“Echtzeitalter” von Tonio SCHACHINGER


























Bewertung: 3 von 5.

Der 32-jährige Autor stammt aus einer bikulturellen Familie und lebt in Wien, dem Schauplatz dieser Erzählung. Sie wurde als “Roman des Jahres 2023” ausgezeichnet. Das sollte eine gute Grundlage für eine Lese-Entscheidung sein.

Wir Lesenden nehmen Anteil an der persönlichen und schulischen Entwicklung des Protagonisten “Till” und begleiten ihn durch die letzten Jahre seiner gymnasialen Ausbildung in einem traditionellen Wiener Internat (das er allerdings nur als Tagesschüler besucht). Dabei werden wir mit einer autokratischen Lehrerpersönlichkeit konfrontiert, die man eher in der erste Hälfte des letzten Jahrhunderts ansiedeln würde. Im krassen Kontrast zu dieser absurd wirkenden Zeitreise in eine vergangen geglaubte pädagogische Diktatur stehen die anderen Aspekte von Tills Alltagsleben: seine durchaus modernen Beziehungen zu einem recht “exzentrischen” sozialen Netzwerk und seine Leidenschaft für ein bestimmtes Echtzeit-Strategiespiel (AoE2). Die fast grenzenlose Hingabe an diese digitalen Gaming-Welten führen schon früh zu einer Kompetenz, die ihm in der Szene überregionale Anerkennung und sogar materiellen Erfolg verschafft.
Eingebettet ist diese “Coming-of-Age”-Story in einen österreichische und speziell wienerischen Kontext, der kulturelle, gesellschaftliche und politische Aspekte umfasst.

Die Leistung des Autors besteht wohl in erster Linie darin, das Erleben eines in elitärer Umgebung heranwachsenden Wiener Schülers aus einer glaubwürdigen Innenperspektive beschrieben zu haben. Es geht um das mehr oder weniger trickreiche Überleben unter erstaunlich repressiven Bedingungen, um das Erschleichen von Freiräumen, die ersten Beziehungserfahrungen, das Jonglieren mit unterschiedlichen Lebenswelten.
Parallel dazu – auch hier zeigt sich ein starker Kontrast – hat das Buch auch etwas sehr “Erwachsenes”: Aus einer distanzierten Meta-Perspektive werden Prozesse und Zusammenhänge eher abstrakt analysiert und Bezüge zu einem weiten Kanon an humanistischen bzw. literarischen Inhalten eingestreut.

So wie das Leben von Till strahlt der Roman eine große Portion Zwiespältigkeit aus: Als Jugendbuch ist er zu überladen mit hochkulturellen Details und lokal-politischen Anspielungen; für eine Gesellschaftsanalyse wird die jugendspezifische Perspektive überstrapaziert. Als Leser/in befindet man sich irgendwie dazwischen – so wie Till in seinen beiden Lebenswirklichkeiten.

Ein Problem hat Echtzeitalter mit seiner Glaubwürdigkeit: Während es kaum Probleme macht, in die Grenzen austestende, mit viel Alkohol unterfütterte Jugendwelt abzutauchen, gerät der Ausflug in die alte Pauker-Tradition doch etwas künstlich und konstruiert: Man mag kaum glauben, dass einzelne Lehrerpersönlichkeiten in der Echtzeit noch so prägend und scheinbar mit absoluter Macht ausgestattet agieren können. Das alles wirkt doch ein wenig klischeehaft aufgebauscht.
Einem deutschen Leser könnte es auch ein bisschen viel Österreich und Wien sein.

Was soll’s: Die Literatur-Kritik ist begeistert, es muss ja etwas dran sein.
Ein Buch für Heranwachsende ist dieser Roman aber sicher nicht. Eher ein Einblick für die ältere Generation, die u.a. einen ziemlich authentischen Eindruck davon gewinnen könnte, wie fremd ihr bestimmte Aspekte der Jugendkultur sind.

“Futurum II” von B.F. SKINNER

Bewertung: 4.5 von 5.

Wie um alles in der Welt kommt man im Jahre 2024 darauf, eine Publikation zu lesen, die im Jahre 1948 erstmals veröffentlicht wurde und keineswegs aus einem – möglicherweise zeitlosen – literarischen Kontext stammt?
Es wird noch seltsamer: Der Autor, B.F. SKINNER, ist in psycho-wissenschaftlichen Kreisen als ein beinharter “Behaviorist” bekannt, Er führte damit die Lernforscher an, die ausschließlich das beobachtbarem Verhalten als sinnvollen Forschungsgegenstand akzeptierten und ihre Grundlagenforschung überwiegend durch Tierexperimente betrieben (u.a. in den berühmten “Skinner-Boxen”).
Wenn ein solch nüchterner Hardcore-Wissenschaftler den Versuch macht, einen utopischen Gesellschaftsentwurf in Romanform zu verfassen – was sollte dabei bitte herauskommen? Und was sollte uns das heute noch sagen?
Es war die Recherche für ein eigenes Buch-Projekt, das mich zu dem Entschluss brachte, Futurum II nach ca. 50 Jahren noch einmal zu lesen – eine zweifellos gute Entscheidung.

SKINNER konstruiert eine Rahmenhandlung, die es ihm ermöglicht, seine Vorstellungen über eine durch wissenschaftliches “Verhaltens-Management” strukturierte Gemeinschaft überwiegend in Dialogform kundzutun: Er schickt eine sechsköpfige akademische Besuchergruppe einige Tage in die ländlichen Muster-Siedlung “Futurum II” (im Original “Walden II”) und schildert neben den Eindrücken des professoralen Ich-Erzählers vom Alltag der Bewohner insbesondere die kontroversen Gespräche zwischen dem Gastgeber, dem “Erfinder” des Projektes, und einem der Besucher, einem extrem kritischen Philosophen.
Indem der Autor die inhaltlichen Auseinandersetzungen über die Prinzipien des Zusammenlebens mit den Charakteren der Figuren verwebt, wird die akademisch-weltanschauliche Grundsatzdiskussion personalisiert und emotionalisiert und damit – so offensichtlich der Plan – attraktiver auch für ein breiteres Publikum.

