„Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“

800 Seiten über Resonanz – was soll das bringen?
Bei mir hat dieses Buch enorm viel Resonanz ausgelöst. Es hat sozusagen seine eigene Theorie im Kontakt mit mir entfaltet und untermauert. Seitdem macht es mir noch mehr Vergnügen, die Welt unter Resonanz-Perspektiven zu betrachten.
Ich war für dieses Buch ein besonders geeigneter geeigneter und motivierter Leser: Habe ich doch (zusammen mit meiner Co-Autorin) gerade in den letzten Monaten ein „Resonanzraum-Modell“ für Liebesbeziehungen entwickelt. Und dann diese 800-Seiten Dröhnung; was für ein Geschenk!
Doch ich will ja nicht von mir erzählen, sondern davon, was dieses Buch auch Lesern ohne diese Vorgeschichte geben kann.

Ich hole ein wenig aus (bei dieser Seitenzahl ist das vielleicht erlaubt).
Warum – so könnte man fragen – sind nach einem Psychologen-Berufsleben die Nachbardisziplinen Philosophie und Soziologie so spannend?
Es ist die andere (erweiterte) Perspektive. Die Soziologie akzeptiert zwar die Wirkmechanismen der individuellen Psyche (ohne die sie auch nicht auskommt), betrachtet aber die gesellschaftlichen Bedingungen und Einflüsse auf die Lebensbedingungen bestimmter Gruppen von Menschen, die sich dann in typischer Weise in den einzelnen Individuen entfalten und zu bestimmten Einstellungen oder Handlungen (natürlich auch zu Störungen und Leid) führen.
(Die Philosophie guckt sich das Ganze aus einer noch höheren Perspektive an; das soll hier nicht weiter interessieren).

Soziologen bieten gerne theoretische Analyse-Schablonen an, mit deren Hilfe sie komplexe historische und gesellschaftliche Phänomene betrachten, ausleuchten und damit auch ein wenig erklären. Es ist erst wenige Monate her, dass ich eine solche Betrachtung der „Moderne“ unter der Überschrift „Singularitäten“ gelesen habe. Auch das war sehr anregend und erhellend.
Nun heißt diese Analyse-Brille also „Resonanz“. Natürlich können beide (und viele andere) solcher Perspektiven nebeneinander stehen. Theorien sind ja nicht „richtig“ oder „falsch“; sie sind nur mehr oder weniger nützlich für Verständnis und politische Schlussfolgerungen.
Warum die Resonanztheorie auf dieser Liste ab sofort ziemlich weit oben steht, will ich kurz ausführen.

Resonante Beziehungen sind für ROSA sehr erstrebenswert. Sie beinhalten einen lebendigen Austausch, in dem beiden „Seiten“ zu einem Geschehen so beitragen, dass man sich (und das Gegenüber) auf verschiedenen Kanälen spürt. Es kommt etwas zum „Klingen“, das mehr ist als die Summe der Einzeltöne, aber auch mehr als ein zurückgeworfenes Echo. Solche (befriedigende, sinnerfüllte) Beziehungen sind nicht nur zu anderen Menschen möglich (in Extremausprägung als wechselseitige Liebe), sondern auch zu Gegenständen (z.B. einem bearbeiteten Werkstück oder einem Kunstobjekt), zur Natur, zu Gott oder auch zu bestimmten Idealen und Konzepten. Auch wenn solche anonymen bzw. nicht-lebendigen Gegenüber nicht tatsächlich etwas „Objektives“ in die Beziehung einbringen, fühlt es sich doch für den Menschen so an, als ob es eine spürbare Resonanz gäbe (so kann man z.B. ein anspruchsvolles Buch als ein Gegenüber ansehen, dass sich zwar als ein wenig sperrig erweist, dann aber doch in das eigene Denken Eingang findet – ohne darin völlig aufzugehen).
Etwas klarer wir das Konzept, wenn man im Kontrast „nicht-resonante“ (entfremdete) Beziehungen anschaut: Diese sind eher „kalt“, „instrumentell“, auf Kontrolle, Beherrschen, Berechnung und Nutzen ausgerichtet.
Beispiel: Während ein Tischlermeister in seiner eigenen Werkstatt mit dem Werkstoff Holz in einer (multi-sinnlichen) resonanten Beziehung steht (diese Tätigkeit ihm also Sinn, Selbstwirksamkeit, usw. schenkt), wird ein Fließbandarbeiter in einer Möbelfabrik möglicherweise seine Arbeit weit weniger erfüllt erleben (vielleicht hat aber der Ingenieur und Erfinder der Maschine eine resonante Beziehung zu dem stählernen Ergebnis seiner Kreativität bzw. Berechnung).

In seinem Buch setzt ROSA also die Resonanz-Brille und guckt sich die Welt an auf der Suche nach förderlichen oder hinderlichen Bedingungen für Resonanz an – in Familie, Beruf, Kultur, Religion, aber auch zum eigenen Körper oder zur Natur.
Dabei betreibt der Autor keine Schwarz-Weiß-Malerei; es geht oft um Nuancen, es gibt Widersprüche, auch die eher technokratischen Weltbeziehungen werden gewürdigt (in Technik und Medizin) und nicht etwas in romantisch-verklärter Weise verteufelt.

Als zusätzlichen Service bietet ROSA so ganz nebenbei eine Reise durch die soziologischen Strömungen der letzten 250 Jahre – immer auf der Suche nach Übereinstimmungen mit (und Kontrasten zu) seiner Resonanz-Theorie.
Um es mal zurückhaltend auszudrücken: Dabei wird man nicht gerade dümmer!
Dass dabei die eigene Theorie nicht besonders schlecht abschneidet, sei dem wirklich hochintelligenten und extrem belesenen Autor zugestanden – schließlich hat er mit Sicherheit eine extrem resonante Beziehung zu seiner Resonanz-Theorie.

Das Buch spricht einen nicht nur theoretisch an; man findet sich auch in seinen alltäglichen Bezügen wieder. Seine Ausführungen über das unerfüllbare Versprechen, die ersehnte Resonanz im immer weiter gesteigerten Konsum zu finden ist genauso unmittelbar plausibel wie die These, dass es auch in Liebesbeziehungen nur so lange echte Resonanz geben kann, wie das Gegenüber eben nicht vollständig kontrolliert, berechenbar, und instrumentalisierbar geworden ist. Einen Partner sozusagen als Besitz zu „haben“ ist das Gegenteil von Resonanz.
Einleuchtend ist auch, dass Lebensbedingungen, die mit Unterdrückung, Angst, Entbehrung oder Gewalt belastet sind, kaum resonante Weltbeziehungen zulassen (außer viellicht in kleinen, sehr privaten Inselräumen).

