„Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ – von Bill GATES

Bewertung: 4 von 5.

Wer braucht ein Klima-Buch von einem Menschen, der inzwischen schon fast sein eigenes Denkmal geworden ist: als Microsoft-Gründer, als Multimilliardär und als einer der weltweit größten Stifter im Bereich Gesundheit und Entwicklung?
Inzwischen ist er auch einer der zentralen Projektions- und Feindbilder für Verschwörungstheoretiker – nicht zuletzt auch bei Corona-Leugnern.

Sicher braucht niemand dieses Buch, um auf die Gefahren der Erderwärmung durch den CO2-Overkill hingewiesen zu werden. Auch ohne GATES ist allen interessierten Menschen inzwischen bekannt, welchen ungefähren Emissions-Anteil die unterschiedlichen Bereiche haben. Auch die größten Gegenkräfte und Lösungsansätze wurden in unzähligen Publikationen beschrieben und bewertet.
Gibt es also überhaupt ein Alleinstellungsmerkmal – außer der Prominenz des Autors?
Darauf gibt es m.E. nur eine mögliche Antwort. „Ja!“

Wer sich auf den Text von GATES einlässt, bekommt folgende Dinge in beeindruckender Konsequenz geboten:
– eine systemimmanente Perspektive (GATES stellt an keiner Stelle den Kapitalismus und die Wirksamkeit bzw. den Nutzen seiner Wirkmechanismen – insbesondere die Kräfte des Marktes – in Frage)
– ein Bekenntnis zu Fortschritt und Wohlstandsentwicklung (er lässt an keiner Stelle Zweifel daran aufkommen, dass auch der bisher „zurückgebliebene“ Teil der Welt das Recht auf die Segnungen der Industriegesellschaft hat)
– eine positive und optimistische Haltung gegenüber den Innovationskräften (er ist überzeugt, dass wir mehr und noch intelligentere Technologie brauchen, um zu Lösungen zu kommen)

Bis zu dieser Stelle könnte man auf die Idee kommen, GATES für einen naiven Technik-Optimisten zu halten, der zwar das Problem anerkennt, aber echte Konsequenzen scheut.
Aber da kommt jetzt noch ein paar echte Extras ins Spiel:
Systematik, Gründlichkeit und konsequenter Realitätsbezug.

Der Zugewinn dieses Buches liegt in seinem radikalen Zahlen- und Faktenbezug.
GATES rechnet unaufhörlich: mit den Anteilen der verschiedenen Bereiche am CO2-Ausstoß, mit den Folgen der weiteren Entwicklung von Bevölkerungswachstum, mit den Entwicklungsprozessen in den armen Ländern, mit den bereits erfolgten und zukünftig erreichbaren Fortschritten und mit den Folge- und Zusatzkosten, die das notwendige Umsteuern mit sich bringen würde.
Das tolle an dieser Vorgehensweise: Die Notwendigkeit der CO2-Neutralität bis 2050 ist gesetzt, ohne wenn und aber!

Da GATES auf der einen Seite beim Ziel kompromisslos ist, er das Wirtschaftsmodell (inklusive Wachstum für einen Großteil der Welt) aber nicht nicht in Frage stellt und er auch nicht von einer Bevölkerung ausgeht, die freiwillig große Einschränkungen oder Opfer in Kauf nimmt, nimmt er sich die Freiheit, alle Alternativen durchzuspielen und zu rechnen.
Dabei spart er auch schmerzliche Entscheidungen nicht aus: Wenn die Menschheit z.B. wirklich auf die zukünftige Nutzung einer weiterentwickelten Kernkrafttechnologie verzichten will (was er für extrem unklug halten würde), dann müssten riesige Investitionen in Transportkapazitäten (Stromleitungen) und Speichertechnologie erfolgen.
Dass man die Ernährungsprobleme der Welt ohne moderne Gentechnik und intelligente Düngung lösen könnte, hält er ebenfalls für ziemlich naiv.

GATES steht zum Marktkapitalismus, hält es aber für unausweichlich, dass der Staat die Richtung vorgibt und Anreize schafft. Er fragt immer wieder danach, wie sich die Zusatzkosten für eine CO2-freie Alternative verringern lassen könnte, so dass der Markt den Rest regeln kann. Manchmal kann das allerdings auch bedeuten, dass die alten Produkte eben teurer gemacht werden müssen.

Das Gute an diesem Buch ist, dass es eine andere Zielgruppe anspricht und erreicht, als es die üblichen Klimabücher schaffen. So ein Buch lesen auch wirtschaftsnahe Leute, Investoren und Politiker. Hier spricht einer von Ihnen – nicht irgendwelche vermeintlichen „linksgrünen Gutmenschen“, Hier regieren Zahlen, Kosten, Renditen, Umsetzbarkeit.
So wird aus dem – vielleicht auf den ersten Blick empfundene – Nachteil („der stellt ja gar nicht die Systemfrage“) ein echter Vorteil: Das Thema ist im innersten Kreis der etablierten Wirtschaftslenker angekommen!
Was kann uns Besseres passieren?

Ich kann dann jedenfalls gut darüber hinweggucken, dass der Autor beispielsweise offensichtlich einer
Art Menschenrecht auf Klimaanlagen u.ä. nachhängt oder er den Begriff „Verzicht“ nicht für relevant hält. Wenn alle schon so weit wären wie GATES, hätten wir schon gewonnen!

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