„Später“ von Stephen KING

Bewertung: 2.5 von 5.

Ach ja, lieber KING, du kannst so toll schreiben – und enttäuschst trotzdem hin und wieder mal heftig. Mit diesem (relativ kurzen) Roman ist dir das voll gelungen!

Dass man sich auf eine mystische Welt jenseits der Naturgesetze einlassen muss, wenn man diese Geschichte liest, ist nicht das Problem. Soll der Junge (der Protagonist) doch ruhig tote Menschen kurz nach ihrem Hinscheiden sehen – und gerne auch mit ihnen kommunizieren. Daraus kann man doch was machen…

Das tut KING in dem ersten Viertel des Buchers auch, und es macht Spaß, das zu lesen (oder zu hören). Jamie ist ein netter Bursche und hat eine sympathische Mutter. Beide leben unter nicht ganz einfachen materiellen Umständen.
Da trifft es sich gut, dass Jamie seine besondere Gabe dazu nutzen kann, einem plötzlich verstorbenen Schriftsteller den Plot seines mit Spannung erwarteten Abschlussband eines Fortsetzungs-Romans zu entlocken. Daraus konnte dann die Mutter etwas machen…

Hätte KING es bei solchen Episoden – auch ein Verbrechen konnte verhindert werden – belassen, wäre sicher ein unterhaltsames Buch entstanden.
Aber es musste dann noch der große Knaller kommen: In einem der Toten hat sich unglücklicher Weise das Böse schlechthin (oder auch der Teufel) eingenistet. Die Beziehung zwischen Jamie und diesem Monster wächst sich zu einem größeren Problem aus – ohne martialisch-blutigen Showdown geht da natürlich nichts!
So senkt man das Niveau eines Buches gleich um mehrere Stufen…

Der Autor entwirft auch in diesem Roman einige Figuren, die einem ans Herz wachsen. Es gibt liebevolle Beziehungen und gescheiterte Partnerschaften. Man steigt gerne ein in diese Welt und diese Story und wäre gerne noch eine Weil dabei geblieben.
Warum – so frage ich mich – musste daraus so eine letztlich belanglose und austauschbare Horror-Story werden. Daraus hätte man doch wohl mehr machen können…

„Die Vermessung des Lebens“ von Peter SPORK

Bewertung: 4 von 5.

Das Thema „Systembiologie“ scheint nicht auf Anhieb massentauglich zu sein. Anders als die Titel zu „Corona“ und „Klimawandel“ wird sich dieses Sachbuch nicht auf den Sondertischen der Buchhandlungen stapeln.
Aber es ist ohne Zweifel ein Zukunftsthema, das unmittelbar mit einigen großen Trends der nächsten Jahrzehnte zusammenhängt – mit Digitalisierung, Big Data, Bio-Technologie, Selbstoptimierung, Lebensverlängerung und Künstlicher Intelligenz (KI).

Der Neurobiologe und Biokybernetiker SPORK, als Wissenschaftsautor schon eine ganze Weile im Geschäft, legt mit diesem populärwissenschaftlichen Sachbuch (es ist schon fast ein Fachbuch) nicht nur eine umfassende Gesamtkonzeption der bisher eher verborgen wirkenden Disziplin „Systembiologie“ vor. Er hat – über die Information hinaus – ganz offensichtlich auch die sehr persönliche Mission, für diesen wissenschaftlichen Ansatz zu werben.
Wir haben es also nicht mit der neutralen-distanzierten Darstellung eines Wissenschafts-Journalisten zu tun, sondern mit der Überzeugung und Begeisterung eines unmittelbar Beteiligten.

