„Dunkelblum“ von Eva MENASSE

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein (fiktives) kleines österreichisches Städtchen, direkt an der Grenze zu Ungarn gibt diesem Roman von Eva MENASSE seinen Namen und definiert gleichzeitig den Schauplatz.
Auf zwei Zeitebenen werden diverse Psychogramme und ein Soziogramm seiner Einwohner aufgespannt. Das Thema ist die Verstrickung (fast) der gesamten älteren Männer in die Verbrechen, die im Namen des Nazi-Regimes in der Endphase des Krieges auch in diesem Ort begangen wurden.

Die damaligen Geschehnisse wurden lange Jahre erfolgreich verdrängt und als nebulöse Grauzone in einer Art kollektivem Unterbewusstsein eingeschlossen. Alte Wunden waren überwiegend verheilt; es herrscht die Überzeugung vor, dass man die Dinge besser ruhen lassen sollte.
Die selbst verordnete Amnesie wird aber durch zwei Männer gestört, die aus verschiedenen Motiven gleichzeitig in das festgefügte System eindringen. Sie haben zwar biografische Bezüge zu dem Ort, waren aber lange genug weg, um mit den Augen und mit der Unabhängigkeit von Fremden zu agieren.
Ihre Neugier, ihre Fragen decken bald die ersten Sollbruchstellen des Schweigekartells auf. Es stellt sich heraus, dass es in der vermeintlichen Homogenität doch Risse gibt – insbesondere in der nachgeborenen Generation.
Und dann kommen auch noch junge Leute, die sich um den vergessenen Jüdischen Friedhof kümmern wollen…

MENASSE konstruiert eine komplexe Enthüllungsgeschichte, in der Schicht für Schicht die Macht- und Schuldstrukturen der Vergangenheit und ihre Nachwirkung bis in die Gegenwart freigelegt werden. Exemplarisch werden in verschachtelten Zeitsprüngen die sozialen Interaktionsmuster der wichtigsten Familien seziert – bis sich irgendwann die Mosaiksteine zu einem klaren Bild zusammensetzen.

Die Autorin ist nah bei den Leuten. Sie schildert mit großer Akribie und psychologischen Gespür die jeweilsindividuellen Verleugnungsstrategien. Nicht alle Alten sind im Grunde immer noch Nazis – aber kaum jemand ist jemals bereit gewesen, sich zu Verantwortung oder Schuld zu bekennen. Es waren ja besondere Zeiten…

Als Leser/in muss man sich entscheiden, ob man wirklich all diese vielschichtigen Verstrickungen durchdringen möchte, um am Ende das bestätigt zu bekommen, was man wohl auch vorher schon ahnte. Die Schweige-Mentalität, die von MENASSE weit ausholend durch die Dunkelblum-Bewohner personalisiert wird, ließe sich ohne Probleme auch weniger aufwendig beschreiben.
Damit ist die Stärke des Romans – das erzählerische Schwelgen in Details eines von der finsteren Vergangenheit noch nicht befreiten Biotops – gleichzeitig auch seine mögliche Schwäche: Nicht jede/r mag es so breit und ausführlich; nicht für alle sind die individuellen Eigenschaften der Figuren so relevant. Man muss sich schon auf sowas einlassen wollen…

Ohne Zweifel ist MENASSEs Roman auch ein sehr besonderes (österreichisches) Sprachkunstwerk. Wenn man sich noch dazu entscheidet, sich die Geschichte von der Autorin vorlesen zu lassen, erscheint die lokale Färbung geradezu überbordend. Für hochdeutsche Ohren bekommt der Text damit noch stärker etwas Folkloristisches, Altmodisches – was wiederum zum historischen Grundthema passt.

Insgesamt hat MENASSE ein bemerkenswertes Buch zum Thema „Vergangenheitsbewältigung“ geschrieben; den durch die vielen begeisterten Kritiken entstandenen Hype um diesen Roman kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen.

Sondierungs-Ergebnisse

Man hat es ja geahnt: Natürlich würde es die FDP schaffen, den Fahrplan der Ampel am stärksten zu prägen.

Lindner war klug: Er hat sich sehr früh im Wahlkampf auf seine Essentials festgelegt (keine Schulden, keine Steuererhöhungen) und hat so zu einem Zeitpunkt „Rote Linien“ definiert, der noch nicht in direktem Bezug zu Verhandlungen über eine Koalition standen. Von dieser sicheren Basis aus konnte er dann die Flexibilität der anderen Parteien einfordern. Tricky!

