„Wolkenkuckucksland“ von Anthony DOERR

Bewertung: 4.5 von 5.

Die beiden mir bekannten Romane von DOERR („Winklers Traum vom Wasser„, „Alles Licht, das wir nicht sehen“) zeichneten sich durch hohe sprachliche und emotionale Intensität aus. Deshalb konnte und wollte ich mich ganz schnell ins Wolkenkuckucksland führen lassen. Ich habe mich für die Hörbuch-Variante entschieden.

Der Roman ist kunstvoll konstruiert: Er findet nicht nur auf drei Zeitebenen statt, sondern umfasst in diesen Epochen (Mittelalter, Gegenwart und nahe Zukunft) jeweils auch noch längere Zeitabschnitte, die – zu allem Überfluss – auch nicht immer chronologisch abgearbeitet werden. Als erste Aufgabe an die Leser/innen steht da ein wenig Orientierungsarbeit ins Haus.
Wie sich das für einen solchen komplexen Plot gehört, gibt es natürlich ein verbindendes Element: den fragmentarisch überlieferten altertümlichen Text vom Wolkenkuckucksland, dessen Weg durch die Jahrhunderte zu einer eigenen Geschichte in den Geschichten wird.
Eins wird im Laufe der Erzählung immer deutlicher: DOERR zelebriert mit diesem Roman nicht nur dieses spezielle schriftliche Zeugnis, sondern die Literatur, das Lesen, die Bücher schlechthin.

In diesem beeindruckenden historischen Panorama streckt ein ganzes Kaleidoskop an Themen, Ideen und menschlichen Grunderfahrungen: Es geht um Armut, Krieg, Willkür, Grausamkeit, Wissensdurst, Solidarität, Mitgefühl, Loyalität und Liebe.
Da, wo der Autor seine Schwerpunkte setzt, tut er das mit einer – oft geradezu schonungslosen – Detailtiefe. Wir erleben z.B. die Belagerung Konstantinopels so hautnah, als hätten wir selbst die neuen Kanonenwaffen mit unseren Ochsen herangeschleppt; ebenso teilen wir das Bangen und die verzweifelte Gegenwehr der Eingeschlossenen.
DUERR geht nicht nur dicht heran, sondern benutzt seine Sprachkünste auch zur Vermittlung der Härte des Lebens und des Leidens der Protagonisten.

Egal in welche Zeit wir schauen: die Figuren, die wir kennenlernen, sind alle keine glänzende Helden; sie sind geprägt durch biografische Belastungen und Brüche. Doch sie tragen auch eine innere Orientierung in sich, sind geerdet und geprägt in einem ureigenen Wertesystem. Dabei spielt weniger Intellektualität eine Rolle, es ist eher die „Weisheit der Herzen“ (oder „die Kraft der unmittelbaren Menschlichkeit“), die wir in und durch die Protagonisten gezeigt und vorgelebt bekommen.
Natürlich gibt es zahlreiche Bezüge zwischen der verbindenden „Ur-Geschichte“ vom Wolkenkuckucksland und den Handlungssträngen des Romans. Dieses Buch ist so überbordend gefüllt mit Metaphern, Bildern, Anspielungen und philosophischen Ideen, das man es sicher mehrfach lesen (oder hören) müsste, um dem wirklich gerecht zu werden.

Dieses Buch lädt zum Eintauchen und Verweilen ein. Es ist keine leichte und schnelle Kost. Es nimmt einen mit in den Schlamm, den Schmerz, die Ohnmacht – und zeigt gleichzeitig auch die Kraft und die Sinngebung zum Weiterleben.
So wie der Text des Wolkenkuckucksland über die Generationen und Jahrhunderte überliefert wurde, ist vielleicht auch das Leben des Einzelnen nur eine kleine Stufe auf der historischen Treppe der Menschheit. Sollten wir uns möglicherweise selbst nicht so fürchterlich wichtig nehmen?

Die Grundcharakteristik des Romans ist möglicherweise auch eine (kleine) Schwäche: Man muss schon Gefallen finden an solch einer verschachtelten Komposition, man muss Vergnügen daran finden, sich in die Stränge hineinzuarbeiten – sonst kann es auch als verwirrend, anstrengend oder gar als Zumutung empfunden werden.
Auch die Detailtiefe kann schon mal nervig werden: Wieviel Geduld hat man als Leser/in bei der (gefühlt stundenlangen) Begleitung des Ochsengespanns Richtung Konstantinopel?

Sich dieses Buch als Hörbuch zu gönnen, ist ganz sicher keine schlechte Idee. Frank ARNOLD ist ein toller Sprecher, der mit seiner Stimme ein absolut stimmiger Erzähler für diese ausladende Geschichte ist.
Ein kleiner Tipp: Legt euch in der ersten Stunde einen kleinen Zettel bereit, auf dem ihr kurz die Namen der Protagonisten, die Zeit bzw. den Handlungsort notiert. So sind dann die Wechsel der Ebenen leichter nachzuvollziehen. Später ist das dann kein Problem mehr…

Hat es sich gelohnt?

Ein kleines Gefühl von Aufbruch ist entstanden – ganz zu Beginn der Sondierungsgespräche – symbolisiert durch das berühmte Selfie.
Und jetzt – nur noch Frust?

Natürlich habe ich für die Annahme des Koalitions-Vertrages gestimmt. Ich bin ja schließlich ein „Realo“, dem auch kompromissbehaftete Schritte lieber sind als ein verschmollter Rückzug.
Aber: Begeisterung sieht sicher anders aus!

Meine größte Enttäuschung ist schon sehr früh in diesem Jahr entstanden, ganz am Anfang des Wahlkampfes. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass in einer historisch so besonderen Situation, in der der Staat Unsummen für Corona ausgeben musste und die Herkulesaufgabe der Nachhaltigkeits-Wende bevorstand, die Unionsparteien und die FDP ihr höchste Berufung darin sahen, die Spitzenverdiener und Vermögenden von jedem solidarischen Sonder-Beitrag zur Finanzierung der dringlichen Aufgaben zu schützen.
Eine – aus meiner Sicht – geradezu erbärmliche und verantwortungslose Klientelpolitik, ausgerechnet für die Gewinner der letzten Boom-Jahre.
Auf dieser Grundlage (ergänzt um das starre Festhalten an der Schuldenbremse) waren die finanziellen Optionen der Ampel von Anfang an stark begrenzt.

