Zwei Tage später

Unfassbar: Nach einem wirklich eindrücklichen heute-journal findet ein eine Talk-Runde statt, in der das Klima-Thema auf einmal unangefochten die Nummer 1 ist. Der Anlass: Extrem-Wetter im Westen von Deutschland!
Natürlich war das nicht meine Hoffnung, als ich vor zwei Tagen über die „fehlenden“ lokalen Extrem-Ereignisse und die Auswirkung auf den Wahlkampf fabuliert habe. Es ist schockierend, wie schnell sich das verändern kann.

Man kann gespannt sein!

Wetter-Extreme am falschen Ort?

Es hat fast etwas Tragisches: Zwar weisen die aktuellen Hitzerekorde im westlichen Nordamerika (49,5 Grad) und in Finnland (33,5 Grad) in einer nie gekannten Eindeutigkeit auf die katastrophalen Auswirkungen der menschengemachten Klimaveränderung – aber ausgerechnet im Wahlkampfland Deutschland dämpft der insgesamt gemäßigte Sommer die Klima-Diskussion deutlich.

Das ist keine Nebensache: Man stelle sich nur einmal kurz vor, welche Bedeutung die Baerbock-Verfehlungen wohl hätten, wenn auch unser Land gerade mit einer Hitze- und Trockenheitsphase zu kämpfen hätte, wenn die Todeszahlen von Hitzeopfern die Corona-Toten längst in den Schatten gestellt hätten. Und wie anders dann mit dem halbherzigen Rumgedruckse der angeblich so klimabewussten anderen Parteien öffentlich umgegangen würde.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Natürlich wünsche ich mir so eine Lage – und die damit verbundenen Risiken – nicht herbei. Aber es macht schon traurig, wütend und ein Stück fassungslos, dass die Zufälligkeiten der diesjährigen globalen Wetter-Entwicklung letztlich darüber entscheiden, in welchem Ausmaß in den nächsten – extrem bedeutsamen – vier Jahren die überfällige Umsteuerung erfolgt.

Pech für die GRÜNEN? Nein: Pech für uns alle!

Jede/r weiß, dass die globale Bedeutung der Klima-Politik in Deutschland weit über den eigenen Anteil am CO2-Austausch (2%) hinausgeht. Der „Ruck“, der von beherzten und konsequenten Entscheidungen bei Energie, Verkehr, Landwirtschaft und Produktion ausgehen würde, wäre weltweit zu spüren.

Es hängt also tatsächlich etwas ab, von der Wahl im September. Sollte aus der angeheizten Anti-Baerbock-Kampagne am Ende das schlechteste Szenario entstehen – eine Regierungsbildung ganz ohne Beteiligung der GRÜNEN – dann wäre das für den Kampf gegen den Klimawandel ein massiver Rückschlag. Es geht also um mehr als um die Befindlichkeiten der GRÜNEN-Anhänger.

Wir sind spät dran! Auch wenn wir gerade keine 40 Grad haben und die Klima-Katastrophe nur am Bildschirm erleben!

„Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel KAHNEMANN

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieses Buch aus dem Jahre 2012 hat inzwischen einige Berühmtheit erworben; es wird sowohl im Bereiche der Psychologie als auch in der Wirtschaftswissenschaft zu den Standardwerken gezählt und ist sicherlich in hunderten anderer Publikationen zitiert worden. Weil ich immer wieder darauf gestoßen bin, wollte ich es schließlich doch einmal im (deutschen) Original lesen.
Es war eine gemischte Erfahrung…

Fangen wir mal mit dem Stil an: In bester amerikanischer Lehrbuch-Tradition (KAHNAMANN stammt ursprünglich aus Israel) schreibt der Autor in einer eindringlicher und redundanten Klarheit, der man sich kaum entziehen kann. Wenn er von den (zahlreichen) Experimenten berichtet, kann man sicher sein, dass die Schilderungen von Erläuterungen eingerahmt werden, die den roten Faden nie aus dem Auge lassen.
Doch seine Didaktik geht darüber deutlich hinaus: Wo immer möglich lädt der Autor seine Leser/innen zum aktiven Mitmachen ein: Er stellt ihnen genau die typische Wahrnehmung- und Entscheidungsfragen, die zur Entwicklung seiner Erkenntnisse geführt haben. So kann man sich selbst dabei „erwischen“, wie schnell bestimmte Verzerrungen oder Fehlschlüsse entstehen. Das ist extrem motivierend und lehrreich.

