„Skin In The Game – Das Risiko und sein Preis“ von Nassim Nicholas TALEB

Bewertung: 1.5 von 5.

Dieses Buch ist eine Zumutung. Es pauschaliert, provoziert und polarisiert über alle gewohnten Grenzen hinweg. Der einzige Grund dafür, ihm trotzdem überhaupt Bewertungs-Sterne zu geben, ist die Tatsache, das da auch einen Menge kluger Dinge drin stehen.

Was bringt einen Menschen, einen Autor, dazu, so ein Buch zu schreiben? Ohne Zweifel ist TALEB (ein Finanzmathematiker und Börsenstatistiker), ein hochintelligenter (vermutlich auch hochbegabter) Mensch. Er hat Erfolge als Trader, als Wissenschaftler und als Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher vorzuweisen; ihm ist inzwischen offenbar in seiner Scene eine große Fangemeinde zugetan.
Vor allem aber hat TALEB eine geradezu unbegrenzte Gewissheit, dass seine Erfahrungen und Erkenntnisse über jeden Zweifel erhaben sind. Und er wird von der Mission getrieben, die Welt an seiner Weisheit teilhaben zu lassen.

Worum geht es eigentlich:
TALEB wertet in diesem Buch seine jahrzehntelangen Erfahrungen in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft und der Wissenschaft aus und fasst sie unter einem Motto zusammen: „skin in the game“. Er ist überzeugt davon, dass man nur Menschen ernst nehmen sollte, nur Akteuren trauen sollte, nur auf Systeme setzen sollte, bei denen es einen klaren Zusammenhang zwischen Entscheidungen bzw. Handlungen und dem Eingehen eines eigenen Risikos gibt. Nur das Eingehen eines tatsächlichen (in der Regel finanziellen) Risikos stellt seiner Meinung nach sicher, dass jemand mit vollem Einsatz, voller Überzeugung und mit Verantwortungsbewusstsein tätig ist.
TALEB ist also auf der Seite der Macher, der Entscheider, der Unternehmer, die einen eigenen Einsatz machen, die zu scheitern bereit sind. Solche Leute – so TALEB – bringen die Welt, die Wirtschaft und das eigene Vermögen nach vorne.
Natürlich ist TALEB einer von diesen Helden!

Wenn TALEB etwas mag und richtig findet, dann gibt es auch gegenüber ein klares Feindbild. Und Feinde sammelt der Autor so leidenschaftliche wie altgediente Generäle ihre Orden.
Es bereitet TALEB ein offenbar nie endendes Vergnügen, alle „irrelevanten“ Berufsgruppen bzw. alle Anhänger von abweichenden Theorien bzw. Überzeugungen pauschal abzuwerten. Egal ob es „schwafelnde“ Sozialwissenschaftler oder Psychologen, „überflüssige“ Hirnforscher, „Bullshit produzierende“ Journalisten oder Rezensenten, von seiner Lehre unbeleckten Statistiker oder einfach nur „ahnungslose und überflüssige“ Angestellte in Verwaltung oder Firmen sind: Im Zweifelsfalle sind es es alle Idioten!

Dieser Kampf gegen die verhasste Welt der Mitläufer ohne unternehmerische Verantwortung geht so weit, dass es dem geneigten Leser immer mal wieder schwer fällt, vor lauter Geschützdonner und Pulverdampf noch der inhaltlichen Argumentation zu folgen.
Taleb deckt ohne Zweifel interessante Zusammenhänge und Widersprüche auf; manche davon sind vielleicht auch zu komplex für ein einmaliges lesen (oder hören). Letztlich bliebt aber den Eindruck, dass der Stil die Inhalte dominiert, geradezu erdrückt.
Die grenzenlose Selbstgewissheit des Autors als „ironischen-lockeren Schreibstil“ zu bewerten (wie einige professionelle Kritiker das tun), ist schon ein echtes Kunststück.

Wenn der Autor seine Scharz/Weiß-Schablone (oder auch „gut/böse“) auf Bereiche anwendet, in denen man als Leser selbst eine gewisse Expertise hat, dann erscheint das vermeintliche Genie auf einmal ziemlich nackt: So macht sich TALEB z.B. über die Zunft der Hirnforscher deshalb lustig, weil sie – angeblich – nur die Funktionsweise einzelner Nervenzellen immer genauer erforschen wollten. Da traut man seinen Augen (Ohren) kaum!

Ich kann dieses Buch wirklich nur denjenigen empfehlen, die schon wissen, auf wen sie sich da einlassen. Vermutlich gibt es die passende Zielgruppe, der dieser selbstverliebte Tausendsassa aus der Seele spricht, wo man sich angesichts der rausgehauenen Beleidigungen vor Lachen auf die Schenkel klopft.
Ich fühle mich auf der „anderen“ Seite wohler, in der Welt der Zwischentöne und des Abwägens.