SKINNER verfolgt mit diesem Romanprojekt ganz offensichtlich eine ernsthafte Mission: Er ist überzeugt davon, dass die systematische (und experimentell kontrollierte) Anwendung von psychologischer Verhaltenssteuerung deutlich besser dazu geeignet wäre, menschliches Zusammenleben glücklich, harmonisch und produktiv zu gestalten, als dies durch politische Ideologien, religiöse Systeme oder das freie Spiel von Marktkräften möglich ist. Das kann man für vermessen oder völlig realitätsfremd halten – aber ein Nachdenken darüber ist tatsächlich sehr anregend.

Der Autor hat es nämlich geschafft, eine Szenerie zu entwerfen, die nichts mit dem mechanistisch anmutenden “Operationalen Konditionieren” (Verstärkungslernen) in einer Sinner-Box gemein hat. Letztlich beschreibt er eine Art große und perfekt organisierte Landkommune, in der Arbeit, Erziehung, soziales Miteinander und kulturelles Leben so gestaltet sind, dass man diese Verhältnisse heute als gemeinwohlorientiert, achtsam und nachhaltig bezeichnen würde.
Lässt man einige – eher unwichtige Besonderheiten (z.B. extrem frühe Eheschließungen) – außer acht, wirken die Regeln und Prinzipien dieser Gemeinschaft geradezu visionär modern. Die Art des Wirtschaftens könnte aus einem aktuellen Handbuch über “Degrowth” (Postwachstums-Ökonomie) stammen. Zur Erinnerung: Es geht um ein vor 76 Jahren geschriebenes Buch!

Dieser Eindruck einer frappierenden Aktualität verstärkt sich auf der Meta-Ebene, die durch die permanenten Diskussionen der Protagonisten über das ihnen vorgestellte Gesellschafts-Projekt gebildet wird. Die hier angesprochenen politischen und philosophischen Grundsatzfragen würden heute – mit leicht veränderten Begrifflichkeiten – noch genauso geführt werden: Es geht um das Ausleben bzw. die Einschränkung individueller Freiheiten, die Bedeutung von Privateigentum und Gewinnmaximierung, um Lebensqualität und den berühmten “Freien Willen”.

Die zentrale Frage des Romans fehlt allerdings in der aktuellen Diskussion um lebenswerte und überlebensfördernde Zukunftsszenarien vollständig. Sie ist so stark tabuisiert, dass sich schlichtweg niemand trauen würde, sie überhaupt aufzuwerfen:
Könnten Prinzipien, die sich aus den Erkenntnissen der Humanwissenschaften (insbesondere der Psychologie und den Neuro- bzw. Kognitionswissenschaften) ableiten lassen, nicht sehr viel bessere Lösungen für die Gestaltung menschlichen Zusammenlebens bereithalten als dies Philosophie, Ideologien oder Religionen vermögen? Und wenn ja: Ist es dann wirklich der Weisheit letzter Schluss, unsere “Lebensregeln” durch das mehr oder weniger zufällige Zusammenspiel von traditionellen, politischen und kommerziellen Einflussfaktoren bestimmen zu lassen? Und wenn nein: Muss man dann nicht auch an der Sinnhaftigkeit der Mehrheitsentscheidungen in demokratischen Systemen zweifeln? Und an der Verabsolutierung der individuellen Freiheitsrechte?

Diese kleine utopische Geschichte aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, dieser Ausflug eines Verhaltenswissenschaftlers in die Belletristik, stößt mehr solcher grundsätzlicher Gedanken an, als mancher Regalmeter aktueller Gesellschaftsanalysen.
SKINNER machte 1948 aus seinen Überzeugungen kein Geheimnis. Man mag sich kaum vorstellen, welchen medialen Shitstorm ein solches Buch heute auslösen würde.

(Das Buch ist in Deutschland nur schwer zu bekommen. Ich habe daher die englische EBook-Ausgabe gewählt).

“Being Human” von Lewis DARTNELL

Bewertung: 4 von 5.

Menschliche Geschichte aus verschiedenen Perspektiven heraus zu beleuchten, ist seit einigen Jahren sehr populär – wie insbesondere der sensationelle Erfolg von HARARIs Weltbestseller (Sapiens) unter Beweis gestellt hat. In diesem Fahrwasser bewegt sich der englische Hochschullehrer (für Wissenschaftskommunikation) und Astrobiologe mit diesem Buch. Diesmal wird die Weltgeschichte aus biologischer Sicht betrachtet.
Der Autor hat Antworten auf die Frage zusammengetragen, für welche der großen und weitreichenden historischen Entwicklungen sich ein direkter Bezug zu bestimmten Merkmalen, Bedürfnissen oder Fehlfunktionen des menschlichen Körpers finden lassen.

Da kommt einiges zusammen!
So betrachtet DARTNELL beispielsweise Auswirkungen der Vitamin-Mangelerkrankung Skorbut auf die militärische bzw. machtpolitische Dominanz der Briten im Zeitalter der Segelschifffahrt. Ausführlich werden die wirtschaftlichen und politischen Folgen der Neigung der Menschen analysiert, ihr internes Belohnungszentrum mit unterschiedlichen Genuss- und Suchtmitteln zu verwöhnen (von Kaffee bis Opium). Die Bedeutung der von den Kolonisten eingeschleppten Infektionskrankheiten für die indigene Bevölkerung beispielsweise auf dem Amerikanischen Kontinent kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden – hier hat die fehlende Immunität gegenüber unbekannten Erregern tatsächlich Weltgeschichte geschrieben. Auch die der Bluter-Krankheit zugrundeliegende Gen-Anomalie hat – angesichts der Neigung der europäischen Königshäuser zu Verwandtenehen – wahrhaft historische Spuren hinterlassen.

