„Projekt GreenZero“ von Dirk GRATZEL

GRATZEL, studierter Jurist und Unternehmer, zelebriert in diesem Buch Nachhaltigkeit als Ego-Trip. Als ihm schmerzhaft bewusst wird, wie ökologisch unverantwortlich seine bisherige Lebensführung war, nimmt er sich zwei Dinge vor: Er will genau erfassen, wie viel Schaden er bis heute angerichtet hat und er will bis zu seinem (prognostizierten) Lebensende diesen ökologischen Fußabdruck auslöschen (auf Zero). Er will also mit dem Gefühl abtreten, diesem Planeten mit seiner Stippvisite als deutscher Wohlstandsbürger keine Belastungen hinterlassen zu haben.
Sein Buch beschreibt sehr detailliert die Umsetzung dieses Vorsatzes.

Der Autor ist ein gründlicher und systematischer Mensch; diese Eigenschaften haben auch seinen beruflichen Erfolg begünstigt. Bzgl. seines Zero-Projekts führt das dazu , dass er mit einem geradezu unglaublichen Einsatz folgende Schritte angeht:
– er liest sich ein profundes Fachwissen in einer ganzen Reihe von Themenbereichen an
– er sucht sich kooperationsbereite Experten in Wissenschaft und bei den wichtigsten Umweltverbänden
– er erhebt private Daten mit einem kaum vorstellbaren Aufwand an Mühe und Zeit
– er analysiert sorgfältig die möglichen und notwendigen Veränderungsschritte und setzt sie mit einer bemerkenswerten Konsequenz und mit erheblichen Kapitaleinsatz um
– er vernetzt sich auch im Bereich Industrie und öffentliche Verwaltung, besucht Kongresse und macht Öffentlichkeitsarbeit

Es wird schnell deutlich: Hier wird kein Modell zum Nachahmen für Jederman/-frau vorgestellt. Was der GRATZEL tut und darstellt, hat den Charakter einer Singularität, die vorrangig ganz persönlich motiviert ist, aber darüber hinaus interessante Denkanstöße vermitteln kann. Und genau da macht die geradezu zwanghafte Konkretheit seines Vorgehens plötzlich Sinn: Weil es in allen Bereichen ans Eingemachte geht (bzgl. jeder früheren – und natürlich zukünftigen – Entscheidung bei Wohnen, Heizen, Reisen, Konsum, Ernährung, Mobilität, Kleidung, Hygiene, usw.), kann und muss ich auch jede/r angesprochen fühlen. Wir alle fällen solche Entscheidungen, jeden Tag, fast jede Stunde. Früher meist gedankenlos – ohne Bezug auf Ressourcenverbrauch, Müllproduktion und CO2-Fußabdruck – jetzt immer öfter mit ambivalenten Gefühlen, oft mit schlechtem Gewissen.

Es soll nicht unerwähnt bleiben , dass GRATZEL neben dem Schwelgen in seinen ganz persönlichen Lebensverhältnissen (als Jäger muss er z.B. nicht auf Fleischprodukte verzichten) auch einen allgemeinen Informations-Service erbringt: In zahlreichen Info-Boxen gibt er kurze Zusammenfassungen zu Erkenntnissen der Öko-Forschung, nennt Anlaufstellen und gibt Tipps.

Man kann dem Autor seine übertriebene Akribie vorwerfen: Nützt es der Umwelt wirklich, das bisherige Leben eines einzelnen Menschen so penibel zu durchleuchten? Ist es dem Klima nicht egal, ob der Autor nun 13.000 oder 16.000 Gegenstände besitzt? Was sein damaliges Auto vor 18 Jahren verbraucht hat?
Man spürt: GRATZEL ist ein Getriebener, er kann nur so oder gar nicht; er hat was Fanatisches. Es muss ein großes Ding werden; etwas, was es so noch nie gab. Daraus schöpft er seine scheinbar unendliche Motivation. Er ist halt ein Unternehmer-Typ.

Im letzten Viertel des Buches wird es dann auch für den wohlwollenden Leser etwas mühsam. GRATZEL verzettelt sich in der – wie immer detailverliebten – Darstellung seines Wiedergutmachungsprojektes. Über viele Seiten wird geschildert, in welcher Reihenfolge und mit welchen jeweiligen Verhandlungspartnern und Experten er drei Liegenschaften auf Eignung für ein Renaturierungs-Projekt prüft. Das braucht so kein Mensch, das kann man in sein persönliches Tagebuch schreiben, aber nicht in ein personalisiertes Sachbuch.

Letztlich hat GRATZEL aber ein unterhaltsames und informatives Nachhaltigkeitsbuch geschrieben, das mit seiner ungewohnten Perspektive die Diskussion um die persönlichen Beiträge im Kampf um eine ökologischere Welt bereichert. Dass ihm am Ende ein wenig das Gefühl für das „rechte Maß“ abhanden gekommen ist, sei ihm nachgesehen.
Es geht ihm eben tatsächlich um seine Geschichte – und nicht um eine Vorlage für die Leser.

Vielleicht bleibt ja bei jedem Leser ein Aspekt hängen – auch das wäre ja schon eine schöner Erfolg.
Dass es grundsätzlich nicht nur auf die Anstrengung Einzelner ankommt, sondern auf politisch gesetzte Rahmenbedingungen – das weiß ja sowieso jeder potentielle Leser.


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Das traurige Versagen zweier Spitzen-Intellektueller

Was für ein Leckerbissen: Zwei meiner absoluten Lieblings-Denker und meistgelesenen Autoren in einer Sendung: WELZER bei PRECHT!
Man kennt, duzt und mag sich – welche Überraschung. Da freue ich mich doch auf anregende 43 Minuten, da lasse ich alles andere stehen und liegen…

Es geht auch nett und erbaulich los: im Blick die großen gesellschaftlichen Herausforderungen und Trends.
Das Gespräch landet dann bei folgender Kernthese: Es fehlt in unserer Gesellschaft, im politischen Diskurs, an Zukunftsvisionen. Man überlässt es den Technik-Freaks im Silicon-Valley, die Richtung vorzugeben. Wir (als Gesellschaft) machen uns keine Gedanken darüber, wie wir zukünftig leben wollen. Stattdessen lassen wir es zu, dass technische und digitale Innovationen das Ziel definieren – statt sie als Mittel (Werkzeug) auf dem Weg zu der gewünschten Lebensform der Zukunft zu verstehen.
So weit, so gut!