Worum geht es nun eigentlich?
Der Anspruch der Systembiologie (so wie sie STORK versteht) ist geradezu atemberaubend: Leben allgemein und Gesundheit speziell sollen in einer bisher nicht bekannten Intensität erforscht, verstanden und optimiert werden. Die Grundlage dafür wird (zunächst) in der umfassenden Durchdringung aller biologischen Bestandteile, Systeme und Prozesse gesehen, die für das menschliche Leben bedeutsam sind. Dabei geht es – an einem Ende – tatsächlich um die elementarsten Bausteine, die DNA unserer Gene, die epigenetischen Mechanismen, die Gesamterfassung aller Proteine – bis hin zu den Mikroorganismen in unserem Darm. Funktionsweise und Interaktion all dieser biologischen Basisfaktoren sollen möglichst in mathematische Algorithmen übersetzt werden, damit sie sozusagen digital „nachgebaut“ werden können und so noch intensiver erforscht und mit anderen Variablen vernetzt werden können.
Am anderen Ende der Betrachtung stehen dann körperliche bzw. medizinische Befunde, angefangen von Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit, über Krankheiten und Einschränkungen bis zum Altern und Sterben.
Grundprinzip der Systembiologie ist es nun, auf allen Ebenen möglichst viele Daten zu sammeln und miteinander in Bezug zu setzen. Die Werkzeuge dafür sind – Überraschung! – die modernsten Super-Computer und die Mustererkennungs-Macht der KI.
Nochmal ganz kurz: Aus einem riesigen (biologischen) Datenpool sollen auf digitalen Wegen ein neues Verständnis für (bisher unerkannte) Mechanismen und Zusammenhänge entstehen, auf deren Grundlage wir unsere Gesundheit und Lebensqualität optimieren können.
Aber das Ziel ist noch weiter gesteckt: Dem Systembiologen reichen keineswegs die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten; er möchte die ganze Sache individualisieren. Er hätte am liebsten für alle Menschen den kompletten Datensatz (natürlich nicht einmalig, sondern fortlaufend), um ganz persönliche Vorhersagen, Warnungen und Vorsorgetipps generieren zu können.
Er scheut sich nicht, von einem „digitalen Zwilling“ zu schreiben, in dem sich die eigenen Datensätze zu einem mathematischen Gesamtmodell zusammenfinden könnten. Natürlich gehört dann auch die passgenaue Auswahl und Dosierung von Medikamenten dazu (Präzisionsmedizin).

Nur kurz erwähnt sei, dass der ganzheitliche Anspruch der Systembiologie noch weit über den körperlichen Bereich hinaus reicht: auch psychologische und soziale Variablen sollten in das Gesamtverständnis des (gelingenden) Lebens einbezogen werden.

Da muss man zwischendurch tatsächlich mal durchatmen – sonst könnte leichter Schwindel entstehen.
Der Autor wechselt immer mal wieder zwischen der Schilderung aktueller Forschungsvorhaben und eher als Science-Fiktion anmutende langfristige Perspektiven.
Er verspricht im Ergebnis nicht weniger als eine völlige Neuausrichtung unseres Gesundheitssystems: Die meisten Krankheiten würden nämlich erst gar nicht mehr entstehen, weil feinste Vorzeichen von drohenden Fehlfunktionen – gemessen mit allerhand Sensoren – mit Korrekturen beantwortet werden können. Der Weg zur Vorsorgemedizin ist gebahnt; der Gesundheits-Coach ersetzt den Arzt, der Krankheiten bekämpft.

Nur eine – vielleicht ein wenig despektierliche – inhaltliche Anmerkung sei erlaubt: Ein wenig entlarvend wirkt es, wenn SPORK die schöne neue Welt des datenbasierten individuellen Gesundheitsfürsorge an Beispielen konkretisiert. So wird dann dem totalüberwachten modernen Menschen tatsächlich geraten, er solle doch ein wenig bewusster essen, sich mehr bewegen, regelmäßiger schlafen und auf das psychische Gleichgewicht achten.
Da käme man natürlich ohne Systembiologie nicht drauf…

Dieses Buch ist ohne Zweifel eine gut lesbare, anregende und informative Einführung in dieses Fachgebiet. Das Lesen lohnt sich auch dann, wenn man dem ganzen Ansatz (oder einzelnen Aspekten) skeptisch oder kritisch gegenübersteht.
Man muss ganz sicher nicht die (fast) grenzenlose Begeisterung des Autors für Big Data, Super-Rechner und schlaue Algorithmen teilen, um von diesem Einblick zu profitieren. (Auf die ein oder andere Redundanz in der Darstellung könnte man auf jeden Fall verzichten).
Nicht ganz überzeugend ist die ökonomische Bilanz des Autors: Zwar argumentiert er mit der langfristigen Vermeidung von teuren medizinischen Maßnahmen; allerdings fehlt eine Kalkulation dazu, was man alles mit den ungeheuren Forschungskosten erreichen könnte, wenn man sie in Aufklärungs- und Präventionsprogramme oder in medizinische Grundversorgung in anderen Teilen der Welt investieren würde.

