“Im Moralgefängnis” von Michael ANDRICK


























Bewertung: 1.5 von 5.

Warum – so fragt sich die interessierte Leserschaft – muss ein Autor, der für sich reklamiert, einen Beitrag zur Stärkung der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts leisten zu wollen, sein Buch in einer so wütenden, polemischen und durchweg zugespitzten Sprache verfassen?
Schon ein Blick auf das Buchcover markiert das Problem: Der provokante Titel steht im diametralen Gegensatz zum einladenden Untertitel; leider hat sich der Autor weitgehend für das maximale Getöse entschieden – und übertönt damit sogar die Teile seiner Ausführungen, die eine Beachtung wert wären.
Auch wenn das Überwinden der emotionalen Abneigung gegenüber dem Wutbürger-Sprachstil nicht leicht fällt, soll hier auch eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt erfolgen.

ANDRICK sieht unsere Demokratie gefährdet – durch den Infekt “Moralisierung” des privaten und öffentlichen Diskurses; er nennt dieses Virus plakativ “Moralin”, spricht auch von “Moralin-Seuche”, “Moralin-Injektion”, “Moralitis”, “Regime des Moralismus”, “Moralitis-Epidemie”, “Wahnwelt der Fundamentalisten” usw. Zuletzt droht gar die “lebensverstümmelnde Unfreiheit”. Der Autor hat es gern sprachgewaltig…
Was meint er? ANDRICK beobachtet eine eine strukturelle Fehlentwicklung in der politischen Kommunikation, die durch folgende Aspekte gekennzeichnet sei:
– Legitime Meinungsfragen würden zu Auseinandersetzungen um (wissenschaftliche) Wahrheit vs. Lüge bzw. Gut vs. Böse umgedeutet; Sachfragen würden zu Gesinnungsfragen gemacht.
– Die Vertreter der vermeintlich unmoralischen (falschen) Position würden persönlich verunglimpft (Wechsel vom Inhalt auf die persönliche Ebene) und ihnen werde das Recht auf eine gleichberechtigte Teilnahme am Ringen um den besten Weg abgesprochen (Ausgrenzung).
– Es entstehe eine gesellschaftliche Stimmung der Kontrolle und Einschränkung von Gedanken und Meinungen, an der dominante Interessensvertreter, Politik und Medien mitwirkten – bis zu einer “volkspädagogischen” Bevormundung.
– Nach und nach bilde sich so ein kollektiver Angst- und Stresspegel, der zu einem “Befürchtungsregiment” führen und sich bis hin zu einer Angstneurose steigern könnte.

Ohne Zweifel spricht der Autor hier Prozesse und Dynamiken an, die eine soziologische und sozialpsychologische Betrachtung verdienen würde. Insbesondere in der “wokeness”-Bewegung und der darauf beruhenden “cancel-culture” lassen sich entsprechende Anhaltspunkte finden.
Das Problem ist nur: Sobald ANDRICK konkret wird, verliert er das “rechte Maß” (nicht im politischen Sinne) und lässt erkennen, dass seine Analysen auf Bewertungsmustern beruhen, die außerhalb einer Blase von Corona-Leugnern und Lügenpresse-Beschwörern wohl nur schwer zu vermitteln sind. Speziell die staatlichen Anstrengungen, angemessen auf die (neue und unzweifelhaft bedrohliche) Pandemie zu reagieren, haben den Autor offensichtlich geradezu traumatisiert: Statt reale Fehler und deren Ursachen zu untersuchen, versteigt sich ANDRICK auf die These, dass sich im “Corona-Regiment” eine “totalitäre” Politik gezeigt hätte, mit “gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gegen Ungeimpften”. Bei dem erspürten vermeintlich “denunziatorischen Verfolgungsgeist” darf natürlich dir Verweis auf die entsprechenden Vorgänge in der NS-Zeit nicht fehlen…
Kann man, soll man, darf man das noch ernst nehmen?

ANDRICK setzt sich auch skeptisch mit der Frage auseinander, ob es überhaupt legitim sei, sich auf Wahrheit, Fakten oder Wissenschaft zu beziehen. Dabei stellt er den Sinn von “Faktenchecks” eindeutig in Frage: diese seien kaum als unabhängige Instanzen zu betrachten und oft sei auch die Frage, ob es objektive Fakten gäbe, durchaus offen.

ANDRICK missioniert in diesem Buch für den unzensierten Meinungsstreit zwischen gleichberechtigten Akteuren in einem weltanschaulich neutralen, pluralistischen Umfeld. Begrenzende Spielregeln betrachtet er mit Misstrauen: So weist er z.B. Vorwürfe zurück, bestimmte Äußerungen stellten eine “Hassrede” dar und seien deshalb unakzeptabel: dies unterstelle eine – nicht objektiv beweisbare – zugrundeliegende Gesinnung.
Dass sich ANDRICK auch an der Gender-Sprache abarbeitet, bedarf kaum der Erwähnung.

Richtig spannend wäre es gewesen, wenn man in einem Buch über Moral in der Politik eine ernsthafte Diskussion darüber gefunden hätte, welche Rolle diese denn legitimer Weise spielen könnte oder gar müsste. Zwar spricht ANDRICK kurz an, dass es auch echte Moralfragen gäbe, macht aber keine Aussagen darüber, wie denn damit zu verfahren wäre.
Es wäre sicher sehr aufschlussreich gewesen zu erfahren, ob der Autor in der Klimafrage den Hinweis auf bestehende ethisch-moralische Verantwortung auch für kommende Generationen gelten lassen würde. Wenn er das (was überraschend wäre) bejahen würde: Dürften sich dann Klimaaktivisten auf diese Moral berufen? Dürfte ein lupenreiner Egoismus in dieser Frage unmoralisch genannt werden? Welche Auswirkungen hätte das auf gesellschaftliche Bewertungen und Entscheidungen? Wäre das auch ein Beispiel für das “Moralgefängnis”?