Für mich hat das Resonanz-Buch die von mir geschätzten „Singularitäten“ (von RECKWITZ) überflügelt. Das liegt nicht zuletzt an der leichteren Lesbarkeit. Zwar hat auch ROSA ein Fachbuch geschrieben; die Zugangsschwelle für interessierte Laien ist aber erfreulich niedrig (es ist trotzdem keine Gute-Nacht-Lektüre).
Ich würde jeden Thriller oder jeden Weltklasse-Roman für das nächste Buch dieser Art liegen lassen. Denn Weltverstehen ist so ziemlich das Spannendste, was die Welt bieten kann.

„Too Much and Never Enough“ von Mary L. TRUMP

Es gehört nicht zu meine üblichen Gewohnheiten, Bücher auf Englisch zu lesen (mein Studium, in dem das gefordert wurde, liegt schon eine Weile zurück). Die Motivation, es in diesem Fall zu tun, war aber ziemlich hoch.
Die Autorin ist nicht einfach nur die Nichte des „genialsten“ Präsidenten aller Zeiten, sondern sie ist gleichzeitig auch klinische Psychologin, kennt sich also berufsmäßig mit psychischen Störungen und deren Verursachungen aus.
Es war also gleich doppelt zu erwarten, dass diese Veröffentlichung über die bisherigen „Enthüllungsbücher“ aus dem Umfeld von Trump hinausgeht.
Diese Spannung wollte ich nicht bis zum Erscheinen der deutschen Übersetzung (am 12.08.20) aushalten.
Für die Leser dieser Rezension steht nun auch das deutsche Buch bereit.

Schauen wir zunächst aus der Perspektive der Nichte:
Es sind tatsächlich sehr persönliche und intime Einblicke in das Familien-System Trump, die durch dieses Buch ermöglicht werden. Die Autorin verwendet einen beträchtlichen Teil des Buches auf die Kindheit von Donald und seinen vier Geschwistern (drei davon älter). Zwei Personen stehen dabei besonders in ihrem Fokus: Der Patriarch und Gründer des Immobilien-Imperiums, also ihr Großvater Fred, und ihr gleichnamigen Vater („Freddy“).
Die Beziehung zwischen diesen beiden (und ihr grandioses Scheitern) ist in gewisser Weise der Schlüssel für alles, was danach kommt – bis zum heutigen Schlamassel.
Wäre Freddy nicht an diesem (harten und egozentrischen) Vater gescheitert, wäre Fred von seinem erstgeborenen (weichen und sensiblen) Sohn nicht so enttäuscht worden – dann hätte Donald (der Rabauke und Kämpfer) nicht in die Position rutschen können, aus der heraus er nun eine Rolle bekleidet, für die er – so die Überzeugung der Autorin – weder charakterlich noch intellektuell auch nur im Mindesten geeignet ist.
Der zweite Grund für die Bedeutung dieser Vater/Sohn-Dynamik liegt darin, dass die Autorin dieses Buch nicht nur geschrieben hat, um der USA und der Welt eine zweite Amtszeit ihres Onkels zu ersparen. Ein – wohl mindestens gleichrangiges – Motiv stellt das Bedürfnis dar, ihrem Vater ein kleines Denkmal zu setzen, ihn – der nach seinem frühen Tod vom Tramp-Clan praktisch „ausgelöscht“ wurde – zu rehabilitieren und sein Scheitern zu erklären.

Als Nichte ist und war die die Autorin auf vielen Ebenen eine Betroffene. Sie hat nicht nur die (in weiten Teilen vergiftete) Atmosphäre dieser Familie eingeatmet, sie hat auch einen ganz persönlichen Kampf gegen die krasse finanzielle Benachteiligung ihres Familienzweiges geführt – sozusagen stellvertretend für ihren Vater.
Wer so betroffen ist, kann nicht „objektiv“ sein. Hilfst da die zweite Identität als Fachfrau?

Die Autorin bringt ihre psychologische Fachlichkeit auf zwei Ebenen ein: einerseits durch die ausführliche Darstellung (und auch Interpretation) der familiären Dynamik und ihrer Auswirkung auf die Entwicklung der Trump-Geschwister, andererseits durch die „diagnostischen“ Aussagen zur Persönlichkeit ihres Onkels, die zwischendurch in den Text einfließen, an einer Stelle aber auch geradezu wissenschaftliches Niveau haben.
Man bekommt schnell den Eindruck, dass dieses Frau etwas von den Kräften eines Familiensystems versteht, ihre Schlussfolgerungen erscheinen nachvollziehbar. Dass sie sich auch mit klinischen Störungsbildern (insbesondere Persönlichkeitsstörungen) auskennt, steht außer Zweifel.
Letztlich wird erreicht, dass man (auch als psychologischer Laie) nachvollziehen kann, wie dieser Donald gestrickt ist und warum er so werden konnte.

Nüchtern und neutral betrachtet, hat diese Mischung zwischen Beteiligt-Sein und Fachkompetenz sowohl Vor- als auch Nachteile: Während ein „neutraler“ Fachmensch niemals über dieses Insider-Wissen verfügen könnte, kann auf der anderen Seite eine so persönlich verstrickte Person niemals mit dem Anspruch einer objektiven Expertin auftreten.
Macht das dieses Buch dann doch wertlos? Soll man sich einem Text ausliefern, der ganz offensichtlich (und das erklärte) das Ziel hat, Donald Trump zu schaden – aus persönlichen und politischen Motiven heraus?

Die Antwort muss wohl jede/r selbst finden.
Es ist mit Sicherheit ein informatives Buch; mehr Einblick geht kaum.
Vorgelegt wird kein stringentes Sachbuch; die Autorin wechselt Zeiten und Perspektiven und spricht durch ihren Erzählstil auch solche Leser an, die es einfach unterhaltsam finden, hinter die Kulissen einer „Dynastie“ zu schauen, in der Armseligkeit und Glamour so eng beieinander liegen.
All denjenigen, die sich seit über drei Jahren fragen, „wie man so sein kann“, bekommen gut aufbereitetes psychologisches Futter. Dass dies sicher auch subjektiv gefärbt ist, macht es nicht automatisch weniger interessant.
Dieses Buch kann nicht den Anspruch erheben, die „Wahrheit“ über Trump zu beinhalten. Es ist aber ein sehr anregender und lohnender Beitrag zum Gesamtverständnis des Phänomens „Trump“.

Man stelle sich nur einmal ernsthaft vor, dieses Buch würde ein paar Hunderttausend amerikanische Leser von einer Wahlentscheidung für Trump abbringen und damit den Ausschlag geben: Müsste dann nicht diese Autorin mit dem berühmten Namen zugleich den Literatur- und den Friedensnobelpreis erhalten?!