Dazu kommt offensichtlich ein besonderer Bonus, weil sich die FDP sozusagen am stärksten auf fremdes Terrain begeben hat. Das führt dann paradoxer Weise dazu, dass ihr fast eine Heimspiel-Situation geboten wird. Man staunt!

Für die GRÜNEN ist die Situation ziemlich schwierig. Sie stehen für den Klimaschutz – was dazu führt, dass auch alle die Beschlüsse, die ihre Partner auch von alleine hätten treffen müssen, auf das Konto der GRÜNEN gebucht werden. Sie müssen jetzt also „dankbar“ für den Teil der Vereinbarungen sein, die ja weitgehend längst beschlossen sind (bzw. sich aus der allgemeinen Situation von selbst ergeben hätten).
Damit sind sie weitgehend abgespeist – und müssen den anderen Parteien andere Politik-Bereich überlassen.
(Erstaunlich ist es allerdings, dass die FDP scheinbar ihr gesamtes Wirtschaftsprogramm durchsetzen konnte, den GRÜNEN aber in ihrem Bereich noch nicht einmal das Tempolimit zugestanden wurde).

Über all das könnte man sich ärgern – bringt nur nichts.
Es gibt keine sinnvolle Alternative zu dieser Koalition. Es ist zu hoffen, dass in den Ausgestaltungen des Koalitions-Vertrages noch ein paar positive Überraschungen stecken.
Ansonsten bleibt die Hoffnung, dass sich insgesamt eine andere politische Stimmung im Land ausbreitet, die auch eine gewisse Eigendynamik erzeugt.
Außerdem muss man realistischer Weise davon ausgehen, dass nur die GRÜNE Regierungsbeteiligung garantieren kann, dass vereinbarte Ziele auch in konkrete Schritte umgesetzt werden. Deshalb lohnt sich das Ganze auf jeden Fall.
Bin nur gespannt, ob Kritik, Widerstand und problematische Folgen der neuen Klimapolitik dann auch gemeinsam getragen werden – und eben nicht bei den GRÜNEN abgeladen werden.

„Nachruf auf mich selbst“ – von Harald WELZER

Bewertung: 4 von 5.

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald WELZER hat den gesellschaftlichen Diskurs rund um Zukunftsfragen und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren an prominenter Stelle mit geprägt. Er ist auf Kongressen und in den Medien fast permanent präsent und spielt die ihm oft zugewiesene Rolle als Provokateur sicher ganz gerne. WELZER liebt es ganz offensichtlich, cool und provokativ zu sein.

Mit seinem neuen Buch legt der Autor diese Seite zwar nicht völlig ab: Auch in diesem Text gibt es sehr zugespitzte Formulierungen und gewohnt pointierte Sichtweisen. Aber in den Vordergrund tritt diesmal ein anderer WELZER. Er hat ein überraschend nachdenkliches, manchmal sogar leises, philosophisches und extrem persönliches Buch geschrieben.
In dem Buch findet sich nicht nur eine – ziemlich einzigartige – Mischung von Themen, sondern auch von Stil- und Darstellungselementen. Damit entzieht sich der Text auch einer eindeutigen Zuordnung: kein eindeutiges Sachbuch, keine reine Autobiografie, keine Sammlung von Kurzgeschichten, Lebensweisheiten oder Essays, kein politisches Manifest – aber von jedem etwas. Was sich durchzieht: Es sind existentielle Fragen, auf die WELZER eine Antwort sucht – persönlich und gesellschaftlich.

Wie WELZER es selbst formuliert: Es geht ihm um die „Kunst des Aufhörens“. Damit sind ganz verschiedene Aspekte gemeint, die sich rund um das Thema „Endlichkeit“, „Begrenzung“, „Tod“ und „Neuanfang“ gruppieren. Alle berühren die Frage nach den wirklichen Prioritäten und nach bewussten Entscheidungen für ein erfülltes und verantwortungsbewusstes Leben angesichts der unvermeidlichen Beschränkungen, die wir als biologische Wesen in einer Welt mit begrenzten Ressourcen haben.
In einer offeneren und im Alltag präsenteren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit sieht der Autor einen wichtigen Beitrag zu einem sinnhafteren Leben. Dem Thema „Tod“ wird daher viel Raum gegeben.