Der Autor und sein Buch haben durchaus auch lichte Momente. Einige Betrachtungen gehen tatsächlich ein wenig in die Tiefe und ließen – in einem anderen Umfeld – durchaus produktive Diskussionen zu. Beschrieben werden das Ideal eines freien, unzensierten demokratischen Willensbildungsprozesses, das Aussteigen aus kommunikativen Spaltungsdynamiken und die Bedeutung von gegenseitigem Respekt. Positiv ist auch zu vermerken, dass zumindest erwähnt wird, dass man auch auf der konservativen Seite des politischen Spektrums nicht automatisch vor der Moralisierungs-Mechanismus gefeit ist (wenn auch nahezu alle Bespiele dem Lager der links-grünen Weltverbesserer stammen).
Insgesamt bekämpft diese Publikation eine in bestimmten Fällen durchaus kritikwürdige Tendenz zur Ausgrenzung unliebsamer Positionen mit einem untauglichen und wenig vertrauenserweckenden Mittel: mit Zuspitzung, Übertreibung und Polemik.

“Wie gesund wollen wir sein?” von Dr. Sven JUNGMANN

Bewertung: 4.5 von 5.

Wir haben es geahnt (oder sogar schon gewusst): Auch im Bereich Medizin/Gesundheit steht es in unserem Lande hinsichtlich der Digitalisierung bzw. des KI-Einsatzes nicht gerade zum Besten.
Der frühere Klinik-Arzt und aktuelle Medizin-Start-Upper JUNGMANN gibt uns einen informativen und praxisnahen Einblick in die Details und entwickelt Perspektiven sowohl für die nähere, als auch für die weitere Zukunft.

Der Autor holt uns bei der aktuellen Diskussion um die “Digitale Patientenakte” ab. Was in der eher verschlafenen deutschen Digital-Kultur als revolutionären Fortschritt – natürlich von zahlreichen Bedenken begleitet – diskutiert wird, stellt für JUNGMANN einen viel zu zaghaften und wenig effektiven ersten Schritt dar. Statt nämlich die Aufbereitung und Zugänglichkeit der dort gesammelten Daten nach einheitlichen Standards zu organisieren, bietet das seit Jahren umkämpfte System die Raffinesse einer “Aldi-Tüte” (in der Einzeldaten einfach nur gesammelt, keineswegs aber auch für einen Notfall nutzbar sind).

JUNGMANN greift immer wieder auf Beispiele aus dem Klinik-Alltag zurück, insbesondere auf die aufreibende Situation in der Notaufnahme. So wird uns die Ineffektivität und Rückständigkeit der Prozesse und der daran beteiligten technischen Ausstattung sehr hautnah und mit geradezu beängstigender Detailliertheit vermittelt.
Der Autor beschreibt auch ungeschminkt den Preis, den die althergebrachten Abläufe sowohl für die Patienten, als auch für das permanent überforderte medizinische Personal hat.

Seine Forderung ist glasklar: radikale Verschlankung der Routine-Aufgaben und der bürokratischen Zeitfresser durch konsequenten Einsatz von Digital- und KI-Technologien bei Datenauswertung, Diagnostik, Patienten-Basis-Information und Dokumentation.
Die eingesparte Zeit könnte dann in eine vertiefende Patienten-Kommunikation und die Beschäftigung mit speziellen Anforderungen investiert werden.

Doch JUNGMANNs Mission geht über eine Effizienzsteigerung für das System Krankenhaus weit hinaus: In seiner zukünftigen Gesundheits-Medizin geht es nur noch am Rande um die immer gleichen Standard-Therapien für die immer gleichen Volkskrankheiten.
Stattdessen sollen (und – so der Autor – werden) zukünftig
– immer mehr Daten aus der Begleitung und Überwachung unserer Vitalfunktionen einfließen (von der Fitness-Uhr bis zu neuartigen inneren Sensoren),
– auf der Basis von DNA-Analysen, eigener Krankengeschichten und Persönlichkeit mit Hilfe von KI individualisierte Therapiepläne entwickelt und
– die maßgeschneiderte Gesundheitsförderung und -prophylaxe immer stärker an die Stelle einer rein kurativen Medizin treten (was auch die Eigenverantwortung für das Gesundheitsverhalten beinhalten wird).

JUNGMANN lässt auch das leidige Thema “Datenschutz” nicht aus.
Er macht deutlich, dass ihm – bei aller Kritik an den typisch deutschen Bedenkenträgern – dieses Thema keineswegs gleichgültig ist. Allerdings sieht er keine grundsätzlichen Probleme, auch hier innovative technische Lösungen zu finden. Erste Ideen dazu trägt er vor.

Man spürt dem Autor seine innere Beteiligung an dem Thema deutlich an: Nicht nur hat das (frühere) Leiden an Stress, Frust und Überforderung Spuren hinterlassen, sondern auch die Begeisterung und das Engagement für die als notwendig erachteten Innovationen kommt rüber. Der Autor schreibt kein nüchternes Sachbuch, sondern (auch) einen persönlichen Erfahrungsbericht, einschließlich der emotionalen Aspekte.
JUNGMANN setzt sich auch mit seiner Entscheidung auseinander, sich aus dem Brennpunkt des klinischen Geschehens verabschiedet zu haben. Damit macht er auch offen, dass sein Buch auch ein wenig als Lobbyarbeit für die Produkte verstanden werden könnte, die er als Start-Up-Unternehmer in diesem Bereich entwickelt hat (und entwickeln wird). Man hat aber an keiner Stelle den Eindruck, dass dies die Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen relativieren könnte.

JUNGMANN legt ein für ein breites Publikum gut lesbares Sachbuch zu einem extrem relevanten Thema vor. Spontan entsteht beim Lesen der Gedanke, dass möglichst alle Gesundheitspolitiker mehr als einen kurzen Blick hineinwerfen sollten.

“The Coming Wave” von Mustafa SULEYMAN

Bewertung: 4.5 von 5.