Eindeutig positiv sind wohl die grundlegenden Weichenstellungen im Energie-Sektor zu bewerten. Überhaupt: An den großen Vorgaben mangelt es nicht; das 1,5-Grad-ZIel scheint zumindest in Reichweite zu sein. Trotzdem sind eine Reihe von Einzelergebnissen sehr enttäuschend: Über das symbolträchtige Tempolimit wurde schon oft genug gesprochen, auch ein wirklich tatkräftiger Vorstoß in Richtung Fahrrad-Verkehrswende und „Güter auf die Bahn“ ist nicht zu erkennen. Bei der CO2-Bepreisung ist man angesichts der aktuellen Marktsituation eingeknickt.

Von unserem Star-Philosophen PRECHT wurde es schon vor einigen Wochen vorauseilend kritisiert: Sollten die GRÜNEN das Außenministerium anstreben, wäre das ein Verrat an den wirklich bedeutsamen Themen und könne letztlich nur der persönlichen Eitelkeit von Annalena BAERBOCK nützen.
Mich überzeugt das Schlechtreden nicht wirklich: Ich halte das Ziel einer „Klima-Außenpolitik“ für durchaus nachvollziehbar: Alles, was international in Bewegung gebracht werden kann, könnte die Wirkung von deutschen Maßnahmen potenzieren. Und eine stärker wertegebundene Außenpolitik halte ich auch für erstrebenswert.
Soll sie sich doch bewähren, unsere Annalena! (An Joschka FISCHER hat anfangs auch kaum jemand geglaubt).

Die Corona-Lage hat den inneren Zusammenhalt der Ampel schon vor deren Start belastet und getestet. Ich hoffe sehr, dass sich die FDP zu späteren als Zeiten daran erinnert, wie solidarisch jetzt die GRÜNEN den völlig verunglückten „Freiheits-Trip“ mitgetragen haben. Mal sehen, ob bei Gegenwind im Energiebereich die Reihen genauso geschlossen bleiben.

Die gefeierte und beschworene „gesellschaftliche Erneuerung“ ist mich nicht ganz so bedeutsam. Ich bin nicht in allen Bereichen sicher, ob wir wirklich mehr Individualismus und Freiheitsspielraum brauchen (z.B. sehe ich das Transgender-Thema deutlich differenzierter, als das GRÜNE und FDP tun).

Ich bedaure es sehr, dass diese entscheidende Anfangsphase der neuen Koalition so massiv überschattet ist. Ich hätte der Ampel einen schwungvolleren und zuversichtlicheren Start sehr gewünscht; es hätte uns allen vermutlich gutgetan.
Auch der Fundi/Realo-Streit war ein ärgerlicher Stimmungskiller. Schade, aber wohl unvermeidlich.

Diese wahrhaft gemäßigte Regierung als „links-gelb“ zu bezeichnen, ist geradezu grotesk – und kann nur als vorgezogener Wahlkampf-Gag der Union verstanden werden.
Wir haben eine Regierung, die gemeinsam auf Wohlstand und Wachstum setzt – in einer dekarbonisierten Wirtschaft.
Unser Planet braucht ganz sicher eine sehr viel grundsätzlichere Umsteuerung. Ich hoffe sehr, dass die GRÜNEN diese Zielsetzung auf dem mühsamen Weg der Realpolitik nicht ganz aus den Augen verlieren…

„Material Girls – Why Reality Matters for Feminism“ von Kathleen STOCK

Bewertung: 4.5 von 5.

Vorweg eine Warnung:
Hier schreibt ein binär-heterosexueller „Alter Weißer Mann“ über das Buch einer lesbischen Feministin, die sich kritisch mit der aktuellen „Transgender-Theorie“ auseinandersetzt.
Damit ist ein so weiter Bogen aufgespannt, dass wohl eine Entscheidung ansteht: Entweder man hält dieses Unterfangen (also meine Rezension) für eine Anmaßung (oder mindestens als vom Prinzip her irrelevant) – oder es entsteht erst recht eine Neugier: Kann man aus dieser neutral-distanzierten Perspektive wirklich etwas Substantielles über so ein Buch aussagen? Oder vielleicht gerade?

Zur Motivation:
Wie komme ich dazu, viele Stunden meines Lebens auf das Studium eines englisch-sprachigen Fachbuches zu verwenden, dessen Gegenstand keinen direkten Bezug zu meinem persönlichen und sozialen Leben hat – und das auch nur eine recht kleine gesellschaftliche Minderheit betrifft?
Mit einer gewissen Ratlosigkeit beobachte ich seit einiger Zeit eine Art „Hypersensibilität“ gegenüber (vermeintlichen) Diskriminierungen aller Art. Auf diesem Hintergrund wurde ich durch einen Online-Artikel der ZEIT auf die massiven (ideologischen) Konflikte aufmerksam, die die Autorin dieses Buches letztlich zu einer Aufgabe ihrer Professur an einer ehrwürdigen englischen Universität gebracht hat.
Das wollte ich genauer wissen: Welche Haltungen und Äußerungen dieser Hochschullehrerin hat diese Entwicklung ausgelöst? Kann man das nachvollziehen?

Anders als es durch Titel und Cover suggeriert wird, handelt es sich bei „Material Girls“ überwiegend um ein extrem gut strukturiertes und didaktisch vorbildlich aufbereitetes Fachbuch. STOCK definiert Begriffe, informiert, argumentiert, nennt (unglaublich viele) Quellen, bezieht sich immer wieder auf die relevanten Protagonisten der Transgender-Diskussion und macht durchweg deutlich, wenn sie nicht als Wissenschaftlerin, sondern als Trägerin einer bestimmten Überzeugung auftritt. Das alles ist vom Aufbau her vorbildlich und macht es auch einem „fremdsprachigen“ Leser recht leicht, den Argumentationslinien zu folgen.
Es wird schnell deutlich, dass STOCK ganz bewusst diesen wissenschaftlichen Stil wählt und pflegt, um sich auch auf dieser Ebene von bestimmten Trans-Aktivist*innen (bei diesem Thema ist Gendern alternativlos) zu unterscheiden. Eines ihrer Kritikpunkte besteht nämlich darin, dass sich eine Großteil der aktuellen Trans-Gender-Bewegung einer intellektuellen oder theoretischen Auseinandersetzung entziehe und sich nur noch als politische Kampftruppe verstehe (in der selbst eine gewisse Differenzierung von Konzepten schon als Gegnerschaft verstanden und mit Gesprächsabbruch und persönlicher Verunglimpfung beantwortet werde).