Inhaltlich teilt sich dieses „populärwissenschaftliche Fachbuch“ (so würde ich es nennen) in zwei Teile auf, die bei mir einen total unterschiedlichen Eindruck hinterlassen haben.

Die erste Hälfte des Buches hat eine stark psychologische Orientierung. Hier geht es um grundlegende Prozesse bei der Wahrnehmung, bei der Erfassung von (z.B. sozialen) Problemstellungen und bei der Entwicklung von Lösungen. Im Zentrum steht dabei die (titelgebende) Unterscheidung von zwei Denksystemen, deren Funktionsweisen und Auswirkungen sich dann durch das ganze Buch ziehen.
Grob gesagt, gibt es ein schnelles und automatisiertes Wahrnehmung- und Urteilssystem, das Routinesituationen sparsam und lautlos im Hintergrund bewältigt („schnelles Denken“) – und ein eine zweite Ebene, in der wir bewusst unsere Aufmerksamkeit zentrieren, abwägen und stärker der Logik verpflichtet sind („langsames Denken“). Beide Systeme sind hochwirksam, haben aber auch ihre Schwächen: Das System I ist anfällig für (unbewusste) Fehlerquellen bzw. Verzerrungstendenzen und hat Schwierigkeiten, statistische Zusammenhänge zu beurteilen, das System II ist zwar gründlicher und kritischer, benötigt aber sehr viel Ressourcen (Energie) und wäre in vielen akut bedrohlichen Situationen zu langsam.
KAHNEMANN untersucht die Charakteristika dieser beiden Reaktionssysteme und ihr Zusammenspiel in aller Gründlichkeit und deckt dabei zahlreiche „Fallen“ auf, die typischerweise unsere Schlussfolgerungen und Bewertungen beeinflussen. So bestimmt z.B. die Reihenfolge von Eigenschaftsbegriffen die Gesamtbewertung einer Person; wir beachten oft unwichtige Details deshalb viel zu stark, weil sie unser Bedürfnis nach einer stimmigen „Geschichte“ erfüllen; je nach der Gestaltung einer vorhergehenden Situation kommen wir zu deutlich anderen Urteilen (natürlich, ohne dass uns der Zusammenhang bewusst ist).
Das alles ist spannend und unterhaltsam – und könnte eigentlich immer so weiter gehen…

Dann kommt der zweite Teil: Hier meldet sich Wirtschaftswissenschaftler zu Wort und wendet sich Entscheidungsprozessen zu, in denen in der Regel darum geht, zwischen zwei alternativen Konstellationen zu wählen. Das Ziel dabei ist eine Optimierung des materiellen (finanziellen) Gewinns.
Ziel dieser ganzen (jahrzehntelangen) Forschung ist der Nachweis, dass der Mensch – entgegen der Traditionellen Wirtschaftslehre – kein „Homo Oekonomicus“ ist, also keine streng rationalen wirtschaftlichen Entscheidungen trifft. Auch hier schlagen systematische Fehler (z.B. bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten) zu.
Ich bitte diesen Ausbruch von ungefilterten Subjektivität zu entschuldigen: Ich fand diese ganze Thematik unendlich langweilig! Man muss schon ein sehr „wirtschaftsnaher“ Mensch sein, um diese immer wieder ähnlichen Fragestellungen („Welche Kombination von Wahrscheinlichkeit und Gewinnhöhe ist lohnender?“) irgendwie attraktiv zu finden.

