„Liebe in Zeiten des Hasses“ von Florian ILLIES

Bewertung: 1 von 5.

Meistens verstehe ich ja, warum ein Buch, das mich nicht anspricht, für eine bestimmte Zielgruppe anregend und wertvoll sein könnte. Bei diesem Werk kostet selbst das eine gewisse Mühe.

ILLIES – so habe ich der Ankündigung entnommen – wollte eine Art kulturelles Sittengemälde eines extrem „zerrissenen“ Jahrzehnts zeichnen, als eine Art Gegenentwurf zu den politischen Verwerfungen dieser Zeit.
Was ich einige Stunden gehört habe, waren immer wieder neue amouröse Verwicklungen einiger Hauptakteure, die auch nach fast einem Jahrhundert noch als künstlerische und literarische Avantgarde des letzten Jahrhunderts gelten: Jean-Paul Sartre, Henry Miller, F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Katia und Thomas Mann.
Teilweise lustvoll-euphorisch, manchmal eher manisch-getrieben werden von diesen Menschen und ihrem Umfeld immer wieder neue Beziehungsversuche gelebt und erlitten. Das alles passiert in einer „Kunstwelt“, die in weiten Teilen von den Alltagsnöten der normalen Bevölkerung klar abgegrenzt ist.

Gut: Ich kann nicht beurteilen, wie sich diese Paare und ihre Wechselwirkungen mit der Zeitgeschichte weiter entwickelt haben. Mir war nach vier Stunden einfach so langweilig, dass ich das Buch abbrechen musste.

Für wen könnte dieses Buch geschrieben worden sein?
Nun, es verschafft kulturbeflissenen Menschen sicher ungewohnt intime und detaillierte Einblicke in die privaten Welten ihrer Idole. Auch wer aus historischem Interesse diesen Ausschnitt der jüngeren Geschichte unter einer sehr speziellen Perspektive betrachten möchte, kann sicherlich von diesem Text profitieren.

Konkret empfehlen kann ich dieses Buch niemandem. Mir leuchtet nicht unmittelbar ein, welche wirklich relevanten Erkenntnisse man aus dem komplizierten Liebesleben einer abgehobenen kulturell-intellektuellen Klasse gewinnen könnte.

„Hybris“ von Johannes KRAUSE und Thomas TRAPPE

Bewertung: 2.5 von 5.

Als ausgewachsener Sachbuch-Fan kann ich mich kaum erinnern, einmal eine ähnlich schlechte Bewertung für ein offenbar erfolgreiches populärwissenschaftliches Buch abgegeben zu haben. Das liegt wohl daran, dass ich mich tatsächlich richtig geärgert habe.
Wie konnte es dazu kommen?

Es geht in diesem Buch um die Archäogenetik, Das ist ein recht moderner Zweig der Altertums-Forschung, der die bisherigen Methoden der Spurensuche und -auswertung um eine entscheidende Zutat bereichert hat. Seitdem das menschliche Genom entschlüsselt und serienmäßig lesbar ist, gelingt es nämlich immer häufiger, selbst jahrtausendealten Fossilien DNA-Informationen zu entlocken.
Das führt inzwischen dazu, dass mit einer unglaublichen Präzision erfasst werden kann, in welchem Umfang bestimmte genetische Anteile in der jeweiligen Probe stecken. So kann man z.B. auf das Prozent genau erkennen, wieviel „Neandertaler-DNA“ zu verschiedenen Zeiten und Orten in den Menschen steckten (wir haben heute noch ein paar Prozent in uns).
Beeindruckend ist auch, welche Aussagen selbst über die allerfrühestens Migrationsbewegungen der unterschiedlichen (Vor)Menschen-Typen möglich sind. Viel besser als früher kann man nachhalten, in welchen Etappen und auf welchen Wegen allmählich die Ausbreitung des Homo Sapiens auf unserem Planeten vonstatten ging – wer also wann und wie z.B. den amerikanischen Kontinent frühbesiedelt hat.

Das klingt doch alles total spannend! Was habe ich denn bitte da zu meckern?
Es sind zwei Dinge, die mich an diesem Buch wirklich nachhaltig stören:
Da ist einmal die verwirrende Darstellungsweise, in der man kaum einen didaktischen roten Faden erkennen kann. Am laufenden Meter werden einem immer wieder neue Jahreszahlen um die Ohren gehauen; dabei wird rücksichtlos zwischen ganz unterschiedlichen Zeiträumen hin- und hergesprungen. Zwischendurch weiß man dann manchmal gar nicht mehr, ob man sich gerade 5000, 200000 oder ein paar Millionen Jahre von der Gegenwart entfernt hat. Für jemanden, der nicht in der Materie steht, kann diese Art der Vermittlung nicht hilfreich sein. Das Ergebnis: Man ertrinkt fast in einem Meer von Fakten und Zahlen, oft ohne zu wissen, wo sich die Wasseroberfläche befindet.
(Ich gebe zu, dass möglicherweise das Medium des Hörbuches diesen Mangel noch verstärkt hat.)

