„Der Vagus-Schlüssel zur Trauma-Heilung“ von Gopal N. KLEIN

Bewertung: 2 von 5.

Dieses Buch befindet sich im Grenzgebiet zwischen seriöser, wissenschaftlich begründeter Lebenshilfe und übertriebenen, eher spirituellen Heilsversprechen.

Es startet mit physiologisch basierten Sachinformationen über das Phänomen der Traumatisierung, mit einem Schwerpunkt auf das, was der Autor „Bindungstrauma“ nennt.
Er stellt dann die sog. „Polyvagaltheorie“ dar, in der der Vagusnerv eine zentrale Rolle spielt. Der Aktivierung des Vagusnervs kommt dabei eine zentrale Rolle bei der Bearbeitung von Bindungstraumata zu.
Schnell (wirklich sehr schnell) kommt er auf seinen Lösungsvorschlag zu sprechen: die Heilung durch „Ehrliches Mitteilen“. Dieser Weg, dessen Ausführung den Großteil des Buches füllt, ist den anderen beiden Strategien (Autonomie und Verschmelzung) überlegen.

Leider überhöht der Autor seinen Ansatz zu einer allumfassenden Therapiekonzept und verliert so im Laufe des Buches jede Möglichkeit zur realistischen Einordnung bzw. Relativierung.
Er gibt im Weiteren ganz konkrete Anleitungen für das „richtige“ Mitteilen – bis hin zu wörtlich zu übernehmenden Formulierungen.

Das natürliche Gegenüber für dieses Kommunikationsform ist der eigene Partner bzw. die Partnerin. Im Grunde würde es ausreichen, wenn eine solche Person zur Verfügung stände.
Der Autor hat aber auch Selbsthilfegruppen angestoßen, die einen fehlenden Partner ersetzen könnten.

Zunehmend schwierig sind im Laufe des Textes willkürlich erscheinende Aussagen zu allen möglichen Problemen, die KLEIN mit einer geradezu atemberaubenden Selbstgewissheit von sich gibt. Ein Beispiel: „Wenn du verlassen wirst, heißt das, dass du auf die eine oder andere Art deinen Partner oder deine Partnerin verlassen hast. Es ist nur ein Spiegel.“ Oder: „Wenn es irgendwo in deinem Leben knirscht, dann liegt das immer an einer mangelnden Bindungsfähigkeit“.

Spätestens an solchen Punkten kann man einen Autor nicht mehr wirklich ernst nehmen. Dazu passt, dass KLEIN in seinem Prinzip auch noch ein geeignetes Mittel zur Transformation der ganzen Gesellschaft sieht.
Da wundert es nicht mehr, wenn sich KLEIN selbst als „spirituellen Berater“ beschreibt.

Auf die Bedeutung einer authentischen Kommunikation in Beziehungen hinzuweisen, ist sicher eine gute Sache. Eine solche Kommunikation kann sicher auch heilende Wirkung haben. Was KLEIN aber hier aber als Gesamtkonzept anbietet, verlässt den Boden eines seriösen Ratgebertextes.
Da hilft auch das Vorwort von Gerald HÜTHER nicht.

„Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen“ von J.B. MacKINNON

Bewertung: 5 von 5.

Dieses Nachhaltigkeits-Sachbuch ist in einer Weise klug, tiefgründig, unaufgeregt und informativ, dass sich bei mir tatsächlich so etwas wie echte Begeisterung eingestellt hat.
Ich stelle hier eine uneingeschränkte Leseempfehlung vor.

Der Autor, ein preisgekrönter kanadischer Journalist, geht in diesem Buch der Frage nach, was eigentlich wirklich passieren würde, wenn es einen deutlichen Einbruch (um ca. 20%) im Konsumverhalten unserer kapitalistischen Welt (bzw. einzelner Länder) geben würde.
Dass wir eine solche (kräftige, aber letztlich doch maßvolle) Umkehr unserer Wachstumswirtschaft brauchen, um den großen ökologischen Herausforderungen auch nur halbwegs gerecht zu werden, steht für ihn (und für viel andere Experten) völlig außer Frage.
Das Problem ist nur: Es gibt kaum realistische Rezepte oder gar Modelle für eine solche radikale Umsteuerung. Die kapitalistische Wachstumslogik ist so unlösbar mit unserer Art so wirtschaften, Wohlstand zu erschaffen bzw. zu verteilen und mit unserem gesamten Lebensgefühl verwoben, dass der oft zitierte Spruch: „Man kann sich eher das Ende der Welt vorstellen, als das Ende des Kapitalismus“ kaum übertrieben erscheint. Statt „Kapitalismus“ könnte man auch „Konsumieren“ sagen.
Selbst Bürger und Entscheider, die sich eine Schrumpfung vorstellen, wünschen und diese sogar für unverzichtbar halten, verzweifeln angesichts der zu erwartenden Aussichten auf Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Wohlstandsverlust.
Wir scheinen in einer ausweglosen Sackgasse zu stecken.

MacKINNON lässt sich davon nicht abschrecken. Er nimmt die Spur auf und erkundet das Gelände Schritt für Schritt. Als Ausgangspunkt bietet sich dabei die Corona-Pandemie mit ihren weitgehenden Lockdown-Phasen an: Zum einen hat es tatsächlich einen sehr plötzlichen Einbruch des Wirtschaftslebens und Konsumverhaltens gegeben, zum anderen ist aber auch für viele Menschen ein unmittelbarer Eindruck entstanden, welche positiven Erfahrungsmöglichkeiten mit einem Abbremsen verbunden sein könnten: Ein blauerer Himmel, leere Straßen, mehr Zeit für Familie, Freunde, Hobbies und Muße. Viele haben die Unterbrechung des Hamsterrades von Arbeit und Konsum als Chance zur Selbstbesinnung erlebt.