Der Autor nimmt sich für seine Darstellungen Zeit: Er taucht tief in die jeweiligen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und militärischen Gegebenheiten ein, richtet den Fokus auf oft übersehene Zusammenhänge und belegt seine Analysen mit oft beeindruckendem Datenmaterial. Aufgrund seiner flüssigen, journalistisch-orientierten Schreibweise folgt man ihm gerne auch in Detailebenen, die man in einem trockenen Geschichtsbuch vielleicht überblättert hätte.

Tatsächlich bekommt man als Lesende/r einen erweiterten Blick auf die Faktoren, die historische Prozesse beeinflusst, gelenkt oder gar ausgelöst haben. Wurde man – zumindest in früheren Jahrzehnten – im Geschichtsunterricht eher auf große Staatenlenker und Heeresführer aufmerksam gemacht, entsteht hier ein völlig anders Bild:
Geschichte besteht (auch) aus einer komplexen Mischung unzähliger “zufälliger” Einflussgrößen. Und ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Wirkmechanismen hat ohne Zweifel etwas mit der biologischen Beschaffenheit der Spezies Mensch zu tun.
Eigentlich banal und selbstverständlich – aber eben oft nicht im Blick.

Im letzten Teil des Buches befasst sich DARTNELL dann noch mit den Besonderheiten des menschlichen Geistes. Er stellt die – inzwischen sattsam bekannten – kognitiven Verzerrungen dar, die unser Urteilsvermögen und unsere Reaktionsweisen auf eine Art mitbestimmen, die oft nicht mehr in unsere moderne Zeit passen.
Es kann bezweifelt werden, ob dieser Abschluss-Schlenker dem Buch gutgetan hat. Er hat nicht die gleiche Tiefe wie die vorangegangenen Kapitel, wirkt ein wenig “angeklatscht”.
Eine Betrachtung, wie die geistige und psychische Bestimmtheit de Menschen sich auf seine Geschichte ausgewirkt hat, wäre wohl ein eigenes (und riesiges) Unterfangen; in dieses Buch passt es jedenfalls nicht so richtig hinein.

Was bleibt ist eine informative, unterhaltsame und detailreiche Lektion in Welt- und Alltagsgeschichte: Unsere Biologie hat sie mitgeschrieben – mehr als wir uns üblicherweise vorstellen können.

“100 Fake News von der Wissenschaft widerlegt” von CURILEUX

Bewertung: 3 von 5.

Ich sage es gleich am Anfang: Ich bin nicht richtig warm geworden mit diesem Buch.

Das hat möglicherweise mit den Erwartungen zu tun, die durch den Titel bei mir ausgelöst wurden. Der Begriff “Fake News” ist bei mir inhaltlich deutlich enger gefasst, als das in diesem Buch der Fall ist. Wo ich davon ausgegangen bin, dass es um – im weitesten Sinne – gesellschaftsrelevante oder politisch kontroverse Themen gehen würde, hat das Autoren-Kollektiv schlichtweg aus allen denkbaren Bereichen (vermeintlich) gängige Fehl-Annahmen zusammengetragen. Diese werden dann – jeweils auf wenigen Seiten – mithilfe wissenschaftlicher Befunde entkräftet.
Wie breit dieser Ansatz ist, vermitteln die Kategorien der Gliederung: Ernährung, Gehirn und Gedächtnis, Mathe und Physik, Umwelt und Klimawandel, Artenvielfalt, Weltall, Gesundheit, Sexualität.

Schaut man sich die einzelnen sog. “Fake News” an, merkt man schnell, welch unterschiedlichen Charakter die einzelnen Themen haben: Es reicht von “Spinat verleiht Superkräfte”, über “Frauen können kein Mathe” bis zu “Pornografie ist gefährlich”.
Um es klar zu sagen: Klassische Fake News sind eher in der Minderheit. Manchmal wirkt die Zuordnung tatsächlich ein wenig krampfhaft.

Was leistet nun dieses Buch?
Ohne Zweifel erweitert das Lesen dieses Textes auf eine lockere, humorvolle und unterhaltsame Art das Allgemeinwissen. Wenn auch der halbwegs gebildete Mensch wohl längst nicht allen hier angesprochenen Fehlannahmen unterliegt – es kann ja nichts schaden, es einmal etwas genauer erklärt zu bekommen.
Dankenswerter Weise sind die Texte allgemeinverständlich geschrieben, so dass sich für neugierige Menschen keine sprachlichen Schwellen auftun.

Interessant ist der Hintergrund der Autorengruppe: Es ist eine Vereinigung von Journalisten/Journalistinnen und Wissenschaftlern/Wissenschaftlerinnen, die in den französischen Social-Media-Kanälen seit Jahren aktiv sind. Ihr Ziel ist Aufklärung und Abbau von Desinformation und Vorurteilen.

Dieses Buch kann durchaus z.B. ein nettes Geschenk für neugierige Menschen darstellen; Genau das ist auch eine der Bedeutungen des Namens (und des Mottos) der Herausgeber/Autoren: (Curieux!).


“Sprich mit mir” von T.C. BOYLE

Bewertung: 4 von 5.