Schon fast als Täuschung empfinde ich die Sache mit dem Titel! Mit dieser Anspielung auf die aktuelle Selbstüberschätzung („Hybris“) des Menschen wird der Eindruck erweckt (und so wird das Buch auch beworben), als ob die geschichtlichen Darstellungen eigentlich nur den Hintergrund dafür bilden würden, eine gegenwartsbezogene Analyse des menschlichen Scheiterns in Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen auf diesem Planeten zu vollziehen. Doch beim Warten auf diesen (vermeintlichen) Höhepunktes des Buches stellt sich irgendwann eine quälende Ungeduld ein. Wenn von den sechs Vorlese-Stunden schon deutlich über fünf vergangen sind, kann die Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation wohl nicht mehr ganz zentral werden.
Letztlich kommen sie dann, die Betrachtungen des Ist-Zustandes: Insbesondere die Pandemie, der potentielle Atom-Overkill und die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen durch den (genetisch eingebrannten?) Wachstums-Wahn erinnern – so die Autoren – schmerzhaft daran, dass wir alle nicht über der Natur stehen. Ob die Selbstausrottung durch die Potentiale der KI oder eine Flucht auf andere Planenten verhindert werden könne?

Das Ganze in drei Sätzen:
Die Verbindung von Archäologie und modernster Genetik schafft faszinierende Möglichkeiten.
Auch interessierte Laien sind durch Menge und Darstellung der Details überfordert.
Über die möglichen Schlussfolgerungen für die heutige Lage der Menschheit hätte man gerne mehr gelesen.

„Der fürsorgliche Mr. Cave“ von Matt HAIG

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Autor hat einen sehr speziellen Stil, sich in die Tiefen der menschlichen Psyche einzugraben. Er lässt die alltäglichen Szenarien hinter sich, schafft durch ungewöhnliche Konstellationen erweiterte Perspektiven, schert sich dabei auch nicht um Grenzen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Zeit und Raum. Sein Ziel scheint immer zu sein, intensive Emotionen zu wecken, die Leser/innen intensiv zu berühren und auf jeden Fall ein irgendwie besonderes Leseerlebnis zu vermitteln.
„Mr. Cave“ lässt sich problemlos einreihen in dieses literarische Konzept.

Diesmal liegt die Quelle der Intensivierung des Geschehens in den extremen Schicksalsschlägen des gleichnamigen Antiquitäten-Händlers, dessen Familie gleich von mehreren tragischen Todesfällen betroffen ist.
HAIG schildert die psychischen Folgen der entstandenen Traumatisierung in einer geradezu schonungslosen Konsequenz, die einem immer stärker den Atem verschlägt. Was mit einer gesteigerten „Fürsorge“ gegenüber der verbliebenen Tochter beginnt, entwickelt sich in einer immer pathologischeren Dynamik zu einem ganzen Katastrophen-Tsunami.

Als Leser/in wird man in diesem Buch durchaus gefordert. Es ist nicht immer ganz leicht, diesem Plot „tatenlos“ beizuwohnen. HAIG schafft es (wieder einmal), dass man kaum unbeteiligt bleiben kann.

Mich hat letztlich das „Extreme“, die geradezu versessene Steigerungslogik, irgendwann innerlich aussteigen lassen. Es war mir dann doch ein wenig zu unwahrscheinlich, zu konstruiert. Vielleicht ist eine solche Reaktion ja auch eine Selbstschutz-Strategie, um die eigenen Gefühle zu regulieren…
Mein HAIG-Lieblingsbuch ist Mr. Cave ganz sicher nicht geworden. Vielleicht wird es trotzdem wieder eine Kult-Roman, weil er die menschliche Psyche auch diesmal wieder ausreizt. Nach dem Motto: Durchschnitts-Bücher sollen doch anderen schreiben….

„Das Steinzeit-Virus“ von Xavier Müller

Bewertung: 2.5 von 5.

Dieses Buch kann man wohl als einen „Wissenschafts-Thriller“ bezeichnen. Seine Grundidee basiert auf der Tatsache, dass in den Genen aller Lebewesen auch frühere Evolutions-Zustände gespeichert sind; diese könnten – rein theoretisch – ja auch mal aktiviert werden; vielleicht durch einen Virus.
Das passiert dann z.B. in einem abgelegenen Labor, in dem unlautere Forschungen betrieben werden.
Dann braucht es nur noch ein paar handlungstragende Protagonisten, die sich idealerweise entweder in einer (gerade komplizierten) Liebesbeziehung befinden oder in leitender Stellung für die weltweite Gesundheitspolitik zu sorgen haben – natürlich mit ganz unterschiedlichen Ambitionen und Haltungen.
Vielleicht läuft das Ganze dann irgendwann auf einen Show-Down „Gut gegen Böse“ hinaus…

Auch in diesem Buch stecken ein paar originelle Ideen und – was wirklich anzuerkennen ist – ein interessantes ethisches Grundsatzthema: Es geht um die Frage, wie mit Artgenossen aus der Steinzeit tatsächlich umzugehen wäre. Anders gesagt: Wieviel Menschenrechte ständen einem Homo Erectus zu, wenn er sich plötzlich unter uns mischen würde?
Der besondere Clou in dieser Geschichte ist dabei die – leider völlig abstruse – Vorgabe, dass diese Steinzeit-Verwandten keine anonymen Mitgeschöpfe sind, sondern sich (innerhalb von Stunden bzw. Tagen) aus infizierten Mitmenschen entwickeln können. Gibt es danach noch einen irgendwie relevanten Persönlichkeitskern in diesen Ur-Menschen?

Wie bei den meisten Vorlagen dieses Genres muss man sich auch in diesem Buch damit abfinden, dass sattsam bekannte Erzählmuster kombiniert werden, um die Story mit der von Triller-Lesern offenbar erwarteten Dynamik aufzuladen. Um es anders zu sagen: Wer das ein oder andere (dick aufgetragene) Klischee in kauf nimmt, um den erhofften Spannungsbogen zu erspüren, wird sich vermutlich von MÜLLER gut bedient fühlen.
Für andere Leser/innen, deren Interesse eher den wissenschaftlichen Grundlagen oder dem moralischen Dilemma gilt, ist der (doch irgendwie banale und vorhersehbare) Plot manchmal nur mit Mühe zu ertragen.
Man muss halt wissen, was man will.

