„Vergiss kein einziges Wort“ von Dörthe BINKERT

Bewertung: 4 von 5.

Eine Familiensaga vor (zeit)geschichtlichem Hintergrund. Ein historischer Roman also, wie es ihn in den letzten Jahrzehnten zuhauf gab. Warum sollte man genau diesen lesen?
Ich weiß nicht, ob man sollte. Ich weiß, warum ich wollte (nachdem eine gute Freundin mich darauf gestoßen hat).

Meine Eltern stammten aus Schlesien. Ich kenne die Geschichten ihrer Flucht, habe aber nur sehr diffuse Vorstellungen von dem Leben in ihrer Heimat. Ich war noch nie in Polen, habe mich noch nicht mal genauer mit der wechselvollen Geschichte der früheren „Ostgebiete“ beschäftigt. Ich war immer Westdeutscher und hatte mehr Bezug zu den Urlaubsländern in Südeuropa als zu den geografischen Wurzeln meiner Herkunftsfamilie.
Dieses Buch sollte daher ein kleiner Versuch werden, eine große Lücke zu füllen.

Die Autorin hat alle Zutaten im Gepäck, um einen historischen Familienroman zu gestalten. Sie bietet ein verzweigtes, aber trotzdem noch überschaubares Netz von Figuren an, die in einer Drei-Generationen-Perspektive miteinander verbunden sind. (Fast) alles, was in Familien und ihrem Umfeld so passieren kann, kommt auch in diesem Roman vor. Dazu gesellen sich alle die Dinge, die vor, in und nach einem Krieg passieren – nicht auf den Schlachtfeldern, sondern in der Heimat, wo die Familien (also hauptsächlich die Frauen) auf die Rückkehr bzw. die Todesnachricht ihrer Männer warten. Es geht also um Armut, Hunger, Sorgen, Gewalt – aber auch um Solidarität, Menschlichkeit, Familiensinn und die Suche nach den kleinen privaten Glücksinseln. Im Mittelpunkt stehen mutige und leidensfähige Frauen.

Neben dieser privaten Seite geht es in solchen Büchern auch um den zeitgeschichtlichen Background – in diesem Fall um die nahezu unfassbar komplizierten und leidvollen Erfahrungen der Menschen, die sich einmal als „Schlesier“ gefühlt haben. Es ist ganz eindeutig das Hauptanliegen der Autorin, die Irrungen und Wirrungen lebendig zu machen, die mit den multiplen und wechselhaften Identitäten als „Deutsche“ bzw. „Polen“ zusammenhingen – quer durch die Familien.

Das Buch ist leserfreundlich ausgestattet. Es bieten eine Übersicht über die Personen und ihre Bezüge und eine ausführliche Übersicht über die historischen Fakten. Toll!
BINKERT präsentiert keinen hochliterarischen Text. Die Sprache, das Erzählen ist Mittel zum Zweck, sie ist funktional. Das ist kein Nachteil, wenn man sich auf die Inhalte konzentrieren möchte.
Natürlich wird hier keine neutrale Dokumentation vorgelegt. Das Alltagsleben rund um Gliwice/Gleiwitz wird aus Sicht der Menschen aufgefaltet; dabei spielen ihre Beziehungen und ihre Gefühle, ihre Hoffnungen, Enttäuschungen und Verluste die entscheidende Rolle. Geschichte wird personalisiert und damit auch emotionalisiert. Wer das kitschig findet, sollte andere Bücher lesen.

Das Buch hat für mich seinen Auftrag eindeutig erfüllt. Zwar wäre ich auch mit etwas weniger privatem Herz/Schmerz zufrieden gewesen, aber insgesamt ist der Autorin ein gutes Gleichgewicht zwischen Einzelschicksal und Vermittlung von historischen Zusammenhängen gelungen. Die 630 Seiten waren mir nicht zu viel; ich musste mich an keiner Stelle aufraffen weiterzulesen – ganz im Gegenteil.

Es gibt allerdings auch etwas Betrübliches: Für mich kam dieses Buch zu spät!
Vor 10 oder 15 Jahren wäre es eine perfekte Grundlage für Fragen gewesen, die ich meinen Eltern leider nie gestellt habe. Es wären sicher Gespräche entstanden, die nie geführt wurden.
Ein Buch, das einem so etwas bewusst macht, kann kein schlechtes Buch sein.



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