„Fenster ins Gehirn“ von J.-D. HAYNES & M. ECKOLDT

Bewertung: 4.5 von 5.

Kann man hinter so einem – eher reißerisch formulierten – Titel seriöse Information erwarten? Die Antwort vorweg: Man kann, und man bekommt sie auf höchstem fachlichen und didaktischen Niveau.

Es gibt keinen Mangel an populärwissenschaftlichen Publikationen über den aktuellen Stand der Gehirnforschung. Liest man mehrere solcher Bücher, stößt man immer wieder auf die gleichen grundlegenden Experimente und die gleichen ausgeklügelten Methoden. Meist erklären diese Bücher zunächst die grundlegenden Funktionen unseres Nervensystems, um dann irgendwann beim Zusammenhang zwischen neuronalen Feldern und unserem Ich-Bewusstsein zu landen.
Die beiden Autoren HAYNES und ECKOLDT verfolgen hier einen anderen Ansatz: Sie fokussieren auf eine eingegrenzte Fragestellung und schaffen somit die Grundlage für eine konsistente und überschaubare Darstellung.

Die Fragen lauten: Wie weit ist die Forschung bei dem Versuch, die Gedankeninhalte von Personen direkt aus den Hirn-Scans auszulesen? Unter welchen Rahmenbedingungen und mit welchem Aufwand gelingt das schon heute? Welche Entwicklungen sind in den nächsten Jahren abzusehen? Welche sehr grundsätzlichen Hindernisse bestehen hinsichtlich der – von vielen befürchteten – Möglichkeit einer totalen Fremdkontrolle? Wie realistisch sind Vorstellungen über eine dauerhafte Schnittstelle zwischen unserem Gehirn und digitalen Geräten bzw. über den Upload unseres Bewusstseins auf eine Festplatte?
Die Antworten auf diese Fragen erfolgen konkret, nachvollziehbar und abgewogen.

Das Lesen dieses Buches bereitet ein uneingeschränktes Vergnügen. Die Autoren können perfekt erklären, schlussfolgern transparent und wirken in ihren Einschätzungen seriös.
HAYNES und ECKOLDT sind weder techniktrunkene Zukunftsgurus noch verbissene Katastrophen-Verkünder; wenn es um Prognosen geht, äußern sie sich eher konservativ-realistisch als zukunftsverliebt.
Diese eher nüchterne Herangehensweise vermindert aber an keiner Stelle die Faszination, die von den neuesten experimentellen Forschungen und ihren Befunden ausgeht. Auch das vermitteln die Autoren – aber eben ohne in Euphorie zu verfallen.

Sehr angenehm ist die Selbstverständlichkeit, mit der in diesem Buch die – oft ideologisch aufgeladene – Frage nach dem Zusammenhang zwischen neuronalen Vorgängen und unserem subjektiven Erleben abgehandelt wird. Bei etwas genauerer Betrachtung stellt sie sich nämlich längst nicht mehr: Wenn (nach einer Trainingsphase) Computer mit großer Treffsicherheit erkennen können, ob wir z.B. an eine bestimmte Person (oder eben an eine andere) denken, dann erschiene eine (dualistische) Diskussion darüber, ob der „Geist“ nicht etwas ganz Anderes (irgendwie Immaterielles) sein könnte, völlig abwegig.

Mit dem „Fenster ins Gehirn“ liegt ein auf allen Ebenen vorbildliches und absolut lesenswertes Sachbuch vor, dass den interessierten Laien unterhaltsam und nachvollziehbar bis in die brandaktuellen Forschungsinhalte führt.
Das einzige, was man diesem Buch vorwerfen könnte, kann man diesem Buch nicht vorwerfen: Es nimmt auch alle die mit auf die Reise, die noch nicht eine ganze Reihe von anderen Bücher über moderne Hirnforschung gelesen haben. Natürlich entstehen so für vorinformierte Leser/innen gewisse Redundanzen; das muss man einkalkulieren und aushalten.

Wer es unbedingt wissen will und dieses Buch nicht selbst lesen kann: Nein, die Inhalte unseres Denkens und Fühlens können auf absehbare Zeit hin weder von finsteren Mächten, noch in unserem Auftrag ausgelesen oder übertragen werden. Die Komplexität unseres Gehirns setzt solchen Fantasien sehr markante und grundlegende Grenzen.

„Die vier Winde“ von Kristin HANNAH

Bewertung: 3 von 5.

Eine amerikanische Familien-Saga auf dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und der großen Dürreperiode in den 30-iger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Die Protagonistin ist eine aus der eigenen Familie verstoßene Frau, die sich durch ein schweres Schicksal kämpft: Da ist die Not-Heirat mit dem Vater ihres Kindes, das beschwerliche Leben auf der Farm der Schwiegereltern und eine Tochter, die mit noch so viel Liebe und Mühe nicht zufriedenzustellen ist.
Dann kommt die Not – in Gestalt von jahrlangen Trockenheit, zerstörerischen Sandstürmen und dauerhaften Ernteausfall. Als dann der Ehemann und Vater das Handtuch wirft, bleibt irgendwann nur noch die Hoffnung auf ein besseres Leben im verheißenen Land, in Kalifornien.
Man ahnt es schon: Der Traum geht nicht in Erfüllung; auch hier geht es ums nackte Überleben unter unsäglichen Bedingungen.

