“Radikal emotional” von Maren URNER

Bewertung: 4 von 5.

Die Neurowissenschaftlerin hat die Sachbuch-Bühne im Jahr 2019 mit Betrachtungen zum “Konstruktiven Journalismus” betreten; mit “Radikal emotional” legt sie ihre dritte Publikation vor.

URNER gehört zu den öffentlichkeitswirksamen Wissenschaftler/innen, die all das in Worte, Zielsetzungen und Begründungen fassen, worüber sich gutmeinende und aufgeklärte Menschen “eigentlich” sowieso einig sein müssten: Wir stehen vor dermaßen riesigen Herausforderungen bei den Themen Klima, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Konfliktlösung, Autokratie und gesellschaftlicher Machtverteilung, dass es völlig absurd erscheint, wie ahnungslos, ignorant, resignativ oder gar böswillig-egoistisch wir auf die verschiedenen Abgründe, Kipppunkte oder Zuspitzungen zusteuern.
So eindeutig – so allseits beschrieben und bekannt.

Das alles treibt die Autorin um, ganz persönlich und emotional, als Wissenschaftlerin und als Privatmensch. Ihre Konsequenz: Sie schreibt ein sehr persönliches Sachbuch über den Zusammenhang zwischen Gefühlen und Politik. Sie ist nämlich überzeugt davon, dass es weder sinnvoll, noch möglich ist, vermeintlich rationale gesellschaftliche bzw. politische Prozesse und Entscheidungen von der emotionalen Basis unseres Denkens und Handelns zu trennen. URNER ist sich auch deshalb so sicher, weil sie Fühlen und Denken ganz grundsätzlich als letztlich biologisch begründete Vorgänge in einem Gesamtsystem betrachtet.
Und weil sie ganz persönlich betroffen ist, und weil es um (ihre und unsere) Emotionen geht, schreibt sie ein sehr persönlich-emotionales Buch. Sie duzt ihre Leserschaft, spricht sie immer wieder direkt an, pflegt einen beständigen Dialog. Das tut sie auch dadurch, dass sich selbst, ihre Motive, den Schreibprozess und ihre Erfahrungen dabei fast permanent thematisiert. URNER befindet sich also fast immer sowohl auf der Inhalts-, als auch auf der Metaebene, auf der sie ihr Vorgehen erklärt, Aspekte ordnet, Anekdoten erzählt oder an die Leser/innen appelliert.

Der grundlegende Unterschied zu anderen Büchern, die zu einem Umsteuern motivieren wollen, besteht darin, dass URNER gleichzeitig die Welt und das Funktionieren der eigenen Psyche erklären will. Denn sie will ja analysieren, warum uns die so eindeutig prekäre Weltlage nicht zu gleichermaßen eindeutigem Handeln veranlasst.
URNER führt die Leser/innen in drei Stufen durch ihre Systematik:
Im ersten Teil geht es um “radikale Aufmerksamkeit”, also um die Frage, was und wie wir fühlen, worauf wir achten und welche Identität wir dabei entwickeln.
Weiter geht es mit der “radikalen Ehrlichkeit”. Was hindert uns daran, aus der einlullenden “Realitäts-Simulation” zu erwachen? Welche – letztlich evolutionär entstandenen – Denk- und Bewertungsmuster müssen erkannt und überwunden werden? Welchen toxischen Belohnungsmustern sind wir ausgesetzt? Sind wir in einer “Normalitäts-Falle” gefangen?
Im letzten Teil bringt die Autorin uns die “radikale Verbundenheit” nahe, in der wir als biologische Naturwesen unausweichlich leben und die wir als soziale bzw. gesellschaftliche Wesen brauchen, um die Zukunftsaufgaben zu bewältigen. Dabei gilt es zu erkennen, dass jede private Handlung auch einen politischen Aspekt hat und welche Rolle unser elementares Bedürfnis nach Zugehörigkeit spielt.

URNER sammelt die Bestandteile ihres Mosaiks auf einem weiten Feld von (sozial)psychologischen, biologischen und gesellschaftswissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen. Das ist anregend, manchmal wirkt es vielleicht auch ein wenig willkürlich und beliebig – so, als ob die Autorin auch wirklich alles unterbringen wollte, war einem so einfallen könnte.
Man kann sich daran stören, dass sich die Autorin tatsächlich ein wenig zu stark um sich selbst dreht: um die Entstehung des Buches, um die Auswahl und Reihenfolge von Themen, um ihre Erlebnisse bei Konferenzen und um ihre kreativen und zweifelnden Momente. Für Menschen, denen es vordringlich um Sachinhalte geht, ist das sicherlich alles “too much”.
Umgekehrt: Wem die üblichen Sachbücher zu trocken, zu dröge, zu “verkopft” daherkommen, der/die wird den vertrauten, lockeren und fast intimen Stil vielleicht zu schätzen wissen.
Etwas wirklich Neues erfährt man in diesem Buch nur dann, wenn man bisher das Studium von Nachhaltigkeits- und Psycholiteratur eher vermieden hat. Es geht hier vorrangig um die Ansprache, um die Eindringlichkeit der Vermittlung, um das Wecken von Betroffenheit.
Es ist nicht zu übersehen, dass die Autorin von ihrem speziellen Zugang zur Thematik sehr überzeugt ist; sie ist ganz offensichtlich auch stolz auf ihr Ergebnis. Auch wenn das bei einem normalen Sachbuch vielleicht ein wenig zu selbstverliebt rüberkommen könnte – bei einem Buch über Emotionen kann man da sicher mal toleranter sein…

Letztlich bleibt unterm Strich eine Empfehlung – wenn man zu der skizzierten Zielgruppe gehört. Viele Leser/innen werden sich in ihren eigenen Gefühlen und Gedanken bestätigt fühlen; auch dass kann einfach guttun und vielleicht sogar motivieren.
Warnen möchte ich allerdings vor der Hörbuchfassung: Ich beurteile normalerweise ein Buch nicht nach dem Umgang mit der sprachlichen Gender-Frage – aber die (gefühlt) Tausende von gesprochenen Gender-Doppelpunkte oder -sternchen sind auch für wohlmeinende Zuhörer kaum auszuhalten.

“Die Stimme der Kraken” von Ray NAYLER

Bewertung: 4.5 von 5.

Kraken (oder Oktopoden) sind extrem spannende Wesen. Schon seit längerem ist bekannt, dass sie zu den intelligentesten Lebewesen auf diesem Planeten gehören. Für viele Menschen ist es irritierend, dass ausgerechnet ein Tier, dass uns auf allen Ebenen so fern zu sein scheint, bemerkenswerte kognitive Leistungen vollbringen kann.
Für die Biologie und die Neurowissenschaften bieten Kraken insbesondere auch deshalb ein faszinierendes Forschungsfeld, weil ihr Nervensystem so grundsätzlich anders (dezentral) strukturiert ist, als das bei Säugetieren der Fall ist.
Darüber zu spekulieren, ob und wie es zwischen diesen so unterschiedlichen Geschöpfen eine Form von Kommunikation entstehen könnte, wäre somit sicher eine anregende Herausforderung.
NAYLER nimmt diese Challenge an und konstruiert rund um dieses Thema eine Handlung, die Anteile von Science-Fiction, Thriller, Öko-Aktivismus, Gesellschaftskritik und Wissenschafts-Sachbuch in sich vereinigt. Um es vorweg zu sagen: Diese Mischung ist ihm exzellent gelungen!

