„Der kleine Freund“ von Donna TARTT

Bewertung: 4 von 5.

Die amerikanische Autorin Donna TARTT ist eine Spezialistin für die großen Erzählungen. Ihre drei bekannten Romane füllen jeweils mehr als 700 Seiten; der grandiose „Distelfink“ markiert dabei quantitativ und qualitativ die Spitze.
Hier geht es um das mittlere Werk, an dem TARTT zehn Jahre lang gearbeitet hat.

Im Zentrum dieses Südstaaten-Romans stehen zwei sehr unterschiedliche Familien, deren interne Dynamik und gegenseitigen Verstrickungen entscheidend für den Handlungsverlauf sind.

Die Protagonisten (Harriet) ist ein recht eigenwilliges Mädchen an der Grenze zum Jugendalter. Sie lebt in einer reinen Frauenwelt, in der ihre (psychisch angeschlagene) Mutter und ihre ältere Schwester eine eher kleine, Ihre Großmutter, ihre Großtanten und die farbige Haushaltshilfe dagegen eine sehr große Rolle spielen. Der Vater lebt – ohne offizielle Trennung – in einem anderen Bundesstaat. Der eigentliche Vertraute ist ein gleichaltriger Junge, mit dem sie eine Reihe von – teils spektakulären – Abenteuer erlebt.
Die Familie hat ihre beste Zeit hinter sich; Wohlstand und Status sind schon ein wenig abgebröckelt. Die größte und nachhaltigste Erschütterung wurde aber durch den ungeklärten Mord an dem 9-jährigen Robin ausgelöst. Wir erfahren in dem Buch, wie sein mysteriöser Tod auch 12 Jahre danach noch auf die Geschicke in dieser Kleinstadt einwirkt.

Den Gegenpol zur bürgerlichen Welt stellt eine (klein-)kriminelle Randgruppenfamilie dar, deren vier männliche Sprösse mit ihrer Großmutter leben – unter denkbar chaotischen Bedingungen (eigenes Drogenlabor inklusive). Alle Beteiligten sind psychisch bzw. emotional tief gestört und leben ihre biografischen Verletzungen in verschiedene Richtungen aus.
Berührungspunkte zu der Familie von Harriett reichen bis in die Zeit von Robin zurück, werden im Verlauf der Erzählung durch die detektivischen Aktivitäten des Mädchens dramatisch aktualisiert.

Wie in jedem anspruchsvollen Roman gibt es im „Kleinen Freund“ mehrere Ebenen. Es ist ebenfalls nicht untypisch, dass die Handlungsebene (mit ihrem Spannungsbogen) den Rahmen schafft, in dem die „eigentlichen“ Kernthemen des Werkes eingewoben werden.
Der Handlungsstrang lässt sich schnell beschreiben: Harriett versucht, den Tod ihres Bruders aufzuklären und zu rächen. Sie gerät dabei in abstrus-gefährliche Situationen, bei denen Schlangen eine zentrale Rolle spielen (das Buch ist eindeutig nichts für Schlangen-Phobiker).

Bei den Hintergrundthemen geht es differenzierter zu. TARRT seziert die familiären Beziehungsmuster in beiden Familien, sie entlarvt die (noch von Rassismus geprägte) Haltung der „besseren“ Damen gegenüber ihren Hausangestellten; sie legt die (oft verlogenen) Muster frei, mit deren Hilfe eine vergangene familiäre und gesellschaftliche Ordnung aufrechterhalten werden soll; sie beschreibt die Zwangsläufigkeit, mit der aus desolaten Lebensbedingungen schwer gestörte Menschen entstehen und sie gibt Einblick in das Erleben und in die Kraft, die in sehr jungen Menschen und deren Freundschaftsbeziehungen entstehen können.
Die Aufzählung ließe sich problemlos fortsetzen.

TARTT hat eine feinfühlige Wahrnehmung für innerpsychische und zwischenmenschliche Prozesse. Sie nimmt sich Zeit für die Details – für Wahrnehmungen, innere Bewertungen, emotionale Regungen. Da sie auch den äußeren Bedingungen (Räume, Licht, Gerüche) eine Stimme gibt, entstehen eigene Welten mit spezifischen Atmosphären.
Sie ist schlichtweg eine begnadete Erzählerin.

Die Intensität des ihres Schreibstils tut dem Roman aber nicht nur gut. Es gibt zentrale Episoden in diesem Buch, da wäre weniger vermutlich mehr gewesen (das gilt nicht nur für die Schlangen). Es geht immer mal wieder sehr extrem zu: sowohl bei den Grausamkeiten, als auch bei den Fähigkeiten und Kräften, die den Kindern (Harriet und ihrem Freund) zugeschrieben werden. Es ist manchmal von allem etwas zu viel.

Meine Empfehlung: Wer nach dem „Distelfink“ (ein Muss!) noch einen weiteren TARRT-Roman lesen möchte, sollte vielleicht erst „Die geheime Geschichte “ lesen. Wer dann noch dabei ist und über die entsprechende Zeit verfügt, dem/der sei auch „Der kleine Freund“ ans Herz gelegt.

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