Der Autorin liegt es ganz offensichtlich am Herzen, einen intensiven Eindruck von den bedrückenden Lebensverhältnissen der Farmern im mittleren Westen und der Wanderarbeiter auf den Plantagen in Kalifornien zu vermitteln. Parallel dazu entwirft sie die Biografie einer Frau, die es von Kindheit an gewohnt war, sich in ihr Schicksal zu fügen und klaglos Aufgaben und Pflichten erwartungsgemäß zu erfüllen. Auch unter ungünstigen Bedingungen saugt sie jede Spur von Zuwendung und Liebe auf. Erst die extremen und letztlich lebensbedrohlichen Erfahrungen mit der Ausbeutung durch Großgrundbesitzer und das Vorbild ihrer selbstbewussten Tochter machen aus der angepassten Frau eine Kämpferin. So wird dieses Buch auch zu einem Entwicklungsroman.

Not ist Not, und Überlebenskampf ist Überlebenskampf – da gibt es nicht viel zu differenzieren. Trotzdem haftet diesem Roman etwas Klischeehaftes an: Zu böse scheint die Welt, zu eigensinnig die Tochter, zu edel und grenzenlos belastbar scheint die Mutter, zu plötzlich und vor allem zu radikal kommt der Wandel. Möglicherweise ist das der Preis der extremen Personalisierung, durch die Zeitgeschichte in die Biografie von ein paar wenigen Figuren gepresst – und vor allem – emotionalisiert wird.
Bei mir hat das zunehmend Distanzierung ausgelöst – es war letztlich von allem eine deutliche Spur zu viel!

Ohne Zweifel gelingt es HANNAH, ein informatives und anrührendes Panorama dieser Zeit auszubreiten. Wenn einem eine sehr starke Zuspitzung auf das Thema „Gut gegen Böse“ nicht stört und man sich damit arrangiert, dass Roman-Figuren eben – aus dramaturgischen Gründen – immer im Zentrum des Geschehens stehen, dann kann hier durchaus ein lohnendes Leseerlebnis warten. Eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber klischeehaften Überzeichnungen sollte eher zur Zurückhaltung mahnen.
Zum Verständnis der – heute noch spürbare – Grundmentalität vieler Amerikaner (im Sinne von Eigenverantwortung und Staatsferne) leistet dieser Roman aus der Kernregion des Farmer-Lebens ganz sicher einen Beitrag.

„Die unberechenbare Wahrscheinlichkeit des Zufalls“ von John IRONMONGER

Bewertung: 3 von 5.

Die Sache mit dem Zufall ist ein dankbares und unvermeidliches Thema für Romanschreiber: Sind sie doch bei der Konstruktion ihrer Handlungsfäden permanent damit beschäftigt, das Eintreten bestimmter Ereignisse zu „begründen“ – z.B. durch das im Hintergrund wirkende Schicksal, durch den raffinierten Plan eines Bösewichtes oder eben durch die diffusen Kräfte des Zufalls.
IRONMONGER richtet in seinem Roman den Spot auf diese – sonst unter der Oberfläche arbeitenden – Verursachungsnarrative: Sie werden selbst zur Hauptthematik des Buches.

Personalisiert wird die rational-statistische Herangehensweise durch den Protagonisten dieses Romans, der – wie passend – selbst ein Zufallsforscher ist. Er gerät in den Strudel einer hochkomplexen Geschichte, in der es um eine Häufung von extrem unwahrscheinlich anmutenden zeitlichen und inhaltlichen Ereignisfolgen geht.
Der zentrale „Tatort“ (auch im kriminalistischen Sinne) ist dabei eine christliche Missions-Station in Uganda. Ein dort stattfindender Überfall eines Warlords löst für die beteiligten Hauptpersonen Erschütterungen in den Lebenslinien aus, die sich erst viele Jahre später nach und nach aufklären lassen.
Parallel wird das Schicksal einer Frau verfolgt, bei der schon die Frage nach der Vaterschaft nur durch Zufall zwischen drei potentielle Kandidaten zu entscheiden ist und in deren Biografie sich eine schier unglaubliche Regelhaftigkeit von persönlichen Katastrohen abspielt.

IRONMONGER mischt in seinem Roman Elemente und Schreibstile aus verschiedenen Genres: Da gibt es schelmenhaft-humoristische Aspekte; es werden handfeste Informationen über Wahrscheinlichkeits-Theorien angeboten; man erfährt etwas über die chaotischen Verhältnisse in afrikanischen Bürgerkriegen; es geht um Liebe und das Bedürfnis des Menschen, doch hinter dem Ganzen immer einen Sinn zu sehen.
Das Buch schwankt so immer wieder zwischen Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern.

Obwohl der Plot offensichtlich alle Voraussetzungen mitbringt, so etwas wie „intelligente Unterhaltung“ zu bieten, hat mich die Geschichte nicht wirklich erreicht.
Der Wechsel zwischen dem extrem konstruierten Handlungsfaden und den eingestreuten kleinen „Vorlesungen“ über die Welt der Wahrscheinlichkeiten wirkte auf mich holprig und gekünstelt. Die Figuren haben mich zu wenig interessiert, als dass so etwas wie ein Lese-Sog hätte entstehen können.

