Corona-Paket

Es hätte schlimmer kommen können!
Man muss sich freuen, dass die Koalition sich letztlich nicht getraut hat, all die Menschen restlos zu enttäuschen, die auf ein Nachhaltigkeits-Zeichen gehofft haben.
Das Symbol war die Auto-Prämie (für Verbrenner); das Symbol wurde vermieden.
Und sonst?

Die Mehrwertsteuer-Kürzung ist echt teuer für den Staat, bringt aber dem Einzelnen nicht wirklich etwas Spürbares ein. Ich verstehe die Logik nicht wirklich. Und ich verstehe es ebenfalls nicht, warum nicht irgendeine Lenkung eingebaut wurde: Für bestimmte Ziele, Produkte oder Wirtschaftsbereiche. Warum die Gießkanne?
Vermutlich weil die Auto-Ministerpräsidenten jetzt sagen können: „So bekommt auch das Dinosaurier-Modell von Daimler, Porsche, BMW oder Audi noch seine Prämie“ (bei 70.000 € immer hin noch 2100 €).

Über die restlichen Punkte kann man sicher lange diskutieren.
Eine Diskussion darüber, dass uns mehr Konsum und Wachstum langfristig nicht schützt sondern massiv gefährdet, steht sowieso noch an.
Was wohl passieren muss, um diese in gang zu setzen?

Echter Aufbruch sieht jedenfalls anders aus.

„Soziale Arbeit als Dienstleistung?“ von Silvia

Dies ist ein sehr grundsätzliches Statement zur Ausgestaltung von Sozialer Arbeit (vor allem in der Jugendhilfe). Er basiert auf den jahrzehntelangen Erfahrungen von Silvia und wurde aktuell motiviert durch einen Artikel über die Jugendhilfe in der ZEIT (Nr. 23/2020).

Vor mehr als 45 Jahren wünschten sich meine Eltern, dass ich doch bitte eine Banklehre machen sollte. Sie sorgten sich um mein Seelenheil und hatten ebenfalls im Blick, dass ich mit meiner Berufswahl sehr geringe Chancen haben würde, Reichtum anzuhäufen. Aber mein Entschluss stand fest. Ich wollte etwas bewegen in dieser Welt und die Erwachsenen erschienen mir nicht sehr geeignet dafür, ihre Komfortzone zu verlassen und neue Wege zu beschreiten.

Mein Weg durch unterschiedlichste soziale Bereiche begann und ließ mich wachsen und reifen. Ich war eine „Überzeugungstäterin“ und bin es bis heute, nach über 45 Jahren sozialer Arbeit. Neue Konzepte kamen und gingen, wiederholten sich, widersprachen sich und der Kern meiner, unserer Arbeit blieb doch immer gleich. Es galt und gilt, Menschen jeglichen Alters neue Wege aufzuzeigen und ihnen Mut zu machen, diese auch zu beschreiten.

Ja, es veränderte sich vieles, auch zum Guten. Während ich zu Beginn in einer katholischen Einrichtung erleben musste, dass Kinder gedemütigt und geschlagen wurden, dass es Schlafräume mit 20 Betten gab, auf denen morgens Kuscheltiere drapiert wurden, um die Armseligkeit des alltäglichen Umgangs mit den Kindern zu verschleiern, wandelten sich in einem doch bemerkenswerten Tempo die äußeren Bedingungen in der Heimerziehung und auch in anderen sozialen Einrichtungen. Viele differenzierte Angebote wurden ins Leben gerufen. Sie sollten die Chancen der Kinder, der Jugendlichen und der Eltern verbessern. Mehr und mehr wandelte sich auch die Haltung gegenüber der Arbeit, gegenüber den Kindern und Jugendlichen.