Der Nutzen dieses Buches liegt eindeutig darin, dass man ganz systematisch, Schritt für Schritt in die Thematik eingeführt wird. Es gibt einen historischen Abriss der wesentlichen Entwicklungs-Stufen in den Transgender-Konzepten; die wichtigsten Autor*innen und Publikationen werden vorgestellt. Alle im Kontext benutzten Begriff werden genannt, kritisch hinterfragt und dann hinsichtlich der weiteren Nutzung in dem Text sauber definiert.
Im weiteren geht es dann darum,
– was Geschlecht („sex“) eigentlich ist,
– warum die (biologische) Geschlechtszugehörigkeit weiterhin ein sinnvolles und unverzichtbares Konzept darstellt,
– was „Gender-Identität“ genau ist,
– was eine Frau zu einer Frau macht,
– wie man sich die radikalen Ausprägungen der „Gender-Identität“ erklären könnte,
– wie es dazu kommen konnte, dass diese (Transgender-)Bewegung so gesellschaftlich und politisch einflussreich (und damit auch gefährlich für den Feminismus) werden konnte,
– wie ein zukünftiger Umgang der verschiedenen Gruppen miteinander und eine (wissenschaftlich seriöse) Weiterentwicklung der Konzepte aussehen könnte.

Inhaltlich soll es hier exemplarisch um einen (allerdings zentralen) Punkt gehen:
STOCK macht anschaulich deutlich, welche Implikationen das aktuelle Selbstverständnis der Transgender-Bewegung hätte (und in einigen Ländern bereits hat): Der Umstand, das jede Person (völlig unabhängig vom biologischen Geschlecht) für sich frei eine beliebige „Gender-Identität“ definieren kann und dann einen (moralischen und juristischen) Anspruch darauf hat, von seiner sozialen Umgebung, von allen Institutionen und vom Gesetzgeber entsprechend behandelt zu werden – diese Situation führt zu einer Reihe von Absurditäten (die aber von den Aktivist*innen genau so auch gewollt sind): Trans-Frauen (also biologische Männer mit einer selbst-definierten weiblichen Gender-Identität) hätten/haben so das Recht auf Zugang zu allen Bereichen, Einrichtungen und Aktivitäten, die bisher (aus guten Gründen) nach Geschlecht getrennt (bzw. Frauen vorbehalten) waren: Toiletten, Umkleideräume, Schlafsäle, Schutzzentren, Gefängnisse, sportlichen Wettkämpfen, Personaldokumente, statistische Daten-Erfassung (z.B. Kriminalstatistik!).
Das Motto „eine Trans-Frau ist eine Frau“ (egal wie männlich ihr Körper ist) brächte/bringt einiges Durcheinander in einer Gesellschaft…
Da die Autorin erklärte Feministin ist, betrachtet sie die Folgen auf die Ziele der Frauenbewegung äußerst genau und kritisch.

Natürlich ist der Blick der Autorin nicht nur auf diese Facette der politischen Lobby-Arbeit dieser Bewegung gerichtet. Diskutiert wird z.B. auch die Situation der Transsexuellen, die sich tatsächlich um eine Anpassung ihrer körperlich Bedingungen an die von ihnen erlebte Geschlechtlichkeit bemühen. Auch wird das Schicksal der Kinder beleuchtet, die – so sieht es die Autorin – häufig von ihren trans-engagierten Eltern in ganz erhebliche eigene Identitäts-Konflikte „getrieben“ werden.
Um es nochmal zu sagen: Dieses Buch ist eine Fundgruppe für alle Menschen, die sich in diese Thematik einlesen möchten und es ertragen, dass differenziert und kritisch (und auf der Basis von Quellen und Fakten) argumentiert wird.

Bleibt die Frage: Warum lassen sich augenscheinlich so viele Menschen von einer Bewegung überzeugen, die so augenscheinlich kontra-intuitiv ist. Denn wer würde – außerhalb des hier beschriebenen Kontextes – denn wirklich ernsthaft behaupten, dass die beiden Geschlechtsbezeichnungen „männlich“ und „weiblich“ keine brauchbaren Kategorien mehr wären (um bestimmte Phänomene zu beschreiben, also die Welt irgendwie zu ordnen) und sie restlos durch die „gefühlten Identitäten“ ersetzt werden könnten?
Es ist wohl (so beschreibt es auch die Autorin) eine oft unreflektierte Mischung von meist irgendwie gut gemeinten Haltungen und Motiven, die sich als eine „allgemein progressiv-empathischen Grundsolidarität gegenüber Minderheiten“ beschreiben ließe, die aufgrund ihrer Abweichung vom gesellschaftlichen Mainstream Benachteiligung und sogar Hass auf sich ziehen könnten. Unter diesem großen Schirm der „freiheitlichen Selbstbestimmung und bedingungslosen Toleranz“ ist einfach eine Menge Platz – nicht zuletzt auch für so spannende und faszinierende Dinge wie Spielarten der Geschlechtlichkeit und deren facettenreiches Ausleben.
Eine zweite Spur der Erklärung: Viele Menschen scheinen zu glauben, dass der Kampf gegen die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen nur dann gewonnen werden könnte, wenn man die Bedeutung der biologischen Basis prinzipiell leugnen würde. So. als ob die Zuschreibung von Geschlechtsstereotypien unlösbar mit der Akzeptanz einer biologischen Geschlechtlichkeit verbunden seien.

Bleibt zu Schluss noch der Hinweis darauf, dass in dem Buch von STOCK an keiner Stelle die Solidarität für die betroffenen Menschen in Frage gestellt wird – egal an welcher Stelle sie sich gerade persönlich verortet fühlen. Im Gegenteil: Die Autorin lädt ein zu einem gemeinsamen Kampf gegen gemeinsame Barrieren und Gegner; sie will allerdings unbedingt vermeiden, dass die Ideologie der Trans-Aktivisten zu Nachteilen für die Frauenbewegung führt.

Das Buch ist ganz sicher viel differenzierter als dieser Versuch einer zusammenfassenden Bewertung sein kann; man möge mir das nachsehen.
(Wer das mal alles genauer wissen will: Das Buch ist als englischen EBook erstaunlich preiswert).

Wenn so jemand – wie diese aufgeklärte und tolerante Professorin – im akademischen Betrieb keinen Platz mehr findet – dann geht es um mehr als um ein bestimmtes hochemotionales Thema: Dann stimmt etwas Grundsätzliches mit der Form der Auseinandersetzung nicht mehr!

„Kintsugi“ von Andrea LÖHNDORF

Bewertung: 4 von 5.