Und was ist nun mit dem Zufall?
Wir lernen letztlich, dass es ziemlich schwierig ist, die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen zu kalkulieren, wenn nicht alle Ausgangsbedingungen bekannt sind. Klug ist auf jeden Fall der Hinweis, dass man gut beraten wäre, wenn man bei wirklich extrem unwahrscheinlichen Zusammenhängen nach möglichen versteckten Erklärungsfaktoren sucht.
Was mir gefehlt hat, ist ein differenzierter Blick auf die zwei Aspekte des Zufalls: Der Autor definiert etwas als „zufällig“, wenn die Wahrscheinlichkeit des Auftretens sehr gering ist: Auch Dinge, die sehr selten Auftreten, passieren eben irgendwann mal. Das lässt sich bei Würfeln gut berechnen, bei Lebensereignissen eher weniger. Auf der anderen Seite geht es bei Zufällen ja auch darum, ob ihr Auftreten das Ergebnis einer (wissenschaftlich nachvollziehbaren) Verursachungskette ist, oder sie sozusagen außerhalb der (potentiell) berechenbaren Welt existieren. In diesem Sinne nennen wir oft etwas „zufällig“, weil wir angesichts der Komplexität der Einflussfaktoren (und ihrer Interaktion) schlicht kapitulieren. Hierzu sagt der Autor kaum etwas.

Dass Menschen, die auf der Basis eines naturalistischen Weltbildes die Kräfte verborgener Mächte (wie Vorsehung, Schicksal, Sterne oder Götter) außen vor lassen, von eher esoterisch angehauchten Zeitgenossen als „armselige Kopfmenschen“ (meine Formulierung) betrachtet werden, spielt bei IRONMONGER keine tragenden Rolle.
Eine noch etwas klarere Positionierung des Autors wäre für mich wünschenswert gewesen.

„Bewusstsein – Die ersten vier Milliarden Jahre“ – von Joseph LeDoux

Bewertung: 3.5 von 5.

Wenn mir ein Buch verspricht, dem Zusammenhang zwischen Gehirn und Bewusstsein noch ein bisschen genauer zu beschreiben, verbünden sich mein Gehirn und mein Bewusstsein ganz schnell in einer Weise, die für einen Widerstand keinen Platz mehr lässt: Ich bestelle das Buch (bzw. lade es runter, damit ich Sekunden später mit dem Lesen anfangen kann).
So ging es mir auch mit diesem Titel, der versprach, den Spuren des Bewusstseins bis tief in die Anfänge der Evolution zu folgen. Das hörte sich spannend an.

Tatsächlich hat diese Publikation ein Alleinstellungsmerkmal: Das erste Drittel des Buches liest sich wie eine Einführung in die Systematik der Evolutions-Biologie. In einer didaktisch vorbildlichen Art und Weise erfährt man, wie Leben überhaupt entstanden ist und wie der Stammbaum der Arten und Stämme gegliedert ist. Der Schwerpunkt dieser sehr detailreichen Analyse besteht zwar in der Suche nach ersten Formen von Informationsübertragung; dabei werden aber auch alle anderen Lebensfunktionen (nicht zuletzt die Fortpflanzung) ausführlich betrachtet.
Gerade die ersten Milliarden Jahre, in denen es um Einzeller und einfache Mehrzeller geht, liegen dem Autor sehr am Herzen; es dauert ca. die Hälfte des Textes, bis es zum ersten mal um Kognition und Denken geht.

Im letzten Viertel des Buches geht es dann um das versprochene Thema „Bewusstsein“.
Hier verändert sich die Qualität der Darstellung (zumindest in Bezug auf meine Erwartungen). Es beginnt – erwartungsgemäß – mit einer Definition verschiedener Bewusstseins-Aspekte und einem Überblick über etablierte Bewusstseinstheorien.
Was dann (über viele, viele Seiten) folgt, sind – verkürzt formuliert – differenzierte Beschreibungen, welche Gehirnarreale bei welchen Funktionen in welcher Reihenfolge und welcher hierarchischen Gliederung tätig werden. Basis dafür ist die „HOT“-Theorie („high-order-theory“), die (grob) besagt, dass Bewusstsein entsteht, wenn eine nichtbewusste sensorische Information erster Ordnung auf einer höheren (kognitiven) Ebene „re-repräsentiert“ wird.
Natürlich lernen die Leser/innen eine Menge über die strukturellen und funktionalen Bereiche des Gehirns und über die zentrale Bedeutung der Erinnerungen für das Bewusstsein (insbesondere für die Selbstwahrnehmung). Aber irgendwie springt der Funke nicht über: Man nimmt über weite Strecken nur noch Wortgeklingel wahr, ohne das damit ein spürbarer Erkenntnisgewinn verbunden wäre.
(Positiv erwähnt sei an dieser Stelle jedoch, dass die grafische Aufarbeitung aller zentralen Aussagen vorbildlich gelungen ist; wo immer es um Strukturen und Gliederungen geht, wird eine passende Illustration angeboten).