Die Hörbuch-Bearbeitung des Sachbuchs ist außerordentlich gut gelungen. Der Vorleser (Steffen Groth) trifft den provokanten und selbstgefälligen Tenor des Buches so gut, dass man sich unschwer vorstellen könnte, den Autor selber zu hören. Respekt!

„Unzertrennlich“ von Irvin D. YALOM und Marilyn YALOM

Bewertung: 3.5 von 5.

Das Liebes- und Ehepaar YALOM verabschiedet sich. Von einander, von einem großen Freundes- und Bekanntenkreis, von der internationalen Fachwelt, von Millionen treuer Leser und Anhänger. Anlass für diesen Abschied ist eine tödliche Krankheit von Marilyn, deren Verlauf und Folgen zunächst von beiden, nach dem Tod dann von Irving alleine beschrieben und reflektiert werden.
(Ich benutze im Text die Vornamen, weil es zu der extrem persönlichen Grundfärbung des Buches passt).

Der Name Irvin YALOM ist nicht nur in psychotherapeutischen Fachkreisen international bekannt; er hat eine Reihe von Romanen geschrieben, in denen er einem breiten Publikum grundsätzliche Erkenntnisse und Anregungen zu einem erfüllten Leben vermittelt hat.
Marilyn hat als feministisch-orientierte Literaturwissenschaftlerin ebenfalls seit Jahrzehnten eine öffentliche Präsenz.

Das Paar setzt mit diesem Buch in erster Linie der Beziehung selbst ein Denkmal. Hier haben sich zwei kreative und intellektuelle Persönlichkeiten schon im Jugendalter kennen- und lieben gelernt und es geschafft, sich bis ins hohe Alter auf eine Art zu begleiten, zu fördern, zu inspirieren, die für viele Menschen – sowohl im Umfeld als auch in weiten fachlichen und literarischen Kreisen – zu einem Modell einer Idealbeziehung geworden ist.

Das Buch setzt sich aus zahlreichen Facetten zusammen. Es beinhaltet:
– eine Art medizinisches Tagebuch über den Verlauf der Erkrankung, die Wirkung und Folgen der Behandlungsmaßnahmen,
– einen Einblick in die Gestaltung des Zusammenlebens in den letzten gemeinsamen Monaten,
– die Schilderung der Begleitung und Anteilnahme durch die Angehörigen und ein geradezu riesiges soziales Netzwerk,
– Rückblicke auf die Beziehungsgeschichte und Stationen eines extrem erfüllten gemeinsamen Lebens,
– die Darstellung der inneren Ambivalenz Marilyns zwischen dem Kampf um das Weiterleben (zuletzt mehr für Irving als für sich selbst) und ihrer wachsenden Bereitschaft, dem leidvollen und aussichtslosen Krankheitsprozess ein selbstbestimmtes Ende zu setzen,
– eher allgemeine Reflexionen (schwerpunktmäßig von Irvin) über das Alter, die Angst vor dem Tod, die Furcht vor der Einsamkeit des Zurückbleibenden) wobei der Autor zunehmend auch auf eigene frühere Werke zurückgreift),
– den schrittweisen Abschied von Irvin von seiner Berufung als Psychotherapeut (als Teil eines deutlich spürbaren Altersabbaus),
– die Beschreibung (und Reflexion) des Alltagslebens von Iriving in den ersten Monaten als Witwer).
Alle diese Themen sind durchzogen von immer wieder neuen Bekundungen des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Bewunderung und der geradezu unendlichen gegenseitigen Liebe.

Was ließe sich Kritisches sagen zu einem Buch mit solch berührenden, existenziell-bedeutsamen Inhalten? Müsste man nicht einfach nur ergriffen und begeistert sein, weil man an den (Selbst-)Erkenntnissen von solch besonderen Menschen teilhaben darf?
Nun, außerhalb des echten Fan-Kreises (der sich ja stärker um Irvin gebildet hat) könnte man schon zu dem Eindruck kommen, dass es vielleicht doch von allem etwas zu viel ist. Einfach eine Schicht zu dick aufgetragen. So wird aus gelungener Liebe ein einzigartiges Monument, aus einer klugen, fürsorglichen und inspirierenden Frau fast eine Heilige, aus guten Sozialbeziehungen geradezu ein Meer von innigen Freundschaften.
Es gibt Stellen in diesem Buch, die so persönlich und detailliert sind (Medikamente, einzelne Freundschaftsbeziehungen), dass sie doch eher für ein persönliches Umfeld als für die breite Öffentlichkeit eignen.
Die Passagen, in denen Irvin beschreibt, wie hilfreich für ihn das Lesen seiner eigenen literarischen Werke ist, wirkt auch ein wenig selbstverliebt („wie klug ich doch schon früher war“).

