“Paradox: Am Abgrund der Ewigkeit” von Philllip P. PETERSON

Ja – es ist Science-Fiction. Aber vielleicht sollte das nicht gleich ein K.-o.-Kriterium sein!
Es geht um die klassische Situation: Mit neuen Technologien beginnt der Aufbruch zu unerforschten Welten. Trotzdem empfehle ich das Buch auch Lesern, die nicht zu den Fans dieses Genres gehören.
Warum?

Weil das Buch wirklich vielschichtig ist.
Natürlich geht es auch um Raumfahrt und ihre Geschichte. Wie zu erwarten werden eine Menge physikalische und technische Details dargestellt und deren Entwicklung in die Zukunft projiziert. Und natürlich stellt sich die Frage nach dem außerirdischen Leben.
Aber es gibt (mindestens) drei weitere Ebenen, die das Lesen zu einem anregenden Gesamt-Erlebnis werden lassen:

1.  Die Protagonisten
Es werden vier Hauptpersonen und einige wichtige Nebenfiguren in ihrem Beziehungsgeflechten dargestellt. Das gelingt dem Autor recht überzeugend (wenn auch nicht völlig klischeefrei).

2.  Die Beziehung zwischen Staat und Privatwirtschaft
Am Beispiel der Raumfahrt wird dargestellt, wohin die Konzentration von Finanzmacht in den Händen von Einzelpersonen führen kann.

3.  Die Außenperspektive auf die Erde
Das bekannte Thema taucht immer wieder auf. Man kann wirklich gut nachvollziehen, welche Gefühle und philosophische Betrachtungen es auslöst, unsere letztlich winzige und extrem verletzliche Heimat-Kugel aus der Distanz zu betrachten. Die Zweifel an der “Intelligenz” der dominanten Spezies auf diesem Planeten nehmen durch das Lesen dieses Buches sicher nicht ab….

Somit bietet das Buch mehr als einen Grund, als Lesestoff in Betracht gezogen zu werden.

P.S.:  Ich würde mich sehr über Rückmeldungen zu meinen Empfehlungen freuen. Gerne auch dann, wenn nach dem Lesen eine ganz andere Einschätzung entstanden ist.
Schreibt doch einfach einen kurzen Kommentar!

Deutschland – Autoland?

Wir befinden uns am Beginn einer Krise – einer Krise unserer Automobilwirtschaft. Noch machen die Konzerne gute Geschäfte mit tonnenschweren, übermotorisierten Dinosauriern – doch brausen sie alle gemeinsam in einem noch weitgehend ungebremsten Tempo in eine Sackgasse. Wenn wir Glück haben, meistern wir dieses Krise irgendwie. Wenn das gelingen sollte, dann nicht wegen der Fähigkeiten sondern trotz der Unfähigkeit unserer Automobil-Manager.

Warum – so fragt man sich – finden sich in den millionenschweren Chefetagen keine Persönlichkeiten mit visionären, wirklich innovativen Ideen und Zielen? Warum reicht es noch nicht mal für einen realistischen Blick in die nahe Zukunft? Besteht die einzige vorstellbare Management-Strategie in dem Festhalten an dem Vorhandenen? Statt sich dem seit langem vorhersehbaren Trend zuzuwenden (der emissionsfreien Mobilität), wird politische Lobby-Arbeit betrieben und über viele Jahre der Versuch gemacht, sich durch kriminelle Absprachen und technische Manipulationen durchzumogeln. Als ob sich die Notwendigkeiten des Klimaschutzes und die Konkurrenz im  Rest der Welt so lange gedulden würden, bis auch der letzte deutsche Manager bereit und in der Lage ist, die Welt zu verstehen.

So sollen Arbeitsplätze gesichert werden?
Ein Armutszeugnis!

Drei große Zukunfts-Sachbücher im Vergleich

Al GORE: Die Zukunft
HARARI: Homo Deus
LESCH / KAMPHAUSEN: Die Menschheit schafft sich ab

Ja – ich habe sie wirklich alle drei gelesen in den letzten Monaten (alles ziemlicher Wälzer). Mit großem Gewinn. Da nicht jede/r so viel Zeit hat, möchte ich durch den Vergleich der drei Bücher eine Entscheidungshilfe geben.

