„Tanz um die Wahrheit“ von Bert WAGENDORP

Bewertung: 4 von 5.

Der niederländische Kolumnist WAGENDORP macht das, was viele Romanautoren seit jeher tun: Er widmet sich seinem eigenen Erfahrungs- und Berufsfeld, hier dem Journalismus in der klassischen Ausprägung, also den Printmedien.

Der Autor legt eine recht individuelle Mischung vor: Erzählt wird (aus einer externen, auktorialen Perspektive) eine ereignisreiche Phase aus dem Leben eines erfolgreichen Kolumnisten, der nach einigen Wendungen auch zum Chefredakteur aufsteigt. Umgeben ist er von einigen zentralen Figuren: seiner Schwester, die zur Beraterin des Regierungschefs wird; den männlichen Vertretern einer Verleger-Dynastie, einer bekannten älteren Star-Journalistin und einem Neffen, der sich zu einem leidenschaftlichen Uhrmacher entwickelt

Das zentrale Thema des Romans ist die das Spannungsfeld zwischen verantwortungsbewussten Journalismus und der Verpflichtung zur „absoluten Wahrheit“. Oder, anders gesagt: Welche Kompromisse sind erlaubt (oder vielleicht sogar notwendig), um höhere Werte, den gesellschaftlichen Frieden, andere Menschen, die eigen Karriere oder die wirtschaftlichen Interessen der eigenen Zeitung zu schützen?
Diese Grundsatzfrage wird durch den Protagonisten in zwei Beispiele konkretisiert durchlebt und in ihren Widersprüchen und Ambivalenzen nachvollziehbar gemacht.
Auch das Zusammenspiel von Politik und Journalismus wird thematisiert – anschaulich gemacht durch die verwandtschaftlich vermittelte Nähe zum Ministerpräsidenten.
Eingebettet sind diese beruflichen Konflikte und Abwägungen in die private Welt der Hauptfigur; dabei wird weder ein strahlender Held noch ein frustrierter Versager angeboten, sondern ein echter Mensch mit seinen Brüchen und Zweifeln.

Die Handlung ist nicht auf Spannung getrimmt. Es geht um Prozesse und Beziehungen. Immer wieder spielen dabei innere Monologe und Selbstreflexionen eine Rolle, die vom Erzähler (kursiv gedruckt) beigesteuert werden. So wird dafür gesorgt, dass der/die Leser/in auf die entscheidenden Aspekte und Fragen gelenkt wird. Der Text bekommt damit eine zusätzliche Ebene, die über das Erzählen und die Dialoge hinausgeht.

Insgesamt handelt es sich um einen lesenswerten und unterhaltsamen Roman – soweit man dem Grundthema eine Bedeutung beimisst und für einen belletristischen Zugang zu gesellschaftlichen Fragestellungen offen ist.
Dass die Frage nach der Verpflichtung zur „kompromisslosen“ Aufdeckung der Wahrheit durch diesen Roman beantwortet werden könnte, wird wohl niemand ernsthaft erwarten. Aber sie auf eine literarische Art zu stellen, ist ein verdienstvoller Beitrag von WAGENDORP.

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