„Von hier an anders“ von Robert HABECK

Bewertung: 5 von 5.

Der Verdacht liegt nahe, dass eine so positive Bewertung eines politischen Buches eher die politische Gesinnung des Rezensenten als die Qualität des Textes widerspiegelt.
Ich werde versuchen, diese Hypothese so weit wie möglich zu entkräften.

Einer der beiden GRÜNEN-Chefs und potentiellen Kanzler-Anwärter legt zu Beginn des Super-Wahljahres eine umfassende Bestandsaufnahme seiner Erfahrungen, Einsichten und Zukunftsvisionen vor. Diesen inhaltsschweren (knapp) 400-Seiten-Text eine „Skizze“ zu nennen, stellt ein ausgewachsenes Understatement dar.

Wir haben es hier nicht mit einem personalisierte Parteiprogramm zu tun. Der Blick ist viel breiter, die Fragen grundsätzlicher, der Erkenntnishorizont (sozial-)wissenschaftlicher, die Abwägungen psychologischer und die Grundierung philosophischer.
Vor allem hat HABECK alles andere als ein Klima-Buch oder ein – im klassischen Sinne – Nachhaltigkeits-Buch geschrieben. Es wird sicher nicht zur Basis-Lektüre der Klima-Aktivisten werden; vielleicht werden sie sogar enttäuscht sein, weil sie Eindringlichkeit und Radikalität in den Forderungen und Strategien vermissen.

Wenn der Slogan nicht schon so verbraucht wäre, könnte man sagen: HABECK will versöhnen statt spalten. Er gibt den Anti-Trump – nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Haltung gegenüber Skeptikern und Gegnern, in der Wortwahl, in der Bereitschaft zur Selbstkritik.

HABECK bietet nicht weniger an als ein integratives gesellschaftliches Gesamtkonzept, das eben nicht nur die Richtung beschreibt (zum sozial-ökologisch eingehegten Kapitalismus, der sich vielleicht irgendwann zu einem alternatives Wirtschaftsmodell weiterentwickelt), sondern einen Schwerpunkt auf die „weichen“ Themen legt.
Immer wieder betont der Autor, wie sehr es seiner Erfahrung darauf ankommt, den Teilen der Gesellschaft Respekt und Anerkennung zu zollen, die sich nicht als die wirtschaftlichen und kulturellen Gewinner der großen Trends der letzten Jahrzehnte erleben.
Eine seiner Grundfragen lautet dabei: „Waren wir – die Vertreter der grün-linksliberalen, weltoffenen, auf Emanzipation, Selbstverwirklichung und Individualisierung gepolte Bildungselite – vielleicht zu erfolgreich?“
Er stellt diese Frage nicht, weil er an den Zielen zweifelt oder irgendwas zurückdrehen möchte. HABECK guckt sich nur genauer als andere an, was das für den „anderen“ Teil der Gesellschaft bedeutet – und zwar nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem bzgl. des Verlustes an Anerkennung, sozialer Einbettung und Selbstwertgefühl.

Es geht ihm nicht nur um strategische Streicheleinheiten. HABECK kann an Beispielen aus seiner Ministerzeit überzeugend darlegen, dass es tatsächlich zu handfesten Vorteilen bzw. Fortschritten führt, wenn man eine dialogische und auf Überzeugung basierende Lösungssuche betreibt. Es fühlt sich also nicht nur gut an, sondern kann gleichzeitig ein Erfolgsmodell sein. Zumindest aber führt es nicht zu Zuspitzung und Eskalation.

Ich höre sie schon im Hintergrund, die Stimmen, die HABECK Naivität angesichts der realen Interessensgegensätze und Machtverhältnisse vorwerfen. Aber auch die Rufe, die auf den Zeitdruck hinsichtlich der Klimakatastrophe hinweisen. Das ließe sich bestimmt auch alles gut begründen.
Es gibt nur einen Unterschied: Hier legt jemand ein Konzept vor, wie es tatsächlich klappen könnte mit dem Umsteuern; unter den gegebenen Rahmenbedingungen, ohne die Aufgabe von demokratischen Strukturen und Prozessen, ohne Revolution oder wirtschaftlichen Zusammenbruch. Interessanterweise findet aber auch ein klares Bekenntnis zur „Macht“ als notwendiges Gestaltungsmittel seinen Platz.

Wenn es HABECK nicht – im Vergleich – an Pathos, Ausstrahlung und Charisma fehlen würde, dann könnte man ihn mit diesem Gesellschafts- und Politikentwurf als einen deutschen Obama bezeichnen. Vor einem solchen grünen Kanzler bräuchte wirklich niemand Angst zu haben (ebenso wenig wie bei Obama). HABECK zeigt sich mit diesem Buch als ein weitsichtiger, belesener und gemäßigter Realo (zum Glück ist der alte Gegensatz zu den „Fundis“ weitgehend abgearbeitet), eher schon als ein weiser und verantwortungsvoller Staatsmann als ein emotional-mobilisierender Parteiführer.

Ach so: Das Buch ist übrigens sehr gut lesbar. Obwohl zahlreiche Quellen zitiert werden, wird auf Fußnoten verzichtet. Die Mischung zwischen persönlichen Erfahrungen, eigenen Reflexionen und Bezugnahme auf aktuelle soziologische Analysen (nicht zuletzt die Beiträge von RECKWITZ) lassen das Buch zu einem anregenden und informativen Panoramablick auf unsere Gesellschaft am Beginn der 20-iger Jahre werden.
Also alles andere als nur eine Skizze.

Niemand kann erwarten, dass sich nun alle hinter diesem Politikmodell versammeln – weder hinsichtlich der inhaltlichen Ziele, noch bzgl. der vorgeschlagenen Methoden von Meinungsbildung und Entscheidungsfindung.
Wer aber eine ganz andere Vorstellung davon hat, wie wir zukünftig leben, wohin wir streben und wie wir miteinander umgehen wollen, der/die sollte schon gute Gründe und Argumente mitbringen müssen. Einfach nur „Nein“ zu diesem Entwurf, zu diesem Angebot zu sagen, sollte nicht reichen!

„Von hier an anders“ ist sicher kein Buch, das Eltern ihren (jugendlichen) FfF-Kids schenken sollten. Aber es ist mit Sicherheit ein Buch, das junge Aktivist*innen (so würde HABECK es wohl schreiben) ihren Eltern und Großeltern als Lektüre nahelegen könnten.

3 Antworten auf „„Von hier an anders“ von Robert HABECK“

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