Nicht zuletzt die moderne Hirn- und Bewusstseinsforschung haben dafür gesorgt, dass die Grenzen zwischen Mensch und Tier deutlich unschärfer geworden sind. Einigen Tierarten werden inzwischen erstaunliche kognitive und soziale Kompetenzen zugeschrieben; ergänzend dazu sind die Spuren unserer biologischen Abstammung in unserem Fühlen und Denken immer deutlicher zu belegen. Da liegt es natürlich nahe, nach den “Berührungspunkten” zwischen uns und den nächsten Verwandten zu schauen, den Schimpansen. Das wird in der Verhaltensforschung auch gemacht, auch in Bezug auf die Möglichkeiten der (“sprachlichen”) Kommunikation.
Genau an diesem Punkt setzt BOYLE an: Was könnte alles passieren – so fragt er sich in diesem Roman – wenn bei einem Experiment zur Aufzucht in einer menschlichen (familiären) Umgebung eine tiefe emotionale Beziehung entstehen würde – über die Grenzen der Arten hinweg?

Als (eine mögliche) Antwort liefert der Autor eine lebendige, spannende und durchaus auch tiefgründige Romanhandlung, die das Thema in einer Intensität und Konsequenz auslotet, die den Leser/die Leserin immer wieder an Grenzen der Nachvollziehbarkeit führt. Es scheint das Ziel von BOYLE gewesen zu sein, genau diese Grenzen auszuloten und mit ihnen zu spielen.
Jede/r wird in dieser Tier/Mensch-Beziehungsgeschichte “Ausstiegs-Stellen” finden, an denen man nicht mehr folgen kann oder will. Die meisten allerdings werden höchstwahrscheinlich trotzdem weiterlesen; hier liegt wohl das Geheimnis dieses Romans.

BOYLE bedient sich eines geschickten Mix verschiedener Genres: er schreibt gleichzeitig eine Liebesgeschichte, einen Krimi, einen Wissenschafts- und ein Tierschutz-Roman. So sorgt er dafür, dass jede/r einen Motivationsanker findet.
Eine durch und durch sympathische Figur bietet der allerdings Autor nicht an – nicht einmal der Affe (Sam) ist ohne Fehl und Tadel. Dafür gibt es aber den klassischen Bösewicht, den man zur Gegen-Identifikation, also als Feindbild, nutzen kann. Das kann man ein wenig klischeehaft finden (muss es aber nicht).
Lässt man sich lange genug auf die Story ein, wird es irgendwann fast egal, ob man den grundlegenden Ausgangsbedingungen (die hohe sprachliche Intelligenz des Schimpansen und die Intensität der Mensch/Tier-Beziehung), für realistisch hält. Ab diesem Punkt trägt einen die Geschichte als Selbstläufer weiter.

Einer Auseinandersetzung mit der kontrovers diskutierten Frage der Tier-Ethik kann man als Leser/in dieses Romans nicht ausweichen. BOYLE setzt dabei auf drastische Details, lässt die Geschichte für sich sprechen und verzichtet auf intensivere Grundsatz-Dialoge zu diesem Thema. Man kann davon ausgehen, dass der Autor den Extrem-Fall “Sam” nutzen will, um generell für die Problematik der Tierversuche zu sensibilisieren. Ob das der richtige Weg ist, muss wohl jede/r selbst entscheiden.

Letztlich wird hier ein gut lesbarer und unterhaltsamer Roman angeboten, der es dem Publikum überlässt, auf welcher Ebene es sich ansprechen bzw. berühren lässt.
Vielleicht ist das nicht das Schlechteste, was man über ein Buch sagen kann.

“Tun, was getan werden muss” von Alexander MacLeod

Bewertung: 4 von 5.

Der kanadische Schriftsteller und Literatur-Professor MACLEOD legt in diesem Band acht Kurzgeschichten vor, die allesamt einen ganz eigenen Charakter haben. Es sind nicht nur ganz unterschiedlichen Welten, in die uns der Autor führt – er schafft auch völlig verschiedene Atmosphären und löst damit sehr spezifische Gefühle aus.

Den inhaltlichen Rahmen bieten u.a. eine Elternschaft nach Trennung, die entscheidende musikalische Aufführung eines jungen Pianisten, die schwesterliche Solidarität in einer Ausnahmesituation, der Besuch bei einer älteren Dame und das absurde Verhalten eines notorischen Kofferdiebs. Besonderen Eindruck hinterlässt die zufällige räumliche und zeitliche Überschneidung zweier extrem gegensätzlicher Welten in einem Motel (“Die Schlüsselübergabe”).

MACLEOD spielt mit dem Unerwarteten. Er beobachtet und beschreibt vermeintlich unwichtige Details der realen physikalischen Umgebung, gestaltet genau damit aber eine jeweils ganz besondere Szenerie, in der sich manchmal banale, manchmal extrem absurde Dinge ereignen. Der sprachliche Aufbau der Geschichten liegt dem Autor offensichtlich vordringlich am Herzen. Spätestens nach der dritten oder vierten Story gewinnt man den Eindruck, dass für das Schreiben von MACLEOD die Inhalte und Orte letztlich beliebig austauschbar sein könnten: Es scheint, als könnte er aus jeder Ausgangslage eine besondere kleine Welt zaubern.

Man sollte mit diesen 8 Schätzen sorgsam umgehen, sie nicht wie Kapitel eines Buches hintereinander weglesen. Stattdessen sollte man jeder Geschichte die Zeit geben, ihren spezifischen Charakter zu entfalten und ihn nachklingen zu lassen. Anderseits wäre auch eine Unterbrechung des jeweiligen Gesamtprozesses nicht zu empfehlen.

