„Der Unterschied“ von Frans de WAAL

Bewertung: 5 von 5.

Wenn ich ehrlich bin, dann hat mich der Untertitel gepackt – das ist schon ziemlich toll formuliert und macht neugierig.
Selten ist meine Neugier so reichhaltig belohnt worden!

Tatsächlich hat sich der Autor (ein niederländischer Primatologe – also Menschenaffen-Forscher) in diesem Buch die Aufgabe gestellt, sich dem spannenden und hochkontroversen Thema „Sex und Gender“ (also biologischem Geschlecht und empfundener Geschlechtsidentität) über den Umweg über unsere direktesten biologischen Verwandten, den Schimpansen und Bonobos, zu nähern. Wobei „Umweg“ schon ein problematischer Begriff ist: Für de WAAL ist es ziemlich naheliegend, die reichhaltigen Forschungsergebnisse aus der Primaten-Welt zu nutzen, um sich den biologischen Grundlagen bzw. Einflussfaktoren unserer menschlichen Geschlechtlichkeit zu nähern.

Diejenigen, die jetzt am liebsten gleich mit großem Getöse über eine „biologistische“ Grundhaltung herziehen möchten, in der die Unterschiede zwischen den „instinktgesteuerten“ Tieren und dem „Kulturwesen“ Mensch missachtet würden, haben mit de WAAL einen schwierigen Gegner. Der Autor leugnet gar nicht, dass weitreichende Unterschiede bestehen; er arbeitet sie selbst sorgfältig heraus. Doch genauso klar und eindeutig stellt er jede Menge eindrucksvoller Belege dafür dar, dass wir hinsichtlich unserer Grundprägung als weibliche bzw. männliche Lebewesen unsere biologische bzw. evolutionäre Basis ganz sicher nicht außer acht lassen können. Sinngemäß sagt er an einer Stelle: „Wer seine biologische Prägung verleugnet, läuft vor sich selbst davon.“

Der Autor legt ein extrem facettenreiches, lebendiges und engagiertes Sachbuch vor, in dem seine Leidenschaft für die Erforschung der Primaten permanent spürbar ist. In einem Kapitel über seine Kindheit lädt er uns ein, seine persönliche Motivation für die Tierforschung aufkeimen zu sehen. In zahlreichen Einblicken in Forschungssettings bringt er sich als unmittelbarer Beobachter und Interaktionspartner seiner Lieblingstiere ein und lässt dabei seine emotionale Beteiligung nicht außen vor. Natürlich werden auch zahlreiche Befunde anderer Forscher/innen exemplarisch dargestellt und eingeordnet.
Gleichzeitig zeigt er sich als ein liberaler Humanist, der sich immer wieder gegen jede Form von Diskriminierung (bzgl. Geschlecht, Gender oder sexueller Präferenz) wendet – und zwar völlig unabhängig davon, ob es nun Hinweise auf die Bedeutung biologischer Faktoren gibt (oder nicht).

Das wirklich Besondere dieses faszinierenden Sachbuches liegt darin, dass de WAAL eben nicht bei der Tierforschung stehen bleibt, sondern sich gezielt deren Aussagekraft für die Grundfragen von Sex und Gender zuwendet. Das tut er nun aber eben nicht durch irgendwelche gewagten Analogieschlüsse, sondern auch unter Rückgriff auf Befunde und Erkenntnisse aus der „Menschenforschung“.
Das führt zu der wirklich bemerkenswerten Tatsache, dass man sich in diesem Buch tatsächlich auf den neuesten Stand der Forschung in Fragen von geschlechtsspezifischen Unterschieden, Transgender und sexueller Orientierung bringen kann – wohlgemerkt nicht bei Primaten, sondern bei uns Menschen!
Im Grunde hat dabei die Primatenforschung dabei eher eine Hilfsfunktion: Da, wo der relative Anteil der biologischen bzw. kulturellen Einflüsse besonders strittig ist, guckt der Autor einfach zu unseren behaarten Verwandten – und schafft damit in vielen (nicht in allen) Fällen zusätzliche Klarheit.