Was kann man noch tun?

Im Moment geht in der veröffentlichten Meinung noch kaum jemand von einer Kanzlermehrheit für Annalena Baerbock aus. Scholz liegt knapp vorne; es mehren sich die Hinweise, dass Laschet aufholen könnte.
Die Gründe dafür:
– Die Leute sehen bei den vermehrten öffentlichen Auftritten, dass Laschet nicht so „unmöglich“ ist, wie es zwischenzeitlich erschien.
– Die Union spielt das Angst-Thema „Linksruck“ ungebremst aus; benutzt dabei ungehemmt polemische Zuspitzungen, die mit der Realität kaum etwas zu tun haben.
– Union und FDP wiederholen gebetsmühlenartig die (eindeutig falschen) Vorwürfe an die GRÜNEN, diese wünschten sich eine Gesellschaft voller Verbote und Einschränkungen und sähen nicht die Chancen innovativer Technologien.
– Die Union kündigt wohlklingende Maßnahmen an, die den Eindruck erwecken sollen, dass eine (von Steuern und Vorschriften) „entfesselte“ Wirtschaft einen solchen Wachstumsschub erzeuge, dass sich alle gesellschaftlichen Aufgaben ohne Umsteuerung finanzieren ließen.

Dem allen etwas entgegenzusetzen, erfordert eine differenzierte Argumentation. Es ist naturgemäß einfacher, pauschale Vorwürfe zu verbreiten („wirtschaftsfeindliche Verbotspolitik“; „Bevormundung der Bürger“; „leistungsfeindliche Umverteilung“), als diese auf Basis des konkreten Programms zu entkräften.
Tatsächlich bleibt den Menschen, die unentschlossene Wähler noch erreichen wollen, kaum etwas anderes übrig, als inhaltlich einzusteigen.

Es gibt dafür gute Quellen:
– Einen guten Zugang bietet die Themenseite „A – Z“ an: Hier bekommt man zu 45 Stichpunkten eine schnelle Orientierung zu GRÜNEN Positionen und Forderungen.
– Etwas komprimierter geht es auf der Einstiegsseite zum Programm zu.
– Natürlich kann man sich das Wahlprogramm auch in voller Länge (Achtung: sehr ausführlich) oder in Kurzform herunterladen.

Wozu die Anstrengung, wenn es doch (vermutlich) keine GRÜNE Kanzlerschaft geben wird? Nun, es kommt für die Koalitionsverhandlungen ganz entscheidend auf die relative Stärke der Parteien an. Vielleicht kann man gerade jetzt (wo eine Kanzlerschaft von Bearbock nicht mehr „droht“), Bekannte oder Verwandte davon überzeugen, dass sie mit ihrer Stimme etwas für die Gewichtung GRÜNER Positionen tun.
Eine aktive Gestaltungskraft ist nur zu erwarten, wenn die GRÜNEN mit ihrem Ergebnis wirklich in Augenhöhe mit den anderen beiden abschneiden.

Also: Führt einfach noch das ein oder andere Gespräch mit Menschen, die man für die GRÜNE Sache gewinnen könnte.

(Natürlich kann ich gut verstehen, wenn überzeugte Sozialdemokraten sich am Erfolg von Scholz erfreuen).

„Von hier bis zum Anfang“ von Chris WHITAKER

Bewertung: 5 von 5.

