„Das rationale Tier“ von Ludwig HUBER

Bewertung: 5 von 5.

Wir haben es hier mit einem Fachbuch zu tun, das auf fast 600 Textseiten (mit ca. 100 Fußnoten und fast 1200 Literaturhinweisen) eindrücklich einen Anspruch anmeldet: Hier wird etwas Umfassendes zum Thema gesagt!
Nach der Lektüre befindet man sich als (interessierter und leicht vorgebildeter) Leser in einer Mischung von Staunen, Hochachtung und Begeisterung. Diese Gefühle bzw. Bewertungen beziehen sich gleichermaßen auf die dargestellten Inhalte, wie auf die Vermittlungs-Leistung des Autors.

Die zentrale Fragen der vergleichenden Kognitions-Biologie lassen sich leicht formulieren:
– Welche der (traditionell als typisch menschlich angesehenen) Fähigkeiten rund um das Denken und das Bewusstsein sind auch bei Tieren vorhanden?
– Bei welchen Tiergattungen findet man welche Kompetenzen in welchem Ausmaß?
– Mit welchen Methoden lassen sich solche Erkenntnisse gewinnen?
– Welche Erkenntnisse gewinnen wir aus den Tierforschungen für das Verständnis unserer höheren geistigen Fähigkeiten?
– Was lernen wir daraus über die Schnittmengen zwischen Menschen und (anderen) Tieren?
– Welche Konsequenzen könnten (oder sollten) wir daraus für den Umgang mit unseren Mitgeschöpfen ableiten?

Angesichts der geradezu erschlagenden Komplexität des Themas gelingt dem Autor eine gut nachvollziehbare Strukturierung; HUBER ist nicht nur ein leidenschaftlicher Forscher, sondern auch ein vorbildlicher Didaktiker.
Nach einem kurzen historischen Abriss und einer Einführung in das Thema „Rationalität bei Tieren“ geht es um zunehmend anspruchsvolle Teilfunktionen: Werkzeuggebrauch, Kausalverständnis, Gedächtnis und Planung, Gedankenlesen, Sprache und Bewusstsein.

Da sich bei der Fülle von Ergebnissen und Erkenntnissen ein inhaltlicher Einblick von vorneherein verbietet, soll hier das Methodische im Fokus stehen. Es ist nämlich wirklich unglaublich beeindruckend, mit welcher Kreativität und Akribie die Tierforscher in ihren Untersuchungs-Designs vorgehen. Dabei geht es nicht nur darum, den unterschiedlichen Arten (Menschenaffen, Affen, Vögeln, Ratten, Hunden, Insekten, …) bestimmte Leistungen zu entlocken, sondern die Experimente so zu gestalten, dass jeweils andere Erklärungsmöglichkeiten (z.B. instinktives oder zufälliges Verhalten) möglichst weitgehend ausgeschlossen werden können. Dabei kommen so komplexe und raffinierte Versuchsanordnungen zustande, dass man geradezu die Köpfe der beteiligten Wissenschaftler/innen rauchen sieht…

HUBER führt mit großer Übersicht und Ruhe durch das Labyrinth von Fragestellungen, Erkenntnissen und Alternativ-Hypothesen. Er selbst schlägt sich weder ganz auf die Seite derjenigen, die eher schnell einen Nachweis rationaler Fähigkeiten sehen, noch gibt der den Zweiflern recht, die jede letzte Unsicherheit dafür nutzen, die tierischen Kompetenzen kleinzuargumentieren.
Trotzdem wird seine Grundhaltung deutlich: HUBER ist überzeugt davon, dass in den letzten Jahrzehnten große empirische Evidenz dafür gefunden wurde, dass die kognitiven Fähigkeiten vieler Tiere in der Vergangenheit stark unterschätzt wurde. Dafür gibt es in allen Kapiteln (s.o.) eindeutige Hinweise bzw. Beweise.

Die große Stärke des Buches liegt auch darin, dass HUBER immer einen Rahmen schafft, bevor er sich ins Getümmel von Beobachtungen und Experimenten stürzt: Er klärt Begriffe, vermittelt Zusammenhänge, ordnet ein. Gleichzeitig scheut er sich nicht, einzelne Untersuchungen über mehrere Seiten detailliert zu beschreiben. Dieser Wechsel der Perspektiven macht den Text lebendig und verständlich.

Natürlich spürt man immer wieder den Spannungsbogen: Man wartet darauf, wie sich der Autor denn wohl abschließend zu der entscheidenden Frage des „Tier-Bewusstseins“ äußern würde. Nach ein paar hundert abgewogenen HUBER-Seiten rechnet aber wohl niemand mehr mit einem „Knaller“…
Der Autor lässt sich nicht drängen: Er sortiert den Themenbereich, differenziert die Teilaspekte, schafft Verbindungen zwischen den angebotenen Definitionen. Einen besonderen Raum gibt der Autor auch den strukturellen und funktionalen Unterschieden zwischen den verschiedenen Gehirnen.
Eindeutig ist und bleibt, dass nur dem Menschen ein selbstreflektierendes Bewusstsein zugeschrieben werden kann, das auch das eigene Sein und Denken zum Gegenstand haben und darüber sozial kommunizieren kann. Dagegen mehren sich die Hinweise auf (mehr oder weniger ausgebildete) „nichtsprachliche Selbstmodelle“, auf deren Basis bestimmte Formen von Selbstwahrnehmung, Planung, Gefühlsausdruck und Kommunikation möglich sind (einmal ist auch von „moralanalogen“ Fähigkeiten die Rede).
All dem liegt die Gewissheit zugrunde, dass auch Sprache, Hineinversetzen in andere und (Selbst)Bewusstsein Phänomene sind, die sich in der Evolution kontinuierlich bzw. schrittweise entwickelt haben: Der Geist ist eben nicht unvermittelt in den Menschen gesprungen!

Es wäre kaum anders vorstellbar: Natürlich endet dieses Grundlagenwerk nicht ohne eine Betrachtung der Konsequenzen für den Umgang des Menschen mit den „rationalen“ Mitgeschöpfen (ihre Leidensfähigkeit steht sowieso außer Frage).
Sinniger Weise erweitert HUBER bei der Diskussion tierethischer Fragen den Fokus von den Tierversuchen auch auf unsere Nutztiere: Seine Erkenntnisse über die sozialen Bedürfnisse und Fähigkeiten von Schweinen stehen wohl nicht zufällig ganz am Ende seiner Ausführungen – denn hier ist der Widerspruch zwischen unserem Wissen und unserem Verhalten besonders groß.

HUBER hat ein 5-Sterne-Fachbuch geschrieben. Es ist kaum vorstellbar, dass in dem Bereich der Kognitionsbiologie in den nächsten Jahren jemand an diesem Werk vorbeikommt.

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