Mal ein paar Beispiele?
Ohne Zweifel ist die Präferenz von Mädchen zum Puppenspiel und zum Interesse an Babys (denen sie auch mit deutlich mehr Empathie begegnen) evolutionär fest angelegt (wobei interessanter Weise auch Affenweibchen Fürsorge und Pflege von erfahrenen Müttern lernen müssen – es ist nicht instinktmäßig programmiert).
Dass Menschenjungen nicht nur körperlich (muskulär) überlegen sind, sondern auch ruppigere soziale Umgangsformen haben, auf Rivalität und Status ausgerichtet sind und mehr Gewalt ausüben, liegt ganz sicher auch an unserem gemeinsamen biologischen Erbe.
Deutliche Zweifel ergeben sich durch die Primatenforschung an den grundsätzlich Prägung zu harmonischeren Sozialbeziehungen des weiblichen Geschlechts: Dort verlaufen die Konflikte nur weniger offensichtlich.
Ganz eindeutig wird die (gelegentlich noch geäußerte These) widerlegt, in der Natur wären – aus Gründen der Fortpflanzungs-Logik – nur heterosexuelle Spielarten der Sexualität bekannt; das Gegenteil ist der Fall (nicht zuletzt bei den Primaten).
Bei aller Eindeutigkeit wird aber auch deutlich, dass schon allein die Verschiedenheit zwischen den beiden engsten Verwandten (Schimpansen und Bonobos) der Herleitung menschlicher Prägungen aus dem biologischen Erbe Grenzen setzt. Amüsant ist in diesem Zusammenhang auch, mit welchen ideologischen Vorbehalten die – zunächst männlich dominierte – Forschergemeinschaft auf Befunde von weiblicher Dominanz und (von beiden Geschlechtern) genussvoll ausgelebter Sexualität reagierte – die dann zu allem Überfluss auch von Primaten-Wissenschaftlerinnen publiziert wurden.

Sehr sympathisch und geradezu modellhaft ist die Grundhaltung des Autors: Auf keiner Seite des ideologischen Spektrums sollten die Augen vor biologischen Tatsachen verschlossen werden. Eine fortschrittliche und tolerante Haltung bei der Gleichstellung von Geschlechtern und beim Respekt vor sexuellen Minderheiten sollte nicht auf der Basis einer Biologie-Ignoranz beruhen – denn das wäre ein sandiger Boden, der nicht auf Dauer tragfähig sein könnte.
Für de WAAL braucht die Gleichwertigkeit keine Gleichheit; es gibt also überhaupt keinen Grund, tatsächliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu verleugnen.
Wissenschaftlich geklärt ist für ihn die Tatsache, dass sexuelle Orientierung und Genderidentität als fester und unveränderlicher Teil unserer Persönlichkeit angelegt sind.

Insgesamt verbreitert dieses Buch auf eine sehr spezielle Weise den Horizont. Dabei bietet sich ein enormes Spektrum an Einblicken und Erkenntnissen – von konkreten Verhaltensbeschreibungen einzelner Primaten-Communities bis zur aktuellen Forschung über Zusammenhänge zwischen Hirnanatomie und Gender-Identität. Manche Befunde und Aussagen sind so erhellend und weitreichend, dass man sich zwischendurch die Augen reibt: Das alles liest man ausgerechnet in einem Buch eines Primatologen?!
Vielleicht fällt es einem Tierforscher inzwischen tatsächlich leichter, bestimmte biologische Selbstverständlichkeiten als solche zu benennen – gerade weil man sich nicht unmittelbar in der aufgeladenen Gender-Debatte bewegt (also eine hilfreiche Außenperspektive einbringen kann).

Ich gebe diesem Werk eine (fast) uneingeschränkte Empfehlung; allerdings muss man auch bereit sein, sich auf die ein oder andere längere Verhaltensschilderung einzulassen (die man vielleicht nicht zwingend so ausführlich gebraucht hätte.)

„Eine Geschichte des Universums in 100 Sternen“ von Florian FREISTETTER

Bewertung: 4 von 5.

Man kann die Entwicklung, die Methoden, die Leitfiguren und – vor allem – die Erkenntnisse der Astronomie systematisch und strukturiert in Lehrbüchern oder populärwissenschaftlichen Sachbüchern darstellen. Der Autor, ein österreichischer Astronom, Podcaster und Wissenschafts-Kabarettist, wäre dazu sicher in der Lage.
Doch er hat sich anders entschieden: Er erzählt 100 kleine Geschichten über große Gestirne und bevölkert damit das Firmament mit einem Kaleidoskop von strahlenden Himmelskörpern, die alle auf irgendeine Art etwas mit unserem Heimatstern, der Sonne, gemeinsam haben: Irgendwann ging es (natürlich mit angemessenem Abstand vom Urknall) mit Wasserstoff und Helium los…

Die Auswahl der Sterne ist natürlich nicht zufällig, denn das didaktische Ziel des locker geschriebenen Sachbuches strahlt irgendwie aus aus allen Richtungen: FREISTETTER will mit den gewählten Beispielen einen möglichst breiten Einblick in alle Phänomene der Astronomie geben. So werden Sterne genannt, die jeweils eine Entwicklungsphase, eine Größe, eine Entfernung, eine Entdeckungsmethode, eine wissenschafts-historische Phase, eine kulturelle Bedeutung oder einen besonderen Erkenntniszuwachs repräsentieren. ‚
Was man schnell lernt: Es gibt praktisch unendlich viel Auswahl, die Dimensionen sind kaum vorstellbar und die Namen der meisten erwähnten Himmelskörper kann man sich ganz bestimmt nicht einprägen (sie ergeben sich meist aus irgendwelchen rein formalen Listen mit vielen Buchstaben und Ziffern).

