„Influencer“ – von Ole NYMOEN und Wolfgang M. SCHMITT

Bewertung: 4 von 5.

Der Charakter dieses Buch ist zeigt sich spätestens beim Untertitel. Wer über das populäre Phänomen der Influencer unter der Perspektive “Die Ideologie der Werbekörper” schreibt, hat offenbar anderes im Sinn, als eine locker leicht geschriebene journalistische Betrachtung.

Der vorliegende Text unterscheidet sich also diametral von der Sorte populärwissenschaftlicher, mainstream-affiner Aufklärung, wie sie in den letzten Jahren zum Sachbuch-Standard geworden ist. Stattdessen fühlt man sich ein wenig zurückversetzt in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen es normal war, gesellschaftliche Phänomene aus einer kapitalismus- bzw. systemkritischen Perspektive zu betrachten und sich dabei vor einer Nähe zu marxistischem Vokabular nicht zu scheuen.
Wer sich also vor einem typisch linksorientierten Soziologensprech geradezu ekelt, sollte dieses Buch erst gar nicht in die Hand nehmen.

Für alle, die sich trotzdem diesem Buch widmen, wird eine Menge geboten. Die Autoren betrachten das Phänomen Influencer und das gesellschaftliche Umfeld, in denen sie sich bewegen, mit analytischer Sorgfalt. Dabei setzen sie keineswegs voraus, dass man sich als Leser oder Leserin in dieser Verzweigung des Internets schon auskennt. Im Gegenteil: Sie sparen nicht an Beispielen für typische Themen, Genres und Inszenierungsformen. 
Informativ wäre daher dieses Buch selbst für Interessenten, die weniger an der kritischen Einordnung, sondern einfach nur an der Vielfalt der Erscheinungsformen interessiert sind. 

In insgesamt zehn Kapiteln stellen die Autoren verschiedene Aspekte bzw. Themenbereiche dar, die zusammen ein konsistentes Bild der schönen neuen Influencer-Werbe-Welt zeichnen. Dabei spielen natürlich der Körper-Kult (Schönheit und Fitness) oder die geradezu fanatische Konsumorientierung der Web-Stars eine Rolle. Angeschaut werden aber auch die Verfestigung traditioneller Geschlechterrollen und die Tendenz, auch vermeintlich relevante Themen (Nachhaltigkeit) konsequent zu kommerzialisieren, also für die eigene Popularitätssteigerung zu nutzen.

Ein besonderes Augenmerk erhält auch die Faszination, die die oft extrem steilen Karrieren der Influencer (muss man das eigentlich gendern?) auf junge Menschen ausüben: In einer Zeit, in der ein finanzieller Aufstieg durch “normale” Arbeit immer unrealistischer erscheint, bietet die Selbstvermarktung im Netz einen (letzten?) Ausweg: Mit dem richtigen Trend zum richtigen Moment kann man es (ohne Plackerei oder Startkapital) von ganz unten nach ganz oben schaffen.
Aber auch hier tragen die Autoren zu einer Desillusionierung bei: Die besten Plätze sind inzwischen von einer Art Influencer-Elite besetzt, die ihr Terrain wirkungsvoll verteidigt.

Um es nochmal zu sagen: An keiner Stelle unterscheiden die Autoren zwischen einer sachorientierten, neutralen Darstellung all dieser Phänomene und einer ideologiekritischen Einordnung. Die Bedeutung der herausgearbeiteten Fakten und Zusammenhänge für die kapitalistische Wirtschaftsdynamik ist integraler Bestandteil der Darlegung.
Wen das stört, ist hier verkehrt. Wer so etwas sucht, liegt hier goldrichtig. Für die Menschen dazwischen könnte es sich sehr lohnen, sich einmal auf diese Perspektive und damit auf ein äußerst informatives und aufklärendes Buch einzulassen.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man beim Begriff “kapitalistisch” nicht gleich einen Schluckauf bekommt.

„Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein“ von Armin FALK

Bewertung: 4 von 5.

Über das moralische Verhalten von Menschen wird in verschiedenen Disziplinen nachgedacht bzw. geforscht. Das Nachdenken hat sich vor allem die Philosophie auf die Fahnen geschrieben, die experimentellen Forschungen wurden traditionell vor allem in der Sozialpsychologie betrieben. Die eher aus den letzten Jahrzehnten stammenden Beiträge der Verhaltensökonomen (oder Wirtschaftswissenschaftler) erweiterten die Perspektiven und Fragestellungen noch einmal deutlich.

Das vorliegende Buch des Ökonomen FALK kann als eine gut lesbare Einführung in den Themenbereich und eine fundierte Übersicht über den empirischen Erkenntnisstand betrachtet werden. Ihm ist es gelungen, einen weiten und anregenden Bogen zu spannen zwischen manchmal etwas drögen Versuchsanordnungen und der gesellschaftsrelevanten Frage, wie wir alle es schaffen könnten, unser Handeln weniger egoistisch und stärker an den Interessen der Mitmenschen und des Gemeinwohls auszurichten.

Woran man sich als erstes gewöhnen muss: Die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler neigt extrem stark dazu, moralische (altruistische, empathische) Einstellungen und Entscheidungen in Euro zu messen. Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas abstrus, ist aber durchaus ernst gemeint: Finanzielle Erwägungen bilden ein für alle (Versuchspersonen, Forscher, Öffentlichkeit) nachvollziehbares und extrem gut handhabbares Kriterium dafür, wie selbstbezogen bzw. sozial Menschen unter bestimmten kontrollierten (also experimentellen) Bedingungen entscheiden. Wie teilen sie einen geschenkten Geldbetrag auf? Wieviel Euro ist ihnen das Leben eines Versuchstieres wert? Wie beeinflussen Vorinformationen die Spendenbereitschaft für Notleidende? Wie (finanziell) fair handle ich unter der Bedingung, dass ich selbst nicht auf die Fairness meines Gegenübers angewiesen bin?

