„Vom Ende des Gemeinwohls“ von Michael J. SANDEL

Bewertung: 4 von 5.

Kann ein Buch zugleich bedeutsam, inspirierend und total nervig sein?
Ja, das geht.

SANDEL, ein politisch engagierter amerikanischer Philosoph, legt eine fulminante Abrechnung mit dem Konzept der Leistungsgesellschaft vor. Er tut das mit einer Akribie und mit einer Eindringlichkeit, die leider den – offenbar kaum zu zügelnden – Überzeugungswillen in eine nur schwer zu ertragende Redundanz abgleiten lassen.

Im Grundsatz geht es um die Frage, ob das seit Jahrzehnten hochgelobte Gesellschaftsmodell, in der Erfolg und Wohlstand nicht von ererbten Privilegien abhängen, sondern von den individuellen Leistungen des Einzelnen, eine gute Antwort auf die Gerechtigkeitsfrage darstellt.
Das Prinzip lautet: Wenn es gleiche Zugangschancen zu Bildungsangeboten gibt, dann entscheidet nur das Talent und die eigene Anstrengung darüber, wie weit man die Erfolgsleiter hinaufsteigt.
Sandel legt auf 450 Seiten (inkl. ausführlicher Quellen und Anmerkungen) dar, warum dieses – auf den ersten Blick so einladende Konzept – eine ganze Reihe von gravierenden Widersprüchen und Nachteilen in sich birgt.
SANDEL hat dabei in erster Linie die US-amerikanische Situation im Blick, thematisiert aber zwischendurch immer wieder Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten.

Einige seiner Thesen seien hier kurz angedeutet:
– Die Verabsolutierung des – auf akademische Abschlüsse ausgerichteten – Leistungsprinzips habe zu einer gesellschaftlichen Spaltung geführt, die nicht nur die Verteilung des Wohlstandes, sondern auch das gesellschaftliche Klima bzw. die Einstellungen der Menschen beeinflusst habe: Die selbstgewissen Winner erheben sich über die, die es nicht gebracht haben; die Looser spüren diese Verachtung und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich selbst die Schuld an ihrem Versagen zu geben (denn sie hatten ja alle Chancen…).
– Es erscheine aber faktisch unmöglich, den Anspruch der Chancengleichheit konkret einzulösen, da das Aufwachsen in privilegierten, unterstützenden und bildungsnahen Familien durch noch so viel außerfamiliäre Förderung nicht ausgeglichen werden könne. Die bevorzugten Familien böten nicht nur Bildung und Förderung, sondern auch das Umfeld, in dem solche Kompetenzen wie Anstrengungsbereitschaft oder Selbstvertrauen wachsen könnten.
– Das Narrativ, dass in einer Leistungsgesellschaft jeder den Platz erreichen würde, der ihm fairerweise auch zustände, wird vom Autor von verschiedenen Seiten aus angegriffen. Er macht z.B. immer wieder deutlich, dass von erfolgreichen Menschen grundsätzlich die Rolle unterschätzt würde, die der Zufall oder eben günstige Ausgangsbedingungen für ihre Karrieren spielten.
– SANDEL beklagt, dass der Leistungsbegriff auf den akademischen Bereich der Berufswelt reduziert wird und damit einer Mehrheit der Bevölkerung das Gefühl vermittelt wird, das sie nur einen minderwertigen, zweitklassigen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben erbringen könnten. Damit habe ein großer Teil der Arbeit ihre Würde verloren.
– SANDEL macht auch deutlich, dass die unterschiedlichen Leistung (wie immer sie auch gemessen und beurteilt würde) noch nicht die Frage beantworte, welches Ausmaß an Ungleichheit denn mit dieser verbunden sein sollte. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er das zunehmende Auseinanderklaffen von Mindestlohn und Spitzengehältern – praktisch und moralisch – für völlig unangemessen hält.
– Als besonders abschreckendes Beispiel für die Fehlbewertung von Leistung und gesellschaftlichem Beitrag spricht SANDEL den aufgeblähten Finanzsektor an, in dem aberwitzige Gehälter gezahlt würden, ohne das die Realwirtschaft tatsächlich einen Nutzen habe.
– Beim Ausgleich von Nachteilen (z.B. durch wirtschaftlichen Wandel) müsse nicht nur die Konsumfähigkeit der Betroffenen erhalten werden, sondern es müsse dafür gesorgt werden, dass Ersatzarbeitsplätze, Umschulung u.ä. zur Verfügung ständen. Es gehe immer auch um das Selbstwertgefühl – und nicht nur um genügend Almosen.

Da es sich um ein brandaktuelles Buch handelt (2020), verwundert es nicht, dass all die beschriebenen Zustände im Zusammenhang mit dem Trump-Populismus betrachtet werden. Für SANDEL ist der typische Trump-Fan genau dieser Mensch, der sich von der globalisierten akademischen Elite als Looser eingestuft fühlt – als jemand, der eben die Chance, mit Hilfe eines College-Abschlusses selbst auch aufzusteigen, nicht genutzt habe.

Zum Resümee:
SANDEL hat ein sehr gründliches, tiefschürfendes und relevantes Buch geschrieben, zu einer Grundsatzfrage, die neben dem Klimawandel und der Bewältigung der digitalen Revolution zu den großen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte gehört. Das Spektrum seiner Betrachtungen reicht von philosophischen Gerechtigkeitstheorien bis zu konkreten politischen Forderungen.
Es könnte daher eine uneingeschränkte Empfehlung für Interessenten mit einem größeren Anspruch an Informationstiefe sein, wenn – ja wenn es nicht ein solches Ausmaß an Wiederholungen gäbe. Einige Grundaussagen werden tatsächlich so oft – immer wieder gleich oder ähnlich – formuliert, dass es schon ein wenig ärgerlich ist.
Ich würde davon ausgehen, dass ein Mensch, der sich so gründlich in ein Thema vertiefen will, dieses Ausmaß an Redundanz wirklich nicht benötigt.
Es bleibt ein wichtiges Buch. Für Amerika ist es sicher schon ein radikales Buch – aber ohne jede platte Ideologie.

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