Diese Sammlung ist etwas für Freunde der literarischen Erzählkunst, die das Spiel mit Details, mit künstlicher Verlangsamung von Abläufen und mit einer lebendigen Bildsprache genießen können. Trotz der ein oder anderen dramatischen Wendung sind es eher leise Geschichten, die feinfühlig darauf aufmerksam machen, was sich alles hinter der Banalität des Alltagslebens verbergen könnte.

“Mensch sein” von Carel van SCHAIK und Kai MICHEL

Bewertung: 4.5 von 5.

MICHEL (Historiker und Literaturwissenschaftler) und van SCHAIK (Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe) fallen nicht gerade durch eine besondere Bescheidenheit auf: Sie haben sich nichts weniger zum Ziel gesetzt, als die aktuelle Krisenlage des Mensch-Seins nicht nur zu erklären, sondern auch die passenden Auswege aufzuzeigen.
Ihre Methode: Evolutionäre Aufklärung!
Der Ansatz der Autoren kann wohl am ehesten als anthropologisch eingeordnet werden. Sie integrieren Befunde und Erkenntnisse u.a. der Evolutions-Biologie, der Erforschung der menschlichen Frühgeschichte, der (Sozial-)Psychologie und der Kognitionswissenschaften in einen konsistenten theoretischen Rahmen und schaffen so ein Gerüst für ein Gesamtkonzept, das die Leserschaft durch das ganz Buch trägt.

Die Grundthesen lassen sich recht gut zusammenfassen:
Die (biologisch-genetische) “1. Natur” des Menschen wurde in den – vergleichsweise – endlosen Zeiträumen geprägt, in denen wir als Jäger und Sammler in kleinen, überschaubaren und egalitären Gruppen zusammenlebten. Dieses Dasein war – anders als oft vermutet – durchaus lebenswert: überwiegend ohne Plackerei, ohne Herrschaft und (innerhalb der Gruppen) weitgehend kooperativ und friedlich. Unsere körperlichen und psychischen Systeme waren an die damaligen Bedingungen ziemlich perfekt angepasst.
Infolge der großen und weitreichenden Veränderungen (überwiegend Verschlechterungen) im Zusammenhang mit der Sesshaftigkeit (verbunden mit Eigentum, Arbeitsteilung und Herrschaftssystemen) entwickelten sich kulturelle Erwartungen, Regeln und Zwänge, die schrittweise die “2. Natur” des Menschen formten.
Im Nachgang zu Renaissance und Aufklärung wurde die rational-vernunftsbezogene “3. Natur” des Menschen ausgebildet: Hier geht es um bewusst geplantes Handeln, um gesetzte Ziele unter Berücksichtigung von Wissen und Logik zu erreichen.
Lt. Analyse der Autoren führt das gleichzeitige Vorhandensein der drei Naturen zur Ausbildung unserer “prismatischen” Persönlichkeiten, die den Konflikten zwischen den – zu weiten Teilen widersprüchlichen – Prägungen und Impulsen ziemlich hilflos ausgeliefert sind.
In der Bewusstmachung, Anerkennung und Berücksichtigung dieser anthropologischen Basis unseres Menschseins sehen die Autoren den entscheidenden Ansatzpunkt für ein Umsteuern – daher die Zielsetzung, uns insbesondere über unsere evolutionäre Grundlegung aufzuklären.

Dieses hier nur kurz skizzierte Theoriegerüst umbauen die Autoren mit einem reichen und ausladenden Mauerwerk aus biologischen, geschichtlichen und kulturellen Einzelbausteinen. Man hat dabei immer wieder das Gefühl, dass sie aus dem Vollen schöpfen können – an anschaulichen Beispielen gibt es wahrlich kein Mangel. Das sich daraus ergebende Gebäude erweist sich nicht nur als als tragfähig, sondern auch als ästhetisch ansprechend, geradezu elegant.
Die Sprache, mit der dieses Gesamtkonstruktion erstellt wird, ist durchaus anspruchsvoll: Die Autoren haben ganz offensichtlich Vergnügen daran, sich auf einem recht hohen Abstraktionsgrad elaboriert und durchaus auch kreativ auszudrücken.
Dass darunter das Testverständnis nicht leidet, hat sicher mit der eingebauten Redundanz zu tun: Die Autoren gehen nicht das geringste Risiko ein, dass jemand ihren Roten Faden (den Theorie-Bauplan) aus dem Blick verlieren könnte.

Bis zu diesem Punkt der Rezension könnte der Eindruck entstanden sein, dass van SCHAIK und MICHEL hier eine Art neutrale Gesellschaftsanalyse abgeliefert hätten. Das wäre weit gefehlt: sie nehmen eindeutig und leidenschaftlich Partei!
Die beiden Autoren lassen nichts unversucht, um die “Unnatürlichkeit” unseres momentanen Lebens zu verdeutlichen und auch anzuprangern. Sie sehen vor allem die bedrohliche und schädliche Tendenz, den Mangel an echten (analogen) Sozial- bzw. Gemeinschaftserfahrungen durch – letztlich sinnlosen und unbefriedigenden – Konsum zu kompensieren. Sie beschreiben anschaulich die Teufelskreise, in denen der untergründig spürbare Zweifel an der Stimmigkeit unserer Lebensführung durch immer neue materiellen Reize übertönt werden soll.
Dabei geht es den Autoren keineswegs um eine naive Rückkehr zu Lebensbedingungen oder Verhaltensmustern unserer frühen Vorfahren. Es werden vielmehr auch gefährliche Hypotheken unserer Evolution beschrieben und daraus z.B. die Notwendig abgleitet, die tief verwurzelte Tendenz zu Abgrenzung gegenüber “Außengruppen” (Fremden, Anderen) mit Hilfe unserer 3. Natur zu überwinden (und auch zukünftige Generationen in einen erweiterten Empathie- bzw. Altruismusbereich mit einzubeziehen).
Ein weiteres Problem und eine unendliche Konfliktquelle liegt in der Tendenz, die kulturell gebildeten und vermittelten Haltungen und Gewissheiten der 2. Natur für “naturgegeben” zu halten. Auch hier sehen die Autoren einen riesigen Aufklärungsbedarf.