Während die Folgen des Klimawandels für die meisten Menschen eher im Zeitlupentempo zu verlaufen scheinen, ist die KI-Revolution im Expresstempo angekommen – spätestens, seit sich ChatGPT in den Büros und auf den Schülerschreibtischen breit gemacht hat.
Die Verunsicherung ist groß: Was kommt wie schnell auf uns zu? Gibt es mehr Chancen oder Risiken? Verändert sich nur unser Lernen und Arbeiten oder unser gesamtes Selbstverständnis als “Krone der Schöpfung”? Können wir überhaupt noch Einfluss nehmen?

SULEYMAN beantwortet (zusammen mit dem britischen Forscher und Publizisten BHASKAR, den ich im Folgenden nicht mehr nennen werde, weil das Buch aus der Ich-Perspektive geschrieben ist) diese und viele andere relevante Fragen. Er tut dies aus einer Position heraus, der man mit dem Begriff “Insider” nur ansatzweise gerecht wird. Der Autor steht seit über 10 Jahren im absoluten Zentrum der KI-Entwicklung: Seine eigene Firma (DeepMind) wurde 2014 von Google gekauft, er selbst hatte dort wichtige Funktionen, engagierte sich speziell im Bereich der KI-Ethik und hat aktuell einen Chefposten bei Microsoft.
Dieses Buch profitiert sehr davon, dass sich hier jemand zu Wort meldet, bei dem das KI-Expertentum bzw. das Wissen um die technischen und wirtschaftlichen Potentiale nicht zu einem Scheuklappenblick geführt haben. Eher im Gegenteil: Gerade weil der Autor alle wesentlichen Forschungs- und Anwendungsbereiche hautnah von innen kennt, legt er das Hauptgewicht seiner Botschaft auf die Beherrschung dieser Revolution.

Zunächst zieht der Autor alle Register, um selbst dem letzten Zweifler davon zu überzeugen, dass hier eine Welle (Wave) von ungeheurem Ausmaß auf uns zurollt. Besondere Aufmerksamkeit widmet SULEYMAN der Verbindung von KI und der modernen Bio-Technologie (u.a. der “Synthetischen Biologie”, also der zielgerichteten Manipulation von DNA). Aber auch für alle anderen denkbaren Anwendungsbereiche (Medizin, Robotik, Verkehr, usw.) finden sich beeindruckende Anwendungsbeispiele, die man in dieser Konkretheit sonst kaum findet.

Die Sorgen und Bedenken des Autors sind mindestens genauso ausgeprägt wie sein Respekt vor den anstehenden technologischen Umwälzungen. Dabei steht die AGI (Artificial Generell Intelligence) im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Diesen Quantensprung zu unterschätzen hält SULEYMAN für genauso leichtfertig wie eine unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen.
Er verwendet einen erheblichen Teil seines Textes darauf, die Notwendigkeit und die Möglichkeiten einer Eindämmung der KI-Risiken zu diskutieren. SULEYMAN appelliert wortreich und mit spürbarer persönlicher Beteiligung für einen – wie er selbst sagt – schwierigen und schmalen Grad zwischen unkontrollierten Freiräumen für die freie Entwicklung von risikoreichen Innovationen und einer autokratischen und dystopischen Totalüberwachung. Er fordert nicht nur, sondern konzipiert entsprechende Systeme und lädt sowohl die Forschung, als auch Politik und Gesellschaft ein, daran mitzuwirken.

Das Buch richtet sich an ein breites Publikum; niemand wird durch einen technischen Spezial-Jargon überfordert. SULEYMAN formuliert eher redundant als knapp, bringt sich immer wieder mit seinen persönlichen Erfahrungen und Haltungen ein. Man spürt, dass der Autor mit diesem Buch eine Warnung, einen Weckruf, eine Mission verbindet.
Dieser Mann fürchtet tatsächlich, dass diese Welle uns überrollen könnte.
Vielleicht wird an einigen Stellen ein wenig zu detailliert auf seine persönliche Rolle in den verschiedenen Unternehmen eingegangen; nicht jede/r Leser/in interessiert sich für die Interna in bestimmten Google-Arbeitsgruppen.

Nach dem Lesen dieses Buches ist die KI-Revolution kein diffuses Schlagwort mehr. Dass diese Welle kommen wird – es werden mehrere Wellen sein – kann und wird niemand mehr bezweifeln. Dass dieses Buch zugleich informiert, aufklärt, warnt und konkrete Handlungswege aufzeigt macht es zu einem hervorragenden Sachbuch.

“Ist das euer Ernst?” von Peter HAHNE

Bewertung: 1 von 5.

Ist das sein Ernst?
Denkt HAHNE wirklich, dass er mit diesem Text einen sinnvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs leisten könnte?

Eine erste Frage muss man sich wohl als Rezensent vorab selber stellen: Verdient ein Autor, der sich in seiner Publikation mehrfach als Corona- und Klimawandelleugner outet (z.B.: “Da wird dann eine Grippe schon mal zur Pandemie und der jahrtausendalte Klimawandel zur aktuellen Katastrophe”) überhaupt die Mühe, die mit einer halbwegs differenzierten Bewertung seines Produktes verbunden ist?
Nun: Das Büchlein führt die aktuelle SPIEGEL-Bestseller-Liste an. Ignorieren hilft also nicht!

HAHNE widmet sich den großen Aufreger-Themen: Zuwanderung, Corona, Wokeness/Gendern, vermeintliche Fremdbestimmung im Rahmen der “verordneten” ökologischen Transformation, wirtschaftliche Probleme. Aus seiner Sicht weisen alle diese Punkte in die gleiche Richtung: auf eine politische und mediale Klasse, die idiotisch, ideologiegetrieben und unfähig ist und unser Land in Riesenschritten ins Verderben führt.

