwicklung menschenähnlicher Maschinen vermutlich bevorstehen.

So ist dieser bemerkenswerte Roman schließlich ein extrem anregender, anrührender und anklagender Apell, der uns am Beispiel der Bewusstseinsforschung bei Tieren und KI-Robotern unseren Umgang mit der uns umgebenden und von uns geschaffenen Welt widerspiegelt.
Dass diese Story auch noch unterhaltsam und spannend ist und einige Überraschungen bereithält, macht dieses Buch zu einer absoluten Empfehlung für alle, die anspruchsvolles Infotainment suchen und dabei auch die Geduld mitbringen, sich auf spekulative Details einzulassen.
Zum Vergleich: Zwischen diesem Buch und der Oktopus-Reihe von Dirk ROSSMANN tun sich literarische Welten auf.

(Für Hörbuch-Freunde steht übrigens ein zusätzlicher Genuss bereit: Der begnadete Sprecher David NATHAN liest vor!)

15.05.24 PRECHT

Es gab für mich drei Anlässe, mich mal wieder stärker mit dem wohl öffentlichkeitswirksamsten deutschen Philosophen zu befassen:
– sein neues Buch (“Das Jahrhundert der Toleranz“)
– das Gespräch bei “Hotel Matze” vom 02.06.24
– den LANZ/PRECHT-Podcast vom 14.06.24

PRECHT ist in den letzten 2-3 Jahren vom Publikumsliebling zu einer ziemlich umstrittenen Person geworden. Auch ich habe im Zusammenhang mit gewissen Corona-Aussagen, mit seiner (überzogenen) Medienkritik (“Die vierte Gewalt”), mit seinem permanenten und schädlichen GRÜNEN-Bashing und mit bestimmten Aussagen zum Ukraine-Krieg eine zunehmende Distanz empfunden. Sein aktuelles Buch hat in diesem Prozess eine Art Höhepunkt gesetzt; entsprechend kritisch hab ich es beurteilt.
Ein wenig habe ich das bedauert, weil ich damit einen bis dahin hilfreichen Bezugspunkt für meine eigenen weltanschaulichen und politischen Gedanken verloren habe.

In dem über zweistündigen Gespräch mit “MATZE” ist das Befremden über bestimmte Haltungen nicht ausgeräumt worden. Trotzdem empfand ich es als ein Gewinn, PRECHTs Bewertungen und Überzeugungen hinsichtlich der GRÜNEN, der Stellung Deutschlands in der Welt und des Umgangs mit dem Ukraine-Krieg mal im Zusammenhang mit seiner persönlichen Biografie zu einordnen zu können.
Auf “persönlicher” Ebene ist er mir tatsächlich wieder etwas näher gekommen; die ruhige und sensible Gesprächsführung von MATZE hat es der abgewogenen und sympathischen Seite von PRECHT leichter gemacht, sich gegen seine besserwisserischen Arroganz durchzusetzen.
Wer Unterstützung für die Positionen sucht, die der militärischen Stärkung gegenüber Russland etwas diplomatisch-pazifistisches entgegensetzen will, bekommt das in diesem Gespräch sicher auf einem höheren Niveau als von Wagenknecht oder der AfD.
Wer allerdings konkrete Antworten darauf sucht, wie denn die imperialistische Strategie Putins ohne eigene Stärke “eingepflegt” werden könnte, wird auch bei PRECHT eher leer ausgehen.
Auch als Alternative zum Lesen seines aktuellen Buches über Außenpolitik eignet sich dieser Podcast durchaus; man bekommt einen guten Überblick.