„Freiheit für alle“ von Richard David PRECHT

Bewertung: 4 von 5.

Angesichts der Lage im März 2022 wirkt das neue Buch von PRECHT ein wenig aus der Zeit gefallen. So sehr ist man inzwischen daran gewöhnt, dass der medienwirksamste deutsche Philosoph sich zu tagesaktuellen Fragen äußert, dass man schon fast automatisch mit einer Betrachtung zum Ukraine-Krieg gerechnet hat (was zeitlich natürlich völlig unrealistisch wäre).
Nein, es geht nicht um die Aufreger-Themen; der Begriff „Freiheit“ ist weder pandemisch noch politisch/militärisch gemeint; PRECHT widmet sich in diesem voluminösen Sachbuch in aller Ausführlichkeit seinem wohl größten und dauerhaftesten Anliegen: Er will der deutschen Gesellschaft und ihren Entscheidungsträger unmissverständlich klarmachen, dass eine weitreichende Veränderung der Arbeitswelt auf uns zukommt und dass es dringend geboten wäre, sich darauf vorzubereiten. Ihm ist das Thema so wichtig, dass er Redundanzen in kauf nimmt: Seine grundlegenden Argumentationslinien sind seit Jahren bekannt – aus früheren Büchern, diversen Vorträgen und unzähligen Medienauftritten.

Warum legt PRECHT nach?
Nun, er hatte wohl das Bedürfnis, sein vertrautes Narrativ von den dramatischen und allumfassenden Auswirkungen der Digitalisierung noch einmal faktenreich zu unterfüttern. Der Autor geht in die Tiefe und ins Detail. So ist eine Publikation entstanden, die eher ein Fach- als ein Sachbuch darstellt. Es ist kein Statement für den flüchtig interessierten Durchschnittsleser, sondern eher eine systematische Aufarbeitung der ökonomischen, historischen und gesellschaftlichen Fragen rund um die zukünftige Rolle der (Erwerbs-)Arbeit.
Als Kernthese wird formuliert: Wir sind auf dem Weg von einer Arbeitsgesellschaft zu einer Sinngesellschaft – und wir sollten diese Revolution nicht ungesteuert auf uns einbrechen lassen.

Das Buch beginnt im Bereich der Wirtschaftswissenschaften: Schon nahe an dem Niveau eines volkswirtschaftlichen Seminars werden die widersprüchlichen Prognosen zu dem vermeintlichen Arbeitsplatzabbau (als Folge von Automatisierung und KI) dargestellt und bewertet. PRECHT hält es für sehr plausibel, dass sich frühere Entwicklungen (alte Arbeit wird durch neue ersetzt) eben diesmal nicht wiederholen werden. Das alles ist sehr überzeugend.
Natürlich erfolgt auch eine Differenzierung zwischen verschiedenen Berufsfeldern: Nicht verschwinden wird der Bedarf nach Empathie-Berufen (Pflege, Bildung, Coaching, Therapie), nach Handwerk und nach Spitzenkräften in IT, Projektmanagement und Forschung).

Im nächsten Teil wird es dann deutlich historischer, philosophischer und soziologischer: Der – scheinbar so zentrale und unverrückbare – Stellenwert der (Erwerbs-)Arbeit für das Selbstverständnis von Menschen und Gesellschaften wird durch eine geschichtliche Betrachtung ins Wanken gebracht. Es wird deutlich, dass es eben nicht so selbstverständlich zum Wesen des Menschen gehört, sich durch Arbeit (gegen Lohn) zu definieren; dahinter standen und stehen kulturelle und ökonomische Bedingungen. Woraus wiederum folgt, dass auch zukünftige Veränderungen möglich sind, ohne der „Natur“ des Menschen zu widersprechen.

Das zentrale Thema für das restliche Buch ist dann – für PRECHT-Kenner alles andere als überraschend – das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) als Antwort auf die bevorstehenden Umwälzungen. Ganz nach dem Stil dieser recht akademischen Publikation stellt PRECHT diesen Lösungsansatz in allen historischen Ursprüngen und in aller Differenziertheit bisheriger Umsetzungen und bestehender Konzepte dar.
Dabei geht es um zwei grundlegende Ebenen: um die Finanzierbarkeit und die individuellen und gesellschaftlichen Folgen. Für beides führt PRECHT jede Menge gute Argumente
ins Feld; natürlich kommen auch Skeptiker und Gegner zu Wort.

Die Argumentationslinie wäre nicht komplett, wenn der Autor ganz am Ende nicht auch auf die Notwendigkeit eines veränderten Bildungssystems zu sprechen käme: Natürlich muss der von eintöniger und belastender Arbeit befreite Mensch (da ist sie endlich, die FREIHEIT) durch eine umfassende Persönlichkeits-Bildung auf dieses veränderte Lebenskonzept vorbereitet werden. Die erworbene Flexibilität und Offenheit für immer neue Herausforderungen soll dabei die Grundlage sowohl für sinnstiftende Arbeit (im klassischen Sinne) als auch für persönliche (kreative, soziale, künstlerische, …) Erfüllung schaffen.

