„Die Mittelmeerreise“ von Hanns-Josef Ortheil

Bewertung: 3.5 von 5.

Nachdem mich zwei frühere Bücher ORTHEILS („Die Erfindung des Lebens“ und „Das Kind, das nicht fragte„) sehr fasziniert hatten, habe ich es nach einer Pause nochmal mit der Mittelmeerreise versucht.
Davon will ich berichten.

Der Autor verarbeitete in diesem Buch Aufzeichnungen von einer Reise, die er im Alter von 15 Jahren zusammen mit seinem Vater unternommen hat. Man schrieb das Jahr 1967.
Der Autor erzählt also aus der Ich-Perspektive eines (frühreifen) Jugendlichen; seine literarische Umsetzung (von 2018) ist aber das Ergebnis eines weiten und weisen Rückblicks.

Zur Rahmenhandlung: Vater und Sohn sind die einzigen Passagiere auf einem Frachtschiff, das von Holland aus längs der französischen und spanischen Küste ins Mittelmeer vordringt und dort Kurs zunächst auf Griechenland und dann auf Istanbul nimmt.
Beschrieben werden insbesondere die Vater/Sohn-Dynamik und die zunehmend intensiven Beziehungen, die sich zu insgesamt fünf Besatzungsmitgliedern ergeben.
Ausgiebige Betrachtungen richten sich auf das Erleben der Schiffsreise selbst, die u.a. durch einen dramatischen Sturm geprägt wird.
Später rücken dann noch die Erfahrungen in den Fokus, die von dem Jungen und seinem Vater bei den Landgängen gemacht werden; dazu gehört auch eine erste Liebelei.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, um was es tatsächlich geht in diesem Buch, muss man kurz etwas zu den beiden Hauptpersonen sagen:
Der Junge ist ein angehender Konzertpianist, der außerhalb der klassischen bürgerlichen Kultur- und Bildungswelt bisher wenig „normale“ Realitätsberührungen hatte. Sein Vater, mit dem er extrem eng verbunden ist, widmet sich außer der Lektüre antiker Literatur hauptsächlich dem Zeichnen.
Wie in allen anderen Bereichen und Interaktionen wirkt der 15-jährige auch im Kontakt mit dem Vater eher wie ein (gut entwickelter) junger Erwachsener – sowohl was den Inhalt, als auch die Form der Gespräche angeht.
In den Beziehungen zu den Personen, die auf der „offiziellen“ Seite des Schiffs residieren, werden jeweils andere (geschichtliche, philosophische, existenzielle) Bereiche und Perspektiven thematisiert, mit denen sich wiederum der Junge selbstreflektierend beschäftigt. Nach und nach entwickeln sich fast gleichberechtigte Freundschaften zu diesen Erwachsenen.

Um es mal anders auszudrücken: Es wirkt alles ziemlich fremd, künstlich und gestelzt. Kaum ein Leser könnte sich vermutlich auch nur annähernd vorstellen, in diesem Alter (oder überhaupt als junger Mensch) so drauf gewesen zu sein.
Verunsichert wird dieses ungewöhnliche Weltbild durch einen relativ jungen Bediensteten, der das „reale“ Leben in diesen abgeschotteten Elfenbeinturm hineinträgt – in Form von „Drugs and Sex and Rock ’n Roll“ (wobei ausgerechnet die harmlosen Beatles und ihr sanftes Liedchen „Penny Lane“ als Ausgeburt der alternativen Gegenkultur hochstilisiert werden). Immerhin ermöglicht dieser junge Mann den Kontakt zum anderen Geschlecht – und damit einen Riesenschritt in eine bisher völlig unbekannte Erlebniswelt.
Um es abzukürzen: Es ist ein besonderer Entwicklungsroman, eingebettet in griechische Dichtungen, Altherren-Gespräche und literarische, historische bzw. geographische Betrachtungen.

Was könnte reizvoll sein, an diesem Roman?
Es gelingt ORTHEIL (der einfach ein sehr guter Erzähler ist), den Leser nach und nach einzuweben in diese kleine, überschaubare und abgeschlossene Welt. Der Detailreichtum, die fein nuancierten Beobachtungen erzeugen eine fast meditative Atmosphäre. Als Reaktionen bleiben nur das Abwenden in genervter Langeweile oder das entspannte Sich-Einlassen auf das Tempo, auf den Rhythmus, auf die Wiederholungen.
Man sollte sich Zeit nehmen für diesen Roman; mit einem Durchhecheln wird man dem Stoff und der literarischen Umsetzung nicht gerecht.

Bei aller Wertschätzung, eine kleine Warnung sei ausgesprochen: Wer mit (heute eher ungewohnten) Bildungsbürger-Perspektiven gar nichts am Hut hat oder gar einen „normalen“ zeitgeschichtlichen Einblick in die späten 60-iger Jahre sucht, findet das in diesem Buch sicher nicht.
Wer jedoch einen kunstvollen Blick auf eine außergewöhnliche Biografie eines sehr früh gereiften jungen Mannes werfen will, kann gerne zugreifen.

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