Zusammenfassend bleibt aus meiner Sicht festzuhalten, dass sich nur die erste Hälfte des Buches zu lesen lohnt – es sei denn, man studiert gerade Wirtschaftswissenschaften.
Vermutlich bleibt es aber ein bleibendes Verdienst von KAHNEMANN und seinen (männlichen und weiblichen) Mitarbeitern, die Psychologie in die Wirtschaftslehre eingebracht zu haben. Dass er darauf stolz ist, lässt sich kaum übersehen…

Mit dem aktuellen Buch „Noise“ hat der Autor die Untersuchung von Entscheidungsfehlern (vor allen Dingen in Institutionen) weiter systematisiert.

„The Hidden Spring“ von Mark SOLMS

Bewertung: 5 von 5.

Das Lesen dieses Buches markiert einen weiteren Schritt auf meinem Weg, die Zusammenhänge zwischen dem Gehirn (als Teil der physikalisch-materiellen Natur) und dem (Ich-)Bewusstsein (als Basis des menschlichen Selbsterlebens) zu ergründen und die – vermeintliche – Lücke zwischen beiden zu schließen. Vorausgegangen war die Beschäftigung mit EAGLEMAN („The Brain“, „Livewired“ ). METZINGER („Der Ego-Tunnel“), KOCH („Bewusstsein“ ) , DENETT („Von den Bakterien zu Bach – und zurück“) und ROTH („Über den Menschen“).
Das Thema ist nicht nur wissenschaftlich reizvoll, sondern von grundsätzlicher Bedeutung für philosophische Betrachtungen über die Welt und den Platz des Menschen darin.

Wie man aus der Auswahl der Autoren (wirklich alles Männer) erschließen kann, setzt eine angemessene Auseinandersetzung mit einem der „letzten ungelösten Rätseln“ des Menschseins einen fächerübergreifenden Zugang voraus; ein Teil der Kompetenz liegt dabei zwangsläufig im Bereich der Hirnforschung/Neurowissenschaft.
Bei SOLMS ist das zweite Standbein nicht die Philosophie, sondern die Psychoanalyse. Ein Teil seiner Motivation, sich dem o.g. Forschungsgegenstand in dieser Totalität zu verschreiben, war die frühe Überzeugung, dass FREUD in seinen frühen neurologischen Studien (aber auch mit einigen seiner theoretischen Konzepten) bereits sehr weitsichtige Grunderkenntnisse erworben und formuliert hat. Das Bestreben, psychoanalytische (FREUDsche) Thesen neurologisch zu untermauern, beeinflusst aber in keiner Weise den (eindeutig naturwissenschaftlichen) Charakter dieses Buches. Für ihn ist jedoch eine Bewusstseinsforschung ohne die Einbeziehung der psychologischen Erlebnisqualitäten völlig unakzeptabel.

SOLMS legt – in didaktisch absolut überzeugenden Form – ein Gesamtkonzept über die neurologische Grundlagen des Bewusstseins vor. Er tut dies in kleinen, logisch aufeinander aufbauenden Schritten, setzt dabei nicht nur auf Labor-Experimente, sondern findet immer wieder hilfreiche Analogien aus dem Alltag und gibt Anregungen für eigene kleine „Erfahrungsübungen“.
Auch wenn es an einigen Stellen wissenschaftlich-theoretisch echt in die Tiefe geht (bis zu gelegentlich auftauchenden Formeln), wird man als Leser/in doch sofort wieder mitgenommen. SOLMS unterlässt es an keinem Punkt, seine Schlussfolgerunen (meistens mehrfach) in Alltagssprache zu übersetzen. Hier hilft Redundanz tatsächlich (insbesondere, wenn man das Buch nicht in seiner Muttersprache liest).

