Habeck for President?

Eine knappe halbe Stunde dauerte die Grundsatzrede von Habeck auf dem digitalen Pateitag der GRÜNEN. Ich habe diese Zeit investiert – vielleicht hat da ja unser nächster Kanzler gesprochen…

Die sehr speziellen Rahmenbedingungen haben dem Auftritt einen besonderen Charakter verliehen: Ohne ein Publikum und dessen Reaktionen wirkte die Rede seltsam künstlich, inszeniert und steril; sie hatte zwischendurch fast den Charakter einer Predigt.
Keine leichte Aufgabe für Habek.

Ich war mit dem Ergebnis trotzdem sehr zufrieden.
Habeck hat versucht, alle mitzunehmen, ohne allen nach dem Munde zu reden.
Er hat deutlich gemacht, dass man Mehrheiten braucht, wenn seine politischen Vorstellungen durchsetzen will. Kompromisse sind in dieser Logik die notwendige Folge von fehlenden Mehrheiten.
Das bedeutet auch – solange man den demokratischen Rahmen akzeptiert – dass man grünen Ministern nicht vorwerfen kann, dass sie Gesetze auch dann befolgen und durchsetzen, wenn sie der eigenen (grünen) Vorstellung widersprechen.
Habeck ermutigt auch die jungen Aktivisten, auf diesen Weg der demokratisch legitimierten Machtausübung zu setzen.

Habeck machte deutlich, dass die GRÜNEN mehr sein wollen als die konsequenteste Klima-Partei. Es geht um ein Gesamtpaket einer gesellschaftlichen und ökologischen Neuausrichtung, die den Menschen zwar etwas zumutet, ihnen aber nicht Verständnis und Respekt versagt.

Vor diesen GRÜNEN braucht die bürgerliche Mitte keine Angst zu haben. Gleichzeitig stehen sie aber für das notwendige Umsteuern.

Auf den Punkt gebracht: Für mich sind die GRÜNEN im Moment die einzige Partei, denen ich mich sogar im Falle einer Alleinregierung (bei einer absoluten Mehrheit) anvertrauen würde (in der Hoffnung, dass einige Überspitzungen bei Datenschutz und Gendertum unterbleiben).


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„SAPIENS – Der Aufbruch“ von Yuval Noah HARARI

Bewertung: 4.5 von 5.

Schlichte Gemüter werden vielleicht denken: „Oh – ein HARARI als Comic“.
Heute heißt so etwas – moderner und differenzierter – „Graphic Novel“.
Mir soll’s recht sein…

Mein Interesse gilt nicht dem Genre, mich verbindet nichts mit „gezeichneter Literatur“ als Kunstform. Ich war neugierig darauf, ob und wie es HARARI und seine Zeichner/Illustratoren geschafft haben, den Inhalt des Weltbestsellers „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ in eine andere Vermittlungsform zu bringen und ob diese andere Darstellungsebene einen Mehrwert beinhaltet.

Vorweg eine entscheidende Information: Das großformatige und wirklich üppig bebilderte Buch (ca. 240 haptisch-angenehme Seiten dick) gibt nur ein Viertel des Sachbuches wieder. Das bedeutet im Umkehrschluss tatsächlich, dass es drei weitere Bände geben wird. Es wird also ca. 100 € kosten, das HARARI-Geschichtswissen als Bilderbuch zu besitzen. Ein mutiges Unterfangen, das man sich als Autor und Verlag wohl nur leisten kann, weil es auf dem Renommee eines Welt-Intellektuellen beruht.
Es ist also ein kalkulierbares Risiko.

Rein sachlich geht es um die Entwicklung des Menschen von der biologischen Ausbildung einer eigenen Art (Spezies) bis zur Sesshaftigkeit im Rahmen von Landwirtschaft (Thema des nächsten Bandes).
Schwerpunkte werden in folgenden Bereichen gesetzt:
– Wie aus sechs Menschen-Arten der SAPIENS als einsamer Sieger hervorging
– Wie die Evolution wirkte – zunächst biologisch (langsam) und dann kulturell (explosionsartig)
– Was große Gehirne bedeuten
– Warum die Kooperation von großen Gruppen so entscheidend war
– Welche Bedeutung die Ausbildung von „Fiktionen“ (Geschichten, Mythen, Konstrukten) hatten
– Wieviel wir wirklich vom Leben der Steinzeitmenschen (Wildbeuter) wissen können
– Welche Rolle der Mensch schon vor der Sesshaftigkeit und Industrialisierung bei der Veränderung der biologischen Umwelt spielte