Zusammengefasst: Wer YALOM schon lange für sich als Quelle von tiefen Erkenntnissen oder fachlichen Anregungen entdeckt hat oder Interesse an dieser so fruchtbaren Ausnahmebeziehung hat, wird dieses Buch mit großem Genuss und tief bewegt lesen.
Auch für diejenigen, die sich mit der partnerschaftlichen Gestaltung des Lebensendes auseinandersetzen, bietet das Buch bedeutsame Anregungen (wenn man sich nicht dadurch irritieren lässt, dass alle Rahmenbedingungen bei den YALOMs so unfassbar optimal sind).
Für weniger „betroffene“ Leser/innen könnte sicher auch der Eindruck entstehen, dass hier etwas eigentlich sehr Privates sehr öffentlich zelebriert wird.
Über das Ende ein (weitgehend) gemeinsames Buch zu schreiben, passt auf diese Personen und diese Beziehung sicher perfekt. Diese Möglichkeit, eigene Ängste und die eigene Verzweiflung in einer solchen Form – geradezu als Selbsttherapie – zu verarbeiten, steht sicherlich nur wenigen Menschen offen.

Es ist gerade so viel GRÜN hier…

Es knubbelt sich ein wenig, Es herrscht Aufregung. Die Themen überschlagen sich.
Eins sollte aber klar sein: Das alles ist nur ein Vorgeschmack!

Schon Anfang der Woche gab es einen Schocker: Die CDU hat das Wahlprogramm der GRÜNEN als heimtückischen Fliegenpilz entlarvt!
Da hat man doch – keiner konnte es ahnen – tatsächlich bei genauerem Studium herausgefunden, dass ein GRÜNES Programm auch GRÜNE Inhalte und Forderungen beinhaltet. Ein echter Skandal!
Da stehen tatsächlich Dinge drin, die nicht alle in der CDU/CSU toll finden!
Gut, dass sie jetzt die Bevölkerung warnen. Die hätte sonst vielleicht geglaubt, es handele sich um das als vermisst gemeldete Programm der Union…
Gemein ist außerdem: Die GRÜNEN bringen es offenbar fertig, völlig beliebig und unkonkret zu sein – und gleichzeitig Dinge zu fordern, die den Untergang des Abendlandes einläuten könnten. Das scheint ein verhexter Fliegenpilz zu sein! (Kein Wunder, bei dem Frauenanteil….).

Fertig mit Satire.
Habeck hat sich getraut, die Thema GRÜN/ROT/ROT anzusprechen. Der Knackpunkt ist natürlich die Regierungsfähigkeit der LINKEN, die sich insbesondere im Bereich der Außenpolitik entscheidet. An diesem Punkt geht es ums Eingemachte, weil die Strategie aller anderen Parteien sich darauf konzentrieren wird, die tiefe Abneigung des bürgerlichen Lagers gegenüber den LINKEN zu nutzen.
Das Ziel ist klar: Man will die Optionen der GRÜNEN so weit einschränken, dass die Leute aus Sorge vor einem Chaos bei der Regierungsbildung gleich etwas anderes wählen.
Fallen die LINKEN aus, bliebe (außer dem unsicheren Jamaika) nur GRÜN/Schwarz (oder Schwarz/GRÜN). Hier hat die CSU sinniger Weise heute die Zange von der anderen Seite angesetzt: Wenn die CSU sich nämlich weigert, in eine GRÜN geführte Koalition einzutreten, hoffen sie darauf, dass dann die Wähler lieber die CDU/CSU stark machen (was dann ja Schwarz/GRÜN ermöglichen würde). Das ist übrigens ziemlich ungeheuerlich: Eine Koalition davon abhängig zu machen, dass man der stärkere Partner wird. So macht man ein Land tatsächlich unregierbar!
Zurück zum Anfang: Die GRÜNEN können gar nichts anderes tun, als den LINKEN klare Bedingungen zu stellen (vielleicht sogar mit der klammheimlichen Hoffnung, dass diese nicht erfüllt werden…).

Bleibt Boris Palmer.
Ich will jetzt nicht darüber schreiben, wann Rassismus anfängt. Da bin ich vermutlich vom GRÜNEN Mainstream ein bisschen entfernt. Mir geht es eher um (Selbst-)Disziplin.
Kann man/frau nicht in einer solch politisch so bedeutsamen Situation erwarten, dass beteiligte Menschen sich auch dann zurücknehmen, wenn sie sich uneingeschränkt im Recht fühlen (und es vielleicht sogar in Teilaspekten auch sind)?
Geht es vielleicht gerade um größere Fragen!? Um die Chance, die deutsche Politik stärker zu prägen, als dies für viele bisher vorstellbar war!?
Man wird nicht jeden Widerspruch lösen können, man muss auch mal Ungereimtheiten ertragen, man muss auch mal was runterschlucken – zumindest öffentlich.
Palmer hat seiner eigenen Sache keinen Dienst erwiesen; er hat (durch geplante Provokation oder große Unbedarftheit) dafür gesorgt, dass die Fronten sich verhärten und sich auch die Leute mit der Parteiführung solidarisieren, die eigentlich eine differenzierte Meinung haben.
Schade, so geht eine mögliche Diskussionsebene leider verloren.