Die Kernthesen von SOLMS lassen sich vielleicht so zusammenfassen:
– Die Quelle des Bewusstseins wurde fälschlicher Weise immer im Denken (bei den Kognitionen) gesucht; sie liegt aber in den Gefühlen. („Man kann zwar kognitive Leistungen ohne Bewusstheit vollziehen – das machen wir andauernd – man kann über nicht „fühlen ohne sich zu fühlen“).
– Damit einher geht eine zweite „Revolution“ der Hirnforschung (meine Formulierung): Der Sitz des Bewusstseins ist nicht der Kortex (das Großhirn), sondern eine spezifische Region im Hirnstamm (natürlich wird das – wie alles andere – sorgfältig begründet und nachgewisesen).
– Vorläufer des Bewusstseins sind Empfindungen, die durch Abweichungen von überlebenswichtigen „Sollwerten“ (z.B. der Körpertemperatur) zustandekommen. Aus den grundlegenden (automatisierten) Regelkreisen entwickeln sich bei komplexeren selbstorganisierten Systemen Steuerungsmechanismen auf höheren Ebenen, die den Abweichungen eine Wertung geben (eine „emotionale Valenz“). Eine wichtige Rolle dabei spielt auch die Regulation des Aktivitätslevels des Gehirns („arousel“).
– Werden die Anforderungen in einer komplexen und instabilen Umwelt dann größer, entwickeln sich bestimmte Grundgefühle (sieben werden genannt), die nur durch ihren bewussten Charakter (und ihr ausgefeiltes Zusammenspiel mit Wahrnehmung und Motorik) das Überleben sichern helfen können.
– Kognitive Leistungen (bis hin zum abstrakten, sprachgebundenen Denken) bauen letztlich auf diesen Grundfunktionen auf. Dabei gilt für alle Ebenen: Das Bewusstsein ist „faul“ (besser gesagt: es muss Ressourcen schonen); es tritt erst in Aktion, wenn die automatisierten Regelkreise die notwendigen Bedingungen nicht mehr herstellen können.
– Die Grundsatzfrage („Wie und warum trat das Bewusstsein in die physikalische Welt?“) hält SOLMS für beantwortet. Den ultimativen Beweis für seine Sichtweise sähe er darin, auf der Grundlage der beschriebenen Funktionen ein nicht-organisches selbstregulierendes System zu schaffen, das dann – weil es ja um Gesetzmäßigkeiten und nicht um Spekulationen handelt – auch ein Bewusstsein entwickeln müsste. (Natürlich denkt der Autor bereits über die ethischen Implikationen nach).

Der Autor würde vermutlich angesichts dieser Verkürzung einen emotionalen Ausbruch bekommen (der ihm mit Sicherheit bewusst wäre). Es sollte hier nur um die ganz grobe Richtung gehen.
Das Buch ist hochkomplex (und gleichzeitig gradlinig) und setzt sich immer wieder auch mit anderen Forschern und abweichenden Sichtweisen auseinander. Es gibt offenbar keine kritische Frage, die sich SOLMS nicht selber stellt.
Soviel steht fest: SOLMS ist kein Spinner oder ein Zukunftsguru. Er betreibt mit seinem Team knallharte Wissenschaft an der vordersten Forschungs-Front.

Im Vergleich zu den oben genannten Vorläufern ist SOLMS einen entschiedenen Schritt weitergegangen: Er beschreibt nicht die messbaren Korrelate von Bewusstseinszuständen (was schon längere Zeit möglich ist), sondern er liefert eine inhaltliche Begründung und Erklärung dafür, warum es in hochkomplexen Systemen (unter bestimmten Bedingungen) zwangsläufig zu Bewusstseinsprozessen kommen muss.
Ich halte dieses Buch für eine Meisterleistung und hoffe darauf, dass es auch auf Deutsch erscheint.



Kleine „Verrücktheiten“ am Rande

Ich hatte ja versprochen, dass meine Begleitung des GRÜNEN Wahlkampfes auch kritische Anmerkungen nicht aussparen würde. Diesmal geht es um eine Erfahrung auf meiner ersten (digitalen) Mitgliederversammlung.