Zwei Ereignisse ließen mich aufhorchen, sensibilisierten mich für das große Ganze und läuteten eine Zeit ein, in der ich einen schleichenden, aber gravierenden Wandel in der sozialen Arbeit erlebte.
Eines Abends saß ich mit Freunden am Tresen meiner Lieblingskneipe, da tickte mir jemand von hinten auf die Schulter und sagte leicht süffisant: “ Na, hallo Mutter Theresa!“
Kurz darauf erlebte ich, wie mir morgens bei meiner Ankunft im Büro ein Ordner zum Qualitätsmanagement überreicht wurde. Ich war in der freien Wirtschaft angekommen. Die Arbeit sollte überprüfbarer werden, strukturierter, effektiver. Das alles mit Blick auf den einzelnen Sozialarbeiter, Betreuer, Erzieher, im Heim, im Amt, in der offenen Jugendarbeit. Diese Entwicklung erlebte ich als fatal. Leidenschaft und Liebe zu dem Beruf, Gefühle, Empathie und Hilfsbereitschaft wurden Kriterien untergeordnet, die datenmäßig erfasst werden konnten. Ziele für die Betroffenen, die unsere Hilfe suchten, konnten teilweise mit Zahlencodes wiedergegeben werden. Wer sich dem nicht unterordnete, erschien schnell unprofessionell.

Mit der Zeit konnte ich feststellen, dass sich der Krankenstand erhöhte, Burnout und Kündigungen gehörten mehr und mehr zum Alltag in Ämtern und sozialen Einrichtungen. Jugendamtsleitungen kamen aus dem Verwaltungsbereich und Stechuhren wurden angeschafft, um die Kontrolle der Sozialarbeiter zu verbessern.
Ungesagt möchte ich nicht lassen, dass ich in all diesen Jahren immer wieder auf Ämter, Teams und Einzelne gestoßen bin, die sich diesem gesellschaftlichen Trend erfolgreich widersetzten. Erfolgreich heißt für mich, dass ihr eigenes Wohlbefinden in der Arbeit spürbar war, dass sie mit ihren Möglichkeiten der Kommunikation und der Selbstfürsorge den Hilfesuchenden eine Plattform bieten konnten, auf der diese langsam ihr Misstrauen ablegen und Hilfe annehmen konnten.

Die Geschichte der sozialen Arbeit hat eine lange Tradition und spiegelt in allen Zeiten die Haltung der Gesellschaft wieder. In der heutigen Zeit, die in unseren Breitengraden geprägt ist von den Göttern des Konsums und der schnellen Befriedigung aller sich ständig verändernden Bedürfnisse, werden die Handlungen der Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, auch immer deutlicher daran gemessen, wie effektiv sie dies eigentlich tun. Und der Maßstab dafür ist weit entfernt von den Bedürfnissen, die eigentlich das Miteinander von Hilfesuchenden und Helfern prägen sollte.

Gerade in den letzten Tagen steht mal wieder das Jugendamt in der öffentlichen Kritik. Anerkennend muss ich sagen, dass auch die Überbelastung der Mitarbeiter zum Thema wird, aber das ist meiner Meinung nach nicht der Kern des Problems. Der Kern ist, dass Kreativität, Phantasie, Intuition, menschliche Wärme, Empathie und der Mut, Grenzen benennen und durchsetzen zu dürfen und zu können, erstmal keine Voraussetzungen sind, die statistisch überprüfbar scheinen. Aber diese Fähigkeiten gehören dazu, wenn man erfolgreich sein will in unserem Beruf.

Ich hätte schon einige sehr klare Veränderungswünsche und Vorschläge. Sie betreffen zum Beispiel die Ausbildungssituation, die Einsatzorte, die Haltung gegenüber Menschen, die sich für Menschen engagieren, Gesetze, die die Eigenverantwortung der Menschen stärken und, und, und. Es ist ein weites Feld, so differenziert und vielschichtig, wie jeder Einzelne.