Unruhige Zeiten stehen bevor.

Die GRÜNEN und Deutschland

Es ist wohl die nackte Panik, die andere Parteien dazu treibt, sich schon im Vorfeld mit parteiinternen Änderungsanträgen zum Wahlprogramm zu befassen.

So gibt es jetzt tatsächlich eine ganze Reihe von Anträgen, den Begriff „Deutschland“ aus dem Titel des Programms („Deutschland – Alles drin“) zu streichen. Diese Tatsache wird jetzt als Beleg angeführt, dass es den GRÜNEN an einem klaren und positiven Bekenntnis zu ihrer Nation mangele.
Es wird dabei so getan, als sei jede Partei dazu verpflichtet, den Begriff „Deutschland“ in der Überschrift zu nennen – und ein Abweichen von dieser „Norm“ wäre eine grobe Verfehlung.
Für mich erstmal eine abstruse Haltung.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass es schon eine Aussage machen würde, wenn man den einmal vorhandenen Begriff in Frage stellt bzw. streichen möchte.
Das stimmt natürlich: Es überrascht tatsächlich nicht, dass es in einer Partei, deren DNA für Internationalismus und gegen Deutschtümelei programmiert ist, kritische Stimmen gegen eine so plakative Hervorhebung der Nation laut werden.
Darüber kann und darf man streiten.

Taktisch klug ist dieser Konflikt sicher nicht. Aber in dieser Zeit, in der jeder Mucks in der Partei von den Rivalen darauf überprüft wird, ob er Wahlkampfmunition bietet, würde die alleinige Ausrichtung auf die Außenwirkung jede Diskussion verunmöglichen.

Persönlich halte ich das Wahl-Motto eher für klug und passend.
Es macht deutlich, dass die GRÜNEN den Begriff „Deutschland“ nicht den anderen überlassen. Es macht tatsächlich auch inhaltlich Sinn, dem Motto der AfD („Deutschland. Aber normal.“) das „Deutschland. Alles drin.“ entgegenzusetzen. Es betont Vielfältigkeit, Integration, Zukunftsoffenheit, Chancen, Zuversicht.

Ich vermute, der Wahlparteitag wird sich für die Beibehaltung des Slogans entscheiden.
Dass darüber diskutiert und abgestimmt wird, ist kein Problem.
Ich vermute mal, dass in den Änderungsanträgen bei den Parteitagen der Mitbewerber spektakulärere und bedrohlichere Inhalte zu finden wären…

„Über Menschen“ von Juli ZEH

Bewertung: 3 von 5.

Ein neuer Roman von ZEH ist sowieso schon ein literarisches Ereignis (auf jeden Fall hinsichtlich der erwartbaren Verkaufszahlen). Hangelt sich ein solches Werk hautnah am Puls der Zeit entlang, bekommt es den Charakter eines politischen Statements. Das ist um so unvermeidbarer, als sich die Autorin auch auf anderen Kanälen in den gesellschaftlichen Diskurs offensiv einbringt.
Es geht daher im Folgenden um ein Buch und um die darin lancierten Botschaften.

ZEH beschreibt aus der Ich-Perspektive die Erlebnisse einer jungen – und bis dahin erfolgreichen – Werbetexterin, die sich im Rahmen einer Beziehungskrise aus dem quirligen und überdrehten Berlin in das ländliche brandenburgische Umfeld zurückzieht.
Sie trifft dort (erwartungsgemäß) auf extrem ungewohnte und irritierende Strukturen, nicht nur räumliche, sondern vor allem soziale bzw. menschliche (daher auch der Titel, der natürlich auch noch ein Wortspiel enthält).