Erstmal hat mich beeindruckt, wie engagiert die lokalen Parteivertreter an einem Freitagnachmittag (vor Ferienbeginn) bei der Sache sind, wie freundlich und zugewandt der Umgang ist und wie ernst auch die formalen Regeln genommen werden. Natürlich herrscht auch eine digitale Professionalität. Das Ergebnis: Abends gegen 22 Uhr waren noch ca. 60 Parteimitglieder online!

Gewöhnt habe ich mich inzwischen daran, dass Wortbeiträge immer paritätisch (abwechselnd) erfolgen müssen; eine Frau fängt immer an.
Aber es passieren auch Dinge, die für mir die Grenzen des „Gutgemeinten“ eindeutig überschreiten – und ins „ungewollt Absurde“ abgleiten: Wenn nämlich keine Wortmeldung einer Frau vorliegt, wird die Versammlung erst gefragt, ob es – unter diesen Vorzeichen – in Ordnung ist, dass (nur) eine (oder mehrere) männliche Stimmen gehört werden. Man könnte dem also offensichtlich widersprechen!

Gemildert wurde dieser etwas „fundamentalistische“ Eindruck dann dadurch, dass es bei einer „Kampfabstimmung“ möglich war, dass sich ein Bewerber ohne Migrationshintergrund gegen zwei Bewerber mit persönlicher Migrationsgeschichte durchsetzen konnte (offensichtlich gab es also keinen reflexartigen Automatismus).

Um es mal neutral auszudrücken: Die feministische Geschichte der GRÜNEN hat sich tief in die Grundstrukturen eingegraben. Ich will das gar nicht kritisieren; es lässt Neulinge nur manchmal stutzen….

„Jetzt“ von Annalena BAERBOCK

Bewertung: 4 von 5.

Robert Habeck hat vorgelegt („Von hier an anders“), die Kanzlerkandidatin zieht „Jetzt“ nach. Es wundert nicht, dass sich Themen und Positionen in großem Umfang überschneiden. Es sind weitgehend die gleichen Inhalte und der gleiche Politikstil, die hier dargeboten werden – wie könnte es anders sein bei einem teamorientierten Führungs-Duo.
Habecks Stil ist ein wenig breiter aufgestellt; das liegt insbesondere daran, dass er auch soziologische (bzw. allgemein theoretische) Betrachtungen einbezieht und über seine konkrete Regierungserfahrung als Landesminister berichtet.
Aber hier geht es jetzt um BAERBOCK.

Das Ziel des Buches ist es wohl, eine stimmige Verbindung zwischen dem (noch recht kurzen) Lebenslauf der Autorin und dem politischen Programm der GRÜNEN herzustellen. So soll deutlich werden, dass die Parteiziele auch das ureigenste persönliche Anliegen der ersten GRÜNEN Kanzlerkandidatin widerspiegelt. Aus meiner Sicht gelingt das gut.
Es wird immer wieder deutlich, dass hier nicht eine Karriere-Politikerin eine Partei für das eigene Fortkommen nutzt, sondern hier jemand eine Mission in sich trägt und umzusetzen versucht. In gewisser Weise – und auch das wird in dem Buch spürbar – hat BAERBOCK (zusammen mit Habeck) eher die Partei auf den eigenen Kurs gebracht als sich (aus taktischen Gründen) dieser anzupassen.

Mehr als durch einzelne Sachaussagen (an denen es wirklich nicht mangelt) wird dieses Buch durch eine zentrale Botschaft geprägt: Es ist die Einladung zu einem gemeinsamen Aufbruch in eine ökologische, soziale und wirtschaftliche Erneuerung, die eben nicht ideologisch motiviert ist oder nur die Interessen eines speziellen Milieus bedient.
BAERBOCK will breite Bündnisse, will offene Diskurse und ein respektvolles Miteinander. Das Lesen ihres Buches trägt zu dem Eindruck bei, dass dies eben keine wahltaktischen Lippenbekenntnisse sind.

