Wie war das nochmal mit den Masken…..???

Ja, ich weiß!
Jeder darf auch mal Fehler machen, man muss nicht auf alles gleich mit einem shitstorm reagieren, wir sollten nicht alles skandalieren.

Aber – es gibt auch öffentliche Auftritte, die sind so peinlich, unerklärlich und gefährlich, dass eine Empörungsreaktion nicht nur verständlich, sondern sogar notwendig erscheint.

Es geht noch mal um den Ärztekammerpräsident Reinhardt, der bei Lanz seine weitgehenden Zweifel an dem Sinn und der Wirksamkeit von Masken nicht nur einmal, sondern – auf wiederholtes Nachfragen – in zunehmend verschwurbelter Form mehrfach geäußert hat. Dabei hat er später zwar z.T. seiner ersten Aussage widersprochen, letztlich aber immer weitere Argumente („Vermummungs-Gebot“) angeführt, die alle aktuellen Bemühungen zur Eindämmung von Corona konterkariert haben.

Das macht dieser oberste Ärzte-Vertreter zu einem Zeitpunkt, wo die „zweite Welle“ gerade in alle Statistiken schwappt und jede Menge Untersuchungen über die Wirksamkeit letztlich aller Masken vorliegen.

Gerade lese ich, dass Herr Reinhardt der Erstunterzeichner einer Erklärung mehrerer Fachgesellschaften ist, die sowohl den Nutzen von Masken als bewiesen ansieht als auch die dringende Empfehlung zu deren Gebrauch gibt.

Es ist ja okay, dass er sowas unterschreibt – aber wo lag der Zettel mit der Rücktrittserklärung?
Wer soll diesen Menschen denn bitte noch ernst nehmen, worauf soll seine Autorität noch beruhen?

In solchen Momenten wünsche ich mir so etwas wie einen traditionellen Begriff von „Ehre“. Fehler können passieren – aber ab einer bestimmten Größenordnung übernimmt man dann auch die Verantwortung. So hätte jemand, der von seiner Funktion her einer Elite angehört, sogar in dieser Situation noch ein gesellschaftliches Vorbild sein können.

Ist unsere Zukunft prechtig oder (th)elendig?

Gestern war es endlich so weit; mein Wunsch ging in Erfüllung: Bei Lanz trafen PRECHT und THELEN aufeinander – mit der Erwartung, dass sie ihre unterschiedlichen Visionen über unsere Zukunft in einem kontroversen Dialog austragen.
Grundlage dafür waren ihre beiden jüngsten Veröffentlichungen (s. PRECHT, THELEN).

Eine gefühlte Ewigkeit musste man warten, bis eine unsägliche und total überflüssige Diskussion über den Nutzen von Masken bei der Corona-Bekämpfung endlich vorbei war.
Was dann geboten wurde, war mir viel zu kurz und eher oberflächlich.

Natürlich konnte THELEN seine Technik-Fantasien („Hyperloop“) und seine Bewunderung für die großen Digital-Pioniere einbringen. PRECHT trat moderat und (etwas zu) defensiv auf. Er machte deutlich, dass es ihm weder um einen Feldzug gegen Amazon, Google & Co, noch um eine allgemeine Innovationsverweigerung geht. Er machte auf die Gefahren der enormen Machtkonzentration in den wenigen Mega-Konzernen aufmerksam, brachte Beispiele für „Big-Data“ und verdeutlichte, dass er insgesamt weniger Heil von einer rein technologischen Zukunftsbewältigung erwartet.
Einig war man sich dann, dass es dringend Investitionen in eine deutsche bzw. europäische Digital-Offensive geben sollte – und zwar in Bereichen, die noch nicht „uneinholbar“ besetzt sind. So war der Ausklang relativ harmonisch.

Was mir eindeutig gefehlt hat, war ein mutigeres Gegenmodell zum Steigerungs-Mindset von THELEN. Es reicht mir nicht, dass man auf den Zeitdruck und auf die zusätzliche Notwendigkeit von Einschränkungen und Verboten hinweist.
Wo blieb z.B. die Frage nach dem gesellschaftlichen und ökologischen Nutzen von all den Produkten, die THELEN und seine Szene „cool“ finden? Wer redet darüber, dass es zuerst um die Grundversorgung der demnächst ca. 10 Milliarden Menschen gehen muss? Welches wirklich existenzielle Menschheitsproblem wird z.B. dadurch gelöst, dass man viele Milliarden in ein futuristisches Verkehrsmittel (Vakuum-Röhre) steckt, dass dann (nachdem unglaubliche Ressourcen verbraucht wurden) eine kleine Elite von Menschen weitgehend CO2-neutral mit 1400 km/h von X nach Y bringt?
Warum weist PRECHT nicht stärker darauf hin, dass Ziele und Prioritäten für unsere Zukunft doch möglichst durch geplante gesellschaftliche Entscheidungen zustande kommen sollten – und eben nicht durch Marktmechanismen bzw. durch das, was gerade technisch möglich erscheint.