Einen weiteren Schwerpunkt setzt LeDOUX bei der Abgrenzung zwischen menschlichen und tierischen Bewusstsein. Er warnt dabei in beide Richtungen: Weder findet er es angemessen, unseren tierischen Mitgeschöpfen pauschal (höhere) Bewusstseinsprozesse abzusprechen, noch sieht er es als akzeptabel an, vorschnelle Analogieschlüsse aus unserem Selbsterleben heraus zu ziehen – selbst wenn ähnliche Verhaltensweisen betroffen sind.

Welche Kernaussagen bleiben nun zurück, wenn man das 470-Seiten-Buch (inkl. Anhänge) beendet hat?
Die erste große Erkenntnis besteht wohl darin, dass Informationsverarbeitung von Beginn an mit dem Leben verbunden ist – selbst bei den Vorformen der Einzeller. Das führt den Autor zu der grundsätzlichen Haltung, erstmal zu schauen, ob Leistungen (Verhalten) nicht auch durch basalere Prozesse erklärbar sind, die weder ein Gehirn noch ein Bewusstsein voraussetzen.
Man wird ebenfalls darauf aufmerksam gemacht, dass ein bestimmtes beobachtbares Verhalten (im weitesten Sinne gemeint) auf verschiedenen funktionalen Wegen entstanden sein kann. So könnte z.B. eine Reaktion, die beim Menschen (auch gehirnphysiologisch) eng mit einer Emotion verbunden ist, bei anderen Lebewesen durchaus ohne diese Komponente funktionieren.

Und dann wartet man auf den Schlussakkord. Man möchte gerne wissen, was ein so schlauer Mensch zu den eher philosophischen oder gesellschaftlichen Implikationen seiner Forschungen und Theorien denkt. Was ist mit dem großen Ganzen? An einer Stelle des Schlusskapitels wird Hoffnung geweckt: Der Begriff „Willensfreiheit“ taucht auf.
Um so größer fällt dann die Enttäuschung aus: LeDOUX ergeht sich auf den letzten Seiten in einer allgemeinen Betrachtung zu den großen Zukunftsrisiken und stellt sich (rein abstrakt) die Frage, ob wohl der mit Selbsterleben ausgestattete Mensch diese Herausforderungen (z.B. die Klimakrise) überleben wird. Diese Ausführungen könnten in jedem anderen Buch fast genauso stehen und wirken – angesichts der Informationstiefe des Buches – geradezu peinlich banal.

Wer sich also über die biologische und evolutionäre Basis unserer geistigen Funktionen informieren möchte, ist mit diesem Buch perfekt bedient.
Wenn es darum geht, die aktuelle Bewusstseinsforschung im Zusammenspiel von Hirnphysiologie, Neuropsychologie und Neurophilosophie zu betrachten, sind dafür viele andere Publikationen besser geeignet.


„Erzählende Affen“ von Samira El OUASSIL und Friedemann KARIG

Bewertung: 5 von 5.

Der Begriff „Narrativ“ hat in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt. Nicht zuletzt die Bücher von HARARI haben auf die kaum zu überschätzende Bedeutung hingewiesen, die alle Arten von Erzählungen für die Entstehung und Weiterentwicklung menschlicher Kulturen hatten und haben.
Das vorliegende Buch ist nicht weniger als der (gelungene) Versuch, einen kulturhistorischen Gesamt-Bogen der menschlichen Erzählungen zu schlagen – vom Frühmenschen (der sinniger Weise hier „Homo narrans“ genannt wird), bis zum Lügenbaron Trump (und darüber hinaus).

Das beeindruckende Buch (520 Seiten, toll gestaltetes Cover) hat ein eindeutiges Ziel: Es will belegen, dass wir die brennenden Zukunftsthemen nur mithilfe von starken Geschichten lösen können, die bestehende (eindeutig dysfunktionale, aber wirkmächtige) Narrative ersetzen können. Insofern liegt hier keine streng wissenschaftliche Publikation vor; die Autoren sind nicht neutral, vertreten offen ihre Werte (die einem humanistischen, fortschrittlichen und säkularen Weltbild entsprechen).
Doch es wird schnell deutlich: Diese beiden Autoren sind auch verliebt in Geschichten! Das, was sie uns über Erzählungen erzählen, geht weit über das hinaus, was für ihre Argumentationslinie notwendig gewesen wäre. In diesem Buch wird nicht nur informiert und aufgeklärt – hier wird das Erzählen begeistert zelebriert. Man kann sich bei Lesen kaum vorstellen, dass die Autoren zu den unzähligen Beispielen nicht (auch) irgendeine persönliche Beziehung haben.
So lebt das Buch davon, dass die aufgespannte Erzählwelt eben nicht nur funktionalen Charakter hat, sondern einen eigenen Wert. So geht lebendige Informations-Vermittlung!

Den Startpunkt setzen die Autoren mit der Analyse der Erzählstrukturen von Heldengeschichten. Sie nehmen sich viel Zeit für die 12 typischen Stufen und unterfüttern sie mit Beispielen aus dem gesamten historischen Fundus. Dabei legen sie Wert darauf, dass nicht nur klassisch gebildete Altphilologen, sondern auch moderne Mediennutzer voll auf ihre Kosten kommen (Film-Freaks und Fantasy-Leser sind eindeutig im Vorteil). Genannt werden auch typische inhaltliche Plots (von Rivalität, Aufstieg und Absturz).