Natürlich stellt die Autorin auch in diesem „persönlichen Wahlprogramm“ unter Beweis, dass dieser veränderte Politikansatz keineswegs auf das Thema Ökologie begrenzt ist. Überall da, wo sie programmatisch in die Tiefe geht (z.B. in der Wirtschafts- und Sozialpolitik), werden erstaunlich konkrete Konzepte und Maßnahmen beschrieben. Es geht eben nicht um abstrakte Ziele, sondern um handfeste politische Umsetzungsvorschläge.
Dass ihr die Geschlechter-Frage und eine werteorientierte europäische Außenpolitik besonders am Herzen liegt, überrascht wohl kaum.

Von dem Kampf um weitergehende Präsens von Frauen in Macht- und Führungspositionen ist es nicht weit zum sprachlichen Gendern. Natürlich wimmelt es in dem Buch nur so vom Gender-Sternchen (auch in der Hörbuch-Fassung überdeutlich wahrnehmbar). Darüber kann man sich – je nach Position – ärgern, amüsieren oder freuen. (Wenn selbst bei einer Aufzählung von Institutionen dann von weiteren „Akteur*innen“ gesprochen wird, richten sich auch bei wohlmeinenden Menschen kurz die Nackenhaare auf).
Aber das sind Banalitäten, die der Botschaft des Buches nichts wegnehmen.

Es ist kein spektakuläres Buch, hier werden keine intellektuellen Gipfel bestiegen und keine persönlichen Dramen aufgeführt. Aber das Buch zum Wahlkampf bietet dem interessierten Publikum eine gut lesbare und informative Möglichkeit, einen Blick auf das Gesamtangebot „Annalena BAERBOCK“ zu werfen.
Was erkennbar ist: Hier stellt sich ein anderer Politiker/innen-Typ aus einer neuen Generation mit einer zukunftsbezogenen Agenda zur Wahl. Die angestrebte Gesellschaft, die hier mehr als nur skizziert wird, ist eine ökologische, soziale und solidarische. Und sie erscheint auch wirtschaftlich langfristig gut aufgestellt zu sein (was in der Wirtschaft inzwischen besser verstanden wird als von der konservativen Politik).
Eine Gesellschaft, in der viele von uns sicher gerne leben würden (und vor der wohl kaum jemand Angst haben müsste).

„Zeitreise“ von Stefan AUST

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Star-Journalist AUST kleckert nicht gerne; seine zeitgeschichtlichen Bücher (z.B. über die RAF) sind zu üppigen Standardwerken geworden. Es war daher nicht zu erwarten, dass diese Autobiografie ein bescheidenes Büchlein wird.
Ohne Zweifel: AUST ist so etwas wie eine eigene journalistische Institution; die bundesdeutsche Presselandschaft der letzten Jahrzehnte ist ohne ihn kaum vorstellbar: Konkret, Panorama, SPIEGEL-TV, SPIEGEL-Chefredaktion, WELT-Herausgeber – um nur die wichtigsten Stationen zu nennen. So jemand hat etwas zu erzählen – und an einem mangelnden Selbstbewusstsein leidet er ganz sicher auch nicht.

Wir begleiten AUST durch die (west-)deutsche Geschichte der letzten 50 Jahre. Dabei erfahren wir anfangs ein wenig über seine Herkunftsfamilie und später über seine privaten Hobbies: das Reisen und die Pferdezucht (wobei beides auf einem hohen Niveau betrieben wird).
Solche persönlichen Aspekte verblassen allerdings angesichts des Übergewichts der beruflichen und politischen Themen. Dieses Buch verschafft einen intensiven und faszinierend hautnahen Einblick sowohl in die Brennpunkte des Zeitgeschehens als auch in die Innenansicht des deutschen Journalismus bzw. der Presse- und Medienwelt ganz allgemein.
Man könnte auch sagen: AUST war immer irgendwie dabei, oft an vorderster Front; manchmal sogar mehr Akteur als nur Beobachter. AUST kannte und kennt sie alle: egal, ob Terrorist oder Präsident, egal ob Putin oder Trump. Es ist wirklich teilweise atemberaubend…
Manchmal kam mir mein eigenes bescheidenes Durchschnittsleben im Vergleich zu diesem Tausendsassa geradezu erbärmlich vor. Oder, um es positiver auszudrücken: Man kann nur staunen, was in ein Journalistenleben so alles hineinpasst…