Ganz offensichtlich kann PRECHT immer dann punkten, wenn er konkrete Vorschläge macht – z.B. bzgl. einer Sondersteuer auf den Online-Handel. Dann wird deutlich, dass THELEN zwar „im Prinzip“ ähnliche Werte und Prinzipien vertritt („es wäre schön, wenn die Städte nicht veröden würden“), aber eben keinen Gedanken darauf verschwendet, wie man die (unerwünschten) Folgen der Digitalisierung bändigen könnte. Dafür bleibt keine Zeit, denn da wartet ja das nächste coole Produkt und alle wollen es schnell haben…

Man hätte gerne mitdiskutiert…

Den relevanten Ausschnitt der Sendung gibt es hier.

(Das Wortspiel in meiner Überschrift finde ich übrigens „cool“)


„Quantenträume“ von Hao JINGFANG u.a.

Bewertung: 5 von 5.

Vom HEYNE-Verlag wird ein Sammelband mit 15 chinesischen Science-Fiction-Kurzgeschichten vorgelegt. Den Erzählungen wird jeweils ein kurzes Autoren-Profil vorangestellt. Eingerahmt wird das Ganze durch ein Vorwort des weltbekannten Autors Cixin LIU („Die drei Sonnen“) und einer kurzen, aber informativen Nachbetrachtung.

Zentrales Thema der Stories ist die Künstliche Intelligenz (im Folgenden – wie allgemein üblich – mit „KI“ abgekürzt). Die Mehrzahl der ausgesuchten Texte befasst sich in irgendeiner Form mit den Irrungen und Wirrungen, die sich zwischen Menschen und ihren intelligenten Robotern ergeben.
Aufgrund der breiten Streuung der Autoren ergeben sich Einblicke in sehr unterschiedliche Erzählstile, in denen mal eher das Technische, meist aber das Menschliche im Vordergrund steht. Die Geschichten sind in den letzten 20 Jahren entstanden und stammen aus der Feder (besser: aus der Tastatur) von mehr oder weniger etablierten Autoren zweier Generationen. Allen gemeinsam ist, dass sie für nationale Literaturpreise schon mindestens nominiert waren; einige haben es auch schon zu internationaler Beachtung gebracht.

Mit der diffusen Erwartung eines ahnungslosen Neugierigen war ich darauf gespannt, ob und wie fremd mir wohl der chinesische Blick auf die KI erscheinen würde. Möglicherweise könnte sich ja ganz schnell eine „typische“, irgendwie „gleichgeschaltete“ – vermutlich aber auf jeden Fall total optimistische Haltung herauskristallisieren. Schließlich ist es das erklärte Ziel der Chinesischen Führung, innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte zur führenden KI-Weltmacht zu werden.

Erlebt habe ich dann eine echte Überraschung.
Die Geschichten sind erfrischend vielfältig, einige sind technisch-verspielt, andere ernsthaft-doppeldeutig, wiederum andere total witzig. Sie zeigen Perspektiven, die eher eine entspannte, manchmal auch kritische Distanz zur KI-Welt bezeugen als irgendeine Form der naiven Verherrlichung.
Um es anders zu sagen: Die Erzählungen sind ziemlich „normal“. Die meisten der geschilderten Figuren könnten – mit anderen Namen ausgestattet – auch in westlichen Ländern agieren. Die Frage, ob und unter welchen Umständen sich die KI-Roboter gegen ihre „Herren“ wenden könnten, ist genauso wenig kulturgebunden wie die ethische Frage, ab welchem Punkt eines „Ich-Bewusstseins“ denn den Kunstwesen eigene Persönlichkeitsrechte zustehen müssten.

Es macht echtes Vergnügen, diese 15 Geschichten zu lesen. Man erhält ein unterhaltsames Potpourri von Ideen, Konstellationen und Stilen. Langeweile oder gar Überdruss ist ausgeschlossen. Und themenspezifische Denkanstöße bekommt man auch – auf eine lebendige und anregende Weise.
Man muss kein Nerd sein, um die Geschichten zu genießen; vermutlich kann man aber mit einem erweiterten Hintergrundwissen die ein oder andere Anspielung noch besser verstehen.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr gelungenes Projekt, mit dessen Hilfe es auf bequeme Art möglich wird, in eine sonst nicht so leicht zugängliche literarische Welt einzutauchen. Und schön aufgemacht ist das Buch auch noch.
Empfehlenswert!

„Vakuum“ von Phillip P. PETERSON

Bewertung: 3 von 5.

Von Haus aus ist PETERSON Ingenieur im Bereich Raumfahrt, inzwischen ein erfolgreicher Science-Fiction-Autor. Das ist sicher keine schlechte Kombi.

Es geht in dem Buch um nicht weniger als den kompletten Weltuntergang. Schuld ist ein kosmisches Phänomen, das mit der Ausbreitung eines Vakuums zu tun hat.
Weitere Angaben zur Basis-Handlung verbieten sich aus meiner Sicht, denn sie wären eine Vorwegnahme von Ereignissen, die Teil des Spannungsbogens sind.
Nur so viel: Es gibt noch eine zweite Erzähl- und Zeitebene. Und irgendwo und irgendwie sollte es doch eine Verbindung geben…

Es werden einige Protagonisten eingeführt, die dem Plot den notwendigen persönlichen Touch geben. Natürlich laden einige dieser Figuren den Leser zur Identifikation ein. Ihr Schicksal ist mit dem Erkennen der Gefahr bzw. mit den Anstrengungen verbunden, einen Ausweg aus der tödlichen Bedrohung zu finden.
Es geht dabei u.a. um engagierte Wissenschaftler/innen, promiskuitive Raumfahrer, sterbende Mütter, mehr oder weniger verantwortliche Politiker und eine Ehe, die eigentlich gescheitert ist, aber…
Kurz gesagt: Es geht – welch Überraschung – auch angesichts des totalen Lockdowns menschlich, allzu menschlich zu.