Weiter geht es mit der evolutionären Bedeutung des Erzählens – vom ersten Lagerfeuer bis zum Tanz um die Selbstdarstellung und –verwirklichung in der Moderne. Der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken wird genauso thematisiert wie die Verbindung zwischen Wort und Bild und die digitale Medien-Revolution, mit deren Tsunami-Wellen wir immer noch zu kämpfen haben.

Dann wird das Buch eher gesellschaftspolitisch und wendet sich ausführlich den großen Narrativen zu, mit denen die Rahmenbedingungen gesetzt und begründet wurden, die seit einigen Jahrhunderten unseren Alltag bestimmen: Es geht um Militär, um die Wirtschaftsordnung, die Monarchie, um die Leistungsgesellschaft, die Erfindung der Rassen, den Antisemitismus und letztlich die Ideologie der „Rechten“ Verführer (vom Faschismus bis zu aktuellen Verschwörungstheorien).

Noch tiefer analysiert werden die fest verankerten nationalen Selbsterzählungen der USA und Deutschlands; gefolgt von einer gründlichen Entlarvung all der Narrative, mit denen eine Unterdrückung und Benachteiligung des weiblichen Geschlechts gerechtfertigt wurde.

Mit dem Themenschwerpunkt „Klima-Krise“ (mit einem Corona-Exkurs) lenken die Autoren ihren Plot auf die Zielgerade. Auf den verbleibenden ca. 100 Seiten werden folgende Fragen behandelt: Warum ist es so schwer, eine wirkmächtige Klima-Erzählung zu ersinnen? Warum sind Geschichten so attraktiv, die uns einen individualistischen Selbstbezug schmackhaft machen wollen (von Astrologie bis Achtsamkeit)? Wie könnte ein zukünftiges Narrativ überhaupt aussehen – bei einer Ausgangslage, die so gar nicht zu den Regeln der klassischen Heldensage passen?

Kritisch könnte angemerkt werden, dass die letztlich entscheidende Antwort der Autoren ein wenig kurz ausfällt – angesichts der bis zu dieser Stelle aufgetürmten Analysen und Erkenntnissen. Sie wollen die gewaltbestimmten Megathemen hinter sich lassen, wollen Raum für positive Utopien schaffen, wollen deutlich machen, dass es die Gegenwart ist, die durch eine dystrophe Erzählung bestimmt wird (die nur deshalb akzeptiert wird, weil sie fälschlicherweise für „normal“ gehalten wird.)

Dieses Buch stellt eine wahrhaft beeindruckende Gesamtleistung dar, vor der man als Leser den Hut ziehen möchte. Wer schon mal selbst geschrieben hat, hat vielleicht eine Ahnung davon, was ein Projekt dieser Größenordnung beinhaltet.
Das Ergebnis ist ein Lesevergnügen, von dem ganz sicher auch Leser/innen profitieren, die nicht jeder Schlussfolgerung oder Wertung zustimmen. Man kann dieses Buch nicht lesen, ohne danach klüger zu sein, sich angeregt zu fühlen, weiterzudenken.
Es lohnt, sich für dieses Buch etwas Zeit freizuschaufeln, denn es hat mit Sicherheit Langzeitwirkungen in Bezug auf das eigene Weltverständnis.

„Selbstfreundschaft“ von Wilhelm SCHMID

Bewertung: 2 von 5.

Achtung: Dies ist keine „richtige“ Rezension! Ich gebe nur ein paar Eindrücke wieder, weil ich das Buch vermutlich nie ganz lesen werde.

Es ist ein kleines Büchlein, für die Jackentasche. Darin stecken eine Menge Lebensweisheiten, insbesondere über den Umgang mit sich selbst.
Ich habe an ein paar Stellen reingelesen und fühlte mich abgeschreckt durch den etwas „onkelhaften“ Stil und eine gewisse Banalität der Erkenntnisse. Ich habe nichts Dummes oder Falsches gefunden, aber auch nichts, was mich zu Weiterlesen motiviert hat.
Es ist alles so selbstverständlich richtig und vernünftig, dass man glaubt, es entweder selbst zu wissen oder schon mal irgendwo gelesen zu haben.

Die Idee z.B., dass man sich selbst eher in Freundschaft verbunden sein sollte, als sich in narzisstischer Selbstliebe zu erhöhen, ist sicher total einleuchtend.
Vielleicht besteht das Problem darin, dass SCHMID zu viele zu einleuchtende Dinge relativ unstrukturiert hintereinanderschreibt. Irgendwie lullt einen das ein…

SCHMID hat eine beeindruckende Liste von Veröffentlichungen aufzuweisen. Irgendwie klingen alle ähnlich. Mich hat spontan der Verdacht beschlichen, dass man möglicherweise kaum merken würde, wenn man von einem Buch zum anderen wechseln würde. Aber vielleicht ist das ein Vorurteil. Es gibt offenbar einen treuen Leserstamm.

Nochmals meine Bitte um Nachsicht: Dies ist keine Rezension; ich schreibe nur auf, warum ich das Buch zur Seite gelegt habe.

„Alte Sorten“ von Ewald Arenz

Bewertung: 5 von 5.