Warum ich nach all den Jahren noch immer aus Überzeugung im sozialen Bereich arbeite, werde ich manchmal gefragt. Es ist ganz einfach. Es ist eine Aufgabe, die meinen Fähigkeiten entspricht, in der ich ständig lernen kann, die mich mit Freude erfüllt und mich mit mir selber konfrontiert. Und wie bei jedem anderen Beruf kann ich sagen, dass Leidenschaft die Voraussetzung dafür ist, dass man etwas Gutes bewirken oder erschaffen kann. Fachlichkeit ist mit Sicherheit eine unentbehrliche Grundlage, aber sie muss eingebettet sein in eine Struktur, die die Lebendigkeit menschlicher Begegnungen zur Grundlage hat.

Und von dem „Mutter Theresa Quatsch“ lass ich mich bis heute nicht beirren.

„Das große Welttheater“ von Philipp BLOM

Ich schreibe hier über ein ganz aktuelles Büchlein, das eher ein Essay als ein Sachbuch ist.

Das Lesen dieses Textes hat mir sowohl ein literarisches Vergnügen bereitet als auch einen inhaltlichen Gewinn hinterlassen.
Das will ich kurz begründen.

BLOM habe ich bereits schätzen gelernt: sowohl als Autor eines Sachbuches (in der großen Nachhaltigkeit-Thematik), als auch als Erzähler eines Romans.
Der aktuelle Text ist eine kulturhistorische Betrachtung, in dessen Zentrum ganz klar die unabdingbare Notwendigkeit einer Transformation unseres gesamten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens steht. Die Gründe für diesen Veränderungsdruck sind hinlänglich bekannt. BLOM fasst die Ausgangslage nur ganz kurz zusammen. Auch das gelingt ihm in einer beeindruckenden Klarheit und Konsequenz. In wirklich sehr eindrücklicher Weise wird z.B. dem Leser vor Augen geführt, welch winzigen historischen Ausschnitt des menschlichen Lebens auf diesem Planeten wir gerade als Maßstab für Wohlstand und Konsum betrachten.

Die eigentliche Leistung des Textes – sein Alleinstellungsmerkmal – liegt  jedoch an einem anderen Punkt: Er besticht durch den besonderen Zugang zum Thema und die inhaltliche und sprachliche Ausgestaltung. Dieser Essay ist – ganz unabhängig von der Thematik – ein eigenes Sprachkunstwerk!

BLOM präsentiert seine Ausführungen auf der der Bühne der Kultur. Das macht nicht nur der Titel deutlich, dass zieht sich durch den gesamten Text. Der Autor schöpft aus einem großen Fundus von Literatur und Drama und bezieht (poetische) Zitate und künstlerische Grundthemen auf seine große Argumentationslinie.  Dieser – sowieso schon beeindruckende und intelligente – Bogen von Kulturgeschichte zu Gegenwartsproblemen wird noch angereichert durch ein biografischen Anker-Bild, das den Begriff Welttheater noch lebendiger macht. Ziemlich genial!

Die Kernthese des Essays ist zwar nicht neu, wird hier aber auf eine einzigartige und geradezu elegante Art hergeleitet: Gesellschaften orientieren sich an sinnstiftenden Erzählungen (heute nennt man sie Narrative), die dem Leben und Wirtschaften eine Struktur, ein Ziel und eine Legitimation geben. Umbruchphasen – wir erleben ohne Zweifel gerade eine davon – sind dadurch gekennzeichnet, dass ein altes Gesellschafts-Modell nicht mehr funktioniert, es aber noch kein neues, verbindendes Narrativ als Leitlinie für die anstehende Transformation gibt. Nachhaltigkeit ist zwar ein bedeutsamer und passender Begriff, der aber noch nicht in eine tragende und auch emotional verankerte Erzählung eingewoben ist.
Es ist anrührend, dass in diesem hochgeistigen Text ausgerechnet Greta mit ihrem Klimastreik-Plakat als einziges Beispiel einer Blaupause für ein Zukunfts-Narrativ genannt wird.