Der dominante Handlungsfaden findet auf einem abgeschiedenen Archipel statt, das einem großen Tech-Konzern gehört. Dieser ist – natürlich – im Bereich der Künstlichen Intelligenz tätig und erforscht in diesem Zusammenhang auch die besonderen Gaben der Oktopoden. Zusammen mit einer auf diesem Gebiet erfahrenen Wissenschaftlerin und einer technisch hochgerüsteten Sicherheitsbeauftragten befindet sich dort der am weitesten entwickelte Androide, ein bereits sehr menschenähnlicher Roboter. Später kommt die Leiterin des Projektes dazu, eine bekannte Forscherin und Autorin.
Der Roman beschreibt die allmähliche und von zahlreichen Erschwernissen begleitete Kontaktaufnahme zu der örtlichen Krakenpopulation.
Ein zweiter wesentlicher Schauplatz ist ein illegaler Fischtrailer, auf dem sich hochdramatische Dinge abspielen, die in der meisten Zeit keinen unmittelbaren Bezug zur Haupthandlung haben.

Bei Romanen, die sowohl einen bedeutsamen Inhaltskern haben, als auch einen spannenden Handlungsbogen bieten, stellt sich die Frage, welcher Aspekt im Vordergrund steht. In diesem Fall gewinnt ziemlich eindeutig der Inhalt. Zwar gibt es eine ganze Reihe von Zutaten, die sich dem Plot einen gewissen thrillerhaften Drive geben (dazu gehören durchaus auch Episoden mit recht gewaltvollen Schilderungen und einige überraschende Wendungen), doch spürt man als Leser/in schnell, wofür das Herz des Autors wirklich schlägt:
Es geht NAYLER um das zugleich kreativ-spielerische und tiefgründige Ausloten der Frage, welche Formen von Bewusstsein, Kommunikationsfähigkeit und Begegnung es in dem Dreieck von Mensch, KI-System und intelligentem Tier geben kann bzw. könnte. Der Autor umspielt diese spannende und existentiell bedeutsame Thematik parallel auf zwei Ebenen: Einmal durch eine fantasievolle Ausgestaltung der Romanhandlung, zum anderen – auf der Theorieebene – durch die reflektierenden Dialoge der beteiligten Figuren.

Wenn diese Betrachtungen auch hoch abstrakt und abgehoben erscheinen mögen: Die Rahmenbedingungen in der realen Welt werden von NAYLER keineswegs außer Acht gelassen; im Gegenteil! Der Autor beschreibt nicht nur die rücksichtlosen wirtschaftlichen Ausbeutungsstrukturen, in denen finanzielle Verwertungsinteressen ohne jede ökologische Verantwortung walten. Er macht auch auf die Gefahr aufmerksam, dass die Gier nach medialen Sensationen und wissenschaftlichen Durchbrüchen genau diese bisher verborgenen Schätze gefährden bzw. zerstören könnten. Und es wird ein zukunftsweisender Blick darauf geworfen, welche ethischen Fragen uns bei der Entwicklung menschenähnlicher Maschinen vermutlich bevorstehen.

So ist dieser bemerkenswerte Roman schließlich ein extrem anregender, anrührender und anklagender Apell, der uns am Beispiel der Bewusstseinsforschung bei Tieren und KI-Robotern unseren Umgang mit der uns umgebenden und von uns geschaffenen Welt widerspiegelt.
Dass diese Story auch noch unterhaltsam und spannend ist und einige Überraschungen bereithält, macht dieses Buch zu einer absoluten Empfehlung für alle, die anspruchsvolles Infotainment suchen und dabei auch die Geduld mitbringen, sich auf spekulative Details einzulassen.
Zum Vergleich: Zwischen diesem Buch und der Oktopus-Reihe von Dirk ROSSMANN tun sich literarische Welten auf.

(Für Hörbuch-Freunde steht übrigens ein zusätzlicher Genuss bereit: Der begnadete Sprecher David NATHAN liest vor!)

“Erziehung prägt Gesinnung” von Herbert Renz-Polster

Bewertung: 4 von 5.

Der Autor ist ein Kinderarzt, der sich in seinem öffentlichen Wirken als Publizist und Blogger auf den Bereich Erziehung konzentriert hat. Nicht nur, aber auch in der hier besprochenen Publikation wird schnell deutlich, dass RENZ-POLSTER mit Engagement und Leidenschaft zur Sache geht. Und er ist nicht nur ein Wissenschaftler mit einem Herz für die Bedürfnisse von Kindern, sondern ein sehr politischer Mensch, dem das Wohlergehen der Jüngsten auch deshalb so bedeutsam ist, weil es – seiner festen Überzeugung nach – den Charakter und die Zukunft unserer Gesellschaft bestimmt.

Man könnte den hier betrachteten Zusammenhang zwischen den Erfahrungen in der Kindheit und den politischen Haltungen und Einstellungen im Erwachsenenalter als “irgendwie logische” Binsenweisheit abtun. Dann hätte man es sich aus Sicht des Autors aber zu leicht gemacht.
RENZ-POLSTER will es nicht nur selbst sehr genau wissen, er will seine Erkenntnisse auch in aller Differenziertheit an die Leserschaft bringen. Daher nimmt er uns mit in das Klein-Klein der Forschungsbefunde zu Sozialisation, Erziehungsverhalten, Sozialpsychologie, Persönlichkeitseigenschaften und politischen Haltungen. Dabei berücksichtigt er sowohl klassische Befunde (oft schon Jahrzehnte alt), als auch moderne Sozialforschung.
Es geht u.a. um Ängste, um Ekelneigung, Gruppen-Ausgrenzung, Dominanz und Konkurrenz, Verachtung des Schwachen, toxische Männlichkeit, religiösen Fundamentalismus, Fake-News, Klimawandel-Leugnung, Nationalismus und Rassismus.

Der erste Aufschlag gilt dem Phänomen des Rechtspopulismus, für das exemplarisch Donald Trump steht (der während der Entstehung des Buches noch im weißen Haus sitzt), aber auch die AfD und andere europäischen Parteien. Der Autor begründet, warum seiner Meinung nach die üblichen eher soziologischen Erklärungsmuster für den Rechtsruck zu kurz greifen.
Dem Autor geht es um die innere Gesinnung, die Neigung zum Autoritarismus.

RENZ-POLSTER beobachtet in den USA erstaunlich kohärente (geografische) Zusammenhänge zwischen autoritären, strengen und gewaltvollen Erziehungsmethoden in Elternhaus und Schule auf der einen und den Wahlergebnissen, Schulabbrüchen und der Kriminalitätsrate auf der anderen Seite. Auch die Unterschiede in Ost- und Westdeutschland bringt er in den Kontext unterschiedlicher Erziehung und Sozialisation.