Zu den Gemeinsamkeiten:
Alle drei Bücher bieten eine fast unerschöpfliche Quelle von Fakten und Zusammenhängen über die Trends und die Risiken an, die das Schicksal der Menschheit in den nächsten Jahrzehnten bestimmen werden. Die Argumente und deren wissenschaftliche Untermauerung sind absolut überzeugend, geradezu zwingend. Natürlich geht es um Klima, Umweltzerstörung, Bevölkerungswachstum, wachsende soziale Ungleichheit, Bedrohung der Demokratie, künstliche Intelligenz, Genmanipulation und die Digitalisierung aller Lebensbereiche. In den Grundaussagen und den Schlussfolgerungen sind sich die Autoren sehr einig – wenn sie auch unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Wo also liegen die Besonderheiten bzw. Unterschiede?

Das Buch von Al GORE ist aus der Perspektive eines amerikanischen Politikers geschrieben, von einem Insider des Systems. Die von ihm analysierten Fehlentwicklungen der US-Demokratie sind beeindruckend klar und unmissverständlich beschrieben – geradezu entlarvend. Diese detaillierte Auseinandersetzung mit dem Versagen eines politischen Systems findet sich in den anderen beiden Büchern nicht.  Dabei bleibt Al GORE ein amerikanischer Patriot und hofft darauf, dass die USA sich von dem Einfluss des Großkapitals, der Lobbyisten und der rechten Medien-Zaren wieder befreien kann und dann (wieder) eine verantwortliche Führungsmacht für die ganze Welt werden kann. (Er konnte sich wohl nicht ernsthaft vorstellen, dass Trump eine US-Wahl gewinnen könnte – sonst hätte wohl sein Optimismus noch mehr Schaden genommen).
Al GORE ist in erster Linie ein Klima- und Umwelt-Aktivist; diese Schwerpunkte sind dem Buch auch anzumerken.
Seine Darstellung ist gut gegliedert; der rote Faden ist immer zu erkennen. Es wird keine Behauptung aufgestellt, die nicht auch faktenreich untermauert wird. Der Stil ist eher unaufgeregt und sachlich.

LESCH ist ein deutscher Wissenschaftler. Sein Buch ist eine sehr gründliche und umfassende Bestandsaufnahme der (aktuell stark bedrohten) Menschheitsentwicklung auf diesem Planeten. In diesem Sinne umfasst er mit seinem Buch sogar noch die erste Publikation von HARARI (Eine kurze Geschichte der Menschheit).
Es werden unglaublich viele  Aspekte nicht nur berührt sondern auch vertieft.
Das Buch von LESCH ist schon fast ein historisches, naturwissenschaftliches und umweltbezogenes Nachschlagewerk (leider ohne ein Stichwortverzeichnis).
Die Darstellungsform unterscheidet sich insbesondere dadurch, dass LESCH immer wieder einzelne Themen in separaten Exkursen vertieft (abgehoben in farbigen Kästchen). Dadurch wird ein noch größerer Tiefgang erreicht; die Darstellung bekommt dadurch einen kaleidoskopischen Charakter und verläuft nicht so stringent in einem Fließtext. Ein weiteres Stilmittel stellen eingebaute Interviews mit anderen Experten dar; ebenso werden Quellen nicht nur erwähnt sondern teilweise sehr ausführlich zitiert.
Diese Buch liest man sicher nicht nur einmal – es verführt dazu, einzelne Aspekte immer mal wieder nachzuschlagen.

Warum ist trotzdem HARARIs Buch mein Favorit?
In gewisser Weise ist dies das subjektivste Buch dieser Auswahl. Hier ist am meisten vom Autor und seinen Gedanken zu spüren. Bei HARARI geht es nicht in erster Linie um eine beeindruckende Faktensammlung sondern im Mittelpunkt steht seine sehr besondere Einordnung und seine Systematik.
Von HARARI wird man am meisten “an die Hand” genommen. Er erklärt die Welt (und den Menschen) auf dem Hintergrund seiner Denkschablonen.
Vielleicht gibt es Menschen, die das eher befremdlich finden oder sich manipuliert fühlen. Bei ihnen entsteht vielleicht eine Reaktanz.
Mir erging es anders: Ich empfand es anregend und faszinierend, mich auf diese Reise zu begeben. Ich hatte keine Probleme, mich auch auf die subjektiv-wertenden und manchmal sehr selbstüberzeugten Aspekte seiner Darstellung einzulassen. Ich habe es sehr genossen!
Natürlich gab es auch für mich einige Stellen, die mich zur Relativierung oder gar zum Widerspruch reizten – dafür habe ich über weite Strecken das Angebot ausgekostet, bekannte Tatsachen und Trends in ungewohnten und höchst kreativen und anregenden Zusammenhängen serviert zu bekommen.
Insgesamt ist der Homo Deus das philosophischste der drei Bücher; der von HARARI erstellte gedankliche Überbau ist absolut gleichrangig bedeutsam wie die angeführten Fakten.