Der Autor spricht mit Fachleuten, besucht Produktionsstätten, Aussteiger und besondere Orte, in denen sich bereits eine – meist unfreiwillige „Schrumpfung“ vollzogen hat.
Vertiefende Einblicke erhalten wir z.B. in die skandalöse Fehlentwicklungen der Wegwerf-Mode, der abstrusen Klimatisierungs-Standards und der extrem gesteigerten Lichtüberflutung unserer Zivilisation.
MacKINNON führt uns das Leben in Ecuador vor, weil dieses Land ziemlich genau das Wohlstandsniveau hat, das sich die Menschheit im Durchschnitt leisten könnte, um im Gleichgewicht mit den Ressourcen unseres Planeten zu leben.
Besonders informativ und ermutigend sind Beispiele von Unternehmen, die sich bereits von selbst (aus Tradition oder aus Klimabewusstsein) von der Wachstumslogik verabschiedet haben, und sich auf langlebige, hochwertige Produkte konzentrieren.

Es ist ein extrem facettenreiches Bild, das vom Autor gemalt wird. Das betrifft nicht nur die inhaltlichen Themen, sondern auch die Art der Vermittlung. MacKINNON ist kein Fanatiker, er missioniert nicht, er schwingt nicht die Moralkeule (die ja von so vielen Leuten gefürchtet wird). Er wägt ab, guckt sich beide Seiten der Medaille an, verschweigt nicht die Probleme und Risiken einer Umsteuerung. Sein Schreibstil ist ruhig und klar; er nimmt sich Zeit.
Auch die psychische Seite des Konsums bzw. des Konsumverzichts wird betrachtet: Werden Menschen wirklich bereit sein, sich für andere Aspekte von Lebensqualität zu öffnen, wenn sie ihren Selbstwert und ihren Lebenssinn nicht mehr so stark materiell definieren können? Kann man darauf vertrauen, dass die Transformation freiwillig erfolgen wird – oder braucht es die großen strukturellen Vorgaben?

Es gelingt dem Autor in diesem Buch sehr gut, die anfängliche emotionale Reaktion der meisten Leser: „Das geht sowieso nicht, mit dem Verzicht auf den Konsum“ zu relativieren. Nach und nach wird deutlich, dass es nicht um ein „Alles oder Nichts“ gehen muss, sondern um ein Zurückdrehen der Wachstums-Exzesse der letzten Jahrzehnte. Aus dem unvermeidbar erscheinenden „Zusammenbruch der Zivilisation“ entwickelt sich allmählich ein Bild der Neubesinnung auf ein „menschliches“ Maß, in dem bewusster, weniger, nachhaltiger und im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft konsumiert wird. Wir werden eingeladen, uns ein neues Gleichgewicht von Bedürfnissen und Konsum vorzustellen: Zufriedenheit könnte sich einfach dadurch einstellen, dass man lernt, weniger zu wollen – statt sich von einer Multimilliarden-Werbeindustrie immer neue Bedürfnisse einreden zu lassen.

Gegen Ende wirft MacKINNON einen Blick auf eine Jäger/Sammler-Gesellschaft, die ein extremes Gegenmodell zu dem aktuellen Wachstumswahn darstellt.
Doch das ist nur ein Denkanstoß.
Die besondere Qualität dieses Buches liegt gerade darin, dass es nicht um Utopien oder einen Kulturbruch geht. Der Autor holt die ökologische Notwendigkeit der Transformation in eine Post-Wachstums-Welt aus dem Abstrakten ins Konkrete. Und sich auf diesen Prozess einzulassen, tut überhaupt nicht weh – macht aber nachdenklich und ganz sicher auch klüger.
Ein fantastisches Buch, das mit Sicherheit nachwirkt…

Zwischen Welten – Juli ZEH und Simon URBAN

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieser Roman – ein garantierter Bestseller – schließt nahtlos an die letzte Veröffentlichung („Über Menschen“) der Star-Autorin an. Auch in diesem Werk befassen sich ZEH und ihr Mitautor mit der vermeintlichen Spaltung in unserer Gesellschaft.
Damit unübersehbar wird, wie dicht die Autoren am Puls der Zeit schreiben, datieren sie die Beiträge ihrer beiden Protagonisten (Stefan und Theresa) chronologisch durch das Jahr 2022 (bis zum Oktober).

Der Text besteht tatsächlich ausschließlich aus Chat- und Maildialogen dieser beiden Personen; soweit Ereignisse oder Handlungen beschrieben werden, sind diese in die jeweiligen Botschaften eingewoben. Die Kommunikation zwischen Autoren/Erzählern und der Leserschaft erfolgt also „über Bande“.