Der aktuelle LANZ/PRECHT-Podcast ist ein echtes Medienereignis – vorausgesetzt man interessiert sich überhaupt für diese beiden meinungsmachenden Promis.
Wer in dieses Format schonmal reingehört hat, wird sich immer wieder gewundert haben, wie die beiden zusammenfinden und -bleiben. Für mich war das nur möglich, weil LANZ oft gar nicht zu verstehen scheint, wie weit PRECHTs Ansichten von seinen entfernt sind, und weil beide bereit sind, über Differenzen immer wieder eine Decke der Beschwichtigung zu legen.
Um es gleich zu sagen: Ich empfehle diese wöchentliche Podcast-Reihe keineswegs! Zu oft findet dort ein relativ niveauloses Geplauder zweier Schlaumeier statt, mit einem sehr begrenztem Erkenntnisgewinn.
Aber: Die Folge vom 14.06. lohnt sich, ist spannend und aufschlussreich. Es geht dem Titel nach um die Europawahl, tatsächlich aber um den Klimawandel und die GRÜNEN.
PRECHT tritt dort erfrischend klar und kämpferisch auf, zeigt sich als überzeugter Kämpfer gegen Ignoranz und Relativierung gegenüber der anrollenden Klimakatastrophe.
Wer schon immer mal an der Unfähigkeit von LANZ verzweifelt ist, bestimmte Zusammenhänge wirklich in sein Denken zu integrieren, bekommt hier ein spannendes Psychogramm.
Mich hat dieses Gespräch zu folgendem Kommentar (auf YouTube) motiviert:

Hier wird endlich mal für alle offensichtlich, wie unterschiedlich die beiden in diesem Bereich ticken.
PRECHT hat eine eindeutige Analyse und redet Klartext. Super! Allerdings sollte er mal erklären, warum er seit Jahren durch sein permanentes und oft geradezu vernichtendes GRÜNEN-Bashing dazu beiträgt, deren Einflussmöglichkeiten auf die Klima- und Umweltpolitik zu schwächen. Hier nimmt er als öffentlicher Intellektueller seine Verantwortung nicht wahr – nur weil er immer noch ein bisschen schlauer und konsequenter sein will als die  – vermeintlich zu weichgespülten – Realpolitiker.
LANZ ist schlichtweg nicht in der Lage, die Dringlichkeiten zu begreifen. Sobald eine bestimmte Schwelle überschritten wird, wehrt er die notwendigen Schlussfolgerungen emotional ab: Seit Jahren nervt er mit dem Argument der “Moralisierung” – als ob es ein Makel wäre, das bestimmte Positionen (Klimaschutz) nun mal mit moralischen Zielsetzungen (lebenswerte Zukunft erhalten) übereinstimmen. LANZ will es einfach nicht wahrhaben, dass es in der Klimafrage keine zwei Seiten mit einer “neutralen” Mitte gibt, sondern jede Menge gut gesicherte Modelle, die nahezu in allen Bereichen von der Realität noch überholt werden. Obwohl er zwischendurch vernünftige Sachen sagt, kann er letztlich die Vorstellung offenbar nicht ertragen, dass die Lage wirklich so dramatisch ist und ein echtes Umsteuern erfordert. Und wenn es argumentativ eng wird, flüchtet er sich in Einzelfragen (Überschwemmungen), verwechselt Prognosen mit der Gegenwartsbeschreibung (Klima-Flüchtlinge) oder wettert zum zehnten Mal über das Moralisieren (das er mit der klaren Beschreibung einer von ihm gerne relativierten Realität gleichsetzt).
Das ist alles schwer auszuhalten…

07.06. 2024 Warum ich (trotzdem?) GRÜN wähle

Es ist nicht ganz einfach, sich in diesen Zeiten zur Wahl einer Ampel-Partei zu bekennen. Frust und Unzufriedenheit sind groß; jede/r kann Ärgernisse und Enttäuschungen nennen.
Ich werde trotzdem auch morgen nochmal zum Wahlkampfstand der GRÜNEN gehen und ein paar Flyer verteilen und Leute ansprechen. Irgendwie wäre es für mich komisch, wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nicht äußern würde.