Wie geht der schreibende Wutbürger vor? Er legt eine Sammlung zahlreicher Skandälchen und Social-Media-Stürme vor, die in den letzten Jahren durch die Gazetten und Talkshows getrieben wurden. Peinliche Versprecher, gecancelte Veranstaltungen, Bespiele für Gender-Verirrungen und Fehlwirtschaft. Natürlich geht es um Zigeuner und Indianer, um Pipi Langstrumpf und die Versprecher von Baerbock,
Und dabei gibt es kein Zweifel: Ja, es gibt sie: Die Patzer, Absurditäten, Übertreibungen und Verirrungen in der sog. “Mainstream-Politik”. Es gibt das Kleinreden und Verschweigen von Fehlentwicklungen aus taktischen Erwägungen. Es gibt die voreilige und undifferenzierte Ausgrenzung von anderen Meinungen. Es gibt die Versuche, missliebige Meinungen und Personen zu canceln. Es gibt ein reflexhaftes und undifferenziertes “Gutmenschentum”, dem manchmal ein Realitätsbezug abhanden kommt. Es gibt im Bereich Feminismus, Antirassismus und Transgender Gruppen von Aktivisten, die jedes Maß verloren haben.
Die Frage ist allerdings: Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen und wie kann man es besser machen?

Ein HAHNEL unterscheidet nicht zwischen sinnvollen/notwendigen Zielen und Mängeln in der Umsetzung; er sieht nicht das zugrundeliegende Engagement für eine gute und alternativlose Sache (ökologische Wende), er unterstellt nicht mal eine Spur von Orientierung an Gemeinwohl und Zukunftssicherung. Das alles wäre viel zu differenziert.
Für HAHNEL sind einzig Idiotie und Ideologie die Quelle für alle Zumutungen – weil es ja für ihn die großen (unbequemen) Herausforderungen schlichtweg nicht gibt (und – siehe Coraona – nicht gab).

Interessant ist, was HAHNE auslässt: Zwar kann er Corona und den Klimawandel klein reden, doch den Ukraine-Krieg umschifft er – so, als ob er für die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation unseres Landes und für die Sachzwänge der Politik keine Bedeutung hätte. So viel Ignoranz ist bemerkenswert!
Es geht ihm offenbar nicht um die Zukunftsfragen, nicht um die fortschreitende wirtschaftliche Spaltung unserer Gesellschaft, um die Beteiligung der Superreichen an der Finanzierung unseres Gemeinwesens, um die Vorbereitung auf die Verwerfungen des Arbeitsmarktes im Rahmen von Digitalisierung, Automation und KI.
Natürlich sind die Wut-Bauern seine aktuellen Helden, haben sie doch einen Kristallisationspunkt für all das diffuse Unbehagen geschaffen, das aktuelle Krisen und bevorstehende Veränderungen offenbar auslösen.

HAHNE hat einen erschreckend uninspirierenden Text geschrieben; den Mangel an Ideen und Argumenten versucht der Autor durch die schiere Sprachgewalt seiner Tiraden auszugleichen: Da ist permanent von Idiotie, geistigem Gift, Diktat, Klima-Religion, Ernährungswahn, Sprachzerstörung, moralischem Größenwahn, Öko-Sozialismus, Günstlingswirtschaft, Gehirnwäsche, galoppierendem Wahnsinn, Olympiade des Schwachsinns, Denunziantentum, totalitärem Erziehungsprogramm, versifftem Lebensstil u.ä. die Rede.
Natürlich ist auch die Löwen-Hysterie, die sich als eine banale Wild-Sauerei entpuppte, ein Beleg für das totale Politik- Staats- und Medienversagen…
Ist das der neue Sachbuch-Bestseller-Stil, mit dessen Hilfe Deutschland wieder in gesunde Bahnen kommt?

Was will HAHNE? Freiheit, Privatheit, Wohlstand – ohne lästige Konfrontation mit den Erfordernissen der multiplen Krisen . Er möchte nicht behelligt werden von den großen, globalen Herausforderungen. Er will, dass alles so bleibt wie es vorher (vor Markel und der Ampel, zumindest von 2015). Hier schreibt einer, der es offenbar mit aller Macht darauf anlegt, passgenau das Klischee vom “alten weißen Mann” zu erfüllen, gegen das halbwegs differenzierte Menschen mit viel Mühe ankämpfen.
Seine erträumte Gegenwelt findet HAHNE in der Nostalgie-Sendung “Bares für Rares”: Hier findet der Vergangenheitsfreund eine von modernen Zumutungen freie Welt mit “Herz, Hirn und Humor”. Das passt.

Dieses Buch tut nichts anderes, als sich mit Hilfe schon vielfach durchgenudelter “Skandälchen” von Wokeness und Genderwahn auf der großen Frust- und Wutwelle zu reiten. Der Beitrag von HAHNE liegt weder in einer erhellenden Analyse noch in kreativen oder zukunftsweisenden Lösungsvorschlägen – sein Beiträge sind eine erschreckend vereinfachte Zuspitzung und ein sprachlicher Extremismus, der einem schier die Sprache verschlägt. Ich kenne keine Veröffentlichung des hier so ungebremst aggressiv angegangenen politischen Lagers, die mit einer solchen Kanonade von Beschimpfungen und Beleidigungen auf die andere Seite losgeht.
Dass sich ein solcher wutschnaubender Hetzer am Ende auf Gott und das Christentum bezieht, bringt das Fass endgültig zum Überlaufen. Hier will einer ganz offensichtlich Gräben aufreißen, nicht Brücken der Verständigung bauen. Sich dafür religiösen Beistand zu vereinnahmen, ist an Dreistigkeit kaum zu übertreffen!

Was ist mit unserem Land los, dass man mit einem so niveaulosen Pamphlet ohne jeden Neuigkeitswert die Bestseller-Liste erklimmen kann?
Ist das unser Ernst?

“Im Spiegel des Kosmos” von Neil de Grasse TYSON

Bewertung: 3.5 von 5.