Manchmal haben sie schlichtweg Recht – die euphorischen Stimmen von Kritikern, die ein Buch zu einem Ereignis erklären. WHITAKER hat einen Roman vorgelegt, der sich in die Spitzengruppe der aktuellen Meisterwerke gehobener Unterhaltungsliteratur katapultiert hat.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein Mädchen, dem das Schicksal vor riesige Herausforderungen gestellt hat. Als Tochter einer psychisch instabilen alleinerziehenden Mutter trägt sie die Verantwortung für die Versorgung ihres jüngeren Bruders fast allein. Schaut man ihr beim Leben zu, scheint sie ausschließlich zu geben – ohne selbst Aufmerksamkeit, Fürsorge oder Orientierung zu bekommen.
Die Kraft, die Duchess trotzdem entwickelt, zieht sie aus einer Selbstzuschreibung, die sie aus ihrer Familiengeschichte zieht: Die Identität eines „Outlaws“ schafft ihr eine kämpferische Unabhängigkeit, aus der sie eine Art Unverletzlichkeit zu schöpfen versucht. Sie überschreitet in dieser Rolle immer wieder Grenzen – innere und äußere – und wächst auf vielen Ebenen weit über das hinaus, was ein „normales“ Mädchen am Übergang zwischen Kindheit und Jugend zu leisten im Stande ist.

Duchess Geschichte ist verwoben mit einem Umfeld, in dem ein Jahrzehnte zurückliegendes tragisches Ereignis bleibende Spuren in der Biografie einiger Personen hinterlassen hat. An den Folgen einer frühen Verfehlung (mit Todesfolge) arbeiten sich insbesondere der Täter und ein mit ihm eng befreundeter Polizist ab, die beide wiederum eine enge Verbindung zu Duchess Mutter haben. Zu den weiteren dramatischen Zuspitzungen in der Gegenwart gehört, dass Duchess mit ihrem Bruder den Haushalt der Mutter verlassen muss. Ein weiteres Verbrechen will aufgeklärt werden…
Da die Dynamik dieses Romans auch von den Verwicklungen und unerwarteten Wendungen lebt, soll hier nicht mehr verraten werden.

Es gibt ein paar Stellen, an denen man stutzt. Gelegentlich scheinen die Kräfte dieses Mädchens ein wenig zu übermenschlich gezeichnet zu sein; auch wirkt die Logik der Ausgangssituation (ein Jugendlicher verursacht einen Todesfall und kommt lange ins Gefängnis) – zumindest für deutsche Verhältnisse – eher fremd.
Aber das sind Kleinigkeiten – wenn man einmal entschieden hat, der Geschichte zu folgen.

Man bekommt eine Menge geboten, in diesem Buch: Eine kunstvoll konstruierte Geschichte, kriminalistische Spannungsbogen (mit Thriller-Anteilen), psychologisch-feinfühlig ausgearbeitete Figuren mit hohem Identifikationspotential, jede Menge emotionale Anrührungen und eine prachtvoll-bildhafte Sprache – mit einzelnen Formulierungen, die einen zum staunenden Innehalten zwingen.
Für mich ist das gleichzeitig lesbare Unterhaltung und echte Qualitäts-Literatur.

Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die sich durch tiefe menschliche Emotionen und tragische Verstrickungen berühren lassen wollen! Dieses Buch braucht zum Aufbau von Intensität keine Helden, keine drastischen Schilderungen von Gewalt oder Sex. Die Intensität entsteht im Nachfühlen der Figuren, die allesamt fehlbar und brüchig sind.

Der neu PRECHT/LANZ-Podcast

Da legen zwei der bekanntesten Medien-Stars aus den Bereichen Journalistik bzw. angewandter Philosophie kurz vor der Bundestagswahl ein neues Podcast-Format auf. Der GRÜN-engagierte Hörer fragt sich natürlich: Was wird die Botschaft sein? Werden diese beiden intellektuellen Lichtgestalten ihrer gesellschaftlichen Verantwortung wohl gerecht?

Man spricht lange über Afghanistan, über die Feigheit der Parteien vor dem Wähler, über die Bewertung der Merkel-Ära, über die Fehler bei der Kandidaten-Kür und insgesamt über die Unfähigkeit von Politik und Gesellschaft, sich den wirklich großen Zukunftsfragen ehrlich und mutig zu stellen.
Dabei steht eine Botschaft – sozusagen auf der Meta-Ebene – über allem: Hier sprechen zwei Typen, die es besser wissen! Die sich auskennen, Dinge durchdacht haben, ganz viele wichtige Leute kennen, die Märchenerzählungen fürs einfache Volk entlarven und sich kompromisslos der Wirklichkeit stellen!
Super Jungs, ihr seid die Größten!