Die Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen steht im Mittelpunkt dieses flüssig geschriebenen pupulärwissenschaftlichen Buches. Das wird manche enttäuschen, die sich unter dem Begriff „guter Mensch“ eher sehr prinzipielle und abstrakt-philosophische Grundsätze vorstellen. Doch die Verhaltensökonomie mag das Pragmatische und nähert sich so eher den Fragen der Alltagsmoral.
Mit seinen gesellschaftlichen Bezügen zu den großen Herausforderungen der Gegenwart (z.B. des Klimawandels) sorgt FALK dafür, dass es an Relevanz seiner Betrachtungen nicht mangelt. Wenn er z.B. herausarbeitet, dass moralisches Handeln wahrscheinlicher wird, wenn es unter der Bedingung der Gegenseitigkeit (Reziprozität) stattfindet, das eigene Tun von anderen beobachtet wird und als Ausdruck einer gemeinsam getragenen Gruppennorm erlebt wird, dann – so fordert es der Autor auch eindeutig – sollte die Gesellschaft eben dafür sorgen, dass diese Bedingungen auch geschaffen werden.

Mit diesem Plädoyer für ein gesellschaftliches Regelwerk, das eben nicht das egoistische, sondern das gemeinwohlorientierte Tun attraktiv macht, verlässt FALK endgültig den wissenschaftlichen Elfenbeinturm und mischt sich politisch ein. In diesem Sinne stellt die Verhaltensökonomie den Werkzeugkoffer bereit, in dem sich Politiker im Interesse aller bedienen könnten (wenn sie nicht vor den vermeintlichen „Freiheitskämpfern“ zurückschrecken würden, die in jeder gesellschaftlichen Lenkung eine fiese ideologische Manipulation wittern – um dann diese Manipulation ohne Zögern dem „freien Markt“ zu überlassen).

Insgesamt handelt es sich um ein anregendes Buch zu einem hochaktuellen Thema. Denn ohne den Abbau des kurzsichtigen Egoismus werden die Menschheitsprobleme ganz sicher ungelöst bleiben.
Am Ende des Buches hat man dann auch weitgehend vergessen, dass man anfangs doch die ein oder andere Versuchsanordnung als ein wenig zu banal empfunden hat. Vielleicht sollten die Sozialpsychologien den Wirtschaftswissenschaftlern das Erforschen der Moral doch nicht ganz überlassen…

„Wie wir die Welt sehen“ von Ronja von WURMB-SEIBEL

Bewertung: 2.5 von 5.

Manchmal ist es ein weiter Weg von einem gut gemeinten Buch zu einem guten Buch.

Die Autorin legt ein Buch zum Thema „Positiver Journalismus“ vor. Sie macht eindringlich deutlich, wie weitreichend die Auswirkungen einer einseitig problemorientierten Berichterstattung auf die Wahrnehmung der Welt und auf die persönliche psychische Befindlichkeit der Nachrichten-Konsumenten ist.

Die Autorin bringt sich mit ihrer persönlichen Biografie ein: Man lernt ihre privaten und beruflichen Entwicklungsschritte kennen und kann so nachvollziehen, wie engagiert sie sich in verschiedene Bereichen selbst eingebracht hat (u.a. auch in Afghanistan).
Natürlich werden auch psychologische Befunde berücksichtigt (z.B. die starke Fixierung des Menschen auf negative Informationen bzw. auf drohende Gefahren).

WURM-SEIBEL arbeitet mit konkreten Beispielen: Sie erläutert u.a. an den allseits bekannten großen Krisen und Herausforderungen der Gegenwart, wie belastend und zermürbend die Konfrontation mit einer endlosen Kette von Katastrophenmeldungen für das emotionale System der Menschen sein kann, die sich vor dem Tsunami der Nachrichtenflut nicht wirkungsvoll abgrenzen können.

Aber die Autorin betrachtet das Thema auch von der anderen Seite: Sie beschreibt – ebenfalls anhand zahlreicher Beispiele – die Auswirkung auf das Engagement und das aktive Tun. Sie ist überzeugt: Probleme ohne Lösungsperspektiven oder gute Beispiele machen mutlos und passiv, führen zu Resignation oder zur Gleichgültigkeit.

Alles klingt irgendwie sympathisch, wohlmeinend, fortschrittlich. und menschenfreundlich. Man mag der Autorin kaum einmal vehement widersprechen.
Und trotzdem: Es entschuldigt nicht dieses unfassbare Ausmaß an Redundanz!
Ich konnte nur mit Mühe der Versuchung widerstehen, das Buch ein zweites Mal zu hören und wirklich einmal mitzuzählen, wie oft die Grundaussage („Man sollte nicht nur negative Informationen über ein Problem, sondern auch mögliche Lösungen vermitteln“) ausgesprochen (aufgeschrieben) wird – es wir in die Hunderte gehen…
Das Problem scheint mir zu sein: Die Autorin ist in einer bestimmten Art überengagiert; sie hat ganz offensichtlich die kritische Distanz zu ihrem eigenen Feldzug gegen die „bösen“ Negativ-Nachrichten verloren. Und sie ist – was eigentlich noch ärgerlicher ist – von niemandem aufgehalten worden (obwohl es in einem Verlag dafür zuständige Menschen gäbe).

Es mag sein, dass der Umstand, dass ich das Buch von der Autorin vorgelesen bekam, meine Wahrnehmung bzw. Bewertung noch ein wenig verschärft hat; ebenso könnte es eine Rolle spielen, dass es nicht mein erstes Buch zu diesem Thema war.
Doch bei allen mildernden Umständen: Der Weg von einem gut gemeinten Buch zu einem guten Buch war in diesem Fall ein wenig zu weit…

„Stumme Erde“ von Dave GOULSON

Bewertung: 3.5 von 5.

Es gäbe wohl drei Motive, aus denen heraus das Lesen dieses Buches verständlich wäre.