WELZER ist zutiefst davon überzeugt, dass die Lösung der großen Menschheitsprobleme nicht durch Optimierung und Innovationen zu erreichen sind. Der Endlichkeit von Ressourcen und der Verletzbarkeit von Ökosystemen könne man nicht allein durch eine weitgehend CO2-freie Wirtschaft begegnen. Die Antwort liegt für WELZER ganz oft im Aufhören – und nicht im Bessermachen. Für ihn ist z.B. die Tesla-Autofabrik in Brandenb urg ein Symbol für falsch verstandene, viel zu kurz gegriffene Nachhaltigkeit.

Die Zugänge zu den Reflexionen sind vielfältig: Da gibt es persönliche Erfahrungen (ein überlebter Herzinfarkt), die eigene Arbeit mit Zukunftsprojekten, Gespräche mit Bekannten oder Prominenten, Auseinandersetzung mit Texten anderer Autoren oder mit gesellschaftlichen Bewegungen. Aber es wird auch viel „laut gedacht“: Wir erfahren jede Menge von WELZERs privaten Meinungen und Werthaltungen; er ist es ja schon länger gewohnt, sich dabei nicht zurückzuhalten.
Natürlich muss man dabei nicht jedem Argumentationsstrang folgen (z.B. im Bereich Aufklärung und Wissenschaft); das ist bei einem so subjektiven Text auch gar nicht denkbar. Aber auch das innere Zögern und Zweifeln, das wohl jede/r bei einigen Thesen spürt, ist letztlich bereichernd.

Es gibt sicher auch in diesem Buch innere Widersprüche; das bleibt nicht aus, wenn so viele Facetten zusammengetragen werden. So hebt WELZER es z.B. als Modell für das „Aufhören“ hervor, wenn man sich nach dem Erreichen eines persönlichen Kompetenzplateaus anderen Herausforderungen zuwendet (um Erfahrungen von „Banalität“ zu vermeiden). Als kreativer und multibegabter Macher merkt der Autor gar nicht, dass es für weniger dynamische und selbstüberzeugte Menschen eben auch eine gute Form von „Aufhören“ sein könnte, in der Situation zu verharren und eben nicht das nächste und übernächste Selbstverwirklichungsziel anzusteuern.
Auch ein WELZER sieht eben die Welt vorrangig durch die eigenen Augen…

Der Schlusspunkt wird dann mit seinem selbstformulierten Nachruf gesetzt: WELZER führt diesen in 15 Punkten aus und empfiehlt allen Leser/innen, sich ebenfalls bewusst zu machen, wie man gerne gewesen und gelebt hätte, wenn man am Lebensende zurückblicken würde. So kann die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit zum Einstieg in ein bewussteres und erfüllteres Leben werden.

Insgesamt haben wir es mit einem wahrhaft „besonderen“ Buch zu tun, das mit Sicherheit nicht im allgemeinen Medienrummel untergehen wird. Hier hat einer die Grenzen der populärwissenschaftlichen Publikationsform deutlich ausgeweitet und sich als Person im Umgang mit existentiellen Grundfragen eingebracht. Ein mutiger, ein gelungener Versuch.

Ein Gespräch mit WELZER über sein Buch findet man hier.

„Ein bitterkalter Nachmittag“ von Gerard DONOVAN

Bewertung: 2.5 von 5.

Es handelt sich um einen ziemlich sperrigen Text, der sich recht weit von geläufigen Erzählmustern entfernt.
In eine anfangs recht undurchsichtige Rahmenhandlung beleuchtet DONOVAN blitzlichtartig einige Episoden der Menschheitsgeschichte. Die zentralen Themen sind Macht und Gewalt, insbesondere in kriegerischen Auseinandersetzungen.
Der Autor bettet diese historisch-philosophischen Betrachtungen in einen leidenschaftlichen und konflikthaften Dialog zwischen zwei Männern ein, die sich in einer surrealen Ausnahmesituation begegnen: Der Ich-Erzähler (der Bäcker des Ortes) gräbt unter ungünstigsten klimatischen Bedingungen („bitterkalt“) eine Grube, während ein Lehrer ihn offensichtlich überwacht und ihn gleichzeitig zu einem Geständnis seiner Verfehlungen bringen will.

Es wird schnell deutlich, dass auch diese Situation vor dem Hintergrund eines aktuellen (Bürger-)Krieges stattfindet und sich die Frage einer möglichen Kollaboration mit dem Feind stellt. Die Schlagabtausch zwischen den beiden Protagonisten entfaltet sich auf beiden Ebenen: Sie streiten über die Einschätzung der diskutierten historischen Ereignisse und – zunehmend – über die Rolle des Bäckers in der aktuellen Besatzungssituation.
Das überraschende Ende der Geschichte steigert den Eindruck ihrer Kunstruiertheit noch zusätzlich. Ebenfalls unerwartet lugt im Finale ein Zipfel von Liebe in die insgesamt deprimierend menschenfeindliche Atmosphäre.