Dem Autor geht es darum, hinter den zahlreichen Einzelphänomenen und -befunden ein kohärentes Weltbild zu enthüllen, in dem es um Konkurrenz, Kontrolle und Macht geht – statt um Vertrauen und Empathie. Er versucht nachzuweisen, dass diese grundlegenden Haltungen sich schon in der Sichtweise von und dem Umgang mit Kindern wiederfindet: Es geht entweder um Kontrolle und Disziplin oder um Vertrauen und Bindung – oft zusammengefasst in den sog. “Erziehungsstilen”. Schon im Kleinkindalter entstehen so Modelle von Beziehung und Zusammenleben, die auf Sicherheit und Fürsorge oder eben auf Angst und Ausgeliefertsein beruhen.
So kommt RENZ-POLSTER zu dem Schluss, dass es letztlich enttäuschte kindliche Bindungshoffnungen sind, die hinter dem Autoritarismus stehen – eine tiefe Verunsicherung, die nach Halt und Selbsterhöhung gegen noch Schwächere und Fremde sucht.
In einem Parforceritt durch die Weltkulturen versucht der Autor schließlich noch, seine Grundthesen in den Besonderheiten der jeweiligen Erziehungskulturen, dem Zusammenleben und den politischen Verhältnissen wiederzufinden.
Auch wird die Frage gestreift, wie prägend bzw. determinierend das “Kindheitsgepäck” für en weiteren Lebensweg ist.

So informativ und faktenreich das alles auch ist – manchmal wird einem ein wenig schwindelig, angesichts der Kurven und Loopings die der Autor in diesem riesigen Themenraum fliegt. Der Gedanken- und Argumentationswurf ist so weit, so grundsätzlich, dass zwangsläufig alles mit allem zusammenhängt. So erscheint gelegentlich die Gliederung willkürlich und unübersichtlich, Wiederholungen lassen sich kaum vermeiden.
Nicht jedem Leser wird auch das Ausmaß und die Eindeutigkeit der politischen Ausrichtung gefallen, denen die gesamte Argumentation zugrunde liegt. Dieses Buch eignet sich schlichtweg nicht als Lektüre für eine rechts-konservative Leserschaft, weil sie höchstwahrscheinlich die Vermischung zwischen Fakten und Gesinnung kaum aushalten könnten.
Wenn man sich weder an der politischen Zielrichtung, noch an den inhaltlichen Schleifen stört, erhält man in diesem Text eine erstaunlich breitgefächerte Zusammenstellung von Befunden über die langfristigen Folgen von Kindheitserfahrungen. Auch die umfangreiche Literaturliste ist eine geradezu endlose Fundgrube für eine weitergehende Beschäftigung mit der Thematik.

“Kairos” von Jenny ERPENBECK

Bewertung: 3.5 von 5.

So ein internationaler Buchpreis macht neugierig!
Wenn die literarische Aufarbeitung innerdeutscher Zeitgeschichte sogar im englischsprachigen Ausland geehrt wird, dann muss ja wohl etwas dran sein…

Erzählt wird die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen einem verheirateten Kulturschaffenden (Hans) und einer (sehr viel) jüngeren Frau (Katharina). Nach einem furiosen Start gerät das Paar wegen einer kurzfristigen externen Liebelei der Frau in eine Dauer-Krise, die von extrem toxischen Verhaltensweisen des Betrogenen bestimmt wird, der selbst in seiner Ehe verbleibt.

Der geografische und zeitgeschichtliche Hintergrund wird durch das Endstadium der DDR gesetzt. Zahlreiche kulturelle, politische und soziale Bezüge, äußere Ereignisse und konkrete Inhalte der Handlung beziehen sich auf die Rahmenbedingungen der DDR-Endzeit.

Die beiden Hauptfiguren und der Handlungsfaden, den sich um sie bildet, sind doch ziemlich sperrig. Zunächst fällt es nicht gerade leicht, die grenzenlos-verliebte Anfangseuphorie des des bereits älteren Herren wirklich zu verstehen. Noch höhere Anforderungen an die Toleranz der Lesenden stellt die – geradezu endlose – Darstellung seiner fast sadistisch wirkenden (jedenfalls aber hochneurotischen) Bestrafungsrituale, die von Katharina in einer kaum zu ertragenden Unterwürfigkeit hingenommen werden. Kaum auszuhalten und in dieser Extremität nicht wirklich glaubwürdig.

Die Qualität dieses Romans liegt am ehesten in der Sprachkunst der Autorin und ihrer Fähigkeit, die historische Atmosphäre so geschickt mit der Handlung zu verweben, dass sie permanent spürbar wird. Leser/innen, die mit den damaligen Verhältnissen vertraut sind und die Anspielungen auf reale Personen, Institutionen und Vorgänge direkter interpretieren können, werden sicher noch einen größeren Gewinn aus dem Text ziehen können.

Empfehlenswert ist das Buch ganz sicher für literarisch und zeitgeschichtlich Interessierte. ERPENBECK hat alles andere als einen Durchschnittsroman geschrieben und man kann gut nachvollziehen, dass er in Kritikerkreisen aufgefallen ist.
Wer allerdings einen Beziehungsroman mit einer stringenten Handlung und mit psychologisch kohärenten Figuren sucht, die auch ein Identifikationspotential bieten, könnte durchaus eine gewisse Enttäuschung erleben.

“Das Jahrhundert der Toleranz” von Richard David Precht

Bewertung: 3.5 von 5.

Wenn man ein wenig mit den Meinungen des – inzwischen etwas umstrittenen – Star-Philosophen und Bestsellerautors vertraut ist, wundert man sich über den Titel seiner aktuellen Publikation: Hatte er sich nicht mehrfach kritisch bis abfällig über die “werteorientierte” Außenpolitik der Ampel geäußert – inklusive einer massiven Abwertung von Ministerin Baerbock?
Nach der Lektüre löst sich der Widerspruch teilweise auf – jedoch nicht ohne Irritationen bzw. Ratlosigkeit zu hinterlassen: Es geht ihm um eine andere Form der Wertorientierung!
Die Unterschiede zu erklären, ist die eigentliche Mission dieses Buches.

PRECHT stellt zu Beginn seines Essays (so seine Begriffswahl) klar, dass er in der aufziehenden Klimakatastrophe die bedrohlichste Herausforderung der Menschheit sieht. An verschiedenen Punkten seiner Argumentation weist er auf die damit verbundenen Prioritätensetzungen hin.
Eine weitere zentrale Rahmenbedingung wird nach Ansicht des Autors durch die geopolitische Machtverschiebung in Richtung einer multipolaren Welt gesetzt, in der insbesondere China und Indien relevante Player wurden und bleiben werden.