PRECHT hat mit diesem Buch ohne Zweifel einen gewichtigen Diskussionsbeitrag vorgelegt, an dem die betroffenen Disziplinen und Entscheider kaum unberührt vorbeikommen werden. Er beeinflusst die gesellschaftlichen Entwicklungen damit langfristig sicher stärker als durch die letzten, etwas sehr spontan wirkenden Statements zur Tagespolitik (Corona, Regierungsbildung und Krieg).
Was PRECHT ohne Zweifel kann, ist die gründliche Aufarbeitung komplexer Themen.
Wer das für die Thematik „Zukunft der Arbeitsweilt“ gerne hätte, der/die sollte hier zugreifen. Wem die Kurzfassung reicht, findet dazu in diversen Mediatheken reichlich Stoff.

„Die Erwählten“ – von John McWHORTER

Bewertung: 3 von 5.

Der amerikanische Sprachwissenschaftler hat ein bemerkenswertes Buch zu einem brandaktuellen Thema veröffentlicht, das insbesondere in der akademischen Öffentlichkeit der USA ganz sicher erhebliche Aufregung auslösen wird. Das liegt daran, dass es ein bewusst provokant geschriebenes Buch zu einem echten „Aufreger-Thema“ ist: Es geht um Rassismus – insbesondere um die Art und Weise, mit der die aktuellen Aktivisten und Aktivistinnen ihren antirassistischen Kampf führen.
Das bedeutet: Der Gegenstand dieses Buches ist nicht der Rassismus selbst, sondern die – aus der Sicht des Autors – dramatische Fehlentwicklung im Weltbild und im Agieren der „modernen“ Antirassisten.

Mit diesem Buch will McWHORTER nicht weniger als ein Bollwerk errichten, das die Gesellschaft allgemein, aber auch die von Rassismus betroffene (schwarze) Bevölkerung vor einer immer einflussreicher werdenden Gruppe von „Eiferern“ schützen soll.
Um dieses Ziel zu erreichen, fährt der Autor die ganz großen Geschütze auf. Die Kernthese seines Buches lautet nämlich: Diese bestimmte Gruppe von Menschen, die sich voller Inbrunst der Entlarvung und Bekämpfung rassistischer Tendenzen in der Öffentlichkeit verschrieben hat, ließe sich am ehesten als eine neue Religionsgemeinschaft charakterisieren. Ihre Anhänger fühlen sich – so sieht es der Autor – als die „Erwählten“, die mit unnachgiebigem Maßstab und durch nichts zu bremsender Konsequenz all die Personen öffentlich brandmarken, die durch eine mangelnde Sensibilität hinsichtlich dieser Thematik auffallen.

Wenn McWhorter einer bestimmten Ideologie als „Religion“ bezeichnet, ist das ganz sicher nicht als Kompliment gemeint. Obwohl sich der Autor selbst als eher konservativen Schwarzen bezeichnet, bedeutet für ihn die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft ganz eindeutig, dass deren Anhänger/innen sich einer rationalen Diskussion entziehen, dass sie von einem missionarischen Eifer und einer von Zweifeln freien Selbstgewissheit getrieben sind und dass sie im Kampf gegen das vermeintlich „Böse“ keine Kompromisse gelten lassen.
Insgesamt führten diese Haltungen nicht nur zu einer unbarmherzigen Verfolgung von Abweichlern (die dann z.B. nach ihrer Entlarvung oft Arbeitsplatz und Status verlören), sondern beinhalteten auch eine (ungewollte) Herabsetzung der Schwarzen Menschen (als ewiger Opfer) und eine Ablenkung von den konkreten Maßnahmen, die tatsächlich und konkret die Bedingungen benachteiligter Gruppen verbessern könnten. Hier nennt der Autor die Drogenpolitik, Unterrichtsmethoden und die Aufwertung nicht-akademischer Ausbildungen.

Der Autor bestreitet nicht, dass die weiter bestehenden sozialen Probleme vieler Schwarzer Menschen auch als Spätfolgen früherer systematischer Diskriminierungen gesehen werden können bzw. müssen. Er ist ab er davon überzeugt, dass nicht ein praktisch unverändert fortbestehender aktueller Rassismus der entscheidende Wirkfaktor für die Zementierung der Rückstände ist. Die Fixierung auf kleinste sprachliche „Unkorrektheiten“ (auch) bei eigentlich wohlmeinenden öffentlichen Personen dient – so argumentiert McWHORTER – eher der Selbstinszenierung und Selbstbestätigung der „Erwählten“ als den Menschen, für deren Rechte sie angeblich so leidenschaftlich kämpfen.
Der Autor ruft also den gesellschaftlichen („vernünftigen“) Mainstream auf, sich der Bevormundung und dem immer weiter steigendem Einfluss dieser Ideologie zu widersetzen und sich nicht mehr in eine angstgeleitete Defensiv-Haltung drängen zu lassen. Er ruft zum Widerstand auf gegen die geschilderte Form des Antirassismus – auch mit dem Verweis auf die unbestreitbaren Fortschritte, die in den letzten Jahren bereits erzielt worden seien.