Das Buch wirkt insgesamt experimentell: DONOVAN spielt mit verschiedenen Stilmitteln, schreibt phasenweise eher assoziativ als stringent, erzeugt bei den Leser/innen widersprüchliche Gefühle – sicher auch Befremden und Verstörung.
Die Mainstream-Erwartungen an einen Roman werden ganz sicherlich enttäuscht.
Hier probiert ein Autor (es ist sein erster Roman) offensichtlich aus, was man mit Sprache und Erzählstrukturen so alles machen kann. Für Literatur-Freaks und Germanisten ist so ein wenig gefälliger Text sicher eine Fundgrube.
Mit seinen beiden Folgeromanen „Winter in Main“ und „In die Arme der Flut“ pflegt DONOVAN sein Sprachtalent und seinen scharfen Blick auf Menschen in dunklen Ausnahme-Settings weiter, nähert sich aber etablierteren Roman-Strukturen an. Für das breitere Lesepublikum ist das eindeutig ein Fortschritt.


„Winter in Maine“ von Gerard DONOVAN

Bewertung: 4 von 5.

Ein erfolgreiches Buch aus dem Jahre 2006, auf das ich durch den aktuellen Roman des Autors gestoßen bin.

Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der als eine Art Einsiedler in den Wäldern des amerikanischen Nordostens lebt. Was als eine Art Rückzugs-Idylle beginnt, verwandelt sich in eine besondere Art Psycho-Thriller.

Der treueste Begleiter des Protagonisten ist sein Hund. Aber da ist auch plötzlich noch eine Frau, mit der er ein kurzes Liebesglück in seiner einsamen Hütte erlebt. Der Verlust dieser beiden Bindungen zieht ihn einen Sog, aus dem es keinen Ausweg mehr zu geben scheint.

Dieses Buch packt einen mit unbändiger Kraft. Unvermittelt steht man in einem Abgrund von psychischer Zerstörung und Gewalt. Fassungslos verfolgt man die unaufhaltsame Entwicklung des tief verletzten Ich-Erzählers.

Es ist nicht der Handlungsfaden oder der Spannungsbogen, der diesen Roman zu einem bemerkenswerten Leseerlebnis werden lässt. Es ist die Sprach-Intensität, mit der DONOVAN sowohl die herbe und (im Winter) unerbittliche Natur als auch die innerpsychische Dynamik der Hauptfigur in Worte fasst. Die literarische Kompetenz des Autors liegt in der Kongruenz zwischen Inhalt und sprachlichem Ausdruck. Die Glaubwürdigkeit des – eigentlich unfassbaren – Geschehens beruht auf der geschaffenen Atmosphäre, vermittelt durch die subjektive Perspektive des Handelnden.

Es ist eine Geschichte, die am Rand spielt: an der Grenze der besiedelten Zivilisation und am Abgrund der menschlichen Psyche. Die Botschaft: Menschen, denen man die letzten Bindungen nimmt, können allen Halt und alle Hemmungen verlieren.
Dieser Roman erzählt von einem Extrembeispiel.

„Der kleine Freund“ von Donna TARTT

Bewertung: 4 von 5.

Die amerikanische Autorin Donna TARTT ist eine Spezialistin für die großen Erzählungen. Ihre drei bekannten Romane füllen jeweils mehr als 700 Seiten; der grandiose „Distelfink“ markiert dabei quantitativ und qualitativ die Spitze.
Hier geht es um das mittlere Werk, an dem TARTT zehn Jahre lang gearbeitet hat.

Im Zentrum dieses Südstaaten-Romans stehen zwei sehr unterschiedliche Familien, deren interne Dynamik und gegenseitigen Verstrickungen entscheidend für den Handlungsverlauf sind.

Die Protagonisten (Harriet) ist ein recht eigenwilliges Mädchen an der Grenze zum Jugendalter. Sie lebt in einer reinen Frauenwelt, in der ihre (psychisch angeschlagene) Mutter und ihre ältere Schwester eine eher kleine, Ihre Großmutter, ihre Großtanten und die farbige Haushaltshilfe dagegen eine sehr große Rolle spielen. Der Vater lebt – ohne offizielle Trennung – in einem anderen Bundesstaat. Der eigentliche Vertraute ist ein gleichaltriger Junge, mit dem sie eine Reihe von – teils spektakulären – Abenteuer erlebt.
Die Familie hat ihre beste Zeit hinter sich; Wohlstand und Status sind schon ein wenig abgebröckelt. Die größte und nachhaltigste Erschütterung wurde aber durch den ungeklärten Mord an dem 9-jährigen Robin ausgelöst. Wir erfahren in dem Buch, wie sein mysteriöser Tod auch 12 Jahre danach noch auf die Geschicke in dieser Kleinstadt einwirkt.