Ein echter Überraschungs-Treffer!
Ich habe dieses Buch mit der festen Überzeugung gelesen, dass da eine extrem sensible Autorin die facettenreiche Verbindung von zwei weiblichen Protagonisten über viele Hürden hinweg entstehen lässt. Dann stelle ich (wirklich!) erst nach der letzten Seite fest, dass dieses Buch von einem Mann geschrieben wurde. Respekt!

Wir sehen in diesem Roman zwei Frauen beim Wachsen zu: einem Mädchen an der Schwelle des Erwachsenwerdens und einer Frau mittleren Alters. Das Mädchen (Sally) ist aus der Psychiatrie abgehauen und sieht keinen Rückweg in die (spieß-)bürgerliche Welt ihrer Eltern; ihre Narben sind auch äußerlich unübersehbar. Die Frau (Liss) trägt schwere biografische Hypotheken auf ihren Schultern, die sich nur in einem fast vollständigen Rückzug von der Welt ertragen lassen; ihre Narben sind seelischer Natur.

Das Schicksal meint es gut mit diesen beiden: Für die Leser/innen wird im Laufe der Geschichte klar, dass beide genau dieses Gegenüber brauchen, um wieder eine lebbare Perspektive für sich zu finden.
Es gibt jedoch auch einen dritten Faktor, den man sich nicht fortdenken kann und will: Es ist die ländliche Idylle, in die das behutsame Abtasten der beiden Frauen eingebettet ist.

Die sprachliche Qualität des Romans, die sich u.a. in absolut überzeugenden Sprachbildern ausdrückt, findet sich in allen wesentlichen Aspekten:
Mit einer beeindruckenden Empathie versetzt sich ARENZ (Lehrer von Beruf) in die Gefühlswelt einer Heranwachsenden, die für sich und ihre Ansprüche an ein erfülltes Leben in der Familie keinerlei Resonanz erfährt. In ihrer Mischung von Trauer, Verzweiflung und Wut werden sich viele junge Menschen wiedererkennen.
Eine noch größere Herausforderung stellt die Figur der Liss dar: Ihre biografischen Brüche, ihre seelischen Verletzungen werden erst nach und nach enthüllt – und vom Autor ebenfalls überzeugend und sensibel dargestellt.
Die Meisterleistung von ARENZ besteht aber in der Entwicklung eines Beziehungsbandes zwischen diesen beiden Personen, die emotional und sozial extrem irritierbar sind. Was sich dort vollzieht, ist eine Art „Tanz auf sehr dünnem Eis“ – und dünnes Eis bricht auch manchmal ein. Dass es trotzdem zu einem ganz anderen Tanz kommt, wirkt wie ein kleines Wunder.
Aber der Autor hat nicht nur einen Blick und eine Feder für verstörte Seelen und labile Beziehungen; er gibt der Natur, den Feldern, den Weinbergen und auch dem Garten (den mit den „Alten Sorten“) in dieser Erzählung einen grandios versprachlichten Raum. Es wäre tatsächlich kaum vorstellbar, dass diese (gegenseitige) Heilung ohne die basalen Kräfte gelungen wäre, die das Leben und Arbeiten mit und an der Natur schenken können.

Dieser Roman ist – auf eine nicht kitschige Art – sehr anrührend und durch und durch menschenfreundlich. Er lenkt den Blick auf die Not und die Verletzungen hinter den schroffen Fassaden und zeigt mit faszinierender Sensibilität die Ursprünge von Vertrauen und Nähe. Es geht um das Wachsen – in der Natur, in der Persönlichkeit, in Beziehungen.
Der Ausblick macht Mut – auch weil letztlich die Verbindung zur (verständnislosen und vermeintlich feindseligen) Umwelt nicht auf alle Zeiten abgebrochen bleiben muss. Man kann – unter förderlichen Bedingungen – so starkwachsen, dass die die Welt ihren Schrecken verliert.
Wenn dieses tolle Buch vielleicht auch eine Spur märchenhaft sein sollte, so enthält es auf jeden Fall kluge und ermutigende Botschaften.

„6 Grad mehr“ von Mark LYNAS

Bewertung: 3.5 von 5.

Immer stärker hängt die Beurteilung von Klima-Büchern auch davon ab, welche und wie viele Publikationen man schon gelesen hat. Von mal zu mal wird es immer schwerer zu entscheiden, ob das Gefühl der Redundanz aus dem Buch selber stammt oder das eigene Vorwissen widerspiegelt.
Auf das Buch von LYNAS trafen bei mir beiden Faktoren zu.

Der Grundgedanke und Rote Faden des Buches ist schnell erklärt: Der Autor führt die Leser/innen in übersichtlichen Schritten von der Gegenwart (1 Grad mehr) bis in die Apokalypse (6 Grad und mehr). Dabei geht er in einer Gründlichkeit vor, die eine schon ziemlich einzigartige Informationstiefe schafft.
LYAN wertet eine Unzahl von Studien aus und bezieht alle denkbaren Schauplätze des Klimawandels ein: die Eisschmelze an den Polen (Erhöhung des Meeresspiegels und Überflutung von Küsten), die Erwärmung der Meerestemperatur (Zunahme schwerer Stürme), die Veränderung der Meeresströmungen, das Artensterben in und außerhalb der Meere (u.a. das Korallensterben), die Veränderung der Klimazonen (und deren Auswirkung auf die Landwirtschaft), die gesundheitlichen Folgen der häufiger werdenden Hitzeperioden, die bevorstehenden Klima-Migrationswellen, usw, usw…

