„Livewired“ von David EAGLEMAN

Bewertung: 4 von 5.

Ja, ich finde das Gehirn so spannend, dass ich mir das neue Buch des bekannten Spezialisten und Sachbuchautors auch auf Englisch zugemutet habe. Von seinem pupulär-wissenschaftlichen Buch „The Brain – Die Geschichte von dir“ war ich sehr begeistert. Das neue Werk geht etwas tiefer und fachlicher in die Materie, ist aber auch für interessierte Laien les- und verstehbar.

EAGLEMAN nimmt seine Leser/innen wieder mit auf eine Reise durch durch die Wunderwelt des menschlichen Gehirns. Dabei kommt es ihm in diesmal auf einen besonderen Aspekt an: Er macht an – sehr vielen – überzeugenden Beispielen eindrucksvoll deutlich, wie unglaublich flexibel das Gehirn seine Arbeit verrichtet.
Statt ein festverdrahteter und vollständig programmierter Computer zu sein, ist das Gehirn ein plastisches, kreatives und extrem anpassungsfähiges Werkzeug.

Was zunächst eher banal und trocken klingt, bekommt im Verlaufe des Buches eine geradezu atemberaubende Dynamik. Denn der Autor geizt nicht mit spektakulären Befunden aus oft ziemlich abgedrehten Experimenten. Gemeinsames Ziel all dieser Versuchsanordnungen ist es, die flexible Funktionsweise nicht am Normalzustand des Gehirns zu demonstrieren, sondern ihm erstaunliche Leistungen bei völlig veränderten und neuen Anforderungen abzuverlangen.
Das Ergebnis: Das Gehirn ist so „offen“ und „selbstoptimierend“ programmiert, dass es z.B. völlig neue Wahrnehmungskanäle entwickeln oder künstliche neue Gliedmaßen integrieren und steuern lernen kann.
Wie kann das funktionieren? Das Gehirn sucht in eingehenden Informationen ununterbrochen nach Mustern und Regelmäßigkeiten und konstruiert daraus neue innere Welten (selbst bei zunächst völlig unbekannter Herkunft der Reize); auf der anderen Seite kann es das innere Körperbild problemlos erweitern, wenn eine entsprechende Rückmeldeschleife angeboten wird.

Später erfolgt dann doch die Einbeziehung von Alltagsphänomenen. Insbesondere die unterschiedlichen Formen und Ebenen des Lernens und des Gedächtnisses werden als weitere Beweise dafür ins Feld geführt, dass sich das Gehirn permanent in einem Veränderungsmodus befindet. Dabei gibt es ein komplexes Zusammenspiel von verschiedenen Zeit- und Strukturebenen.

Als eine Art Schlussbetrachtung erläutert der Autor dann seine Überzeugung, dass die Grundprinzipien der „selbstorganisierten lebenslangen Neuverdrahtung“ (mein Formulierungsversuch) auch auf die Entwicklung von Robotern bzw. Künstlicher Intelligenz angewendet werden sollten.

Insgesamt bietet EAGLEMAN einen informative Ein- und Überblick in ein Forschungsfeld, in dem sich tatsächlich neue Dimensionen auftun und immer wieder neues Staunen ausgelöst wird. Man spürt auf jeder Seite, dass – in dem uns bekannten Teil des Universums – das menschliche Gehirn die komplexeste Struktur darstellt, zu der sich die Bausteine der Materie jemals zusammengefunden haben.
So schaut man dann fasziniert zu, wie das Gehirn versucht, sich selbst zu verstehen.

Weil schon der Inhalt anspruchsvoll genug ist, hoffe ich das dem deutschen Publikum bald eine Übersetzung vorgelegt wird.

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