Für Aussagekraft und Wirkung einer solchen Konstruktion – kontroverse gesellschaftliche Positionen zu personalisieren – ist natürlich entscheidend, welche beiden „Welten“ da gegenseitig in Stellung gebracht werden.
Auf der einen Seite ist da ein erfolgreicher Journalist, der als Teil einer liberal-ökologisch-genderaffinen Szene (man nennt das heut „Blase“) damit beschäftigt ist, die Veränderungen in der Print-Medienwelt im Schatten der Social-Media-Kanäle zu gestalten und zu erleiden. Dabei steht das große Meta-Thema „Klimawandel“ exemplarisch für die Grundsatzdebatte, wie der „seriöse“ (neutrale) Journalismus mit der Forderung nach klaren Positionen und Haltungen umgehen soll – angesichts der Größe und Dramatik der aktuellen Herausforderungen. Kurz gesagt: Wie vertragen sich Aktivismus und Journalismus?
Ihm gegenüber steht eine Landwirtin, die sich nahezu rund um die Uhr und im Schweiße ihres Angesichts darum bemüht, einen in Brandenburg geerbten kleineren Hof durch all die Krisen zu steuern, denen sie sich durch wirtschaftliche, gesetzliche und bürokratische Zumutungen ausgesetzt fühlt.

Damit diese Kontrahenten ein ganzes Buch lang diskutieren und streiten können, muss es natürlich eine Verbindung geben: Die beiden hatten zusammen in Münster studiert und dort in einer Zweier-WG sehr vertraut (aber rein platonisch) zusammengelebt, sich dann aber wegen des plötzlichen Umzugs von Theresa aus den Augen verloren.
Während das am Anfang des Prozesses als Bindungsglied reicht, wird später noch ein (besonders bei Stefan) erwachendes erotisches Interesse als Stabílisierungelement eingeführt. Das führt dazu, dass sich die Inhalte der schriftlichen Dialoge in der zweiten Hälfte des Buches auf den privaten, emotionalen Bereich ausdehnen.

Während also die Leserschaft recht ausführlich mit Journalismus und Landwirtschaft in Kontakt kommt, findet parallel ein heftiger Schlagabtausch zu den Aufreger-Themen des Jahres 2022 statt: Gendern (er ja, sie nein), Ukraine-Unterstützung (er ja, sie skeptisch), Tierhaltung (er nein, sie liebt ihre Kühe), Klima-Engagement (er ausgeprägt, sie zunehmend genervt).
Die Autoren fokussieren immer wieder auf den Gegensatz zwischen „intellektuell-phrasenhafter Theoriewelt“ und „bodenständiger Auseinandersetzung mit realen und handfesten Problemen“. Typischerweise schreibt Stefan in der Pause irgendeines „bedeutsamen“ Meetings, während Theresa bereits die zweite Melk-Schicht hinter sich hat (die erste fand um 4:00 Uhr früh statt).
Es dauert nicht sehr lange, bis der Eindruck entsteht, dass die Sympathie der Autoren eher bei der „Frau der Tat“ und ihren Mitstreitern liegt, als bei dem „intellektuellen Schwätzer“ in der Hamburger Medien-Blase und den fanatischen AktivistInnen in seinem Umfeld.

Es gibt einige Punkte, die diesen Roman für mich zu einem sperrigen und manchmal auch ärgerlichen Leseerlebnis gemacht haben. Damit diese Rezension nicht endlos wird, will ich dies als Aufzählung darstellen:
– Beide Figuren erscheinen öfters so naiv oder werden so klischeehaft dargestellt, dass man sie in diesen Momenten kaum als „echte“ Personen anzunehmen vermag.
– Es erscheint immer wieder wenig realistisch, dass die gemeinsame Vergangenheit auf Dauer in der Lage sein könnte, die zwischendurch stark eskalierenden Angriffe und spürbaren Entfremdungen auszugleichen.
– Das erwachende gegenseitige erotische und emotionale Interesse lässt sich nur schwer aus dem Verlauf der Kommunikation nachvollziehbar ableiten. Insbesondere Stefan steigert sich gegen Ende in einem Ausmaß da hinein, wie man es kaum einem etablierten Profi-Journalisten zutrauen würde.
– Warum sich am Ende des Buches plötzlich eine Action-Szene um die Bergung einer Leiche in das Buch verirrt, bleibt wohl das Geheimnis der Autoren (und des Lektorats).

Welche Botschaften bekommt nun die Leserschaft zu den beiden Welten und deren Verbindungsmöglichkeiten?
– Es ist offenbar möglich, selbst über gravierende Überzeugungsunterschiede im Gespräch zu bleiben (wenn man entweder einen sehr feste gemeinsame Basis hat oder sich gleichzeitig angezogen fühlt – am besten beides).
– Es droht scheinbar die Gefahr, dass maßlos-radikale AktivistInnen das Kommando über die Medien übernehmen und uns ihr moralischen aufgeladenen Meinungsdiktat aufoktroyieren.
– Den „einfachen Leuten“ (exemplarisch den Kleinbauern) wird von lokalen Behörden, von Berlin und von Brüssel das Leben so schwer gemacht (eigentlich „zur Hölle“), dass man sich nicht wundern muss, dass aus der Verzweiflung heraus auch illegale (und rechtslastige) Protestformen entstehen.
– So richtig führt der versuchte Dialog letztlich nicht zusammen: Die (ideologischen) Ausgangslagen, die konkreten Lebenswirklichkeiten und die persönlichen Ziele sind und bleiben dann doch inkompatibel.

Wer sich mal in dieser speziellen Form mit den klassischen Argumenten der großen gesellschaftlichen Debatten befassen möchte, wird in diesem Buch fündig. Die beiden Autoren haben den jeweiligen Sprech drauf. Weniger geeignet erscheint dieser Roman als eine erhellende Beziehungs-Studie von zwei Menschen in zwei Welten zu sein – dafür sind die Prozesse zwischen den Dialogpartnern zu irritierend.
Juli ZEH hat jedenfalls ein weiteres Mal ihre Distanz und ihre Skepsis gegenüber einem „woken“ Milieu zum Ausdruck gebracht, das sie eher mit Arroganz und Übergriffigkeit in Verbindung bringt als mit ehrlichem Engagement. Das mag in Teilbereichen nachvollziehbar sein; in Bezug auf die Klimafrage scheint es aufgrund ihrer Ausgestaltung des Themas eher zweifelhaft, ob sich die Autoren der realen Dramatik und des damit verbundenen Handlungsdrucks tatsächlich bewusst sind.