Trotz aller Komplexität: Nach und nach erwirbt man als Leser/in dann doch eine gewisse Expertise. Man erkennt die grundsätzlichen Methoden von Beobachtung und Messung wieder und erfasst bald den typischen Lebenslauf eines Sterns (von der diffusen Gaswolke bis zu den unterschiedlichen Restzuständen – im Extremfall wäre das ein Schwarzes Loch).
Anders ausgedrückt: Gewisse Wiederholungen sind offenbar unvermeidlich – denn man kann die kosmischen Urkräfte und deren Erforschung nicht auf 100 unterschiedliche Weisen darstellen.

Empfehlen würde ich dieses mit erhellenden Fakten und Anekdoten bis zum Bersten angefüllte Buch am ehesten solchen Menschen, die schon eine kleine Portion Basiswissen mitbringen. Dann kann man sozusagen vom ersten Stern an eintauchen in die faszinierende Vielfalt der ganz großen Dimensionen. Startet man als kosmologischer Anfänger, dauert es ein kleines Weilchen, bis sich ein Grundverständnis eingestellt hat. Schlimm ist das allerdings nicht: 100 Beispiele bieten eine mehr als ausstreichende Lernstrecke (auch wenn es sich nicht gleich um Lichtjahre handelt…).
Wer neugierig auf unser Universum ist, wird sich mit diesem Buch ganz sicher nicht langweilen!

Das Hörbuch liest der Autor übrigens selbst ein. Dabei merkt man, dass er Bühnenerfahrung hat und ein geübter Sprecher ist. Die Stimme ist sehr charakteristisch, motivierend und angenehm.

„Die Wissenschaft von Avatar“ von Stephen BAXTER

Bewertung: 4 von 5.

Ein Buch zum Film – nach so langer Zeit? Nun, die Sache ist ein wenig komplizierter…
Einmal ist dieses Avatar Buch weit davon entfernt, die Handlung des Blockbusters von 2009 in Romanform wiederzugeben. Zum anderen ist „nach dem Film“ in diesem Fall „vor dem Film“: Der Kinostart des Nachfolge-Films steht kurz bevor.

„Die Wissenschaft“ steht nicht zufällig in der Titelzeile. BAXTER ist nicht nur ein erfolgreicher Science-Fiction-Autor, sondern auch studierter Astronom (und Mathematiker). Er hat es sich in diesem besonderen Sachbuch zur Aufgabe gemacht, die astronomische, physikalische, geologische, biologische und technische Basis des spektakulären Avatar-Filmes daraufhin abzuklopfen, wie weit sie mit nachvollziehbaren wissenschaftlichen Prinzipien und Erkenntnissen in Einklang gebracht werden kann.
Das hört sich vielleicht im ersten Moment so an, als ob so ein Buch nur für Hardcore-Fans von Interesse sein könnte. Doch das wäre zu einfach gedacht.

Der Autor verbindet zwei Ziele auf eine didaktisch gelungene Art miteinander: Um nämlich die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Avatar-Welt zu ergründen und zu erklären, schaut er sehr genau auf den jeweiligen Faktenstand und bietet so einen spannenden Einblick in ganz reales irdisches Grundlagen-Wissen:
– Was hat der Zustand der Erde mit der Suche nach Rohstoffen in einem anderen Sternensystem zu tun?
-Welche Antriebs- und Transportsysteme wären denkbar, welche Geschwindigkeiten überhaupt erreichbar?
– Welche biologischen Möglichkeiten gäbe es, um mit den langen Reisezeiten umzugehen?
– Unter welchen astronomischen Bedingungen könnte so ein Lebensraum wie auf „Pandora“ entstehen? Wie groß wären die Unterschiede zu den irdischen Gegebenheiten (Schwerkraft, Atmosphäre, Temperatur, Magnetismus, Geologie, Biosphäre)?
– Stimmen die filmischen Darstellungen mit den angegebenen physikalischen Bedingungen überein?
– Könnten Technologien und Waffen so funktionieren, wie es gezeigt wird?
– Wie weit sind wir noch von einer neuronalen Fernsteuerung von Avataren entfernt?
– Wie plausibel sind die Lebewesen auf dem fernen Planeten (genauer gesagt, ist es eigentlich eine Art Mond)?

Wie in einem guten Film entfaltet BAXTER ebenfalls einen Spannungsbogen: Er beginnt mit den physikalischen, wirtschaftlichen und technischen Bedingungen – um sich am Ende der intelligenten Lebensform der Na’vi und der emotionalen Reaktion des Protagonisten (Jake Sully) zu widmen.
Was dem Autor gut gelingt: Er zerstört mit seiner Art der Aufklärung nicht den Zauber des Films. Immer wieder macht er deutlich, dass die Schöpfer dieses Ausnahme-Werkes jedes Recht hatten, die Bedürfnisse der Zuschauer nach Unterhaltung und Identifikation in den Mittelpunkt zu stellen. Um so größer ist sein Respekt davor, in welchem Ausmaß sich das Filmteam um eine wissenschaftliche Unterfütterung bemüht hat.