Für mich ist zunächst einmal bedeutsam, dass die GRÜNEN klar und vorbehaltlos für ein demokratisches und soziales Europa stehen. Ich bin überzeugt davon, dass sich nur ein starkes und möglichst einiges Europa sich zwischen den großen Machtblöcken behaupten kann. Da wir uns nicht mehr blind auf den Schutz Amerikas verlassen können, müssen wir auch unserer Sicherheit europäisch organisieren.

Die GRÜNEN sind (meiner Überzeugung nach) die einzige (bedeutsame) Partei, die den Kampf gegen den Klimawandel nicht nur als Lippenbekenntnis vor sich herträgt, sondern auch bereit ist, die Transformation in nachhaltiges Wirtschaften mit konkreten Maßnahmen zu hinterlegen und damit abzusichern. Die Parteien, die auf die Kräfte des Marktes setzen und behaupten, das klimaneutrale Europa ließe sich über Deckelungen und CO2-Bepreisung erreichen, bieten eine Mogelpackung: Sie wissen ganz genau, dass es letztlich politisch nicht durchsetzbar sein wird, der Wirtschaft und den Bürgern damit verbundenen finanziellen Folgen zuzumuten.
Ohne eine starke GRÜNE-Fraktion droht der “Green-Deal” weiter zu verwässern. Der Landwirtschafts-Lobby, die sich schon viel zu weit durchgesetzt hat, muss etwas entgegengesetzt werden; nicht jede Umwelt-Auflage war/ist eine bürokratische Schikane!
Diejenigen, die den GRÜNEN zu große Kompromissbereitschaft vorwerfen, sollten sich ernsthaft fragen, ob man auf einem anderen Weg wirklich mehr erreichen könnte.

Manchmal ärgere ich mich auch über die GRÜNEN. Nicht alle ihre gesellschaftspolitischen Ideen, z.B. im (Trans-)Gender-Bereich, entsprechen genau meinen Vorstellungen. Doch damit kann ich leben.
Für mich ist letztlich bedeutsam, dass diese Partei nicht die egoistischen Interessen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe verfolgt, sondern sich für eine gemeinwohlorientierte Zukunftsgestaltung im Interesse unserer Kinder und Enkel einsetzt. Dabei gibt es meiner Meinung nach keinen Widerspruch zu wirtschaftlichen Zielen: Nur eine klimaneutrale und ressourcenschonende Wirtschaft hat Zukunft.

“Erziehung prägt Gesinnung” von Herbert Renz-Polster

Bewertung: 4 von 5.

Der Autor ist ein Kinderarzt, der sich in seinem öffentlichen Wirken als Publizist und Blogger auf den Bereich Erziehung konzentriert hat. Nicht nur, aber auch in der hier besprochenen Publikation wird schnell deutlich, dass RENZ-POLSTER mit Engagement und Leidenschaft zur Sache geht. Und er ist nicht nur ein Wissenschaftler mit einem Herz für die Bedürfnisse von Kindern, sondern ein sehr politischer Mensch, dem das Wohlergehen der Jüngsten auch deshalb so bedeutsam ist, weil es – seiner festen Überzeugung nach – den Charakter und die Zukunft unserer Gesellschaft bestimmt.

Man könnte den hier betrachteten Zusammenhang zwischen den Erfahrungen in der Kindheit und den politischen Haltungen und Einstellungen im Erwachsenenalter als “irgendwie logische” Binsenweisheit abtun. Dann hätte man es sich aus Sicht des Autors aber zu leicht gemacht.
RENZ-POLSTER will es nicht nur selbst sehr genau wissen, er will seine Erkenntnisse auch in aller Differenziertheit an die Leserschaft bringen. Daher nimmt er uns mit in das Klein-Klein der Forschungsbefunde zu Sozialisation, Erziehungsverhalten, Sozialpsychologie, Persönlichkeitseigenschaften und politischen Haltungen. Dabei berücksichtigt er sowohl klassische Befunde (oft schon Jahrzehnte alt), als auch moderne Sozialforschung.
Es geht u.a. um Ängste, um Ekelneigung, Gruppen-Ausgrenzung, Dominanz und Konkurrenz, Verachtung des Schwachen, toxische Männlichkeit, religiösen Fundamentalismus, Fake-News, Klimawandel-Leugnung, Nationalismus und Rassismus.