PRECHTs – gut nachvollziehbare – Grundgedanken sind folgende: Um die dringend notwendige globale Kooperation in den Überlebensfragen durch eine sinnvolle Diplomatie zu fördern, sei es absolut zwingend, das Ende der Vormachtstellung Amerikas anzuerkennen, auf Einmischungen in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten zu verzichten und die individuellen Interessen bzw. Entscheidungen derjenigen Staaten anzuerkennen, die sich keiner Einflusssphäre einer Großmacht zu- und unterordnen wollen.

Der Autor plädiert einerseits nicht für eine wertneutrale Interessenspolitik, macht aber auf die Notwendigkeit aufmerksam, eigene wirtschaftliche Interessen zu berücksichtigen. Es wird aber nicht ganz deutlich, wo genau die Grenze zwischen Distanzierung von Staaten mit Menschenrechtsverletzungen und einer pragmatischen und toleranten Zusammenarbeit verlaufen soll.
Für den Autor ist Doppelmoral ein großes Thema: Er wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass amerikanische Interventionen ebenfalls völkerrechtswidrig waren, ohne dass dies zu ähnlichen Protesten und Konsequenzen geführt hat wie der Angriff Russlands auf die Ukraine.

Der Autor scheint geradezu fixiert auf den Gedanken, dass eine Unterscheidung von “westlichen” Werten und universalen Menschenrechten nicht nur möglich sei, sondern die Grundlage einer neuen Wertorientierung in der Außenpolitik darstellen könnte. Er erweckt wiederholt den Eindruck, als ob das Vertreten der “westlichen” Werte grundsätzlich und andauernd in arrogant-aggressiver Form und unter Inkaufnahme von Konflikt-Eskalationen stattfinden würde.
Es wirkt doch ein wenig anmaßend, dass der Autor der aktuellen Außenpolitik pauschal (und ohne konkrete Belege) unterstellt, sie
würde nicht zwischen den Interessen Amerikas  auf der einen und Europas bzw. Deutschlands auf der anderen Seite unterscheiden,
wäre nicht bereit, die Sichtweisen und Interessenslagen z.B. des globalen Südens zu berücksichtigen,
würde die Grundfragen von Umwelt- und Klimaschutz und globaler Gerechtigkeit vernachlässigen und
hätte sich von dem Bemühen verabschiedet, diplomatisch präventiv und deeskalativ zu wirken.

PRECHT räumt zwar ein, dass sein Entwurf einer neuen Außenpolitik weder den Ukraine- noch den  Nahostkonflikt lösen könnte, erweckt aber permanent den Eindruck, als ob schwerpunktmäßig der Westen verantwortlich dafür sei, dass wir nicht in einer besseren und friedlicheren Welt leben.
In dieser PRECHT-Weltsicht kommen weder Islamismus und der darauf fußende Terrorismus, noch die seit Jahrzehnten offen dargelegten imperialistischen Perspektiven einer Wiederherstellung eines russischen Großreiches vor.

Scheinbar grenzenloses Verständnis hat PRECHT dafür, dass unabhängige Staaten sich im Sinne eines “Rosinenpickens” die Vorteile verschiedener Systeme zusammensuchen – ohne auch nur eine Spur von Werteorientierung aufzubringen. Überhaupt: Der Westen scheint die einzige Instanz zu sein, dessen Handlungen nach moralischen Maßstäben beurteilt werden kann und muss. So wird es z.B. China offenbar hoch angerechnet, dass es eine Politik der Nichteinmischung vollzieht – ohne einmal zu erwägen, dass es auch mit seinem Gesellschaftsmodell wenig zu bieten hätte. Ob die Anrainer Chinas tatsächlich bestätigen würden, dass von ihrem großen Nachbarn keine Bedrohung ausgeht, darf ebenfalls bezweifelt werden.

Auch wenn dem Autor es auch in dieser Publikation gelingt, flüssig und gut verständlich zu schreiben und einige bemerkenswerte kreativ-polemische Formulierungen zu generieren, kann er von der inhaltlichen Stringenz nicht wirklich überzeugen.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass hier kein fruchtbarer Diskurs über außenpolitische Perspektiven eröffnet wird, sondern PRECHT aus der Position eines – zur Selbstgewissheit und Arroganz neigenden – Besserwissers die letztgültige Wahrheit verkündet.
Dass der Autor dabei die herausragende Bedeutung der Bewältigung der Klimafrage betont, friedliche und präventive Konfliktlösungen anstrebt und sich an humanistischen Grundwerten bzw. Gerechtigkeitszielen orientiert, ist gewiss erfreulich. Befremdlich ist allerdings der immer wieder erweckte Eindruck, die aktuelle Außenpolitik und ihre Akteure benötigten dringend diesen Appell, um sich nicht blind, ahnungslos und wutschnaubend im internationalen Labyrinth herumzuirren.
Die geforderte stärkere Toleranz und eine verbale Mäßigung gegenüber anderen Gesellschaftsmodellen sind sicherlich kein schlechten Empfehlungen. Ein wenig Differenzierung, Relativierung und sprachliche Abrüstung täte aber auch dem Autor selbst gut!

“Logik” von Wesley C. SALMON

Bewertung: 4.5 von 5.

Es muss schon einiges passieren, bevor ich mich einem 50 Jahre alten Sachbuch zuwende.
In diesem Falle ist dieser Umstand schnell erklärt: Es geht um das wahrlich zeitlose Thema “Logik”. Hier kommt es ganz sicher nicht auf die Aktualität an, sondern auf die didaktischen Kompetenzen bei der Darstellung. Und auf das Preis-/Leistungsverhältnis – das bei einem Reclam-Büchlein fast immer unübertreffbar ist.

Auf fast 300 Seiten breitet der amerikanische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker die Grundzüge der Logik aus. Damit bewegt er sich in einer Range, die zwischen einer oberflächlichen Schnupper-Einführung und einem wissenschaftlichen Lehrbuch liegt; er spricht also ernsthaft interessierte Laien an, die sich nicht gleich für Wochen von der realen Welt verabschieden wollen.

In der Regel macht man sich über die Disziplin der Logik nicht viel Gedanken: Man findet logisches Denken und Argumentieren wichtig, weiß ein wenig um ihren Zusammenhang mit Mathematik und Sprache – und wäre doch vermutlich schnell überfordert, wenn man aus dem Stehgreif mal ein fünfminütigen Logik-Vortrag halten müsste.
Logik ist irgendwie immer dabei, und doch nie so richtig präsent.

Genau das verändert SALMON mit seinem Buch. Schnell wird den Lesenden klar, wie die Grundprinzipien der Logik unser Denken, unsere Alltagssprache, unsere Diskussionen und speziell den Bereich der Wissenschaft geradezu pausenlos durchdringen.
SALMON macht die Regeln, die dabei meist implizit angewendet werden, explizit. Man könnte auch sagen: Er seziert mit analytischer Sorgfalt die formalen Strukturen, die hinter Prämissen, Behauptungen, Begründungen und Schlussfolgerungen jeglicher Art stecken. Dazu befreit er abgeleitete Schlussfolgerungen von ihrem Inhalt und macht deutlich, dass sich ihre Richtigkeit allein aus der korrekten Anwendung formaler Regeln ergibt. Und weil man von dem Inhalt abstrahieren kann, lassen sich logische Regeln auch – ähnlich wie die Mathematik – in Formeln darstellen.
Konsequent weiterverfolgt ergeben sich so recht komplexe Beweise, Wahrheitstafeln und Diagramme.