Wer sich für Astro-Physik und Raumfahrt interessiert und den Avatar-Film zumindest einmal mit Vergnügen (oder sogar Begeisterung) gesehen hat, darf ohne Zögern zu diesem flott geschriebenen Sachbuch greifen (oder es an geeignete Leser/innen verschenken).
Dass es auch eine Werbefunktion für den aktuellen Filmstart hat, kann man ihm wohl kaum vorwerfen.

„Papyrus“ von Irene VALLEJO

Bewertung: 3.5 von 5.

Es gibt Bücher, die so besonders sind, dass man sich wünscht, für sie der/die passende Leser/in zu sein. Die klassische Philologin Irene VALLEJO hat ohne Zweifel so ein Buch geschrieben.

Dieses Buch ist nicht nur ein Buch über Bücher – es ist eine geradezu ausschweifende Liebeserklärung an das geschriebene Wort. Dessen Geschichte wird von den Vorläufern (der mündlichen Überlieferung), über die ersten Anfänge (das Entstehen alphabetischer Schriften), über die verschiedenen Verbreitungsformen, die ersten Bibliotheken, die ersten Buchhandlungen, die ersten Lesekulturen bis in die Gegenwart erzählt.
Wobei die Betonung auf „erzählt“ liegt: VALLEJO hat zwar ein vor Detailwissen berstendes Sachbuch geschrieben, dies aber nicht in einer nüchternen Systematik, sondern in einer vielschichtigen Breite und Tiefe, die geschichtliche Verläufe an unzähligen Beispielen und Anekdoten lebendig werden lässt.

Der thematische Einstieg und Schwerpunt ist die Griechische Antike. Von dem Startpunkt der ersten globalen Buchsammlung in der legendären Bibliothek in Alexandria aus, breitet die Autorin ein dichtes Gewebe von Fakten und Bezügen aus. Immer wieder geht sie dabei in die Tiefe, nutzt historische Einzelquellen zum Eintauchen in konkrete Lebenswelten einzelner Protagonisten (Feldherren, Bibliothekaren, Buch-Kopierer, …).
So entsteht über hunderte von Seiten ein beeindruckendes Kaleidoskop des Griechischen (und später Römischen) Altertums – wobei VALLEJO in kauf nimmt, dass ihr eher assoziativer Schreibstil zu einigen historischen Schleifen führt. Kritischer formuliert: Man hat den Eindruck, sie findet aus ihrer Lieblingszeit nicht so recht hinaus.

Für jeden geschichtsaffinen und bibliophilen Menschen, insbesondere für jeden Fan der Wiege unserer klassischen Kultur, stellt dieses Buch eine fast unbegrenzte Fundgrube dar, die zum Schwelgen einlädt.
Interessiert man sich hingegen eher nüchtern-wissenschaftliche für die Geschichte des Buches, dann könnte man sich auch überfordert fühlen von der an jeder Ecke spürbaren Begeisterung der Autorin für alle denkbaren Aspekte der Thematik, für jedes erreichbare Detail.
Für den „normalen“ Lesenden ist dieses Buch wohl nur dann empfehlenswert, wenn er/sie bereit ist, sich einem intensiven Flow zu überlassen, wenn das Ziel nicht die Informationsaufnahme, sondern das Eintauchen und Verweilen ist, wenn dieser Zeit und Konzentration vereinnahmende Text nicht in Konkurrenz mit anderen Themen und Büchern steht.

Leider war ich nicht ganz der passende Leser für dieses ganz sicher grandiose Buch. Ich habe ca. 500 von 660 Textseiten durchgehalten (ca. 100 Seiten Anhang gibt es auch noch); dann waren mein Interesse und meine Geduld endgültig verbraucht. Meine Hingabe an das Thema ist einfach nicht so grenzenlos wie die der Autorin.
(Meine Sterne-Bewertung stellt einen Kompromiss zwischen der allgemeinen und persönlichen Sicht auf dieses Buch dar).

„Gretchenfragen an Naturalisten“ von Gerhard VOLLMER

Bewertung: 3 von 5.

Der Naturalismus ist eine philosophische Strömung, die für die Grundthemen des Menschseins und die Erklärung der Welt ohne Rückgriff auf metaphysische, mystische oder religiöse Dimensionen auskommt. Dahinter steht ein naturwissenschaftliches, an Logik, Mathematik und empirischer Forschung ausgerichtetes Erkenntnis-Modell, das weitgehend auf nicht beweisbare Zusatzannahmen verzichtet.

VOLLMER hat in seinem kleinen Taschenbüchlein eine Art Kurzfassung dieser Denkschule erstellt, in der ein „typischer“ Naturalist (verkörpert durch den Autor) insgesamt 55 einschlägige Fragen beantwortet. Da sich das Ganz auf ca. 100 Seiten abspielt, kann man auch mit begrenzter mathematischer Begabung ermitteln, wie umfassend die Auskünfte zu diesen „Gretchenfragen“ ausfallen.
Es geht um Bereiche wie Logik, Naturgesetze, Kosmologie, Evolution, Leib-Seele-Problem, Determiniertheit, Willensfreiheit, Moral und Esoterik.