Der erste Aufschlag gilt dem Phänomen des Rechtspopulismus, für das exemplarisch Donald Trump steht (der während der Entstehung des Buches noch im weißen Haus sitzt), aber auch die AfD und andere europäischen Parteien. Der Autor begründet, warum seiner Meinung nach die üblichen eher soziologischen Erklärungsmuster für den Rechtsruck zu kurz greifen.
Dem Autor geht es um die innere Gesinnung, die Neigung zum Autoritarismus.

RENZ-POLSTER beobachtet in den USA erstaunlich kohärente (geografische) Zusammenhänge zwischen autoritären, strengen und gewaltvollen Erziehungsmethoden in Elternhaus und Schule auf der einen und den Wahlergebnissen, Schulabbrüchen und der Kriminalitätsrate auf der anderen Seite. Auch die Unterschiede in Ost- und Westdeutschland bringt er in den Kontext unterschiedlicher Erziehung und Sozialisation.

Dem Autor geht es darum, hinter den zahlreichen Einzelphänomenen und -befunden ein kohärentes Weltbild zu enthüllen, in dem es um Konkurrenz, Kontrolle und Macht geht – statt um Vertrauen und Empathie. Er versucht nachzuweisen, dass diese grundlegenden Haltungen sich schon in der Sichtweise von und dem Umgang mit Kindern wiederfindet: Es geht entweder um Kontrolle und Disziplin oder um Vertrauen und Bindung – oft zusammengefasst in den sog. “Erziehungsstilen”. Schon im Kleinkindalter entstehen so Modelle von Beziehung und Zusammenleben, die auf Sicherheit und Fürsorge oder eben auf Angst und Ausgeliefertsein beruhen.
So kommt RENZ-POLSTER zu dem Schluss, dass es letztlich enttäuschte kindliche Bindungshoffnungen sind, die hinter dem Autoritarismus stehen – eine tiefe Verunsicherung, die nach Halt und Selbsterhöhung gegen noch Schwächere und Fremde sucht.
In einem Parforceritt durch die Weltkulturen versucht der Autor schließlich noch, seine Grundthesen in den Besonderheiten der jeweiligen Erziehungskulturen, dem Zusammenleben und den politischen Verhältnissen wiederzufinden.
Auch wird die Frage gestreift, wie prägend bzw. determinierend das “Kindheitsgepäck” für en weiteren Lebensweg ist.

So informativ und faktenreich das alles auch ist – manchmal wird einem ein wenig schwindelig, angesichts der Kurven und Loopings die der Autor in diesem riesigen Themenraum fliegt. Der Gedanken- und Argumentationswurf ist so weit, so grundsätzlich, dass zwangsläufig alles mit allem zusammenhängt. So erscheint gelegentlich die Gliederung willkürlich und unübersichtlich, Wiederholungen lassen sich kaum vermeiden.
Nicht jedem Leser wird auch das Ausmaß und die Eindeutigkeit der politischen Ausrichtung gefallen, denen die gesamte Argumentation zugrunde liegt. Dieses Buch eignet sich schlichtweg nicht als Lektüre für eine rechts-konservative Leserschaft, weil sie höchstwahrscheinlich die Vermischung zwischen Fakten und Gesinnung kaum aushalten könnten.
Wenn man sich weder an der politischen Zielrichtung, noch an den inhaltlichen Schleifen stört, erhält man in diesem Text eine erstaunlich breitgefächerte Zusammenstellung von Befunden über die langfristigen Folgen von Kindheitserfahrungen. Auch die umfangreiche Literaturliste ist eine geradezu endlose Fundgrube für eine weitergehende Beschäftigung mit der Thematik.