Einmal könnte man ein Mensch sein, der einen unbändigen Wissensdurst bzgl. des Themas „Insekten“ hat. Man könnte sich dafür interessieren, welche unglaubliche Arten- und Formenvielfalt diese Gattung von Lebewesen hervorgebracht hat, wie zentral ihre Rolle in dem komplexen biologischen System unseres Planeten ist und wie groß ihre Bedrohung durch das Artensterben (und dessen Auswirkung auch auf uns) bereits geworden ist – z.B. durch die fehlenden Bestäubungsleistungen der Bienen und ihrer Mitarbieter/innen.
Wenn man so jemand ist, kann man auf der Woge des Detailwissens von GOULSON schwelgen in den feinsten Verästelungen dieser Lebensformen und sich durch die abwegigsten Spielarten faszinieren lassen. Gleichzeitig werden auch die Risken in einer beeindruckenden Informationstiefe dargestellt (z,B. in einem Exkurs über die Geschichte der Entwicklung von Dünger und Pestiziden).

Wenn das Interesse an Ökologie und Nachhaltigkeit etwas allgemeinerer Natur sein sollte, kommt man als Leser/in auch auf seine Kosten: Der Autor wird nicht müde, immer wieder die Verbindungen zu den großen Problemen der Naturzerstörung zu beschreiben: Klimawandel, Bodenerosion, Zerstörung der Lebensräume für Pflanzen und Tiere usw.
Gerade im zweiten Teil des Buches werden sowohl die Problembeschreibung, als auch die Lösungsansätze immer allgemeiner, so dass stellenweise die Insekten nur noch als ein Beispiel für die viel grundsätzlicheren Fehlentwicklungen dienen. Natürlich werden die meisten Argumente mit entsprechenden Studien hinterlegt.
Automatisch gibt es hier zahlreiche Überschneidungen mit Aussagen, die in vielen anderen Nachhaltigkeits-Büchern schon getätigt wurden.

Ein drittes Motiv könnte ein eher personenbezogenes sein: Man könnte mit Interesse und Sympathie verfolgen, wie ein ganzes Wissenschaftler-Leben erfüllt ist von der Liebe zur Natur und mit dem Kampf gegen die Dummheit, Ignoranz oder Verantwortungslosigkeit der Spezies Mensch. GOULSON stellt auch seine persönliche Entwicklung vor, in der er von einem (vermutlich etwas nerdigen und schrulligen) Fachwissenschaftler zu einem Kämpfer für die Rettung der biologischen Vielfalt geworden ist.
Leider muss man ihm auch bei der frustrierenden Erfahrung zuschauen, dass all seine Bemühungen um Aufklärung und Aufrüttelung (durch Bücher und Vorträge) meist nur die bereits Interessierten erreichen. Deshalb schlägt er z.B. vor, das ganze Schulwesen darauf hin auszurichten, dass Kinder früh in intensiven Kontakt zur Natur kommen.
Aber er ist auch kein unpolitischer Scheuklappen-Wissenschaftler: Aus seiner britischen Perspektiv sieht neidvoll auf Erstarkung der GRÜNEN in unserem Land.

Was sagen diese drei Perspektiven jetzt über das Buch insgesamt aus?
Nun, sie machen den Lesegenuss nicht gerade einfacher. Wenn man sich nämlich für einen (oder gar zwei) dieser Aspekte nicht interessieren sollte, wird einem die Informationsdichte schonmal zu viel.
Am schwierigsten ist es wohl, so viel Begeisterung für so viel Information über so viele unterschiedliche Insekten aufzubringen. Das muss man wollen. Und wenn man das will, ist man möglicherwiese irritiert, wenn man auf einmal in einem allgemeinen Umweltschutz-Buch gelandet ist. Und vielleicht braucht man auch die Einblicke in die britischen politischen Verhältnisse gerade mal nicht.

So hinterlässt das Buch insgesamt einen etwas zwiespältigen Eindruck. Was bleibt ist Bewunderung und Respekt für das umfangreiche Wissen und das rastlose Engagement des Autors für eine Welt, in der nicht nur Insekten auch in Zukunft ihren Platz behalten…

„Ferrara“ von Bert WAGENDORP

Bewertung: 3.5 von 5.

Wenn ein Buch als „Fortsetzung“ angekündigt und beworben wird, erscheint es angemessen, sich zunächst mit dem Ursprungs-Roman zu befassen: Er erschien unter dem Titel „Ventoux“ 2016 in Deutschland und handelte von einer sehr besonderen Jugendfreundschaft zwischen fünf Jungen und einem Mädchen und deren Wiederbegegnung 30 Jahre nach einem tragischen Ereignis.

In „Ferrara“ sind noch vier Freunde übrig, wiederum ein paar Jahre gealtert, um einige Illusionen ärmer und in jeweils spezifische Krisen verstrickt. Die Leidenschaft zum Rennrad-Fahren ist zwar immer noch eine Verbindung; sie steht aber in dieser Geschichte nicht mehr im Vordergrund.
Stattdessen verschlägt es den Trupp für einige Monate in die nord-italienische Stadt Ferrara, in der Joost (ein wegen Plagiaten gescheiteter Wissenschaftler) ein Designer-Hotel aufbauen möchte. Diese Rahmenhandlung wird angereichert durch die Auseinandersetzung des Ich-Erzählers Bart (inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller) mit der Entscheidung seiner Tochter Anna, ihre journalistische Karriere ausgerechnet in Syrien fortzusetzen. Andrè ist durch frühere Drogengeschäfte zu Geld gekommen und kann jetzt als Wohltäter auftreten, Davids Situation tritt dann im Schlussteil des Romans stark in den Vordergrund.
Die Handlungsfäden werden verwebt mit einer Menge Lokalkolorit: Geschichte und Kunst der Renaissance-Stadt bekommen genauso Raum wie Aspekte der italienischen Mentalität und Kochkunst.