Nach einer kurzen allgemeinen Einführung teilt sich der Text in die beiden Teilbereiche “Deduktion” (wo sich die Gültigkeit der Schlussfolgerungen sicher aus der Wahrheit der Prämissen ableiten lässt) und “Induktion” (wo nur nur Wahrscheinlichkeits-Aussagen gemacht werden können). Aus den Prämissen “Jedes Säugetier hat ein Herz” und “Alle Pferde sind Säugetiere” lässt sich deduktiv schließen, dass jedes Pferd ein Herz hat.
Aus der Prämisse “Jedes bisher beobachtbare Pferd hatte ein Herz” lässt sich induktiv schließen, dass jedes Pferd ein Herz hat. Im zweiten Falle geht es also vor allem um den Umgang mit wissenschaftlichen Hypothesen.

Natürlich bleibt es nicht bei solch übersichtlichen Aussagge-Strukturen. Dem Autor gelingt es aber trotzdem in vorbildlicher Weise, sowohl im Bereich des “gesunden Menschenverstandes” verhaftet zu bleiben (durch den konsequenten Einsatz von Alltagsbeispielen), als auch die grauen Zellen ordentlich zum Glühen zu bringen.
Man muss sich beim Lesen dieses Buches tatsächlich irgendwann entscheiden: Geht es um Orientierung und einen vertieften Eindruck oder will man wirklich einsteigen und jede Aussage bzw. Formel gedanklich durchdringen. Im zweiten Falle wird der sympathisch locker geschriebene Text sehr schnell zu eine. herausfordernden Arbeitslektüre.
Das Schöne ist: Beide Wege schaffen eine lohnendes Leseerlebnis; man kann auch sehr gut zunächst den ersten Weg wählen, um dann zu entscheiden, ob man die harte Tour braucht bzw. möchte.

In einem letzten, kürzeren Kapitel widmet sich SALMON der (engen) Verbindung zwischen Sprache und Logik. Wir erfahren etwas über “Objektsprache” und “Metasprache”, den unterschiedlichen Charakter von “Definitionen” und “analytische”, “synthetische” und “kontradiktorische” Aussagen.
Diesem Kapitel merkt man an, dass es eher als eine (notwendig erachtete) Ergänzung des Hauptteiles dient; dem Anspruch eines eigenständigen und abgerundeten Themenbereich kann es nicht gerecht werden.

Insgesamt legt der Logiker SALMON ein sehr logisch aufgebautes Buch über Logik vor – wer wollte da meckern?!

“The Moral Landscape” von Sam HARRIS

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Philosoph, Neurowissenschaftler und Schriftsteller ist einer der wirkmächtigsten links-liberalen Intellektuellen in den USA. Seine Bekanntheit verdankt er vor allem seinen zahlreichen öffentlichen Debatten mit anderen Geistesgrößen, die auf seinem eigenen YouTube-Kanal, in anderen digitalen Formaten bzw. in Veranstaltungen stattfinden.
Der Atheist und Meditations-Lehrer HARRIS bekennt sich zu einer säkularen humanitären Ethik, in der Religionen vorrangig nicht als Lösung, sondern als Teil unserer moralischen Probleme gesehen werden.

In diesem Buch wagt sich HARRIS an die Frage heran, ob und wie weit ausgerechnet die Wissenschaften geeignet sein könnten, ein allgemeingültiges Wertesystem zu schaffen und uns so als Wegweiser für unser moralisches Handeln zu dienen. Da diese Überlegungen sehr grundsätzlicher Natur sind, spielt es keine Rolle, dass das Erscheinen des Buches schon ein paar Jahre zurückliegt.

Der Autor hält die strickte Trennung zwischen der empirisch/wissenschaftlichen Welt der Fakten und der philosophisch/geistig/religiösen Welt von Ethik und Moral für nicht stichhaltig. Auf der einen Seite seien auch moralische Konzepte, Regeln, Empfindungen und Verhaltensweisen ein ganz normaler Gegenstand von wissenschaftlicher Forschung – von der Evolutionsbiologie, über Gesellschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaften bis zur Neurowissenschaft. Darüber hinaus – und hier fühlen sich viele andere provoziert – ist HARRIS überzeugt davon, dass sich objektive (zumindest kulturübergreifende) Maßstäbe dafür finden lassen, welche Regeln bzw. Verhaltensmuster zu einem “besseren” moralischen Ergebnis führen. In diesem Sinne spricht er auch von “moralischen Wahrheiten”. Auf die Beiträge von religiösen Glaubenssystemen oder spirituellen Weisheiten sei man in der “Landschaft der Moral” keineswegs angewiesen.
Dabei zeigt sich HARRIS als ein klarer Gegner des Kulturrelativismus: Vor dem Hintergrund der Maxime der “Leidvermeidung” erscheint es ihm z.B. nicht akzeptabel, Menschenopfer. Sklaverei und Genitalverstümmelung als kulturelle Eigenarten zu akzeptieren.

HARRIS argumentiert sehr grundsätzlich. Da er weiß, dass er sich auf kontroversem Gebiet befindet, nimmt er häufig die möglichen Gegenargumente schon mit in seine Darstellung auf. Das hat den Vorteil, dass man auch die Gegenposition schon ausformuliert kennenlernt.

Der Autor schlägt vor, dass das menschliche Wohlbefinden in einem multidimensionalen Raum moralischer Landschaften dargestellt werden kann, in dem die Gipfel die höchsten möglichen Zustände des Wohlbefindens und die Täler die schlimmsten möglichen Zustände des Leidens repräsentieren. Diese moralische Landschaft sei nicht relativ oder subjektiv, sondern objektiv und könnte – wie schon gesagt – wissenschaftlich untersucht werden. Handlungen, die das Wohlbefinden fördern, seien (objektiv) moralisch gut, während Handlungen, die Leiden verursachen, moralisch (objektiv) schlecht seien.

Natürlich ist HARRIS nicht so naiv, davon auszugehen, dass er mit ein paar relativ einfachen Kernthesen die Jahrtausende währende Auseinandersetzung um die Entstehung und Begründung von Moral aus den Angeln heben könnte. Er stellt sich der Komplexität der Thematik und taucht in die Tiefen der unterschiedlichen Sichtweisen ein.
Ausführlich diskutiert u.a. die Frage nach der Herkunft von “Werten”: Für HARRIS erscheint es abwegig zu sein, dass es ein Wertesystem geben könnte, dass sich nicht in Wohlbefinden bzw. Leid von bewussten Geschöpfen widerspiegeln würde.