Auch um Technik geht es – wie auch sonst. Um sehr besondere Technik, deren Plausibilitäts-Niveau sicherlich zu größeren Kontroversen zwischen den Freunden des Genres führen könnten.
Wie so oft: Man muss ich halt einlassen – oder es sein lassen!
(Obwohl: Das mit dem handwerklichen Schweißen der Stahlplatten – das ist schon grenzwertig; ebenso die Antriebstechnologie).

Doch auch den psychologischen und sozialen Prozessen wird einige Aufmerksamkeit gewidmet: PETERSON versucht sich auszumalen, wie die Menschheit auf die Bedrohung reagiert – und wie viel Einfluss darauf man vielleicht durch geeignete Öffentlichkeitsarbeit bzw. Zwangsmaßnahmen nehmen kann.

Mir persönlich hat der Auftakt am besten gefallen, also der Weg bis zum vollständigen Erkennen der dramatischen Ausgangslage. Da fühlt man sich gut mitgenommen: Es entstehen die Handlungsstränge und man freundet sich langsam mit den agierenden Personen an.
Bei der Figur des geläuterten Playboy-Astronauten gibt es dann den Versuch, eine differenzierte, mehrschichtige Figur zu gestalten. Na ja…

Zu Gute halten muss man dem Roman schon, dass die zweite Dimension (wo und wann sie immer spielt) die Sache zusätzlich komplex und reizvoll macht. Da stecken ein paar schöne Ideen drin. Nett konstruiert!

Insgesamt ist das alles gute, solide Kost, aber sicher kein literarischer Leckerbissen. Vieles ist auch ein wenig zu erwartungsgemäß. Besondere Herausforderungen stellen sich weder inhaltlich oder erzähltechnisch, noch sprachlich – am ehesten noch hinsichtlich der Plausibilität (aber darüber sprachen wir ja schon).
Kalkulierbare Unterhaltung – es gibt sicherlich anspruchsvollere Science-Fiction.

„Die unbequeme Wahrheit“ von Garbor STEINGART

Bewertung: 3 von 5.

Der Journalist und Sachbuch-Autor hält in einem handlichen Büchlein eine flammende „Rede zur Lage der Nation“. Er adressiert diese Rede direkt an uns, nennt uns immer wieder „Lieber Freund, liebe Freundin“.
Ohne Zweifel: STEINGART will uns wachrütteln, mit aller journalistischen Macht. Seine stärkste Waffe: Wortgewaltigkeit!

Die Botschaft ist rasch genannt:
Wir sollen die Zeichen der Zeit erkennen und uns auf den Weg machen. Uns nicht einlullen lassen von einer Politiker-Kaste, die uns mit geliehenem (oder frisch gedruckten) Geld vorspiele, dass das Wohlstands-Theater(nach einer kurzen Corona-Verschnaufpause) in die nächste Spielzeit gehen könne. Denn die Grundlage unserer wirtschaftlichen Prosperität stehe auf dünnem Eis, beruhe auf veralteten Technologien, trägen Entscheidungswegen und überholten Geschäftsmodellen. Zu viel Tradition, zu wenig Innovation. Auch diejenigen, die sich aktuell noch weit vom neuen Prekariat entfernt fühlten, seien durch die KI-Revolution massiv in ihrer Bedeutung und ihrem Geldwert bedroht.
STEINGART will den den Schleier lüften, uns hart konfrontieren: Unsere Umverteilungs-Gesellschaft sei schon mittelfristig nicht mehr auf traditionellem Wege finanzierbar, die Sozialausgaben der Zukunft müssten auf dem Kapitalmarkt generiert werden. Nur eine Bildungsoffensive und ein neuer unternehmerischer Pioniergeist könnten uns einen Platz auf dem Weltmarkt sichern; dabei müssten Digitalisierung, Globalisierung und Ökologie miteinander vereinigt werden. Eine europäische Orientierung sei alternativlos, allerdings könne diese durchaus in dezentralen und regionalen Netzen organisiert werden.
Bedeutsam ist für den Autor auch, dass sich der Einzelne, der Bürger, nicht von einem omnipotenten Staat entmachten ließe – bei den Corona-Eingriffen seien solche Tendenzen durchaus sichtbar.

Rund um diese Thesen gibt es jede Menge Wortgeklingel. Der Autor mag es gerne drastisch und plakativ. Er hört sich offenbar gerne beim Formulieren zu. Dabei produziert er durchaus eine anschauliche Bildsprache – wenn er z.B. die Wirtschaftswelt in einen aktiven heißen Kern und eine erkaltete Krustenzone einteilt.
Würde man ihn auf seine Megaphon-Stil ansprechen, würde er vermutlich darauf verweisen, dass die Dringlichkeit der Lage eine entsprechend expressive Wortwahl erfordere. Man könne die Schlafenden oder Komatösen schließlich nicht mit einem leisen Säuseln wecken.
Im Grunde hält STEINGART mal wieder so etwas wie eine „Ruck-Rede“, diesmal eben mit dröhnender Soundanlage.