Die Kernbotschaft des amerikanischen Astrophysikers TYSON ist eindeutig und nachvollziehbar: Eine an Rationalität und Naturwissenschaft orientierte Herangehensweise an die Menschheitsprobleme ist besser als alle Alternativen geeignet, zu einer gemeinsamen Sichtweise und zu wirksamen Lösungen zu kommen.

Als Fan der Raumfahrt und der Kosmologie nutzt der Autor für die Vermittlung einen durchaus beliebten Perspektivwechsel: Die Außensicht aus dem Weltall – gerne noch personalisiert in Form von knuffigen Aliens oder einer interstellaren KI – sollte den in ihren banalen und engstirnigen Denkweisen verstrickten Erdbewohnern ihre Beschränktheit vor Augen führen und so neue Horizonte und Entscheidungsoptionen eröffnen.

TYSON traut sich was zu; es sind die großen Themen, die ihn umtreiben: Er teilt uns seine Einsichten über Krieg, Politik, Religion, Wahrheit, Schönheit, Geschlecht und Rasse mit und sieht seinen Bezugspunkt jeweils in den Methoden und Werkzeugen der Wissenschaft – und deren Output: objektive und überprüfbare Daten!

Ob dieses Sachbuch zu einem Leser oder einer Leserin passt, entscheidet sich aber wohl eher am Schreibstil als am Inhalt.
Tysons Stil ist ein eher persönlicher. Er plaudert eher, als dass er einen streng-strukturierten Argumentationslinie folgt. Er bringt sich, seine Person und seine Laufbahn, gerne ins Spiel. Überhaupt gewinnt man zunehmend den Eindruck, das hier ein von sich selbst überzeugter und vielleicht auch ein wenig selbstverliebter Autor am Werke war.

Das führt auch dazu, dass es manchmal fließende Übergänge gibt zwischen der “objektiven” Befundlage und dem individuellen Weltbild von TYSON: So irritiert zunächst der längere Exkurs in die mögliche “Empfindungsfähigkeit” von Pflanzen – bis dann klar wird, dass der Autor seine (so gar nicht wissenschaftlich zu begründende) Freude am Fleischkonsum damit rechtfertigt, dass ja auch unsere pflanzliche Ernährung vielleicht “Leid” erzeuge.

Es liest sich durchaus erfrischend, die ein oder andere Absurdität menschlicher Verhaltensweisen und Gewohnheiten durch den Spiegel einer Außenperspektive zu entlarven. Als Lesender profitiert man ohne Zweifel von dem Kaleidoskop von Einzelperspektiven, die TYSONs Suchscheinwerfer auf die Welt, ihre Schönheit und ihre Geheimnisse richten. Wir profitieren von den Erfahrungen und Erkenntnissen einer intensiv gelebten und von Erfolgen und Anerkennung gekrönten Wissenschaftler-Biografie.
Ob man mit der “Schattenseite” – einer recht üppig geratenen Selbstüberzeugtheit und einer Tendenz zum Anekdotischen – zurechtkommt, ist wohl nur individuell zu beantworten.

“Alles überall auf einmal” von Miriam MECKEL und Léa STEINACKER

Bewertung: 5 von 5.

KI (Künstliche Intelligenz) ist das aktuelle Mega-Thema und ein riesiger Markt; das wirkt sich auch auf die Anzahl der Veröffentlichungen zu diesem Thema aus. Es wäre daher nicht unwahrscheinlich, wenn sich eine ganze Flut von mehr oder weniger oberflächlichen, mit heißer Nadel gestrickten und damit austauschbaren Publikationen in die Buchläden ergießen würden.
Das hier besprochenen Sachbuch spielt allerdings in einer völlig anderen Liga: Hier wird ein Standard gesetzt für die Durchdringung und Aufbereitung des Themas, an dem man sich – zumindest in der nächsten Zeit – zweifellos messen lassen muss.

Die Kommunikationswissenschaftlerin MECKEL und die Sozialwissenschaftlerin/Journalistin STEINACKER heben sich auf eine wohltuende und souveräne Art sowohl von den Technik-Enthusiasten, als auch von den Weltuntergangs-Mahnern ab. Mit einem weit gefassten Blick, jeder Menge Sachkenntnis und einem bemerkenswerten Gespür für stilistisch ansprechende Darstellung wird nicht nur umfassend informiert, sondern auch – gut begründete – Einordnungen und Bewertungen vorgenommen.

Es ist wirklich erstaunlich, dass es in einem, in diesem Buch gelingt, sowohl die Geschichte der KI zu skizzieren, die Grundmechanismen der aktuell so aufsehenerregenden “großen Sprachmodelle” zu erklären, ein Gefühl für die wirtschaftlichen Zusammenhänge und die gesellschaftliche Bedeutung zu vermitteln – und differenziert über die Notwendigkeiten und Möglichkeiten einer Regulierung der disruptiven Technologien aufzuklären.
Und irgendwie ist das alles verständlich und nachvollziehbar. Respekt!

Die Autorinnen nehmen sich Zeit für die kritischen Aspekte der KI-Revolution. Dabei geht es ihnen weniger um die Befürchtungen bzgl. einer Machtübernahme der digitalen Maschinen (einschließlich der dann offenbar anstehenden Vernichtung der Menschheit). MECKEL und STEINACKER machen deutlich, dass wir ja längst im Zeitalter der KI leben und deshalb gut beraten sind, uns mit den bereits beobachtbaren Auswirkungen zu befassen.
Auf praktischer Ebene betrifft das nicht nur – bereits sattsam diskutierten – Konsequenzen der Algorithmen unserer Social-Media-Kanäle, sondern auch die inhaltlichen Schwächen in den generierten Texten der neuen Sprachwunderwerke. Damit sind nicht nur sachliche Fehler (z.B. “Halluzinationen”) gemeint, sondern auch die “Verzerrungen” in der Darstellung, die auf eine einseitige Auswahl des Trainings-Datenmaterials zurückzuführen sind (die Welt der “weißen Männer” ist überrepräsentiert).
Dabei wäre durchaus kontrovers zu diskutieren (auch das wird angedeutet), ob man es den KI-Systemen wirklich anlasten darf (sollte), wenn sie gesellschaftliche Wirklichkeiten abbilden (statt vorgegebenen “woken” Prinzipien zu dienen).