Doch „eigentlich“ ist die Handlung nur die Basis für das tatsächliche Thema des Buches. Es geht um Freundschaft, genauer gesagt: um eine Jahrzehnte überspannende Männerfreundschaft zwischen Persönlichkeiten, die eine sehr prägende gemeinsame Jugend verlebt und sich dann zu sehr unterschiedlichen Charakteren entwickelt haben.
Der niederländische Erfolgs-Autor WAGENDORP lässt einen Anteil nehmen an diesem wechselvollen und immer wieder sehr emotionalen Spiel zwischen Nähe und Abgrenzung – bei dem letztlich Solidarität und Verbundenheit immer siegen.
Es ist schon eine deutlich männerlastige Sicht auf das Leben und das Älterwerden: (Rad)Sport, gutes Essen, stimmungsfördernder Alkohol und „Frauengeschichten“ bekommen ihren Tribut (ohne das es allerdings wirklich chauvinistisch wird).

Während beim Vorläufer-Roman („Ventoux“) der raffiniert konstruierte Spannungsbogen permanent spürbar ist, plätschert der aktuelle Plot doch eine ganze Weile ziemlich vor sich hin. Die dramatischen Ereignisse im letzten Viertel des Romans wirken nicht ganz so organisch eingeflechtet: Sie wirken ein bisschen gewollt – weil ja noch irgendwie etwas passieren musste…
Man muss allerdings einräumen, dass es der Autor wirklich sehr gut versteht, emotional aufgeladene Ereignisse auch literarisch auszukosten und zu zelebrieren: Da bleibt dann kaum ein Auge trocken…

Mein Tipp für diejenigen, die nicht sowieso nach „Ventoux“ genau wissen, ob sie mehr davon wollen: Einfach den älteren Roman zuerst lesen! Dann die Erwartung etwas dämpfen und entscheiden, ob man sich auf eine insgesamt eher entspannte Lektüre mit bekannten Protagonisten einlassen möchte, die aber nicht mehr ganz die Klasse des Vorläufers erreicht.

„Hirnpotentiale“ von Heiko J. LUHMANN

Bewertung: 4.5 von 5.

Das Thema „Gehirn und Bewusstsein“ lässt mich nicht los. Auch wenn ich inzwischen recht sicher bin, dass mir schon weitgehend alles bekannt ist, was man aktuell auf populärwissenschaftlichem Niveau darüber sagen kann: Ich bin jedes mal extrem neugierig darauf, wie andere Autoren an dieses Thema herangehen. Wenn dann noch das heiße Eisen des „Freien Willens“ angesprochen wird, ist es um mich geschehen…

Das Buch von LUHMANN ist erstmal eine faktenreiche und bemerkenswert detaillierte Einführung in die Gehirnwissenschaften. Trotz der Kompaktheit der Darstellung werden strukturelle und funktionale Eigenschaften des Gehirns auf Fachbuch-Niveau abgehandelt. Dabei tragen nicht zuletzt die zahlreichen Abbildungen dazu bei, dass man als Leser/in sozusagen mit Riesenschritten in die Tiefe und Aktualität von Methodik und Erkenntnisstand vordringt. Diesem Buch bzgl. der Vermittlung von Faktenwissen Oberflächlichkeit vorzuwerfen, würde Zweifel an den Hirnfunktionen des Kritikers hervorrufen…
Nicht nur der Titel des Buches ist klug gewählt (ein schönes Wortspiel) – auch den Untertitel muss man ernst nehmen: Es geht LUHMANN nämlich nicht darum, auf einer nebulösen Basis weitreichende Spekulationen über das große Rätsel „Bewusstsein“ zum besten zu geben: Es geht ihm tatsächlich darum, ganz in Ruhe die (biologischen, evolutionären, strukturellen und physiologischen) Grundlagen darzustellen, auf denen Bewusstseinsprozesse nun mal zweifellos aufbauen. Das gibt im die Möglichkeit, abstraktere Überlegungen immer wieder darauf zu beziehen, also zu „erden“.

Nun erwartet man von diesem Buch natürlich auch Antworten auf die großen, die existenziellen Fragen: Lassen sich Bewusstseinsinhalte naturwissenschaftlich aus neuronalen Prozessen ableiten? Folgt daraus, dass wir unser Menschenbild verändern müssen, weil unser ICH nur ein (interessantes) Beiwerk unserer biologischen Determiniertheit ist – mit all den Konsequenzen für so beliebte Konzepte wie Willensfreiheit, Verantwortung und Schuld?

Und tatsächlich robbt LUHMANN sich an diese Themen heran. Er verändert an diesem Punkt ein wenig seine Didaktik und seinen Schreibstil: War er zunächst der (all)wissende Experte, nimmt er hier die Leserschaft mit, bezieht sie ein in die Einschätzungen rund um die biologische Erklärbarkeit von Bewusstsein bei Mensch und Tier.
Vorbildlich ist auch in diesem Teil des Buches die Strukturierung der verschiedenen Themen: Der Autor macht deutlich, wie wichtig es gerade bei den „großen“ Fragen die Klärung ist, von welcher Begriffsdefinition man ausgeht (z.B. beim „Freien Willen“).

LUMANN geht ausführlich auf die kontrovers diskutierte Frage ein, ob mit den – inzwischen zum Allgemeingut gewordenen – Experimenten von LIBET u.a. („das Gehirn fällt unsere Entscheidungen, bevor WIR sie kennen“) das Konzept der Willensfreiheit endgültig widerlegt wurde.
Seine Antworten sind zwar für einen Hirnforscher nachvollziehbar, befriedigen aber nicht ganz. Er macht keinen ernsthaften Versuch, die experimentellen Befunde auf Mikro-Ebene mit all den zusätzlichen (auch von ihm genannten) Faktoren – wie Umwelt, Sozialisation, erworbene psychische Strukturen – zu verbinden. Er erkennt diese Einflussfaktoren auf unsere Entscheidungen zwar an, kommt aber nicht auf die Idee, dass dies auch prägende und determinierende Kräfte sind, die ganz unmittelbar die „Freiheit“ des Willens betreffen und begrenzen. Hier stellt es sich dann doch als ein Nachteil heraus, dass LUHMANN nicht die spannende Integration philosophischer und (neuro)psychologischer Sichtweisen repräsentiert (wie z.B. ROTH und METZINGER).