Gibt es etwas zu kritisieren?
Man muss zunächst akzeptieren, dass BLOM hier einen Text vorlegt, der sich wohl eher an das klassische Bildungsbürgertum richtet als an den Nachhaltigkeits-Mainstream. Wie schon gesagt: Es ist ein anderer Zugang.
Was dazu passt: Der Essay wird hier sozusagen zweitverwertet. Es handelt sich ursprünglich um eine Art Auftragsarbeit zum 100. Jubiläum der Salzburger Festspiele. Das erklärt sicher auch die besondere Affinität zur literarischen und darstellenden Kultur.
Darf man so einer Publikation vorhalten, dass 18 € für knapp zwei Stunden Lesezeit viel Geld ist? Das muss wohl jeder selbst entscheiden. Es geht hier nicht um Gebrauchs-Literatur, die man nach Seitenzahlen bemisst, zumal man diesen Text sich gerne ein zweites Mal liest.

Mein Schlussurteil:
Gelegentlich hat man in den Feuilletons der letzten Jahren darüber geklagt, dass Deutschlands Intellektuelle sich nicht mehr so kraftvoll zu Wort melden würden wie in den guten alten Zeiten von Grass und Böll. Ich kann nicht beurteilen, ob das jemals so gestimmt hat. BLOM gehört mit diesem Text jedenfalls ganz eindeutig zu den Intellektuellen, auf die dieses Kulturland stolz sein kann.

„Die Knochenuhren“ von David MITSCHELL

Dieser Leser passte nicht zu mir. Schade!
Dabei hat sich mein Autor so dolle angestrengt.

In mir werden gleich sechs verschiedene Geschichten erzählt, mit unterschiedlichen Grundthemen und aus verschiedenen Zeiten.
Es geht um eine wichtige Entwicklungsphase eines jungen Mädchens, um snobistische Studenten, einen engagierten Kriegsreporter und einen frustrierten Schriftsteller.
Dann wird in einem meiner Kapitel erklärt, wie das alles zusammenhängt: Der Kampf zweier übersinnlicher Bruderschaften ist nämlich auf geheimnisvolle Weise mit dem Schicksal einiger Menschen, von denen ich berichte, verbunden.
Und zum Schluss (das Mädchen vom Anfang ist inzwischen richtig alt) wird in mir ich sogar noch einen Blick in die – alles andere als rosige – Zukunft der Menschheit geworfen.

Der Typ, der mich geschrieben hat, versteht wirklich sein Handwerk. Er hat eine irre Fantasie und kann wirklich gut mit Sprache umgehen.
Wie muss man drauf sein, um davon nicht begeistert zu sein?!

Also dieser Leser war tatsächlich schwierig. Für ihn war das gar nicht so attraktiv, dass er eigentlich gleich sechs ganz verschiedene Buchsorten auf einmal bekam. Er sah darin nicht so einen großen Gewinn. Weil er nämlich gar nicht alle diese Varianten mag.
Dabei war es gar nicht so, dass ihn alle meine Themen unberührt ließen. Die Sache mit dem Irakkrieg fand er durchaus relevant, die Literaturszene und die drohenden Zukunftsrisiken interessierten ihn auch. Aber dann störte er sich plötzlich an einer angeblichen Weitschweifigkeit oder Redundanz.

Besonders bei den Dingen, die über den normalen Horizont hinausgehen, ist er viel zu kritisch und engstirnig. Wenn man schon die Realität verlässt – so denkt er – dann sollte man daraus irgendeinen Nutzen (eine Erkenntnis?) für das echte Leben ableiten können. Als ob man nicht auch einfach mal ein bisschen rumfabulieren könnte – so aus Spaß an der Freud.
Komischerweise nerven ihn besonders sämtliche Varianten von Kampfbeschreibungen: In diesen Höhepunkten, wo jeder normale Leser vor Spannung zittert, langweilt er sich fast zu Tode. Wo man doch bis zuletzt nie weiß, ob die Heldin – gegen jede Wahrscheinlich – überlebt. Ein seltsamer Mensch…

Ich habe wirklich andere Leser verdient. Solche, die sich einfach auch mal einlassen können, die eben mal abschalten wollen von der schnöden Alltäglichkeit und der nüchternen Rationalität. Die nicht immer nach dem Nutzen suchen oder nach der Botschaft.
Zum Glück gibt es jede Menge solcher Leser. Und richtige professionelle Kritiker finden mich übrigen auch toll. Es ist nämlich modern, so querbeet durch die Genres hüpfen.