„Novozän – Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz“ von James LOVELOCK

Warum lese ich ein (dünnes) Buch von einem Menschen, der im Alter von 99 Jahren (inzwischen ist er 101 Jahre alt) sehr gewagten Thesen zur Weiterentwicklung des menschlichen Lebens in Form von „Cyborgs“ (also nicht-biologische Maschinen mit künstlicher Intelligenz, KI) aufstellt?
Diese Frage ist wirklich berechtigt.

Ich könnte es mir leicht machen: „Das Buch fiel mir in der Buchhandlung auf und die angelesenen Stellen klangen spannend; es war jemand dabei, der mir das Buch spontan schenkte.“ Das wäre keine falsche, aber eine eher oberflächliche Antwort.

Gucken wir vom Inhalt aus: Mich interessieren Zukunftsszenarien schon eine ganze Weile. Deshalb lese ich z.B. die Bücher von HARARI , YOGESHWAR , PRECHT und vielen anderen. Dabei finde ich auch die Visionen anregend, die über die aktuell erreichte Evolutionsstufe des Menschen hinausgehen und diverse potentielle Weiterentwicklungen ins Auge fassen. In diese Richtung denken z.B. Vertreter des Trans- oder Posthumanismus, die die Ergänzungen des Menschen durch (integrierte) technische Apparaturen oder eine systematische genetische Optimierung für möglich und für erstrebenswert halten.

Und der Autor? Tatsächlich fand ich die Mischung von „Steinalt-Sein“ mit „Cyborg-Visionen“ interessant. Als mir dann noch klar wurde, dass der britische Multi-Wissenschaftler LOVELOCK ein Mitbegründer der „Gaia-Theorie“ ist, in der unser gesamter Planet als ein sich selbst steuernder lebendiger Organismus betrachtet wird, konnte ich meine Neugier nur noch schlecht zügeln.

Das Buch ist nicht leicht zu verdauen. Es hat verschiedene Stränge, die sich z.T. an der Menschheitsgeschichte (vor allem der letzten 300 Jahre, also dem Zeitalter des „Anthropozäns“) abarbeiten, aber auch am Lebenswerk des Autors orientiert sind. Letzteres ist nicht nur durch sein oft zitiertes „Gaia-Modell“ geprägt, sondern durch einige Erfindungen, die in der Raumfahrt zur Anwendung kamen; so steht z.B. ein von ihm entwickeltes Messinstrument auf dem Mars.

Kommen wir mal zur Kernthese – denn alles andere sind letztlich Nebenschauplätze.
LOVELOCK ist überzeugt davon, dass wir Menschen durch die technische Entwicklung der letzten Jahrhunderte – insbesondere aber durch die explodierende Computer-Technologie – die Voraussetzungen dafür geschaffen haben, zum Geburtshelfer einer neuen, nicht-biologischen Lebensform mit unvorstellbaren Intelligenzpotentialen zu werden.
Seine Prognose ist, dass die Menschheit eine gewisse Zeit parallel zu diesen „KI-Wesen“ existieren wird, weil man das gemeinsame Interesse an einer Verhinderung der lebensvernichtenden Aufheizung unseres Planeten hat. Mittelfristig werden die Cyborgs uns aber nur noch brauchen, um uns in ihren Museen auszustellen (falls es dieses kulturelle Interesse bei Ihnen geben sollte). Ihr eigentliches Ziel ist aber einerseits der Selbsterhalt (in sofern sind sie gelehrige Schüler der Evolutions-Logik), auf der anderen Seite gibt es so etwas wie die „Tendenz zur puren Information“ (meine Formulierung, nicht mit dem Autor abgestimmt). Damit ist gemeint, dass die im ganzen Universum – und natürlich auch im organischen Leben – steckende Information zu entschlüsselt und bewahrt werden soll.

Uff! Manche haben sicher schon mehrfach die Augen verdreht oder das Lesen ganz eingestellt. Manch einer wird vielleicht denken: „Irre, dass der Typ in diesem Alter nach so starkes Kraut raucht!“ (Ich kenne mich damit übrigens gar nicht aus).
Und tatsächlich: LOVELOOK macht es einem an einigen Stellen wirklich leicht, ihn als Phantasten abzustempeln und zum schnöden Alltag zurückzukehren.
Ich versuche es trotzdem noch ein wenig weiter…

In gewisser Weise ist der Autor ein früher und prominenter Klima-Warner. Er sieht die Bedrohung durch die Aufheizung unseres Planeten als noch bedrohlicher als es die aktuellen Aktivisten formulieren. Für ihn spielen dabei insbesondere die Prozesse in den Weltmeeren eine entscheidende Rolle (was er natürlich alles erklärt). Die Gefahr ist für ihn so groß, dass er dagegen die Risiken der Atomenergie für vernachlässigbar beurteilt.

Auch zu manchen anderen Dingen hat der sehr alte Mann dezidierte Meinungen, die er engagiert und gut begründet kundtut: So hält er die angedachte Besiedelung des Mars für eine ziemlich dösige Idee, die nur von einem weiteren dringend notwendigen Verständnis unseres eigenen Planeten ablenkt. Er hält den Kampf der Grün-Bewegten gegen Plastik für ziemlich hirnrissig. Der Autor sieht gute Chancen, dass die technischen Möglichkeiten der Menschheit schon sehr bald ermöglichen, gefährliche „Angriffe“ von Meteoriten abzuwenden.
Realistischer Weise sieht LOVELOCK in der Entwicklung von super-intelligenten Waffensystemen eine große Gefahr. Er geht aber davon aus, dass es doch der „Überlebenswille“ auch unserer Nachfolger groß genug sein wird, die Selbstauslöschung zu verhindern.

Kann man nun den Grundannahmen des Autors etwas entgegensetzen – ohne jetzt selbst ein Ausnahmedenker bzw. -wissenschaftler sein zu müssen?
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre das eine mindestens fünfstündige Diskussion zwischen LOVELOCK und PRECHT (oder wenigstens einen schriftlichen Austausch mit gegenseitigen Bezügen). Unser deutscher Star-Philosoph hat ja gerade erst dargestellt, warum er die Möglichkeiten und Grenzen der KI ganz anders beurteilt als das hier besprochene Buch. Er spricht den maschinellen Denk-Wesen die Fähigkeit zu so weitreichenden Einflussnahmen ab, weil er die dazu notwendige „echte“ Intelligenz nur im Zusammenspiel von biologisch-emotionalen Prozessen mit den kognitiv-informationsverarbeitenden Fähigkeiten für möglich hält.
Und PRECHT kämpft – anders als LOVELOCK – dafür die Weiterentwicklung der Technik zu zähmen und zu begrenzen, gerade um das typisch Menschliche unserer Spezies zu erhalten.