„Feuerkind“ von Lone Stephen KING

Bewertung: 3.5 von 5.

Diese Rezension bezieht sich auf die aktuell erschienene Hörbuch-Ausgabe des bereits 1980 erschienenen Romans, die vermutlich durch die 2022 erfolgte Neuverfilmung („Firestarter“) angeregt wurde.
Die Interpretation durch den Kult-Sprechen David Nathan ist auch in diesem Fall beeindruckend und über jeden Zweifel erhaben; ihm zuzuhören ist eindeutig ein Genuss.

Das Feuer-Mädchen (Charlie) ist die Tochter von Eltern, die während ihres Studiums an einem mehr als zweifelhaften medizinisch-psychologischen Experiment teilgenommen haben. Die damals verabreichte Droge führte letztlich dazu, dass die Mutter telekinetische Fähigkeiten entwickelte, der Vater (Andy) seine Mitmenschen durch Gedankenkraft beeinflussen konnte und Charlie durch Willenskraft Feuer entfachen konnte.

Das Buch handelt davon, wie eine geheime Regierungsorganisation („Die Firma“) mit allen Mitteln versucht, sich der Personen (Andy und Charlie) und ihrer Fähigkeiten zu bemächtigen. Auf der anderen Seite werden wir Zeugen davon, wie die beiden ihre parapsychologischen einzusetzen versuchen, um sich diesem Zugriff zu entziehen bzw. sich daraus zu befreien.

Je nachdem, wie man zu dem typischen Stil von KING steht, wird man entweder eine toll erzählte Thriller-Story wahrnehmen, die durch entsprechende Schocker-Elemente „veredelt“ wird – oder man wird hier einen reichlich abstrusen Plot vorfinden, der nur den einen Zweck hat: möglichst viele drastische Gewalt-und Horrorszenen unterzubringen.

Nun wird wohl niemand ernsthaft bezweifeln, dass KING ein Erzähl-Genie ist. Mit einer relativ einfachen und geradlinigen Sprache schafft er es auch in diesem Roman, dass man schnell in die Geschichten hineingezogen wird. Dabei ist sein besonderes Markenzeichen der Einsatz besonders origineller sprachlicher Vergleichsbilder; die gelingen im auch beim Feuerkind immer wieder sehr gut.
Natürlich hängt die Qualität einer Erzählung auch von der Stimmigkeit der beschriebenen Figuren ab. Bei Charlie stellt sich wiederholt die Frage, ob man ihre Entwicklung und ihr Agieren mit den psychologischen Optionen eines so jungen Mädchens vereinbaren kann. Ihr Gegenspieler ist in einer solchen Überzeichnung die Inkarnation des Bösen, dass diese Figur nicht gerade vor Glaubwürdigkeit strotzt.
Was die innere Logik und den Spannungsbogen angeht, ist dieser Roman ebenfalls nicht besonders überzeugend – insbesondere hinsichtlich der Machtverteilung zwischen „Gut“ und „Böse“. Es erscheint eher willkürlich, wann und in welchem Ausmaß die besonderen Begabungen der beiden Protagonisten handlungsentscheidend sind.

KING-Fans werden sich trotzdem ohne Zweifel vortrefflich unterhalten fühlen. Dem Sog der Identifikation mit dem „Guten“ (also mit Charlie und einigen wenigen Unterstützern) kann man sich kaum entziehen. Natürlich schafft es KING auch in diesem Werk, dass man sich kaum dem Impuls entziehen kann, die Gegenspieler gnadenlos ausmerzen zu wollen. Dann weidet man sich (je nach eigener Aggressionshemmung) geradezu genussvoll an den grausamen Folgen der Zusammenstöße.
Das KING-Publikum liebt es einfach, wenn die – sonst so komplexe – Welt für ein paar Stunden so klar und eindeutig gegliedert ist.

Letztlich ist das Feuerkind ein typischer KING – sicher nicht einer seiner besten. Ein Hörbuch-Erlebnis ist er – dank David Nathan – auf jeden Fall.

„Liebe“ von Lone FRANK

Bewertung: 4.5 von 5.

Wenn am Tag nach dem Erscheinen eines Buches eine Rezension gepostet wird, dann sagt das sowohl etwas über den Verfasser (hat Zeit, ist interessiert und motiviert), als auch über die Publikation aus: Was macht also dieses Buch so anregend, informativ oder bewegend, dass ich davon nicht lassen konnte?

Die dänische Neurobiologin und Wissenschaftsjournalistin Lone FRANK hat ein „persönliches Sachbuch“ geschrieben. Dabei stellen die privaten Voraussetzungen und Fragestellungen deutlich mehr als eine Rahmenhandlung für Sachinformationen dar: Die Autorin verwebt ihre Biografie geradezu mit den fachlichen Inhalten und stellt ihren individuellen Erkenntnisprozess als einen integralen Bestandteil der Sachbotschaft dar.
Geschaffen wird so ein Geflecht von Erkenntnissen und Bezügen, in denen es keiner Fallbeispiele mehr bedarf. Die Autorin stellt sich selbst als solches zur Verfügung – was den Vorteil hat, dass sich Zusammenhänge im Längsschnitt einer ganzen Biografie zeigen lassen.
Das geradezu monumentale Thema „Liebe“ wird durch die Privatheit des Zugangs auch verfügbar gemacht: Statt der systematischen Gliederung eines Fachbuchs folgen wir der Autorin auf ihrem eigenen Weg durch das Labyrinth dieses „Höchsten der Gefühle“ – schauen ihr dabei zu, wie sich Perspektiven und Aspekte zusammensetzen und mit eigenen Erfahrungen verschmelzen.