Kurz gesagt: Hier ist ein extrem anregendes, faktenreiches und didaktisch vorbildliches Buch entstanden, das pausenlos eigene Gedanken und Ideen in Gang bringen kann.
Eine gewisse Verführung könnte darin liegen, dass der angebotene Theorierahmen so plausibel und überzeugend erscheint, dass er einen zwischendurch vergessen lässt, dass diese spezielle Betrachtung eben auch nur eine von vielen verschiedenen Deutungs-Möglichkeiten darstellt. Hier wird keine neue “Wahrheit” geliefert; hier werden frühere Betrachtungen und Konzepte nicht widerlegt.
Die Autoren liefern eine anschauliche und intelligente Schablone, durch die sich erstaunlich viele langfristigen Entwicklungslinien strukturieren und systematisieren lassen. Und sie haben es geschafft, dies alle in ein intuitiv zugängliches Modell zu verpacken.
Die abschließenden 12 Schlussfolgerungen (Anregungen, Forderungen) setzen dem Ganzen noch eine Art Krone auf: Da kommt man aus dem zustimmenden Nicken kaum heraus!

“Atheismus für Anfänger” von Richard DAWKINS

Bewertung: 4 von 5.

Der weltweit bekannte britische Evolutions-Biologe DAWKINS hat im Jahr 2007 mit dem Buch “Der Gotteswahn” so etwas wie ein Standardwerk des modernen Atheismus vorgelegt. Das hier besprochene Buch stellt eine fokussierte Zusammenfassung dar, die sich speziell an jüngere Menschen richten soll.
Vorweg sei angemerkt: Es handelt sich keineswegs um ein typisches Jugendbuch! Dazu ist es inhaltlich und sprachlich zu anspruchsvoll. Es ist allerdings tatsächlich geeignet für alle Menschen, die sich zum ersten mal ernsthaft die Frage stellen, ob eine Welt, ein Leben und eine Moral ohne Gott denkbar – und vielleicht sogar wünschenswert – sein könnte.

Vom Aufbau her gliedert sich das Buch sehr klar in zwei Teile:
In der ersten Hälfte setzt sich DAWKINS mit der Entstehung und den Grundprinzipien des Götter-Glaubens auseinander, arbeitet heraus, wie die Bibel (als Bespiel für andere “Heilige Bücher”) in einem zeitgeschichtlichen Kontext steht (wie jeder andere historische Text) und stellt sehr grundsätzlich in Frage, dass der beschriebene Gott (und die auf ihn bezogenen schriftlichen Botschaften) wirklich als GUT (im Sinne von menschenfreundlich) bewertet werden kann.
Auf der Basis anthropologischer bzw. historischer Erkenntnisse stellt der Autor dar, dass die monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) sich aus animistischen und polytheistischen Traditionen entwickelt haben und ihre Inhalte in wesentlichen Teilen auf vorangegangenen Erzählungen und Mythen aufbauen. Es wird aufgezeigt, dass es sich bei den schriftlichen Überlieferungen nicht um unmittelbare Augenzeugenberichte handelt und die Entscheidung über die Aufnahme der verschiedenen Berichte in den offiziellen Kanon eher willkürlich erscheinen. Die Frage der historischen Nachweisbarkeit der Existenz von Jesus wird differenziert betrachtet (und letztlich offen gelassen).
Auf der Basis von gründlichen Textanalysen des Alten und Neuen Testamentes zerstört DAWKINS das Bild von einem “gütigen” Gott und betrachtet dabei auch die Erlösungsgeschichte des Neuen Testaments aus einer völlig anderen Perspektive.

Ausführlich geht der Autor dann auf die Frage ein, ob nur der Glaube an eine göttliche Autorität den Menschen zu moralischem Verhalten motivieren kann. In diesem Zusammenhang analysiert er die 10 Gebote hinsichtlich ihrer ethischen Grundbotschaften und arbeitet heraus, dass es sich entweder um die Anweisungen eines extrem eifersüchtigen Gottes, um die Sicherung von Eigentum und Herrschaft oder um die Wiedergabe von (sinnvollen) Grundprinzipien handelt, die nahezu in jeder Kultur zu finden sind (völlig unabhängig von deren Religionen).
Es schließt sich eine alltagsnahe Betrachtung von verschiedenen philosophischen (also menschengemachten) Moralsystemen an.

Am Ende dieser Ausführungen stellt sich der Leserschaft eine entscheidende Frage: Erscheint dieses Glaubens- und Gotteskonzept wirklich sinnvoll, überzeugend oder gar notwendig? Die Antwort von DAWKINS fällt eindeutig aus.

Der zweite Teil des Buches widmet sich Frage, ob es nicht eines Schöpfers bedurfte, um die fantastischen Phänomene der Lebens auf diesem Planeten zu erklären.
Hier ist der Autor in seinem Element: Darwins Evolutions-Theorie wird als die unzweifelhafte Antwort auf die “Wunder” des Lebens vorgestellt und in aller Ausführlichkeit erläutert. Hier wird der Text dem Anspruch, etwas für “Anfänger” zu bieten, am ehesten gerecht.
Anregend ist dann noch einmal die Schlussbetrachtung, wie denn das – in allen Kulturen beobachtbare – Bedürfnis nach Religiosität selbst evolutionär zu erklären sein könnte.