Treten wir einen Schritt zurück und stellen uns die Frage, was dieses Buch bietet bzw. was es leisten kann.
Es präsentiert einen in sich schlüssigen Gegenentwurf zu einer gesellschaftlichen Tendenz, die in den USA zwar deutlich stärker ausgeprägt ist als bei uns, aber auch hier in Deutschland als „cancel culture“ gesellschaftliche Wellen schlägt. McWHORTER macht – in weiten Teilen inhaltlich nachvollziehbar – darauf aufmerksam, dass Übertreibungen und Undifferenziertheiten auch dann Schaden anrichten können, wenn sie „eigentlich“ einer guten Sache dienen sollen.
Das Problem dieses Buches besteht nicht darin, dass solche Überspitzungen benannt und beklagt werden, sondern in dem Stil der Darstellung, in der es leider selbst vor polemischen Zuspitzungen nur so wimmelt. Die provokante Sprachgewalt mag einige Menschen für den Kampf gegen einen zu rigoristischen und verabsolutierten Antirassismus mobilisieren, viele andere werden sich aber eher genervt abwenden und so als Bündnispartner für mehr Augenmaß verloren gehen.
Ist es also klug, ein solches Buch, das zur Mäßigung aufrufen will, genau so zu schreiben? Wohl eher nicht!

„Was ist Leben“ von Paul NURSE

Bewertung: 5 von 5.

Mich reizen Sachbücher auf zwei Ebenen: Sie können mein konkretes Wissen über einen bestimmten Bereich erweitern (Erkenntnis erster Ordnung) und Sie können ein – eher ganzheitliches – Bild davon schaffen, was man da „schon alles“ weiß. Das wäre sozusagen eine Erkenntnis zweiter Ordnung, also eine Art „Meta-Wissen“. Oft bleibt dieser Einblick erhalten, selbst wenn die meisten Detailinformationen schon dem Vergessen anheim gefallen sind.
Der Nobelpreisträger NURSE schafft es mit seiner überschaubaren und extrem gut lesbaren Darstellung, beide Ebenen perfekt zu bedienen.

Der Titel des Buches verspricht nicht zu viel und nicht zu wenig. In einer vorbildlichen Didaktik beschreibt und erklärt der Autor anhand von fünf Dimensionen das „Wunder“ des Lebens – und kommt dabei ganz ohne Wunder (oder andere übernatürliche Einflüsse) aus. Der Biochemiker, Zellforscher, Neurobiologe und Mikrobiologe ist durch und durch Naturwissenschaftler und versteht es, seine Begeisterung für die Gesetze und Kräfte der Natur lebendig und anschaulich an die Leserschaft weiterzugeben. Wer sich einlässt auf diese anregende Einführung in die Wissenschaft vom Leben, wird andere Schöpfungserzählungen kaum vermissen – zu faszinierend sind die geschilderten Prozesse und Zusammenhänge.

Die fünf Kapitel handeln von den Zellen, den Genen, der Evolution, der Biochemie und vom „Leben als Information“. Hinter diesen lapidar wirkenden Überschriften verbirgt sich jeweils eine systematische Einführung, die von den grundlegenden Mechanismen bis zum aktuellen Forschungsstand führt. Ganz nebenbei erhält man Kurzlektionen über die Forschungsgeschichte und lernt auch noch die bekanntesten Vertreter der jeweiligen Disziplinen kennen (von denen der Autor eine ganze Reihe auch persönlich kennt).
Die Informationstiefe ist so angelegt, dass wohl jede/r sich anfangs in vertrautem Terrain befindet, am Ende eines Kapitels aber mit Sicherheit ein Stück schlauer ist (Fachwissenschaftler nehme ich hier natürlich aus; das Buch richtet sich an ein breites Publikum).
NURSE hat eine sehr motivierende Art, sich auch mit seiner Person einzubringen, ohne dass er irgendwelche überflüssigen Anekdoten zum besten gibt. Er lässt uns aber daran teilhaben, wie die Ausreifung seines wissenschaftlichen Naturverständnisses andere (z.B. religiöse) Weltsichten an die Seite gedrängt hat. Seinem Staunen, seiner Ehrfurcht und seiner Demut gegenüber dem Phänomen „Leben“ hat das ganz sicher nicht geschadet.

In einem weiteren Kapitel („Die Welt verändern“) betrachtet NURSE die Anwendungsbereiche der modernen Biologie, insbesondere hinsichtlich der zukünftigen medizinischen Möglichkeiten. Dabei vertritt er keinen naiven Hype, macht aber doch darauf aufmerksam, dass es fahrlässig und unklug wäre, sich den Möglichkeiten der gentechnisch-orientierten Landwirtschat und Medizin aus ideologischen Gründen zu verschließen.

Im Abschlusskapitel legt NURSE noch einmal zusammenhängend dar, wie eng alles Lebendige auf unserem Planeten zusammenhängt: Leben wurde nur einmal „erfunden“; die Grundstrukturen und Mechanismen verbinden uns selbstverliebten Halbgötter (meine Formulierung) mit den allerersten Einzellern, und damit tatsächlich und unbestreitbar mit allen Pflanzen und Tieren – in einer ca. 3,5 Milliarden langen Geschichte.

Statt weitere Lobeshymnen zu singen, erzähle ich einfach, wie es mir mit dem Buch ergangen ist: Ich habe es heute morgen im Netz entdeckt, habe es runtergeladen, gelesen und schreibe jetzt (also noch am gleich Tag) diese Rezension.
Das liegt nicht nur daran, dass das mengenmäßig zu bewältigen ist (184 Seiten); es hat vor allem damit zu tun, dass es riesigen Spaß macht, sich auf diese Art durch ein spannendes Sachthema führen zu lassen.

Eine minimale Einschränkung soll genannt werden: Das Buch verzichtet auf jede Art von Veranschaulichung; einige Leser/innen werden vermutlich erklärende Grafiken bzw. Illustrationen vermissen, Verständlich ist der Text ohne Zweifel auch so.

