„Das Verschwinden der Erde“ von Julia PHILLIPS

Bewertung: 2.5 von 5.

Die positiven Reaktionen auf dieses Roman-Debüt hat auch mich erreicht und eine spontane Kaufentscheidung ausgelöst – in Hörbuch-Form. Ich denke jetzt, es war vielleicht ein bisschen zu spontan. Ich hätte Zeit und Geld doch lieber in eine andere Richtung lenken sollen.

Der Roman beginnt und endet mit der Geschichte einer Entführung von zwei Mädchen in einer abgelegenen russischen Provinz. Dieser Plot dient damit als eine Art äußerer Klammer für die restlichen Inhalte, schafft aber auch zwischendurch den Zusammenhang zwischen all den anderen Personen, von denen in diesem Buch die Rede ist.
Es sind vor allem eine Reihe von Frauen, deren Leben in irgendeiner Weise mit diesem Ereignis verbunden sind – z.B. durch Verwandtschaft und Bekanntschaft mit der verzweifelten Mutter.
Nun ist es keineswegs so, dass hier eine geradlinige Geschichte eines Verbrechens und seiner Aufklärung erzählt wird. Ganz im Gegenteil: Die vermissten Mädchen schweben im Großteil des Romans nur ganz abstrakt über den Dingen; so etwas wie planvolle Ermittlung findet gar nicht statt.

Worum geht es dann in diesem Buch?
Grob gesagt, geht es um die Erfahrung von Frauen: mit (ihren) Männern, mit ihren Kindern, mit einer gleichgültigen Bürokratie, mit Armut und Perspektivlosigkeit. Beschrieben wird der anstrengende und meist eintönige Alltag, der nur aufgehellt oder unterbrochen wird durch solidarische Erfahrungen mit anderen Frauen und den ganz privaten Fantasien von einem irgendwie besseren, glänzenderen Leben.
Es gibt wenig Freude und Genuss in dieser Ecke des Landes, wenn auch die Landschaft eindrucksvoll sein kann. Meist ist der Ausstieg aus dem trüben Pflichtprogramm mit dem Trinken verbunden – wobei die Frauen in der Regel eher die Opfer als die Nutznießer des Alkoholkonsums sind. An jeder Ecke wird deutlich, dass es Frauen sind, die alles Wesentliche am Laufen halten – mit ihrer Energie, mit ihrer Zähigkeit und ihrem Verantwortungsgefühl. Es geht in diesem Buch um die Kraft und die Würde solcher Alltags-Heldinnen.

Die Autorin schreibt in einem eindringlichen Stil, der durch bildhafte Formulierungen und häufige inhaltliche Wiederholungen gekennzeichnet ist. Ein bisschen fühlt es sich so an, als ob man immer wieder ähnliche Schleifen durchläuft; in diesen Schleifen begegnet einem hin und wieder ein Bezug auf die beiden verschwundenen Mädchen.
Es gelingt der amerikanischen(!) Autorin unzweifelhaft gut, eine bestimmte Atmosphäre zu generieren; man spürt, dass sie sich auf diese Gegend und ihre Menschen persönlich eingelassen hat; vielleicht wollte sie ihnen – insbesondere den Frauen – sogar so etwas wie ein Denkmal setzen.
Auf der anderen Seite habe ich die Komposition der Geschichte fast als eine Zumutung erlebt. Ich wollte irgendwann nur noch, dass es bitte bald vorbei ist. Bis kurz vor Ende war völlig unklar, ob denn das Schicksal der beiden Mädchen wohl nochmal aufgegriffen würde. Die Art, in der das dann geschehen ist, fand ich wenig überzeugend.

Dieses Buch wird von der Kritik sehr gelobt; das Marketing läuft offenbar gut und man kann fast schon von einem Hype sprechen. Sorry – da kann ich nicht mitgehen.
Es ist sicher sehr subjektiv und ganz fürchterlich verkürzt und pauschal – doch auf den Punkt gebracht denke ich: Diese Julia Phillips kann zwar schreiben, aber nicht erzählen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.