Leider werden wohl die meisten Beteiligten (darunter auch der Rezensent) nicht mehr selbst verfolgen können, wie die Sache ausgehen wird. Vielleicht erfreuen sich einige romantisch veranlagte Cyborgs in 100 Jahren an den Ausführungen von LOVELOCK; vielleicht wird PRECHT irgendwann als der entscheidende Weichensteller für den Erhalt der Humanität gefeiert.
Wer weiß das schon…

Bis dahin bleibt die Möglichkeit, anregende Bücher zu lesen.
Auch dieses Buch kann sich lohnen, wenn man ein spezifisches Interesse hat.
Ansonsten finde ich z.B. die Bücher von HARARI wesentlich realitätsnaher und damit gesellschaftlich relevanter.

„Was wirklich wirkt“ von Melanie GRAMS

Das zweite Aufklärungsbuch von GRAMS beinhaltet eine breitere Perspektive und einen erweiterten Anspruch: Ging es bei „Homöopathie neu gedacht“ um ihren Weg von der überzeugten Globuli-Ärztin zur engagierten Kritikerin dieser „Glaubenslehre“, wird jetzt die gesamte „Alternativmedizin“ (Naturheilkunde, sanfte Medizin, ….) in den Fokus genommen.
Auch diesmal ist GRAMS das gut gelungen.

Trotzdem beginne ich mit einer Warnung:
Wer erwartet, dass das Buch hauptsächlich aus einer differenzierten Darstellung und Analyse vieler einzelner Methoden besteht, wird zunächst enttäuscht sein. Zwar werden die wichtigsten Verfahren (Homöopathie, Schüßler-Salze, Bachblüten, Akkupunktur, Osteopathie, Pflanzenheilkunde, Vitamin-Therapien, YOGA, Meditation, Anthroposophie) jeweils spezifisch besprochen, dies passiert aber sehr komprimiert (aber trotzdem sehr informativ) erst im Anhang des Buches.
Das eigentlich Ziel des Buches besteht darin, die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Schul- und Alternativmedizin zu erklären und zu bewerten.

Das Buch bietet ein umfangreiches Spektrum an Erfahrungen, Informationen, Analysen und Vorschlägen rund um das Gesamtthema „Medizin“. Nicht in dem Sinne eines Ratgebers („wie lebe ich gesund?“), sondern mit der Fragestellung: Wie sollte eine optimale medizinische Versorgung aussehen?
Der große Erfolg der „Naturmedizin“ ist für GRAMS nicht einfach ein Ausdruck einer gutgläubigen und naiven Irrationalität, sondern (auch) eine nachvollziehbare Folge von bestimmten Fehlentwicklungen im modernen Medizinsystem.

Die Autorin gliedert ihre Ausführungen mithilfe von Kapitelüberschriften, die gängige Rechtfertigungsthesen der alternativen Medizin-Szene aufgreifen: z.B. „Wer heilt hat recht“, „Aber mir hat es doch geholfen“ oder „Die Pharma-Industrie will uns vergiften“.
Schritt für Schritt legt sie die Denk-Muster und Fehlschlüsse offen, die – oft unbewusst – hinter diesen Behauptungen stehen.
Ergänzt wird diese eher an Logik orientierte Aufklärungsarbeit durch bedeutsame inhaltliche Sachinformationen zu Regelungen und Strukturen über – eigentlich skandalöse – Sonderregelungen für die (extrem laxe) Zulassung alternativer Heilmittel und die (letztlich völlig ungeprüfte) Qualifikation von Heilpraktikern.

Es gibt einen weiteren Mehrwert: GRAMS untermauert ihre Thesen auch durch medizinische Fachinformationen, die für das hier angesprochene Laienpublikum sicher eine Wissensvertiefung beinhalten. Das gilt insbesondere für die Themen „Wirkungs-Forschung“, „Placebo-Effekt“, „Immunssystem“ und „Impfen“.

GRAMS appelliert ohne Unterlass an die Bereitschaft des Lesers, Fakten und Logik zur Grundlage von Bewertungen und Entscheidungen zu machen. Sie tut das auf gut lesbarem Niveau, geduldig und (weitgehend) ohne provokante Äußerungen, die Widerstand hervorrufen könnten.
Letztlich erklärt sie einen Ausschnitt der Welt und setzt dabei ein Publikum voraus, das neugierig und offen auf der Suche nach Orientierung ist.
Dieses Publikum erreicht sie ohne Zweifel.

Ein großer Teil der Anhängerschaft alternativer Medizin hat sich aber längst auf der anderen Seite eingegraben. Diesen „Gläubigen“ geht es nicht um Informationen über Wirkmechanismen oder empirische Befunde über Behandlungserfolge. Ganz im Gegenteil: Oft reichen ja inzwischen Begriffe wie „wissenschaftlich“ oder „Studien“, um auf „Durchzug“ zu schalten. Da ist der Weg zu Verschwörungstheorien nicht weit – und genau dies wird auch im Kapitel über das Impfen eindrücklich deutlich. Es wäre also eine Illusion zu hoffen, dass auch ein gut geschriebenes Buch wie dieses in dieser Szene etwas bewirken könnte.

Was GRAMS allerdings leisten kann, ist die Bewusstmachung der Mechanismen, die den Trend zur Abkehr von der „bösen“ Medizin befeuert. Auch hier tut ihre unaufgeregte Darstellung gut. Wer ihr wirklich zuhören möchte, könnte problemlos erkennen, dass sie letztlich für die gleichen Ziele eintritt wie die meisten Kunden der Alternativ-Medizin. Nur, dass sie die Lösung innerhalb der wissenschaftlichen Medizin-Welt sucht und nicht in Nebenwelten, die sich von obskurer Scharlatanerie oft nicht trennen lassen (und wollen).

Zurück zum Anfang: Man bedauert am Ende des Buches nicht, dass die einzelnen Verfahren nicht viel mehr Raum bekommen haben. Mit den allgemeinen Ausführungen im (neuronalen) Gepäck, reichen die Kurzdarstellungen völlig aus, um das jeweils Charakteristische der Verfahren zu vermitteln. Manche Dinge sind so abstrus, dass man tatsächlich schnell damit fertig ist (wenn man die vorher dargestellten Prämissen und Kriterien akzeptiert).

Als Vertreter einer Nachbardisziplin sei mir die Nachbemerkung erlaubt, dass es schon eine „Leistung“ ist, unaufhörlich über die Bedeutung von Zeit, Gespräch und soziale bzw. emotionale Rahmenbedingungen zu schreiben, den Begriff „Psychotherapie“ (oder meinetwegen auch „Lebensberatung“) nicht einmal zu erwähnen.
Hier zeigt sich, dass auch die Perspektive einer so klugen und kritischen Fachfrau begrenzt ist: Sie beschreibt letztlich die Wirkungsmechanismen der Psychotherapie in der Medizin, ohne dies zu merken oder zu benennen.
Eine kleine Schwäche, die den guten Gesamteindruck aber nicht schmälert.