Was dann erzählt wird, kann am ehesten als eine Art modernes Märchen beschrieben werden: Trotz ungünstigster Ausgangsbedingungen entwickeln sich Bezüge und Beziehungen, weil sich – wer hätte das gedacht – hinter den Zuschreibungen, Selbstinszenierungen und Klischees echte Menschen verbergen.
Damit diese Grundbotschaft auf jeden Fall verstanden wird, trägt die Autorin ziemlich dick auf: Statt Risse in den Selbst- und Fremdbildern zu beleuchten, wird gleich eine wundersame Gegenrealität aufgespannt.
Konkret heißt das: Der wahre Kern des vermeintlich Bösen und Abstoßenden ist nicht nur freundlich und hilfsbereit, sondern auch verletzlich und sensibel. Damit das auch ausreichend emotional aufgeladen wird, geht es auch um ein zugleich vernachlässigtes und geliebtes Kind, um unheilbare Krankheiten, einen Über-Vater und eine süße Hündin mit einem Männernamen.
Alles ein bisschen dolle…

Während ZEH also die mitgebrachten Vorurteile der Protagonistin Schritt für Schritt zerlegt und damit eine Lanze für die missverstandenen und abgewerteten Provinzler bricht, rechnet sie auf der anderen (urbanen) Seite geradezu unbarmherzig mit der maßlos überdrehten Klima- und Coronawelt ab.
Hier lugen die persönlichen Einstellungen der Autorin wohl am deutlichsten hervor: Greta Thunberg hat aus dem Partner der geflüchteten Kreativen endgültig einen zwanghaften Klima-Irren gemacht; die Corona-Einschränkungen gilt es in erster Linie als bürokratischen Schwachsinn zu belächeln. Holzhammer, ich hör dich sausen…

Auch die Figur der Ich-Erzählerin machte mich als Leser ratlos. Sie wirkt – angesichts ihrer beruflichen Karriere – oft irritierend naiv. Gut, solche inneren Widersprüche können ja eine Romanfigur durchaus interessant machen.
Als absolut überfordernd habe ich aber wahrgenommen, dass die aus grün-links-liberalen Milieu stammende Medienfrau ihre Verbrüderung mit der archaischen Landbevölkerung vorrangig durch gemeinsames Rauchen (gemeint sind wirklich normale Zigaretten), Biertrinken, Herumfahren in Diesel-Pickups und Grillen ganzer Fleischberge zelebriert.
Juli ZEH badet ganz offensichtlich in ihrem Anti-Mainstream-Bedürfnis. Man könnte auch sagen: Ihr – lobenswertes – Verständnis für den bodenständigen Teil unserer Gesellschaft entwickelt sich mehr und mehr zu einer unkritischen Anbiederung.

Zum Schluss ein Wort zur Sprache. Auch in diesem Roman schafft ZEH wunderschöne Sprachbilder. Das kann sie. Hier stellt sich spontan Lesevergnügen ein.
Ein paar Zeilen weiter ist man nicht mehr ganz sicher, ob nicht einige Warnschilder übersehen wurden, auf denen stand „Vorsicht Kitsch“.

ZEH legt einen Roman vor, mit dem sie auf der einen Seite Türen öffnet (und damit aufklärerisch und verbindend wirkt); auf der anderen Seite rechnet sie ab – und kappt dadurch die Fäden, die ja eigentlich die Gesellschaft zusammenhalten sollten.
Warum tut sie das?

Die Hörbuchfassung des Romans ist gut gelungen und empfehlenswert. Die Stimme von Anna Schudt passt sehr gut zu dem inneren Bild, das man sich von der Erzählerin macht.


„Ideen um das Ende der Welt zu vertagen“ von Ailton KRENAK

Bewertung: 4 von 5.

Alles an diesem Buch ist ungewöhnlich: der Titel, der Autor, der Inhalt.
Die Verbindung zu den aktuellen Mainstream-Publikationen besteht darin, dass es in dieser Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen im weiteren Sinne auch um Nachhaltigkeit und Klimawandel geht.
Die Perspektive könnte aber unterschiedlicher kaum sein.

Möglich wird dieses Buch dadurch, dass hier eine Person (der Autor) sich in zwei parallelen Welten bewegt und auskennt, zwischen denen es in der Regel kaum einen Austausch gibt.
KRENAK ist Teil einer indigenen Völkergemeinschaft, die in abgelegenen Ecken Brasiliens eine weitgehend ursprüngliche Lebensweise pflegt. Er kennt das Selbst- und Welterleben solcher „Naturvölker“ aus unmittelbarer Anschauung und fühlt sich ihr bis heute verbunden und zugehörig.
Gleichzeitig kennt der Autor das, was wir „Zivilisation“ nennen. Er kennt die Themen, die Ideologien, die Wirtschaftsweise, die Medien. Man bekommt sehr schnell das sichere Gefühl, dass KRENAK jederzeit wechseln könnte – z.B. in das stylisches Büro eines alternativen Verlagshauses oder in das Management einer Non-Profit-Organisation. Er kennt die Spielregeln, er könnte jederzeit mitspielen.