Die zweite Hälfte der Sendung hat dann – und das ist kaum übertrieben – nur noch einen Inhalt und einen Zweck: GRÜNEN-Bashing.
In einer – mit dem intellektuellen Anspruch der Gesprächspartner völlig unvereinbaren – Pauschalität wird den GRÜNEN vorgeworfen, dass sie ihre einst hehren Ziele vollständig hinter sich gelassen hätten und zu einer stromlinienförmigen Mainstream-Alt-Partei mutiert seien. Ihnen fehle jede gesellschaftliche Vision, die über ein „grüneres Wachstum“ hinausginge. Für sie sei das Elektroauto die unkritische Antwort auf die Frage noch der Zukunft der Mobilität, usw.
Dieses gegenseitige Aufschaukeln von Plattitüden gipfelt in der – unwidersprochenen – Aussage: Die GRÜNEN unterschieden sich nicht von der FPD in der Haltung, dass man die Zukunftsprobleme allein durch technische Innovationen lösen könne.
Das ist starker Tobak, das ist schon mehr als Polemik, das ist Tatsachenverdrehung. Das sind alternative Fakten! Das funktioniert nur, wenn man die Hälfte alle Aussagen in Reden und Programmen systematisch ausblendet.
Zwar wird den GRÜNEN als Motiv für ihre – vermeintliche – radikale Weichgespültheit zugutegehalten, dass es ja pragmatisch sei, sich um breite Zustimmung zu bemühen. Ernsthaft auseinandergesetzt mit diesem möglichen Argument wird sich aber keinen Moment. Pragmatismus, Strategie, schrittweises Überzeugen, Konsensfähigkeit – das ist alles irgendwie „Pfui“, keine Debatte wert.

Warum tun die das? Warum tun die das zu diesem Zeitpunkt, an dem so langsam die Weichen für die nächste Bundestagswahl und damit für eine mögliche Regierungsbeteiligung der GRÜNEN gestellt werden? Warum sind die führenden linksliberal-progressiven Aufklärer der Nation unwillig und unfähig, die stärkste politische Wandlungskraft wohlwollend-kritisch zu begleiten und zu unterstützen? So wie das früher GRASS und BÖLL bei der SPD gemacht haben.
Warum unterstützen sie ganz offen die Tendenzen, ein oder mehrere neue ökologische Parteien zu bilden, die dann konsequenter und kompromissloser die Reine Lehre vertreten? Warum nehmen sie offenen Auges den Preis in Kauf, dass dadurch vielleicht entscheidende Prozentpunkte verloren gehen, die dann dem Durchsetzen von ökologischen Projekten fehlen?
Warum versagen die so dringend gebrauchten Meinungsführer, die genau die Zielgruppe ansprechen, aus denen sich auch die GRÜNEN-Wähler rekrutieren?

PRECHT und WELZER könnten glauben, dass die Kritik an den GRÜNEN die Durchschlagskraft der Nachhaltigkeitsbewegung letztlich stärkt. Der öffentliche Druck auf die Partei könnte dazu führen, dass Positionen geschärft werden, die Außendarstellung sich provokanter entwickelt. Kann ja sein.
Aber was nützt es – so frage ich – wenn radikalere Forderungen dazu führen, dass weniger von den politisch potentiell durchsetzbaren Zielen erreicht werden (in Ermangelung von Prozentpunkten). Solange doch klar ist, dass die GRÜNEN auf jeden Fall (auch aktuell!) mehr fordern als jemals in den nächsten Jahren durchsetzbar sein wird – wo soll dann bitte der Vorteil von demonstrativer Konfrontation sein? Geht es um die Sache oder um die Selbstdarstellung?
Warum reicht es nicht, dass die Aktivisten diejenigen sind, die unermüdlich darauf hinweisen, dass der Wandel schneller und radikaler stattfinden muss? Was spricht wirklich gegen die Arbeitsteilung zwischen einem ungeduldigen Drängen der Bewegung und einer konsens- und mehrheitsfähigen Partei?

Warum tun die das trotzdem – obwohl die das ja auch alles wissen? Ich vermute die Gründe eher in einer innerpsychischen Dynamik.
Mainstream ist nicht sexy! Wenn die Ökologie im Mainstream angekommen ist, wenn eine Partei die Nachhaltigkeitswende so unaufgeregt und sympathisch rüberbringt, dann kann das einfach nicht der richtige Weg sein!
Nur die unbeirrbaren und unkorrumpierbaren einsamen Denker können dann das Zepter noch hochhalten. Sie sind auf der glorreichen Seite der kompromisslosen Aktivisten – jedes Zugehen auf die Machbarkeitsebene ist damit ein Verrat und muss geradezu dämonisiert werden. Da lauert doch glatt der fade Kompromiss – wie langweilig!
Wenn die GRÜNEN dann (endlich) das Tempolimit durchsetzen – dann ist es nur noch Symbolpolitik! Wenn das Ende des Verbrennungs-Motors (endlich) eingeleitet wird, dann ist das Elektroauto ein noch größeres Problem! Usw…
Lebt die Selbstdefinition als Intellektueller davon, dass man einer Partei die Unterstützung entziehen muss, sobald sie die 15 oder 20 Prozent überschreitet? Geht es mehr um das eigenen öffentliche Profil als um die Sache?