DAWKINS ist ein Kämpfer für Wissenschaft, Rationalität und Empirie. Er verfolgt auch mit diesem Buch eine Mission: Er möchte (junge) Menschen motivieren, überkommene Glaubens-Traditionen durch kritisches Hinterfragen zu überwinden und sich der faszinierenden Herausforderung zu widmen, der Natur durch systematische Erforschung weitere Geheimnisse zu entlocken.
Um diesem Ziel näher zu kommen, setzt der Autor – neben seinem Wissen – auch sein schriftstellerisches Talent ein: DAWKINS hat einen Schreibstil entwickelt, der durch eine klare Sprache, eine argumentative (manchmal auch provokante) Schärfe und durch (manchmal unterhaltsam-überraschende) Analogien gekennzeichnet ist.
Entscheidender Wirkfaktor ist aber wohl seine Leidenschaft, mit der er Irrationalität bekämpft und für Wissenschaft begeistert.

Ein wenig holprig ist er schon, der Übergang vom ersten zum zweiten Buchteil. Die starke Konzentration auf die Evolution ergäbe sich nicht zwangsläufig aus der Grundthematik des Atheismus. Hier wäre ganz sicher noch Raum für alternative Perspektiven und Facetten gewesen (z.B. die Betrachtung anderer irrationaler Lehren oder von säkularer Spiritualität).

Wer jedoch in einem Buch in gut lesbarer Form sowohl eine sehr grundsätzliche Religionskritik, als auch eine Einführung in die Evolutionstheorie erhalten möchte, ist mit dieser Publikation sehr gut bedient. Auch wer sich – als gläubiger Mensch – mit den Argumenten und Sichtweisen des modernen Atheismus kritisch auseinandersetzten möchte, findet hier ein lohnendes Betätigungsfeld. Allerdings sollte er/sie sich nicht wundern, wenn die ein oder andere gut gepflegte und geschützte Überzeugung ein wenig ins Wanken gerät…


“Regen” von Ferdinand von SCHIRACH

Bewertung: 3.5 von 5.

Kurzgeschichten sind ein faszinierendes literarisches Genre. Erst recht, wenn Sie von einem Meister dieser Gattung geschrieben werden.
Von SCHIRACH ist zweifellos so ein Meister. Das hat er zuletzt in seiner Sammlung “Nachmittage” unter Beweis gestellt.
Sein aktuelles Buch enthält genau eine solche meisterhafte Kurzgeschichte.

Ein gescheiterter Schriftsteller (ein etwas einsamer, aber tiefgründiger Sonderling) ist aus seiner Lebensroutine herausgerissen worden: Er wurde zum Schöffen berufen; auch dort droht er scheitern. Es zieht ihn zum Tatort seines ersten Falles.

Der Text besteht aus den Icherzähler-Selbstreflexionen dieses Mannes. In einer assoziativen Verknüpfung von Gedanken und Erinnerungen erfahren wir von seiner einmaligen Autorenschaft, von seiner ersten Schöffen-Erfahrung und von seinen Einstellungen zu einigen Aspekten des Lebens und des Sterbens. Zwischendurch wird die vergangene Szenerie einer offenbar bedeutsamen Begegnung mit einer Frau aufgebaut.

Es ist bemerkenswert, wie viele – ganz offensichtlich auch sehr persönliche – Themen von SCHIRACH in diesem überschaubaren Text platziert. Man lässt sich gerne durch diese Gedankenwelt führen – es fühlt sich wie ein gemeinsames “sich treiben lassen” an.
Natürlich streut der Autor ganz locker einige dieser Lebensweisheiten ein, für die er bekannt ist und für die er inzwischen von einem internationalen Publikum verehrt wird.

Der Sinn dieser Geschichte besteht nicht darin, irgendwo hinzuführen. Mit solchen Banalitäten hält sich  von SCHIRACH nicht auf. Es geht wohl vorrangig darum, sich selbst seiner Leserschaft zu zeigen. Nur schwach getarnt versteckt sich von SCHRACH hinter seinem Protagonisten.
Dieser Eindruck der “Selbstoffenbarung” verstärkt sich, wenn man im zweiten Teil dieses Büchleins angekommen ist: Dort ist ein Zeitungs-Interview abgedruckt, in dem es  – recht persönlich – um den Menschen und Autoren von SCHIRACH geht. Zweifelsfrei ist der Autor eine spannende Person, der seine demonstrative Ferne vom Mainstream durchaus nicht uneitel zelebriert.

So irritiert diese Publikation gleich auf zwei Ebenen: Durch die quantitative Reduktion auf eine einzige kurze Geschichte und durch die Konzentration auf die eigene Person.
Letzteres wird die große Fan-Gemeinde des Autors sicher nicht stören: Die Marke “von SCHIRACH” ist ja in zwischen ein Selbstläufer geworden; zwischen seiner Person und seinen Texten lassen sich kaum echte Grenzen ziehen. Der Autor avancierte zu einer Art Kontrast-Figur zu der geschwätzigen und abstoßend-oberflächlichen Welt der Influencer und Lifestyle-Promis.
Dass ein bereits veröffentlichtes Interview dazu benutzt wird, aus einer Kurzgeschichte ein Buch zu basteln, ist verlegerisch schon ein wenig bemerkenswert (um es neutral auszudrücken). Es wird dem kommerziellen Erfolg aber ganz sicher nicht schaden.

“Hoch die Hände – Klimawende” von Gabriel BAUNACH

Bewertung: 4 von 5.

Der Energieexperte BAUNACH stellt in seinem Klimawende-Ratgeber dem etablierten Konzept “CO2-Fußabdruck” den Begriff “Handabdruck” gegenüber. Dahinter steckt die Idee, dass die persönliche Veränderung des Klima-Lebenswandels zwar sinnvoll und lobenswert sei, dass aber die Veränderung von sozialen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen und Strukturen einen vielfach höheren Effekt haben könnten.
Deshalb konzentriert sich dieses Buch auf die Multiplikatoren-Rolle und motiviert eindringlich dazu, dass möglichst jeder klimabewusste Mensch seine Zeit und Energie (auch) in die Vergrößerung seines Handabdruckes investieren sollte.