Warum liest man drei solche Bücher, wenn man inhaltlich sowieso schon überzeugt ist?
Das ist eine gute Frage, über die ich ernsthaft nachdenken werde….

Gemeinwohl-Ökonomie

Bitte was?
Habe ich auch erst gedacht, als ich den Titel der letzten Sendung (07.07.2017) des “Philosophischen Radios” auf WDR 5 gelesen habe.
(http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-das-philosophische-radio/index.html

Doch siehe da: Das Konzept hat mich sofort angesprochen und ist gerade dabei, in den Mittelpunkt meiner politischen Überzeugungen zu rücken.

Warum?
Die in diesem Denkansatz steckenden Ideen passen geradezu perfekt zu der Ratlosigkeit, die mich angesichts der dramatischen globalen Fehlentwicklungen, des gerade auf dem G20-Gipfel erlebten Irrsinns und der Mut- und Ideenlosigkeit der meisten politischen Parteien befallen hat.
Wo bitte – so habe ich mich gefragt – ist das überzeugende Gegenmodell zu der zukunftslosen kapitalistischen Wachstumsideologie? Woher könnte in dieser verfahrenen Lage, in der man auch auf der linken politischen Seite kaum innovative Konzepte findet, so etwas wie eine “realistische Utopie” kommen?

  • Eine Antwort gibt die Prinzipien der Gemeinwohl-Ökonomie.

Das Gute dabei ist: Wir brauchen keine Revolution, wir brauchen kein von Grund auf verändertes Gesellschaftssystem. Was wir – nach dieser Idee – brauchen ist “nur” eine Einigung darauf, dass der Erfolg und die materiellen Ergebnisse eines wirtschaftlichen Handelns zukünftig danach bemessen werden soll, in welchem Umfang damit die als “Gemeinwohl” definierten Ziele erreicht wurde. Es ginge dann also nicht – wie bisher – darum, wer ein Produkt zu dem günstigsten Preis anbietet; es würde statt dessen berücksichtigt, unter welchen (sozialen und ökologischen) Bedingungen dieses Produkt erzeugt wurde, wie viele Ressourcen dabei verbraucht wurden und welche Gemeinwohl-Bedürfnisse damit befriedigt würden. Die Einmischung in den “freien” Markt würde nicht über Verbote und Kontrolle erfolgen, sondern durch wirtschaftliche Anreize bzw. Auflagen.
Ein kleines Beispiel: Es gibt bereits woanders erste Regelungen, die solche Unternehmen mit einer zusätzlichen Steuer belegen, in denen das Verhältnis zwischen dem niedrigsten und höchsten Einkommen besonders extrem hoch ist.

Okay! Es gibt tausend Fragen und Einwände – ich weiß!
Es geht um das Überwinden von Denkblockaden. Es geht darum, sich nicht weiter vermeintlichen Naturgesetzen der momentanen wirtschaftlichen Weltordnung auszuliefern – weil diese einfach unverantwortliche und z.T. perverse Ergebnisse liefert.
Was wäre wirklich verkehrt daran, wenn eine Gesellschaft die Anreize so definieren würde, dass diese mit den eigenen ethischen Zielen und den ökologischen Notwendigkeiten übereinstimmen?
Das alles wird nicht kurzfristig umsetzbar sein. Es geht um den Denkanstoß!
Ich hoffe und denke, dass wir von diesem Ansatz in den nächsten Jahren noch hören werden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinwohl-%C3%96konomie
http://www.christian-felber.at/schaetze/gemeinwohl.pdf

“Erkenne die Welt: Eine Geschichte der Philosophie – Band I” von Richard David PRECHT

Da hat sich der bekannteste, smarteste und medientauglichste Philosoph des Landes wirklich etwas vorgenommen: eine Philosophie-Geschichte in vier Bänden!
Was für ein Wechsel: War doch PRECHT bisher dafür bekannt, sich der praktischen Anwendung der Denk-Wissenschaft auf die Themen und Sinnfragen der Gegenwart zu verschreiben – bis hin zu eindeutig politischen Statements.
Und nun ein Grundlagenwerk: die Philosophie von der Pike an!
Nun, an dem notwendigen Selbstbewusstsein mangelt es dem Medien-Star sicher nicht. Aber vielleicht hat er sich doch inhaltlich überhoben?