Als politisch halbwegs aufgeklärter Leser denkt man: Ja, er hat mit Vielem sicher Recht.
Vieles an unserem politischen und wirtschaftlichen System ist verkrustet, lebt von einer Substanz, die schneller aufgebraucht sein wird, als es den meisten Deutschen bewusst ist.
Auch die Warnung vor den Folgen der neuen technologischen Revolution ist sicher in vollem Umfang berechtigt.
Aber nicht alles ist gleichermaßen einleuchtend – und auch einige Widersprüche tun sich auf.

Mir scheint es beispielsweise nicht ganz nachvollziehbar, dass der Autor zwar die ökologische Wende für zwingend notwendig hält, tatsächliche Eingriffe aber weder von vorwitzigen Klima-Aktivisten noch von einem gängelnden Staat erdulden möchte.
Überhaupt: Mäßigung, Einschränkung, Verlangsamung – all das ist nicht die Welt von STEINGART. Für ihn liegt der gesellschaftliche Fortschritt zweifelsfrei in einer ungefesselten technologischen und wirtschaftlichen Entfaltung. Nicht weniger, sondern mehr Tempo ist die Lösung. Nicht Abwägen oder Innehalten, sondern Vollgas in einen neuen Wettlauf der Innovationen. Die Erfolgsformel heißt also: Unternehmergeist, globaler Wettbewerb und (digitale) Technologie. Umweltpolitik ist dann wohl etwas für Ingenieure; das regelt sich schon.
Interessant ist auch, dass STEINGART keineswegs in Erwägung zieht, für die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme auf explosionsartig sprudelnde Gewinne der monopolistischen Digitalkonzerne oder auf den überbordenden Finanzmarkt zuzugreifen. Nein: Der Staat soll ganz brav und fügsam selbst zum Kapitalanleger werden. Mitspielen und Mitgewinnen – da stellt sich natürlich die Systemfrage nicht.

In diesem Buch werden tatsächlich unbequeme Wahrheiten an- und ausgesprochen. Auf Fakten basierende Denkanstöße bringen einige vermeintliche Gewissheiten ins Wanken. Man kann sicher Vergnügen an der sprachlichen Leidenschaft empfinden – auch wenn die Selbstverliebtheit des Autors immer mal wieder um die Ecke lugt. So weit, so gut.
Man sollte nur wissen: Es wird systemimmanent gedacht und argumentiert, in diesem Buch. Kein Zweifel kommt auf an den Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen, auf Konkurrenz und Wachstum ausgerichteten Weltwirtschaft. Hier wird keine echte Transformation in eine Nachhaltigkeits-Wirtschaft gefordert.

Die Freunde, die STEINGART in seinem Text immer wieder anspricht – sie demonstrieren wohl nicht bei Fridays For Future und sitzen nicht in den Parteigremien der GRÜNEN. Dieser Freundeskreis findet sich eher in der FDP, bei den Vertretern der mittelständischen Wirtschaft, bei den Besserverdienenden und bei den Selbstständigen.
In diesen Kreisen auf die Gefahren einer Verkrustung in bestehenden Strukturen hinzuweisen, stellt durchaus ein Verdienst dieser engagierten Rede dar. Sie ist eine beachtenswerte Mahnung und Warnung – wenn auch nicht mit besonderem Neuigkeitswert.


„Bewusstheit“ von Christian BISCHOFF

Bewertung: 2 von 5.

Es gibt viele Wege zu persönlichem Wachstum; nicht jede dieser Möglichkeiten ist für jeden Suchenden geeignet. Man kann sich an persönlichen Vorbildern orientieren, mit guten Freunden lange Gespräche führen, sich durch Romanfiguren oder autobiografische Erzählungen inspirieren lassen, sich einer religiösen oder esoterischen Lehre oder Bewegung anschließen, still vor sich hin meditieren oder sich einem professionellen Berater bzw. Psychotherapeuten anvertrauen, usw.

Wer sich für das Buch von BISCHOFF entscheidet, bekommt einen klar definierten Weg aufgezeigt. Alles ist eindeutig: es gibt klare Ziele, Schritte, Regeln.
Ein von sich selbst und seiner Sache überzeugter Coach hat die Regie übernommen. Er weiß, was er tut, was man braucht, wie es geht. Und er tut wirklich alles, um seine Botschaft unmissverständlich an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Er tut es mit einer geradezu schonungslosen Intensität. Für Zwischentöne und Missverständnisse bleibt da kein Platz.
Alles ist vorbereitet, die Struktur steht. Für jeden Zwischenschritt gibt es genau zwei (oder drei oder vier) Kernsätze zu beachten. BISCHOFF hat vorgedacht, vorgelebt, vorbereitet.
Da, wo das Lesen nicht reicht, werden Übungen (Anleitungen) zum (kostenlosen) Download angeboten.
Also: anschnallen und starten!