Soll der Typ doch einfach was anderes lesen!

Öko-Europa?

Wir sind echt nahe dran!
Die EU-Kommission hat gerade einen Plan aufgelegt, der – auf dem Hintergrund eines Corona-Hilfspaketes – eine ökologische Erneuerung einleiten könnte, von der man in dieser Größenordnung noch vor kurzer Zeit kaum hätte träumen können.
Es wäre wohl kaum übertrieben, diese Initiative als weltweit einmalig und vorbildlich zu bezeichnen.

Es könnte sich also etwas bewegen – denn immerhin ist dieser Plan schon so etwas wie „offizielle“ Politik. So weit waren wir also tatsächlich noch nie!

Ein kleiner Haken: Die Umsetzung geht nicht ohne Zustimmung der Mitgliedsstaaten. Und hier gibt es kleinkariertes Gerangel um die Art der Unterstützung für die ärmeren Länder.

Es wäre mehr als bedauerlich, wenn jetzt eine große Chance vertan würde.
Es wäre ein Rückschlag, der in den nächsten Jahren kaum aufgeholt werden könnte – denn so große Finanzpakete werden nicht alle Jahre geschnürt.

Wenn Merkel diese Initiative in dem anstehenden EU-Vorsitz (zweite Jahreshälfte) über die Bühne bekommen sollte, wäre ihr der Platz in meinem persönlichen Geschichtsbuch sicher.

„Bei Sturm am Meer“ von Philipp BLOM

Der Autor hat mich vor einiger Zeit mit einem aktuellen gesellschaftlichen Sachbuch sehr überzeugt. Daraufhin hat es mich einfach interessiert, wie so ein Historiker und Philosoph wohl einen Roman schreibt. Wird er versuchen, seine Themen und Botschaften in das andere Genre zu übertragen? Oder zeigt er eine völlig andere Seite seiner literarischen Begabung?

Die Antwort fällt für mich eindeutig aus: Blom zeigt sich hier als reinrassiger Erzähler – nicht mehr und nicht weniger. Denkbar ist natürlich, dass er den zeitgeschichtlichen Kontext seines Romans auch mit einer fachlichen Perspektive als Historiker begleitet hat; zu spüren ist das jedenfalls nicht.

Blom schreibt einen sehr persönlichen Roman. Es geht um eine Drei-Generationen-Geschichte zwischen Hamburg und Amsterdam.
Als Rahmen wählt der Autor eine besondere Situation: Ben wartet auf die – auf dem Postweg verloren gegangene – Urne seiner Mutter. Diese paar Tage nutzt er, um seinem noch sehr jungen Sohn einen Brief zu schreiben, den dieser 40 Jahre später (also im aktuellen Alter von Ben) lesen soll. Dieser Brief besteht aus einer kaleidoskopartigen Mischung zwischen der bereits bekannten Familiengeschichte und den überraschenden Erlebnissen bzw. Erkenntnissen, die Ben in diesen Tagen selbst noch dazu gewinnt. Durch diese „live“ aufgedeckten Familiengeheimnisse bekommt der Plot eine deutlich gesteigerte Dynamik.

Es geht überwiegend um dramatische und tragische Entwicklungen bei den Protagonisten, die sich überwiegend in der Eltern- und Großelterngeneration von Ben abspielten. Thematisch berührt wird die linke Protest- und Medienszene der frühen 70iger Jahre. In weiten Teilen stehen aber auch sehr persönliche (Generations-)Konflikte und leidvolle Erfahrungen rund um Einsamkeit und gescheiterte Lebensträume im Vordergrund.