Natürlich ist es eine sehr persönliche Auswahl, die uns geboten wird. Es handelt sich schließlich um eine Autobiografie und nicht um ein Geschichtsbuch.
Die Kernthemen sind:
– die Anfänge bei dem linken Blatt „KONKRET“
– die linke studentische Protest-Szene
– die Entwicklung des linken terroristischen Untergrunds
– die Mitarbeit bei TV-Politmagazinen
– der Aufbau des privaten Nachrichtenkanals „SPIEGEL-TV“
– die SPIEGEL-Chefredaktion (mit allen Höhen und Tiefen)
– das Ende der DDR und das Stasi-Spitzelsystem
– die Arbeit am Buch und Film über die RAF
– die Suche nach dem Bernstein-Zimmer
– die Entmachtung beim SPIEGEL
– die Tätigkeit bei der WELT
Wir erfahren jeweils recht genau, mit wem jeweils diese Projekte angegangen bzw. durchgeführt werden; wir erfahren auch etwas über Gegenspieler (insbesondere beim SPIEGEL). Es ist ein beeindruckendes Netzwerk, in dem sich AUST da bewegt – kein Wunder, dass zu einem runden Geburtstag dann mal 900 Leute vorbeikommen…

Um dieses Buch mit Genuss so lesen, sollte man (mindestens) zwei Voraussetzungen mitbringen: eigene Bezüge zu den beschriebenen Ereignissen und Interesse für den Journalismus als Handwerk (okay – eine gewisse Ausdauer wäre auch angesagt).
Damit einem der Genuss am Ende aber nicht ganz vergeht, bedarf es noch einer weiteren Qualität: Toleranz!
Was sich nämlich AUST da im letzten Teil seines Buches zum Thema „Klimawandel“ und „Nachhaltigkeit“ zusammenschreibt, kann man eigentlich nur ertragen, wenn man diesem hochintelligenten Menschen auf diesem Gebiet so etwas wie „Altersstarrsinn“ zubilligt.
Oder besser: Dieser erfolgsverwöhnte Mensch ist offensichtlich inzwischen so überzeugt von sich und seiner Urteilskraft, dass es ihn nicht anficht, dass er nahezu allen Klimawissenschaftlern der Welt widerspricht.

Davon abgesehen: AUST bietet wahrlich eine Zeitreise an. Wer heute als politisch interessierter Mensch so zwischen 55 und 80 ist, der wird sich in den beschriebenen Etappen wiederfinden („das haben wir alles erlebt“). Für jüngere Leute stellt das Buch eine persönlich gefärbte Geschichte der bundesdeutschen Medienwelt dar: jede Menge (inzwischen) alter weißer Männer…

Die Hörbuch-Version wird vom Autor gelesen. Das wirkt sehr stimmig und angenehm – auch über 20 Stunden.

Maja Göpel bedankt sich für den Erich-Fromm-Preis

Ich möchte mit diesem Beitrag dazu motivieren, ein YouTube-Video von 46 Minuten Dauer anzuschauen. Das ist eine Menge Zeit für Menschen, die in einen strukturierten Alltag eingebunden sind. Andererseits ist es nur ziemlich genau die Dauer einer Halbzeit eines EM-Fußballspiels…