Wer wirklich wissen will, was wirklich wirkt, ist mit diesem Buch wirklich sehr gut bedient!

„Gott, wo steckst du?“ von M. Spitzer, H. Lesch und Gunkl

Was erwartet man, wenn ein Gespräch über Gott zwischen zwei bekannten und in der Öffentlichkeit präsenten Wissenschaftlern und einem „intellektuellen“ Kabarettisten in Buchform (Büchleinform) veröffentlicht wird?
Zumindest eine anregende Lektüre, vielleicht ein paar Gedankenanstöße und die Möglichkeit, eigene Positionen zu schärfen. Was man wohl nicht erwartet ist eine komplette Enttäuschung, die stellenweise auch in Ärger umschlägt.
Genau das hat mir die Lektüre dieses Buches vermittelt.

Kurz zu den Ausgangsbedingungen: Vor dem Astrophysiker Harald LESCH – der sich als protestantischer Christ einbringt – habe ich großen Respekt; der Psychiater und Gehirnforscher Manfred SPITZER (katholisch geprägt) löst bei mir in der Regel widersprüchliche Reaktionen aus; der mir unbekannte GUNKL vertritt die Position des „Fundamental-Agnostikers“ (also: „man kann es halt nicht wissen“).
Seltsamer Weise wird zwar viel – leider meist klischeehaft – über Atheisten gesprochen; die Position auch zu besetzen, hat man offensichtlich nicht für notwendig gehalten. Sonderbar.

Was zwischen diesen drei Männern dann passiert, kann nur unter Anwendung allergrößter Toleranz als „Gespräch“ bezeichnet werden. Genau genommen ist es eine weitgehend unstrukturierte Plauderei, die rein assoziativ dahinplätschert.
Kann ich dieses harsche Urteil irgendwie belegen? Ich denke schon!

Die meisten Menschen wissen – oder haben bei eigenen Gesprächen selbst erfahren – dass man über das Thema „Gott“ aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nachdenken bzw. reden kann.
– Man kann z.B. den eigenen Weg zum oder vom Glauben betrachten, religiöse Offenbarungen und Religionssysteme vergleichen oder die Rolle der Religionen in der Gesellschaft betrachten.
– Lange kann man über die Funktionen reden, die ein Glaube für gläubige Menschen haben können: Trost, Halt, Hoffnung, moralische Orientierung, Zugehörigkeit, Sinn, Geborgenheit, Gemeinschaftsgefühl, usw.
– Von da aus ist es nicht weit zu der Frage, welchen evolutionären Vorteil die weit verbreitete Tendenz zur Religiosität gehabt haben könnte.
– Untersuchen kann man auch die Auswirkungen von Religiosität auf tatsächliches Sozial- oder Moralverhalten bzw. welche Gehirn-Aktivitäten mit religiösen Praktiken einhergehen.
– Man kann sich natürlich auch abstrakt und intellektuell damit befassen, ob und an welcher Stelle ein Gott zur Welterklärung (noch) gebraucht wird: Eigentlich – so besteht weitgehende Einigung – höchstens als „Erstbeweger“ vor dem Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren (der dann aber nichts mehr mit den Gottesbildern in den Weltreligionen zu tun hätte).

Tatsächlich werden alle diese Aspekte in der „launigen“ Runde irgendwann mal angesprochen. Das ist ohne Zweifel gut! Allerdings: Es gibt keine Systematik, keinen roten Faden, keine Gliederung – stattdessen thematische Achterbahnfahrten.
Permanent stellt sich die Frage: Wo bleibt die Moderation? Wer achtet darauf, dass die Antwort auch zur Frage passt? Wer verhindert endlich, dass spontane Einwürfe an die Stelle logischer Argumentationslinien treten?
Stellenweise verläuft das Gespräch so niveaulos, dass ich erste Anzeichen von Fremdschämen bei mir erkennen konnte: Wie kann man so weit sinken?

Ein Beispiel: Es gelingt den (z.T.) hochkarätigen Experten bis zum Schluss nicht, die Diskussion über die Verbreitung und Nützlichkeit von Glauben wirklich mal klar von der Frage zu trennen, was das über die reale Existenz eines Gottes aussagt (nämlich nichts!).
Dass es irgendwie gut tut, an etwas „Höheres“ zu glauben, es weit verbreitet ist und auch zu schönen Gebäuden und Kunstwerken geführt hat, ist auch nach der zehnten Wiederholung kein Gottesbeweis.
Ebenfalls wird durch mehrfache Behauptung nicht logischer, dass ein Atheist genauso ein „Glaubender“ wäre wie ein religiöser Mensch, weil er ja schließlich die Nichtexistenz Gottes auch nicht beweisen könnte. Seit wann, bitte, muss derjenige der eine (nicht belegbare) Behauptung anzweifelt, ihre Ungültigkeit beweisen? Muss ich jedem Alien-Fan beweisen, dass noch keine grünen Männchen auf der Erde waren? Sonst steht einfach Glaube gegen Glaube? Abstrus!

Der als aufklärerische Zweifler ins Rennen geschickte Kabarettist deckt zwar hin und wieder mal einen logischen Schnitzer auf, bleibt aber in der Auseinandersetzung letztlich schwach und farblos. So überlässt er den beiden Selbstdarstellern das Feld.

Insgesamt kann ich nicht verstehen, dass die beiden Wissenschaftler stellenweise weit unter ihrem lang erarbeiteten Niveau bleiben. Auf der einen Seite machen sie zwar einige fachwissenschaftlichen Exkurse, auf der anderen Seite geht es zu wie am Stammtisch nach dem fünften Bier.
Dass ein Verlag so eine Spontan-Plauderei offenbar unredigiert auf den Markt bringt, ist eine mittlere Unverschämtheit.

„Jenseits der Erwartungen“ von Richard RUSSO

Irgendwas scheint mich ja zu faszinieren an diesem Autor, wenn ich nach einer gewissen Enttäuschung („Der Mann der Tat„) sofort nachlege. Auf jeden Fall war ich neugierig, ob wohl die erste („Diese gottverdammten Träume„) oder eben die zweite Erfahrung typisch für diesen Schriftsteller war.
Um es vorweg zu sagen: Ich bin sehr froh, dass ich nicht aufgegeben habe.