Ich möchte versöhnlich enden.
Ich fühle mich PRECHT und WELZER geradezu freundschaftlich verbunden; habe viele Stunden ihre Texte gelesen und ihre Stimmen im Fernsehen, auf YouTube und auf Podcasts gehört. Sie und ihre Weltsichten sind mir vertraut.
Nur deshalb verzweifle ich so stark an diesem Aspekt ihres Wirkens.
Auch die Forderungen der Aktivisten möchte ich nicht missen; natürlich müssen wir noch radikaler umsteuern, als es im Moment den meisten Menschen bewusst ist.
Ich bestehe nur darauf, dass die GRÜNEN in ihrer jetzigen Aufstellung einen Teil der Lösung und nicht das Problem darstellen!

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„Darwins Faktor“ von M.A. ROTHMAN

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein Thriller, der im Bereich der Genforschung spielt.
Dem Autor – selbst Naturwissenschaftler – ist es ein Anliegen, nicht nur Spannung zu generieren; er will das auf der Basis tatsächlicher Erkenntnisse tun. In Darwins Faktor bekommen die Möglichkeiten der Gen-Manipulation einen Touch Science-Fiktion mit auf den Weg. Für ROTHMANN bleibt es trotzdem bei Genre „Technik-Thriller“ (denn Science-Fiktion hat für ihn mit Raumschiffen und Laserschwertern zu tun).
Soll mir recht sein.

Um nicht groß rumzuspoilen: Die Suche nach einem innovativen Krebsmedikament ist reichlich aus dem Ruder gelaufen. Natürlich haben finstere Mächte damit zu tun, in diesem Fall aus dem Geheimdienstmilieu. Es gibt auch engagierte Wissenschaftler, smarte FBI-Ermittler, unschuldige und sympathische Opfer, hartherzige Entscheider und romantische Verwicklungen. Auch ein paar interessante Tiere gesellen sich zu den Protagonisten.
Das reicht auf jeden Fall für einen spannungsgeladenen Plot, der – natürlich – von der Zusammenführung der verschiedenen Handlungsfäden lebt.

Man erfährt tatsächlich ein bisschen über das Wirken der Evolution und die Methoden der Eingriffe in das Genmaterial. Dass dabei Viren eine besondere Rolle spielen, ist in Zeiten der Corona-Pandemie nicht uninteressant.

Das Buch bietet insgesamt eine recht konventionelle Form der Spannungs-Unterhaltung. Die Zutaten (s.o.) sind wenig spektakulär, bestimmte Entwicklungen sind erwartbar. Das Ende ist pfiffig gemacht – aber auch das war letztlich vorhersehbar.
Aber ich will gar nicht meckern: ROTHMANs Thriller ist ganz bestimmt nicht schlechter als viele andere. Die meisten Freunde dieses Genres werden genau die Unterhaltung und Spannung bekommen, die sie auch wollen. Mainstream muss ja nicht schlecht sein…

Der Autor wird nach Ende seiner Geschichte noch persönlich. Er outet sich als Selfpublisher und berichtet, auf welchem Weg er zu seinem Erfolg („USA Today-Bestseller“) gelangt ist.
Alles recht sympathisch. Aber man muss sich den Namen trotzdem nicht unbedingt merken.

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„Königreich der Angst“ von Martha C. NUSSBAUM

Bewertung: 3.5 von 5.

Eine aktuelle Gesellschaftsanalyse wird angeboten – von der in den USA seit Jahrzehnten etablierten und mit 30(!) Ehrendoktortiteln ausgezeichneten Philosophin und Rechtswissenschaftlerin NUSSBAUM.
Das Buch wurde 2018 veröffentlicht und bezieht somit auch die erste Phase der denkwürdigen Präsidentschaft von Trump mit ein. An den Stellen, wo sie das explizit tut, würde man gerne erfahren, ob ihre Ausführungen angesichts der jüngsten Ereignisse noch von dem gleichen Ausmaß an Milde und Mäßigung getragen würde.

Man kann dieses Buch grob in zwei Teile untergliedern:
Der erste (längere) Teil besteht aus dem Versuch, gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen – insbesondere bzgl. des politischen Klimas – auf emotionale Grundreaktionen des Menschen zurückzuführen. Es geht ihr also darum zu vermitteln, dass bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen (z.B. Diskriminierung, Rassismus, Frauenfeindlichkeit) ihre Ursache in den Tiefen unseres psychischen System haben. Aus dieser Sichtweise lassen sich dann Konsequenzen für den Umgang und für Veränderungsprozesse ableiten.
Im zweiten (kürzeren) Teil beschreibt NUSSBAUM ihre Vorstellungen von einer „guten“ Gesellschaft, in der die Lebensbedingungen so gestaltet wären, dass den unerwünschten Zuständen und Verhaltensmustern weitgehend ihre Grundlage entzogen wäre. Unter solchen Umständen (in denen Gerechtigkeit und Würde gesichert wären), könnten sich die positiven Kräfte von Hoffnung und Liebe entfalten.
Konkret meint sie damit – wie sie selber schreibt – etwa solche Rahmenbedingungen, wie sie beispielsweise im skandinavischen oder deutschen Rechts- und Sozialstaat verwirklicht sind. Dagegen ist insgesamt wenig einzuwenden…

Schauen wir uns ihre Emotions-Theorie etwas genauer an:
Im Zentrum steht das biologisch verankerte Grundgefühl der Angst, das wegen seiner universellen Bedeutung weder ausgemerzt werden kann noch sollte. Es bildet aber eine gefährliche Ursuppe, aus denen drei weitere politisch bedeutsame Emotionen gefüttert werden: der Zorn, der Ekel und der Neid.
NUSSBAUM beschreibt anhand von Beispielen aus der antiken Philosophie bzw. Literatur und unter Zugrundelegung psychoanalytischer Konzepte (insbesondere von Winnicott), wie man sich das Zusammenspiel der Faktoren vorstellen könnte.
In den – auf die vier Emotionen bezogenen – Kapiteln führt die Autorin jeweils aus, welche gefährlichen Folgen das unkontrollierte Wirken der Gefühlskräfte entfalten kann – insbesondere, wenn diese instrumentalisiert werden (indem z.B. Gegnern „ekelhafte“ Attribute zugesprochen werden) oder mäßigende Gegenkräfte (in Politik und Gesellschaft) fehlen.
Das für NUSSBAUM besonders relevante Thema Sexismus/Frauenfeindlichkeit erhält ein Extra-Kapitel.