Was bleibt ist ein absolut empfehlenswertes Sach-/Fachbuch über eines der spannendsten Themen des Menschseins. Selbst wenn man sich nicht auf jede Verästelung der dargestellten Grundlagen einlässt (was wirklich anspruchsvoll wäre), bleibt ein überzeugender Eindruck von den erstaunlichen Differenziertheit und Tiefe der Erkenntnisse. Sympathisch ist, dass dies bei LUHMANN keineswegs zu einer euphorischen Zukunftsgläubigkeit oder Selbstüberschätzung führt: Er macht immer wieder auf die Grenzen der wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten hin und bewahrt gegenüber seinem Forschungsgegenstand eine gewisse „Demut“.
Ein fasst perfektes Buch – wenn man darüber hinwegsieht, dass der Autor sich beim „Freien Willen“ doch etwas verhebt und hinter seinen sonstigen Ansprüchen ein wenig zurückbleibt.

„Nachts im Internet“ von Stephen LAW

Bewertung: 3.5 von 5.

Eine nette Idee und ein kreativer Titel, der ins Auge springt: Mit welchen existenziellen Fragen schlagen sich (schlaflose, neugierige oder einsame) Menschen herum, wenn sie nachts im Internet nicht nach Erotik-Seiten suchen?
Der Autor hat tatsächlich die großen Fragewörter (Was? Warum? Sollte man?) eingegeben und ist auf eine Menge Sätze gestoßen, die schon seit Jahrtausenden Denker aller Kulturen beschäftigt haben. Was lag also näher, als eine Reihe (45) solcher Fragen auszuwählen und sie auf eine spezielle Art zu beantworten – fertig war das Buch!

Entstanden ist so eine Mischung zwischen einer (unsystematischen) Einführung in die Philosophie, einem Selbsthilfe-Ratgeber und einer Darlegung persönlicher Lebensweisheiten, die insgesamt auf einer logisch-empirischen Grundlage, also auf „gesundem Menschenverstand“ basieren.

Der Stil des Buches ist freundlich zugewandt, vielleicht ein bisschen „onkelhaft“-besserwissend; aber an keiner Stelle unsympathisch.
LAW liebt es, zunächst ein bisschen provokant zu sein: Mit einer oft entwaffnender Direktheit stellt er Erwartungen oder Ansprüche in Frage („Warum sollte guten Menschen denn kein Unheil widerfahren?“) oder entlarvt bestimmte religiöse Vorstellungen (Himmel und Hölle) als allzu abwegig und widersprüchlich.
Nach diesem ersten Schritt (der Desillusionierung) verlagert er die Fragestellung auf eine philosophische Ebene und bezieht sich für jedes Thema zumindest auf einen (bekannten) Denker, für den das Thema besonders typisch erscheint. Geliefert wird eine kurze, sehr verständliche Einführung in die betreffenden Kernaussagen.
Am Ende der kurzen Kapitel greift dann der Autor selbst ein, verbindet, glättet und relativiert und endet meist mit einem offenen Ende – denn grundlegende existenzielle Fragen haben nun mal die spezielle Eigenschaft, kaum abschließend und allgemeingültig beantwortbar zu sein.
Insgesamt wirkt das ganze aufklärerisch und anregend, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen.

Der (fast psychologische) Selbsthilfe-Anteil ist in den Fragen zu finden, die sich mit der eigenen Person (und deren Unzulänglichkeiten) auseinandersetzt (z.B.: „Bin ich ein schlechter Mensch?“): Hier sind die Antworten tröstend und aufbauend – ebenfalls auf der Grundlage von Relativierungen, Differenzierungen und logischen Einsichten.

Man muss diese insgesamt eher „seichte“ Art mögen. Das Buch ist leicht zu lesen, überfordert nicht. Zwar betätigt sich der Autor durchaus als kritischer Geist und regt zum Gebrauch von Logik und Vernunft an – aber so richtig in die Tiefe kann dieses Konzept natürlich nicht führen – und dafür wurde es ganz sicher auch nicht geschrieben.

Jedem User, der tatsächlich nachts diese Fragen (Wer bin ich? Warum ist das Leben so schwer?) in eine Suchmaschine eingibt (es muss nicht immer google sein), sei dieses Buch wärmstens empfohlen: Die dort humorvoll aufbereiteten Antworten geben mit Sicherheit mehr Orientierung und Gedankenfutter als der Wust von unsortierten und z.T. kommerzialisierten Links.
Man sollte allerdings keinen systematischen einen Einstieg in die Philosophie erwarten und wird vielleicht das ein oder andere Kapitel-Schlusswort doch als ein wenig zu banal empfinden.

„Anleitung für dein Leben“ von Dr. Sophie MORT

Bewertung: 4 von 5.

Selbsthilfebücher müssen wohl einiges versprechen, um auf dem Markt wahrgenommen zu werden. Der (Unter-)Titel hat mich daher eher ein wenig skeptisch gemacht.
Als ich dann das Buch in den Händen hielt, nötigte mir schon der bloße Umfang einigen Respekt ab: 500 Seiten psychologische Lebenshilfe – das muss man sich schon trauen!
Die Psychotherapeutin MORT hat sich getraut – und das hat sich eindeutig gelohnt.

