„Der neue Tugendterror“ von Thilo SARRAZIN

Wenn man Sarrazin liest, fragt man sich die ganze Zeit, ob er so etwas wie die intellektuelle Basis der AfD darstellt. Haben viele AfD-Wähler ihn tatsächlich gelesen oder würden sie sich nur einfach bei ihm wiederfinden, wenn sie seine Bücher gelesen hätten bzw. lesen würden?
Natürlich fragt man sich auch, warum dieser Mensch unbedingt in der SPD bleiben will – wo doch kaum eine gemeinsame Grundüberzeugung zu erkennen ist.
Aber dieses Rätsel werde auch ich nicht lösen können…

Sobald vom Kontext der AfD die Rede ist, könnte man es ja „eigentlich“ mit einer klaren Abgrenzung bewenden lassen. So leicht wollte ich es mir aber – genauso wenig wie bei der „Feindlichen Übernahme“ nicht machen. Gerade jetzt, wo sich die AfD im Osten als Volkspartei zu etablieren scheint, fand ich es lohnend und spannend, ein wenig tiefer und differenzierter einzusteigen. Sarrazin zu lesen lohnt wirklich, wenn man den kulturellen Graben verstehen will, der sich in unserer Gesellschaft aufgetan hat.

Im Grunde schreibt der Autor zwei Bücher in einem, wobei der Titel die beiden Teile verbindet, nämlich die eher methodisch-strukturelle und die inhaltliche Seite des „Tugendterrors“.
Es geht einmal um die kritische Analyse der Reaktionen auf sein erstes Buch zur Migrationsproblematik. Im zweiten Teil rechnet er in einem großen Rundumschlag mit der „Gleichheitsideologie“ des von ihm bekämpften links-grünen Meinungs-Mainstream ab, den er besonders im Bereich Kultur und Medien wahrnimmt.

Ich kann SARRAZIN im ersten Teil seiner Ausführungen eher folgen als im zweiten. Er stellt nachvollziehbar dar, dass viele Rezensionen und journalistische Reaktionen auf seine provozierenden Thesen in „Deutschland schafft sich ab“ wenig differenziert und eher selten inhaltlich stichhaltig waren.
Man könnte es auch anders ausdrücken: Viele Kritiker haben sich eher darauf bezogen, was SARRAZIN vermutlich meinte bzw. auslösen wollte als darauf, wie er es genau formuliert hat. In gewisser Weise haben sich manche derjenigen, die den Autor entlarven wollten, in einer geschickt gestellten Falle wiedergefunden: Plötzlich waren sie es – und nicht der vermeintliche „Rassist“, die sich als pauschalisierend, unterstellend und verleumdend anprangert sahen.
Der Denkfehler der SARRAZIN-Kritiker: Wenn jemand eine abgelehnte Gesinnung mit Fakten unterlegt, reicht es nicht, nur die Gesinnung anzugreifen und in der Argumentation an der Oberfläche zu bleiben bzw. das anzugreifen, was man raushört statt das, was gesagt wird.
Der Punkt geht zu einem großen Teil an SARRAZIN. Man hat es ihm zu leicht gemacht – und er weidet sich auf vielen Seiten in der Ungerechtigkeit der linken Meinungswächter.
Manche seiner Gedanken haben eine gewisse intellektuelle Eleganz: Wenn er süffisant herausarbeitet, dass der Begriff „rassistisch“ inzwischen so inflationär gebraucht wird, das damit jede Zuschreibung von gruppenspezifischen Merkmalen belegt wird.

Einen längeren Exkurs widmet der Autor dem von ihm aufgedeckten Versuch, Meinungen und moralische Bewertungen durch systematische Eingriffe in sprachliche Regelungen zu verändern. In diesem Kapitel spielt die „political correctness“ natürlich eine zentrale Rolle.
Das alles ist einigermaßen bekannt. Und es ist kaum zu bestreiten, dass es auf dem Gebiet der neuen Sprachregelungen, die Diskriminierungen jeglicher Art um jeden Preis vermeiden wollen, einige Verrücktheiten gibt.
Auch hier kann SARRAZIN durchaus Zustimmung einheimsen.

Kommen wir zum letzten Teil des Buches. Hier findet sich die grundlegende, philosophisch-ideologische Botschaft und damit auch die oben angekündigte Verbindung zur Neuen Rechten bzw. zur AfD.
Es geht um die Frage, wo man Gleichheit bzw. Ungleichheit zwischen Menschen (Völkern, gesellschaftlichen Schichten, Ethnien, Geschlechtern, Religionen und Kulturen) wahrnimmt und wie man auf erkannte Ungleichheiten reagiert bzw. ethisch-moralisch reagieren sollte.
SARRAZIN wendet einen interessanten Trick an, um seine Weltsicht möglichst überzeugend darzulegen: Er konstruiert ein Schreckgespenst in Form eines „Gleichheitswahns“, den er in Form von 14 Axiomen zunächst ausbreitet, um diese dann mithilfe von Fakten, Logik und gesundem Menschenverstand zu zerlegen. Nachdem er zunächst diesen „Wahnideen“ die „Wirklichkeit“ gegenüberstellt, fordert er schließlich am Ende den Leser ganz treudoof auf, sich doch einfach für die Sichtweise zu entscheiden, die ihm vernünftiger vorkommt.
Ganz ehrlich: Wer soll auf so etwas reinfallen?!