Bei mir hinterlässt das Buch einen etwas zwiespältigen Gesamteindruck.
Nussbaum steht ohne Zweifel auf der „richtigen“ Seite: Sie plädiert für eine demokratische, liberale, tolerante und gerechte Gesellschaftsordnung. Die Schwächen, die sie im American Way of Live findet und aufdeckt, sind leicht nachvollziehbar.
Ihre demonstrative Ausgewogenheit kann man ihr ohne Weiteres als Stärke anrechnen: Mit guten Gründen macht sie darauf aufmerksam, dass es auch auf dem linken politischen Spektrum missbräuchlichen Einsatz emotionaler Dynamiken gibt.
Dass eine solidarische, gerechte und fürsorgliche Gesellschaftsordung (Sozialstaat) eher zu einem demokratischen, humanen und toleranten Miteinander der Bürger/innen führt als eine Ellbogengesellschaft, in der das Recht des Stärkeren zelebriert wird – das ist plausibel und wäre dies wohl auch ganz ohne eine unterlegte Emotionstheorie.
Trotzdem kann natürlich die Betrachtung der Zusammenhänge zwischen psychischen Phänomenen und politischen Zuständen durchaus spannend und erkenntnisreich sein. Das Buch von NUSSBAUM hat da durchaus etwas zu bieten. Allerdings beschränkt sich der Analyse-Ansatz auf einen rein geisteswissenschaftlichen Zugang (inklusive psychoanalytischer Konzepte). Ausgespart bleiben naturwissenschaftlich begründete Emotionstheorien und empirische Befunde aus Sozialpsychologie, Neurowissenschaft und Soziologie. Schade – aber das wäre wohl ein anderes Buch geworden…
Aus einer ausgeprägter politischen Perspektive wäre sicher zu bemängeln, dass so interessante Faktoren wie wirtschaftliche Interessen und mediale Manipulationsmacht in dem eher harmonischen Weltbild von NUSSBAUM nicht viel Raum bekommen.

Als Zusatzangebot liefert die Autorin nach eine Schlussbetrachtung zu den aktuellen Unterschieden zwischen der amerikanischen und deutschen gesellschaftlichen Situation. Dabei wird deutlich, dass sie – ganz Patriotin – trotz aller Schwächen im Detail noch überzeugt von und stolz auf das US-System ist (was sie u.a. mit der größeren Toleranz gegenüber Migranten und deren religiösen Eigenarten begründet).
Auch an dieser Stelle hätte ich gerne ein Update mit Stand November 2020 gehabt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass so eine intelligente Frau nicht inzwischen ein paar zusätzliche Zweifel hinsichtlich der glorreichen amerikanischen Ideale entwickelt hätte…


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„Outland – Der geheime Planet“ von Dennis E. TAYLOR

Bewertung: 3 von 5.

Das Buch „Ich bin viele“ hatte ich in ganz guter Erinnerung; die Ankündigung zu „Outland“ klang spannend. Also habe ich mich um ein Rezensions-Exemplar beworben (diesmal als Hörbuch).

Der Science-Fiktion-Roman lebt von der Kombination zweier Handlungsstränge: Es geht um eine Naturkatastrophe im Yellowstone-Park und die futuristische Erfindung einer kleinen Gruppe von College-Studenten.
Für solche Geschichten ist ein Spoilen total unangemessen. Es sei daher nur verraten, dass die jungen Leute den Zugang zu einer parallelen Welt finden und diese Zweit-Erde plötzlich eine sehr grundsätzliche Bedeutung gewinnt.
Erzählt wird, wie diese Studenten mit der fantastischen Erweiterung ihrer Optionen umgehen – zunächst ganz privat, später dann sozusagen gesellschaftlich. Der Fokus der Betrachtung liegt aber auf dem Erleben und Verhalten der Protagonisten.
Der wissenschaftlich-technische Hintergrund lässt sich den Theorien zu Parallel-Universen zuordnen. Abgesehen von der erwähnten Erfindung, die einen Transfer ermöglicht, verbleibt der gesamte Plot in der Gegenwart.
Eine gehörige Portion naturwissenschaftliche Information wird zum Thema „geologische Katastrophen“ geliefert; das lässt auf eine sorgfältige Recherche schließen.

Eine Kurz-Charakterisierung könnte lauten: Es ist ein Buch über junge Leute für junge Leute.
Grund für diese Einordnung ist die starke Betonung von alterstypischen Verhaltens- und Beschreibungsmustern. Die Welt wird aus Sicht von College-Studenten betrachtet; ihre Art zu denken, ihre Alltagsfragen und -probleme sind die Fäden, aus denen der Grundstoff für diesen Roman gewebt wurde.
Es geht u.a. um Dinge wie Abenteuerlust, Risikobereitschaft, Coolness, Rivalitäten und Zukunftsperspektiven. Auch die Begeisterung für Technik, einen gewisse jugendliche Naivität und eine Faszination für Reichtum und Waffen spielen eine Rolle. Emotionale Beziehungen, Liebe und Sex bleiben dabei – ein wenig überraschend – weitgehend im Hintergrund.
Es ist wohl einfach vorrangig ein Buch für technikverliebte Jungs!

Wenn man danach sucht, lassen sich in der Story natürlich auch ein paar übergreifende, gesellschaftlich relevante Themen finden: Wir finden Freundschaft und Loyalität, es werden Fragen nach Verantwortung gegenüber Dritten gestellt, es geht um Formen des Zusammenlebens und der Selbstorganisation, auch um Rache und Vergeltung.