FRANK hat den (ebenfalls biografisch unterfütterten) Anspruch, sich dem Thema „Liebe“ wissenschaftlich zu nähern. Sie führt Gespräche mit Fachleuten, zitiert zahlreiche Autoren/Autorinnen, stellt Forschungsergebnisse dar und lässt sich auch bei ihrer Selbsterkundung fachlich begleiten.
Berührt werden alle erdenklichen Zugänge: evolutionäre, genetische, hirnphysiologische, hormonelle, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologische, historische, kulturelle, mediale usw.
Auch thematisch ist der Blick weit gefasst: Angefangen von der Brutpflege bei (bestimmten) Säugetieren, über Eltern/Kind-Liebe, Bindung, Verliebtheit, Spielarten längerfristiger Beziehungen, Eifersucht, Polyamorie, Freundschafts-Liebe, Tierliebe, digitale Partnersuche – bis zur aktuellen Einsamkeits-Problematik.
Der – vielleicht etwas ungewöhnlich intensive – Blick auf Trauer um eine verlorene Liebe erklärt sich durch die persönliche Ausgangslage der Autorin: Für sie war der Verlust eines geliebten Partners der Startpunkt für ihre Reise durch das Liebes-Land.

FRANK lässt nicht nur ihren Erkenntnisprozess und die damit verwobene Selbstreflexion recht frei fließen, sie dokumentiert das auch in der (Nicht-)Gliederung ihres Textes. Das Buch kommt ohne Kapitel- oder Zwischenüberschriften aus und hat entsprechend auch kein Inhaltsverzeichnis. Der Sachbuchcharakter beweist sich dann an anderer Stelle: durch ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Wie der breitgefächerte Zugang erwarten lässt: Natürlich steht auch am Ende dieses Buches keine „Antwort“ – weder darauf, was genau die Liebe ausmacht, noch auf die Frage nach der persönlichen Liebesfähigkeit (und deren Grundlagen). Das Gebiet ist komplex und unübersichtlich, aber es lassen sich Schneisen schlagen und manchmal erreicht man einen Aussichtspunkt, der ein wenig Überblick ermöglicht. Auch hier passt dann die vielzitierte Weisheit: „Der Weg ist das Ziel“.

Positiv ist zu bewerten, dass FRANK immer wieder darauf aufmerksam macht, dass man seine Liebes-Persönlichkeit eben nicht selbst basteln und frei wählen kann. Gerade die Vielfältigkeit und Komplexität der Einflussfaktoren sollte daher zu einer gewissen Bescheidenheit bzgl. der Selbstoptimierung führen. Überhaupt warnt die Autorin eher vor dem Druck, der von verfestigten Bildern und Normen ausgeht (z.B. hinsichtlich des Verliebtheits-Rausches als zwingend notwendiger Anfangsphase).
Auf der anderen Seite sieht FRANK aber keinen Grund zum Fatalismus: Da das Zusammenspiel von Biografie, Gefühlsprägungen, kognitiven Einstellungsmustern und konkretem Verhalten so verschachtelt ist, können eben auch gewisse „Umprogrammierungen“ stattfinden (indem man durch ein anderes Denken oder Verhalten auch Gefühle beeinflusst).

Wenn auch das Buch für ein „vorgebildetes“ Publikum nur wenige inhaltliche Neuigkeiten bereithält, so gehen doch einige der Überlegungen zu aktuellen gesellschaftlichen Trends deutlich über ein etabliertes Fachbuchwissen hinaus. Zusätzlich laden die persönlichen Anmerkungen und Bewertungen der Autorin immer wieder zu Reflexion oder Diskussion ein.
Für Menschen, denen z.B. die Feinheiten der Bindungstheorie, die hormonellen Grundlagen von Verliebtheit/Liebe und die Aspekte bzw. Methoden der Liebes-Forschung bisher nicht vertraut waren, erhalten eine wirklich fundierte Einführung in dieses Forschungsfeld.
An einigen Stellen mag man vielleicht doch mal eine Systematik vermissen oder die privaten Einstellungen der Autorin für weniger bedeutsam halten.

Insgesamt ein tolles und extrem anregendes Buch – das gerade durch seinen subjektiven Zugang ein buntes Kaleidoskop an Perspektiven und Betrachtungen enthält und damit für jede/n Liebes-Neugierige/n etwas zu bieten hat.

„Das Glücksbüro“ von Andreas IZQIERDO

Bewertung: 1 von 5.

Sorry – ich habe abgebrochen! Das passiert mir nicht oft.

Es ist nicht meine Art von Humor, den der Autor diesem eher ruhigen und bedächtigen Roman auffährt. In einer Art Milieustudie beschreibt er das extrem eingeschränkte Leben eines Bürokraten, der sich so extrem mit seiner (offensichtlich weitgehend sinnlosen) Arbeit identifiziert, dass er sich im Keller seines Amtsgebäudes sogar häuslich eingerichtet hat und auf ein Privatleben ganz verzichtet.