Nun, die Antworten fallen erwartungsgemäß aus.

Zugegebener Weise enthalten die kompakten und komprimierten Kurz-Kapitel durchaus Aspekte, die über das hinausgehen, was man als interessierter Laie aus dem „hohlen Bauch“ sagen würde und könnte. VOLLMER strukturiert, führt jeweils eine Reihe von Grundbegrifflichkeiten ein und zitiert grundlegende Texte bzw. Autoren.
Letztlich muss dieser kurze Parforceritt durch schwergewichtige philosophische Grundsatzfragen aber in dieser Kürze unbefriedigend bleiben; für echte Herleitungen, Abwägungen und Differenzierungen bleibt kein Raum. Es sind daher zum großen Teil thesenartige Statements, mit denen VOLLMER arbeiten muss; das Ganze hat etwas Stichwortartiges und Formalistisches.

Zu empfehlen ist dieses Büchlein als erster Einstieg in die Gedankenwelt einer naturalistischen Weltsicht; man darf allerdings keinen gefälligen und geglätteten Text erwarten, der einen auf eine angenehme und unterhaltsame Denk-Reise mitnimmt.

„Metro 2033“ von Dmitry GLUKHOVSKY

Bewertung: 4 von 5.

Es handelt sich um einen – inzwischen legendären – dystrophischen Zukunftsroman über das Leben in dem Labyrinth der Moskauer U-Bahn nach einem Atomkrieg.

Wir begleiten den jungen Artjom auf seiner abenteuerlichen Mission durch eine von der verstrahlten Außenwelt weitgehend abgeschotteten Unterwelt, in der sich extrem unterschiedliche Formen des Überlebens herausgebildet haben.
In nicht ganz zufälliger Weise spiegeln die gesellschaftlichen, ökonomischen, militärischen und politischen Verhältnisse in den verschiedenen Linien bzw. Stationen alle denkbaren Facetten der (früheren) russischen Realität: Es gibt alle erdenklichen Ideologien (von den Faschisten bis zu den orthodoxen Kommunisten), alle möglichen Glaubenssysteme und ausgeprägte Diskrepanzen zwischen (bescheidenem) Wohlstand und bitterer Armut.
Geeint ist diese – sonst in diversen Rivalitäten verstrickte Flickenwelt – durch den gemeinsamen Außenfeind: An der (für Menschen unbewohnbaren) Erdoberfläche haben sich mutierte Monster-Wesen entwickelt („die Schwarzen“), die die Rest-Menschheit nicht nur bei ihren kurzen Ausflügen ans Licht bedrohen, sondern auch tödliche Angriffe in das Metro-System unternehmen.
Unabhängig davon ist das Leben untertage schon beschwerlich und gefährlich genug: Hunger, Dunkelheit, Ratten und Kämpfe um die extrem begrenzten Ressourcen in dieser menschenfeindlichen Umgebung.

Wir erkunden all diese Widrigkeiten mit den Augen eines jungen Mannes, der die frühere Welt vor der Verstrahlung nie kennengelernt hat. Für Artjom ist schon die Reise kreuz und quer durch das Metro-Netz eine unglaubliche Erfahrung und eine sowohl faszinierende als auch erschreckende Ausweitung seines bisher extrem beschränkten Erlebnishorizontes.
Dies gilt um so mehr für die kurzen Ausflüge an die Oberfläche.
Für die Irrungen und Wirrungen des jungen „Helden“ gibt es eine Rahmenhandlung, die für die Gesamtwirkung des Romans aber letztlich keine große Bedeutung hat.

GLUKHOVSKY beschreibt die bedrückende Szenerie dieser Finsterwelt mit einer drastischen Direktheit; seine Fantasie schreckt vor keinem ekelhaften Detail zurück. Es geht um Leben und Tod, um das Überleben in – überwiegend – sehr jämmerlichen Zuständen, mit nur kleinen Inseln von Menschlichkeit und Wärme.
Der Autor hält mit dieser Zuspitzung ganz offensichtlich den realen Verhältnissen in seiner russischen Heimat einen extrem blanken Spiegel vor.
Eingestreut in die Handlung sind einige philosophische Betrachtungen rund um das Thema „Schicksal und Zufall“ und über den Sinn des Überlebens unter solchen Bedingungen.