Ach ja: Ist das Ganze spannend geschrieben?
Ich finde schon. Einige Spannungsebenen werden aufgerollt, man kann sich hinreichend mit den „Guten“ identifizieren und mit ihnen auf einen akzeptablen Ausgang (Achtung: Wortspiel) hoffen.

Outland ist für mich kein großer Wurf. Das meiste ist doch ein wenig Durchschnittskost, die aber sicher trotzdem von der Zielgruppe mit Vergnügen konsumiert wird. Die Handlungsschemata sind weitgehend erwartbar und kalkulierbar; da gibt es wenig Experimentelles (da gefiel mir das Ende).
Für etwas „reifere“ Leser/Hörer ist die breit ausgewälzte Jugend-Perspektive manchmal doch ein wenig nervig. Auch merkt der Autor nicht immer, wann eine Idee wirklich hoffnungslos überstrapaziert ist – so wie die Sache mit dem Kaffee (der als Objekt der Begierde unendlich zelebriert wird).

Alterstypische Fans des Genres machen mit „Outland“ sicher nichts verkehrt; etwas wählerische Genießer finden sicher anspruchsvollere Kost.

Die Umsetzung als Hörbuch ist ohne Zweifel gut gelungen.
Hier ist eine Hörprobe.



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Habeck for President?

Eine knappe halbe Stunde dauerte die Grundsatzrede von Habeck auf dem digitalen Pateitag der GRÜNEN. Ich habe diese Zeit investiert – vielleicht hat da ja unser nächster Kanzler gesprochen…

Die sehr speziellen Rahmenbedingungen haben dem Auftritt einen besonderen Charakter verliehen: Ohne ein Publikum und dessen Reaktionen wirkte die Rede seltsam künstlich, inszeniert und steril; sie hatte zwischendurch fast den Charakter einer Predigt.
Keine leichte Aufgabe für Habek.

Ich war mit dem Ergebnis trotzdem sehr zufrieden.
Habeck hat versucht, alle mitzunehmen, ohne allen nach dem Munde zu reden.
Er hat deutlich gemacht, dass man Mehrheiten braucht, wenn seine politischen Vorstellungen durchsetzen will. Kompromisse sind in dieser Logik die notwendige Folge von fehlenden Mehrheiten.
Das bedeutet auch – solange man den demokratischen Rahmen akzeptiert – dass man grünen Ministern nicht vorwerfen kann, dass sie Gesetze auch dann befolgen und durchsetzen, wenn sie der eigenen (grünen) Vorstellung widersprechen.
Habeck ermutigt auch die jungen Aktivisten, auf diesen Weg der demokratisch legitimierten Machtausübung zu setzen.

Habeck machte deutlich, dass die GRÜNEN mehr sein wollen als die konsequenteste Klima-Partei. Es geht um ein Gesamtpaket einer gesellschaftlichen und ökologischen Neuausrichtung, die den Menschen zwar etwas zumutet, ihnen aber nicht Verständnis und Respekt versagt.

Vor diesen GRÜNEN braucht die bürgerliche Mitte keine Angst zu haben. Gleichzeitig stehen sie aber für das notwendige Umsteuern.

Auf den Punkt gebracht: Für mich sind die GRÜNEN im Moment die einzige Partei, denen ich mich sogar im Falle einer Alleinregierung (bei einer absoluten Mehrheit) anvertrauen würde (in der Hoffnung, dass einige Überspitzungen bei Datenschutz und Gendertum unterbleiben).


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„SAPIENS – Der Aufbruch“ von Yuval Noah HARARI

Bewertung: 4.5 von 5.

Schlichte Gemüter werden vielleicht denken: „Oh – ein HARARI als Comic“.
Heute heißt so etwas – moderner und differenzierter – „Graphic Novel“.
Mir soll’s recht sein…

Mein Interesse gilt nicht dem Genre, mich verbindet nichts mit „gezeichneter Literatur“ als Kunstform. Ich war neugierig darauf, ob und wie es HARARI und seine Zeichner/Illustratoren geschafft haben, den Inhalt des Weltbestsellers „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ in eine andere Vermittlungsform zu bringen und ob diese andere Darstellungsebene einen Mehrwert beinhaltet.

Vorweg eine entscheidende Information: Das großformatige und wirklich üppig bebilderte Buch (ca. 240 haptisch-angenehme Seiten dick) gibt nur ein Viertel des Sachbuches wieder. Das bedeutet im Umkehrschluss tatsächlich, dass es drei weitere Bände geben wird. Es wird also ca. 100 € kosten, das HARARI-Geschichtswissen als Bilderbuch zu besitzen. Ein mutiges Unterfangen, das man sich als Autor und Verlag wohl nur leisten kann, weil es auf dem Renommee eines Welt-Intellektuellen beruht.
Es ist also ein kalkulierbares Risiko.

Rein sachlich geht es um die Entwicklung des Menschen von der biologischen Ausbildung einer eigenen Art (Spezies) bis zur Sesshaftigkeit im Rahmen von Landwirtschaft (Thema des nächsten Bandes).
Schwerpunkte werden in folgenden Bereichen gesetzt:
– Wie aus sechs Menschen-Arten der SAPIENS als einsamer Sieger hervorging
– Wie die Evolution wirkte – zunächst biologisch (langsam) und dann kulturell (explosionsartig)
– Was große Gehirne bedeuten
– Warum die Kooperation von großen Gruppen so entscheidend war
– Welche Bedeutung die Ausbildung von „Fiktionen“ (Geschichten, Mythen, Konstrukten) hatten
– Wieviel wir wirklich vom Leben der Steinzeitmenschen (Wildbeuter) wissen können
– Welche Rolle der Mensch schon vor der Sesshaftigkeit und Industrialisierung bei der Veränderung der biologischen Umwelt spielte

Zunächst einmal soll die Inhaltsebene bewertet werden:
Mich hat die Informationsdichte und -tiefe positiv überrascht. Man kann diesem Werk ganz sicher nicht vorwerfen, als Preis für die grafische Darstellungsform eine Oberflächlichkeit der Faktenvermittlung in kauf genommen zu haben.
Dazu trägt nicht nur der Text bei, der entweder Teil von Dialogen ist oder im Rahmen von kleinen Exkursen dargeboten wird, sondern auch die Illustrationen, die ja selbst – in einem beträchtlichen Umfang – auch Informationsträger sind.