Sein heile Welt der täglichen Routine (in Form der Abarbeitung von Formularen) wird durch einen mysteriösen Antrag erschüttert, für den es ganz offenbar keine passende Vorschrift gibt. Seine verzweifelte Suche nach einer bürokratisch befriedigenden Lösung öffnet schrittweise den Zugang zu dem (bisher vermiedenen) realen Leben, in dem es – überraschender Weise – auch eine interessante Frau gibt.

Mein Problem: Das Ganze wird so platt, übertrieben und klischeehaft dargestellt, dass bei mir schnell – und leider auch zunehmend – gähnende Langeweile entstand.
Was als menschliche Marotte oder als Allegorie auf die Bürokratisierung unseres Lebens vielleicht Sinn oder Vergnügen gemacht hätte, wird in einem solchen Umfang ausgewalzt, dass jedes Lesevergnügen auf der Strecke blieb.
Und wenn man nur noch auf das Ende wartet (damit es endlich vorbei ist) – dann sollte man besser aufhören…

„Das Labyrinth der Freiheit“ von Andreas IZQUIERDO

Bewertung: 3.5 von 5.

Dies ist nun der dritte Band über die unzertrennbare Freundschaft zweier Männer (Carl und Artur) und einer Frau (Isi), die wir in dieser Trilogie insgesamt durch 13 chaotische und gewaltvolle Jahre begleiten können.
Der aktuelle Band spielt – wie sein Vorgänger – in Berlin; diesmal in den Jahren 1922/1923.
Der Roman setzt zwar die Kenntnis der Vorgeschichte nicht zwingend voraus – es ist aber wohl kaum übertrieben, dass es schlichtweg wenig Sinn machen würde, mit diesem abrundenden Abschluss-Band neu einzusteigen.

Die Rollenverteilung zwischen den drei Protagonisten ist den Followern der Geschichte bekannt:
Der Ich-Erzähler Carl ist sozusagen der „Normalo“ in diesem Trio: Er hat einen bürgerlichen Beruf und seine Erlebnisse als Kameramann geben einen durchaus interessanten Einblick in das Zentrum das zeitgenössische Filmschaffen (am Übergang zwischen Stumm- und Tonfilm). Noch stärker als in den früheren Bänden ist Carl aber in den gemeinsamen Kleinkrieg mit den großen Widersachern aktiv einbezogen.
Isi ist die eigentliche Hauptfigur in diesem Band. Es geht zunächst um das Leben ihres (ungeborenen) Kindes, dann um ihr eigenes. Entsprechend ihrem impulsiven Charakter trägt sie selbst zu der dramatischen Eskalation des Geschehens bei.
Artur ist und bleibt der nahezu allmächtige Bandenführer, der mit scheinbar grenzenlosen personellen und materiellen Ressourcen zwischen Geschäfts- und Unterwelt wechselt. Er scheut sich auch diesmal nicht, hemmungslos Macht und Gewalt für seine Ziele und die Interessen seiner beiden Liebsten einzusetzen.

Dieser Band ist ganz auf den abschließenden Show-Down zwischen der „Dreier-Bande“ und ihren „Todfeinden“ (Falk und Helene) ausgerichtet. Die Wurzeln dieser Fehde reicht bis in die Jugend zurück und hat bei allen Beteiligten existentielle Spuren hinterlassen.
Aus der Dynamik dieser Auseinandersetzung, in der es immer wieder um „Tod oder Leben“ geht zieht dieser Roman seine Spannung. Die zeitgeschichtlichen und politischen Hintergründe, die im zweiten Band eine recht große Rolle spielten, dienen diesmal nur als Rahmen für den sehr persönlichen Kampf.

Der Autor lädt – auch diesmal wieder – zur Identifikation mit dem Freundes-Trio ein. Die Personen selber und ihre unverrückbare Treue zueinander werden als Sympathieträger dargestellt. Was bei Carl recht einfach ist und bei Isi mit etwas Mühe gelingt, müsste eigentlich bei Artur an seine Grenzen kommen. Ohne Skrupel setzt dieser Bestechung, Drohungen, Gewalt und massive Folter ein, um an Informationen zu kommen oder Widersacher zu bestrafen (bzw. auszuschalten).
IZQUIERDO baut um diese kriminellen und brutalen Handlungen ein Rechtfertigungs-Gerüst auf: Da die Gegner ja noch „böser“ sind (auch weil sie mit rechten Kampfbündnissen und den, ausbeuterischen Eliten verbandelt sind) und weil die staatlichen Institutionen entweder dysfunktional oder korrupt sind, scheint es zu der exzessiven Selbstjustiz keine realistische Alternative zu geben.
So wird der Leser / die Leserin daran gewöhnt, dass der Zweck (diesmal die Rettung von Isi) jedes Mittel rechtfertigt.

Aus meiner Sicht verliert der dritte Band durch die Fixierung auf den Kleinkrieg weitgehend seine Option, auch einen zeitgeschichtlichen Informationsbeitrag zu geben (mit Ausnahme des Themas „Film/Kino). Wie schon im zweiten Band schwingt mir ein bisschen viel Sympathie für die halbseidene Welt von Alkohol, Kokain, Prostitution und Bandenkriminalität mit (der Autor scheint doch ziemlich fasziniert zu sein, von diesem Milieu).