Meine Bewertung wird aus Sicht eines interessierten Lesers vollzogen; ich habe weder Philosophie studiert noch andere historische Darstellungen zum Vergleich herangezogen.
Aus dieser Sicht kann ich sagen: ein tolles Buch!

Ich fange trotzdem mal mit einer kritischen Bemerkung an: Von der Informationsfülle her betrachtet fühlt man sich als Laie geradezu überflutet. Man kann den vielen Namen, Details und Differenzierungen bei einem Durchgang kaum gerecht werden (insbesondere, wenn man den Fehler macht, sich dem Inhalt in Form eines Hörbuches zu nähern). Also hilft nur langsam oder zweimal lesen.

Warum es sich trotzdem lohnt:
Precht ist ein prächtiger Didaktiker! Er nimmt seine Leser an die Hand und führt sie durch das Labyrinth der verschiedenen Denkschulen. Er macht das, indem er immer wieder die Ebene wechselt und die Einordnung der jeweiligen philosophischen Idee fast genauso viel Raum gibt wie den Inhalten selbst. Das geschieht einmal dadurch, dass er die Bezüge zu den vorangegangenen Denkern erklärt (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) und dass er die Einbettung in zeitgeschichtliche Prozesse in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft  anschaulich verdeutlicht.
Der Effekt: Man kann nach und nach ein Netzwerk von Verbindungen aufbauen, in dem die Weiterentwicklung der Philosophie eben weit mehr ist als eine zufällig Abfolge von verschiedenen Welterklärungen. Ganz nebenher erhält man so einen historischen Nachhilfeunterricht, von dem man als Schüler/in nur träumen konnte.
Großartig!

Für mich ist der erste Band auf jeden Fall schon jetzt ein Standardwerk für Leser, die Philosophie nicht als isolierte Elfenbeinturm-Wissenschaft betrachten wollen.
Allerdings sollte man sich im Klaren darüber sein, dass man dieses Buch nicht “nebenbei” lesen kann. Man sollte schon ein etwas weitergehendes Interesse aufbringen, wenn man sich mit Richard David auf den Weg machen will. Es wird einen eine Weile beschäftigen….
Ich jedenfalls freue mich schon auf den zweiten Band im Herbst 2017. Und ich bin ganz sicher, dass ich irgendwann alle vier Bände in meinem Regal stehen habe.

G 20 und die Folgen

Ja, die Welt ist ungerecht. Ja, die meisten der in Hamburg versammelten Führer der wirtschaftlich mächtigsten Nationen und Institutionen sind von egoistischen und nationalen Interessen bestimmt und haben nicht das Wohlergehen der gesamten Menschheit im Sinn. Ja, die momentane Weltwirtschaftsordnung trägt weiter dazu bei, dass sich der Reichtum konzentriert und Klima und Umwelt leiden.
Es ist daher ohne Zweifel legitim, durch Proteste und Aktionen darauf aufmerksam zu machen, dass man sich dringend eine andere Prioritätensetzung wünscht.

Würde sich die internationale Politik eher in die gewünschte Richtung bewegen, wenn solche Gipfeltreffen unterblieben?
Ich glaube das nicht. Selbst diese – total aufgeblähten – Mammutveranstaltungen bieten eine gewisse Chance der Einflussnahme bzw. der positiven Entwicklung. Die liegt meiner Hoffnung nach einmal in den persönlichen Begegnungen zwischen den Staatschefs und ihren Mitarbeitern. Ich bin davon überzeugt, dass es selbst auf dieser Ebene sozialpsychologische und kommunikative Prozesse gibt, die Denk- und Meinungsblockaden lockern und Perspektiven erweitern können. Begegnungen zwischen Menschen machen Dynamiken möglich, die ohne solche Gelegenheiten unterblieben.
Der zweite Hoffnungsträger ist die internationale Öffentlichkeit, die bei solchen Anlässen auch auf die Autokraten gerichtet ist, die sich in ihrem eigenen Machtbereich gegenüber solchen Einflüssen abschotten können.
Es mögen ja angesichts der dramatischen Menschheitsprobleme nur Nuancen sein, in denen sich Positionen verschieben lassen – aber vermutlich haben diese Nuancen manchmal konkrete Auswirkungen für konkrete Menschen.
Schon aus Mangel an Alternativen darf das nicht ungenutzt bleiben!