Den Gegenpol zur bürgerlichen Welt stellt eine (klein-)kriminelle Randgruppenfamilie dar, deren vier männliche Sprösse mit ihrer Großmutter leben – unter denkbar chaotischen Bedingungen (eigenes Drogenlabor inklusive). Alle Beteiligten sind psychisch bzw. emotional tief gestört und leben ihre biografischen Verletzungen in verschiedene Richtungen aus.
Berührungspunkte zu der Familie von Harriett reichen bis in die Zeit von Robin zurück, werden im Verlauf der Erzählung durch die detektivischen Aktivitäten des Mädchens dramatisch aktualisiert.

Wie in jedem anspruchsvollen Roman gibt es im „Kleinen Freund“ mehrere Ebenen. Es ist ebenfalls nicht untypisch, dass die Handlungsebene (mit ihrem Spannungsbogen) den Rahmen schafft, in dem die „eigentlichen“ Kernthemen des Werkes eingewoben werden.
Der Handlungsstrang lässt sich schnell beschreiben: Harriett versucht, den Tod ihres Bruders aufzuklären und zu rächen. Sie gerät dabei in abstrus-gefährliche Situationen, bei denen Schlangen eine zentrale Rolle spielen (das Buch ist eindeutig nichts für Schlangen-Phobiker).

Bei den Hintergrundthemen geht es differenzierter zu. TARRT seziert die familiären Beziehungsmuster in beiden Familien, sie entlarvt die (noch von Rassismus geprägte) Haltung der „besseren“ Damen gegenüber ihren Hausangestellten; sie legt die (oft verlogenen) Muster frei, mit deren Hilfe eine vergangene familiäre und gesellschaftliche Ordnung aufrechterhalten werden soll; sie beschreibt die Zwangsläufigkeit, mit der aus desolaten Lebensbedingungen schwer gestörte Menschen entstehen und sie gibt Einblick in das Erleben und in die Kraft, die in sehr jungen Menschen und deren Freundschaftsbeziehungen entstehen können.
Die Aufzählung ließe sich problemlos fortsetzen.

TARTT hat eine feinfühlige Wahrnehmung für innerpsychische und zwischenmenschliche Prozesse. Sie nimmt sich Zeit für die Details – für Wahrnehmungen, innere Bewertungen, emotionale Regungen. Da sie auch den äußeren Bedingungen (Räume, Licht, Gerüche) eine Stimme gibt, entstehen eigene Welten mit spezifischen Atmosphären.
Sie ist schlichtweg eine begnadete Erzählerin.

Die Intensität des ihres Schreibstils tut dem Roman aber nicht nur gut. Es gibt zentrale Episoden in diesem Buch, da wäre weniger vermutlich mehr gewesen (das gilt nicht nur für die Schlangen). Es geht immer mal wieder sehr extrem zu: sowohl bei den Grausamkeiten, als auch bei den Fähigkeiten und Kräften, die den Kindern (Harriet und ihrem Freund) zugeschrieben werden. Es ist manchmal von allem etwas zu viel.

Meine Empfehlung: Wer nach dem „Distelfink“ (ein Muss!) noch einen weiteren TARRT-Roman lesen möchte, sollte vielleicht erst „Die geheime Geschichte “ lesen. Wer dann noch dabei ist und über die entsprechende Zeit verfügt, dem/der sei auch „Der kleine Freund“ ans Herz gelegt.

„Revolution der Träume“ von Andreas IZQUIERDO

Bewertung: 3.5 von 5.