Es muss toll sein, sich so zu fühlen. Und irgendwie stimmt ja auch (ziemlich) alles.
Nur eine kleines Gefühl der Unstimmigkeit schleicht sich ein:
Ist es vielleicht doch irgendwie einfacher (und bequemer), aus einer Beobachterperspektive die Zusammenhänge zu analysieren – ohne sich der Mühe zu unterziehen, aus Einsichten eine konkrete Politik zumachen, die in einer konkreten Gesellschaft zu einem konkreten Zeitpunkt zu realer Zustimmung führt?

Ich kann sie nur schwer ertragen, diese pauschale Schelte über alle Programme und alle Kandidaten. Wenn man nur weit genug in der Idealwelt sitzt, verschwimmen wohl auch die Unterschiede zwischen GRÜN, SCHWARZ und ROT.
Aber in der Realpolitik, in dieser Wahl, kommt es auf die Unterschiede an. Dann macht es eben Sinn, die Richtung im Auge zu haben und nicht nur das Endziel.

Es ist nichts einzuwenden gegen das „Weiterdenken“; wir brauchen Ideen, Konzepte und Utopien, die über das Tagesgeschäft hinaus reichen. Ich bin froh, dass es PRECHT gibt.
Aber seine Haltung gegenüber dem Versuch, (gemäßigt) GRÜNE Politik mehrheitsfähig zu machen, ist in dieser Situation (drei Wochen vor einer wichtigen Wahl) dumm und verantwortungslos. Es fühlt sich wie Profilierung als Selbstzweck an.

Schade, PRECHT und LANZ; von euch wäre mehr zu erwarten gewesen.

„Der Fall des Präsidenten“ von Marc ELSBERG

Bewertung: 3 von 5.

Aus einem zeitgeschichtlich relevanten Thema einen Spannungs-Roman zu machen, ist erstmal eine tolle Idee. Genau das passiert zur Zeit am laufenden (Regal-)Meter beim Mega-Thema Klima/Nachhaltigkeit.
Im aktuellen Buch von ELSBERG geht es um einen anderen, sehr kontrovers diskutierten Fragenkomplex: Welche persönliche Schuld laden Oberbefehlshaber auf sich, wenn es unter ihrem Befehl bei Kampfeinsätzen zu Kriegsverbrechen kommt? Unter welchen Bedingungen kann bzw. soll der Internationale Gerichtshof in Den Haag solche Vergehen behandeln können?

Um die Sache noch ein bisschen verstrickter zu machen, hat sich der Autor folgende konkrete Ausgangslage ausgesponnen: Obwohl die USA die Zuständigkeit dieses Gerichtes für seine Bürger nicht akzeptiert, hat sich eine engagierte Gruppe von Mitarbeitern das Ziel gesetzt, den Ex-Präsidenten anzuklagen. Um seiner habhaft zu werden, nutzen sie die Kooperationsbereitschaft einer griechischen Ministerin und erreichen eine vorläufige Festnahme.
Der Roman stellt die sich daraus ergebenden Verwicklungen im Stile eines Gerichts-Thrillers dar – wobei der Hauptteil des Geschehens außerhalb des (griechischen) Gerichtssaals stattfindet.
Wie man sich unschwer vorstellen kann, unternehmen die USA alles Erdenkliche, um die Freilassung ihres Ex-Regierungschef zu erreichen. So entsteht eine klassische zwei Fronten-Konstellation, in der David (insbesondere eine engagierte Anwältin und ihr Mini-Team) gegen Goliath (den gesamten amerikanischen Staatsapparat) kämpft.
(Dass es noch eine dritte Front gibt, lasse ich mal beiseite).

Was so oft in solchen Plots passiert, geschieht auch bei ELSBERG: Wo es am Beginn noch um einen differenzierten Einblick in die Feinheiten des Völkerrechts und um die (sehr emotionalisierte) Darstellung der Folgen z.B. des Drohnenkriegs für die Zivilbevölkerung geht, findet später eine immer abstruserer Schlagabtausch zwischen „gut“ und „böse“ statt. Der Wettlauf gegen die Zeit kulminiert letztlich (Überraschung!) in einem klischeehaften Showdown, in dem einem die zahlreichen Drohnen nur so um die Ohren sausen.