Der Erzähl- und Handlungsbogen in diesem Roman überspannt mehr als 40 Jahre. Der Rahmen wird dadurch gesetzt, dass die Protagonisten, drei in die Jahre gekommenen Männer, sich am Schauplatz einer denkwürdigen Begegnung treffen, die das Ende ihrer gemeinsamen Studienzeit feiern sollte, unerwartet aber zu schicksalsträchtigen Verstrickungen geführt hat, die bis in die Gegenwart spürbar sind.
Im Hintergrund lauert der Vietnamkrieg und eine drohende Einberufung.

Konkret geht es um das ungeklärte Verschwinden der jungen Frau, in das alle drei Jünglinge heftig verliebt waren. Verraten werden soll nur, dass es letztlich zu einer Auflösung des Rätsels kommt – jenseits der Erwartungen….

Die Figuren und der Plot sind liebevoll und detailreich konstruiert. Natürlich verkörpern die drei Freunde auch drei typische zeitgenössische Charaktere und Biografien, die sich in ihren Widersprüchlichkeiten gegenseitig spiegeln und verstärken.
Es kommen noch ein paar wichtige Personen dazu: die junge Frau, die Eltern und Partner der vier damaligen Kumpane, ein unsympathischer Nachbar und ein Polizist im Ruhestand.

Es gelingt RUSSO sehr gut, mit diesen Personen ein kleines Universum zu schaffen, in dem man sich eine Weile mit zunehmender Vertrautheit gerne aufhält. Zwar ist der Roman alles andere als eine typische Kriminalgeschichte, trotzdem spielt der Aspekt der Aufklärung eine zunehmende Rolle. Dabei geht es aber weniger um den Aspekt des detektivischen Mitdenkens („wann kommt man drauf?“), sondern im Vordergrund stehen die psychologischen Motive und Prozesse der beteiligten Personen.
Überraschungen sind versprochen!

RUSSO ist ein recht konventioneller Erzähler; es gibt hier keine sprachlichen Extravaganzen. Es geht ihm um die das Verstehen seiner Figuren; sie sollen für den Leser stimmig sein. Dafür nimmt sich der Autor Zeit; es gibt sicher Momente, in denen etwas weniger mehr gewesen wäre. Insbesondere auf einen Aspekt seines psychologischen Ursachenmodells hätte ich auch gut verzichten können.

Welches übergeordnete Thema treibt RUSSO in diesem Buch um?
Es geht um um die Einflüsse auf Charaktere, Schicksale und Lebensläufe: Welche Rolle spielt der Zufall? Was kann man wirklich selbst entscheiden, was ist durch die Ausgangs- und Rahmenbedingungen festgelegt? Was wird durch die Eltern geprägt, was übernimmt man von ihnen, ohne es zu wollen und zu merken? Welche Entwicklungen scheinen unvermeidlich?
Diese existentiellen Themen und Fragen werden aber nicht aufdringlich in den Vordergrund geschoben, sondern sind in Verläufe und Dialoge eingewoben.

Für mich befindet sich dieses Buch an der Grenzlinie zwischen Unterhaltungsliteratur und „höheren“ literarischen Ambitionen. Anders ausgedrückt: Ich fühlte mich intelligent und niveauvoll unterhalten; gleichzeitig intellektuell angesprochen und emotional berührt.
Was will man mehr!?

(Nachtrag: Und wieder einmal fühle ich mich darin bestätigt, dass ich dieses positive Lese-Ergebnis sehr viel leichter in einer Story mit zeitgeschichtlichen und realen Bezügen bekomme als in irgendwelchen Fantasiewelten.)

„10xDNA – Das Mindset der Zukunft“ von Frank THELEN

Wow – was für eine Dröhnung!
Wenn man nicht aufpasst, hebt man förmlich ab und sitzt schon im Flugtaxi auf dem Weg in die nächste Smart-MegaCity, um da einen innovativen Super-Deal mit einem der Gurus des 10x-Mindsets abzuschließen. Da man so kompromisslos mutig und innovativ ist, wird man dabei steinreich und rettet nebenbei auch noch die Welt. Hauptsache: Klotzen – nicht Kleckern!

Wenn man – wie ich – kurz vorher das PRECHT-Buch „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ gelesen hat, erlebt man dieses Buch des bekannten Unternehmers und Start-Up-Investors THELEN als einen Kulturschock. Ein größerer Kontrast bzgl. des Blicks auf die Zukunft ist kaum vorstellbar.
Man könnte auch sagen: Dieses Buch und sein Autor eignen sich perfekt als Anschauungsmaterial für das, wovon PRECHT mahnend spricht und worin er enorme Risiken für das Selbstbild des Menschen und unsere gesellschaftliche Entwicklung sieht.

THELEN ist kein Unsympath. Man kann sich an seiner Begeisterung fast ein wenig erfreuen – wie über den unbändigen Tatendrang eines Kindes, das mit seinen Freunden im Garten ein tiefes Loch gräbt, um auf der anderen Seite der Welt rauszukommen…

Es geht in diesem Buch um den unbeirrbaren Glauben an die Gestaltungskraft von menschlichen Visionen, explodierenden technischen Optionen und Segnungen der kapitalistischen Marktgesetze. Die Zukunft wird größer, schneller, besser, gesünder, und reicher – wenn man nur die Menschen machen lässt, die groß denken statt zu zaudern und zu zögern.
Der Autor singt ein Lied auf den Tatendrang all der Pioniere, die die Menschheit an den aktuellen Punkt gebracht haben. Für ihn sind insbesondere all die bekannten Stars des Silicon-Valleys wahre Helden, die ihre großen – und zunächst oft verrückten – Ideen kompromisslos verfolgt und letztlich umgesetzt haben. Den geradezu unermesslichen Reichtum, den sie dabei angehäuft haben, neidet THELEN ihnen natürlich in keiner Weise; er ist aus seiner Sicht die natürliche Konsequenz, die adäquate Belohnung dafür, dass sie schneller und mutiger waren als andere.

Auf all das will der Autor noch eine Schippe drauflegen: Es geht nicht um „normales“ Wachstum in der bisherigen (kaum schon beherrschbaren) Dynamik, es geht um weitere Beschleunigung, um Potenzierung. Wer da mithalten will (am besten natürlich an der Spitze der Bewegung), der braucht die „Zehnfach-Mentalität“; sich mit weniger zu begnügen, würde heißen, sich im abgeschlagenen Mittelfeld der Looser zu verlieren.
Erstmal abwägen, bedenken, Konsequenzen abschätzen? – „Peng!“ – zu spät: Jemand anderes hat die Nische erspäht und das Geschäftsmodell (ein absoluter Lieblingsbegriff) schon besetzt. Selbst schuld!