Als Leser/in dieser Dystrophie hat man einige Herausforderungen zu meistern. Das betrifft auf der einen Seite die doch manchmal recht unappetitlichen Schilderungen von Situationen, die man sich nicht wirklich ausmalen möchte. Eine gewisse Anstrengung und Ermüdung stellt sich dadurch ein, dass die Namen der diversen Metro-Stationen – die in deutschen Ohren alle sehr ähnlich klingen – gefühlt einige hunderte Male genannt werden.
Beeindruckend dagegen ist die erzählerische Detailliertheit, mit der die unglaubliche Vielfalt dieses post-apokalyptische Überlebens-Ausschnitt dargeboten wird. Ein Höhepunkt dabei ist die Erfindung eines angepassten Glaubens-Systems (an eine Art Wurm-Gott als vermeintlichen Schöpfer der unterirdischen Tunnel).
Insgesamt bietet dieser Roman ein Leseerlebnis, zu dem man sich bewusst entscheiden sollte. Leichte Kost ist er ganz sicher nicht!

Die Hörbuch-Bearbeitung ist voll umfänglich gelungen. Die Stimme von Oliver Brod und seine sprachliche Umsetzung passen sehr gut zum anspruchsvollen Inhalt. Nicht zu beneiden ist der Vorleser für die Aufgabe, unzählige Male die Linien und Stationen der Metro auszusprechen.

„Text“ von Dmitry GLUKHOVSKY

Bewertung: 4.5 von 5.

Die erste Bekanntschaft mit dem angesagten russischen Schriftsteller war gleich ein Volltreffer!

Erzählt wird die tragische Geschichte eines jungen Russen, der aufgrund untergeschobener Drogen unschuldig sieben Jahre im Gefängnis verbringen muss, bei der Rückkehr mit dem plötzlichen Tod seiner Mutter konfrontiert ist, den für seine Verhaftung verantwortlichen Sicherheitsbeamten (Petja) tötet und dann einige Tage in dessen Leben schlüpft.

In diesen kurzen Zeitraum packt GLUKHOVSKY ein unfassbar intensiv ausgemaltes Panorama einer Gesellschaft, die von Verzweiflung, nackte Armut, Hoffnungslosigkeit und Fatalismus geprägt ist. Unmittelbar daneben blüht Korruption, Machtmissbrauch und eine künstliche Glitzerwelt der Reichen und Ganoven.

Wir werden eingeladen, den Protagonisten, Ilja, bei seiner mehrtägigen emotionalen Achterbahnfahrt durch diese – überwiegend – lebens- und menschenfeindliche Welt zu begleiten. Er hat in dieser Zeit zwei Identitäten gleichzeitig und ist hin- und hergerissen zwischen dem Aufblitzen einer Perspektive und einem endgültigen Scheitern.
Als Grundthema stellt sich für Ilja die Frage, ob unter diesen Bedingungen noch ein „richtiges“ Leben bzw. „moralische“ Entscheidungen möglich sind.

Um es kurz zu sagen: Dieser Roman ist große Literatur!
Mit einer beindruckenden sprachlichen Kunstfertigkeit schafft es der Autor, die bedrückende und perspektivlose Atmosphäre des aktuellen Moskaus lebendig werden zu lassen. In geradezu atemberaubender Intensität wird das Innenleben Iljas ausgebreitet und nachvollziehbar. Die Übernahme der zweiten Identität ist weit mehr als ein Spiel: Ilja wird in diesen nervenaufreibenden Tagen immer mehr zu Petja, wird in das komplizierte andere Leben gezogen und agiert für einige Tage in seinem Netzwerk in geradezu schicksalhafter Weise. Diese Konstruktion schafft dem Roman eine zweite Reflexions- und Erzählebene und damit ein noch verdichteteres literarisches Kunstwerk.

„Die Welt kippt“ von Heiko von TSCHISCHWITZ

Bewertung: 4.5 von 5.

Es ist schon seltsam, wenn die gleich Publikation gedruckt als „Roman“ und in Hörbuch-Form als „Thriller“ angeboten wird.
Um das vorweg zu beantworten: „Roman“ trifft die Sache besser.

Es steckt viel Realitätsbezug in diesem Klima-Roman: politisch, ökologisch und wissenschaftlich. Der Autor hat aktuelle Entwicklungen ein paar Jahre weitergedacht und die Handlung auf die Jahre 2027/2028 verlegt. Das ist nah genug, um enge Bezüge zur Gegenwart zu schaffen, und weit genug entfernt, um ein wenig „dichterische Freiheit“ zu entfalten. Von beidem macht von TSCHISCHWITZ souverän gebrauch.

Insgesamt gibt es wenig „Schnick-Schnack“: So ziemlich alles dreht sich um das Klima – die heranziehende Katastrophe und mögliche Lösungen. Man fragt sich als Leser/in zwischendurch, ob der kleine Rest-Anteil von „Sex and Crime“ wirklich notwendig war…

Es geht im Buch zentral um zwei Aspekte der Klima-Diskussion, die geradezu perfekt in die aktuelle Tagespolitik (Herbst 2022) passen:
– Wie radikal muss der Protest und Kampf gegen die Verschleppung der notwendigen Rettungsmaßnahmen sein? Ist eine Lösung innerhalb des (ökonomischen) Systems oder nur durch Fundamental-Opposition möglich?
– Können die demokratischen Systeme die notwendige Entschlossenheit und Dynamik entfalten oder müssen wir eher auf solche Staaten hoffen, die langfristige Perspektiven mit autokratischer Härte durchzusetzen im Stande sind?