Okay: Wer einfach spannende Unterhaltung sucht und die dafür üblicherweise eingesetzte Action-Elemente nicht scheut, der macht mit diesem ELSBERG-Werk sicher nichts falsch. Nebenher gibt es doch eine recht gründliche Aufklärung über die Grundlagen und Mechanismen der internationalen Gerichtsbarkeit im Bereich Kriegsverbrechen.
Wenn man nach dem themenorientierten Einstieg jedoch etwas anders erwartet als die die üblichen Zutaten aus dem Spannungssortiment, dann enttäuscht dieser Roman letztlich doch.
Fairerweise muss man allerdings sagen: Es steht „Thriller“ drauf – und man bekommt einen Thriller.

Steuer-Stasi?

Es macht sich zunehmend eine besondere Form der Definition von Freiheit breit, die folgende Idee zur Grundlage hat:
„Es gibt zwar (notgedrungen) juristische Regeln, die Gesellschaft soll aber nicht allzu viel Mühe darauf verwenden, deren Einhaltung zu überprüfen.“
Da „Freiheit“ mit „Freiheit zur sanktionsfreien Regelüberschreitung“ verwechselt wird, regen sich Leute z.B. über Radarfallen, regelmäßige Steuerprüfungen und über Pläne auf, Höchstbeträge für den Einsatz von Bargeld einzuführen (weil Deutschland nämlich eine Oase für internationale Geldwäsche ist).

Da wundert es nicht, dass der Versuch, dem Riesenproblem der (eindeutig asozialen) Steuerhinterziehung auch auf digitalem Wege etwas entgegenzusetzen, hemmungslos diffamiert und skandalisiert wird.
Da schreien einerseits alle Leute nach der „digitalen Verwaltung“, eine Online-Meldestelle für (auch anonyme) Hinweise auf Steuerhinterziehung wird fix zu einer Blockwart-Institution erklärt.

Ich begrüße jede Initiative, die dem (meist sehr kompetent gestalteten) Betrug am Gemeinwesen etwas entgegensetzt. Der GRÜNE Finanzminister aus Baden-Württemberg (Danyal Bayaz) verdient jeden Respekt!

„Das Links-Gespenst“

Es war ja erwartbar und unvermeidlich, dass es irgendwann von der Kette gelassen würde: das Gespenst des dramatischen Links-Rucks – ausgelöst durch eine drohende Regierungsbeteiligung der LINKEN an einer GRÜN/SPD-geführten Regierungskoalition.
Nun wird es also von UNION und FDP mit viel Tamtam durch die Medien gejagt, mit dem Ziel, von eigenen Schwächen und all den Themen abzulenken, bei denen es an eigenen tragfähigen und zukunftsbezogenen Konzepten mangelt.

Warum – so fragen sich viele – machen die GRÜNEN (oder die SPD) nicht einfach das Licht an und verwandeln so das Gespenst in eine hilflose und nackte Witzfigur? Der Schalter dafür wäre das explizite Ausschließen einer Zusammenarbeit nach der Wahl.
Der zusätzliche Vorteil könnte sein, dass sich möglicherweise einige Links-Sympathisanten doch noch umschwenken, wenn sie sicher sein könnten, dass eine Links-Stimme letztlich nichts Konkretes bewirken könnte.

Was spricht eigentlich dafür, sich diese Option (GRÜN/ROT/ROT) doch noch einen Spaltbreit offen zu lassen?

Hinsichtlich der Programmatik gibt es schlichtweg nicht zu übersehende Schnittmengen zwischen den drei Parteien, inzwischen nicht nur in der Sozialpolitik, sondern auch in der Klima-Frage (selbst wenn dahinter vielleicht mehr Taktik als echte ökologische Überzeugung stehen sollte). Es ist grundsätzlich nicht abwegig, dort nach Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu suchen, wo sie sich inhaltlich ganz offensichtlich bietet.