Fernöstliche Traditionen und Weisheiten sind schon lange „in“. In früheren Jahrzehnten waren Einflüsse aus Indien, China und Japan eher den Bereichen Religion, Mystik und Esoterik zuzuordnen; im Rahmen der Achtsamkeits-Welle hat sich das deutlich verändert. Meditation und ähnliche Praktiken sind heutzutage tief in den westlichen Lifestyle eingedrungen – bis nahe an die Grenze des Selbstoptimierungs-Wahns.

Die Japanische Kintsugi-Tradition hat es noch nicht ganz so weit gebracht. Die traditionellen Haltungen, die sich um diese Kunst der „Neuzusammensetzung“ ranken, lassen sich wohl nicht so schnell in einfache Handlungsanweisungen übersetzen.
Die auf östliche Lehren spezialisierte Lektorin LÖHNDORF hat einen Versuch unternommen, die asiatische Lebenskunst für uns Wessis verständlich und nutzbar zu machen.

Ursprünglich beschreibt Kintsugi eine handwerkliche Technik, in der die Scherben einer zerbrochenen Keramik so zusammengesetzt werden, dass die Risse bzw. Klebestellen nicht versteckt, sondern besonders betont werden (z.B. mit goldener Färbung). So entsteht ein einzigartiges Kunstwerk – gerade weil es auf einem vorherigen Zusammenbruch aufbaut.
Eine tolle Metapher für psychische Krisen aller Art und den Stolz, den deren Bewältigung auslösen könnte (sollte).

LÖHNDORF widersteht der Versuchung, auf diesem schönen Bild ein ganz normales Selbsthilfe-Ratgeberbuch aufzubauen (so wie es der spanische Psychologe NAVARRO in seinem gleichnamigen Buch gemacht hat). Die Autorin bleibt respektvoll und sensibel im kulturellen Kontext und lädt ein, die japanische Mentalität Schritt für Schritt zu erkunden.

Doch ist auch für LÖHNDORF dieser Ausflug in fremde Denkweisen keineswegs ein Selbstzweck: Endziel ist auch hier die Anwendung auf das eigene Leben. Die Konzepte und Werkzeuge „Wabi-Sabi“ (Akzeptanz u. Selbstmitgefühl), „Zen“ (Achtsamkeit, Stille u. Einfachheit), „Ikigai“ (persönlicher Lebenssinn), „Kaizen“ (Prinzip der kleinen Schritte) und „Yui Maru“ (Zugehörigkeit) werden nicht nur einfühlsam und kultursensibel dargestellt, sondern auch mit Hilfe von Beispielen und kleinen Übungen handhabbar gemacht.
Angereichert wird die Darstellung durch kleine Geschichten bzw. Anekdoten; in den Text eingewoben sind kurze Sinnsprüche und Zitate aus Ost und West.

Der Autorin ist das Gleichgewicht zwischen Innensicht (am Beispiel von Tee-Zeremonien, der Freude an Naturspaziergängen, der Sinn für Einfachheit und Gemeinschaft) und praktischer Nutzung zur Selbsthilfe sehr gut gelungen. Man erlebt einen fließenden Übergang, keine verkrampft-gezwungene Zuordnung. Die Übungen zur Selbstreflexion, die Anleitungen zu Verhaltensübungen atmen einen ähnlichen Geist wie die ursprünglichen Vorbilder: Kein Hauruck, kein „alles ist möglich“, kein Selbstoptimierungs-Kauderwelsch. Es geht sanft zu, langsam und achtsam. Man fühlt sich schon fast wie ein japanischer Teemeister…

Angenehm und seriös wirkt auch, dass LÖHNDORF sich thematisch auf persönliches Wachstum und kleinere Lebenskrisen beschränkt und nicht den Eindruck erweckt, dass hier ein Rezeptbuch für die Selbsttherapie von ernsthaften psychischen Störungen angeboten wird.

Insgesamt hat LÖHNDORF ein sympathisches Büchlein geschaffen, das in unaufgeregter Art zu einem lohnenden kulturellen Ausflug einlädt: Wir können ohne Zweifel etwas lernen von japanischen Lebensweisheiten – ohne gleich in ein schwurbeliges Alternativ-Weltbild abzutauchen. Die Vorschläge und Anregungen, die hier gemacht werden, sind alltagskompatibel. Und zum Glück werden nicht gleich Wunder versprochen…

„Kintsugi“ von Tomás NAVARRO

Bewertung: 2.5 von 5.

Mit psychologischen Selbsthilfebüchern ist das so eine Sache: Sie sind immer gut gemeint, darin steht (fast) immer eine Menge sinnvoller Dinge, ihr konkreter Nutzen für eine bestimmte Person mit einem bestimmten Problem in einer bestimmten Konstellation kann extrem unterschiedlich ausfallen.
Kann es da überhaupt überhaupt Maßstäbe für eine „objektive“ Bewertung geben?
Ja: Eine Rezension ist zwar auch dann grundsätzliche subjektiv, wenn es um eine Sachthema geht; aber es gibt doch ein paar Kriterien, auf die eine bewertende Einordnung basieren kann. Dabei macht es sicher einen Unterschied, ob dies aus der Perspektive einer betroffenen (ratsuchenden) Person erfolgt oder auf der Basis einer gewissen Expertise.
Ich ordne mich der zweiten Gruppe zu.

Als Rahmen für dieses Buch definiert der spanische Psychologe NAVARRO eine alte japanische Handwerks-Tradition: Geht ein wertvolle Keramik zu Bruch, werden nicht nur die Scherben sorgfältig wieder zusammengefügt, sondern – statt sie so gut wie möglich zu verstecken – betont man die Risse/Klebestellen ganz bewusst z.B. mit einer goldenen Färbung. Diese Idee lässt sich zweifelllos sehr gut als Metapher für psychische (Zusammen-)Brüche nutzen: Eine überwundene Krise, eine gelungene Wiederherstellung der persönlichen Integrität kann auch als eine Art „Veredelung“ durch neue Erfahrungen und Reifungsschritte betrachtet werden. Die (psychischen) Narben sind so keine Makel, sondern Zeichen von Lebenserfahrung und Bewältigungskompetenz.
Schaut man sich allerdings erwartungsvoll an, wie weit dieses schöne Bild den Gesamttext begleitet und trägt, entsteht eher Enttäuschung: Letztlich schreibt NAVARRO ein ganz normales Selbsthilfebuch; mindestens 90% des Textes wären unter einem anderen Titel genauso gut (oder schlecht) untergebracht.