Seine mit diesem Buch verbundene Mission dient weniger der Verkündung einer neuen Wahrheitslehre, sondern dem Versuch, all die Möglichkeiten auszuschöpfen, die uns mit einer Nutzung all unser bisher erzielten Erkenntnisse zur Verfügung stehen. Bevor wir vor den Detailfragen kapitulieren (für die es vielleicht tatsächlich keine wissenschaftlich begründbaren Antworten gibt), sollten wir die großen, prinzipiellen und objektiv entscheidbaren Herausforderungen angehen. Mit Bildung, Rationalität und Dialog könnte ein schrittweiser moralischer Fortschritt gelingen.

Als besondere Zugabe enthalten spätere Auflagen des zuerst 2010 erschienen Buches ein Kapitel, in dem der Autor auf die bekanntesten Kommentare und Kritiken seines Textes bzw. seiner Thesen reagiert. Es gelingt ihm darin sehr überzeugend, die Schwachstellen seiner “Gegner” herauszuarbeiten und sie in vielen Punkten der intellektuellen Unredlichkeit zu überführen.

Dieses sehr anregende und viele grundsätzliche Fragen des Humanismus berührende Buch gibt es leider nicht in deutscher Übersetzung. Da HARRIS (wie viele andere amerikanische Autoren) in einem gut verständlichen, eher journalistisch-geprägten Englisch schreibt, ist es halbwegs geübten Lesern gut zugänglich. Das schränkt andererseits den Charakter des Buches als wissenschaftliches Fachbuch nicht ein – was sich nicht zuletzt an dem extrem umfangreichen Anmerkungs- und Literaturverzeichnis ablesen lässt).
Der Aufbau des Textes könnte allerdings an einigen Stellen noch klarer strukturiert sein; gelegentlich findet man sich in Argumentationsschleifen wieder, die man als schon abgehakt in Erinnerung hat. Bei einigen Aspekten, die HARRIS offenbar unbedingt noch in dem Buch unterbringen wollte, wäre vielleicht weniger mehr gewesen. Aber das sind nur Feinheiten, die den Wert des Buches nicht ernsthaft tangieren.

“Wahrheiten und Mehrheiten” von Peter STROHSCHNEIDER

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Autor – ein im deutschen Wissenschaftsbetrieb einflussreicher Germanist – legt eine Publikation vor, die nicht nur das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Demokratie gründlich ausleuchtet, sondern auch für eine Begrenzung des Geltungsanspruchs der Wissenschaften im gesellschaftlichen Diskurs plädiert.
Es ist anzuerkennen, dass der Autor diese Parteilichkeit schon im Untertitel offenlegt.
STROHSCHNEIDER will der (vermeintlichen) Gefahr entgegentreten, dass sich unter dem Deckmantel eines absoluten und endgültigen Wahrheitsanspruchs eine Verschiebung hin zu einem “autoritären Szientismus” vollziehen könnte, in dem dann durch eine illegitime Selbstermächtigung der Wissenschaftlichkeit die bewährten Aushandlungs- und Entscheidungsregeln unserer pluralistischen Demokratie eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt wären.

Dieses Buch ist alles andere als ein kämpferisches Pamphlet: STROHSCHNEIDER analysiert und argumentiert auf einem hohen sprachlichen und intellektuellen Niveau.
Die Leserschaft lernt eine Menge über die Komplexitäten des Wissenschaftssystems und der politischen Willensbildung.
Entsprechend seiner Zielsetzung deckt er z.B. Schwächen und Widersprüche bei Klima-Aktivisten auf, die ihren wissenschaftlichen Status in zweifelhafter Weise dazu benutzen, bestimmte politische Einzelentscheidungen zu begründen. Besonders kritisch setzt sich der Autor auch mit Karl Lauterbach auseinander, der in seinem Buch (“Bevor es zu spät ist“) für eine stärkere Präsenz von wissenschaftlicher Kompetenz in der Politik plädiert.

Ein Schwerpunkt des Textes befasst sich mit der prinzipiellen Frage, welchen Stellenwert Wahrheit, Evidenz oder Fakten gegenüber der freien politischen Meinungs- und Mehrheitsbildung haben soll bzw. darf.
Hat die Mehrheit das Recht, sich für kontrafaktische, dumme oder gefährliche Alternativen zu entscheiden? Auf welchen Gebieten sollen welche Disziplinen mit welchen Vertretern Gehör finden? Als Berater oder als (mit-)Entscheider? Droht da vielleicht die Expertokratie? Gibt es überhaupt die eine Wissenschaft? Sind nicht alle Erkenntnisse sowieso vorläufig? Steht Wissenschaft nicht auch in Abhängigkeiten, Interessenskonflikten und Machtkämpfen?
Um es kurz zu sagen: Der Autor legt sein ganzen Gewicht in die Waagschale der Demokratie und weist weitergehende Ansprüche der Wissenschaft zurück.

Die Covid-Pandemie und die Klimawende eignen sich natürlich besonders gut dafür, sich die Wechselwirkung zwischen den beiden Systemen konkret anzuschauen; das nutzt der Autor gründlich aus.
STROHSCHNEIDER leugnet weder die Bedrohung durch den Klimawandel (und anderer ökologischen Risiken), noch relativiert er die Pandemie. Aber er identifiziert die bereits grundsätzlich diskutierten Schwächen bzw. Gefahren einer Wissenschafts-Dominanz auch in diesen Bereichen (und wiederholt sich dabei ein wenig).
Als leidenschaftlicher Verteidiger der demokratischen Prozesse lässt er den Hinweis auf “Not- bzw. Ausnahmesituationen” nicht gelten (was sich wiederum gegen Lauterbachs Argumentation richtet).
Zugutehalten muss man STROHSCHNEIDER, dass er sich auch mit der Querdenker-Fraktion kritisch auseinandersetzt – allerdings nicht ohne einen Hinweis auf die Mitverantwortung des vermeintlich grenzüberschreitenden Wissenschaftsbezugs.

Auch wenn man dem Autor sicher nicht den Vorwurf einer generellen Undifferenziertheit machen kann: Es entsteht der Eindruck, dass sein persönliches Wertesystem deutlich stärker durch die Bedrohung demokratischer Spielregeln als durch die drohende Klimakatastrophe in Wallung gerät. Sein hochtheoretisches Abwägen klingt doch ein wenig nach Elfenbeinturm eines Gelehrten, der von der realen Dramatik der ökologischen Krise wohl nicht aus dem Schlaf gerissen wird.
Bei aller verständlichen Kritik an einer unreflektierten Selbstermächtigung vermeintlich omnipotenter Wissenschaftler: STROHSCHNEIDER vergisst doch ein wenig, dass auch eine Wissenschaft mit Schwächen, Widersprüchen und begrenztem Wahrheitsanspruch immer noch mit Abstand das beste und erfolgreichste System darstellt, sich der Wirklichkeit und ihren Gesetzmäßigkeiten zu nähern. Die Tatsache, dass der Autor in dem Text (gefühlt) auf jeder fünften Seite auf die Vorläufigkeit von Erkenntnissen hinweist, stärkt nicht gerade seine Argumentationskraft.
Kritisch ist auch anzumerken, dass STROHMEYER etwas locker mit den verschiedenen Entscheidungsebenen umgeht: Er tut wiederholt so, als ob sich Wissenschaftler permanent anmaßen würden, jede Einzelmaßnahme streng empirisch – und damit unangreifbar – aus der Faktenlage ableiten zu wollen. Den meisten Klimawissenschaftlern würde es völlig ausreichen, wenn die (längst vollzogene) Verpflichtung auf die Klimaziele endlich unwidersprochene und unhinterfragte reale Politik würde. Auf diesem Hintergrund läuft auch das Schlusskapitel ziemlich ins Leere, in dem der Autor eine saubere (aber kooperative) Arbeitsteilung zwischen den beiden Bereichen vorschlägt. Die meisten Wissenschaftler würden da wohl kaum widersprechen.