Dem kann man entgegenhalten, dass in einigen – gerade für die Bundespolitik bedeutsamen – Bereichen die Positionen der LINKEN als „unannehmbar“ eingeschätzt wird. Hier geht es um NATO, Auslandseinsätze, eine gewisse DDR-Nostalgie und eine deutliche Affinität in Richtung Putin. Einräumen muss man dabei, dass die LINKE hinsichtlich ihrer Skepsis bzgl. militärischer Interventionen gerade einen Punkt machen konnte (Afghanistan); was bleibt ist aber ihre prinzipiell dogmatische Haltung an diesem Punkt (wobei die Enthaltung beim Rückholungs-Einsatz aus Sicht der Betonfraktion vermutlich schon eine Nachgiebigkeit war).

Wiederholt wurde (z.B. von Baerbock und Scholz) gesagt, dass man im Bund nicht mit einer Partei koalieren könne, die sich nicht zur NATO bekenne; gleichzeitig verweigert die LINKE ganz explizit dieses Bekenntnis. Wo bleibt da Spielraum?
Rein formal kommt es letztlich auf die Koalitionsvereinbarung an: Keine Partei (erst recht nicht eine sehr kleine) kann schließlich alle ihre Vorstellungen in einen solchen Vertrag einbringen. Daraus ergibt sich die Frage: Kann und darf man mit einer Partei koalieren, die in ihrem Programm „toxische“ Forderungen hat, diese aber nicht in die gemeinsam vereinbarte politische Agenda eingehen?
Ich könnte darauf kaum eine andere Antwort geben als „ja“.
Genau deshalb ist es eben kein „Herumgeeiere“, wenn z.B. Baerbock sagt: „Nach Stand heute wäre eine Koalition nicht vorstellbar“, weil es die (vielleicht eher unwahrscheinliche) Möglichkeit offen lässt, dass letztlich ganz konkret eine gemeinsame Linie ausgehandelt werden könnte.
(Verhandlungstaktisch – z.B. gegenüber der FDP – wäre es ein zusätzlicher Vorteile, wenn es rein theoretisch noch eine andere Koalitionsoption geben könnte).

Das alles finde ich nicht wünschenswert! Meine erhoffte Regierung heißt GRÜN/ROT (zur Not auch ROT/GRÜN oder – zähneknirschend – GRÜN/SCHWARZ). Weder die FDP noch die LINKEN sollten wegen mir die Gelegenheit bekommen, Einfluss auf die Politik der nächsten Jahre zu nehmen.
Aber eine Sache treibt mich um:
Wenn der Klimafrage und der (sozial abgefederten) Nachhaltigkeits-Wende wirklich die Priorität bekommen sollen, die sie verdienen, dann wäre es tragisch und wirklich unentschuldbar, wenn eine irrationale Panik vor dem LINKS-Gespenst gutmeinende Menschen in die Arme der Bremser und Zauderer treiben würde (die im Zweifelsfall zuerst den wirtschaftlichen Interessen ihrer Klientel verpflichtet sind).
Wir sollten daher die Kirche im Dorf lassen und uns nicht einreden lassen (und das wird wirklich versucht!), dass die LINKE (mit ca. 7% Stimmanteil) die GRÜNEN und die SPD in ein sozialistisches (oder sonstwie radikales) Regierungsprogramm zwingen könnte. Das ist billigste Propaganda, die eigentlich nur im AfD-Lager verfangen sollte!

Zum Schluss nochmal im Klartext:
Wenn es wirklich gelingen sollte, die LINKEN so in ein Regierungsbündnis einzupflegen, dass ein Maximum an GRÜNER Politik dabei herauskommt (bei gleichzeitiger Vermeidung aller „toxischen“ Inhalte), dann wäre das nicht nur kein Weltuntergang, sondern eine verantwortbare Option.
Sollten solche Verhandlungen (was wahrscheinlich ist) scheitern, dann führt das hoffentlich dazu, dass die Regierungsunfähigkeit der LINKEN dann auch für alle deutlich wird.

Habeck und Söder

Auf einer privaten Medienplattform (unter Führung des SPIEGEL) wurde am Tag vor dem ersten offiziellen Kandidaten-Dreier „Die einzig wahre Wahlkampfdebatte“ angeboten: Ein Duell der unterlegenen Konkurrenten von Baerbock und Laschet, die von den meisten Beobachtern und auch in Umfragen als die jeweils bessere Alternative betrachtet werden.