„Algorytmica“ von Marion HERZOG

Bewertung: 3 von 5.

Es ist kein völlig unbekanntes Zukunfts-Szenario, HERZOG gestaltet es auf eine spezielle Weise aus: Die Erde ist verwüstet. In unterirdischen Tiefen haben sich einige menschliche Refugien gebildet, in denen jeweils einige Zehntausend Menschen leben können.
„Leben“ bedeutet hier: Es gibt zwar (noch) biologische Körper, die mit beträchtlichem technischen und medizinischen Aufwand betreut werden – das eigentliche soziale, berufliche und private Leben findet aber in virtuellen Räumen statt, in die man sich je nach Bedarf einloggen kann. Der technologische Fortschritt macht es möglich, absolut „real“ wirkende (natürlich dreidimensionale) Welten zu programmieren, in denen man dann all die „Menschen“ trifft, die auch gerade dort eingewählt sind. Dabei funktionieren alle inneren und äußeren Sinneskanäle, sodass die Simulation nahezu perfekt erscheint.
Natürlich läuft dieser ganze Prozess über eine Gehirn-Schnittstelle, die – Überraschung! – auch eine totale Kontrolle durch eine Herrscher-Kaste ermöglicht – nur zum Besten der geschätzten Bürger, versteht sich.

Tatsächlich gefällt diese perfekte und (scheinbar) sichere Welt fast allen – nur nicht einer kleinen Gruppe von Aufwieglern, die sich irgendwie doch nach einem authentischen, selbstbestimmten Dasein sehnen.
Da zeichnet sich möglicherweise ein Kampf „Gut“ gegen „Böse“ ab…

Die Story wird nach allen Regeln der Kunst personalisiert: Der Riss zwischen den Konstrukteuren bzw. Kontrolleuren der Macht und den Aufbegehrenden geht mitten durch die Familien; es gibt auf allen Ebenen jede Menge Herz und Schmerz und natürlich nervenkitzelnde Spannung, die sich nicht nur im Kampf um die besseren Algorithmen entlädt.
Die Protagonisten steht genau zwischen den Welten – sind doch ihre Eltern Chef-Designer der Hologramm-Welten, ihr Liebster aber will das alles hinter sich lassen. Wie das Leben – offenbar auch im Jahre 2381 – eben so spielt: Es gibt jede Menge Komplikationen und Hindernisse.

So ein Science-Fiction-Roman speist sich ja in der Regel aus (mindestens) drei Quellen. Da ist einmal die Ausgestaltung des technischen Zukunftsszenarios: neue Apparate; physikalische Entgrenzungen; Veränderung in Kommunikation, Fortbewegung, Ernährung, Fortpflanzung, usw. Der zweite Baustein ist eine bestimmte Ausgangskonstellation: Wer oder was kämpft mit welchen Motiven gegen wen oder was mit welchem Ziel? Und die dritte Ebene ist dann die Übersetzung des Ganzen in konkrete handelnden Figuren, mit ihren spezifischen Emotionen, Ambivalenzen, Stärken und Schwächen.

Algorytmica bewältigt zwei dieser drei Aspekte ganz ordentlich: Die Kunstwelten und ihre Weiterentwicklung werden mit viel Kreativität und Liebe zum Detail beschrieben; darauf lässt man sich als Leser/in gerne ein. Die geschilderte gesellschaftliche Konstellation, in der es letztlich um die Verhinderung einer besonderen Art der Weiterentwicklung des Überlebenssystem geht, kann man auch gut akzeptieren. Also eine gute Basis!
Leider entsteht dann ein Bruch: Die handelnden Figuren scheinen aus einer beliebigen Teenager-Serie entliehen zu sein! Für einen schon etwas reiferen Leser erscheint es nur schwer erträglich zu sein, sich durch all den vorhersehbaren Beziehungs-Kitsch zu arbeiten. Schade um die kunst- und fantasievoll geschaffenen Rahmenbedingungen…
Man kann es natürlich auch netter ausdrücken: Dieser Zukunfts-Roman hat eine bestimmte, eher junge und emotionsbezogene Zielgruppe im Auge. Diese wird wahrscheinlich auch ganz gut bedient.

Die Ausgangslage dieses Romans hätte – ein ernsteres Anliegen vorausgesetzt – durchaus das Zeug gehabt, den Konflikt zwischen den beiden Polen „Sicherheit in einer perfekt kontrollierten digitalen Kunstwelt“ und „Authentizität im risikobehafteten echten, biologischen Leben“ als interessante Gradwanderung durchzuspielen.. Leider hat sich die Autorin dem holzschnittartigen Standardmuster verschrieben: Das Böse muss ganz und ausschließlich böse sein (bis zu altmodischen Gewaltorgien), das Gute ist eben edel, hilfreich und gut (und natürlich der Liebe verpflichtet)…

„Was ist eigentlich dieses LGBTIQ*“ von Linda BECKER u.a.

Mir fällt es außerordentlich schwer, für dieses Buch Bewertungs-Sternchen zu vergeben; der Grund dafür wird sicher im weiteren Text deutlich.

Ein Autoren-Duo und eine Illustratorin haben ein Buch für ältere Kinder/Jugendliche (ab ca. 12 Jahren – meine Schätzung) geschaffen, das diese Altersgruppe ausführlich und altersgerecht über einen gesellschaftlichen Bereich informiert, über den vermutlich die Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung keine fundierte Auskunft geben könnte. Insofern könnte man sagen, dass eine echte Informations-Lücke beseitigt wird.
Doch es geht den Autor*innen eindeutig um mehr als eine sachliche Aufklärung: Dieses Buch ist parteilich, hat eine klare Zielsetzung und verfolgt eine Mission.