Zunächst einmal soll die Inhaltsebene bewertet werden:
Mich hat die Informationsdichte und -tiefe positiv überrascht. Man kann diesem Werk ganz sicher nicht vorwerfen, als Preis für die grafische Darstellungsform eine Oberflächlichkeit der Faktenvermittlung in kauf genommen zu haben.
Dazu trägt nicht nur der Text bei, der entweder Teil von Dialogen ist oder im Rahmen von kleinen Exkursen dargeboten wird, sondern auch die Illustrationen, die ja selbst – in einem beträchtlichen Umfang – auch Informationsträger sind.

Jetzt zur Vermittlung:
Ganz grob kann man zwei Ebenen unterscheiden: Es gibt eine Rahmenhandlung, in der „Onkel Harari“ seiner Nichte Zoe die Welt erklärt – mit Hilfe einiger Fachleute.
Darin eingebettet werden kleine „Vorträge“ (getarnt z.B. als Filmvorführungen), in der größere Informationshappen verabreicht werden.
Der entscheidende Pep des Ganzen liegt darin, dass die „trockene“ Faktenebene immer wieder in einen ungewohnten, aktuellen und witzigen Kontext verlagert wird. Es gibt jede Menge Anspielungen auf die Gegenwart, so dass sich der Unterhaltungswert – insbesondere für jüngere Menschen – deutlich erhöht.
So wird z.B. die Frage, in wieweit frühere Migrationsbewegungen der Menschen zu einem gigantischen Artensterben geführt haben, in eine polizeiliche Ermittlung bzw. Gerichtsverhandlung transformiert – wobei die handelnden Figuren jeweils mit den gängigen Klischees humorvoll spielen.

Zur Rolle der Illustrationen:
Zur künstlerischen Wertigkeit der Zeichnungen kann ich kein Urteil abgeben. Es ist alles bunt und ansprechend.
Entsprechend dem Aufbau des Buches dient ein Teil der Bebilderung zur Illustration der Rahmenhandlung, ein anderer Teil zur Wissensvermittlung. Da wiederum die Fakten ebenfalls meist in Geschichten eingebettet (also personifiziert sind), wird auch hier ein Teil der Darstellung für den Handlungsverlauf verbraucht.
Was ich damit sagen will: Der echte Mehrwert der Illustration im Sinne einer Veranschaulichung, Strukturierung oder Perspektiverweiterung ist zwar vorhanden, aber steht nicht im Vordergrund. Ein „Graphic Novel“ ist eben kein mit erklärenden Zeichnungen angereichertes Sachbuch.
Unfair wäre es allerdings auch die umgekehrte Formulierung: Es geht hier nicht um eine Story, in die auch ein wenig Information eingearbeitet wurde; die Wissensvermittlung ist ganz klar das Ziel dieses ganzen Projekts.

Die Botschaft?
HARARI kommt nicht mit dem Holzhammer – oder dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger. Trotzdem wird spürbar, dass hier ein Historiker darstellt und erklärt, der sich der Wissenschaft und der Aufklärung verpflichtet fühlt und den Menschen eine Verantwortung für den Erhalt des Planeten zuschreibt. Dabei schreckt er – erfreulicherweise – nicht davor zurück, auch die Dinge „nüchtern“ zu betrachten, die für viele Menschen emotional hoch aufgeladen sind (z.B. Religionen).

Und das Resümee?
– Das Buch wird nicht gebraucht, um das HARARI-Wissen besser (intensiver) an die Leser/innen zu bringen; dazu reichen die vorhandenen Sachbücher aus.
– Es kann neue Leserschichten erschließen, insbesondere natürlich durch den Anreiz, der für Jugendliche in der locker-flockigen und bebilderten Vermittlung liegt.
– Für Sachbuch-Fans, frühere Comic-Leser oder schlichtweg buchaffine Menschen stellt diese Publikation ein interessantes Experiment dar.