Worauf lässt man sich nun ein, wenn man dem Autor folgt?
Es geht im Großen und Ganzen um „Positives Denken“, um Selbst-Suggestion, um die Beeinflussung von inneren Bildern, Zuschreibungen und Bewertungen. Es geht um die unbegrenzte, geradezu magische Macht, die von Selbstüberzeugungen ausgehen können, in denen man seine persönlichen Wunschvorstellungen klar definiert und zum unerschütterlichen Fixpunkt für alle weiteren Lebensentscheidungen macht.

Der Startpunkt ist die Bewusstwerden der eigenen Ziele: Wer will ich sein und wie will ich sein.
BISCHOFF geht davon aus, dass die eigenen Ideale und Sehnsüchte oft vergraben sind unter einem ganzen Berg von Vorgaben und Aufträgen, die Eltern, Lehrer oder die Gesellschaft einem auferlegen. Befreit man sich davon und wird sich seines „wahren“ Selbst bewusst, kann es eigentlich keine echten Hindernisse bei der Zielerreichung mehr geben. Die – zunächst als Gedanken – klar formulierten Ziele, wirken automatisch sowohl nach innen als auch nach außen: Das neue Denken führt auch zu einem anderen Fühlen, zu einem anderen Verhalten, zu einer anderen sozialen Ausstrahlung – und so zu positiven Rückkopplungseffekten.
Das alles geht zwar schrittweise und ist nicht frei von Rückschlägen – aber wenn der Glaube an sich selbst nur stark genug ist, ist der Erfolg langfristig nicht aufzuhalten.

Warum ist der Autor so sicher, dass sein Erfolgsrezept funktioniert: Er hat es selbst erlebt!
Das macht BISCHOFF gerne immer mal wieder an seiner persönlichen Biografie deutlich.
Aber natürlich kommt noch etwas hinzu: Der Autor hat die Erfahrungen gemacht, dass viele Menschen sich in seinen Seminaren und Workshops inspiriert und motiviert gefühlt haben, existentiell wichtige Entscheidungen zu treffen, neue Wege zu gehen, selbstbewusster und zufriedener zu werden.
Das alles kann man dem Autor ohne Misstrauen abnehmen; er ist ohne Zweifel ein „Überzeugungstäter“.

Wenn es im Folgenden um die Bewertung des Konzeptes (und damit des Buches) geht, wäre es wohl in diesem besonderen Fall fair, die persönlichen Voraussetzungen des Rezensenten zu nennen: Er ist nämlich im Bereich von Persönlichkeitsbildung und -veränderung kein interessierter Laie (sondern Diplom-Psychologe und Psychotherapeut). Damit soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass im Folgenden wissenschaftliche Wahrheiten verkündet werden. Aber vielleicht wird meine Perspektive etwas verständlicher.

Es gibt wohl keinen Selbstenfaltungs-Ratgeber, in dem nicht richtige und sinnvolle Dinge stehen. Das gilt selbstverständlich auch für das vorliegende Buch.
Natürlich ist es sinnvoll, sich über seine Ziele klar zu werden, sich von negativen Zuschreibungen oder selbstabwertenden Denkmustern zu befreien. Es macht Sinn, sich zu negativen Kognitionen (Gedanken, Bewertungen) positive Alternativen zu überlegen und diese einzuüben. Es ist absolut plausibel, sich realistische Zwischenziele zu setzen, auf Fortschritte stolz zu sein und Rückschritte als „Chance zum Lernen“ positiv umzudeuten. Achtsamkeit und meditative Versenkung können eine wichtige Rolle für das innere Gleichgewicht spielen. Wenn ich mehr über Lösungen und Ziele nachdenke als über biografische Hypotheken und Einschränkungen, wird sich das in meinem emotionalen System auswirken und auch meine Wirkung auf andere verändern.
Was ist also verkehrt?

Es geht nicht um „richtig“ oder „falsch“. Es gibt sicher eine Anzahl von Menschen, die genau von diesem Buch angesprochen werden und davon auch profitieren können.

Einige Dinge stören mich aber doch sehr stark:
– Schon der Gegensatz zwischen dem inneren „wahren“ Selbst und der bösen, manipulierenden Außenwelt ist ein Popanz. Jede Form von Persönlichkeit, jedes Selbst entwickelt sich vom ersten Tag im Kontakt und im Austausch mit der sozialen Umwelt. Dabei gibt es sicher Dissonanzen und Widersprüche – aber auch diese sind auf frühere soziale Erfahrungen zurückzuführen (und stellen keinen systematischen Angriff auf einen „autonomen“ Wesenskern dar).
– Die Klarheit und Eindeutigkeit der Aussagen gehen immer wieder in eine marktschreierische Absolutheit über; geboten werden nicht Erkenntnisse und Anregungen, sondern formelhafte Glaubenssätze eines „Gurus“, der den richtigen Weg zweifelsfrei kennt.
– Der ideologische Überbau ist am Prinzip der grenzenlosen Machbarkeit ausgerichtet: anything goes! Alles ist erreichbar – wenn man es nur daran glaubt und es richtig anpackt!
In dem hier propagierten Menschenbild ist kaum Platz für dauerhafte Begrenzungen, Einschränkungen, Selbstgenügsamkeit, Scheitern, Leid, o.ä. Wenn mal etwas schiefgeht, ist das nur eine momentane Krise; und daran liegt immer(!) die Chance für ein noch besseres Ergebnis.
– Es herrscht in diesem Buch eine Art Erfolgs-Gebot. Man fragt sich zwischendurch: Wer sollte eigentlich jemals in einem Konkurrenzkampf verlieren, wenn alle die Rezepte der Bewusstheit zur Selbstoptimierung anwenden? Gehören nicht zu jedem Sieger auch Verlierer? Ist es nicht schlichtweg eine Scheinwelt, in der jede/r zu seinem Ziel kommen kann?
Diese Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