Ungewöhnlicher Weise wechselt immer wieder die Erzählperspektive: Manchmal wird über Ben erzählt, manchmal ist Ben ein Ich-Erzähler. Dieser Wechsel ist nicht dadurch zu erklären, dass ich Ich-Perspektive den Inhalt des Briefes wiedergibt. Mich hat dieser Kunstgriff nicht gestört; er hat eher eine zusätzliche Betrachtungs-Ebene erzeugt.

Blom schreibt sehr eindringlich. Er kann ganz eindeutig professionell mit Sprache umgehen. Schildert er z.B. Träume oder Situationen von Verwirrung, drücken Tempo, Rhythmus und Begrifflichkeiten diese Zustände sehr gekonnt aus .
Der Autor schafft immer wieder eine hohe emotionale Dichte, ohne auch nur im Leisesten in Richtung Kitsch abzudriften.

Insgesamt ein zwar kurzer, aber kunstvoll konstrurierter und sprachlich anspruchsvoll ausgestalteter Roman.
Lesenswert.

Kleinlichkeit und Egoismus statt mutigem Gestalten

Wir befinden uns in einer wirtschaftlichen Ausnahmesituation, in der viele Grundsätze auf einmal keine Gültigkeit mehr haben. Wir erleben eine Krise, in der der Staat und seine schützenden und helfenden Finanzen plötzlich im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens stehen. Für eine kurze Zeit scheint mal wieder der Staat stärker als die Wirtschaft und ihre Mächtigen zu sein.
Ganz plötzlich – unter dem Druck des unbekannten Virus – war der Mut und die Kraft vorhanden, vermeintlich „unmögliche“ Entscheidungen innerhalb weniger Tage zu treffen.
So weit, so – vermutlich – gut.

Wie schön wäre es gewesen, wenn aus dieser unerwarteten Zäsur noch etwas mehr entstanden wäre als das Ersetzen von Verdienstausfällen und der Gewährung von massenhaften Kurzarbeiter-Geld.

Vier Chancen (mindestens) hätte es gegeben (theoretisch gibt es sie natürlich immer noch):

  • Man hätte ein großzügiges Zeichen europäischer Solidarität geben können (was nach einigen Anlaufschwierigkeiten jetzt von Macron und Merkel versucht wurde und wohl auf dem Altar der europäischen Prinzipienreiter geopfert werden wird).
  • Man hätte alle unternehmensbezogenen Hilfsgelder mit der notwendigen Umsteuerung zu einem nachhaltigen Wirtschaften verbinden können (Lufthansa lässt grüßen).
  • Man hätte die lange überfällige Entschuldung der klammen Kommunen in Angriff nehmen können (wie jetzt von Scholz vorgeschlagen und erwartungsgemäß von den reicheren Ländern bzw. CDU und FDP abgelehnt).
  • Man könnte die Gelegenheit nutzen, um den völlig überforderten armen Ländern nicht nur kurzfristig, sondern auch längerfristig zu helfen (durch einen angemessenen Schuldenschnitt – der gerne an soziale und ökologische Bedingungen geknüpft sein dürfte).

Prioritäten und Initiativen solcher Art hätten das Zeug gehabt, die Krise nicht nur zu bewältigen, sondern sie für überfällige (aber bisher schwer durchsetzbare) Zielsetzungen zu nutzen.

Doch da ist inzwischen wieder der triste, zaudernde und partei-ideologische Alltag ausgebrochen.
So werden denn vermutlich die vielen Milliarden ausgegeben, ohne die echten Zukunftsprojekte zu berücksichtigen.
Schade!

„Der erste Mensch“ von Albert CAMUS

In Corona-Zeiten haben sich viel Menschen plötzlich für Albert Camus interessiert, weil er einen berühmten Roman mit dem Titel „Die Pest“ geschrieben hat.