SARRAZIN unterbietet hier eindeutig sein eigenes Niveau und seinen intellektuellen
Anspruch. Er formuliert nämlich die vermeintlichen Gleichheitsnormen so extrem, wie sie kaum von einem denkenden Menschen vertreten würden. Wenn ich mich von offensichtlichem Schwachsinn abgrenze, kann ich immer leicht im Recht sein…

Worum geht es inhaltlich?
Ich versuche, das Weltbild von Herrn SARRAZIN mal zusammenzufassen, ohne mich in den 14 Einzelthemen zu verlieren:
„Die durch genetische Ausstattung, Zeit/Ort der Geburt und Lebensumstände definierte Unterschiedlichkeit von Menschen entzieht sich der Möglichkeit und der moralischen Verpflichtung zu einem „Ausgleich“. Unterschiede sind entweder schicksalhaft vorgegeben oder durch Anstrengung/Leistung gerechtfertigt. Spätestens außerhalb der nationalen Grenzen erlischt jegliche Verantwortung für Lebensverhältnisse von anderen Menschen. Eine nennenswerte Mitverantwortung der reichen Länder an der Not der Dritten Welt besteht nicht; es ist die Aufgabe der jeweiligen Bevölkerungen, in ihren Staaten für eine angemessene Ordnung zu sorgen. Allein das Bevölkerungswachstum z.B. in bestimmten afrikanischen Ländern lässt den Gedanken, deren Probleme durch Migration in die entwickelten Teile der Welt zu lösen, völlig absurd erscheinen.
Die Idee, allen notleidenden Menschen die Vorzüge des deutschen Sozialstaates anzubieten, ist völlig unrealistisch.
Unterschiede zwischen Völkern, Kulturen und Religionen sind erhaltenswert. Die Idee, alle Menschen irgendwann in eine „Weltgemeinschaft“ ohne nationale Identität aufgehen zu lassen, ist strikt abzulehnen. Jede Nation hat das Recht, nationale Eigenarten zu verteidigen und die Zuwanderung im eigenen Interesse zu begrenzen und an eigenen wirtschaftlichen Interessen auszurichten. Es ist für die Zukunft eines Staates bedeutsam, dass sich ihre Nachkommen nicht überwiegend aus Bevölkerungsgruppen hervorgehen, die – statistisch betrachtet – eher weniger optimale genetische und kulturelle Ressourcen einbringen.
Auch Geschlechterunterschiede sollten nicht der Gleichmacherei ausgeliefert werden.“

Wie diese – zugegeben verkürzte – Darstellung zeigt, mischen sich vernünftige, diskussionswürdige, bedenkliche und völlig abwegige Aussagen. SARRAZIN tut dabei so, als ginge es darum, das Ganze als Gesamtpaket annehmen oder ablehnen zu müssen. Auch das ist natürlich eine Art Trick, mit dem auch die schwerer verdauliche Inhalte „verkauft“ werden sollen.
Jedenfalls ist der vermeintlich drohende allumfassende „Gleichmachungsterror“ ein Popanz, auf den man wunderbar einschlagen kann.

Nutzbar für die AfD ist vor allem die Rechtfertigung für nationalen Egoismus, die positive Konnotation von nationaler Identität und die (nachvollziehbare) Erkenntnis, dass man die Not und Ungerechtigkeit der Welt nicht durch Eingliederung ins deutsche Sozialsystem lösen kann.
Die besondere Warnung vor muslimischer Unterwanderung/Überfremdung ist dabei ein zentrales Kernthema, das sich durch alle drei Bücher dieser Serie zieht.

Resümee: Ja, man versteht die AfD(-Wähler) besser, wenn man SARRAZIN gelesen hat. Man versteht auch die Fehler seiner Gegner (der „links-grünen Meinungs- und Tugendtyrannei“) besser.
Weil sie durch Weggucken, Schönrederei, übertriebener Diskriminierungsangst und unrealistischen Forderungen einen Anteil an der Dynamik hatten und haben.
Auch wenn SARRAZIN immer wieder die Logik auf seine Seite hat: In diesem Buch zeigt sich der Autor ganz eindeutig als Demagoge.
Seiner Fans gefällt es.
Es wird nicht reichen, ihn nur zu ignorieren, zu beschimpfen oder auszugrenzen. Das wird ihn und seine Anhänger nur selbstgewisser machen.

Persönlich sonnt sich dieser – sicherlich hochintelligente – Mensch in seiner Rolle des unverstandenen Querdenkers, der gegen jeden Widerstand der intellektuellen Redlichkeit verpflichtet bleibt. Deshalb braucht er auch den Rahmen SPD, um eine maximale Alleinstellung auskosten zu können.

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