„Die geliehene Schuld“ von Clair WINTER

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein zeitgeschichtlicher Roman, der sich einem problematischen Thema der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte annimmt: Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Nazi-Größen nach Kriegsende im Ausland untertauchten – und einige von ihnen sogar im Auftrage der Alliierten weiter tätig waren?
Einige Antworten auf diese Fragen hat Claire WINTER in eine kunstvoll konstruierte Familiengeschichte eingewoben.

Einer Protagonistin, Marie Weißenburg, wird die Wahrheit über ihren Vater durch ihre Mutter und ihren beiden Brüder vorenthalten. Der Roman erzählt von der schmerzhaften Entdeckung der wahren Hintergründe, die weit über ein Familiendrama hinausreichen.
Doch der Bogen wird weiter gespannt: Im erweiterten Bekanntenkreis von Marie sind zwei Journalisten (Jonathan und Vera) auf der Spur von Fluchtwegen und kriminellen Machenschaften von Alt-Nazis. Weiter kompliziert wird die ganze Angelegenheit dadurch, dass englische und amerikanische Besatzer unterschiedliche Interessen bzw. Ziele verfolgen. Und im Hintergrund bekommt man mit, wie im Umfeld von Adenauer – für den Marie als Sekretärin arbeitet – gerade unser Grundgesetz gebastelt wird

Geboten wird ein durchaus anregendes Gebräu von historischer Aufklärung, Spannung und Liebesgeschichten – wobei ein besonderer Schwerpunkt auf die Ambivalenzen bzgl. der Loyalität gegenüber „Tätern“ in der eigenen Familie gesetzt wird. Die persönliche Reifung von Marie von einer „kleinen Schwester“ zu einer engagierten und charakterstarken jungen Frau bekommt viel Raum.
Auf politischer bzw. zeitgeschichtlicher Ebene wird bewusst gemacht, wie weit unter dem Label „Antikommunismus“ die Zusammenarbeit amerikanischer Stellen mit Teilen der Nazi-Elite (besonders in den Geheimdiensten) ging.

Bzgl. des „Herz/Schmerz-Faktors“ und der immer wieder recht pathetischen (auch mal kitschverdächtigen) Sprache teilen sich wohl die Geister: Wer so einen Roman liest, muss einfach wissen, dass bestimmte Klischees bedient werden, um einen bestimmten Publikumsgeschmack zu treffen. Hier wird Geschichte personalisiert und emotionalisiert – das muss aber nicht verkehrt sein. Man muss es nur mögen (oder in kauf nehmen).
Wer historische Romane für sich als passenden Zugang zur Zeitgeschichte entdeckt hat, wird von diesem Buch sehr wahrscheinlich nicht enttäuscht werden.

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