Das hier besprochene Buch hat keinen aktuellen Bezug. Es stellt ein autobiografischen Zeugnis des Literaten und Philosophen dar. Verpackt wird das in die Geschichte eines mittelalten Mannes, der sich in Algerien auf die Spurensuche nach seinem Vater und damit nach einem verschollenen Teil seiner frühen Biografie macht. Dabei mischen sich Kindheitserinnerungen mit Eindrücken aus den Besuchen bei noch lebenden Zeitzeugen zu einem Mosaik, das schrittweise ein immer vollständigeres Bild ergibt.

Die entscheidendende Frage ist wohl: Hat so ein Buch auch für Leser einen Wert, die nicht ein spezifisches, an die Person gebundenes Interesse an dem Nobelpreisträger Camus haben?

Ich würde das bejahen! Camus schreibt eindringlich und lebendig. Die französische Besatzungsherrschaft wird in ihrer kulturellen Arroganz und langfristigen Aussichtslosigkeit spürbar. Geschichtliche Hintergründe gewinnen durch die sehr persönlichen Einblicke plastische Gestalt.

Camus widmet sich voll und ganz dem Schicksal der „kleinen Leute“, der Armen, die in ihrem alltäglichen Überlebenskampf versuchen, sich eine minimale Würde zu erhalten. Nach heutigen (westlichen) Maßstäben erscheint es unvorstellbar, unter diesen Bedingungen ein Leben zu fristen – ohne jede Aussicht auf eine bessere Zukunft oder gar so etwas wie Erfüllung oder Selbstverwirklichung.

Dieses – wegen des Todes von Camus – unvollendete Manuskript stellt eine erstaunliche Nähe zu einem zeitgeschichtlichen Geschehen her, das nicht gerade im Zentrum der deutschen Aufmerksamkeit steht. Algerien als Konlonie ist ein französisches Thema; wir hatten und haben andere Dinge zu bewältigen.
Aber deshalb wird der Roman für einen Nicht-Franzosen keineswegs irrelevant. Die angesprochenen Grundthemen, die Perspektive auf das konkrete Alltagsleben, die respektvolle Beschreibung sehr einfacher und z.T. auch eingeschränkter Menschen – das alles ist übertragbar und allgemeingültig.

Natürlich hat der Roman auch eine Bedeutung für das Verständnis der Person Albert Camus und seines Werkes. Aus Expertensicht bieten sich vermutlich zahlreiche Bezüge zu seinen philosophischen und literarischen Hinterlassenschaften.
Ich bin ein solcher Experte nicht.
Nur so viel wurde mir deutlich: Es bedurfte einiger besondere Einflüsse, die intellektuellen Potentiale des kleinem Albert (der im Buch anders heißt) in dieser schwierigen Umgebung zu erkennen und letztlich – durch den Zugang zur „höheren“ Bildung – auch zu entfalten.
Wie viele (potentielle) Genies haben wohl dieses besondere Glück nicht gehabt und sind in einer öden Umgebung verkümmert?

Ein anregendes Buch mit Tiefgang. Weit weg von unserem Alltag – und vielleicht gerade deswegen eine Lektüre, die nachdenklich macht. Leben auf diesem Planeten konnte und kann so extrem anders aussehen, als wir es kennen.
Man weiß das natürlich; aber so ein Buch macht es für einige Stunden spürbar.

„Die Lehren der Philosophie“ von Michael HAMPE

Philosophische Texte bestehen – wie alle Texte – aus Inhalten und einer sprachlichen Umsetzung dieser Inhalte. Weil die Themen philosophischer Betrachtungen meist schon sehr abstrakt sind (Erkenntnismöglichkeiten, moralischen Grundsatzfragen, usw.), sind Reflexionen darüber – die meist auch noch auf Ausführungen anderer Denker Bezug nehmen – oft eine Herausforderung. Dazu kommt offensichtlich die berufstypische Neigung, die Qualität der eigenen Beiträge durch die Komplexität der Sprache zu demonstrieren. So entstehen dann manchmal Sätze (oder ganze Abschnitte), in denen ein Durchschnitts-Leser noch nicht einmal „Bahnhof“ versteht.