Mit welcher Tiefe die unterschiedlichen Aspekte abgehandelt werden, mögen zwei Beispiele demonstrieren:
So machen die Autorinnen darauf aufmerksam, dass das Trainingsmaterial (das frei verfügbare Internet) durchaus endlich ist. Mittel- und langfristig ist davon auszugehen, dass die zukünftigen Systeme immer weniger hochwertiges (genuin menschengemachte) Daten vorfinden, sondern immer stärker auf bereits durch KI bearbeitete Texte zurückgreifen müssen. Hier droht ein Qualitätsverslust.
MECKEL und STEINACKER lassen es sich auch nicht nehmen, sich mit den Konsequenzen der KI-Zukunft auf das Selbstbild des Menschen zu befassen; damit bekommen die sowieso schon breit gefächerten Perspektiven noch einen philosophischen Touch.

Dieses Buch ist uneingeschränkt für alle diejenigen zu empfehlen, die mit einem soliden Rüstzeug und einem gut geeichten inneren Kompass in das Zeitalter der KI eintreten möchten. Die hier angesprochenen Themen und die ‘Art ihrer Diskussion haben durchweg grundsätzlichen Charakter und sind ganz sicher auch dann noch relevant, wenn die aktuelle Spitzen-Technologie nicht mehr GPT4 sondern GPT8 oder 10 heißt.
So etwas wie Enttäuschung könnten eigentlich nur ausgesprochene Technik-Freaks empfinden – aber die greifen ganz sicher auf andere Quellen zurück.

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“Kapitalismus ohne Demokratie” von Quinn SLOBODIAN

Bewertung: 4 von 5.

Der kanadische Historiker SLOBODIAN nimmt in diesem politischen Sachbuch eine Facette des kapitalistischen Wirtschaftsmodells unter die Lupe, die in der öffentlichen Diskussion eher im Hintergrund steht. Für die Leserschaft dieser Publikation wird sich das ganz sicher sehr grundsätzlich ändern.

Der Autor nimmt uns mit auf eine spannende Reise durch die Zeit- und Wirtschaftsgeschichte der letzten ca. 40 Jahre. Sein Navi hat eine klare Voreinstellung: Er sucht (und findet) Orte, in denen sich der Kapitalismus möglichst ungestört und ungehemmt entwickeln (man könnte auch sagen “austoben”) sollte (und meist auch konnte). SLOBODIAN schaut dabei sehr genau hin: Wenn er über Honkong, Singapur, London, Südafrika, Lichtenstein, Dubai und viele andere Sonderwirtschaftszonen und Steuerparadiese schreibt, erfahren wir viel über die beteiligten politischen Kräfte und die zugrundeliegenden Wirtschafts-Theorien und deren ideologischen Ideengeber.

Beeindruckend und überraschend ist dabei weniger die Tatsache, dass Investoren und Befürworter eines radikalen Neo-Liberalismus von bestimmten “wirtschaftsfreundlichen” Rahmenbedingungen geradezu magisch angezogen werden. Überraschend und erschreckend ist allerdings die Unverblümtheit und Selbstgewissheit, mit der das Primat der Gewinnmaximierung gegenüber allen anderen gesellschaftlichen und politischen Werten und Zielen vertreten wird.
Kenntnisreich und akribisch verfolgt der Autor die Spur der Markt-Radikalen im Unternehmertum, in der Wirtschaftswissenschaft und der (insbesondere britischen, amerikanischen und chinesischen) Politik. Er führt uns bis in die – gar nicht so kleine – Welt der “Anarcho-Kapitalisten”, die ganz offen dafür werben, nicht nur die Demokratie, sondern gleich den ganzen Staat abzuschaffen und durch private Organisationen zu ersetzen. Ein Ziel dieser Leute ist es, möglichst viele selbständige und konkurrierende (staatliche bzw. ausgegliederte) Einheiten zu schaffen, um den Einfluss gesellschaftlicher Kräfte möglichst niedrig zu halten.
Dieser Blick auf die “Urkräfte” eines ungezügelten kapitalistischen Denkens betrifft keineswegs eine kleine Schmuddelecke: Der Kampf um die Gunst der globalen Investoren führt zu einem Steuerdumping und Subventionswettlauf, der die gesamte Weltwirtschaft tangiert.

SLOBODIAN schreibt das alles in einem gut lesbaren Stil, der ohne Wirtschafts-Fachspräche auskommt. Es handelt sich um sachlichen Journalismus, ohne Effekthascherei. Zwar ist die kritische Grundhaltung des Autors nicht zu übersehen, er verzichtet aber weitgehend auf polemische Kommentierungen.

Am Ende des Buches wundert man sich (als vermeintlich halbwegs informierter Bürger), warum man mit dieser Seite des Kapitalismus so wenig konfrontiert wurde bzw. wird. Möglicherweise spielt dabei eine Rolle, dass sich unsere heimischen Konflikte in dem vergleichsweise befriedeten Umfeld der “Sozialen Marktwirtschaft” abspielen.
Dieses extrem informative Buch weitet den Blick auf die globalen Kräfte, die – ganz ohne Scham – ausschließlich die Interessen einer kleinen Elite von Superreichen verfolgen.
Gesellschaftliche Verantwortung wird dabei nicht nur relativiert, sondern rundweg abgelehnt.
Auch die Gegenkräfte werden vom Autor untersucht; auf die gelegentlichen Erfolge wird kurz hingewiesen.

Dem Buch hätte ein zusammenfassendes und einordnendes Schlusskapitel gut getan; es endet etwas abrupt. Das schmälert aber nicht den großen Informationswert. Das hier vermittelte zeitgeschichtliche Wissen hilft ganz sicher beim Verständnis und bei der Beurteilung der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen und Konflikte.