Der Autor erzählt zunächst die Geschichte des “Fußabdruckes”. Er macht darauf aufmerksam, dass – bei aller Bedeutung dieses Konzepts – ihm von Beginn an eine gewisse Zweischneidigkeit innewohnte: Der Fußabdruck machte es möglich, klimaschädliches Handeln fassbar und messbar zu machen – lenkte aber gleichzeitig den Blick einseitig auf die individuelle Verantwortung und die ganz persönliche Lebensführung.
BAUNACH arbeitet heraus, dass genau diese Perspektive auch im Interesse der großen Fossil-Unternehmen lag: Der erste Fußabdruck-Rechner befand sich auf der Website eines Öl-Konzerns.

An konkreten Beispielen macht der Autor deutlich, wie viel (wie wenig) man letztlich durch individuelles Umsteuern bei Energieverbrauch, Konsum, Mobilität, Ernährung, Heizen und Reisen erreichen kann. Er hält alle diese Bemühungen nicht für überflüssig, macht aber auf die Gefahren aufmerksam, die in den – oft nur symbolischen – Beiträgen liegt: Man kann sich verzetteln, überfordern, sich durch kleine Gesten “freisprechen”, das Große und Ganze aus dem Auge verlieren. Auch bestehe die Gefahr, seiner sozialen Umwelt mit einer Art moralischer Arroganz bzgl. kleiner “Verfehlungen” auf die Nerven zu gehen.
Durchaus informativ sind die Vergleiche der Wirksamkeit individueller Anstrengungen: So werde z.B. die Bedeutung der Ernährung (fleischarm) und der Wohnungsgröße oft unterschätzt, während andere Faktoren überschätzt werden (Konsum von Plastik, Stromverbrauch von Kleingeräten).

Im Zentrum des Buches stehen dann die Vorschläge und Anleitungen zur Vergrößerung des eigenen Handabdrucks. Es geht darum, andere Menschen zu erreichen und zu motivieren (im Gespräch), im privaten und beruflichen Umfeld Einfluss auf Bedingungen bzw. Regelungen zu nehmen (Speiseplan in der Kantine, Solaranlage auf das Fabrikdach oder die Schule), als Konsument bzw. Kunde eigene Wünsche zu formulieren (mehr Bio-Produkte, mehr vegetarische Gerichte), in sozialen und gesellschaftlichen Kontexten Klima-Initiativen zu gründen oder zu unterstützen und im politischen Bereich durch Wahlen, Pateimitgliedschaft, Petitionen oder Kontakten zu Politikern etwas Grundsätzliches zu bewegen. Der Autor wird nicht müde, für jede individuelle Ausgangsbedingung Möglichkeiten zum Engagement auszuloten.
Letztlich sollen alle diese Bemühungen dazu dienen, dass die Rahmenbedingungen unserer Alltagwelt es bequem und lukrativ machen, sich klimafreundlich zu verhalten. Da, wo es notwendig sind, sollte natürlich auch Raum für Vorgaben und Regeln geschaffen werden.
Als entscheidenden Unterschied zwischen Fuß- und Handabdruck markiert BAUNACH die soziale Ebene: Im Gegensatz zum Fußabdruck setzt das Bestreben um einen größeren Handabdruck in der Regel eine Zusammenarbeit mit anderen voraus – in informellen oder formellen Gruppen (Familie, Nachbarschaft, Arbeitskollegen, Verein, Kirchengemeinde).
Der Autor zeigt dabei durchaus auch Sympathien für die heftigeren Formen des Protestes.

Zu den Highlights des Buches gehört die lebensnahe Typologie von Haltungen gegenüber der Bedrohung durch den Klimawandel: Hier kann sich jede/r wiederfinden – mit den eigenen Hoffnungen, Frustrationen, Widersprüchen und Resignationen.
Überhaupt ist das Buch durchweg leserfreundlich geschrieben und beinhaltet keinerlei Verständnis-Schwellen.
Positiv ist auch, dass die Hinweise und Vorschläge durchweg sehr konkret sind; an Beispielen und guten Modellen mangelt es in diesem Text nicht.

Man merkt dem Autor an, wie sehr in seine Mission umtreibt. Das könnte für manche/n Leser/in auch gelegentlich des Guten zu viel sein. Generell neigt BAUNACH ein wenig zur Redundanz: Er möchte offenbar ganz sicher gehen, dass seine Grundgedanken verstanden werden. Eine gewisse Ungeduld kann da schon entstehen…
Bei allem Verständnis für die so eingängige Unterscheidung zwischen Fuß- und Handabdruck: So ganz kann auch der Autor diese Dichotomie nicht durchhalten. Nachdem er anfangs den “Fußabdruck” eher kritisch (als eine Art Ablenkung) beschrieben hat, kommt er im weiteren Verlauf doch immer wieder auf ihn zurück. Es geht also nicht um ein Entweder-Oder, sondern um beide Aspekte.

Wem das individuelle Klein-Klein um den CO2-armen Alltag nicht ausreicht bzw. wem die Verzögerungen und Rückschritte im Kampf gegen die Klimakatastrophe keine Ruhe lässt, der findet in diesem sympathischen und alltagsnahen Buch viele Anregungen.
Wer sich allerdings schon selbst auf dem Weg zum Klima-Aktivismus befindet, braucht dieses Buch eher nicht (mehr); es holt eher den interessierten “Normalbürger” ab.