“Kairos” von Jenny ERPENBECK

Bewertung: 3.5 von 5.

So ein internationaler Buchpreis macht neugierig!
Wenn die literarische Aufarbeitung innerdeutscher Zeitgeschichte sogar im englischsprachigen Ausland geehrt wird, dann muss ja wohl etwas dran sein…

Erzählt wird die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen einem verheirateten Kulturschaffenden (Hans) und einer (sehr viel) jüngeren Frau (Katharina). Nach einem furiosen Start gerät das Paar wegen einer kurzfristigen externen Liebelei der Frau in eine Dauer-Krise, die von extrem toxischen Verhaltensweisen des Betrogenen bestimmt wird, der selbst in seiner Ehe verbleibt.

Der geografische und zeitgeschichtliche Hintergrund wird durch das Endstadium der DDR gesetzt. Zahlreiche kulturelle, politische und soziale Bezüge, äußere Ereignisse und konkrete Inhalte der Handlung beziehen sich auf die Rahmenbedingungen der DDR-Endzeit.

Die beiden Hauptfiguren und der Handlungsfaden, den sich um sie bildet, sind doch ziemlich sperrig. Zunächst fällt es nicht gerade leicht, die grenzenlos-verliebte Anfangseuphorie des des bereits älteren Herren wirklich zu verstehen. Noch höhere Anforderungen an die Toleranz der Lesenden stellt die – geradezu endlose – Darstellung seiner fast sadistisch wirkenden (jedenfalls aber hochneurotischen) Bestrafungsrituale, die von Katharina in einer kaum zu ertragenden Unterwürfigkeit hingenommen werden. Kaum auszuhalten und in dieser Extremität nicht wirklich glaubwürdig.

Die Qualität dieses Romans liegt am ehesten in der Sprachkunst der Autorin und ihrer Fähigkeit, die historische Atmosphäre so geschickt mit der Handlung zu verweben, dass sie permanent spürbar wird. Leser/innen, die mit den damaligen Verhältnissen vertraut sind und die Anspielungen auf reale Personen, Institutionen und Vorgänge direkter interpretieren können, werden sicher noch einen größeren Gewinn aus dem Text ziehen können.

Empfehlenswert ist das Buch ganz sicher für literarisch und zeitgeschichtlich Interessierte. ERPENBECK hat alles andere als einen Durchschnittsroman geschrieben und man kann gut nachvollziehen, dass er in Kritikerkreisen aufgefallen ist.
Wer allerdings einen Beziehungsroman mit einer stringenten Handlung und mit psychologisch kohärenten Figuren sucht, die auch ein Identifikationspotential bieten, könnte durchaus eine gewisse Enttäuschung erleben.

“Das Jahrhundert der Toleranz” von Richard David Precht

Bewertung: 3.5 von 5.

Wenn man ein wenig mit den Meinungen des – inzwischen etwas umstrittenen – Star-Philosophen und Bestsellerautors vertraut ist, wundert man sich über den Titel seiner aktuellen Publikation: Hatte er sich nicht mehrfach kritisch bis abfällig über die “werteorientierte” Außenpolitik der Ampel geäußert – inklusive einer massiven Abwertung von Ministerin Baerbock?
Nach der Lektüre löst sich der Widerspruch teilweise auf – jedoch nicht ohne Irritationen bzw. Ratlosigkeit zu hinterlassen: Es geht ihm um eine andere Form der Wertorientierung!
Die Unterschiede zu erklären, ist die eigentliche Mission dieses Buches.

PRECHT stellt zu Beginn seines Essays (so seine Begriffswahl) klar, dass er in der aufziehenden Klimakatastrophe die bedrohlichste Herausforderung der Menschheit sieht. An verschiedenen Punkten seiner Argumentation weist er auf die damit verbundenen Prioritätensetzungen hin.
Eine weitere zentrale Rahmenbedingung wird nach Ansicht des Autors durch die geopolitische Machtverschiebung in Richtung einer multipolaren Welt gesetzt, in der insbesondere China und Indien relevante Player wurden und bleiben werden.