Insgesamt glaube ich, dass hier ein engagierter Mensch seine eigenen Lebenserfahrungen verabsolutiert. Möglicherweise ist er einfach nicht in der Lage, sich vorzustellen, wie prinzipiell anders sich das Leben für Menschen anfühlt, die insgesamt weniger (kognitive, emotionale oder körperliche) Ressourcen mit auf den Weg bekommen haben oder noch größere Belastungen auferlegt bekommen haben als der Autor.
Es bleibt zu hoffen, dass das Buch genau (und nur) von den Personen gelesen wird, die diese konkrete Anleitung zur Entfaltung ihrer Potentiale produktiv nutzen können.
Bei manch anderem könnte als Ergebnis zusätzlich Frust und Entmutigung entstehen: Es muss dann ja wohl doch die eigene „Schuld“ sein, wenn ein so erfolgversprechendes Konzept nicht funktioniert hat („ich habe wohl nicht genug an mich geglaubt“).

Es geht nicht alles für jede/n! Sorry!
Die menschliche Psyche und die Welt sind dann doch ein wenig komplexer als die plumpen Erfolgsformeln es suggerieren.
Von allem etwas weniger wäre mehr gewesen.

„Leckerland ist abgebrannt“ von Manfred KRIENER

Bewertung: 4 von 5.

Ein Buch über Ernährung. Das liegt ohne Zweifel im Trend.
Besonders gefragt sind im Moment Informationen über gesundheitlich und ökologische Aspekte unserer Nahrungsmittel. Die eine Zeitlang inflationären Ratgeber über irgendwelche ultimativen Wunder-Diäten sind (hoffentlich) ein wenig außer Mode gekommen.

KRIENER legt einen Text vor, der eine Art Meta-Perspektive einnimmt: Hier geht es weder um Gesundheits-Tipps noch um Rezept-Anregungen, auch nicht um direkte Vergleiche von CO2-Fußabdrücken. Aus einer journalistischen Distanz heraus hat der Autor die wesentlichen Trends unserer Ernährungskultur beobachtet und analysiert. Er spricht über moderne Esskultur (Fastfood & Co), befasst sich mit der Ausbreitung vegetarischer und veganer Ernährung, schaut sich gründlich den Hotspot „Fleisch“ (und seine Alternative) an, um dann auch den Fisch, den Zucker und den Superfood-Hype kritisch unter die Lupe zu nehmen. Auch die Bio-Branche bekommt ihr Fett weg (Achtung: Wortspiel).

Der Autor liefert seriös recherchierte und gut aufbereitete Aufklärung, mit einer Menge Hintergrundinformation. Es gibt jede Menge Fakten und Daten, aber diese werden durch sinnvolle und nachvollziehbare Einordnung und Bewertung für den Leser tatsächlich auch nutzbar.
Man bekommt dabei nicht den Eindruck, dass KRIENER einer bestimmten Ernährungs-Ideologie verschrieben ist; man fühlt sich weder gedrängt noch missioniert. Der Autor guckt gerne genauer hin, gerne auch hinter die Kulissen. Verpflichtet fühlt er sich dabei ganz eindeutig dem kritischen Verbraucher – und ganz sicherlich nicht der Nahrungsmittelindustrie, deren Tricks er immer wieder bloßlegt.
Zu dieser Selbstverpflichtung zur Aufklärung gehört dann logischerweise auch ein kritischer Blick auf den wachsenden Markt der Bio-Nahrungsmittel. Auch hier ist nicht alles Gold was glänzt.

Als ein kleiner „Fremdkörper“ erscheint vielleicht auf den ersten Blick das am Ende des Buches abgedruckte Gespräch mit einem Fachmann (und Aktivisten) für globale Ernährungsfragen. Hier wird eine noch grundsätzlichere Perspektive eingenommen, die notwendiger Weise auch politisch sein muss.
Aus meiner Sicht stellt das eine sinnvolle Ergänzung dar, die durch die Art der Vermittlung (Interview) auch klar von dem fach-journalistischen Teil abgegrenzt ist.

An diesem Buch ist nichts auszusetzen. Es informiert mit einigem Tiefgang über ein gesellschaftlich relevantes und aktuelles Thema. Es liest sich angenehm, ist gut strukturiert und lässt den Leser mit dem guten Gefühl zurück, nicht nur Einzelinformationen, sondern auch Zusammenhänge aufgenommen zu haben.
Das gesonderte Kapitel über sein persönliches Hobby-Thema „Wein“ hätte er sich allerdings gerne sparen können. Aber gut, es sei ihm gegönnt…

Corana Mitte Oktober 2020

Warum muss man sich auch nach dieser langen Zeit, in der soviel Wissen und Erfahrung gesammelt wurde, in den Medien immer noch mit bestimmten Experten befassen, die permanent die Situation verharmlosen?