Bei dieser Gemengelage hätte einiges schief gehen können!
Doch ist hier den Moderatoren und den beiden Polit-Profis ein eindeutiges Kompliment auszusprechen: Es gab keine Spur von Seitenhieben oder Selbstbeweihräucherung im Stile „Ich wäre sowieso der Bessere gewesen!“
Es wirkte geradezu entspannt, wie sich die beiden Wahlkämpfer auf die Inhalte konzentrieren konnten. Sie mussten sich weder als Kanzler-Figuren aufblasen, noch standen sie unter dem Druck, das jeweilige Gegenüber zu demontieren. Das alles war daher recht angenehm und unaufgeregt.

Auch in dieser Diskussion fiel wieder auf, wie klar und kompetent Habeck die wirtschaftspolitischen Vorstellungen der GRÜNEN darstellen und begründen kann. Man merkt einfach, dass hier tatsächlich ein in sich stimmiges Konzept erarbeitet wurde, während die Union auf altbewährte Plattitüden zurückgreift: die Marktkräfte würden es schon richten, wenn man nur (Steuer-)Belastungen und Gängelungen vermeiden und so dem Wachstum freien Lauf lassen würde. Es wundert wirklich, dass man sich traut, dies als zeitgemäße Antwort auf die riesigen Anforderungen von Modernisierung und Nachhaltigkeits-Umsteuerung anzubieten.
Gekonnt war auch der Hinweis von Habeck auf den Skandal der Steuerschlupflöcher und das international kritisierte Problem der Geldwäsche in Deutschland.

Sagen wir es mal so: Man hat bei dieser Debatte weder Baerbock noch Laschet wirklich vermisst. Ein Ersatz für die Trielle der realen Kandidaten war sie aber sicher nicht – dafür hat die „dritte Kraft“ (SPD) inzwischen zu eindeutig mit ins Rennen gebracht.

Merz gegen Habeck über Klima und Wirtschaft

Manchmal schaffen es ja Talkshows, mehr als einen Ort für den Austausch bekannter Sprechblasen zu liefern. Gestern war es bei Maybrit Illner mal wieder so weit.

Aus meiner Sicht ist es Habeck mit überraschender Klarheit gelungen, den ach so hochgelobten Wirtschaftsexperten der CDU ziemlich blass aussehen zu lassen. Merz hatte dem Transformationskonzept der GRÜNEN inhaltlich nichts Greifbares entgegenzusetzen.
Unaufgeregt und sachlich begründete Habeck, warum das geplante (und auch mit neuen Schulden finanzierte) Investitionsprogramm und die Anstoß-Unterstützung der Wirtschaft für die Nachhaltigkeitswende nicht nur (ökologisch) notwendig, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll wäre. Der dazugeschaltete Wirtschaftsfachmann konnte nur noch zustimmen.

Es erwies sich (für mich) einmal mehr, dass die wahren Ideologen diejenigen sind, die bestehende Rahmenbedingungen als quasi „naturgegeben“ betrachten und mit ihren pauschalen Unterstellungen (man würde das Land in eine „Staatswirtschaft“ treiben) eigentlich nur ihr antiquiertes Weltbild und bestimmte Klientel-Interessen schützen wollen.

Die Diskussion nahm zeitweise fast absurde Züge an, da Habeck letztlich begründete, warum sein Modell langfristig zu mehr Wachstum und weniger Schulden führen würde.
Man mache sich das klar: Soweit geht der Realitätsbezug der GRÜNEN inzwischen, dass sie neben allem anderen auch noch das logischere Modell zur Erhaltung des (nicht nur geliebten) Wirtschaftssystems liefern.

Selbst wenn man an all dem zweifelt: Eine Alternative konnte Merz nicht liefern! Geradezu „nackt“ an Vorschlägen verwies er auf den heiligen Gral des Ausschlusses von Steuererhöhungen – bei gleichzeitiger Schuldenvermeidung und Anerkennung von Investitionsnotwendigkeiten.
Das ist wahrhaft mutige Politik: Die Zukunft muss gemeistert werden – aber keiner soll es merken und der (letztlich willkürlich definierten) liberalen Marktlogik soll es auch folgen.
Dieser Partei darf man die Zukunft unseres Landes wirklich nicht anvertrauen.