Das erste Thema wird exemplarisch in die Beziehung zweier Frauen eingewebt: Die junge Aktivistin Tessa und die Klima-Fonds-Managerin Shannon freunden sich an (um es mal neutral auszudrücken) und leben den Spannungsbogen zwischen ihren beiden Welten in einer komplizierten Beziehung aus. Dieser Plot erlaubt es dem Autor, immer wieder die beiden Sichtweisen gegeneinander antreten zu lassen.
Das zweite Thema ist China! Der Autor schafft ein Szenario, in dem so ziemlich alle Facetten des Phänomens einen Platz bekommen: die langfristigen Strategien, die Kaltblütigkeit des Vorgehens, die technische Entwicklung, die politische Machtkonzentration, die Mentalität („Gemeinschaft vor Individualismus“), die ökonomische Macht, die philosophische Tradition.

Um diese – schon ziemlich virulente – Konstellation noch ein wenig anzuköcheln, kommt noch ein spektakulärer Quanten-Computer ins Spiel, der das Zeug hat, weit über bisherige Klimamodelle hinauszurechnen.
Man ahnt schon, was dabei herauskommt; aber es gibt ja die schlauen und weitsichtigen Chinesen…

Es ist ein lesenswerter (hörenswerter) Roman entstanden – sehr nah am realen Geschehen.
Auch wenn am Anfang Verbrechen passieren (die dann eine erstaunlich geringe Rolle spielen), auch wenn es erotisch ordentlich knistert – die Stärke des Romans liegt in der stellenweise recht tiefgründigen Auseinandersetzung mit den o.g. Themen.
Wer nur eine unterhaltsame und/oder spannende Unterhaltung sucht, sollte sich einem anderen Buch zuwenden – es könnte sonst gut sein, dass er/sie sich an dem Dauerthema „Klimawandel“ verschluckt.
Wenn aber jemand auf der Suche nach einer niveauvollen Klima-Story ist, dann kann beherzt zugegriffen werden. Zwischendurch kann man sich schon fast wie ein/e Sachbuchleser/in fühlen – was der Autor mit dem Glossar am Ende nochmal wirkungsvoll unterstreicht.

„Nachmittage“ von Ferdinand von SCHIRRACH

Bewertung: 4 von 5.

Dieses Buch lebt im Kern von Begegnungen, die der Autor an besonderen Orten und in besonderen Settings hat – mit besonderen Menschen, die etwas Besonderes zu erzählen haben. Kurz gesagt geht es um sehr persönliche Kurzgeschichten, für die der Autor selbst die Rahmenhandlung bildet.

Von SCHIRRACH zieht diese Menschen und ihre Geschichten offenbar geradezu magisch an. Ohne Zweifel hilft ihm dabei seine Prominenz als international beachteter Autor, der nicht nur ein weites Netzwerk von Kontakten hat, sondern auf seinen zahlreichen (Lese-)Reisen offen für Zufallsbekanntschaften ist. Nach seiner – spontan wirkenden – Entscheidung, sich auf die jeweilige Situation einzulassen, ist er ein vorbehaltloser Zuhörer und lässt sich von den ungewöhnlichen Erlebnissen seiner Gesprächspartner/innen verzaubern.
Wobei – das wäre einzuräumen – nicht ganz klar ist, ob dieser Zauber eher in den Geschichten selbst oder in der typischen Erzählweise des Autors steckt. Von SCHIRRACH hat einen eigenen Stil: Er schreibt unaufgeregt, kann mit sparsamen sprachlichen Mitteln auf wenigen Seiten eine deutlich spürbare Atmosphäre schaffen und verdichtet emotionale und existentielle Themen auf eine Weise, die berührend – aber eben nicht aufregend – ist.

Besonders eingefangen wird man in den Kurzgeschichten, an deren Ende ein Überraschungs-Effekt wartet. Geschickt wird man als Leser/in in eine Wahrnehmungs- und Bewertungshaltung gelockt, die dann urplötzlich wie ein Ballon zerplatzt: Manchmal ist es eben anders, als es scheint und als man so gerne zu denken geneigt ist.
Das kann eine erhellende Erfahrung sein…

Der Autor ist sowohl ein exzellenter Beobachter als auch ein Menschenfreund. Er urteilt nicht, er hat Verständnis für Mängel und Schwächen, interessiert sich nicht für das Laute und Glitzernde, sondern für die feinen und leisen Aspekte der menschlichen Existenz.
Manchmal lugt sein Grundthema hervor, gelegentlich wird es auch explizit angesprochen: Wir sind beschränkte und vergängliche Wesen, sollten uns nicht zu wichtig nehmen und nicht zu viel erwarten. Vor allem aber sollten wir uns bewusst sein, dass wir unser Menschsein nur in der Begegnung mit anderen und in der Spiegelung durch andere entdecken und verwirklichen können.
Die Begegnungen, an denen uns der Autor teilhaben lässt, zeugen von diesen Momenten des Erkennens: Sowohl die Erzählenden, als auch der Zuhörer machen eine Erfahrung, die sie ohne das Gegenüber nicht möglich wäre. Und jede bedeutsame Erfahrung eines Anderen hat das Potential, auch uns und unser Leben zu berühren und zu verändern.