So bleibt am Ende ein gemischtes Bild: Wer in dem unübersichtlichen Gelände von Wissenschaft und Politik nach niveauvoller und facettenreicher Weise nach Orientierung sucht, dem/der macht STROSCHNEIDER hier ein attraktives Angebot. Jede zukünftige Diskussion wird davon mit Sicherheit profitieren.
Man muss allerdings in kauf nehmen, dass die Prioritäten vom Autor klar gesetzt sind: Er glaubt nicht daran, dass der Zeit- und Problemdruck eine Neuverteilung der Einflussfaktoren erforderlich macht.
Also lieber die Kipppunkte reißen als den Fakten zu viel Macht im Spiel der Kräfte geben?!

“Moralspektakel” von Philipp HÜBL

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Philosoph HÜBL hat vor einigen Jahren ein großartiges Buch über die emotionalen und rationalen Grundlagen der Moral geschrieben (“Die aufgeregte Gesellschaft“, 2019). Mit seinem neuen Buch bleibt er dem Thema verbunden und liefert eine kritische Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen, in denen moralische Fragen dazu missbraucht werden, Anerkennung und Status zu generieren, Andersdenkende vom politischen Diskurs auszuschließen, Macht auszuüben und die gesellschaftliche Stimmung zu polarisieren.
Damit reiht sich das Buch in die aktuellen Betrachtungen zu den Phänomenen “Wokeness” und “Cancel Culture” ein – die vom Autor in den weiter gefassten Begriff “Moralspektakel” integriert werden.

Es fällt schnell auf, dass HÜBL wohl so ziemlich mit all den modernen Begrifflichkeiten vertraut ist, die man im Umfeld des moralisch aufgeladenen Diskussionsklimas vorfindet. Das ist schonmal informativ und hilfreich.
Darüber hinaus kommt es den Lesenden entgegen, dass sie einen gut strukturierten und didaktisch sorgfältig aufbereiteten Text angeboten bekommen. Obwohl er mit Hinweisen auf empirische Untersuchungen nicht geizt und einen beeindruckenden Anhang (mit Anmerkungen, Literatur-, Namens- und Sachregister) liefert, tritt der Autor nicht als nüchterner Wissenschaftler auf. HÜBL versteckt seine Position nicht, an jeder Stelle wird deutlich, dass er hier für seine Sichtweise wirbt.

In einem Einleitungskapitel legt der Autor seinen wesentlichen Gedankenlinien schon recht umfangreich dar. Das gibt den Leser/innen Orientierung, schafft aber auch die Grundlage für einige spätere Redundanzen.

HÜBL steigt ein mit einem historischen Rückblick auf die moralischen Maßstäbe und Diskussionen der letzten Jahrzehnte und beschreibt eine deutliche Verschiebung in Richtung einer zunehmender Empfindsamkeit, einer Ausweitung von Themen/Anlässen und einer gesteigerten emotionalen Aufladung. Da Gesellschaften “objektiv” eher offener und toleranter geworden seien, könne man angesichts des Klagens über Moraldefizite von einem “Moralparadox” sprechen.
Ein zweiter Blick gilt den allgemeinen Grundlagen von Ethik und Moral: HÜBL betrachtet biologische, evolutionäre, philosophische, kulturelle und psychologische Bausteine sowohl unseres Moralempfindens, als auch der Alltagsmoral. Dabei kommen auch (kognitive) Verzerrungen in Wahrnehmung und Urteilen zur Sprache, ebenso wie unsere – tief verwurzelte – Neigung, uns über Moral selbst aufzuwerten und unseren sozialen Status zu sichern bzw. zu erhöhen.
Auf soziologisch-kultureller Ebene arbeitet der Autor unterschiedliche Moralkulturen heraus: Ehrenkulturen, Würdekulturen und Opferkulturen zeigen typische Werte-Muster, die für das moralische Klima entscheidend sind. Der Autor sieht uns gerade auf einem (inzwischen übertriebenen) Weg in einer Kultur der Verletzlichkeit und Fürsorge, in der manchmal eine geradezu pathologische Sorge bestehe, selbst geringste (von den vermeintlichen Opfern selbst oft gar nicht registrierte) Benachteiligungen bestimmter Minderheiten-Gruppen zu übersehen.

HÜBL sieht in der großen Bedeutung der eigenen Moral für die Definition der Identität ein Grund dafür, dass die moralische Außendarstellung – unter Einfluss der sozialen Medien – inzwischen eine überbordende Rolle spielt. Der Wettbewerbe um Status und Einfluss wird – so ist HÜBL überzeugt – heute bevorzugt auf der Ebene der (vermeintlichen) moralischen Überlegenheit ausgetragen: sein “moralisches Kapital” zu vermehren sei heute ein zentrales Ziel für Individuen, Unternehmen und gesellschaftliche Gruppen. Dabei seien an allen Ecken Trittbrettfahrer und Etikettenschwindler zu finden; moralische Empörung und Effekthascherei machten sich insbesondere in der digitalen Welt breit. Der Drang zur perfekten moralischen Reinheit führe im Extrem zur permanenten Selbstgeißelung als Angehöriger einer privilegierten Gruppe.

In einem zweiten Teil seines Buches wendet der Autor seine Analysen auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse an: Er spricht von Opfer-Hochstablern, von links- und rechtsgerichtetem Autoritarismus, von Trollen und Narzissten, von Einschüchterungskultur und Shitstorms. Und natürlich von Wokeness, Cancel-Culture und dem Unterschied zwischen (“inklusiver”) Sprache und Realität.
Generell gilt: HÜBL mag einfach keine Moral-Überheblichkeit – insbesondere, wenn das eigene Verhalten den – oft ins Uferlose gesteigerten – Ansprüchen an andere nicht gerecht wird. Da gilt es dann, hinter dem Moralspektakel die tatsächlichen Motive und Strategien zu erkennen.

Nachdem sich der Autor noch einige Kernbegriffe des moralischen Diskurses kritisch zur Brust genommen hat, stellt er die Schwächen des Konzeptes der “Intersektionalität” (der Addition einzelner Diskriminierungsmerkmale) dar: Die hier konstruierten Opferhierarchien hielten der Realitätsüberprüfung oft nicht stand. Da fällt dann auch mal ein kritisches Wort zur wissenschaftlichen Güte gewisser Gender-Studies, zu der Bereitschaft, wissenschaftliche Standards zu relativieren, wenn damit dem “indigenen Wissen” einer kolonialisierten Kultur geschmeichelt wird und zu der Aufnahme von Wokeness-Ansprüchen in die Kriterien für wissenschaftliche Veröffentlichungen.
Von das aus ist es nicht mehr weit zu der Schlussfolgerung, dass es oft der linksliberale Mainstream mit seiner reflexhaften Toleranz auch für die Positionen radikaler Aktivisten ist, der als Gegenbewegung einen rechtskonservativen Roll-Back erzeugt.

