Die ersten Tage

In erster Linie dient mein politischer Blog wohl als eine Art Tagebuch. Die paar Menschen, die meine Gedanken lesen, sind dabei eine – sehr willkommene und sehr geschätzte – Zugabe. Jedenfalls ist mir gerade klargeworden, dass es Zeit wird, etwas zur neuen Regierung zu schreiben – sonst würde im Rückblick wirklich etwas fehlen.

Ich war sehr angerührt von der Atmosphäre am Tag der Kanzlerwahl und der Minister-Vereidigung. Einmal, weil ich dankbar dafür war, in einem Land leben zu dürfen, in dem ein „Machtwechsel“ so gesittet, zivilisiert und geradezu harmonisch ablaufen kann. Wir haben funktionierende Institutionen, es gibt einen demokratischen Grundkonsens (mit einer ärgerlichen Ausnahme) und eine zweifelsfreie Akzeptanz der verfassungsmäßigen Spielregeln. Dass diese an einem solchen Tag auch etwas Steifes, Formelles beinhalten, hat mich nicht gestört. Es darf auch mal pathetisch sein.

Noch wichtiger war aber ein anderer Aspekt: In diesen (vielen) Stunden meiner medialen Begleitung (ich bin mir des Zeit-Privilegs bewusst) habe ich unfassbar viele Szenen beobachten können, in denen sich sympathisch und freundlich wirkende Menschen auf eine herzliche, offene und zugewandte Art begegnet sind. Das waren alles Potitiker/innen, viele davon erstaunlich jung, sehr viele davon weiblichen Geschlechts. Das waren ganz überwiegend Menschen, die ich mir problemlos in meinem privaten Umfeld vorstellen könnte.
Ist es nicht ein tolles Gefühl, von solchen Menschen „regiert“ zu werden – die so gar nicht in das Schema von „denen da oben“ passen, die so gar nicht eine „abgeschottete Welt für sich“ repräsentieren?! Für mich sind das (überwiegend) Menschen guten Willens – und keine abgezockten Macht-Zyniker.

Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich mich schon einmal in den letzten (politisch bewussten) 50 Jahren so gut repräsentiert gefühlt habe, mich so weitgehend identifizieren konnte? Nur zwei vergleichbare Momente fielen mir ein: Das „Willy wählen“ von 1972 und den Regierungsbeginn von Rot/Grün im Jahre 1998.

Komischer Weise fühle ich mich aktuell tatsächlich eher von etwas und deutlich jüngeren Parlamentariern und Funktionsträgern vertreten. Es freut mich, diese noch weitgehend unverbrauchten Gesichter zu sehen. Ich habe das Gefühl, dass Politik in diesem Moment wirklich (endlich wieder) etwas mit Zukunft zu tun hat. Das stimmt mich optimistisch. Ja, ich spüre sogar etwas wie Stolz auf unser Land.

Es erscheint fast unwirklich, mit welcher atemberaubenden Geschwindigkeit sich einige dieser neuen Minister/innen in ihre Rollen und Funktionen gestürzt haben.
Es erscheint geradezu surreal, dass Annalena Baerbock seit drei Tagen wie selbstverständlich als Außenministerin agiert. Man wundert sich, dass man sich gar nicht die Augen reibt…

Keine Sorge: Ich bin nicht naiv geworden und werde auch ab jetzt keine Schönfärberei betreiben. Natürlich ist nicht alles gut; natürlich sind nicht alle Interessensgegensätze verschwunden.
Aber: Ein Großteil der Welt beneidet uns sicherlich im Moment für diesen Regierungsstart. Es ist gut zu wissen, dass wir ein Teil der Stabilität in dieser von Problemen und Herausforderungen durchgeschüttelten Welt sein können.

Lasst uns alle die Daumen drücken und vielleicht mit dazu betragen, dass nicht gleich alle Hoffnungen und jede Aufbruchstimmung zerredet und vermiest wird – von den Dauer-Nörglern und Zuspitzern.

Und ja: Annalena ist nicht mit dem Fahrrad nach Paris, Brüssel und Polen gefahren. Eine Außenministerin muss nicht wie eine Greta handeln. Auch ihr wünsche ich viel Erfolg!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.