Das Buch lässt sich mehrere Bereiche aufteilen; es enthält:
– ein allgemeines Plädoyer für die schon beschriebene Geisteshaltung (10x-DNA),
– eine Art Kurz-Lexikon für bestimmte (Zukunfts-)Technologien (u.a. im Bereich „Blockchain“, Gen-Manipulation, Robotik und KI),
– eine Beschreibung der aktuellen und anstehenden technischen Entwicklungen bei Mobilität, Energie, Datenverarbeitung, Medizin, Landwirtschaft,
– eine Kurzvorstellung der wichtigsten technischen Pioniere und ihrer Leistungen und
– eine Darstellung der Startup-Unternehmen des Firmenverbundes, an dem auch THELEN beteiligt ist.

Diese unterschiedlichen Facetten hinterlassen auch unterschiedliche Eindrücke. Man fühlt sich informiert, fasziniert, amüsiert, genervt, besorgt, abgestoßen. Von allem etwas.
Wenn ich jetzt meine wichtigsten Kritikpunkte zusammenfasse, vermische ich notwendigerweise meine Meinung zu dem konkreten Buch mit meinen Grundhaltungen zu den dort dargestellten Inhalten; aber diese Inhalte stehen nun mal im Vordergrund.

THELEN ist völlig verfangen in einer optimistischen Zukunftsgläubigkeit, in der kaum Platz für grundsätzliche Fragen nach dem gesellschaftlichen Nutzen und der psychischen bzw. sozialen Auswirkungen all dieser technologischen Visionen ist. Was technisch möglich ist, wird und soll auch passieren. Dabei ist es ihm scheinbar egal, ob es um – sehr erstrebenswerte – Verbesserungen im Bereich Ernährung oder Medizin geht, oder um so zweifelhafte Zielsetzungen wie die Verkürzung der Reisezeit zwischen San Francisco und Los Angeles auf 35 Minuten oder die Besiedelung des Mars.

Der Autor ist kein Ignorant. Natürlich sieht er die ökologischen Probleme und Herausforderungen. Deshalb sind seine Zukunftsszenarien natürlich alle irgendwie auf Nachhaltigkeit getrimmt. Wie viele seiner Mitstreiter lässt er dabei weitgehend außer acht, dass der Aufbau und Unterhalt all der – vermeintlich so smarten – Zukunfts-Infrastrukturen einen unfassbaren Einsatz von Ressourcen und Energie voraussetzen würden. So könnte es gut sein, dass wir – bevor wir die „schöne neue Welt“ nutzen könnten – die alte, aktuelle Welt schon zugrundegerichtet hätten.

THELEN weißt gelegentlich (in größeren Abständen) darauf hin, dass bestimmte Entwicklungen (z.B. Humangenetik) auch schwerwiegende ethische Fragen aufwerfen würden. Für mich fühlt sich das ein wenig nach Alibi-Floskel an, die den eigenen Taten- und Reichtumsdrang kaum aufhalten könnten. Vielleicht müsste ja irgendwo mal eine Ethik-Kommision tagen, aber die 10x-DNA hat im Zweifelsfall schon Fakten geschaffen…

Geradezu ärgerlich finde ich Äußerungen, die sich darauf beziehen, dass all die visionären Errungenschaften möglichst nicht nur den reichen Ländern bzw. Menschen zur Verfügung stehen sollten, sondern allen. So naiv kann niemand sein!
Glaubt jemand, der sich in vollem Umfang (und geradezu begeistert) der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und deren Logik unterwirft, tatsächlich daran, dass die Quantencomputer, die medizinischen Roboter-Operationstechniken, die Lufttaxis und menschenfreie Produktionsabläufe insbesondere das Leben der „einfachen“ Menschen verbessern wird? Glaubt jemand, der beschreibt, dass ein Großteil der Menschen demnächst in Mega-Citys wohnt und arbeitet, daran, dass sich dann abends Millionen von Mini-Jets in die Luft erheben, um in ihre 300 km entfernten Anwesen zu entfliehen?
Dieser Mensch betrachtet die Welt und die Bedürfnisse aus der Sicht eines privilegierten Upper-Class-Geschäftsmanns, der am liebsten in der Liga von Amazon, Google und Apple spielen würde.

Mir sind Menschen ein wenig „unheimlich“, in deren Denken ein Innehalten, eine Mäßigung, jegliche Form Beschränkungen oder gar ein einsichtsbasierter Verzicht überhaupt nicht vorkommen – noch nicht einmal als entfernte Möglichkeit. Ich vermute in ihnen ein sehr einseitiges Menschenbild, dem ich meine Zukunft nicht gerne ausliefern würde.
Vielleicht muss es auch solche Menschen geben. Trotzdem stehe ich insgesamt dem Skeptiker und Mahner PRECHT näher als dem Fortschritts-Enthusiasten THELEN.
In manchen Aspekten würde ich mir eine Mischung der Sichtweisen wünschen – aber dazu könnte man ja einfach auch beide lesen und sich seinen Mix selber anrühren.

Und das Buch?
Ich fand es toll zu lesen. Ich hätte sonst nicht geglaubt, dass diese Haltung so unverblümt und selbstbewusst zur Schau gestellt wird. Es hat meinen Blick auf die Welt bereichert – allerdings eher hinsichtlich einer Schärfung meiner Abgrenzung.
Es ist auch informativ: Die Kapitel über Landwirtschaft/Ernährung und Gesundheit fand ich richtig gut.

„Ein Mann der Tat“ von Richard RUSSO

Ja, dieser Mann kann Romane erzählen. Mir hat er das schon in einem anderen Buch bewiesen. RUSSO nimmt sich Zeit, Figuren auszugestalten und hat ein feines Gefühl für alltägliche Situationen und Begegnungen. Er hat ein großes Herz für leicht schräge Typen: Seine Protagonisten sind keine Helden, sie tragen Brüche und Scheiterungserfahrungen in sich. Sie kämpfen eher um das kleine Glück und tragen dabei einige Hypotheken aus Kindheit und Biografie mit sich herum.

So weit, so gut.
Trotzdem hat mich das Buch über eine Kleinstadt in den USA – die genauso ein Looser-Image hat wie die meisten beschriebenen Figuren – nicht überzeugt.

RUSSO baut den Kern seiner Geschichte auf einer gescheiterten Ehe auf. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Problematisch finde ich aber, dass bis zum Ende des Buches nicht deutlich wird, warum denn nun diese Frau diesen – so ganz offensichtlich nicht zu ihr passenden – Mann geheiratet hat. Es ist irgendwie unbefriedigend, einfach einem – geradezu notwendigerweise zum Scheitern verurteilten – Ehedrama zu folgen, wenn man die ganze Zeit denkt: „Warum haben die es nicht von vorneherein einfach gelassen?!“

Ein zweites Ärgernis: Natürlich gibt es böse Menschen; deshalb dürfen auch Figuren in Romanen böse sein. Trotzdem verbreitet es ein wenig Langeweile, wenn sich herausstellt, dass der Böse wirklich böse ist und bleibt und dann auch noch böse Dinge tut…

Das dann eine „schwierige“ Liebesgeschichte tatsächlich noch gut auszugehen scheint, fällt kaum noch ins Gewicht. Das sei den Beteiligten und ihrem literarischen Schöpfer gegönnt.