Es geht um drei Ziele: Einmal sollen die Begrifflichkeiten, die sich rings um die Abkürzungs-Formel (LGBTIQ) formiert haben, in klarer und schnörkelloser Sprache erklärt werden. Schon in diese Erklärungen mischt sich die zweite Botschaft: Nichts rechtfertigt an irgendeiner Stelle irgendeine Form von Ablehnung oder Diskriminierung gegenüber den Menschen, die sich im Reigen dieser „queeren“ Identitäten und sexuellen Orientierungen einreihen. Die dritte Kernaussage richtet sich direkt an die Kinder/jugendlichen und ermutigt sie, eigenen Impulsen, Bedürfnissen oder Empfindungen angstfrei nachzugehen und sich bei Bedarf Unterstützung zu holen.
Zusätzlich wird die Bedeutung des sprachlichen Genderns erläutert, eine zur Regenbogen-Community passende Definition von „Familie“ angeboten und es werden rechtliche Hinweise gegeben und Anlaufstellen genannt.

Das Ganze ist sehr ansprechend und einladend aufgemacht: Es gibt viel Farbe im Buch, jede Menge Grafiken und zu den wichtigsten Themen werden kurze „Interviews“ mit (fiktiven) jungen Menschen aus der jeweiligen Gruppe geführt.
Alles wirkt offen, transparent, bunt, vielfältig und tolerant.
Scheint eine tolle Sache zu sein, dieses LGBTIQ…

Wäre ich ein Teil dieser Community, könnte diese Rezension an dieser Stelle enden und ich müsste fraglos eine 5-Sterne-Bewertung zufügen.
Aber ich bin ein binärer, heterosexueller cis-Mensch und außerdem auch fachlich nicht ganz unbelastet; daher schaue mir mit einer gewissen analytischen Distanz an, welche Botschaften in dieses Buch „eingearbeitet“ worden sind, die nicht einen selbstverständlichen gesellschaftlichen bzw. wissenschaftlichen Konsens widerspiegeln.

Ein paar Beispiele:
– Die Autoren sprechen gleich auf der ersten Seite die jungen Leser/innen ganz direkt an. Sie wollen offenbar klären, wie weit es schon eine persönliche Beteiligung im Sinne eines „Anderssein-Wollens“ gibt. Es folgt die Einladung, sich doch mal die breite Palette der Möglichkeiten anzuschauen…
– Nach einer Definition und einem kurzen geschichtlichen Abriss geht es dann gleich ans Eingemachte: Das (männliche oder weibliche) Geschlecht des neugeborenen Babys wird als eine „Zuweisung“ durch das medizinische Personal dargestellt; diese Feststellung (Junge oder Mädchen) wird ganz generell als Akt der Diskriminierung, Beleidigung und Benachteiligung gedeutet – weil es ja Einzelfälle gäbe, in denen die biologischen Voraussetzungen unklar oder widersprüchlich seien. Warum die Geschlechtsbestimmung auch in allen anderen Fällen irgendetwas Böses sein sollte, erschließt sich wohl nur dann, wenn man ganz grundsätzlich an der Bedeutung biologischer Gegebenheiten zweifelt.
– Mit Sprache beschreibt man nicht nur die Welt, man kann sie auch verändern (oder es zumindest auch versuchen). Damit möglichst alle denkbaren Varianten von Geschlechtsidentitäten völlig gleichberechtigt nebeneinander stehen können, definieren die Autoren die Kategorie „cis“ für die (große) Gruppe von Menschen, die mit ihrem „zugewiesenen“ Geschlecht zufrieden sind. Und schon ist diese Variante nur eine von vielen… „Trans“ ist dann das Gegenteil von „cis“ (also die Unzufriedenheit mit dem zugewiesenen Geschlecht).
Schnell wird noch behauptet, dass in der Deutschen Sprache die Hälfte der Bevölkerung beim Sprechen einfach „vergessen“ oder „weggelassen“ werde. Man kann ja gegen das generische Maskulinum sein – aber so zu tun, als hätte es diese sprachliche Übereinkunft nie gegeben, ist schon ein wenig seltsam.
– Die nächste Lektion betrifft die „Binarität“ der Geschlechter: Wenn Menschen beschließen, dass sie nicht eindeutig Mann oder Frau sein wollen, dann schaffen sie damit eine neue, dritte Geschlechtlichkeit: Sie sind „nicht-binär“. Damit ist für alle Zeiten klar, dass es eben nicht nur das weibliche und männlich Geschlecht gibt! Damit sich das die jungen Leute noch besser vorstellen können, folgt eine Veranschaulichung: Wenn man in der Eisdiele nur Schoko oder Vanille angeboten bekommt, man beides aber nicht mag, sollte man einfach auf Zitroneneis bestehen! So einfach ist es also, sich seine Geschlechts-Identität auszusuchen…
– Im (zunächst gelungenen) Kapitel über sexuelle Orientierungen landen wir irgendwann bei den „Polysexuellen“ und bei den „Pansexuellen“ – einer Unterscheidung, die man möglicherweise außerhalb der queeren Community niemals in seinem Leben benötigen wird.
– Wenn es später um geschlechtstypische Kleidungsgewohnheiten bzw. -normen geht, stoßen die Leser/innen auf eine Welt der maximalen Flexibilität: Warum nicht als heterosexueller Junge mit einem rosa Blümchenkleid in die Öffentlichkeit gehen – Probleme damit haben ja nur die anderen (mit ihren starren Vorstellungen).