Dieses Buch hat einen klaren Aufbau, ist nachvollziehbar strukturiert, ist für psychologische Laien gut lesbar und enthält tatsächlich eine Riesenportion psychologische und psychotherapeutische Erfahrung.
Gegliedert ist es in drei große Teile:
– Welche Ursachen/Gründe könnten zu dem aktuellen Leid geführt haben? (Genannt werden verschiedenste biografische Belastungen).
– Warum war es bisher so schwer, die Probleme und Krisen zu bewältigen? (Hier geht es um emotionale und kognitive Sackgassen bzw. Verstrickungen, auch um ungünstige Bewältigungsversuche – z.B. Suchtverhalten).
– Welche konkreten Methoden und Strategien können tatsächlich weiterhelfen? (Konkrete Übungen leiten an zur Regulation von Emotionen und zum systematischen Aufbau von Selbstfürsorge und Achtsamkeit).

Der Ratgeber ist durchgehend in direkter Ansprache an die Leserschaft (im vertrauten „Du“) geschrieben: Alle Informationen sind darauf ausgerichtet, bei den Interessierten und Betroffenen das Verstehen der eigenen Lage und die Voraussetzungen für eine Verbesserung zu vergrößern. Daher wird dem Verständnis für menschliche Schwächen, dem empathische Einfühlen in die emotionalen Nöte und der Akzeptanz von Widersprüchlichkeiten bzw. Ambivalenzen viel Raum gegeben.
Im besten therapeutischen Sinne ist die Autorin zugewandt, parteilich und unterstützend.

Auffällig ist, welchen großen Stellenwert MORT den konkreten Lebensbedingungen der Menschen beimisst: Für sie gibt es keine Grenze zwischen Alltagserfahrungen und einer irgendwie spezifischen Dynamik von psychischen Störungen. Die Botschaft an ihre Leser/innen ist: „Es sind in erster Linie die vorgefundenen (defizitären oder belastenden) familiären, sozialen und materiellen Lebensbedingungen; es sind erlittene Verletzungen, Ausgrenzungen, Diskriminierungen oder Traumatisierungen, die dazu geführt haben, dass du dich in einer kritischen, belasteten oder marginalisierten Situation befindest.“
Ein wiederkehrendes Kernthema ist das Selbstwertgefühl: MORT wird nicht müde zu verkünden: „Es gibt keinen Grund, an dir zu zweifeln, deinen Wert in Frage zustellen oder Schuldgefühle wegen eines vermeintlichen Versagens zu haben. Du bist okay, du bist liebenswert, so wie du bist; du hast jedes Recht, unabhängig von deinen Leistungen oder deinem Status geachtet und geliebt zu werden!“ (Zitate von mir zusammengefasst).

Zusammenfassend kann man sagen: Es ist ein stark alltags- und lebensraumbezogener psychologischer Ratgeber, in dem einzelne Störungsbilder und deren spezifische Dynamik kaum eine Rolle spielen. Der Blick auf Lebensereignisse und Lebensverhältnisse, speziell auf verschiedene Diskriminierungsmuster spielt eine entscheidende Rolle. Man merkt der in London lebenden Autorin deutlich an, das sie den AktivistInnen (z.B. der Gender- und Transbewegung) nahe steht und ihre Perspektive auf die Welt die einer engagierten jungen Frau ist, die sich auch auf den Social-Media-Kanälen zuhause fühlt (sie selbst ist auch Bloggerin und hat eine Achtsamkeits-App entwickelt).

Kritisch könnte man anmerken, dass sich vielleicht nicht alle Altersgruppen gleichermaßen durch diesen Stil und diese Schwerpunktsetzung angesprochen fühlen. Manchmal vermisst man schon ein wenig bestimmte Sachinformationen, z.B. über die grundlegenden Störungsbilder (Drogensucht, Selbstverletzungen, Suizidalität), über die mögliche Rolle von medikamentöser Therapie und die spezifischen Voraussetzungen, die einen Zugang zu einer Psychotherapie (hier in Deutschland) ermöglichen. Auch über benachbarte Versorgungsangebote (Beratungsstellen oder Psychiatrie) erfährt man so gut wie nichts.

Das soll den insgesamt sehr guten Eindruck dieses Selbsthilfe-Buches nicht schmälern. Bis auf den (für manche vielleicht abschreckenden) Umfang hat MORT ein niederschwelliges, einladendes und motivierendes Buch geschrieben, das auf einer soliden fachlichen Basis steht und sich angenehm von den Heilsversprechungen der Esoterik-Szene oder der „Positiven Psychologie“ (in der man alles schaffen kann, wenn man nur will und an sich glaubt) abhebt. Die Autorin unterschlägt nicht, dass die Veränderung dysfunktionaler Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster auch Geduld und Disziplin erfordert.
Insbesondere für viele Betroffene in der ersten Lebenshälfte schafft MORT mit diesem Buch ganz sicher den Zugang zu einem selbstwertstützenden Verständnis des eigenen Leids und ermöglicht ein lebenspraktisches „Empowerment“ für die Bewältigung aktueller Krisen.

„Die Schönheit der Differenz“ von Hadija HARUNA-OELKER

Bewertung: 3.5 von 5.

Das ist ein ordentlicher Brocken Lese- oder Hörarbeit (560 S. bzw. 15 Std.). Die Autorin, deren Eltern afrikanischer bzw. deutscher Herkunft sind, legt einen „großen Wurf“ zum Thema „diskriminierungsfreie Gesellschaft“ vor. Dabei greift sie auf biografische und berufliche (journalistische) Erfahrungen zurück und entwickelt auf dieser Basis eine Zukunftsvision des solidarischen Zusammenlebens, in dem Unterschiedlichkeiten (Differenzen, Diversität) nicht nur anerkannt und akzeptiert , sondern als bereichernde Elemente einer gemeinsamen humanen Welt begrüßt werden.