Ich habe kürzlich eine Buch von HAMPE besprochen, in dem sich der Autor dem interessierten philosophischen Laien zuwendet. Das hat mich ermutigt, einen Schritt weiter zu gehen. Das war ein Fehler. Man sollte wissen, wann man seine Grenzen erreicht hat…

Ich will trotzdem versuchen, in ein paar wenigen Sätzen zu beschreiben, was ich glaube, verstanden zu haben.

Hampe führt in seinem Buch eine Art Feldzug gegen die „doktrinäre“ Philosophie. Er ist überzeugt davon, dass allgemeingültige Aussagen über die Welt (das „richtige“ Leben, usw.) nicht sinnvoll bzw. möglich sind. Stattdessen sollte die Menschen dazu ermutigt werden, auf der Basis ihrer individuellen Welterfahrung eigenes „kritisches Denken“ zu entwickeln. Nicht das Wiederkäuen philosophischer Lehrmeinungen in akademischen Zirkeln sei anzustreben, weil es für die individuelle und gesellschaftliche Weiterentwicklung ziemlich irrelevant sei. Ziel müsse es sein, gerade die subjektive Erschließung der Welt zu lernen und zu praktizieren – weil das die Grundlage für ein ein reiches und erfülltes Leben bilden könne.

Die Betonung des Subjektiven bringt Hampe immer wieder in Kontakt zur Sprachphilosophie, weil die denkende Begegnung mit der Welt über das Medium Sprache stattfindet. Er nimmt dabei immer wieder Bezug auf den wohl bekanntesten Sprachtheoretiker Wittgenstein, über dessen Modelle man nebenher eine Menge erfährt.
Auch bzgl. der Sprache hebt Hampe wieder die Grenzen allgemeiner Regeln und Gesetzmäßigkeiten hervor und beschreibt die Bedeutung individueller und subkultureller Entwicklungen.

Da für Hampe der subjektive Zugang zum allem so wichtig ist, schätzt er die Welterklärung durch Literatur außerordentlich. An einigen Punkte stellt er ausführlich dar, warum die dichterische Darstellung von persönlichen Entwicklungen und Lebensläufen für mehr Weltverständnis sorgen kann als abstrakte Theorien des Seins und des „guten Lebens“. (Was Hampe nicht davon abhält, das Ganze sprachlich höchst komplex zu formulieren).

Da Hampe einen aufklärerischen und emanzipatorischen Anspruch hat, beschäftigt er sich auch mit Bildung und Erziehung. Natürlich strebt er nicht die Vermittlung von kaltem, abgestandenem Wissen an, sondern die Befähigung zur eigenständigen Erkundung und Durchleuchtung subjektiver Lebensoptionen. Er outet sich dabei als großen Fan von Dewey und seiner Erziehungsutopie, in der sowohl die Fähigkeit zum kritischen Hinterfragen als auch die Fortentwicklung einer humanen Gemeinschaft im Fokus sind.

Natürlich finden sich in den (fast 400 extrem eng bedruckten) Seiten noch jede Menge anderer Gedanken und Exkurse. Selbst wenn ich alles verstanden hätte, wäre hier kein Raum, dies nur ansatzweise wiederzugeben.
Vielleicht ist ein erster kleiner Eindruck entstanden.

Ich kann dem Autor oder seinem Buch nicht vorwerfen, dass ich damit überfordert war. Das hätte auch bei einem medizinischen oder physikalischen Fachtext keinen Sinn. Ich kann nur einordnen und die Menschen warnen, die nicht zur verschworenen Gemeinschaft der Hardcore-Philosophen gehören.
Das habe ich hiermit getan

Gender-Sprache

Ich glaube nicht, dass es irgendeinen gesellschaftlichen Fortschritt darstellt, wenn es jetzt heißt „KurzarbeiterInnen-Geld“.

So wie gerade in einem Einspieler bei Anne Will.