Insgesamt hat ein sehr fähiger Autor einen nur mittelmäßigen Roman geschrieben.
Sowas passiert…

„Forscher aus Leidenschaft“ von Richard DAWKINS

Richard DAWKINS ist eine Art Monument der Wissenschaft. Er ist insbesondere ein weltweit anerkannter Evolutions-Biologe und wohl einer der engagiertesten und publikumswirksamsten Vermittler der Lehre von DARWIN über die Entstehung der Arten durch natürliche Auslese.
Sein bedeutsamster eigener Beitrag zur Weiterentwicklung der Biologie war das inzwischen berühmte Buch mit dem provokant formulierten Titel: „Das egoistische Gen„.

Das Besondere der Persönlichkeit von DAWKINS liegt jedoch darin, dass er so etwas wie ein leidenschaftlicher Missionar im Auftrage der Wissenschaft ist. Er ist zutiefst davon überzeugt, dass die systematische Erforschung der Welt mithilfe der menschlichen Vernunft und naturwissenschaftlicher Methodik nicht nur Erkenntnisse und Wissen hervorbringt, sondern auch die Grundlage für ein ein sowohl begeistertes als auch ergriffenes Staunen über die Komplexität und Schönheit des Universums darstellen kann.

Dieses eindeutige Bekenntnis bringt ihn – als einen sehr konsequenten und tabufreien Menschen – natürlicherweise schnell in Konflikt mit anderen Welt-Zugängen und insbesondere mit alternativen Welt-Erklärungsmustern. Es überrascht daher nicht, dass DAWKINS sich auch als Religionskritiker einen Namen gemacht hat („Der Gotteswahn“). Man kann ihn als einen Begründer des modernen, kämpferischen Atheismus betrachten.

Übrigens: Ich spreche die ganze Zeit schon über das Buch, also den Gegenstand dieser Rezension. Dieses Buch hat nämlich kein anderes Ziel, als die gesamte Bandbreite des Denkens und öffentlichen Wirkens dieses Mannes abzubilden. Dazu wurde eine wirklich beeindruckende Anzahl von Aufsätzen, Vorträgen und Artikeln aus den letzten ca. 40 Jahren zusammengetragen und nach bestimmten Kriterien gruppiert.
Als zusätzlichen Service bekommt der Leser vom Herausgeber jeweils eine kurze Einführung in das jeweilige Themengebiet, in dem auch die Anlässe und Hintergründe der Beiträge erläutert werden.

DAWKINS inhaltliche Leidenschaft findet auch Ausdruck in seiner Art sich zu äußern. Er beherrscht dabei ganz unterschiedliche Stile – nur eines kann er nicht: irgendwie langweilig und unauffällig sein. Gerne formuliert er provokativ, spitzt ironisch zu, legt Konfliktlinien offen, statt sie zuzudecken. Aber kann auch enthusiastisch und voller Respekt über Personen sprechen (schreiben), die er als Vorbilder und Weggefährten oft geradezu verehrt. (Dass er sich auch selbst ziemlich toll findet, lässt sich zwischen den Zeilen erahnen).

Ist das ein Buch, das man gelesen haben sollte? Ich denke nein!
Muss muss schon ein ziemlicher DAWKINS-Fan sein, um nicht abgeschreckt zu werden durch die Vielzahl der Einzelbeiträge, die sich inhaltlich oft ziemlich überschneiden. Es ist von allem einfach ziemlich viel – und dadurch keine leichte Kost.

Gewinn bringt das Lesen am ehesten dann, wenn man
– sich mal auf unterhaltsamer Art und Weise mit den Feinheiten der Evolutionstheorie befassen will,
– an den verschiedenen Facetten der Person DAWKINS interessiert ist oder
– sich an einem engagierten und pointierten Kampf gegen Unvernunft und Wissenschaftsfeindlichkeit erfreuen kann.

Ich bin froh, dass es solche Persönlichkeiten wie DAWKINS gibt und dass ich in dem Teil der Welt und zu der Zeit der Geschichte leben darf, in der diese Art des freien Denkens und Schreibens gefahrlos möglich ist.
Natürlich darf es gerne auch Menschen geben, die etwas sanfter und diplomatischer mit anderen Weltsichten umgehen. Das Buch lässt aber keinen Zweifel, dass hinter dem oft kämpferischen Auftreten eine zutiefst humanistische Haltung steht.

Darf man die Serben nicht mögen?

Meine Betrachtung kommt ein paar Tage zu spät. Angesichts der zeitgeschichtlichen Zusammenhänge erscheint mir das akzeptabel.

Es gab mal wieder einen dieser Gedenktage. Es ging um die Greueltaten serbischer Milizen an tausenden Bosnischen Männern unter den Augen von UNO-Soldaten in Srebrenica vor 25 Jahren.

Es geht mir nicht um die Vergangenheit. Ich spüre Unverständnis und Befremden gegenüber der Unfähigkeit „der Serben“, zu bedauern, zu trauern, zu bereuen oder sonst auf irgendeine Weise Verantwortung zu übernehmen. Statt dessen fanden aufgeheizte und gewalttätige Demonstrationen gegen die eigene Regierung statt, die (endlich) nach politischen Lösungen der Kosovo-Frage sucht.

Ich weiß: Es gibt keinen „Volkscharakter“. Es gibt mit Sicherheit jede Menge vernünftige, friedfertige und liebenswerte Menschen in Serbien. Vielleicht zeichnet die Berichterstattung über dieses Land auch ein einseitiges Bild. Kann alles sein.

Was ich sagen kann: Alles, was bei mir in den letzten Jahrzehnten über die Mentalität und die politische Kultur in diesem Land angekommen ist, wirkt auf mich zutiefst unsympathisch (nationalistisch, militaristisch, dogmatisch). Und deshalb spüre ich Vorbehalte und gehe auf Distanz.

Ich mag wohl die Serben nicht besonders. So richtig schlimm finde ich das nicht. Für mich ist es auch okay, wenn jemand „die Deutschen“ nicht mag.

Serbien soll in die EU aufgenommen werden. Manche begründen das damit, dass man dieses „schwierige“ Land dann besser „einbinden“ könne. Ich bin nicht ganz sicher, ob wir nicht schon genug schwierige Mitglieder haben.

Aber das sollen andere entscheiden. Mein Bauchgefühl kann da wohl nicht helfen.