„Herzfaden“ von Thomas HETTCHE

Wie kommt man auf so ein Buch? Nun, es steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020 und wurde als vielversprechend beschrieben. Und wer hätte (in meiner Generation) keine irgendwie positive Beziehung zur Augsburger Puppenkiste?!

Das Buch enthält eine komplex verstrickte Erzählung mit mehreren Zeit- und Realitätsebenen. Es gibt eine Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt und einen magischen Blick in die Geschichte der Puppenkiste und ihrer Gründer-Familie freilegt. Im Gegensatz zu „üblichen“ Rahmenhandlungen bilden die Abenteuer des kleinen Mädchens, das auf einem Dachboden weit in das letzte Jahrhundert zurückblickt, nicht nur den Anfangs- und Endpunkt des zeitgeschichtlichen Flashbacks, sondern es findet immer wieder ein Wechsel der Handlungsebenen statt.
Als verbindenden Elemente dienen nicht nur die bekannten Marionetten-Figuren (die natürlich auf dem Dachboden zum Leben erwachen), sondern auch die Tochter (Hatü) des Gründervaters der Puppenkiste schafft einen personifizierten roten Faden. Sie tritt dem Mädchen auf dem verzauberten Dachboden als erwachsene Frau gegenüber, die als Zeitzeugin aus ihrer eigenen Kindheit berichtet.

Doch es sind nicht nur die unterschiedlichen Zeitebenen, die das Buch komplex und etwas widersprüchlich erscheinen lassen: Es verbergen sich in der Romanhandlung auch verschiedene Erzähl-Genres, die den Leser fordern, ihn manchmal aber auch etwas ratlos machen.
Es gibt eine sehr persönliche Familiengeschichte rund um Hatü (und ihre engsten Freunde und ersten Lieben), die politischen und kriegerischen Geschehnisse im 2. Weltkrieg werden recht eindringlich und ungeschönt beschrieben, die stufenweise Entwicklung des Theaters von der ersten Wohnzimmeraufführung bis zur professionellen TV-Aufzeichnung wird geradezu dokumentarisch nachgehalten. Und zwischendurch passieren mit den lebendig gewordenen Marionetten auf dem Dachboden seltsame Dinge, die sich um den Kasper drehen – der wiederum auch auf der anderen Ebene eine besondere Rolle spielt.

Was deutlich wird: Man kann diesem Buch sicher nicht vorwerfen, dass es irgendwie eindimensional wäre. Eher im Gegenteil: Manchmal weiß man nicht so genau, woran man eigentlich ist und ob man das wirklich so komplex konstruiert braucht.
Die Spannbreite zwischen kitschnaher Rührseligkeit und historischer Härte ist schon recht ambitioniert.

Manchmal hat der Schreibstil des Autors etwas Selbstverliebtes. Er hat zwei Lieblingsbegriffe geschaffen, von denen er nicht so recht lassen kann – so begeistert ist er scheinbar von sich selbst. Während sich das beim „Herzfaden“ quantitativ noch in Grenzen hält (es ist ja schließlich auch der Buchtitel), benutzt HETTCHE (gefühlt) mindestens 30 mal das schöne Bild des „Mondlichtteppichs“, der sich auf dem Dachboden ausbreitet.
Ich weiß nicht, wie ein Lektor bzw. eine Lektorin das durchgehen lassen kann.

Letztlich ist es Geschmackssache, ob man den Facetten- und Stilreichtum des Buches als Gewinn oder eher als verstörende Zumutung erlebt.
Mir haben einige etwas sehr gewollt anrührenden Stellen der Erzählung den Lese- bzw. Hörgenuss geschmälert. Es wird schon sehr deutlich, wie der Autor die biografische Vertrautheit seiner Leser mit den Augsburger Marionetten benutzt, um seinem Buch eine emotionale Dichte zu geben.
Vielleicht war es mir von allem ein bisschen zu viel – auch wenn das ganze Projekt sicher literarisch anspruchsvoll daherkommt.

Wer die Puppenkiste seiner Kindheit noch einmal auf eine ganz andere Art zum Leben erwecken will und dabei eine detailreiche zeitgeschichtliche Einbettung genießen möchte, der sollte zu diesem Buch greifen. Genauer und liebevoller wird man diese Zeitreise sicher nicht mehr bekommen.

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