Nicht verhehlen möchte ich, dass nach einem langen und wechselhaften Duell zwischen den beiden Parteien (das für spannungssuchende Leser vermutlich recht attraktiv, für andere vielleicht etwas überzogen ist), dem Autor doch noch ein recht überraschendes und kreatives Ende der Gesamt-Geschichte gelingt (mal unabhängig von der Wahrscheinlichkeit).
So war ich ganz am Ende ein wenig versöhnt – mit einem dritten Band, der mir sonst als der schwächste erschien.

„Der Mensch und die Macht“ von Ian KERSHAW

Bewertung: 4 von 5.

Der bekannte englische Historiker Ian KERSHAW hat sich mit diesem gewichtigen Werk und seinem geradezu monumentalen Titel einer geschichtswissenschaftlichen Grundsatzfrage gewidmet: In welchem Ausmaß bestimmt die konkrete Persönlichkeit einer politischen Führungkraft darüber, ob von ihr wirklich „große“ und langfristige Einflüsse auf die Geschicke einer Nation, eines ganzen Kontinents oder sogar in weltgeschichtlicher Dimension ausgehen.
Als Gegenthese zu der Bedeutung von Einzelpersonen steht die Sichtweise, dass die vermeintlich „großen“ Staatenlenker letztlich nur gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Prozesse aufgreifen und sich aneignen, die auch ohne sie (in ähnlicher Form) stattgefunden hätten. In diesem Bild würden sich dann eher die historischen Bedingungen passende (und letztlich austauschbare) Personen suchen – statt durch diese geschaffen und geprägt zu werden.

Nach einer kurzen Einleitung untersucht der Autor am Beispiel von 12 der bedeutsamsten politischen Führer des 20. Jahrhunderts, wie jeweils das Zusammenspiel und die relative Bedeutung der beiden Faktoren zu bewerten ist. Seine Auswahl: Lenin, Mussolini, Hitler, Stalin, Churchill, De Gaulle, Adenauer, Franco, Tito, Thatcher, Gorbatschow, Kohl.
Grob gesagt, geht es in den einzelnen Kapiteln darum, die jeweilige Persönlichkeit, die Ausgangsbedingungen und das komplexe Zusammenspiel dieser beiden Faktoren im Verlauf der Karriere anzuschauen – um dann zu einer Gesamtbilanz hinsichtlich der Grundsatzfrage zu kommen.

Positiv ist zu verzeichnen, dass sehr schnell deutlich wird, auf welch breiten Wissensfundus der vielfach geehrte Historiker zurückgreifen kann. Jede/r Leser/in ohne historisches Spezialwissen wird ganz sicherlich mit einem enormen Wissens- und Erkenntniszuwachs von diesem verständlich geschriebenen Sachbuch profitieren.

Kritisch bleibt anzumerken, dass allzu oft die Ausgangsfrage des Buches mit der Schlussfolgerung „sowohl als auch“ beantwortet wird.
Das ist zwar keine Überraschung – denn natürlich kam und kommt es sowohl auf die Ausgangsbedingungen als auch auf die spezifischen persönlichen Eigenschaften an – aber es wirkt in der Wiederholung doch irgendwann ein bisschen platt (weil selbstverständlich).
Es wäre klarer gewesen, sich von vorneherein auf die Frage zu konzentrieren, wie im konkreten Fall die Interaktion aussah (statt jedes mal so zu tun, als ob die Frage offen wäre).
Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass sich die jeweilige „Persönlichkeitsanalyse“ (natürlicherweise) auf die offensichtlichen Eigenschaften und Merkmale beschränkt, die sich bei solchen Führungspersonen auch entsprechend ähneln (machtbewusst, durchsetzungsstark, skrupellos, hartnäckig, usw.). Eine tiefergehende psychologische oder psychopathologische Betrachtung wird kaum versucht (vielleicht mit Ausnahmen bei Stalin und Hitler). Das kann man als sinnvolle Selbstbeschränkung ansehen (wird auch an einer Stelle so formuliert), es grenzt aber die Aussagekraft über den Faktor „Mensch“ auch ein.

Natürlich gibt es interessante Differenzierungen zwischen autoritär-diktatorischen und demokratisch legitimierten Staatenlenkern (und einer Lenkerin). KERSHAW versäumt es nicht, auf die jeweilige Einbettung der Führer in ihr Unterstützer-Milieu bzw. auf die Bedeutung bestimmter Mitstreiter (es sind fast nie Frauen) einzugehen.
Interessant ist, dass Kanzler Kohl insofern eine Sonderstellung zugesprochen wird, als dass er ohne den historischen Glücksfall der Maueröffnung wohl kaum eine prägende Figur des 20. Jahrhunderts geworden wäre.
Insbesondere die Ausführungen zu Franco, Mussolini und Tito gehen in ihrer Differenziertheit deutlich über das hinaus, was man an historischer Allgemeinbildung selbst im besten Sinne erwarten kann; hier sind dann doch eher Geschichts-Nerds angesprochen.

KERSHAW hat ein faktenreiches und erhellendes Geschichtsbuch des letzten Jahrhunderts geschrieben, das sich ohne Zweifel zu lesen lohnt.
Die so hoch gehängte Frage, ob nun konkrete Personen oder vorhandene Strömungen stärkeren Einfluss auf die Geschehnisse hatten, mag zwar eine spannende Perspektive sein. Die doch eher wenig überraschenden Antworten darauf würden jedoch alleine das Schreiben und Lesen dieses Buches sicher nicht rechtfertigen.

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„Bevor es zu spät ist“ von Karl LAUTERBACH

Bewertung: 4.5 von 5.