Der Autor will aber nicht mitspielen. Denn er ist sicher, dass WIR das falsche Leben führen.
Er will uns zwar aufklären, aber nicht missionieren. Sein Ziel (bzw. sein Anspruch) ist es nicht, die Welt zugunsten seiner Überzeugungen zu verändern.
KRENAK ist bescheiden: Es würde ihm reichen, wenn man die paar übriggebliebenen Restbestände einer naturnahen Lebensweise schlicht und einfach in Ruhe lassen würde.
Das wären wir – seiner Überzeugung nach – nicht nur den betroffenen Menschen schuldig, sondern es wäre auch ein Geschenk an die gesamte Menschheit. So wie es dumm und leichtsinnig ist, dem großen Artensterben bei Pflanzen und Tieren tatenlos zuzuschauen, so würde mit dem endgültigen Untergang einer alternativen Lebensweise ein großer Schatz an Erfahrungen und Erkenntnissen für immer verloren gehen.

Was ist das für ein Schatz, dessen Erhaltung der Autor sein Leben gewidmet hat?
Beschrieben wird er als eine Form des Eingebundenseins in die Natur, die in fundamentalem Gegensatz zur all dem steht, was wir als wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt bezeichnen.
Konkret bedeutet das z.B., dass nicht nur Mitgeschöpfe, sondern die gesamte Natur (auch Berge, Flüsse, die Erde insgesamt) als lebendige und beseelte Einheiten gesehen und erlebt werden. Der Gegensatz „hier der Mensch, dort die Natur“ ist nicht nur gedanklich, sondern auch im emotionalen Empfinden vollständig aufgelöst.
Ziele wie Naturbeherrschung, Eigentum oder Reichtum werden nicht etwa abgelehnt – sie sind einfach völlig unbekannt. Es geht nicht um Entwicklung irgendwo hin, sondern um schlichtes, ursprüngliches Sein. Tanzen statt Konsum.

Natürlich müssen wohl letztlich alle Versuche scheitern, diese Weltsicht in unsere Sprache zu übersetzen. Aber dieses Buch stellt einen ernsthaften Versuch dar, genau dies zu tun.
Das ist informativ und anregend. Es ist auch dann ein Geschenk an uns „Westler“, wenn schnell klar wird, dass hier kein Modell für die anstehende Transformation zur Nachhaltigkeit ausgebreitet wird. Zu diesem Naturerleben, zu dieser archaischen Lebensweise können wir nicht mehr zurück. Wollen wir auch nicht. Müssen wir auch nicht.
Aber dieser Blick auf ein ganz anderes Menschsein könnte dabei helfen, bestimmte Blockaden zu überwinden, vermeintliche Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen.
Angesichts dieses hier gezeigten Gegenpols erscheinen die Auseinandersetzung darüber, ob zur Schonung unserer Umwelt tatsächlich Fleisch, Autofahren und Flugreisen teuer werden dürfen als hirnlose Banalitäten.

Ein Denkanstoß aus einer unbekannten Welt.

Brauchen wir die GRÜNEN jetzt noch?

Das Bundesverfassungsgericht hat ein historisches Urteil gefällt. Die Implikationen dieser grundsätzlichen Neubestimmung des Freiheits-Begriffes sind kaum zu überschätzen.
Man könnte auch sagen: Wir leben seit gestern in einer anderen Republik, in einer anderen Epoche.
Zu dick aufgetragen?

Etwas weniger pathetisch könnte man es so beschreiben: Das höchste deutsche Gericht hat die Argumentation der jungen Klima-Aktivisten („Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“) schlichtweg in gültiges Recht gegossen.
Wir – die jetzt bestimmende Erwachsenen-Generation – haben eben nicht die Freiheit, durch unser Tun und durch unsere Unterlassungen die Freiheit der nächsten (und übernächsten) Generation zu beschneiden. So einfach, so richtig!

Damit fällt das ganze unsägliche Gejammere über die Freiheitsbedrohung durch eine konsequente Klimapolitik in sich zusammen. Es erweist sich als das, was es immer schon war: heiße Luft!
Die echten Freiheits-Killer lauern eben nicht in dem Umsteuern bei Energie, Verkehr, Ernährung, Bauen und Industrie. Es sind nicht die Auflagen, Regeln und Preiserhöhungen, die uns einer Horde von Öko-Diktatoren ausliefern. Es ist genau umgekehrt: Mit jedem Versäumnis, mit jedem Abwarten schränken wir die Freiheit derjenigen ein, die dann später die Zeche zahlen müssen – mit ihrer Gesundheit, ihrer Lebensqualität und ihrem Geldbeutel.

Was heißt das konkret?
Im ersten Schritt müssen jetzt gesetzliche Regelungen geschaffen werden, die Anstrengungen und Kosten der Klimaziele für 2050 nachvollziehbar und gerecht auf die Generationen verteilt.
Das soll angeblich jetzt ganz kurzfristig geschehen.