Und die Gewalt bei den Protesten? Ist die nicht angesichts der menschenverachtenden Politik vieler Regierungen nicht mehr als verständlich oder sogar angemessen?
Nein, ist sie nicht!
Wer ernsthaft glaubt, dass durch eine größere Militanz von Protesten entweder die Entscheidung der Mächtigen oder das Bewusstsein der Massen in die gewünschte Richtung beeinflusst werden kann, ist naiv oder verbohrt.
Man kann das testen: Jeder könnte mal im Bekanntenkreis herumfragen, ob brennende Autos in ganz normalen bürgerlichen Wohngegenden den persönlichen Einsatz für die Grundfragen der Menschheit erhöhen können.
Es ist absolut skandalös, dass sich die offiziellen Veranstalter der Demos aus dem links-radikalen Spektrum nicht von den Gewalttätern distanzieren und stattdessen nur die allgemein Solidarität gegen die allein schuldige Polizeigewalt zelebrieren.
Mir kann keiner glaubhaft machen, dass die Motivation für die Verwüstung ganzer Straßenzüge in dem Mitgefühl für die notleidenden Menschen oder die zerstörte Natur liegt. Ich traue tatsächlich dem ein oder anderen Staatsführer mehr ehrliches Streben nach positiver Weltgestaltung zu als dem Autonomen Block.

Oder mit Humor: http://www.der-postillon.com/2017/07/g20-twingo.html

“Homöopathie neu gedacht” von Natalie GRAMS

Die Autorin vermittelt einen sehr persönlichen Zugang zu einer Fragestellung, die häufig recht heftige Kontroversen auslöst:
“Ist Homöopathie nun eine dringend notwendige Alternative zur seelenlosen Schulmedizin oder ein aufgeblähter Schwindel für esoterische Wundergläubige?”
Natalie Grams kann etwas in die Waagschale werfen, was die meisten Vertreter der jeweiligen Extremposition nicht können: Sie kennt sich auf beiden Seiten aus! Sie hat als Ärztin eine florierende homöopathische Praxis betrieben und hat aus dieser “Innenposition” heraus eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundannahmen dieses Behandlungskonzeptes entwickelt. 

Daraus entstanden ist sowohl eine “Abrechnung” (mit den Märchen und Mythen rund um die Homöopathie) als auch ein Plädoyer für die Nutzung bestimmter Denk- und Behandlungsansätze.
Wie geht das?

Nun: Sie hat zunächst als Medizinerin ihr naturwissenschaftliches Herz (wieder-)entdeckt und macht unmissverständlich deutlich, dass homöopathische Medizin nicht über die verabreichten Mittel wirkt (wirken kann). Aus diesem irrationalen “Schwindel” wollte sie aussteigen.
Da sie aber bei ihren eigenen Patienten regelmäßig gute Heilerfolge erzielen konnte, ging sie  auf die Suche nach den tatsächlichen Wirkmechanismen – und wurde fündig! Ihre Analyse geht dabei über den allseits bekannten Placebo-Effekt weit hinaus und berücksichtigt vor allem die Faktoren, die in der therapeutischen Beziehung und in der spezifischen Gesprächsführung liegen.

Wer sich ein ganz klein wenig in diesem Bereich auskennt, kommt vielleicht doch relativ rasch auf die Idee, dass sie eigentlich über Psychotherapie redet, genauer gesagt über eine Mischung zwischen Gesprächstherapie und Kognitive Verhaltenstherapie. Sie selbst deutet das auch nach einer ganzen Weile an – ohne jedoch das Ausmaß der Übereinstimmung ganz erkennen zu können oder zu wollen.