Seit Wochen muss man sich fast täglich anhören, dass ja „nur“ die Infektionen steigen würden – und eben nicht die schweren Verläufe, die Intensiv-Behandlungen und die Todesfälle. Der Höhepunkt dieser Desinformation wart die Plasberg-Sendung am 05.10., in der warnende Lauterbach geradezu systematisch gemobbt wurde.

Jeder denkende und rechende Mensch konnte seit Wochen wissen, dass die anderen Zahlen mit einiger Verzögerung nachziehen würden. Im Ausland war das schon zu beobachten, Tag für Tag, Land für Land.
Und jetzt scheint es tatsächlich auch bei uns zu passieren – welche Überraschung!

Hat den das Virus überhaupt keinen Respekt vor Deutschlands Schönredner-Experten?

„Über Leben – Zukunftsfrage Artensterben“ von Dirk STEFFENS und Fritz HABEKUSS

Bewertung: 5 von 5.

Ein weiteres Nachhaltigkeits-Buch. Muss man auch das noch lesen?
Meine Antwort: Ja – definitiv!

Das Autoren-Duo widmet sich in diesem Buch zwar schwerpunktmäßig dem Artensterben (also der Biodiversität), legt aber letztlich eine Gesamtschau der ökologischen Krise(n) vor, die mittelfristig unser Leben auf diesem Planeten bedrohen.

Nach einem eher persönlich-emotionalen Einstieg zum Naturverhältnis malen die Autoren in weiteren sieben Kapiteln ein facetten- und faktenreiches Bild der Schäden, die durch menschliche Eingriffe in die ökologischen Kreisläufe bereits entstanden sind bzw. sehr konkret drohen. Während insbesondere der Klimawandel, aber auch die Belastung von Boden und Meeren (nicht nur durch Vermüllung) den meisten Menschen inzwischen sehr präsent sind, wird der Verlust der Artenvielfalt oft nur als ein Zusatzproblem diskutiert.

Die kaum zu überschätzende Leistung der Autoren ist es, eine erweiterte – und damit viel realistischere – Perspektive auf die Problematik des Artensterbens zu eröffnen. Sie machen unmittelbar nachvollziehbar, dass es nur am Rande darum geht, das Verschwinden einzelner Arten (seien es auch noch so viele oder besonders geschätzte) zu bedauern. Es geht um die Zusammenspiel der Ökosysteme insgesamt!
An vielen eindrücklichen Beispielen wird verdeutlicht, dass der Verlust einzelner Bausteine nicht nur eine hässliche Lücke entstehen lässt, sondern die Statik des gesamten planetaren Öko-Gebäudes angreifen und letztlich auch zerstören kann – wenn es ungünstig läuft bis zum Einsturz. Wobei dieser System-Crash nicht bedeuten würde, dass die Natur vernichtet wäre – wohl aber die längerfristigen Lebensbedingungen für uns Menschen.

Schon am menschengemachten Klimawandel kann längst kein denkender Homo
Sapiens mehr zweifeln. Für die Einflüsse unseres Lebens und Wirtschaftsstils auf den Verlust der Biodiversität legen die Autoren eine überwältigende Anzahl von Belegen vor. Dabei wird kein relevantes Thema ausgelassen: Massentierhaltung, industrielle Landwirtschaft, Überfischung, Vermüllung, Luft- und Wasserverschmutzung, Waldvernichtung, Ressourcenverschwendung, usw.

Das Buch bleibt nicht bei der Schilderung des Ist-Zustandes stehen. Thema wird auch, welche Wege aus der sich abzeichnenden Katastrophe hinausführen könnten. Übrig bleibt also keine resignative Ratlosigkeit, sondern der Apell, sowohl auf individueller als auch auf politischer Ebene aktiv zu werden.

STEFFES und HABEKUSS verwöhnen ihre Leser/innen mit einem sehr angenehmen und eingängigen Schreibstil und mit einem didaktischen Niveau, das wirklich keine Wünsche offen lässt. Ihnen gelingt es, die schwere und bedrohliche Thematik auf eine Weise zu vermitteln, die an keine Stelle als trocken oder anstrengend erlebt wird. Wer kein wissenschaftliches Fachbuch erwartet, wird mit dieser Publikation bestens bedient.
Wissenschafts-Journalismus der besten Art!

Der Kampf gegen das Artensterben ist kein Thema für romantische Natur-Nostalgiker – das wird man nach dem Lesen dieses Buches ganz bestimmt nicht mehr vergessen!

„Wie wir werden, wer wir sind“ – von Joachim BAUER

Bewertung: 3 von 5.

Diesem Titel konnte ich nicht widerstehen: Sind mir doch die Begriffe „Selbst“ (oder „Ich“ oder „Identität“) und „Resonanz“ seit einiger Zeit sehr nahe und vertraut.
Was würde wohl BAUER zu diesem spannenden Thema sagen?