Es Handelt sich hier um die direkte Fortsetzung von „Schatten der Welt“ – dem erfolgreichen Roman, in dem drei Protagonisten im Jugendalter eine unerschütterliche Verbindung eingingen, die sich dann in den Wirren des Ersten Weltkrieges verlor.
Zeitlich schließt der Autor unmittelbar an das Kriegsende an. Schauplatz ist Berlin und damit führt er uns mitten ins Zentrum der Auseinandersetzungen um die Zukunft des besiegten und durch die Kriegsfolgen demoralisierten Deutschlands.
Wird es eine sozialistische Revolution geben? Werden sich die Konservativen mit den rechtsgesinnten Militärs zusammentun? Oder werden die Sozialdemokraten einen reformorientierten Kompromiss hinbekommen?
Auf den Straßen wird demonstriert und gekämpft; es fließt auch Blut. Am Horizont zeichnet sich allmählich dunkel die „neue“ Zeit ab

Auf diesem Hintergrund agieren die bekannten Figuren: Artur (durch eine Gesichtsverletzung entstellt, aber voller Kraft und – durchaus auch krimineller – Energie), Isi (geprägt durch eine unbändige und unkonventionelle Lebenslust) und Carl (eher vorsichtig und „bürgerlich“ ausgerichtet, auch in seinem Beruf als Kameramann).
Zentral für die Handlungsverläufe ist die Karriere von Artur, der als Besitzer von beliebten Etablissements Kontakt sowohl zu den wohlhabenden und mächtigen Lebemännern und -frauen, als auch zur Ganovenwelt hat. In seinen Clubs treffen die Handlungsfäden der drei Protagonisten immer wieder zusammen; hier wird gesoffen und gekokst; hier werden Pläne geschmiedet.

Der eher unpolitische Carl nimmt uns mit in die aufstrebende Berliner Filmindustrie; parallel dazu lädt er sich ungeplant und plötzlich väterliche Verantwortung auf. Isi ist für revolutionäre Gedanken offen, gerät dann – spontan und radikal wie sie ist – in ein ganz anderes Milieu. Artur wird getrieben von der unerbittlichen Feindschaft zu einem Kontrahenten, der verantwortlich für sein persönliches Schicksal ist.Das alles wird temporeich erzählt. An Abwechslung mangelt es nicht, da sich die Handlungsfäden der drei Personen zu immer neuen Strickmustern finden.

Daneben ist jede Menge Raum für historische Hintergrundinformation: Man erfährt z.B. aus der Sicht des unmittelbar Beteiligtseins, wie brutal die Straßenkämpfe zwischen den unterschiedlichen politischen Lagern in dieser Zeit verlaufen sind. Dabei spielt das formal entmachtete und rechtslastige Militär eine besonders unrühmliche Rolle.

Warum hat mich der neue Roman von IZQUIERDO trotzdem nicht völlig überzeugt?
Es liegt wohl an der ziemlich unkritischen Darstellung des halbseidenen Milieus, in dem sich weite Teile des Romans abspielen. Das eindeutig kriminelle „Ganoventum“ bekommt in dieser Geschichte eine Art folkloristischen Anstrich. Man lebt halt in unruhigen Zeiten – jeder holt für sich mit allen denkbaren Mitteln das Maximale heraus. Gewalt, Bestechung, Prostitution und Betrug sind ganz normale Methoden des Überlebens…
In dieser Welt bewegt sich Artur sehr gekonnt und weitgehend ohne Skrupel; die Abgrenzungen von Isi und Carl sind eher zögerlich und gelten nur so lange, bis persönliche Interessen ins Spiel kommen.
Mir waren es insgesamt einfach zu viele (fast euphorische) Beschreibungen von all der prallen Lebenslust, die durch Alkohol und Drogen getragen werden.
Ja, es gibt zwar ein Gegengewicht durch die Ernsthaftigkeit, mit der Carl seinen Beruf und seine Vaterschaft betreibt, aber insgesamt bleibt ein etwas schaler Eindruck.
Vielleicht muss man die exzessive Vergnügungslust dieser Jahre auf dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Kriegstraumatisierungen beurteilen; vielleicht bin ich da zu streng…

„In die Arme der Flut“ von Gerard DONOVAN

Bewertung: 4.5 von 5.

Dies ist eine Rezension über ein Buch, das mich schon während des Lesens veranlasste, mir auf der Stelle zwei ältere Werke dieses Autors zu bestellen. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich den brandaktuellen Roman von DONOVAN in zwei Tagen verschlang.
Damit ist eigentlich alles gesagt…

In einem fulminanten Auftakt von ca. 50 Buchseiten zieht uns der Autor ohne Vorwarnung in eine auf allen erdenklichen Ebenen aufgewühlte Situation. Es ist ein Start wie ein Finale, ein Einstieg wie ein Show-Down.
Sprachgewaltig bis zum Bersten schildert uns DONOVAN eine innere (psychologische) und äußere (naturhafte) Aufruhr: Ein Mann (der Protagonist „Luke“) steht auf einer Brücke und nähert sich millimeterweise dem beschlossenen Selbstmord. Parallel zum emotionalen Strudel wird die Dynamik des 35 Meter darunter gurgelnden Wassers und die aufziehende Nebelwand auf eine Art sprachlich dramatisiert, die einem den Atem nimmt.
Wie von Zauberhand gelingt es dem Autor, in diesen fast unerträglichen Spannungsbogen noch die ersten Fäden des erzählerischen Kontextes unterzubringen.
Kann man so eine Dichte über ein ganzes Buch halten?