HARUNA-OELKER wendet sich in ihrem Buch so ziemlich allen Gruppen zu, die als übersehene, marginalisierte, diskriminierte, ausgesonderte, abgewertete, unterdrückte oder verfolgte Minderheiten mehr oder weniger im Fokus stehen. Speziell aufmerksam macht die Autorin auf den Aspekt der „Intersektionalität“, also die Tatsache, dass die diskriminierten Merkmale oft nicht isoliert bzw. unabhängig voneinander bestehen, sondern in ihrer Kombination besonders einschneidend wirken.
Sie ergänzt subjektive Sichtweisen immer wieder durch die Befunde der sozialwissenschaftlichen Community, die sich rund um die Themen „Rassismus“, „Antisemitismus“, „Marginalisierung“, „Gender“, „Trans“ und „Feminismus“ gebildet hat.
(Ein wenig „unwissenschaftlich“ erscheint mir die fehlende Definition von „Normalität“ in diesem Text: Es wird an keiner Stelle zwischen „statistischer“ Normalität und einer „normgebenden“, wertenden Normalität unterschieden.)

Die Haltung der Autorin ist eine Art „grenzenlose Zugewandtheit und Solidarität“. An sich selbst hat sie den Anspruch, dass ihr Verhalten (insbesondere ihre Sprache) möglichst von keiner betroffenen Personen an irgendeinem Punkt als verletzend, ignorant, ausgrenzend, uninformiert usw. erlebt werden könnte. Da ihr bewusst ist, dass sie zwar einige – aber eben nicht alle – Diskriminierungsbereiche aus eigener Erfahrung kennt, hat sie ihren Text von anderen, spezifisch-sensibilisierten Personen überprüfen lassen.
Das führt dann zu einem Sprachgebrauch, der sich vermutlich als Benchmark für das maximal Möglich eignen würde (so wird z.B. jedem „Mann“ oder „Frau“ noch beigefügt: „oder der/die als solche/r gelesen wird“). Auch Wortprägungen wie „FreundInnenschaft“ kommen vor (möglicherweise, weil der Begriff „Freundschaft“ noch nicht divers genug klingt).

Die Autorin will zweifellos – trotz eindeutigster Parteinahme für alle Minderheiten – mit ihrem Buch keine Gräben aufreißen. Sie gehört nicht zu den AktivistInnen, die durch bewusste Provokationen für die eigenen Ziele kämpfen und dabei in kauf nehmen, dass nur die eigene Blase erreicht (und mobilisiert) wird. HARUNA-OELKER appelliert an alle gutmeinenden Menschen (den rechten Rand lässt sie beiseite). Vor allem auch an diejenigen, die zwar nicht selbst unmittelbar betroffen sind, aber ihre gesellschaftlichen Privilegien (als Mitglied der weißen, binär-heterosexuellen, normschönen, gebildeten, sozial abgesicherten, nicht-behinderten Mehrheit) für das Ziel eines humanen Zusammenlebens einsetzen wollen.

Wenn der Begriff nicht als Kampfbegriff (von der anderen Seite) kontaminiert worden wäre, könnte man dieses Buch auch als ein Manifest des „Gutmenschentums“ bezeichnen: Wer wollte sich ernsthaft den hier beschriebenen Zielen entgegenstellen? Wer wollte den benachteiligten Gruppen ihre Gleichstellung und ihr Mitwirken an dem gesellschaftlichen Ganzen vorenthalten? Wer sollte nicht Diskriminierung, Hass, Gewalt und Ausbeutung möglichst weitgehend aus unserem Zusammenleben verbannen wollen?

Für viele (in irgendeiner Weise betroffene) Leser/innen wird dieses Buch ein willkommenes, bestimmt auch beglückendes Geschenk sein: So viel engagierte Empathie, so ein grenzenloses Interesse für die jeweils spezifischen Erfahrungen, so viel Beistand und Solidarität, so viele Hinweise auf Persönlichkeiten und Publikationen aus der jeweiligen Community.
Man kann sicher sein: Dieser Text verbindet, entlastet, ermutigt, stärkt, motiviert.
Was wollte man mehr?!

Was ist mit denen, die sich aus der geschützten Distanz der „priviligierten Mehrheitsgesellschaft“ diesem Buch widmen möchten – vielleicht um ihre Sensibilität zu vergrößern, vielleicht auch nur, um die Dynamik des „Antidiskriminierungs-Diskurses“ endlich mal zu verstehen?
Man sollte sich darauf einstellen, dass die Maßstäbe wirklich sehr hoch gesetzt werden. Spätestens nach den ersten 200 Seiten wird man sich überfordert fühlen von dem Anspruch, sich jeweils in die Erfahrungswelt der betrachteten Gruppe in dieser Intensität einzudenken. Vielleicht muss man sich dann klarmachen, dass Antidiskriminierung auf dieser Stufe ein Vollzeitjob ist, den man im normalen Alltag weder leisten kann noch muss.
An einigen Stellen kam mir die (sicher etwas naive) Idee, ob nicht eine grundlegende, in Familie und Schule eingeübte Haltung von „Respekt und Anstand“ schon einen großen Teil der angestrebten Ziele erreichen könnte: Wenn jede/r lernen würde, „einfach“ jedem Menschen ohne Abwertung, Ausstoßung oder Ausbeutung gegenüberzutreten – müsste man vielleicht nicht jedes einzelne Merkmal so genau betrachten…