Der Autor ist in einem ständigen Dialog mit seinen Leser/innen. Er bemüht sich mit großem Einsatz, sie abzuholen – bei ihrem Leid, ihrem Zweifel, ihrer Mutlosigkeit, ihrer Resignation, ihrer Kraftlosigkeit. „Ich verstehe euch“, sagt NAVARRO ohne Pause.
Man kann ihm das glauben: Er hat als Psychologe (als Psychotherapeut bezeichnet er sich nicht) offenbar viele psychisch belastete Menschen erlebt und begleitet; sicher kann er auch eine Menge eigene Lebenserfahrung einbringen (was er auch tut). Als Hilfesuchender fühlt man sich erstmal gut aufgehoben; der Umgang ist empathisch und einladend.
Inhaltlich geht es um gravierende Lebenskrisen (in Beruf, Beziehungen und Gesundheit), aber auch um psychische Störungen (insbesondere um Depression). Der Autor beschreibt, wie man sich in solchen Situationen fühlen kann und hat jeweils (mindestens) ein Fallbeispiel zur Hand, um das Thema mit Leben zu füllen. So weit, so gut.

Leider tut NAVARRO etwas, was in vielen solcher Ratgebern passiert: Er macht ziemlich große Versprechungen! Er bietet seine Unterstützung, sein „Handwerkszeug“ mit der festen Überzeugung (das sei ihm zugestanden) an, dass man auf seinem Wege auch zum Erfolg kommen kann. Er hat nämlich – so sein Angebot – die notwendigen Schritte herausgearbeitet und kann daher ganz genau sagen, was zu tun ist. Tolle Sache!?
So bekommt man in diesem Buch unglaublich viele konkrete Anweisungen bzw. Ratschläge, die (fast) alle nachvollziehbar und logisch erscheinen. Manchmal kommt NAVARRO sogar selbst auf die Idee, dass sich das vielleicht für die Betroffenen gerade etwas schwierig anfühlt: zu analysieren, Prioritäten zu setzen, an sich zu glauben, sich von Bewertungen anderer zu befreien, wieder Begeisterung zu empfinden, sich wertvoll zu finden…
Das hält ihn aber nicht davon ab, genauso weiter zu machen: Eine Aufforderung nach der anderen, die man – ein wenig zugespitzt – auch gleich so formulieren könnte: „Sei doch nicht mehr traurig, verzweifelt, einsam, antriebslos, negativ; versuch einfach, anders zu sein!“

Ja, es stimmt natürlich: Etwas mehr leistet der Autor in seinem Buch dann doch. Durch seine Systematisierungen und Aufgliederungen werden diffuse Zustände etwas klarer; scheinbar unüberwindbare Aufgaben werden in Einzelschritte aufgeteilt. NAVARRO macht Mut, motiviert, weißt auch auf die Punkte hin, wo Hilfe von außen notwendig wäre.
Es ist nur etwas ärgerlich, dass der Autor zwischendurch den Eindruck erweckt, als seien auch ziemlich ernste Krisen bzw. Brüche mit seinem System („du wirst es schon schaffen, wenn du meinen Vorschlägen folgst“) zu überwinden. Da fragt man sich dann doch, wie viel Erfahrung NAVARRO mit wirklich gravierenden psychischen Problemen hat (vor einer echten Depression hat er wohl doch ein wenig Respekt).

Ein Grund für diesen (leicht übertriebenen) Optimismus lässt sich ohne große Mühe in der Persönlichkeit des Autors finden: Er ist scheinbar eine Art Tausendsassa: naturverbunden, in körperlicher Höchstform (Bergsteiger, Marathonläufer), entscheidungsstark, voller Zuversicht, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeitserfahrungen.
So einem Menschen fällt es natürlicherweise ein wenig schwerer nachzuvollziehen, warum jemand die naheliegenden und logischen nächsten Schritte eben nicht hinbekommt.

Dieses Buch kann sicher hilfreich sein, wenn man sich in einer (mäßig ausgeprägten) Krisen- oder Umbruchphase reflektieren möchte, wenn man Anregungen und Bestätigung sucht, wenn man ein wenig Mut und Zuversicht tanken möchte.
Solle man aber (momentan) zu den Menschen gehören, die schon häufig von sich selbst oder anderen vernommen haben, was eigentlich zu tun wäre, dann könnte auch schnell Frust und Resignation entstehen – denn scheinbar wäre ja alles irgendwie machbar…

(Wie man es anders – und besser – machen kann, zeigt dieses gleichnamige Buch).

„Erstaunen“ von Richard POWERS

Bewertung: 5 von 5.

Vorbemerkung: Dies ist eine sehr persönliche Rezension (noch mehr als sonst)!

Wenn einer der anerkannt großen Vertreter der amerikanischen Gegenwartsliteratur einen Roman schreibt, in dem ein alleinerziehender Astro-Physiker seinem psychisch-auffälligen neunjährige Sohn jedem Abend vor dem Einschlafen von einem anderen erdachten Planeten und seinen Lebewesen erzählt – dann bin sich schon optimal aktiviert.
Wenn dann dieser Junge (Robby) sich dadurch zu regulieren lernt, dass er mit modernsten Methoden der Neuropsychologie vorgegebene Erregungsmuster von positiven Hirn-Scans nachahmt – dann nähert sich mein Zustand schon einer mittleren Euphorie.
Wenn dann dieser Junge nicht nur am Verlust seiner Mutter leidet, sondern auch an der Unfähigkeit der Menschen, die Bedürfnisse der Mitgeschöpfe und der Natur insgesamt zu berücksichtigen – dann beginne ich mir Sorgen zu machen, ob ich wohl mit den üblichen fünf Bewertungssternchen auskommen werde.

Dieses Buch ist klug, informativ, emotional, empathisch, kreativ und insgesamt extrem anregend. Alle seine Facetten wären schon als einzelne Bücher bemerkenswert: als Einführung in die moderne Astrologie (insbesondere bzgl. der Suche nach Leben auf Exoplaneten), als Vater/Sohn-Bewältigungsroman nach Verlust von Partnerin/Mutter, als Einblick in die ökologische Katastrophe des Artensterbens, als Information über das zunehmend wissenschaftsfeindliche Klima in den USA, als Grundkurs in die aktuelle Neurowissenschaft, als Diskussionsbeitrag über die Herausforderungen und Reaktionsmöglichkeiten beim Zusammenleben mit einem stark verhaltensauffälligen Kind, als ergreifende Dauer-Liebeserklärung an eine verlorene Partnerin.
In diesem Buch steckt das alles gleichzeitig!