DONOVAN kann. Zwar gibt es ruhigere Passagen in dem Text – aber die elementare Wucht der sprachlichen und erzählerischen Dynamik holt einen immer wieder ein.
Am Ende des Buches spürt man eine fast körperliche Erschöpfung.
Es geht viel um die Kraft des Wassers, in diesem Roman. Auch als Leser/in hat man das Gefühl, abwechselnd auf einer Welle zu reiten oder in die Tiefe gezogen zu werden. Am Ende wird man an den Strand gespült und muss sich erstmal erholen.

Das Buch ist ein Psychogramm und ein Soziogramm zugleich.
Es handelt von verletzen Seelen, von fehlenden Bindungen, von Todessehnsüchten. Man begegnet gescheiterten Menschen in tragischen Verstrickungen. Kunstvoll werden dabei aktuelle und frühere Geschehnisse miteinander verwoben.
Eingebettet sind diese Schicksale in einen sozialen und wirtschaftlichen Rahmen von Niedergang und Hoffnungslosigkeit. Die Brücke ist ein Symbol für das Scheitern – denn sie hat keine andere Funktion als immer wieder Schauplatz für Suizide zu sein.
Dass in dieser depressiven Grundstimmung auf einmal ein Heldentat vollbracht wird, schlägt ein wie ein Blitz. Die Menschen und die Medien wollen eine Lichtgestalt zelebrieren und sich in dessen Glanz sonnen. Doch Luke eignet sich nicht als Ikone – auch diese Chance endet letztlich tragisch.

Das alles wäre für einen 300-Seiten-Roman, der sich an erster Stelle durch seine Sprachkunst auszeichnet, schon mehr als genug. Doch DONOVAN leuchtet weitere Facetten aus: Die Scheinwerfer werden auf die chronisch überdrehte mediale Vermarktung und auf die skrupellose politische Instrumentalisierung der Ereignisse gerichtet.
Der Autor arbeitet mit beißender Konsequenz heraus, wie gleichgültig beide Maschinerien den tatsächlichen menschlichen Hintergründen gegenüberstehen. Die damit verbundene Verantwortungslosigkeit führt unaufhaltsam zu weiterem Unheil…

Es mag der Eindruck entstanden sein, dass dieses Buch die Leser/innen eher „runterzieht“. Tatsächlich gibt es wenig Grund zu Hoffnung und Leichtigkeit in dem Leben der Romanfiguren. Auch die Einblicke in die medialen und politischen Systeme verbreiten nicht gerade Optimismus.
Trotzdem vermittelt dieser „starke“ Roman eine große Portion Lesegenuss. Er ist das krasse Gegenteil von seichter Lektüre. Intensität ist sein Markenzeichen.
Ein energiegeladenes Meisterwerk!


„Die Klimaschmutzlobby“ von Susanne GÖTZE und Annika JOERES

Bewertung: 4.5 von 5.

Dieses Buch wirklich Seite für Seite, Satz für Satz zu lesen, setzt einige Selbstdisziplin voraus. Das beginnt schon bei der Entscheidung für das Thema insgesamt: Denken wir nicht schnell, dass wir im Prinzip schon alles wüssten – über die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Politik, über die Einflussversuche der der Klimawandel-Leugner, der rechten Populisten und der vielen finanzkräftigen Konzerne und ihrer pseudowissenschaftlichen Ableger.
Muss man das wirklich alles haarklein durchdringen, mit allen Verbindungen und Verästelungen?
Man muss nicht – man kann es aber, und zwar ziemlich perfekt mit diesem Buch.

Die beiden Autorinnen liefern eine Meisterleistung in journalistischer Recherche ab. Der Text beinhaltet eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von Fakten, die (natürlich) alle mit Quellenangaben belegt sind (die kleingedruckten Anmerkungen umfassen mehr als 50 Seiten).
Um diese handfesten Informationen herum stiften GÖTZE und JOERES ordnende Struktur, stellen Verbindungen und Zusammenhänge dar, ziehen auch Schlussfolgerungen.