PRECHTs – gut nachvollziehbare – Grundgedanken sind folgende: Um die dringend notwendige globale Kooperation in den Überlebensfragen durch eine sinnvolle Diplomatie zu fördern, sei es absolut zwingend, das Ende der Vormachtstellung Amerikas anzuerkennen, auf Einmischungen in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten zu verzichten und die individuellen Interessen bzw. Entscheidungen derjenigen Staaten anzuerkennen, die sich keiner Einflusssphäre einer Großmacht zu- und unterordnen wollen.

Der Autor plädiert einerseits nicht für eine wertneutrale Interessenspolitik, macht aber auf die Notwendigkeit aufmerksam, eigene wirtschaftliche Interessen zu berücksichtigen. Es wird aber nicht ganz deutlich, wo genau die Grenze zwischen Distanzierung von Staaten mit Menschenrechtsverletzungen und einer pragmatischen und toleranten Zusammenarbeit verlaufen soll.
Für den Autor ist Doppelmoral ein großes Thema: Er wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass amerikanische Interventionen ebenfalls völkerrechtswidrig waren, ohne dass dies zu ähnlichen Protesten und Konsequenzen geführt hat wie der Angriff Russlands auf die Ukraine.

Der Autor scheint geradezu fixiert auf den Gedanken, dass eine Unterscheidung von “westlichen” Werten und universalen Menschenrechten nicht nur möglich sei, sondern die Grundlage einer neuen Wertorientierung in der Außenpolitik darstellen könnte. Er erweckt wiederholt den Eindruck, als ob das Vertreten der “westlichen” Werte grundsätzlich und andauernd in arrogant-aggressiver Form und unter Inkaufnahme von Konflikt-Eskalationen stattfinden würde.
Es wirkt doch ein wenig anmaßend, dass der Autor der aktuellen Außenpolitik pauschal (und ohne konkrete Belege) unterstellt, sie
würde nicht zwischen den Interessen Amerikas  auf der einen und Europas bzw. Deutschlands auf der anderen Seite unterscheiden,
wäre nicht bereit, die Sichtweisen und Interessenslagen z.B. des globalen Südens zu berücksichtigen,
würde die Grundfragen von Umwelt- und Klimaschutz und globaler Gerechtigkeit vernachlässigen und
hätte sich von dem Bemühen verabschiedet, diplomatisch präventiv und deeskalativ zu wirken.

PRECHT räumt zwar ein, dass sein Entwurf einer neuen Außenpolitik weder den Ukraine- noch den  Nahostkonflikt lösen könnte, erweckt aber permanent den Eindruck, als ob schwerpunktmäßig der Westen verantwortlich dafür sei, dass wir nicht in einer besseren und friedlicheren Welt leben.
In dieser PRECHT-Weltsicht kommen weder Islamismus und der darauf fußende Terrorismus, noch die seit Jahrzehnten offen dargelegten imperialistischen Perspektiven einer Wiederherstellung eines russischen Großreiches vor.

Scheinbar grenzenloses Verständnis hat PRECHT dafür, dass unabhängige Staaten sich im Sinne eines “Rosinenpickens” die Vorteile verschiedener Systeme zusammensuchen – ohne auch nur eine Spur von Werteorientierung aufzubringen. Überhaupt: Der Westen scheint die einzige Instanz zu sein, dessen Handlungen nach moralischen Maßstäben beurteilt werden kann und muss. So wird es z.B. China offenbar hoch angerechnet, dass es eine Politik der Nichteinmischung vollzieht – ohne einmal zu erwägen, dass es auch mit seinem Gesellschaftsmodell wenig zu bieten hätte. Ob die Anrainer Chinas tatsächlich bestätigen würden, dass von ihrem großen Nachbarn keine Bedrohung ausgeht, darf ebenfalls bezweifelt werden.

