„Kintsugi“ von Tomás NAVARRO

Bewertung: 2.5 von 5.

Mit psychologischen Selbsthilfebüchern ist das so eine Sache: Sie sind immer gut gemeint, darin steht (fast) immer eine Menge sinnvoller Dinge, ihr konkreter Nutzen für eine bestimmte Person mit einem bestimmten Problem in einer bestimmten Konstellation kann extrem unterschiedlich ausfallen.
Kann es da überhaupt überhaupt Maßstäbe für eine „objektive“ Bewertung geben?
Ja: Eine Rezension ist zwar auch dann grundsätzliche subjektiv, wenn es um eine Sachthema geht; aber es gibt doch ein paar Kriterien, auf die eine bewertende Einordnung basieren kann. Dabei macht es sicher einen Unterschied, ob dies aus der Perspektive einer betroffenen (ratsuchenden) Person erfolgt oder auf der Basis einer gewissen Expertise.
Ich ordne mich der zweiten Gruppe zu.

Als Rahmen für dieses Buch definiert der spanische Psychologe NAVARRO eine alte japanische Handwerks-Tradition: Geht ein wertvolle Keramik zu Bruch, werden nicht nur die Scherben sorgfältig wieder zusammengefügt, sondern – statt sie so gut wie möglich zu verstecken – betont man die Risse/Klebestellen ganz bewusst z.B. mit einer goldenen Färbung. Diese Idee lässt sich zweifelllos sehr gut als Metapher für psychische (Zusammen-)Brüche nutzen: Eine überwundene Krise, eine gelungene Wiederherstellung der persönlichen Integrität kann auch als eine Art „Veredelung“ durch neue Erfahrungen und Reifungsschritte betrachtet werden. Die (psychischen) Narben sind so keine Makel, sondern Zeichen von Lebenserfahrung und Bewältigungskompetenz.
Schaut man sich allerdings erwartungsvoll an, wie weit dieses schöne Bild den Gesamttext begleitet und trägt, entsteht eher Enttäuschung: Letztlich schreibt NAVARRO ein ganz normales Selbsthilfebuch; mindestens 90% des Textes wären unter einem anderen Titel genauso gut (oder schlecht) untergebracht.

Der Autor ist in einem ständigen Dialog mit seinen Leser/innen. Er bemüht sich mit großem Einsatz, sie abzuholen – bei ihrem Leid, ihrem Zweifel, ihrer Mutlosigkeit, ihrer Resignation, ihrer Kraftlosigkeit. „Ich verstehe euch“, sagt NAVARRO ohne Pause.
Man kann ihm das glauben: Er hat als Psychologe (als Psychotherapeut bezeichnet er sich nicht) offenbar viele psychisch belastete Menschen erlebt und begleitet; sicher kann er auch eine Menge eigene Lebenserfahrung einbringen (was er auch tut). Als Hilfesuchender fühlt man sich erstmal gut aufgehoben; der Umgang ist empathisch und einladend.
Inhaltlich geht es um gravierende Lebenskrisen (in Beruf, Beziehungen und Gesundheit), aber auch um psychische Störungen (insbesondere um Depression). Der Autor beschreibt, wie man sich in solchen Situationen fühlen kann und hat jeweils (mindestens) ein Fallbeispiel zur Hand, um das Thema mit Leben zu füllen. So weit, so gut.

Leider tut NAVARRO etwas, was in vielen solcher Ratgebern passiert: Er macht ziemlich große Versprechungen! Er bietet seine Unterstützung, sein „Handwerkszeug“ mit der festen Überzeugung (das sei ihm zugestanden) an, dass man auf seinem Wege auch zum Erfolg kommen kann. Er hat nämlich – so sein Angebot – die notwendigen Schritte herausgearbeitet und kann daher ganz genau sagen, was zu tun ist. Tolle Sache!?
So bekommt man in diesem Buch unglaublich viele konkrete Anweisungen bzw. Ratschläge, die (fast) alle nachvollziehbar und logisch erscheinen. Manchmal kommt NAVARRO sogar selbst auf die Idee, dass sich das vielleicht für die Betroffenen gerade etwas schwierig anfühlt: zu analysieren, Prioritäten zu setzen, an sich zu glauben, sich von Bewertungen anderer zu befreien, wieder Begeisterung zu empfinden, sich wertvoll zu finden…
Das hält ihn aber nicht davon ab, genauso weiter zu machen: Eine Aufforderung nach der anderen, die man – ein wenig zugespitzt – auch gleich so formulieren könnte: „Sei doch nicht mehr traurig, verzweifelt, einsam, antriebslos, negativ; versuch einfach, anders zu sein!“

Ja, es stimmt natürlich: Etwas mehr leistet der Autor in seinem Buch dann doch. Durch seine Systematisierungen und Aufgliederungen werden diffuse Zustände etwas klarer; scheinbar unüberwindbare Aufgaben werden in Einzelschritte aufgeteilt. NAVARRO macht Mut, motiviert, weißt auch auf die Punkte hin, wo Hilfe von außen notwendig wäre.
Es ist nur etwas ärgerlich, dass der Autor zwischendurch den Eindruck erweckt, als seien auch ziemlich ernste Krisen bzw. Brüche mit seinem System („du wirst es schon schaffen, wenn du meinen Vorschlägen folgst“) zu überwinden. Da fragt man sich dann doch, wie viel Erfahrung NAVARRO mit wirklich gravierenden psychischen Problemen hat (vor einer echten Depression hat er wohl doch ein wenig Respekt).

Ein Grund für diesen (leicht übertriebenen) Optimismus lässt sich ohne große Mühe in der Persönlichkeit des Autors finden: Er ist scheinbar eine Art Tausendsassa: naturverbunden, in körperlicher Höchstform (Bergsteiger, Marathonläufer), entscheidungsstark, voller Zuversicht, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeitserfahrungen.
So einem Menschen fällt es natürlicherweise ein wenig schwerer nachzuvollziehen, warum jemand die naheliegenden und logischen nächsten Schritte eben nicht hinbekommt.

Dieses Buch kann sicher hilfreich sein, wenn man sich in einer (mäßig ausgeprägten) Krisen- oder Umbruchphase reflektieren möchte, wenn man Anregungen und Bestätigung sucht, wenn man ein wenig Mut und Zuversicht tanken möchte.
Solle man aber (momentan) zu den Menschen gehören, die schon häufig von sich selbst oder anderen vernommen haben, was eigentlich zu tun wäre, dann könnte auch schnell Frust und Resignation entstehen – denn scheinbar wäre ja alles irgendwie machbar…

(Wie man es anders – und besser – machen kann, zeigt dieses gleichnamige Buch).

Eine Antwort auf „„Kintsugi“ von Tomás NAVARRO“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.