Jetzt zur Vermittlung:
Ganz grob kann man zwei Ebenen unterscheiden: Es gibt eine Rahmenhandlung, in der „Onkel Harari“ seiner Nichte Zoe die Welt erklärt – mit Hilfe einiger Fachleute.
Darin eingebettet werden kleine „Vorträge“ (getarnt z.B. als Filmvorführungen), in der größere Informationshappen verabreicht werden.
Der entscheidende Pep des Ganzen liegt darin, dass die „trockene“ Faktenebene immer wieder in einen ungewohnten, aktuellen und witzigen Kontext verlagert wird. Es gibt jede Menge Anspielungen auf die Gegenwart, so dass sich der Unterhaltungswert – insbesondere für jüngere Menschen – deutlich erhöht.
So wird z.B. die Frage, in wieweit frühere Migrationsbewegungen der Menschen zu einem gigantischen Artensterben geführt haben, in eine polizeiliche Ermittlung bzw. Gerichtsverhandlung transformiert – wobei die handelnden Figuren jeweils mit den gängigen Klischees humorvoll spielen.

Zur Rolle der Illustrationen:
Zur künstlerischen Wertigkeit der Zeichnungen kann ich kein Urteil abgeben. Es ist alles bunt und ansprechend.
Entsprechend dem Aufbau des Buches dient ein Teil der Bebilderung zur Illustration der Rahmenhandlung, ein anderer Teil zur Wissensvermittlung. Da wiederum die Fakten ebenfalls meist in Geschichten eingebettet (also personifiziert sind), wird auch hier ein Teil der Darstellung für den Handlungsverlauf verbraucht.
Was ich damit sagen will: Der echte Mehrwert der Illustration im Sinne einer Veranschaulichung, Strukturierung oder Perspektiverweiterung ist zwar vorhanden, aber steht nicht im Vordergrund. Ein „Graphic Novel“ ist eben kein mit erklärenden Zeichnungen angereichertes Sachbuch.
Unfair wäre es allerdings auch die umgekehrte Formulierung: Es geht hier nicht um eine Story, in die auch ein wenig Information eingearbeitet wurde; die Wissensvermittlung ist ganz klar das Ziel dieses ganzen Projekts.

Die Botschaft?
HARARI kommt nicht mit dem Holzhammer – oder dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger. Trotzdem wird spürbar, dass hier ein Historiker darstellt und erklärt, der sich der Wissenschaft und der Aufklärung verpflichtet fühlt und den Menschen eine Verantwortung für den Erhalt des Planeten zuschreibt. Dabei schreckt er – erfreulicherweise – nicht davor zurück, auch die Dinge „nüchtern“ zu betrachten, die für viele Menschen emotional hoch aufgeladen sind (z.B. Religionen).

Und das Resümee?
– Das Buch wird nicht gebraucht, um das HARARI-Wissen besser (intensiver) an die Leser/innen zu bringen; dazu reichen die vorhandenen Sachbücher aus.
– Es kann neue Leserschichten erschließen, insbesondere natürlich durch den Anreiz, der für Jugendliche in der locker-flockigen und bebilderten Vermittlung liegt.
– Für Sachbuch-Fans, frühere Comic-Leser oder schlichtweg buchaffine Menschen stellt diese Publikation ein interessantes Experiment dar.

Mein Tipp: Einfach das Buch einem jungen Menschen in der näheren Umgebung schenken und es dann mal für ein paar Tage ausleihen! Das wäre eine klassische Win-Win-Situation.

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„Ich bin Greta“ – Ein Film von Nathan Grossmann (ARD-Mediathek)

Bewertung: 4.5 von 5.

Man muss kein bedingungsloser Greta-Fan oder gar selbst ein FfF-Aktivist sein, um das Anschauen dieses Dokumentarfilmes als eine lohnende Zeit-Investition zu erleben.
Als Motivation könnten eine ganze Reihe von Gründen dienen; z.B.:
– der Wunsch, das zeitgeschichtliche Phänomen dieser wohl größten Jugendbewegung aller Zeiten zu verstehen,
– das Interesse an der Person Greta, einem sensiblen, verletzlichen und gleichzeitig ungeheuer starken Mädchen,
– die psychologische Neugier, woher dieses Mädchen die schier endlose Energie, Kraft und Leidenschaft für ihre Mission zieht.

Zu sehen ist kein Klima-Film: Es gibt keine Fakten, keine Aufklärung und keine Propaganda. Es geht auch nicht um eine systematische Analyse der familiären und gesundheitlichen Bedingungen, die Greta geprägt haben. Die Strukturen der Fridays-Bewegung werden nicht analysiert, deren Widerhall in Öffentlichkeit und Medien nur kurz gestreift.

Der Film zeigt den Menschen Greta aus einer durch und durch persönlichen Perspektive – ausschließlich im O-Ton. Da gibt es keine erklärenden Begleitkommentare, niemand ordnet ein oder bewertet.
Dafür hat man durch diese Bilder die Chance, den Weg Gretas vom einsamen Sitzstreik vor dem Schwedischen Parlament bis in die Vollversammlung der UN hautnah zu verfolgen: nicht nur die bekannten öffentlichen Auftritte (die eher kurz dokumentiert werden), sondern in erster Linie das Geschehen vorher, nachher und drumherum. Die Bahnfahrten, die Atlantik-Überquerung im Sportboot, die Begrüßungen, ihre Reaktionen auf die Reaktionen der Politiker, den Streit mit dem Vater über ihren Perfektionsdrang und die Ernährung.