Dieses Buch ist in verschiedenerlei Hinsicht eine echte Überraschung. Im Vordergrund steht dabei sein inhaltlicher Schwerpunkt: Wer würde denn ernsthaft erwarten, dass der bekannteste (und wohl auch umstrittenste) Gesundheitspolitiker des Landes nach drei Jahren Pandemie ein ziemlich reinrassiges Klimabuch schreibt?!
Das lässt aufhorchen!

Zwar betrifft das Meta-Thema von LAUTERBACHs Betrachtungen die Bedeutung wissenschaftlicher Expertise für die zukünftige Politik. Betrachtet man aber die tatsächliche Aufteilung des Textes, findet man sich plötzlich in einer recht systematischen Darstellung des Klimawandels – mitsamt seiner Entstehungsgeschichte, seiner aktuellen Ausprägung, seiner konkret drohenden Konsequenzen (u.a. in Bezug auf Verteilungskämpfe, Klima-Migration und Wassermangel) – bis zu den möglichen bzw. notwendigen Gegenmaßnahmen (die wiederum sehr differenziert dargestellt und bewertet werden).

Und da wartet die zweite Überraschung: Diese zusammenfassende Darstellung der Klimakrise ist außerordentlich gut gelungen. Sie wäre geeignet, auch Neueinsteigern in die Thematik (falls es die noch gibt) die grundlegenden Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen – ohne mit einem Wust von Tabellen oder Schaubildern zu verschrecken. Gleichzeitig kann diese Form der Aufarbeitung auch für diejenigen nützlich sein, die schon das ein oder andere Klimabuch gelesen haben – aber vielleicht in bestimmten Teilsaspekten den Überblick verloren haben. Als Argumentationsgrundlage für die Überzeugungsarbeit mit Uninformierten oder Zweiflern kann die hier vorgelegte schlanke Klarheit und Folgerichtigkeit ganz sicher gute Dienste leisten.

Doch soll ja das Thema „Klima“ eigentlich nur als Beispiel dienen für die Notwendigkeit, den großen Menschheitsproblemen mit einem größeren Einfluss von wissenschaftlichen Erkenntnissen auf die Politik zu begegnen.
Gekonnt nutzt LAUTERBACH seine reichlich vorhandene Innenperspektive aus, um die Hindernisse und Widerstände zu beschreiben, die dem Einfließen empirischer Befunde in politisches Handeln entgegenstehen. Dabei verliert er sich nicht in einer radikalen Systemkritik (nach dem Motto: „die parlamentarische Demokratie ist den Herausforderungen nicht gewachsen“), sondern zeigt einiges – wenn auch leicht ungeduldiges – Verständnis für die oft schwerfälligen und mühsamen Abläufe auf dem Weg zu mehrheitsfähigen Kompromissen.
Doch mit vorbildlicher Klarheit zieht LAUTERBACH eine Grenze zwischen den „normalen“ gesellschaftlichen Themen und dem Klimawandel: Hier müsse die Politik sehr viel schneller und konsequenter handeln – und zwar ab sofort und mit aller Kraft auf der Basis der Wissenschaft.

Nachdem der Autor verschiedene Varianten durchgespielt hat, plädiert er leidenschaftlich für einen spezifischen Ansatz der Verankerung von Wissenschaft in der Politik: Es ist – sicher nicht ganz zufällig – sein eigener Weg, nämlich die unmittelbare Beteiligung der Wissenschaftler/innen am politischen Entscheidungsprozess, also als Mandatsträger in den Parlamenten.

Ja, die Corona-Pandemie wird dann schließlich doch noch zum Thema gemacht. LAUTERBACH bilanziert die verschiedenen Phasen der Entwicklung und Bekämpfung dieser weltweiten Herausforderung. Für den Autor ist folgerichtig, dass Deutschland im Umgang mit Covid solange ziemlich erfolgreich gewesen sei, wie es einen engen Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Politik gegeben habe; dieser sei aber leider in einer späteren Phase verloren gegangen.
LAUTERBACH warnt sehr eindringlich vor zukünftig drohenden pandemischen Heimsuchungen und stellt dabei – was die ganze Argumentation abrundet – besonders die Rolle der klimatischen Einflüsse auf die Einschränkung der Lebensräume für Tier und Mensch dar.

Der Mehrwert dieses Buches liegt vor allem an der besonderen Perspektive: Hier schreibt ein Wissenschaftler, der sich entschieden hat, sich ganz der (mühsamen und oft undankbaren) politische Umsetzung empirischer Erkenntnisse zu widmen. Die Übernahme der Verantwortung im Gesundheitsbereich in Zeiten von Corona hat ihn zu einer Zielscheibe für Häme und Hass gemacht.
Wie dieses Buch deutlich macht, bräuchten wir mehr Menschen mit dieser Doppel-Kompetenz (idealer Weise sollten sie auch noch begabte Kommunikatoren sein…).

Dass ein Gesundheitspolitiker ein solch engagiertes Klimabuch schreibt, kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass wissenschaftliches Denken eine Grundhaltung darstellt, die einen Transfer auf ganz verschiedene Bereiche ermöglicht.
Eine gewisse Tragik liegt vielleicht darin, dass die aufgeladene „Anti-Lauterbach-Stimmung“ der Verbreitung dieses Buches bestimmte Grenzen setzen könnte.
Auf alle, die sich dadurch nicht beeinträchtigen lassen, wartet eine sehr informative und anregende Lektüre.
Es wäre allerdings sicher angemessen gewesen, den thematischen Schwerpunkt (Klima) auch schon auf dem (vorderen) Buch-Cover zu nennen.

(Lust auf andere Sachbücher? Hier meine Übersicht.)