“Die Kinder hören Pink Floyd” von Alexander Gorkow

Bewertung: 4 von 5.

Der Schriftsteller und Journalist GORKOW war und ist mit diesem Stimmungsbild aus den 70iger Jahren sehr erfolgreich. Trotz des motivierenden Titels hat es ein paar Jährchen gedauert, bis sein Roman mich schließlich erreicht hat.

GORKOW berichtet so authentisch aus der Innensicht eines Kindes, dass der Verdacht einer autobiografischen Färbung nahe liegt. Sein Jahrgang (1966) lässt es problemlos zu, dass die Musik von Pink Floyd tatsächlich seine Kindheit begleitet hat. Allerdings ist der enge Bezug zu den unerreichbaren Stars, deren Musik und Texte im Roman als Ausdruck eines umfassenden gesellschaftlichen Umbruchs empfunden werden, der deutlich älteren Schwester zu verdanken. Einer lebensbedrohenden chronischen Erkrankung ist es zuzuschreiben, dass sie (meist “Kind Nummer 1” genannt) in dieser bürgerlichen Familie ihre extreme Lust an der – kulturellen und politischen – Provokation weitgehend unsanktioniert ausleben kann.
Auch die anderen Familienmitglieder werden durchweg in ihrer Funktion (“der Vater”, “die Mutter”) angesprochen und in ihren typischen Charakteren gezeichnet. Genau wie bei den anderen kindlichen und erwachsenen Figuren werden die Konturen (die kleinen und großen Macken) scharf herausgearbeitet. So ergibt sich der Eindruck, dass die Menschen dieser Zeit irgendwie markanter und eigentümlicher waren, dass es noch mehr echte “Originale” gab.

Das entscheidende Stilmittel dieser zeitgeschichtlichen Milieustudie aus dem Umfeld von Düsseldorf besteht darin, dass GORKOW den bruchstückhaften und ungeordneten Erlebens- und Verständnisfetzen eines 10jährigen Bewusstseins eine Stimme verleiht.
Wir bekommen dabei nicht nur vermittelt, wie sich die genuin kindliche (soziale und schulische) Welt für “den Jungen” darstellt, sondern – was noch viel spannender ist – wie sich die oft fremden und absurden Aspekte des Erwachsenenlebens in seinen Empfindungen spiegeln – und wie er sie zu ordnen und mit Sinn zu versehen versucht.
So entsteht für die Lesenden ein Kaleidoskop von Bildern, Verhaltens- und Sprachmustern, die sich insgesamt zu einem lebendigen und grell ausgeleuchteten Panorama zusammensetzen.

Immer wieder wird deutlich, dass GORKOW nicht nur eine Art “Sittengemälde” der Zeit zeichnen, sondern auch tief in die Kiste der Nostalgie greifen wollte. Genussvoll nennt er immer wieder die Marken typischer Alltagsgegenstände und vertraut darauf, dass diese bei der Leserschaft wohlige Erinnerungen hervorrufen. Das wirkt allerdings in der Häufung ein wenig sehr “gewollt”.
Es lässt sich wohl auch kaum übersehen (und sicher auch nicht vermeiden), dass sich oft in die vermeintlich authentisch-kindliche Wahrnehmung bzw. Bewertung doch die distanzierte rückblickende Reflexion mischt. Damit kann man gut leben.

Es ist ein erfrischender und liebevoller Text, der – eher assoziativ als chronologisch erzählt – ein Gespür auch für kleine Details hat und dabei gerne aus dem Vollem schöpft: Es geht insgesamt eher heftig und deftig zu, in dieser Welt des Übergangs und Umbruchs. So dürfen dann tatsächlich die jeweils neuen Alben von Pink Floyd sogar auf dem heiligen “Thorens” des Vaters abgespielt werden. Da zeichnet sich eine erste Öffnung in der ansonsten festgefügten (spieß)bürgerlichen Weltsicht.

Netterweise erfahren wir im Epilog, warum GORKOW ausgerechnet Pink Floyd die Rolle zugeschrieben hat, als roter Faden durch die Kindheit “des Jungen” zu führen: Der Autor hat sich zu einem extrem leidenschaftlichen Fan entwickelt und die Supergroup ist sogar eine Teil seines journalistischen Lebens geworden (bis hin zur persönlichen Bekanntschaft mit Roger Waters).

Es wurde Zeit, dieses Buch mal endlich zu lesen…

“Der Hunger nach Leben” von Ella ZEISS

Bewertung: 3 von 5.

In diesem historischen Roman wird die Geschichte von Noah erzählt, der als Sohn einer ukrainischen Bauernfamilie mit den Folgen von Willkür, Not und Unterdrückung in der Zeit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft zu kämpfen hat.
Wir erfahren, wie ihm in den 1930-iger Jahren schon im Kindesalter die Verantwortung zukam, das Überleben seiner Familie (Mutter und drei jüngere Geschwister) zu sichern.

Der Autorin gelingt es dabei auf überzeugende Weise, das Erleben von hilfloser Wut, Verzweiflung, aber auch unbändigem Überlebenswillen aus der Binnenperspektive eines Kindes bzw. Jugendlichen nachvollziehbar zu machen. Dass dem Jungen dabei fast übermenschliche Kräfte zugeschrieben werden, ist angesichts der Dramatik der Ereignisse akzeptabel.

Die Stärke des Romanes liegt darin, die Schikanen der Mächtigen (Parteifunktionäre und deren Zuarbeiter) und deren zermürbende Auswirkungen auf die vermeintlichen Klassenfeiende in das konkrete Alltagsleben einer Familie zu übertragen. So spiegeln sich Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch nicht in abstrakten Strukturen, sondern im täglichen Hunger und in quälender Not der beschriebenen Familie.