Bei der Darstellung führt diese umfassende Darstellungsform zu einer gewünschten und einer eher lästigen Konsequenz: Wirklich erhellend ist, dass einem am laufenden Meter das Ineinandergreifen und das gegenseitige Aufschaukeln der verschiedenen Entwicklungen vor Augen geführt wird. Als echt schwierig erweist sich im Verlauf des Buches, dass alle diese Faktoren und Wechselwirkungen für jede neue Gradzahl neu durchgespielt werden. Irgendwann steigert sich dadurch nicht nur die Temperatur, sondern auch der Wiederholungseffekt und dieser mündet schließlich irgendwann in einem Informations-Overkill.
Ein wenig gesteigert wird dieses Gefühl von „Zuviel des Schlechten“ noch dadurch, dass der Autor auch immer wieder Bezug nimmt zu den Aussagen seiner früheren Klimabücher. Das ist zwar auch erhellend (weil alles noch schlimmer gekommen ist), macht aber die Faktenflut noch ein bissen unübersichtlicher.

Damit kein falscher Eindruck aufkommt: Das Buch ist eine unglaublich faktenreiche und eindrückliche Schilderung der Szenarien, die auf die Menschheit der nächsten 100 Jahre zukommen werden – je nachdem, an welchem Punkt sie den Klimawandel schließlich stoppen. Absolut beeindruckend sind auch die Vergleiche mit früheren, natürlichen erdgeschichtlichen Klimaphänomenen: Sie haben sich allesamt über sehr viel längere Zeiträume erstreckt!
Wer auf dieser Faktenlage noch behauptet, dass wir uns in einem „ganz normalen“ geologischen Prozess befänden, auf den wir Menschen kaum einen Einfluss hätten, ist entweder strohdumm oder hat immer noch Aktien von Ölkonzernen.

So bleibt als Quintessenz: Wer auf der Suche nach einem soliden, extrem differenzierten und gut aufgearbeiteten Informations- und Faktenpool ist, der/die sollte bei „6 Grad“ beherzt zugreifen. Insbesondere, wenn es auch um die wirklich langfristigen Folgen eines extremen Klimawandels gehen soll.
Für Menschen, deren Interesse nicht so extrem in die Tiefe geht, gibt es jede Menge leichter (und schneller) lesbare Quellen.

„Orfeo“ von Richard POWERS

Bewertung: 3 von 5.

Manchmal ist man von einem oder zwei Büchern eines Autors zu begeistert, dass man unbedingt alles lesen möchte, was dieser Mensch jemals veröffentlicht hat.
So ging es mir zuletzt mit Richard POWERS – und deshalb komme ich in die Verlegenheit, den Roman „Orfeo“ hier zu besprechen.

POWERS hat es sich zu einem Markenzeichen gemacht, für seine Romane mit einer ungeheuren Energie und Intensität in Lebens- bzw. Themenbereiche einzutauchen. Das Ergebnis sind dann Erzählungen, die eine Oberflächenbetrachtung weit hinter sich lassen und immer wieder tiefe Einblicke in die jeweilige Materie ermöglichen. Dabei überschreitet er sicher hin und wieder die Grenzen auch interessierter Leser/innen.
Der Roman „Orfeo“ hat bei mir solche Grenzen von Neugier und Geduld eindeutig durchbrochen.

POWERS schreibt einen Roman über einen von (avantgardistischer) Musik besessenen Menschen, der sein gesamtes bürgerliches Leben dem Streben nach der „perfekten“ Musik opfert.
Der Autor stellt sich unerschütterlich der – sicherlich riesigen – Herausforderung, diese lebenslange Sehnsucht nach den absoluten Klangerfahrungen in geschriebene Sprache zu übersetzen. Denn es wird tatsächlich auf vielen, vielen Seiten über (fantasierte, geplante, erinnerte) Musik geschrieben. Und da es sich nicht um etablierte, gängige oder gefällige Musik handelt, sondern um verschiedene Aspekte experimenteller klanglicher Ausdrucksformen, ist auch die sprachliche Umsetzung umso schwieriger (besser gesagt: eigentlich unvorstellbar).

POWERS erzählt also eine Geschichte und lotet parallel aus, wie weit das Medium der Sprache die Welt der Musik einfangen und ausdrücken kann.
Die Geschichte handelt von einem Mann, der letztlich an seiner Besessenheit scheitert. Auf diesem Weg begleiten ihn vor allem zwei bedeutsame Beziehungspartnerinnen, eine Tochter und ein Freund (der ebenfalls dem musikalischen „Wahn“ verfallen ist). Er trägt zwei berufliche Identitäten in sich (Musiker und Chemiker), die sich später auf eine so besondere Art miteinander verschränken, dass ihm dadurch die Grundlage seiner bürgerlichen Existenz endgültig entzogen wird.
Die Totalität, mit der POWERS die musikalische Welt versprachlicht, ist wirklich atemberaubend – mutet allerdings auch Leseerfahrungen zu, die wohl nur einem relativ kleinem und spezialisierten Publikum auf Dauer Vergnügen bereiten wird. Es sind zwei große Stufen, die der Autor zumutet: die grundsätzliche Schwelle zwischen Sprache und Musik – und die zusätzliche Hürde zu einer fremden Musikwelt der Avantgarde (weit weg von üblichen Harmonie- und Melodieerwartungen). Das ist tatsächlich Hardcore!