Durch die persönliche Perspektive des Ich-Erzählers bekommt der Roman eine zusätzliche emotionale Intensität. Dieser Vater ist nicht perfekt, er leidet an seinen eigenen Widersprüchen und Grenzen. Aber es erscheint kaum möglich, sich nicht mit seinem geradezu übermenschlichen Bestreben zu identifizieren, seinem Sohn der bestmögliche Begleiter in einer schwierigen inneren und äußeren Welt zu sein. Man bangt mit ihm, man hofft mit ihm, man bewundert ihn. Man versteht, dass er manchmal an die Grenzen des Machbaren und Vertretbaren geht (und gelegentlich scheitert).
Doch das ist noch gar nichts – im Vergleich zu den Gefühlen, die man Robby entgegenbringt! Man muss dieses Kind einfach lieben – es geht gar nicht anders.
Und die Beziehung zwischen Vater und Sohn wird auf eine so ein- und mitfühlende Weise geschildert, dass man es manchmal (vor Rührung) kaum aushält.

Das ist auch der einzige Aspekt, an dem sich eine kritische Anmerkung anbieten könnte: Irgendwie sind die beiden Figuren vielleicht ein wenig zu perfekt geraten: der Vater zu verständnisvoll, der Junge schon ein wenig zu verständig, weitsichtig und weise.
Ich kann POWERS das gut nachsehen – denn er hat auf diese Weise ein wahrhaft zauberhaftes Buch geschrieben, in dem die wichtigsten Botschaften an die Leser bzw. an die Welt aus dem Munde eben dieses Jungen kommen.
Es gibt keinen Zweifel, dass dieses Buch auch wegen der Dringlichkeit des Umsteuerns geschrieben wurde. Eine kreativere Verpackung einer Message ist kaum vorstellbar.

Dass darüber hinaus in diesem genialen Text auch noch die ethischen Grenzen der Hirnforschung und die Frage der Psychopharmaka-Therapie bei Kindern thematisiert werden, ist noch eine weitere Zugabe.

Über das Ende dieses Romans zu sprechen, verbietet sich eindeutig.
Es macht jedenfalls die Antworten auf die grundsätzlichen Fragen eher schwieriger als leichter. Als Leser/in hat man noch ein bisschen zusätzliches Gepäck, das über den Lesegenuss hinausgeht.
Was kann ein Buch mehr leisten?

Ist das Buch auch unterhaltsam? In mir sperrt sich alles gegen diesen Begriff: Er ist einfach viel zu banal, um der erzählerischen und inhaltlichen Energie dieses Buches gerecht zu werden. Man durchlebt und durchfiebert dieses Buch – die Frage der Unterhaltung stellt sich dabei einfach nicht.

Ja, ich habe zwischendurch den sechsten Bewertungsstern vermisst.
POWERS hat für mich das Buch des Jahres geschrieben.

„Der Zorn des Oktopus“ von Dirk Rossmann und Ralf Hoppe

Bewertung: 2.5 von 5.

Mit dem ersten Oktopus hat ROSSMANN einen durchaus bemerkenswerten Beitrag zum Genre des Nachhaltigkeits-Thrillers geschaffen. Der Nachfolge-Roman kann dieses Niveau nicht halten: Er ist letztlich belanglos!
Das Autoren-Duo siedelt diese Geschichte, die im Jahre 2029 spielt, zwar auch in dem Kontext der Öko-Revolution an, die reichlich absurde Handlung verselbständigt sich aber sehr früh von der Nachhaltigkeits-Thematik und irrt nach den Gesetzen des Standard-Spannungsbogens so vor sich hin.

Wir haben es in diesem Buch vordringlich mit den Potentialen des Quanten-Computers zu tut. Seine unglaubliche Rechenleistung könnte ein Werkzeug sein, die ökologische Katastrophe abzuwenden – denn er hat die Kapazität, auch komplexe bzw. chaotische Systeme zu erfassen.
Allerdings – es kommt so, wie es fast immer kommt: Böse Mächte greifen auf die neue Technologie zu, um eigenen Interessen zum Durchbruch zu verhelfen.

Wie in jedem ordentlichen Thriller kämpft Gut gegen Böse – und oft geht es echt hart zur Sache. Ein steinreicher indischer Guru tut sich besonders unangenehm hervor. Er nutzt sogar die besonderen intuitiven Fähigkeiten von indigenen Kindern, um dem Super-Rechner noch etwas auf die Sprünge zu helfen.
Gut, dass es einen rechtschaffenden Beamten gibt, der nach und nach zu einem echten Held mutiert. Trotzdem wird es doch am Ende – ganz unerwartet – ziemlich knapp…

Während im ersten Oktopus die Botschaft im Zentrum stand und sich die Story als Vermittlungskanal gesucht hat, scheint sich hier eine abgedrehte Handlung in einem – letztlich austauschbaren – Kontext abzuspielen.

Der Informationswert dieses Thrillers – in dem Oktopoden noch weniger bedeutsam sind als im ersten Buch – beschränkt sich tatsächlich auf die Vermittlung einiger Basics zum Thema „Quantentheorie“ und „Quanten-Computer“. Dafür muss man sich dieses Buch nicht antun. Nun gut – man kann sich natürlich auch einfach ein bisschen unterhalten lassen; aber auch das geht sicher besser.

„Der Stoff, aus dem Gefühle sind“ von Karl DEISSEROTH

Bewertung: 5 von 5.

Ich verstehe diesen Titel (und auch den Untertitel) nicht. Dieses Buch ist etwas anderes und so viel mehr, als eine Betrachtung von Emotionen. Der amerikanische Psychiater, Neurobiologe und Bioingenieur DEISSEROTH hat etwas sehr Besonderes geschaffen: Ich würde es „Ein persönliches Lehrbuch der Psychiatrie“ nennen.
In diesem Buch werden zwei scheinbar völlig konträre Sichtweisen auf psychische Erkrankungen in einer Weise verwoben, dass auch ein mit der Materie nicht ganz unvertrauter Leser (ich meine mich) aus dem Staunen und aus der Bewunderung nicht herauskommt.