Haben damit die GRÜNEN quasi ausgedient, weil ihre Agenda schon vor der Wahl in Gesetzestext vorliegen wird?
Nun, wenn die CDU/CSU schlau ist, wird sie versuchen, die Situation in diesem Sinne auszunutzen: GRÜNE Politik hat ja sowieso Verfassungsrang bekommen – dann können das ja ruhig die „bewährten“ Leute umsetzen…
Das wird aber nicht funktionieren! Ich glaube an den umgekehrten Effekt: Man wird die notwendigen Ideen und deren Verwirklichung am ehesten denen zutrauen, die seit vielen Jahren genau für die Maßnahmen kämpfen, die jetzt unvermeidlich sein werden.
Gegenüber denen, die bis gestern gebremst haben, wird es ein gesundes Misstrauen geben.

Also: Die GRÜNE Wende hat noch einen zusätzlichen Schwung bekommen. Oder, sagen wir es klimaaffin: Der Wind bläst von hinten!
Manchmal bewegt die „Dritte Gewalt“ (die Judikative) mehr als die eigentlich zuständige Politik. Ein Grund zur Freude!

Übrigens: Die GRÜNEN machen nicht nur Klima-Politik! Ihre Politik-Ansätze werden auch in anderen Bereichen gebraucht.

„Die Natur auf der Flucht“ von Benjamin von BRACKEL

Bewertung: 4 von 5.

Man kann sich der Klimakrise auf verschiedenen Wegen literarisch nähern. Viele davon sind in den letzten Jahren beschritten worden. Es wäre wohl nicht übertrieben, inzwischen von einer gewissen Sättigung des Buchmarktes zu sprechen.
Daher ist die Frage nach einem Neuigkeitswert oder einem Alleinstellungsmarkmal bei jeder weiteren Veröffentlichung durchaus berechtigt.
BRACKEL wählt den Weg der Spezialisierung. Er untersucht nur einen spezifischen Teilaspekt des Geschehens, aber das tut er mit aller Gründlichkeit.

Mit dem Begriff „Artensterben“ sind wir alle seit einiger Zeit vertraut. Man denke nur an den „Insektenschwund“, insbesondere an die Sorge um die Bienen.
Der Journalist BRACKEL betrachtet die Auswirkungen des Klimawandels auf Tiere und Pflanzen aber noch eine Ebene grundsätzlicher: Vor dem Aussterben kommt nämlich in der Regel der Versuch einer Anpassung durch das Erschließen neuer Lebensräume.
Genau hier gräbt sich der Autor regelrecht ins Thema ein und liefert eine geradezu erschlagende Vielfalt von Erkenntnissen und Fakten.

Inhaltlich wird an zahlreichen Einzelbeispielen beschrieben, wie Arten infolge der Erwärmung allmählich in Zonen „wandern“ (bzw. zu wandern versuchen), in denen sie passende Klimabedingungen vorfinden. Es wird betrachtet, wodurch solche Prozesse erleichtert bzw. erschwert werden, welche Folgen das für die bereits vorhandenen Populationen hat und wo die Grenzen der „Flucht“ liegen. Auch die Auswirkungen auf die menschlichen Lebensräume und Wirtschaftsprozesse werden ausführlich betrachtet.
Anders gesagt: es geht um Bäume, Fische, Korallen, Insekten, usw.

Das Thema ist komplex. So werden z.B. unterschiedliche Konzepte von Schutzräumen für die Natur diskutiert: Wer käme z.B. schon von selbst darauf, dass bisherige Naturreservate dazu beitragen könnten, die notwendigen Anpassungsprozesse eher zu erschweren? Wer hat schon mal von dem erbitterten Streit darüber gehört, ob man bestimmte Arten planmäßig in einer neue Umgebung einbringen darf (um sie zu retten)?

Als Leser/in bewegt man sich permanent zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite geht es in biologische, klimatische und geografische Details, die einen interessierten Laien gerne auch mal überfordern; auf der anderen Seite werden die Detailbefunde immer wieder in größere Zusammenhänge gestellt und damit nachvollziehbar.
Der Gefahr, die Leser/innen durch Faktenfülle zu erschlagen, versucht der Autor vor allem mit einer Methode entgegenzuwirken: Er erzählt Geschichten, die das Ganze konkretisieren und personalisieren. Es werden Namen und Begebenheiten genannt, so dass die wissenschaftlichen Arbeit immer wieder ein menschliches Antlitz erfährt.

Als Resümee bedeutet das: Hier wird ein extrem faktenreiches Buch vorgelegt, das die Leser/innen mit einem großen Sprung in ein spannendes Umweltthema bringt. Soviel kompaktes Wissen ist bemerkenswert.
Aber trotz aller journalistischen Kunst: Der Text setzt ein überdurchschnittliches Interesse an den Feinheiten biologischer Prozesse voraus. Man muss z.B. schon bereit sein, sich auch mal mit den Unterschieden zwischen verschiedenen Hummel-Arten vertraut machen zu lassen.
Ich hätte es nicht an jeder Stelle so genau wissen müssen. Aber das ist – natürlich – ein subjektiver Eindruck.