Das soll reichen. Ich wollte begründen, warum ich dieses Buch nicht als (reine) Informationsquelle ansehe, sondern als eine weltanschaulich geprägte Darstellung einer bestimmten Interessensgruppe.
Ich finde es schade und auch ein wenig unlauter, dass in diesem Buch keine Unterscheidung bzw. Trennung erfolgt zwischen einer (sinnvollen) Aufklärung, einer (ebenfalls zu begrüßenden) Erziehung zur Toleranz und der Vermittlung eines bestimmten Weltbildes (nämlich das der queeren Community und ihrer Definitionen der Geschlechtlichkeiten).

Zurück zu den Sternen: Für ein toll gestaltetes Buch mit immer wieder auch gut gelungenen Texten (z.B. über Homosexualität oder das „Coming Out“) hätten 4-5 Sterne gut gepasst; für die eingebaute „Propaganda“ würde ich jeden Stern verweigern.
Daher gibt es halt keine Gesamtbewertung.

„Fenster ins Gehirn“ von J.-D. HAYNES & M. ECKOLDT

Bewertung: 4.5 von 5.

Kann man hinter so einem – eher reißerisch formulierten – Titel seriöse Information erwarten? Die Antwort vorweg: Man kann, und man bekommt sie auf höchstem fachlichen und didaktischen Niveau.

Es gibt keinen Mangel an populärwissenschaftlichen Publikationen über den aktuellen Stand der Gehirnforschung. Liest man mehrere solcher Bücher, stößt man immer wieder auf die gleichen grundlegenden Experimente und die gleichen ausgeklügelten Methoden. Meist erklären diese Bücher zunächst die grundlegenden Funktionen unseres Nervensystems, um dann irgendwann beim Zusammenhang zwischen neuronalen Feldern und unserem Ich-Bewusstsein zu landen.
Die beiden Autoren HAYNES und ECKOLDT verfolgen hier einen anderen Ansatz: Sie fokussieren auf eine eingegrenzte Fragestellung und schaffen somit die Grundlage für eine konsistente und überschaubare Darstellung.

Die Fragen lauten: Wie weit ist die Forschung bei dem Versuch, die Gedankeninhalte von Personen direkt aus den Hirn-Scans auszulesen? Unter welchen Rahmenbedingungen und mit welchem Aufwand gelingt das schon heute? Welche Entwicklungen sind in den nächsten Jahren abzusehen? Welche sehr grundsätzlichen Hindernisse bestehen hinsichtlich der – von vielen befürchteten – Möglichkeit einer totalen Fremdkontrolle? Wie realistisch sind Vorstellungen über eine dauerhafte Schnittstelle zwischen unserem Gehirn und digitalen Geräten bzw. über den Upload unseres Bewusstseins auf eine Festplatte?
Die Antworten auf diese Fragen erfolgen konkret, nachvollziehbar und abgewogen.

Das Lesen dieses Buches bereitet ein uneingeschränktes Vergnügen. Die Autoren können perfekt erklären, schlussfolgern transparent und wirken in ihren Einschätzungen seriös.
HAYNES und ECKOLDT sind weder techniktrunkene Zukunftsgurus noch verbissene Katastrophen-Verkünder; wenn es um Prognosen geht, äußern sie sich eher konservativ-realistisch als zukunftsverliebt.
Diese eher nüchterne Herangehensweise vermindert aber an keiner Stelle die Faszination, die von den neuesten experimentellen Forschungen und ihren Befunden ausgeht. Auch das vermitteln die Autoren – aber eben ohne in Euphorie zu verfallen.

Sehr angenehm ist die Selbstverständlichkeit, mit der in diesem Buch die – oft ideologisch aufgeladene – Frage nach dem Zusammenhang zwischen neuronalen Vorgängen und unserem subjektiven Erleben abgehandelt wird. Bei etwas genauerer Betrachtung stellt sie sich nämlich längst nicht mehr: Wenn (nach einer Trainingsphase) Computer mit großer Treffsicherheit erkennen können, ob wir z.B. an eine bestimmte Person (oder eben an eine andere) denken, dann erschiene eine (dualistische) Diskussion darüber, ob der „Geist“ nicht etwas ganz Anderes (irgendwie Immaterielles) sein könnte, völlig abwegig.

Mit dem „Fenster ins Gehirn“ liegt ein auf allen Ebenen vorbildliches und absolut lesenswertes Sachbuch vor, dass den interessierten Laien unterhaltsam und nachvollziehbar bis in die brandaktuellen Forschungsinhalte führt.
Das einzige, was man diesem Buch vorwerfen könnte, kann man diesem Buch nicht vorwerfen: Es nimmt auch alle die mit auf die Reise, die noch nicht eine ganze Reihe von anderen Bücher über moderne Hirnforschung gelesen haben. Natürlich entstehen so für vorinformierte Leser/innen gewisse Redundanzen; das muss man einkalkulieren und aushalten.

Wer es unbedingt wissen will und dieses Buch nicht selbst lesen kann: Nein, die Inhalte unseres Denkens und Fühlens können auf absehbare Zeit hin weder von finsteren Mächten, noch in unserem Auftrag ausgelesen oder übertragen werden. Die Komplexität unseres Gehirns setzt solchen Fantasien sehr markante und grundlegende Grenzen.