Auch wenn dem Autor es auch in dieser Publikation gelingt, flüssig und gut verständlich zu schreiben und einige bemerkenswerte kreativ-polemische Formulierungen zu generieren, kann er von der inhaltlichen Stringenz nicht wirklich überzeugen.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass hier kein fruchtbarer Diskurs über außenpolitische Perspektiven eröffnet wird, sondern PRECHT aus der Position eines – zur Selbstgewissheit und Arroganz neigenden – Besserwissers die letztgültige Wahrheit verkündet.
Dass der Autor dabei die herausragende Bedeutung der Bewältigung der Klimafrage betont, friedliche und präventive Konfliktlösungen anstrebt und sich an humanistischen Grundwerten bzw. Gerechtigkeitszielen orientiert, ist gewiss erfreulich. Befremdlich ist allerdings der immer wieder erweckte Eindruck, die aktuelle Außenpolitik und ihre Akteure benötigten dringend diesen Appell, um sich nicht blind, ahnungslos und wutschnaubend im internationalen Labyrinth herumzuirren.
Die geforderte stärkere Toleranz und eine verbale Mäßigung gegenüber anderen Gesellschaftsmodellen sind sicherlich kein schlechten Empfehlungen. Ein wenig Differenzierung, Relativierung und sprachliche Abrüstung täte aber auch dem Autor selbst gut!

“Logik” von Wesley C. SALMON

Bewertung: 4.5 von 5.

Es muss schon einiges passieren, bevor ich mich einem 50 Jahre alten Sachbuch zuwende.
In diesem Falle ist dieser Umstand schnell erklärt: Es geht um das wahrlich zeitlose Thema “Logik”. Hier kommt es ganz sicher nicht auf die Aktualität an, sondern auf die didaktischen Kompetenzen bei der Darstellung. Und auf das Preis-/Leistungsverhältnis – das bei einem Reclam-Büchlein fast immer unübertreffbar ist.

Auf fast 300 Seiten breitet der amerikanische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker die Grundzüge der Logik aus. Damit bewegt er sich in einer Range, die zwischen einer oberflächlichen Schnupper-Einführung und einem wissenschaftlichen Lehrbuch liegt; er spricht also ernsthaft interessierte Laien an, die sich nicht gleich für Wochen von der realen Welt verabschieden wollen.

In der Regel macht man sich über die Disziplin der Logik nicht viel Gedanken: Man findet logisches Denken und Argumentieren wichtig, weiß ein wenig um ihren Zusammenhang mit Mathematik und Sprache – und wäre doch vermutlich schnell überfordert, wenn man aus dem Stehgreif mal ein fünfminütigen Logik-Vortrag halten müsste.
Logik ist irgendwie immer dabei, und doch nie so richtig präsent.

Genau das verändert SALMON mit seinem Buch. Schnell wird den Lesenden klar, wie die Grundprinzipien der Logik unser Denken, unsere Alltagssprache, unsere Diskussionen und speziell den Bereich der Wissenschaft geradezu pausenlos durchdringen.
SALMON macht die Regeln, die dabei meist implizit angewendet werden, explizit. Man könnte auch sagen: Er seziert mit analytischer Sorgfalt die formalen Strukturen, die hinter Prämissen, Behauptungen, Begründungen und Schlussfolgerungen jeglicher Art stecken. Dazu befreit er abgeleitete Schlussfolgerungen von ihrem Inhalt und macht deutlich, dass sich ihre Richtigkeit allein aus der korrekten Anwendung formaler Regeln ergibt. Und weil man von dem Inhalt abstrahieren kann, lassen sich logische Regeln auch – ähnlich wie die Mathematik – in Formeln darstellen.
Konsequent weiterverfolgt ergeben sich so recht komplexe Beweise, Wahrheitstafeln und Diagramme.