Es sind insgesamt vier Zutaten, die dieses gleichzeitig sehr private und extrem informative Sachbuch hervorheben:
– Es werden neueste Methoden (Optogenetik) und Erkenntnisse der Hirnforschung hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Erklärung der bedeutsamsten psychiatrischen Störungen dargestellt.
– DEISSEROTH, der die grundlegenden zellulären und hirnorganischen Zusammenhänge auch an Tieren erforscht, verfolgt die biologische Basis emotionaler Reaktionen bis tief in die evolutionäre Vorgeschichte hinein.
– Der Autor beschreibt jeweils an ein oder zwei Fallbeispielen, was die Begegnung mit diesen Menschen bei ihm persönlich und fachlich ausgelöst hat.
– Er benutzt dafür eine Sprache, die ebenfalls diese beiden Welten überbrückt – mit einer naturwissenschaftlichen Klarheit und einer beeindruckenden, geradezu poetischen Kraft, voller Empathie und offen für die feinsten Nuancen zwischenmenschlicher Wahrnehmung und Kommunikation.

Der Autor erzählt von den Stationen (Achtung: Wortspiel) seiner ärztlichen und psychiatrischen Karriere. Wir lernen dabei nicht nur einen kreativen und neugierigen Wissenschaftler kennen, sondern auch eine sensible und mitschwingende Person, für die die Psychiatrie nur im Rahmen echter zwischenmenschlicher Begegnungen denkbar ist.
Dieser Arzt lässt sich von seinen Patienten ganz persönlich anmuten, er nutzt seine Resonanzreaktionen sowohl für den diagnostischen Prozess als auch für den respektvollen Umgang mit dem Gegenüber.

Das Buch ist nach einigen der Hauptstörungsbilder gegliedert (u.a. Depression, Borderline-Störung, Schizophrenie, Demenz). Ausgangspunkt ist jeweils eine spezifische Patientenvorstellung, in der der Autor eine Diagnose stellen muss – oft mit weitreichenden Folgen und konkreten Risiken. DEISSEROTH nimmt uns mit in den inneren Prozess des Erfassens des jeweiligen Menschen und seiner Symptomatik, webt dabei geschickt sein psychiatrisches Wissen und den aktuellen neurobiologischen Wissensstand ein.
Während er bei anderen Krankheitsbildern zwischen den Darstellungsebenen wechselt, macht der bei der Schizophrenie das Experiment, diese Störung ausschließlich aus der Perspektive des betroffenen Patienten zu erklären. Das ist ziemlich spektakulär und geradezu genial!

Der Autor stellt das psychiatrische Diagnose- und Behandlungssystem nicht in Frage; hier äußert sich kein revolutionärer Anti-Psychiater. DEISSEROTH sieht auch keinen Widerspruch zwischen knochentrockener tierexperimenteller Grundlagenforschung und einer zugewandten, patientenzentrierten Psychiatrie. Im Gegenteil: Gerade in dem zunehmenden Verständnis der tief in unserer neuronalen Vorgeschichte angelegten emotionalen Basisfunktionen entdeckt er die Chance, dem verbal geäußerten noch besser gerecht zu werden.

Dieses Buch ermöglicht interessierten Laien einen informativen und berührenden Einblick in eine moderne Psychiatrie, die weit über das Klischee der „Psychopharmaka-Fließband-Medizin“ hinausgeht. Wer so tief beteiligt und einfühlsam über Patienten denkt und schreibt, kann kein Diagnose-Roboter sein.
Wenn ich über dieses Buch nur einen Satz sagen dürfte, dann den folgenden: „Sollte ich irgendwann einmal einer psychiatrischen Behandlung bedürfen – dann bitte bei einem Arzt wie Karl DEISSEROTH.“

„Wir Tiere“ von Melanie CHALLENGER

Bewertung: 3.5 von 5.

Angesichts der existenziellen Bedrohungen durch Viren und Umweltzerstörung gibt es aktuell viele gute Gründe, sich mit der biologischen Basis unserer Spezies intensiv auseinanderzusetzen. Die Betrachtungen von CHALLENGER gehen über diese Anlässe weit hinaus und richten den Blick auf das Grundsätzliche. Es geht nicht um die Verwobenheit mit und die Abhängigkeit von der Natur; indem sie den Menschen auf sein Tier-Sein zurückwirft, stellt sie das gesamte Narrativ über die Sonderstellung des Menschen prinzipiell in Frage.
Dass dies für mache Menschen auch als provokativ wahrgenommen werden könnte, ist der Autorin bewusst.

Die Autorin ist keine Naturwissenschaftlern; sie nähert sich der Thematik als Literatin. Genau das prägt den Stil dieser Publikation, die eher ein langer Essay als ein strukturiertes Sach- oder Fachbuch ist. CHALLENGER umkreist das Thema eher als es systematisch abzuarbeiten. Ihr Stil ist eher assoziativ, sie lässt Gedanken wandern, formuliert bildhaft, oft auch poetisch.
Ihre Sprache dient nicht nur zur Übermittlung von Informationen, sie ist ein Teil der Botschaft – eher lebendig fließend als logisch gegliedert. Sie lädt ein, sich mit ihr treiben zu lassen – ohne sich jedoch zu scheuen, an vielen Stellen passende Untersuchungen oder wissenschaftliche Befunde ins Feld zu führen.
Insgesamt geht es ihr weniger um das Vermitteln von Wissen, sondern um das Werben für eine bestimmte Haltung.

Inhaltlich geht es CHALLENGER darum, die Mythen über den prinzipiellen Unterschied zwischen Tieren und Menschen zu widerlegen. Sie beschreibt die ursprünglichen Theorien über vermeintliche qualitative Sprünge und nennt die entscheidenden Befunde (bzgl. Intelligenz, Sprache, Bewusstsein, Altruismus), die diese Sichtweise inzwischen in Frage stellen. Natürlich wird auch deutlich, dass das Narrativ von der Trennung zwischen Tier und Mensch wichtige Funktionen für das (narzisstische) Selbstverständnis der überlegenen Gattung hatte und hat.

Für die Autorin überwiegen eindeutig die Nachteile, die sie mit der Abgrenzung von der übrigen Mit-Tierwelt verbunden sieht. Sie sieht uns entfremdet von unserem organischen Sein, hält die dichotome Betrachtung von „Körper“ und „Geist“ für einen folgenschweren Fehler und sieht in den Versuchen, uns durch die Entwicklung von Mensch/Maschine-Systemen immer mehr von dem biologischen Substrat zu entfernen, eine fatale Fehlentwicklung. Die Unsterblichkeits-Fantasien des Silicon-Valleys und die Hoffnung, den menschlichen Geist in anorganischer, digitaler Form zu erhalten und ihn womöglich dem Weltall als ewige Gabe zu hinterlassen, stellen für sie die extremste Form einer falschen Denkweise dar.