Der anregende – und stellenweise durchaus auch leicht provokante – Text wird durch acht nachvollziehbare Vorschläge gekrönt, die dem Moralspektakel das Wasser abgraben sollen: Da geht es um Universalität, Faktenbezug, Offenheit der Diskussion und eine vernunftbezogene moralische Bescheidenheit.

HÜBL wird sich mit dieser Publikation in den progressiven Kreisen sicher nicht nur Freude/Freundinnen machen; manche seiner Statements hinterlassen sicher den ein oder anderen Kratzer. Dass er das in kauf nimmt, ist ihm hoch anzurechnen.
Die Seiten gewechselt hat der Autor mit diesem streitbaren Text nicht: Indem er die Übertreibungen bekämpft, will er letztlich die aufgeklärten, toleranten und freiheitlichen gesellschaftlichen Entwicklungen stärken und erhalten.


“Das ausgeglichene Gehirn” von Dr. Camilla NORD

Bewertung: 4.5 von 5.

Mal wieder ein Buch über das Gehirn und die Neurowissenschaft. Geht es in der Masse ähnlicher Publikationen unter? Meine Antwort lautet: “nein”!

Wir haben es hier mit einem besonderen, vielleicht sogar mutigen Projekt zu tun. Für eine Einführung in die Gehirnforschung ist die Fragestellung viel zu speziell. Für ein populärwissenschaftliches Sachbuch geht es zu sehr in die Tiefe, ins Detail. Für ein lupenreines Fachbuch ist der Schreibstil ein wenig zu persönlich, zu journalistisch. Für ein Ratgeber-Buch sind die dargestellten Zusammenhänge zu komplex und die Schlussfolgerungen bzw. Empfehlungen nicht plakativ genug.
NORD entzieht sich also mit ihrem Buch einer klaren Zuordnung – aber was sagt das über die anvisierte Zielgruppe aus? Man könnte diese wohl am ehesten in pädagogischen, psychologischen, therapeutischen oder medizinischen Fachkreisen vermuten – oder bei sehr interessierten Laien, die gerne mal unter die Oberfläche tauchen.

In ihrem Labor (in Cambridge) untersucht NORD die Interaktion zwischen Gehirn und Körper bei neuropsychiatrischen Störungen und greift dabei auf kognitive und computergestützte neurowissenschaftliche Methoden zurück.
Mit dieser Publikation verfolgt die Autorin durchaus einen weitgehenden Anspruch: Sie will die Leserschaft davon überzeugen, dass bestimmte grundlegenden neuronale Prozesse nicht nur entscheidenden Einfluss sowohl auf körperliche als auch auf psychische Störungen haben, sondern dass deren Verständnis auch die Basis für eine neue Qualität therapeutischer Interventionen bilden kann. Ihr Endziel ist dabei ein möglichst individualisiertes Vorgehen, das medikamentöse und psychotherapeutische Maßnahmen auf die jeweils spezifischen neurologischen Ausgangsbedingungen ausrichtet.

Man merkt dem Buch von der ersten Seite ab an, dass hier ein sorgfältig strukturiertes didaktischen Konzept verfolgt wird. NORD widmet sich zunächst den Phänomenen “Lust” und “Schmerz”, erläutert dann die Prinzipien der “Erwartungshaltung” und des “Vorhersagefehlers” und kommt dann auf den Aspekt “Motivation/Antrieb” zu sprechen.
Dahinter steht der Grundgedanke, dass die Fähigkeit, angenehme Zustände anstreben (und Schmerz regulieren) zu können ein Fundament für psychische Gesundheit darstellt – und dass dabei immer eine Verzahnung von physiologischen und kognitiven Aspekten eine Rolle spielt.
NORD führt uns in das komplexe Zusammenspiel der Neurochemikalien ein und demonstriert insbesondere am Beispiel der Depression das Ineinandergreifen von Körper, Gehirn, Kognition und Psyche, das bei verschiedenen Menschen zu ganz unterschiedlichen “Schaltkreisen” (z.B. im Lern- und Belohnungssystem) führen kann – und damit auch zu einer unterschiedlichen Wirksamkeit von Therapien.
In einem eigenen Kapitel über Antidepressiva wird hierzu detailliertes und fundiertes Wissen geliefert.

Die zentrale Bedeutung von Erwartungen für Gesundheit und Wohlbefinden wird im Kapitel über die Placebo-Wirkung weiter vertieft. NORD ist überzeugt, dass ohne die Veränderung von konkreten Erwartungen und allgemeinen Glaubenssätzen/Weltsichten keine Heilung psychischer Störungen möglich ist. Dabei ist für sie letztlich zweitrangig, ob die entscheidende Veränderung durch Medikamente, Elektrostimulation, Psychedelika oder kognitive Verhaltenstherapie herbeigeführt werden (am besten wäre immer eine Kombination).
NORD geht so weit, dass sie nicht nur die Grenzen zwischen den Einflussfaktoren ebnet, sondern auch die klare Trennung zwischen den gängigen Störungsbildern in Frage stellt. Sie ist mehr an den konkreten beteiligten Regulationskreisen und ihrer Beeinflussbarkeit interessiert als an klassischen Diagnosekriterien.

Mit den Spezialkapiteln über klassische und moderne Elektrostimulation, über den Einsatz psychedelischer Drogen und die Bedeutung von Lebensstil (Bewegung/Ernährung) löst NORD endgültig den Anspruch ein, einen aktuellen und anregenden Überblick über den Zusammenhang zwischen Neurowissenschaft und psychischer Gesundheit vorzulegen.
Sympathisch ist dabei, dass NORD durchweg vorsichtig und differenziert argumentiert: Immer wieder warnt sie vor zu schnellen und einseitigen Schlussfolgerungen, mahnt Zurückhaltung und weitere Forschung an. Hier möchte niemand den Stein der Weisen verkünden, hier wird kein neuer Therapieansatz gehypt.
NORD stellt eine spezielle Sichtweise vor, durch die sich die Frage nach dem Vorrang von Psyche und Gehirn endgültig erledigt. Sie zeigt eher eine vielversprechende Forschungsperspektive vor als eine fertige Lösung: “Science in progress”!
Ein bisschen Selbsthilfe ist dann am Ende doch dabei – aber auch das geht sympathisch unaufgeregt und abgewogen vonstatten.

Nein – dieses Buch geht nicht in der Masse der Gehirn-Erklärungs-Werke unter.
Es ist ein mutiges und aufklärerisches Buch, weil es in die Tiefe geht, aber letztlich einfache bzw. endgültige Antworten vorenthält.