Schwächen zeigt der sehr persönliche und emotionale Erzählstil der Autorin dort, wo man als Leser/in etwas weitergehende zeitgeschichtliche Hintergrundinformationen erwartet. Es wird – über die örtlichen Unterdrückungsstrukturen hinaus – kein historischer Rahmen bzw. Überbau angeboten, der zur Einordung der Geschehnisse in die politischen Entwicklungen dieser Zeit dienen könnte.
Zwar erfährt man von dem ideologischen Kampf gegen die “Kulaken” (die vermeintlich reichen Privatbauern), die ideologischen Hintergründe, die Größenordnung und die zeitgeschichtliche Bedeutung dieser Ereignisse werden im Text nicht wirklich deutlich.

So bleibt dieser Roman eine beeindruckende und anrührende Einzelfall-Schilderung. Mit nur begrenztem Aufwand hätte er darüber hinaus noch deutlich mehr vermitteln können.
Schade!

“Die Stadt und ihre ungewisse Mauer” von Haruki MURAKAMI

Bewertung: 3 von 5.

Mit diesem Roman greift MURAKAMI – wie der international renommierte japanische Autor selbst uns in einem Nachwort verrät – auf eine seiner ersten Kurzgeschichten aus den 80iger Jahren zurück. Mit dieser mehrfach verschobenen Erweiterung und Neubearbeitung legt der Autor möglicherweise sein “Alterswerk” vor.

Den Büchern des Japaners wird man am wenigsten dadurch gerecht, dass man nach dem Plot, also dem Handlungsverlauf, sucht. In den meisten Fällen dienen diese Geschichten nur als eine Art Rahmen, in denen MURAKAMI seine typischen (und inzwischen weltberühmten) Fäden zwischen unterschiedlichen Realitätsebenen spinnen kann. Das Spiel mit Metaphern und die fast schmerzhaften Wiederholungen bestimmte Einzelheiten schaffen eher eine charakteristische, oft geradezu meditative Stimmung, als dass sie eine übliche literarische Leseerfahrung bieten.
Um es anders zu sagen: Erfahrene MURAKAMI-Leser erwarten nicht wirklich eine in sich kohärente und logisch aufgebaute Handlung, in der ein Erzählstrang zu einem befriedigenden Ende geführt wird.

Diesmal werden von Anfang an zwei klar unterscheidbare Realitäts-Dimensionen eingeführt: Die titelgebende Fantasie-Stadt entsteht zunächst als Gedankenspiel innerhalb einer jugendlichen Liebesgeschichte und wird im Laufe der Erzählung ein übergreifendes metaphorisches Thema, dass den Protagonisten bis weit ins Erwachsenenalter begleitet (bzw. ihn dort wieder einholt).
Die durch eine unbezwingbare Mauer umgebene und vom Rest der Welt völlig isolierte Stadt weist eine Reihe von Absurditäten auf: In ihr gelten besondere Regeln und Gewohnheiten, hier existiert eine besondere Tierart und die Bibliothek, in der die Hauptfigur eine Weile tätig ist, beinhaltet keine Bücher sondern alte Träume in speziellen Gefäßen.
Das aus anderen Büchern bekannte Thema “Schatten” spielt auch hier eine Rolle: Beim Eintritt in die Stadt muss der eigene Schatten beim strengen Tor-Wächter abgegeben werden (und die Chance, ihn lebend zurückzubekommen, ist ziemlich gering).

Nach einem ersten Aufenthalt gelingt dem Erzähler eine Rückkehr in die “richtigen” Welt und leitet dort später eine Kleinstadt-Bibliothek. Hier entspannt sich eine zunächst vergleichsweise “normale” Geschichte, in der sein Vorgänger, ein sehr sonderbarer Junge und eine Café-Besitzerin eine Rolle spielen.
Nachdem sich zeigt, dass der frühere Bibliothekar bereits längere Zeit tot ist und nur als Geist präsent ist und der Junge unbedingt in die geheime und verborgene Stadt möchte, zerbricht die Illusion einer klar definierten Realität endgültig.

Bemerkenswert ist, dass der Erzähler selbst innerhalb der Geschichte – sozusagen auf einer erklärenden Meta-Ebene – Betrachtungen über den Schreibstil des “Magischen Realismus” anstellt und den Widerstreit zwischen den zwei Welten offen thematisiert.

Was soll man nun von all dem halten?
Es liegt nahe, dass MURAKAMI letztlich über unterschiedliche menschliche Bewusstseinsebenen schreibt, die wohl im Allgemeinen klar getrennt sind, sich gelegentlich aber (z.B. in Träumen) miteinander vermischen. Man könnte also versuchen, in den Bildern und Metaphern Bezüge zu solchen (verborgenen) Bewusstseins-Dimensionen und ihren Verstrickungen zu finden.
Möglich wäre es auch, einfach in die “Verrücktheiten” dieser Erzählform einzutauchen und sich auf den Wellen der unzähligen Wiederholungen treiben zu lassen – ohne den Versuch einer intellektuellen psychologischen oder literarischen Analyse.
Manche MURAKAMI-Fans können sich vielleicht auch einfach an den lieb gewordenen Absurditäten erfreuen und sich zwischendurch auf die kleinen Inseln normaler Erzählstruktur zurückziehen.

Wenn auch diese – und sicher noch ein paar andere – Zugänge möglich sind und einen potentiellen Lesegenuss versprechen, ist doch davon auszugehen, dass MURAKAMI viele andere Leser/innen eher verstören und überfordern wird.
Dazu trägt sicher auch bei, dass die Gesamtgeschichte nicht sehr kohärent wirkt: Man merkt ihr an, dass sie in der Überarbeitung aus zwei Teilgeschichten zusammengesetzt wurde.

Es könnte gut sein, dass letztlich nur die gewohnt perfekte Vorlesestimme von David Nathan dafür verantwortlich war, dass ich diesen Roman bis zum – wenig erhellenden – Ende durchgehalten habe.