Statt einen durchformulierten Text anzubieten (der euch nur wieder kostbare Zeit klaut), zähle ich nur ein paar Gründe auf, warum ich diese Rede von Maja Göpel so sehenswert finde:
– Es ist faszinierend, wie nah die Gedanken von Fromm (Stichwort „Haben oder Sein“) den aktuellen Fragestellungen um die Nachhaltigkeits-Transformation sind (wobei sich Göpel in ihrer Rede auf ein anderes Buch von Fromm bezieht).
– Es wird in einer – kaum zu übertreffenden Weise – deutlich, wie emotionale Präsenz mit analytischem Verstand und klaren Zielsetzungen verbunden sein kann.
– Um es anders auszudrücken: Göpel präsentiert hier eine Form von lebendiger Weiblichkeit, die ein Gefühl dafür entstehen lässt, warum es doch einen bedeutsamen Unterschied machen kann, ob Frauen auf allen Ebenen der Gesellschaft präsent sind. (Ja, ich weiß: Nicht alle Frauen sind toll und nicht alle Männer sind verkopfte Fachidioten).
– Die Rede motiviert – gerade weil sie so emotional und persönlich ist – zu einer eigenen Innenschau: „Wo stehe ich eigentlich in diesen Grundfragen? In welcher Welt möchte ich tatsächlich leben? Was für einen Mensch möchte ich sehen, wenn ich in den sprichwörtlichen Spiegel schaue?“

Ich persönlich finde es nach einer solchen Darbietung geradezu unmöglich, sich nicht angesprochen zu fühlen.

„Jahre wie Schnee“ von Volker FERKAU

Bewertung: 2.5 von 5.

Wäre ich in einer Buchhandlung auf dieses Cover gestoßen, hätte ich es ganz sicher keines zweiten Blickes gewürdigt. Doch wenn eine gute Freundin mich darauf hinweist, dass ein Jugend-Idol (Pete Townshend von The Who) in diesem Buch eine Rolle spielt, dann gibt es kein Halten mehr. Trotz ihrer fürsorglichen Warnung.

FERKAU hat eine Familiensaga vorgelegt, in dessen Handlungsverlauf die flügge werdende Tochter einer Verlegerfamilie ein paar Wochen im Hippieland Kalifornien verbringt. Sie lernt dort die Alternativkultur, das Leben und die Liebe kennen – und kann all diese Erfahrungen nutzen, um eine Reifesprung zur erwachsenen Frau zu vollziehen.

Die eigentliche Handlung vollzieht sich allerdings in Deutschland, ebenfalls in den 60iger bzw. 70iger Jahren. Es geht um verdrängte Kriegsfolgen, um Familiengeheimnisse, um die Welt der Nachrichten-Magazine und um Generationskonflikte. Ein bisschen Krimi gehört dazu, ein bisschen Politik und überhaupt von allem etwas.
Der Autor lässt nichts unversucht, möglichst viele zeitgeisttypische Themen und Ereignisse in seinem Plot unterzubringen. Genau das will er wohl seinen Lerser/innen bieten: wohlige Erinnerungen an die Zeit der eigenen Jugend.

Viellicht steckt darin auch eine große Schwäche des Romans: Er will es irgendwie allen recht machen. Er spielt mit allen Genres, will den Mainstream genauso bedienen wie die aufbegehrende Protestkultur. Das führt dann allerdings dazu, dass sich wohl niemand so richtig zu Hause fühlt, in dieser Romanwelt der Familie Mayberg. Den Who-Fans ist die Geschichte mit Sicherheit irgendwann viel zu kitschig; die Freunde einer seichten Liebesgeschichte werden mit Pete nicht viel anfangen können und die Krimifans werden dann doch Spannung und Action vermissen.

Vielleicht kommen noch am ehesten die Freunde von familiären Konfliktlagen und den begleitenden ambivalenten Emotionen auf ihre Kosten. Allerdings muss man schon eine gewisse Immunität gegenüber Klischees und vorhersagbaren Dynamiken mitbringen.

Also: Im besten Fall leichte Unterhaltung. Um mich für den Nachfolge-Roman (den gibt es wirklich) zu motivieren, müsste schon ein bekannter Rockstar zur Hauptfigur avancieren.
Ich glaube allerdings kaum, dass Herr Townshend (oder ein gleichwertiger Ersatz) dazu bereit wäre…