Von SCHIRRACH zeigt mit diesem „Büchlein“ (175 großzügig bedruckte Seiten), dass man sich nicht durch dicke Roman-Wälzer arbeiten muss, um anregende und nachdenklich stimmende literarische Denk- und Fühlanstöße zu gewinnen.
Vielleicht ist man zwischendurch ein wenig neidisch auf ein Leben, das offensichtlich so viele verschiedene Situationen und Erlebnisse ermöglicht. Aber es entsteht auch eine leise Ahnung, dass die ein oder andere bedeutsame Begegnung wohl auch in der eigenen Umgebung möglich sein könnte – wenn man nur dafür offen wäre und vielleicht mal hin und wieder die starren Muster des Alltags verlassen würde.

„Was ich nie gesagt habe“ von Susanne ABEL

Bewertung: 4 von 5.

Das erste Gretchen-Buch war ohne Zweifel ein Überraschungs-Erfolg. So etwas regt zur Fortsetzung an – die Autorin und sicher auch den Verlag. Natürlich taucht daher der Name „Gretchen“ auch unübersehbar auf dem Cover dieses Buches auf.
Man könnte nun befürchten, dass da schnell etwas zusammengeschustert wurde, um den positiven Move noch zu nutzen. Diese Bewertung wäre aber völlig fehl am Platz.

Man hat es wieder mit einem Buch zu tun, das in einer eher konservativen und unaufgeregten Erzählweise eine Familiengeschichte mit bestimmten inhaltlichen und zeitgeschichtlichen Themen bzw. Ereignissen verbindet. Diesmal geht es um die Reproduktionsmedizin (und deren psychische Folgen) im Schatten der medizinischen Verbrechen der Nazi-Zeit.
ABEL verknüpft diese beiden Themen erneut mit Hilfe der Familiengeschichte des bekannten Journalisten Tom und seiner (inzwischen) dementen Mutter Gretchen. Sie wendet sich diesmal der väterlichen Seite zu, also der Perspektive des (in der aktuellen Zeitebene bereits verstorbenen) Ehemannes und seiner persönlichen und beruflichen Biografie (als Gynäkologe).

In dezenten, gut nachvollziehbaren Zeitsprüngen rollt ABEL die Zusammenhänge nach und nach auf, nicht ohne dabei auch immer wieder Spannungsbogen zu schaffen. Der Ablauf des Plots erscheint gut gelungen; man hat nicht den Eindruck einer übertrieben künstlichen Konstruktion.
Überhaupt kann man sich dem Erzählfluss problemlos überlassen und fühlt sich durch die Kombination von Einzelschicksalen und Sachinhalten gut und intelligent unterhalten.
Voraussetzung für dieses positive Leseerlebnis ist allerdings die Bereitschaft, sich auch emotional anrühren zu lassen: ABEL scheut sich nicht, mit starken Worten auch starke Gefühle anzusprechen – wer in solchen Momenten gleich eine interne „Kitsch-Warnung“ spürt, ist sicherlich mit diesem Roman-Genre nicht gut bedient.

Nicht unterschätzt werden sollte die Gründlichkeit und der Tiefgang, mit dem die Autorin sich der Thematik der Menschen zuwendet, die erst später in ihrem Leben damit konfrontiert werden, dass sie mithilfe einer (mehr oder weniger anonymen) Samenspende erzeugt wurden. Ebenso wie beim ersten Gretchen-Band (bei dem es um die im oder kurz nach dem Krieg gezeugten Kinder schwarzer GIs ging), hat man bei auch diesmal nicht den Eindruck, dass die Thematik nur als kleine Anreicherung einer Familien-Saga gedient hat.

Gretchen-II ist also ein durchaus niveauvoller Roman, der moderne Fragen mit historischen Aspekten verbindet und dabei den „Herz/Schmerz“-Bereich nicht ausspart.
Der Anspruch einer literarischen Bedeutung wird ganz sicher nicht erhoben.
Bleibt die Frage, ob man mit diesem Buch in die Gretchen-Welt einsteigen sollte. Es ist sicher nicht unmöglich, das aktuelle Buch als eigenständige Einheit zu betrachten und zu nutzen. Trotzdem wäre es irgendwie schade, sich den Kontext des Vorläufer-Werkes nicht zu gönnen. Die beiden Gretchen passen einfach so gut zusammen – ohne dass es zu nervigen Wiederholungen kommt.
Ob da noch ein dritter Band lauert…?