Schwierig fand ich an einigen Stellen die Gewichtungen bei der Beurteilung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit: Bilden beispielsweise die verabscheuungswürdigen rassistischen Hassverbrechen, Übergriffe und Pannen der Sicherheitskräfte und die mangelnde Partizipation Behinderter denn tatsächlich die typische Realität unseres Gemeinwesens ab?
Zwischendurch entsteht ein Bild, in dem die zivilisatorische Entwicklung der letzten 75 Jahre ein wenig aus dem Blick gerät. Was ist – so fragt man sich – mit der Erfahrung der Flüchtlinge, die nach ihrer Odyssee durch Nordafrika und Südost-Europa in Glückstränen ausbrechen, wenn sie das erste Mal mit „unserer“ Polizei in Berührung kommen?
Gibt es in der Menschheitsgeschichte wirklich so viele Beispiele für Kulturen, in denen mit Andersartigkeit, Fremdheit, Abweichungen, Behinderungen humaner umgegangen wurde als in unserer Gegenwart? Liegt ein völlig „bewertungsfreier“ Umgang mit „Anderssein“ wirklich in den evolutionären Kapazitäten der Gattung Mensch?
Es geht nicht um Rechtfertigung von Missständen oder um den Verzicht auf weitere Fortschritte; es geht um das Gesamtbild. Ich glaube nicht, dass man den Mainstream damit erreicht, dass man ihm das Gefühl gibt, in einem mehr oder weniger unmenschlichen System zu leben. Positiv ist, dass die Autorin in ihrer Bilanzierung am Ende hier deutlich versöhnlichere Worte findet.

Das Buch stellt ein sehr umfassendes, sowohl kognitive als auch emotionale Seiten ansprechendes Plädoyer für eine Akzeptanz von Diversität dar. Es macht bewusst, dass uns (und unsere Weltsicht) unterschiedliche Erfahrungen geprägt haben, die wir uns alle nicht aussuchen konnten. Die Verschiedenheiten als ein Schatz zu betrachten, der für eine „reichere“ und solidarischere Gesellschaft genutzt werden kann und sollte, ist ein sehr erstrebenswertes Ziel

„Die Republik der Träumer“ von Alaa AL-ASWANI

Bewertung: 4 von 5.

Ein politischer Roman – geschrieben als Zeitzeugnis für die kurze Phase des „Arabischen Frühlings“ in Ägypten.

Der ägyptische Autor (ursprünglich Zahnarzt!) nimmt seine Leser/innen mit auf eine intensive und berührende Reise in das Zentrum der Massenproteste des Jahres 2011.
Das damals auch als „Facebook-Revolution“ bezeichnete Aufbegehren konnte zunächst auch durch massive Gewaltanwendung des Regimes nicht gestoppt werden und führte – für viele unerwartet – tatsächlich zur Absetzung des damaligen Autokraten Mubarak.
In brutaler Direktheit schildert dieser Roman – exemplarisch am Schicksal einiger Protagonisten auf beiden Seiten – wie voreilig und naiv die Hoffnungen auf einen echten demokratischen Aufbruch waren. Der herrschende Militärapparat ließ es sich nicht nehmen, die zarte Pflanze der Hoffnung mit unbarmherziger Härte zu zertreten.

AL-ASWANI zeichnet ein deprimierendes Bild der ägyptischen Gesellschaft: Überall lauert Doppelmoral, Bigotterie, Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und Opportunismus. Die Macht-Eliten in Wirtschaft, Religion, Medien und Militär verachten das „gemeine“ Volk. Permanent wird deutlich, dass es keine Spur von einer aufgeklärten Zivilgesellschaft gibt, die einen gesellschaftlichen Mittelbau mit einer gewissen Gemeinwohl-Verantwortung bilden könnte.
Erschreckend ist vor allem der Einblick in die extreme Verstrickung zwischen weltlichem und religiösem Leben: Die religiösen (insbesondere natürlich islamischen) Bezüge dienen den Mächtigen buchstäblich in jedem zweiten Satz zur Begründung und Rechtfertigung ihrer egoistischen Machenschaften.

Der Autor schildert das alles in einer ungeschönten, oft mit brutalen Details angereicherten Sprache. Er lässt keinen Zweifel aufkommen an der Bösartigkeit und Verrohung der Militärs und an dem moralischen Sumpf, der sich bei den Eliten unter einer dünnen Schicht von demonstrierter Tugendhaftigkeit zeigt. Dabei spielen Sex und Alkohol immer wieder eine zentrale Rolle – weil sich darin die Doppelmoral wohl am besten zeigen lässt.

Vielleicht muss das alles so extrem sein, weil es die (damalige) ägyptische Realität widerspiegelt.
Als Leser hat es mich manchmal irritiert, geradezu ärgerlich gemacht: Wo bleiben die Zwischentöne? Gibt es wirklich nur ganz Gut und ganz Böse? Ging die Gewaltbereitschaft in Polizei und Militär wirklich so weit, blieb so gänzlich unwidersprochen?
Manchmal beschlich mich das (vielleicht völlig unberechtigte) Gefühl, dass die sehr ausführlich dargestellte sexualisierte Gewalt und der permanente Alkohol- und Drogenkonsum auch etwas mit den (literarischen?) Themen des Autors zu tun haben könnten.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben: Natürlich wird der Roman auch von einigen positiven Figuren getragen: nicht nur von den jungen Leuten des Tahir-Platzes, die ohne Gnade verfolgt und z.T. massakriert wurden, sondern auch von einzelnen Persönlichkeiten mit humanitärer Gesinnung und Zivilcourage.
Trotzdem bleibt die Botschaft klar: Fortschritt, Demokratie und Gerechtigkeit ist unter diesen gesellschaftlichen und religiösen Machtstrukturen nicht zu erwarten.
Diese Lektion mussten die „Träumer“ letztlich schmerzhaft durchleiden.
Und so bleibt – tragischer Weise – letztlich nur der archaische Weg der persönlichen Rache.
Armes Ägypten!

Das Buch verspricht eine bewegendes Leseerfahrung. An den historischen Hintergründen ist nicht zu zweifeln. Trotzdem sollte man sich klarmachen, dass hier kein neutraler Beobachter am Werke war, sondern auch ein politischer oppositioneller Aktivist.
Er macht uns sowohl mit seiner beißenden Gesellschaftsanalyse, als auch mit seiner politischen Wut bewusst, dass unsere westeuropäische und säkulare Rechtsstaatlichkeit ein unglaublich kostbares Gut ist.