Empfehlen würde ich dieses Werk von POWERS nur Leser/innen, die entweder selbst einen Bezug zu modernen Musikformen haben oder die sich gerne mit den Grenzen literarischer Kunst und ihrer Möglichkeiten befassen.
Wen in erster Linie das (wechselhafte) Schicksal des Protagonisten interessieren sollte (wie man z.B. plötzlich in die Fänge der Terroristen-Abwehr geraten kann), dem/der sollte bewusst sein, dass lange Phasen echter Lesearbeit bevorstehen, die ohne Disziplin kaum zu bewältigen sind.

„Das Fluchholz“ von Johann De BOOSE

Bewertung: 3.5 von 5.

Das ist schon eine ziemlich pfiffige Idee: Der niederländische Autor begleitet ein Stück Holz zwei Jahrtausende lang durch die Menschheitsgeschichte. Erzählt wird in der „Ich-Perspektive“, also aus Sicht des Holzes, das seinem Weg als Teil eines einsamen Olivenbaums beginnt, dann – auf einen Holzklotz zusammengeschrumpft – Jahrhunderte in Vergessenheit gerät, um schließlich – veredelt als Ikone – einen erlebnisreichen Parforceritt durch Mittelalter und Neuzeit unternimmt.

Das Stilmittel des Autors ist also eine Form von Externalisierung: Die Geschichte der Menschen und ihrer jeweiligen Epochen wird durch eine Außenperspektive gebrochen und fokussiert.
Entscheidend für die inhaltliche Schwerpunktsetzung des Romans ist dabei von Beginn an der religiöse Bezug: So bekommt der ursprüngliche Baum direkten Kontakt zu der „Gottesmutter“ Maria und Jesus selbst; beide nutzen seinen Schatten. Aber es wird noch dramatischer: Das Kreuz, an dem Jesus zu Tode kommt, ist aus genau diesem Baum hergestellt worden (Einzelheiten seien dem Lesen vorbehalten). Als eine Art Reliquie bekommt ein Stück des Kreuzes später in den Genuss einer Bemalung, die Maria mit geschlossenen Lidern zeigt. Dem Status als offizielle Ikone entsprechend, geht natürlich eine besondere Wirkung von dieser Darstellung aus (sowohl visuell als auch beim Berühren).

So verschlungen und chaotisch wie die Geschichte der Menschen ist auch das Schicksal der Reliquie bzw. Ikone, wobei ganz eindeutig die Schattenseiten (also Krieg, Grausamkeit, Machtgier) im Zentrum des Geschehens stehen. Der Autor spart dabei nicht mit Details und lässt durchaus durchblicken, dass der Weg von religiöser Inbrunst zu sadistischen Praktiken oft nicht weit war.
Schlaglichtartig wird der Fokus des Geschehens auf ausgesuchte historische Zeiten und Plätze gerichtet. Das „Fluchholz“ beobachtet immer und leidet häufig selbst unter den Rahmenbedingungen. Gelegentlich kommuniziert es auch mit anderen (meist heiligen) Gegenständen, die z.T. mehrfach seinen Weg kreuzen.
Wird jemals ein heilsuchender Mensch die Chance haben, die Augen von Maria geöffnet zu sehen (so wie der Baum es damals konnte)?

BOOSE legt einen besonderen historischen Roman vor, sowohl bzgl. der gewählten Perspektive als auch hinsichtlich der zeitlichen Ausdehnung. Das ist erstmal literarisch interessant und auch anregend.
Im Großen und Ganzen wird die Geschichte des Christentums (ausschnittsweise) begleitet, die Grundbotschaften des Autors (so wie ich sie verstehe) gehen aber sicher darüber hinaus: Der Zeitenlauf hat etwas Willkürliches, Zufälliges; Menschen (insbesondere, wenn sie über Macht verfügen) sind machtgeil und grausam; Lehren aus der Geschichte werden kaum gezogen; es fällt schwer, dem Ganzen einen „höheren“ Sinn zu geben; im Grunde ist alles beliebig und vergänglich.
Das bedeutet nicht, dass BOOSE ein schwermütiges Buch geschrieben hätte. Es gibt auch Raum für das „Allzu-Menschliche“, auch ein Augenzwinkern ist dem Autor nicht fern.

Als Leser/in muss man wohl selbst entscheiden, ob die spürbare Neigung BOOSEs zur Schilderung von (oft auch sexuell gefärbter) sadistischer Gewalt als Versuch einer authentischen Schilderung der schreckensreichen Realität – oder doch als ein gewisses Schwelgen in (vermeidbaren) Details einzuordnen ist. Ich habe zwischendurch zu zweiten Möglichkeit tendiert.

Unbedingt zu empfehlen ist das Buch für eine (religions-)historisch interessierte Zielgruppe, die sich an ungewöhnlichen Erzählweisen erfreuen kann und keine Abneigung gegen drastische Schilderungen hat.
(3,5 von 5 Sternen)