Aber CHALLENGER betrachtet die Folgen des Abgrenzungswahns (meine Formulierung) auch auf der anderen Seite des Grabens: für die (sonstigen) Tiere.
Dieses Buch ist auch ein leidenschaftliches Plädoyer für einen verantwortungsvollen und einfühlsamen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen. Sie hält es für nicht begründbar, dass wir das Attribut der „Würde“ ganz für uns allein reklamieren. Genauso, wie wir menschliche Würde nicht von der aktuellen Funktionsfähigkeit eines ichbewussten Gehirns abhängig machen sollten, dürften wir auch die unzweifelhaft vorhandenen Zwischenstufen von tierischer und menschlicher Denk- und Empfindungsfähigkeit nicht unbeachtet lassen. Die von uns als selbstverständlich definierte Verfügungsgewalt über jegliches tierisches Leben bestreitet CHALLENGER mit Nachdruck.

Der eher episodische Aufbau des Buches hat auch einen Preis: Freunde strukturierter Systematik werden immer wieder mal ratlos und genervt nach dem roten Faden suchen. Redundanz ist bei dieser Form des netzartigen Umgarnens der Grundgedanken wohl kaum zu vermeiden. Manche Dinge werden sicher häufiger gesagt, als es zum Verständnis der Botschaft notwendig wäre.

Wer sich auf eine Mischung zwischen Fakten und Stimmungen einlassen kann, wer den Prozess der Vermittlung nicht nur als Erkenntnisgewinn, sondern auch als emotionales Erlebnis genießen möchte, der/die eignet sich als Leser/in für dieses Buch. Über mangelnde Denk- und Fühlanstöße wird sich kaum jemand beschweren.
Eine „Neue Geschichte der Menschheit“ (Untertitel) ist dieses Buch allerdings definitiv nicht.

„Die Nachtigall“ von Kristin HANNAH

Bewertung: 4 von 5.

Es mangelt nicht an literarischen Aufarbeitungen der menschlichen Tragödien rund um den 2. Weltkrieg und der im Namen des Nazi-Rassenwahns begangenen Ungeheuerlichkeiten.
Unabhängig davon kann es von dieser Form der Aufklärung und Bewältigung angesichts der Größenordnung des Geschehens kein „Zuviel“ geben. Aber natürlich kann es – wie bei jeder anderen Thematik auch – unterschiedliche Formen und Qualitäten geben.

HANNAH legt einen Roman vor, der den Krieg aus der Perspektive des besetzten Frankreichs betrachtet. Die Hauptakteure sind zwei Schwestern, die zwar gemeinsam in einer sehr schwierigen Familiensituation aufgewachsen sind, sich dann aber aufgrund ihrer Persönlichkeiten und ihrer Lebenswege weit voneinander entfernen und entfremden.
Beide erleben unterschiedliche Facetten des Alltagslebens in dem unter der deutscher Besetzung leidenden Frankreich.
Der zentrale Spannungsbogen der erzählten Handlung entsteht dadurch, dass die äußeren und innerfamiliären Dynamiken in einer dramatischen Weise miteinander verknüpft werden. Wie häufig bei zeitgeschichtlichen Romanen gibt es auch bei der Nachtigall eine zweite Ebene, die einen Rückblick aus einer späteren Perspektive ermöglicht.

Neben den allgemeinen Einblicken in Armut, Hunger und den alltäglichen Überlebenskampf der in der Heimat verbliebenen Frauen und Kinder bietet das Buch spezielle Hintergrundinformationen über das geteilte Frankreich: Neben der geografischen Grenze zwischen dem von Deutschen besetzten und regierten Teil und dem „freien“ Gebiet (mit einer kooperierenden französischen Verwaltung) gab es auch einen inneren, menschlichen Graben, der Schicksalsergebene, Mitläufer und Kollaborateure von den Menschen trennte, die passiv oder aktiv Widerstand leisteten.

Diese „Résistance“ wird von der jüngeren der beiden Schwestern in einer geradezu heldenhaften Form praktiziert und von HANNAH auch entsprechend zelebriert. Das führt aber nicht zu einer Glorifizierung dieser Figur, die – ebenso wie die ältere Schwester und der gemeinsame Vater – als „echte“ Menschen dargestellt werden (mit allen Schwächen, Zweifeln und inneren Brüchen).
Klar ist aber: Wer in diesen Zeiten als Frau das eigene Überleben und das der Kinder zu sichern versucht, ist von Abgründen umgeben: Jeder Widerspruch, jede Frage zu viel, jeder Einsatz für die Ausgesonderten kann zu Entlassung, Verhaftung, Folter oder Tod führen. Quartieren sich noch feindliche Soldaten in das eigene Haus ein, wird jeder einzelne Tag zur Bewährungsprobe mit ungewissem Ausgang.

Für manche Fragen gibt es keine „richtigen“ Antworten, die einen unversehrt lassen könnten; auch das macht die Autorin nachvollziehbar: Darf ich zum Schutz fremder jüdischer Kinder das Leben meiner eigenen Kinder gefährden? Kann ich angesichts grausamer Gewalt und der Unabwendbarkeit massiver Übergriffe meine Würde bewahren? Gibt es so etwas wie einen respektvollen Umgang mit dem Feind, wenn zwischendurch seine Menschlichkeit hervorlugt? Wie weit geht Solidarität und Loyalität angesichts einer tödlichen Bedrohung?

HANNAH schafft es mit einem bemerkenswert stimmigen Stil, die unglaubliche Härte der geschilderten Vorgänge mit einer warmherzigen Empathie für die leidenden und mutigen Menschen zu verbinden. Letztlich kann man nachvollziehen, wie Menschen es vielleicht doch schaffen können, nicht zu verzweifeln und aufzugeben. Die angebotenen Antworten lauten letztlich: Es geht einmal um das Bedürfnis, im Einklang mit den eigenen humanen Grundwerten zu leben und daraus Kraft zu schöpfen, der/die zu bleiben, der/die ich sein will. Und die andere Antwort ist zugleich banal und erschöpfend: Liebe (in allen Facetten) ist vielleicht das stärkste Motiv von allen!
Wer unbedingt will, mag das kitschig finden. Dieses Buch hilft auf jeden Fall, daran zu glauben.

Wem so ein Buch zu persönlich und emotional ist, kann ja auf ein historisches Sachbuch zurückgreifen. Wer sich jedoch auch selbst gerne anrühren lässt, ist mit diesem menschenfreundlichen Roman gut bedient.