Ist Habeck ein Weichei und ein schlechter Verlierer?

Kandidatenkür und ZEIT-Interview liegen zwar schon eine Woche zurück, noch immer wird aber breit diskutiert, ob sich Robert Habeck irgendwie „falsch“ verhalten hat.
Hat er zu deutlich gesagt, dass er auch wollte? Hätte er sich und seine Gefühle wegen der enttäuschten Perspektiven nicht so wichtig nehmen dürfen? Wäre es nicht wichtig gewesen, Baerbock als die „eindeutig Bessere“ darzustellen? War es nicht schofelig, die Wahl seiner Konkurrentin so eindeutig mit ihrem Geschlecht zu verbinden? Hätte er nicht einfach im Hintergrund bleiben müssen? War es zu forsch, davon auszugehen, dass er aufgrund seiner Qualifikationen und des Vorlaufs ein Teil der Regierungsmannschaft sein würde (einen Wahlsieg vorausgesetzt)?
Sechs Fragen, auf die ich sechsmal mit einem klaren „Nein“ antworten würde!

Für mich war es stimmig, dass sich der oder die Andere nach der Entscheidung zu Wort meldet. Gehört es denn nicht zu dem angebotenen „neuen Politikstil“, dass auch die Sichtweise des Unterlegenen authentisch kommuniziert werden darf? Wenn ein Rennen so knapp ausgeht, wenn so viele Monate Energie und Herzblut geflossen sind, ist es für mich sowohl legitim als auch öffentlichkeitsrelevant, wie mit einem „Zurückstehen“ umgegangen wird. Hätte man dieses Recht Baerbock nicht ganz selbstverständlich zugestanden?
Man will bei und von den GRÜNEN einen „anderen“ Typ von Mann. Und der soll dann ausgerechnet im Moment der Entscheidung cool sein und keine Gefühle zeigen?

Jede/r weiß, dass es für die feministisch geprägten GRÜNEN ein Unding gewesen wäre, gegen zwei Männer einen weiteren Mann ins Rennen zu schicken. Das schließt nicht aus, dass Baerbock auch unabhängig davon eine gleichwertige oder sogar bessere Wahl gewesen wäre. Habeck war auch an diesem Punkt einfach nur ehrlich: Die Geschlechterfrage war ein zentraler Grund. So sind die GRÜNEN, dafür stehen sie, dafür schämen sie sich nicht. Als GRÜNER Mann trägt man das mit – was nicht heißt, dass es sich in jedem einzelnen Moment toll anfühlt. So what?

Warum hätte er denn verschweigen sollen, dass ihn seine politischen und administrativen Erfahrungen dafür prädestinieren, in einer GRÜN geprägten Regierung zur Kernmannschaft zu gehören? Wollte oder sollte das jemand bezweifeln? Hätte das im umgekehrten Fall jemand Baerbock streitig gemacht? Wohl kaum!

Für mich war die Stellungnahme von Habeck eine passende Abrundung des gemeinsamen Weges an diesem Punkt. Jetzt ist Sache allerdings durch. Das alles kann und darf einmal gesagt werden, aber ganz sicher kein Dauerthema werden.
Wird es auch nicht – wetten?

Annalena bei Anne

Anne Will hat sich vorbereitet. Sie stellt erst ganz normal ihre anderen Gäste vor, um dann die GRÜNE Kanzler-Kandidatin einer Sonderbehandlung zuzuführen: Ein „Einzelgespräch“ – wohl eher als Kreuzverhör geplant.

Die vermuteten „offenen Flanken“ waren keine Überraschungen: Es ging um die vermeintlichen Querschläge durch Habeck, um das eigene Kompetenzprofil („fehlende Regierungserfahrung“) und um die angebliche Inkonsequenz bzw. Anpassung bei den Klimazielen.
Das Ergebnis: Auch durch wiederholtes Nachfragen konnte Anne Will keinen Punkt machen.

Bearbock war nicht nur sicher und klar in ihren Antworten, sondern bewies die Souveränität, Wills Fragen teilweise regelrecht dumm aussehen zu lassen. Sie hat so den Eindruck entstehen lassen, dass nicht sie sich für ihre Antworten rechtfertigen müsse, sondern eher die Moderatorin für ihre seltsamen Fragen.
So erschienen letztlich die Antworten logischer als die kunstvoll gesetzten Fragen.

Toll gemacht! Ein klarer Punktsieg für Annalena gegen Anne!