„Königreich der Angst“ von Martha C. NUSSBAUM

Bewertung: 3.5 von 5.

Eine aktuelle Gesellschaftsanalyse wird angeboten – von der in den USA seit Jahrzehnten etablierten und mit 30(!) Ehrendoktortiteln ausgezeichneten Philosophin und Rechtswissenschaftlerin NUSSBAUM.
Das Buch wurde 2018 veröffentlicht und bezieht somit auch die erste Phase der denkwürdigen Präsidentschaft von Trump mit ein. An den Stellen, wo sie das explizit tut, würde man gerne erfahren, ob ihre Ausführungen angesichts der jüngsten Ereignisse noch von dem gleichen Ausmaß an Milde und Mäßigung getragen würde.

Man kann dieses Buch grob in zwei Teile untergliedern:
Der erste (längere) Teil besteht aus dem Versuch, gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen – insbesondere bzgl. des politischen Klimas – auf emotionale Grundreaktionen des Menschen zurückzuführen. Es geht ihr also darum zu vermitteln, dass bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen (z.B. Diskriminierung, Rassismus, Frauenfeindlichkeit) ihre Ursache in den Tiefen unseres psychischen System haben. Aus dieser Sichtweise lassen sich dann Konsequenzen für den Umgang und für Veränderungsprozesse ableiten.
Im zweiten (kürzeren) Teil beschreibt NUSSBAUM ihre Vorstellungen von einer „guten“ Gesellschaft, in der die Lebensbedingungen so gestaltet wären, dass den unerwünschten Zuständen und Verhaltensmustern weitgehend ihre Grundlage entzogen wäre. Unter solchen Umständen (in denen Gerechtigkeit und Würde gesichert wären), könnten sich die positiven Kräfte von Hoffnung und Liebe entfalten.
Konkret meint sie damit – wie sie selber schreibt – etwa solche Rahmenbedingungen, wie sie beispielsweise im skandinavischen oder deutschen Rechts- und Sozialstaat verwirklicht sind. Dagegen ist insgesamt wenig einzuwenden…

Schauen wir uns ihre Emotions-Theorie etwas genauer an:
Im Zentrum steht das biologisch verankerte Grundgefühl der Angst, das wegen seiner universellen Bedeutung weder ausgemerzt werden kann noch sollte. Es bildet aber eine gefährliche Ursuppe, aus denen drei weitere politisch bedeutsame Emotionen gefüttert werden: der Zorn, der Ekel und der Neid.
NUSSBAUM beschreibt anhand von Beispielen aus der antiken Philosophie bzw. Literatur und unter Zugrundelegung psychoanalytischer Konzepte (insbesondere von Winnicott), wie man sich das Zusammenspiel der Faktoren vorstellen könnte.
In den – auf die vier Emotionen bezogenen – Kapiteln führt die Autorin jeweils aus, welche gefährlichen Folgen das unkontrollierte Wirken der Gefühlskräfte entfalten kann – insbesondere, wenn diese instrumentalisiert werden (indem z.B. Gegnern „ekelhafte“ Attribute zugesprochen werden) oder mäßigende Gegenkräfte (in Politik und Gesellschaft) fehlen.
Das für NUSSBAUM besonders relevante Thema Sexismus/Frauenfeindlichkeit erhält ein Extra-Kapitel.

Bei mir hinterlässt das Buch einen etwas zwiespältigen Gesamteindruck.
Nussbaum steht ohne Zweifel auf der „richtigen“ Seite: Sie plädiert für eine demokratische, liberale, tolerante und gerechte Gesellschaftsordnung. Die Schwächen, die sie im American Way of Live findet und aufdeckt, sind leicht nachvollziehbar.
Ihre demonstrative Ausgewogenheit kann man ihr ohne Weiteres als Stärke anrechnen: Mit guten Gründen macht sie darauf aufmerksam, dass es auch auf dem linken politischen Spektrum missbräuchlichen Einsatz emotionaler Dynamiken gibt.
Dass eine solidarische, gerechte und fürsorgliche Gesellschaftsordung (Sozialstaat) eher zu einem demokratischen, humanen und toleranten Miteinander der Bürger/innen führt als eine Ellbogengesellschaft, in der das Recht des Stärkeren zelebriert wird – das ist plausibel und wäre dies wohl auch ganz ohne eine unterlegte Emotionstheorie.
Trotzdem kann natürlich die Betrachtung der Zusammenhänge zwischen psychischen Phänomenen und politischen Zuständen durchaus spannend und erkenntnisreich sein. Das Buch von NUSSBAUM hat da durchaus etwas zu bieten. Allerdings beschränkt sich der Analyse-Ansatz auf einen rein geisteswissenschaftlichen Zugang (inklusive psychoanalytischer Konzepte). Ausgespart bleiben naturwissenschaftlich begründete Emotionstheorien und empirische Befunde aus Sozialpsychologie, Neurowissenschaft und Soziologie. Schade – aber das wäre wohl ein anderes Buch geworden…
Aus einer ausgeprägter politischen Perspektive wäre sicher zu bemängeln, dass so interessante Faktoren wie wirtschaftliche Interessen und mediale Manipulationsmacht in dem eher harmonischen Weltbild von NUSSBAUM nicht viel Raum bekommen.

Als Zusatzangebot liefert die Autorin nach eine Schlussbetrachtung zu den aktuellen Unterschieden zwischen der amerikanischen und deutschen gesellschaftlichen Situation. Dabei wird deutlich, dass sie – ganz Patriotin – trotz aller Schwächen im Detail noch überzeugt von und stolz auf das US-System ist (was sie u.a. mit der größeren Toleranz gegenüber Migranten und deren religiösen Eigenarten begründet).
Auch an dieser Stelle hätte ich gerne ein Update mit Stand November 2020 gehabt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass so eine intelligente Frau nicht inzwischen ein paar zusätzliche Zweifel hinsichtlich der glorreichen amerikanischen Ideale entwickelt hätte…


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