„Wolkenkuckucksland“ von Anthony DOERR

Bewertung: 4.5 von 5.

Die beiden mir bekannten Romane von DOERR („Winklers Traum vom Wasser„, „Alles Licht, das wir nicht sehen“) zeichneten sich durch hohe sprachliche und emotionale Intensität aus. Deshalb konnte und wollte ich mich ganz schnell ins Wolkenkuckucksland führen lassen. Ich habe mich für die Hörbuch-Variante entschieden.

Der Roman ist kunstvoll konstruiert: Er findet nicht nur auf drei Zeitebenen statt, sondern umfasst in diesen Epochen (Mittelalter, Gegenwart und nahe Zukunft) jeweils auch noch längere Zeitabschnitte, die – zu allem Überfluss – auch nicht immer chronologisch abgearbeitet werden. Als erste Aufgabe an die Leser/innen steht da ein wenig Orientierungsarbeit ins Haus.
Wie sich das für einen solchen komplexen Plot gehört, gibt es natürlich ein verbindendes Element: den fragmentarisch überlieferten altertümlichen Text vom Wolkenkuckucksland, dessen Weg durch die Jahrhunderte zu einer eigenen Geschichte in den Geschichten wird.
Eins wird im Laufe der Erzählung immer deutlicher: DOERR zelebriert mit diesem Roman nicht nur dieses spezielle schriftliche Zeugnis, sondern die Literatur, das Lesen, die Bücher schlechthin.

In diesem beeindruckenden historischen Panorama streckt ein ganzes Kaleidoskop an Themen, Ideen und menschlichen Grunderfahrungen: Es geht um Armut, Krieg, Willkür, Grausamkeit, Wissensdurst, Solidarität, Mitgefühl, Loyalität und Liebe.
Da, wo der Autor seine Schwerpunkte setzt, tut er das mit einer – oft geradezu schonungslosen – Detailtiefe. Wir erleben z.B. die Belagerung Konstantinopels so hautnah, als hätten wir selbst die neuen Kanonenwaffen mit unseren Ochsen herangeschleppt; ebenso teilen wir das Bangen und die verzweifelte Gegenwehr der Eingeschlossenen.
DUERR geht nicht nur dicht heran, sondern benutzt seine Sprachkünste auch zur Vermittlung der Härte des Lebens und des Leidens der Protagonisten.

Egal in welche Zeit wir schauen: die Figuren, die wir kennenlernen, sind alle keine glänzende Helden; sie sind geprägt durch biografische Belastungen und Brüche. Doch sie tragen auch eine innere Orientierung in sich, sind geerdet und geprägt in einem ureigenen Wertesystem. Dabei spielt weniger Intellektualität eine Rolle, es ist eher die „Weisheit der Herzen“ (oder „die Kraft der unmittelbaren Menschlichkeit“), die wir in und durch die Protagonisten gezeigt und vorgelebt bekommen.
Natürlich gibt es zahlreiche Bezüge zwischen der verbindenden „Ur-Geschichte“ vom Wolkenkuckucksland und den Handlungssträngen des Romans. Dieses Buch ist so überbordend gefüllt mit Metaphern, Bildern, Anspielungen und philosophischen Ideen, das man es sicher mehrfach lesen (oder hören) müsste, um dem wirklich gerecht zu werden.

Dieses Buch lädt zum Eintauchen und Verweilen ein. Es ist keine leichte und schnelle Kost. Es nimmt einen mit in den Schlamm, den Schmerz, die Ohnmacht – und zeigt gleichzeitig auch die Kraft und die Sinngebung zum Weiterleben.
So wie der Text des Wolkenkuckucksland über die Generationen und Jahrhunderte überliefert wurde, ist vielleicht auch das Leben des Einzelnen nur eine kleine Stufe auf der historischen Treppe der Menschheit. Sollten wir uns möglicherweise selbst nicht so fürchterlich wichtig nehmen?

Die Grundcharakteristik des Romans ist möglicherweise auch eine (kleine) Schwäche: Man muss schon Gefallen finden an solch einer verschachtelten Komposition, man muss Vergnügen daran finden, sich in die Stränge hineinzuarbeiten – sonst kann es auch als verwirrend, anstrengend oder gar als Zumutung empfunden werden.
Auch die Detailtiefe kann schon mal nervig werden: Wieviel Geduld hat man als Leser/in bei der (gefühlt stundenlangen) Begleitung des Ochsengespanns Richtung Konstantinopel?

Sich dieses Buch als Hörbuch zu gönnen, ist ganz sicher keine schlechte Idee. Frank ARNOLD ist ein toller Sprecher, der mit seiner Stimme ein absolut stimmiger Erzähler für diese ausladende Geschichte ist.
Ein kleiner Tipp: Legt euch in der ersten Stunde einen kleinen Zettel bereit, auf dem ihr kurz die Namen der Protagonisten, die Zeit bzw. den Handlungsort notiert. So sind dann die Wechsel der Ebenen leichter nachzuvollziehen. Später ist das dann kein Problem mehr…

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