Diese Einblicke in das Erleben dieser „Berühmtheit“ ist extrem berührend. Wir sehen keinen geltungssüchtiger Jung-Promi, sondern einen jungen Menschen, der ganz offensichtlich und subjektiv unvermeidlich an der Ignoranz und Widersprüchlichkeit der Welt der Erwachsenen verzweifelt. Und mit genau dieser Verzweiflung sieht Greta sich in der Verantwortung, anstelle der eigentlich zuständigen Politiker und Wirtschaftsbosse für die Rettung der Lebensgrundlagen unseres Planeten einzutreten.

Es zerreißt einem fast das Herz, wenn man den Kontrast zwischen diesem noch sehr kindlichen Körper und der betonschweren Bürde wahrnimmt, die auf diesen schmalen Schultern lastet.
Er erscheint absolut glaubhaft, wenn Greta deutlich macht, dass sie lieber ein ganz normales unauffälliges Teenie-Leben führen würde – wenn nur die zuständigen Menschen endlich den Wissenschaftlern glauben und ihren Job machen würden.

Natürlich wird auch deutlich, dass Greta kein ganz „normales“ Mädchen ist. Sie spricht selbst kurz über ihre Asperger-Erkrankung (eine leichte Form des Autismus).
Man kann diese Krankheit als persönliche Tragik ansehen oder als Glück für die Menschheit: Ohne diese unerschütterliche, fast zwanghafte Konzentration auf dieses eine Thema, ohne diese schonungslose Konsequenz in der Verfolgung des als existenziell-bedeutsam erkannten Zieles, ohne diese Fähigkeit, (fast) alles andere als unbedeutend auszublenden (außer der Beziehung zu ihren Tieren) – ohne das alles hätte es wohl die Fridays-for-Future-Bewegung nicht gegeben.

Wer nach dem betrachten dieses Films noch davon schwafelt, dass diese Greta ja nur ein durchgedrehtes Kind, eine publicity-süchtige Influencerin oder eine ferngesteuerte Marionette grüner Systemverändern (z.B. ihrer Eltern) wäre, der hat sich als Gesprächspartner disqualifiziert.

Insofern ist dieser Film gerade dadurch so aufklärerisch, dass er kaum „neutrale“ Informationen anbietet. Er überlässt Reaktionen und Bewertungen ganz den Zuschauern.
Ich rate dazu, sich dieser Herausforderung zu stellen (abrufbar in der ARD-Mediathek).


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„Eines Menschen Flügel“ von Andreas ESCHBACH

Bewertung: 3 von 5.

Ja, der Name ESCHBACH zieht immer noch bei mir; daher habe ich mich – mit leichtem Bedenken (wegen der Enttäuschung über Quest) – diesem jüngsten Mammutwerk von fast 1300 Seiten zugewandt (als Hörbuch, Dauer 44 Std.).
Ich habe letztlich durchgehalten und kann deshalb hier über das ganze Buch schreiben.

Wir haben es mit einer Mischung zwischen einer Fantasy-Story und einem Science-Fiktion-Roman zu tun. Der Kern des Plots beruht darauf, dass eine technologisch weit entwickelte Gesellschaft von „Ahnen“ die Basis für die spezielle Welt geschaffen hat, die Schauplatz dieses monumentalen Romans ist. Dieser Planet beheimatet die (tatsächlich auf Riesen-Bäumen lebende) Flügel-Menschen, mit deren Alltagsleben und schicksalhaften Wendungen der Leser/Hörer eine nicht unbeträchtliche Zeit seines Lebens verbringen kann – wenn er sich denn auf dieses Buch einlässt.

Angeboten bekommt man eine komplette Alternativwelt, die in allen erdenklichen Feinheiten beschrieben und ausgeschmückt wird. Der Autor scheut tatsächlich keine Mühen, einen Kosmos zu entwerfen, in dem auf der einen Seite so ziemlich alles anders ist (Pflanzen, Tiere, Klima, Technologie) – wo es aber andererseits in sozialen und emotionalen Bereichen meist menschlich, allzu menschlich, zugeht.
Es geht also – kurz gesagt – um die bekannten Ur- und Standardthemen wie Liebe, Loyalität, Konkurrenz, Heldentum, Familientraditionen, usw.

Konkret werden ein knappes Dutzend von Hauptfiguren für eine Reihe von Jahren begleitet. Da sich diese Protagonisten in verschiedenen Bereichen dieses Planeten (fliegend) bewegen und dort in unterschiedliche Konstellationen und Herausforderungen verwickelt sind, entsteht nach und nach ein Netzwerk von Handlungssträngen, die Raum für etliche Nebengeschichten geben, aber immer wieder mal zusammenfinden.

Es gibt also jede Menge Figuren und jede Menge Handlung; gibt es auch eine Botschaft?
Das Meta-Thema hat – welch Wunder – einen Zeitgeist-Bezug: Ist es sinnvoll, notwendig und möglich, den Drang der Menschen nach wissenschaftlicher und technologischer Weiterentwicklung zu begrenzen – um so die allzu bekannten Risiken zu vermeiden? Wäre eine (Selbst-)Beschränkung auf die menschlichen Grundbedürfnisse die Alternative zu einer immer hektischeren, militanteren und gierigeren Welt, in der irgendwann eben doch nur noch Macht und Geld zählen?
ERSCHBACH lässt diese Fragen eher im Hintergrund mitlaufen; ein pädagogischer Zeigefinger ist selten zu spüren.

Die Stärke dieses Buch liegt klar auf der Hand: Es steckt eine schier unfassbare Fleißarbeit in den Details! Das fängt an mit dem Erfinden von (gefühlt) Hunderten Namen an (für Menschen, Tiere, Pflanzen, Medizin, usw.), betrifft insbesondere die Ausgestaltung der baumlastigen Flug- und Flügelwelt und reicht in die geschichtlichen Zusammenhänge auf den verschiedenen Zeitebenen.
Geschaffen und ausgesponnen wird ein kleines Universum mit Mythen, Regeln, Gewohnheiten und Alltag. Viele Begrifflichkeiten werden liebevoll „übersetzt“, viele Details werden fantasievoll erfunden.
Vor dem Hintergrund der Fremdartigkeit zeichnen sich die menschlichen Grundthemen (s.o.) um so deutlicher ab.