Zunächst unterscheiden die Autorinnen die wichtigsten Akteure: Klimawandel-Leugner, Rechtspopulisten und Bremser.
Natürlich gucken sie noch genauer hin: Da geht es um (mehr oder weniger) abstruse Alternativ-Wissenschaftler, die mit ihrer Minderheitsmeinung zum Grundrauschen der Desinformation beitragen. Eine große Rolle spielen die neoliberalen „Thinktanks“, die das Narrativ der „Freien Märkte“ mit viel Geld und Power hochglanzverpackt verbreiten. Und natürlich erfährt man ganz viel über die unterschiedlichen Lobbygruppen (Landwirtschaft, Energie, Auto, Luftfahrt) und ihre Verflechtungen mit den Ministerien bzw. mit den wirtschaftsnahen Parteien. (Ich habe z.B. bisher nicht gewusst, welche unrühmliche Rolle Sigmar Gabriel als Umweltminister gespielt hat).
Das alles wird nicht nur in Deutschland betrachtet, sondern ebenso in Brüssel für die EU und nochmal spezifisch für Frankreich, England und Osteuropa.
Rechtspopulismus und eine damit verbundene Abwertung von wissenschaftlichen Erkenntnissen tragen zunehmend dazu bei, dass diese ganze Kampagne weiter in das gesellschaftliche Bewusstsein einsickert.

Das Ergebnis: Aus dem diffusen Gefühl („da gibt es systematische Einflüsse gegen Maßnahmen zur Klimarettung“) entsteht ein differenziertes und detailliertes Hintergrundwissen. Zwar wird kein Mensch sich all die Zahlen und Namen merken können, aber mit jeder Seite steigt die Gewissheit, dass auf der „anderen“ Seite mit unlauteren Methoden und mit gigantischen Geldmitteln gekämpft wird. Die Personen, die Institutionen und die Beeinflussungswege sind bekannt, werden benannt und damit fassbar.
Die Klimabewegung hat es eben nicht nur mit einer vielleicht etwas trägen und uninteressierten Öffentlichkeit zu tun: dahinter arbeitet ein effizientes System mit klaren (wirtschaftlichen und politischen) Interessen und Zielen.

Aus der aktuellen Sicht (von Herbst 2021) sieht vielleicht der ein oder andere Aspekt etwas hoffnungsvoller aus als beim Erscheinen des Buches im Frühsommer 2020. Trump ist Geschichte, Klimaschutz in Deutschland inzwischen zur unumstrittenen Staatsaufgabe geworden. Zumindest der Kampf um die öffentliche Meinung kann die Klimaschmutzlobby nicht mehr gewinnen.
Aber das setzt nicht die „Bremser“ außer Kraft, die aus finanziellen Interessen oder politischen Opportunismus weiter konkrete Maßnahmen verzögern bzw. verhindern wollen.
Von daher ist es gut zu wissen, wo die Gegner sitzen und wie sie organisiert sind.

Wenn journalistische Sachbücher dezidierte Aufklärung leisten können – dann steht dieses Buch ganz oben auf der Liste!

Darf es auch für Baerbock Konsequenzen geben?

Im Netz tobt eine Debatte, ob man (Mann) so mit einer – doch ziemlich gescheiterten – Kandidatin umgehen darf.
Für mich stellt sich eher die Frage: Warum lässt Annalena ihren Robert so im Regen stehen?

Es gab offenbar eine Absprache zum Thema: „Wie geht es nach einem nur mäßigen Erfolg weiter?“ Die Kandidatin hatte ihre Chance, konnte sich auf die weitgehende Loyalität ihres Co-Vorsitzenden verlassen. Er ging mit ihr durch dick und dünn.
Der Deal war scheinbar: „Wenn es nicht gut läuft, dann kommt der andere zum Zuge.“ Also wird Vizekanzler.

Wenn das so stimmt: Warum steht dann heute nicht Baerbock vor den Kameras, entschuldigt sich für den ungünstigen Zeitpunkt dieser Diskussion und erklärt, dass diese Entscheidung auch von ihr getragen wird?
Stattdessen lässt sie offenbar zu, dass sich der alte Geschlechterkampf an diesem Punkt festbeißt und die – an sich logische Entscheidung – zu einem Ausdruck männlicher Dominanz umgedeutet wird.

Ich hoffe sehr, dass sie hier nicht noch einmal die „Frauenkarte“ spielt und über feministischen Druck Habeck zum Rückzug zwingt. Das wäre echt schofel…