Eine überraschende und irritierende Wendung nimmt dann das Buch an der Stelle, an der Frau Grams die homöopathische Praxis als eine Art Clearingstelle für das Gesundheitssystem bzw. für eine niederschwellige psychotherapeutische Basisversorgung nutzen will (“weil ja die echte Psychotherapie so schwer zu bekommen ist”).
Da wird es meiner Meinung nach dann doch ein wenig skurril – wenn auch das Anliegen verständlich ist.

Meine Bilanz: ein interessantes Buch, das ein paar neue Schneisen in das Unterholz der verfeindeten Lager schlägt, ohne in den Grundpositionen faule Kompromisse einzugehen.
Langfristig muss sich aber m. E. das Gesundheitssystem selbst verändern und die Teile der alternativen Medizin integrieren, die offensichtlich so dringend gebraucht und gewünscht werden. Aber bitte ohne Aufgabe der wissenschaftlichen und empirischen Maßstäbe (die uns allen übrigens unsere Lebenserwartung erheblich nach oben geschraubt haben).

(Zum Thema “Heilpraktiker” hier mehr)

“Am Ende aller Zeiten” von Adrian J. WALKER

Dieser Endzeit-Roman beschreibt die Situation einer kleinen Gruppe von Überlebenden nach einem Aufprall eines ganzen Asteroiden-Schwarms auf die nördliche Erdhalbkugel. Die Folgen für die gesamte Zivilisation erweisen sich als wahrhaft apokalyptisch.
Beschrieben wird der Versuch eines von seiner Familie getrennten Mannes, in einem eigentlich ausweglosen Unternehmen seine Angehörigen wiederzufinden.

Meine Eindrücke zu dem Buch sind zwiespältig: Es gibt einen Spannungsbogen, ein paar mit einiger Sorgfalt gezeichnete Akteure und ein sehr eindrückliches Endzeit-Szenario. Es gibt viel Beschreibung von Zerstörung und Gewalt – in einem für mich noch gerade akzeptablen Ausmaß (ich bin da eher empfindlich).
In der ersten Hälfte des Buches war ich eher enttäuscht, weil es nur wenige über die reine Handlung hinausreichenden Themen und Denkanstöße gab. Das verändert sich aber im zweiten Teil, so dass hier auch die Leser zu ihrem Recht kommen, denen es nicht nur um das Einlassen auf die Geschichte selbst sondern eher um die durch sie ausgelösten existentiellen und philosophischen Überlegungen geht.

Habe mich jedenfalls nicht geärgert das Buch ausgewählt zu haben.
Als Schulnote würde ich sowas wie eine 2- oder 3+ geben.

“Alexander von Humboldt” von Andrea WULF

Dieses Buch verführt zu Superlativen.
Das liegt an dem Thema – es geht um eine sehr herausragende Person – und an der literarischen Umsetzung – die wirklich sehr beeindruckend ist.

Normalerweise ist mein Interesse am Leben und an dem Schaffen einer einzelnen geschichtlichen Person nicht so groß, dass es mich zum Lesen einer so umfangreichen und detaillierten Darstellung motiviert. Dieses Buch bildet also eine Ausnahme und ich bin geradezu dankbar dafür, der Empfehlung (meines Schwagers) gefolgt zu sein.

Nach dem Lesen dieser Biografie habe ich das tolle Gefühl, einem der wohl facettenreichsten und zeitgeschichtlich bedeutsamsten Wissenschaftler und Naturforscher wirklich näher gekommen zu sein und Zugang zu seinen grundlegenden und bahnbrechenden Erkenntnissen und Einsichten zu haben.

Man kann nur absolut (Superlative!) beeindruckt sein von einer Persönlichkeit, bei der sich ein geradezu übermenschlicher Tatendrang mit einer universalistischen Begabung und einem so fortschrittlichen Welt- und Menschenbild vereint. Es ist wirklich kaum zu glauben!

Natürlich wiederholen sich auf über 400 Seiten bestimmte Aspekte der Darstellung von Humboldts Eigenschaften und Erkenntnissen. Für mich war das aber an keiner Stelle störend. Einerseits, weil nur in der Wiederholung der Umfang und die Bedeutung seines Lebenswerkes überhaupt fassbar werden kann. Andererseits gelingt es der Autorin auch, nicht nur eine chronologische Abfolge zu vermitteln sondern auch immer neue inhaltliche Schwerpunkte und zeitgeschichtliche Bezüge auf anregende Weise zu vermitteln.