In diesem Buch wird ein in sich stimmiges Modell dargestellt, das erklären soll, wie aus dem extrem unfertigen menschlichen Säugling ein erwachsener Mensch wird, der sich als Träger eines einzigartigen, konsistenten und reflexiven Selbst erlebt.
Grundlage für diesen ungeheuer komplexen Prozess – so ist der Autor fest überzeugt – sind permanente Resonanz-Vorgänge, die sich im Kontakt mit der sozialen Umwelt abspielen.
Die entscheidende Bedeutung dieser Interaktion mit den Bezugspersonen insbesondere für die frühe Kindheit zu demonstrieren, ist das zentrale Anliegen des Autors – auch wenn er spätere Phasen der Entwicklung des inneren Selbst-Systems (z.B. in Liebesbeziehungen) ebenfalls betrachtet.

Um der Vielschichtigkeit des Buches gerecht zu werden, möchte ich die verschiedenen Inhalts- und Darstellungsebenen hier einmal ganz bewusst trennen – was der Autor selbst offensichtlich nicht zu seinen Aufgaben zählt:

  1. Es werden biologische, hirnphysiologische und entwicklungspsychologische Erkenntnisse und Befunde angeführt, die die Notwendigkeit der – im wahrsten Sinne – hautengen Pflege und Begleitung des Kindes eindrücklich belegen. Es geht um Gehirnreifung, Bindung, Urvertrauen, Spiegelneurone, Selbstwirksamkeit, usw.
  2. Abgeleitet werden daraus konkrete Schlussfolgerungen für die frühe Versorgung und weitere Pädagogik in und außerhalb der familiären Nahumgebung. Es gilt, den emotionalen und sozialen Bedürfnissen des jungen Kindes möglichst weitgehend gerecht zu werden (was bestimmte Bedingungen – auch in der öffentlichen Früherziehung – voraussetzt).
  3. Nach und nach entfaltet sich auf dieser Grundlage wiederum ein komplettes Theoriegebäude, das – sicher nicht ganz zufällig – weitgehend dem psychoanalytischen Selbst-Modell entspricht. Hier spielen dann vertikale und horizontale Selbst-Transfers und Introjekte (von anderen übernommene Selbstanteile) eine Rolle.
  4. Der Autor nimmt immer wieder Stellung zu allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen und mahnt sehr eindringlich z.B. vor den Folgen einer zu starken Individualisierung und Technisierung.
  5. Im Laufe des Buches mehren sich die Hinweise auf die Bedeutung psychotherapeutischer Hilfestellungen – für den Fall, dass es Störungen in der hochkomplexen Selbstentwicklung geben sollte. Dass hier nur eine bestimmte Therapierichtung gemeint ist, versteht sich an dieser Stelle schon von selbst.

Wie ist nun das Ganze zu bewerten?
Das hängt sicher davon ab, von welcher Seite man kommt bzw. auf welcher (psychologischen/psychotherapeutischen) Seite man steht:
Grundsätzlich ist erstmal anzuerkennen, dass der Autor wirklich sehr plastisch darstellt, dass unser Selbst (also der Kern unserer Persönlichkeit) immer und notwendigerweise ein soziales Selbst ist. Da wächst nichts von innen heraus, was möglichst auch noch vor äußeren Einflüssen geschützt werden müsste. Wir sind von unserer Biologie und von unserem Wesen her zuallererst sozial – die Abgrenzung von dem Rest der Welt (oft ist es die Mutter) ist schon ein erster Meilenstein der Entwicklung.
Wenn man von wenigen – völlig unnötigen – Seitenhieben auf „böse“ Fachleute absieht (die angeblich schon die ganz kleinen Kinder dressieren wollen), lassen sich die pädagogischen Forderungen und Ratschläge des Autors gut nachvollziehen.
Richtig schwierig wird es allerdings, wenn BAUER so tut, als ob das ganze – so schön plausible – analytische Selbstmodell genauso eindeutig von experimentellen Befunden gestützt wird wie der Hunger des Säuglings nach sozialer Stimulation. Am Ende des Buches scheint der Autor völlig vergessen zu haben, dass es sich bei den Aspekten der Selbstsysteme um theoretische Konstrukte, um Metaphern handelt – und nicht um reale biologische bzw. physiologische Phänomene.

Daneben ist wohl die Vermischung der Ebenen der größte Kritikpunkt an diesem Buch. Es wird nicht ausreichend deutlich, wann BAUER als Gehirn-Wissenschaftler, als analytischer Theoretiker, als Pädagoge, als mahnender Bürger oder als Vertreter einer bestimmten psychotherapeutischen Methode auftritt.
Man darf ihm wohl unterstellen, dass er für ihn persönlich diese Aspekte untrennbar verbunden sind. Wenn es ihm darum ging, genau das deutlich zu machen, ist ihm das zweifellos gelungen. Aber damit nimmt er dem Buch – sicher ungewollt – auch ein wenig Überzeugungskraft weg.

Es ist – ohne Zweifel – ein anregendes Buch. Mit etwas weniger Pathos und Selbstgewissheit und etwas mehr kritisch-neutraler Distanz wäre es ein noch besseres daraus geworden.
Wer sich für die Bedürfnisse von Kindern in den ersten zwei Lebensjahren interessiert, findet hier eine sehr anschauliche Quelle.