Die Frage, die sich stellt: Wer braucht 1300 Buchseiten über eine Alternativwelt, um sich letztlich mit Fragen zu befassen, die auch unser Leben und unseren Planeten betreffen?
Nun – das Buch ist für (wohl eher jüngere) Menschen geschrieben, die gerne eintauchen in fremde Welten und fremde Lebensläufe. So ein Buch – zu schreiben und zu lesen – ist nur zu rechtfertigen, wenn es nicht vom Output her betrachtet wird, sondern das Einlassen selbst als „selbstgenügsames Schwelgen“ zelebriert werden soll. So ein Buch braucht eigentlich kein Ende – denn jedes Ende nimmt dann letztlich doch den Zauber weg und führt zurück in den schnöden Alltag.

Ich staune immer wieder, dass zwar viele Ideen in solche Fantasy-Science-Fiktion-Stories einfließen, dass aber so wenig davon bei den gesellschaftlichen, sozialen und psychologischen Ebenen ankommt. Irgendwann geht es dann doch um geheime Bruderschaften und um machtgeile Herrscher, die mit futuristischen Waffen das Universum unterjochen. Liegt es wirklich an den biologischen Grundstrukturen des Menschen, dass sich diese Klischees nicht überwinden lassen oder fehlt es dann an bestimmten Stellen doch an der Fähigkeit zum „ganz anders Denken“?

Letztlich hat mich ESCHBACH mit diesem Roman dann doch nicht gepackt bzw. überzeugt; ich brauche eine solche Fantasy-Dröhnung einfach nicht. Vielleicht warte ich einfach mal ab, ob er sich nochmal einem anderen Genre zuwendet.

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„Der große Schneidewind / Rock- und Popgeschichten“ von Günter SCHNEIDEWIND

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein paar Jahrzehnte eigene Rock-Biografie sollte man schon auf dem Buckel haben, wenn man sich einem Buch voller Rückblicke auf über 50 Jahre Musikgeschichte zuwendet. Ansonsten ist es von vorneherein verlorene Zeit.

Der Radio-Moderator und Musikjournalist SCHNEIDEWIND beschreibt in diesem Buch Begegnungen mit insgesamt 25 bekannten, teilweise auch weltberühmten Musikern bzw. Bands, die er im Auftrag des SDR/SWR im Laufe von ca. 20 Jahren interviewte. In diese illustre Reihe gehören auch solche Ikonen wie Paul McCartney, David Bowie, Carlos Santana, die Rolling Stones, u.v.a.

Dargeboten werden jeweils nicht die Interview-Texte, sondern ein Stimmungsbild der Gesamtsituation. Es geht oft auch um die Anbahnung des Kontakts, die Bedingungen vor Ort, das Auftreten der Musiker und ihres Gefolges – aber auch um die eigene Befindlichkeit des Autors und die emotionale Atmosphäre des Gespräches.
Eingebettet sind diese Schilderungen in Informationen über die jeweiligen Künstler, ihre musikalische – z.T. auch persönliche – Entwicklung und ihren kommerziellen Erfolg.

Geprägt – und eingeschränkt – wird dieser breitgefächerte Einblick in die Musikpromi-Welt durch einen vorgegebenen zeitlichen Rahmen: SCHNEIDEWIND ist in der DDR geboren und erst nach der Wende (1990) in seinem neuen Tätigkeitsfeld gelandet. Das führt dazu, dass er mit den Stars, die überwiegend in den 60igern und 70igern gestartet sind, überwiegend im Vergangenheits-Modus unterwegs ist. Oder anders gesagt: Seine Motivation ist aus der Vergangenheit gespeist; die Musiker sind aber zum größten Teil daran interessiert, ihre gerade aktuellen Aktivitäten zu thematisieren und zu vermarkten. Zwar gelingt es dem Autor, dem Leser seine bis in die Jugendzeit zurückreichende Begeisterung gegenüber seinen Gesprächspartnern zu vermitteln, aber oft scheint die Tatsache der „leibhaftigen Begegnung“ bedeutsamer zu sein als der tatsächliche Inhalt der Gespräche.

Die einzelnen Kapitel haben einen recht unterschiedlichen Charakter. Offensichtlich waren nicht alle Begegnungen gleichermaßen ergiebig bzw. bedeutsam aus Sicht des Autors. Gelegentlich steigern sich die Gespräche in biografische Feinheiten hinein, die für den normalen Musikliebhaber nur von bedingtem Interesse sind.

Was bedeutet das unter Strich?
SCHNEIDEWIND schafft es auf der einen Seite, eine ordentliche Portion Nostalgie aufzutischen – Erinnerungen an die Zeit, in der die berühmten Rock- und Popgrößen noch unerreichbare Idole waren. Seine musikalische Expertise ist ohne Zweifel anregend. Auch ist es durchaus informativ, die Entwicklung der Musiker(karrieren) im Rückblick zu betrachten.
Trotzdem leidet das Buch unter der Tatsache, dass praktisch alle Gespräche ein bis drei Jahrzehnte „zu spät“ geführt wurden – eben nicht in der Zeit, in der auch die Musik entstanden ist, um die die ganz Zeit es geht. Es handelt sich in gewisser Weise um eine doppelte Rückschau: Der Autor blickt auf Begegnungen zurück, in denen Musiker auf ihre „große Zeit“ zurückschauen.
Das macht die Sache stellenweise doch etwas mühsam…

Letztlich ist es ein Buch für eingefleischte Fans, die dann vielleicht aus jeder Zwischenbemerkung etwas ziehen können und für jeden persönlichen Einblick in die Welt ihrer Lieblingsmusiker dankbar sind.
(Ich gebe 3,5 von 5 Sternen)

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