Nach einer kurzen allgemeinen Einführung teilt sich der Text in die beiden Teilbereiche “Deduktion” (wo sich die Gültigkeit der Schlussfolgerungen sicher aus der Wahrheit der Prämissen ableiten lässt) und “Induktion” (wo nur nur Wahrscheinlichkeits-Aussagen gemacht werden können). Aus den Prämissen “Jedes Säugetier hat ein Herz” und “Alle Pferde sind Säugetiere” lässt sich deduktiv schließen, dass jedes Pferd ein Herz hat.
Aus der Prämisse “Jedes bisher beobachtbare Pferd hatte ein Herz” lässt sich induktiv schließen, dass jedes Pferd ein Herz hat. Im zweiten Falle geht es also vor allem um den Umgang mit wissenschaftlichen Hypothesen.

Natürlich bleibt es nicht bei solch übersichtlichen Aussagge-Strukturen. Dem Autor gelingt es aber trotzdem in vorbildlicher Weise, sowohl im Bereich des “gesunden Menschenverstandes” verhaftet zu bleiben (durch den konsequenten Einsatz von Alltagsbeispielen), als auch die grauen Zellen ordentlich zum Glühen zu bringen.
Man muss sich beim Lesen dieses Buches tatsächlich irgendwann entscheiden: Geht es um Orientierung und einen vertieften Eindruck oder will man wirklich einsteigen und jede Aussage bzw. Formel gedanklich durchdringen. Im zweiten Falle wird der sympathisch locker geschriebene Text sehr schnell zu eine. herausfordernden Arbeitslektüre.
Das Schöne ist: Beide Wege schaffen eine lohnendes Leseerlebnis; man kann auch sehr gut zunächst den ersten Weg wählen, um dann zu entscheiden, ob man die harte Tour braucht bzw. möchte.

In einem letzten, kürzeren Kapitel widmet sich SALMON der (engen) Verbindung zwischen Sprache und Logik. Wir erfahren etwas über “Objektsprache” und “Metasprache”, den unterschiedlichen Charakter von “Definitionen” und “analytische”, “synthetische” und “kontradiktorische” Aussagen.
Diesem Kapitel merkt man an, dass es eher als eine (notwendig erachtete) Ergänzung des Hauptteiles dient; dem Anspruch eines eigenständigen und abgerundeten Themenbereich kann es nicht gerecht werden.

Insgesamt legt der Logiker SALMON ein sehr logisch aufgebautes Buch über Logik vor – wer wollte da meckern?!

09.05.2024 GRÜNEN-Bashing als Volkssport

Ich kann es kaum noch ertragen, dass Vertreter der GRÜNEN in jeder Talkshow mit dem Vorwurf konfrontiert werden, sie würden die Menschen überfordern und gängeln (zuletzt wieder am 08.05. bei Maischberger). Es ist eine Stimmung entstanden, in dem jeder Versuch, die – angeblich allseits akzeptierten – Klimaziele in praktische Politik umzusetzen, als willkürliche Schikane diffamiert wird.
Ich ärgere mich inzwischen nicht nur über die dreisten Anschuldigungen, sondern auch über die defensiven Reaktionen darauf. Manchmal hört es sich so an, als ob sie selbst nicht mehr daran glauben würden, dass lang erkämpfte Maßnahmen oder Auflagen absolut richtig und notwendig sind (auch in der Landwirtschaft). Als ob sie sich dafür entschuldigen müssten, dass sie die einzigen sind, die sich ernsthaft damit befassen, dass Nachhaltigkeit auch in reale Politik umgesetzt wird.
In dieser Sendung, in der es um die aktuellen Gewalttaten gegenüber politischen Mandatsträgern ging, hat Aiwanger mehrfach die AfD und die GRÜNEN als zwei Pole von “Extremismus” genannt. Soweit ist es gekommen! Angeblich kritische Journalistinnen lassen das durchgehen…