Egal ob der Bezugspunkt in der wissenschaftliche Neugier, im abenteuerlichen Entdeckertrieb, in der intellektuellen Genialität, in der leidenschaftlichen Grenzenlosigkeit, im ganzheitlichen Blick auf die Natur, im ökologischen Bewusstsein oder in den humanistischen Überzeugungen liegt – eine Beschäftigung mit diesem Mann und diesem Buch ist absolut gewinnbringend!

Wahlprogramme 2017 – was mich wundert und frustriert

Ich beschäftige mich seit einigen Monaten intensiv mit einigen grundlegenden Zukunftsfragen unserer Gesellschaft, der Menschheit allgemein und unseres Planeten Erde insgesamt. Ich tue das nicht als Spezialist oder als Politiker sondern als ganz normaler interessierter Bürger.
In einigen – auch hier in diesem Blog erwähnten – Büchern werden in sehr überzeugender Weise Fakten und Zusammenhänge vermittelt, die  eindeutig die Notwendigkeit eines raschen und konsequenten Umsteuerns belegen (z.B. HARARI, GORE)

Aus meiner Sicht müsste diese Prioritätensetzung insbesondere folgende Bereiche betreffen (ich lasse die Außen-, Friedens- und Entwicklungspolitik mal außen vor):

  • Klimaschutz / Energiewende 
  • Schutz der Umwelt, der Ressourcen und der Artenvielfalt
  • ökologisch und moralisch verantwortbare Landwirtschaft/Tierhaltung
  • Begrenzung der Konzentration von Macht, Einfluss und Reichtum auf immer weniger Eliten und Großkonzernen
  • Verteidigung von Rechtsstaat, Pressefreiheit und demokratischen Institutionen in Europa gegen wirtschaftliche, autokratische und extremistische Einflussnahme
  • Verteidigung von Prinzipien der Vernunft, der Faktenorientierung und der Aufklärung gegenüber systematischer Verdummung durch Ideologien, fanatische Glaubenssysteme oder durch an privaten Machtinteressen orientierten Massenmedien

Wie schlagen sich diese existentiellen und drängenden Themen in den aktuellen Wahlprogrammen nieder?

CDU/CSU:
Es geht um Steuersenkungen, Wohlstand, Arbeitsplätze, Kindergeld, Sicherheit und Digitalisierung. Alles nicht verkehrt – aber ist das ein mutiges und konsequentes Anpacken der Zukunftsfragen?
Es erscheint mir kleinkariert und un-ambitioniert. Geschenke verteilen, niemandem wehtun, bloß keine schlechte Stimmung! Wir feiern unsere brummende Wirtschaft!
(Auf S. 67 – kurz vor Ende – gibt es drei Seiten zum Thema “Gutes Klima” – man spürt förmlich, wie einen die Ernsthaftigkeit des Problems anspringt……)

SPD:
Es geht um (soziale) Gerechtigkeit, Familie, Arbeit, Bildung, usw.
Die SPD hat wenigstens den Mut, nicht nur zu verteilen sondern auch zu fordern: einen etwas größeren Beitrag der Besserverdienenden an der Finanzierung der gesellschaftlichen Aufgaben. Dem privaten Wohlstand wird etwas weniger Bedeutung beigemessen, den gesellschaftlichen Strukturen etwas mehr (als bei der CDU).
Ein wenig nach der Mitte des Papiers (S. 48) geht es recht differenziert um “eine gesunde und saubere Zukunft”. Es wird eine ganze Palette von nachvollziehbaren Forderungen und Zielen definiert.
Aber nach einer wirklichen Prioritätensetzung sieht das auch nicht aus…

Die Grünen:
Ja – die Grünen scheinen irgendwie “out” zu sein! Ist vielleicht ein anderes Thema wert.
Aber sie sprechen tatsächlich die drängendsten Fragen auch als erstes an!
Eine klare Entscheidung für die weitsichtige und nachhaltige Perspektive auf die Themen, die wohl eher die Qualität des Lebens der nachfolgenden Generationen bestimmen als die Höhe des Kindergeldes.
(Übrigens: Nicht allen Positionen der Grünen in anderen Bereichen stimme ich vorbehaltlos zu).

(wird fortgesetzt)