„Ich bin Greta“ – Ein Film von Nathan Grossmann (ARD-Mediathek)

Bewertung: 4.5 von 5.

Man muss kein bedingungsloser Greta-Fan oder gar selbst ein FfF-Aktivist sein, um das Anschauen dieses Dokumentarfilmes als eine lohnende Zeit-Investition zu erleben.
Als Motivation könnten eine ganze Reihe von Gründen dienen; z.B.:
– der Wunsch, das zeitgeschichtliche Phänomen dieser wohl größten Jugendbewegung aller Zeiten zu verstehen,
– das Interesse an der Person Greta, einem sensiblen, verletzlichen und gleichzeitig ungeheuer starken Mädchen,
– die psychologische Neugier, woher dieses Mädchen die schier endlose Energie, Kraft und Leidenschaft für ihre Mission zieht.

Zu sehen ist kein Klima-Film: Es gibt keine Fakten, keine Aufklärung und keine Propaganda. Es geht auch nicht um eine systematische Analyse der familiären und gesundheitlichen Bedingungen, die Greta geprägt haben. Die Strukturen der Fridays-Bewegung werden nicht analysiert, deren Widerhall in Öffentlichkeit und Medien nur kurz gestreift.

Der Film zeigt den Menschen Greta aus einer durch und durch persönlichen Perspektive – ausschließlich im O-Ton. Da gibt es keine erklärenden Begleitkommentare, niemand ordnet ein oder bewertet.
Dafür hat man durch diese Bilder die Chance, den Weg Gretas vom einsamen Sitzstreik vor dem Schwedischen Parlament bis in die Vollversammlung der UN hautnah zu verfolgen: nicht nur die bekannten öffentlichen Auftritte (die eher kurz dokumentiert werden), sondern in erster Linie das Geschehen vorher, nachher und drumherum. Die Bahnfahrten, die Atlantik-Überquerung im Sportboot, die Begrüßungen, ihre Reaktionen auf die Reaktionen der Politiker, den Streit mit dem Vater über ihren Perfektionsdrang und die Ernährung.

Diese Einblicke in das Erleben dieser „Berühmtheit“ ist extrem berührend. Wir sehen keinen geltungssüchtiger Jung-Promi, sondern einen jungen Menschen, der ganz offensichtlich und subjektiv unvermeidlich an der Ignoranz und Widersprüchlichkeit der Welt der Erwachsenen verzweifelt. Und mit genau dieser Verzweiflung sieht Greta sich in der Verantwortung, anstelle der eigentlich zuständigen Politiker und Wirtschaftsbosse für die Rettung der Lebensgrundlagen unseres Planeten einzutreten.

Es zerreißt einem fast das Herz, wenn man den Kontrast zwischen diesem noch sehr kindlichen Körper und der betonschweren Bürde wahrnimmt, die auf diesen schmalen Schultern lastet.
Er erscheint absolut glaubhaft, wenn Greta deutlich macht, dass sie lieber ein ganz normales unauffälliges Teenie-Leben führen würde – wenn nur die zuständigen Menschen endlich den Wissenschaftlern glauben und ihren Job machen würden.

Natürlich wird auch deutlich, dass Greta kein ganz „normales“ Mädchen ist. Sie spricht selbst kurz über ihre Asperger-Erkrankung (eine leichte Form des Autismus).
Man kann diese Krankheit als persönliche Tragik ansehen oder als Glück für die Menschheit: Ohne diese unerschütterliche, fast zwanghafte Konzentration auf dieses eine Thema, ohne diese schonungslose Konsequenz in der Verfolgung des als existenziell-bedeutsam erkannten Zieles, ohne diese Fähigkeit, (fast) alles andere als unbedeutend auszublenden (außer der Beziehung zu ihren Tieren) – ohne das alles hätte es wohl die Fridays-for-Future-Bewegung nicht gegeben.

Wer nach dem betrachten dieses Films noch davon schwafelt, dass diese Greta ja nur ein durchgedrehtes Kind, eine publicity-süchtige Influencerin oder eine ferngesteuerte Marionette grüner Systemverändern (z.B. ihrer Eltern) wäre, der hat sich als Gesprächspartner disqualifiziert.

Insofern ist dieser Film gerade dadurch so aufklärerisch, dass er kaum „neutrale“ Informationen anbietet. Er überlässt Reaktionen und Bewertungen ganz den Zuschauern.
Ich rate dazu, sich dieser Herausforderung zu stellen (abrufbar in der ARD-Mediathek).


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