Mein Tipp: Einfach das Buch einem jungen Menschen in der näheren Umgebung schenken und es dann mal für ein paar Tage ausleihen! Das wäre eine klassische Win-Win-Situation.

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„Ich bin Greta“ – Ein Film von Nathan Grossmann (ARD-Mediathek)

Bewertung: 4.5 von 5.

Man muss kein bedingungsloser Greta-Fan oder gar selbst ein FfF-Aktivist sein, um das Anschauen dieses Dokumentarfilmes als eine lohnende Zeit-Investition zu erleben.
Als Motivation könnten eine ganze Reihe von Gründen dienen; z.B.:
– der Wunsch, das zeitgeschichtliche Phänomen dieser wohl größten Jugendbewegung aller Zeiten zu verstehen,
– das Interesse an der Person Greta, einem sensiblen, verletzlichen und gleichzeitig ungeheuer starken Mädchen,
– die psychologische Neugier, woher dieses Mädchen die schier endlose Energie, Kraft und Leidenschaft für ihre Mission zieht.

Zu sehen ist kein Klima-Film: Es gibt keine Fakten, keine Aufklärung und keine Propaganda. Es geht auch nicht um eine systematische Analyse der familiären und gesundheitlichen Bedingungen, die Greta geprägt haben. Die Strukturen der Fridays-Bewegung werden nicht analysiert, deren Widerhall in Öffentlichkeit und Medien nur kurz gestreift.

Der Film zeigt den Menschen Greta aus einer durch und durch persönlichen Perspektive – ausschließlich im O-Ton. Da gibt es keine erklärenden Begleitkommentare, niemand ordnet ein oder bewertet.
Dafür hat man durch diese Bilder die Chance, den Weg Gretas vom einsamen Sitzstreik vor dem Schwedischen Parlament bis in die Vollversammlung der UN hautnah zu verfolgen: nicht nur die bekannten öffentlichen Auftritte (die eher kurz dokumentiert werden), sondern in erster Linie das Geschehen vorher, nachher und drumherum. Die Bahnfahrten, die Atlantik-Überquerung im Sportboot, die Begrüßungen, ihre Reaktionen auf die Reaktionen der Politiker, den Streit mit dem Vater über ihren Perfektionsdrang und die Ernährung.

Diese Einblicke in das Erleben dieser „Berühmtheit“ ist extrem berührend. Wir sehen keinen geltungssüchtiger Jung-Promi, sondern einen jungen Menschen, der ganz offensichtlich und subjektiv unvermeidlich an der Ignoranz und Widersprüchlichkeit der Welt der Erwachsenen verzweifelt. Und mit genau dieser Verzweiflung sieht Greta sich in der Verantwortung, anstelle der eigentlich zuständigen Politiker und Wirtschaftsbosse für die Rettung der Lebensgrundlagen unseres Planeten einzutreten.

Es zerreißt einem fast das Herz, wenn man den Kontrast zwischen diesem noch sehr kindlichen Körper und der betonschweren Bürde wahrnimmt, die auf diesen schmalen Schultern lastet.
Er erscheint absolut glaubhaft, wenn Greta deutlich macht, dass sie lieber ein ganz normales unauffälliges Teenie-Leben führen würde – wenn nur die zuständigen Menschen endlich den Wissenschaftlern glauben und ihren Job machen würden.

Natürlich wird auch deutlich, dass Greta kein ganz „normales“ Mädchen ist. Sie spricht selbst kurz über ihre Asperger-Erkrankung (eine leichte Form des Autismus).
Man kann diese Krankheit als persönliche Tragik ansehen oder als Glück für die Menschheit: Ohne diese unerschütterliche, fast zwanghafte Konzentration auf dieses eine Thema, ohne diese schonungslose Konsequenz in der Verfolgung des als existenziell-bedeutsam erkannten Zieles, ohne diese Fähigkeit, (fast) alles andere als unbedeutend auszublenden (außer der Beziehung zu ihren Tieren) – ohne das alles hätte es wohl die Fridays-for-Future-Bewegung nicht gegeben.

Wer nach dem betrachten dieses Films noch davon schwafelt, dass diese Greta ja nur ein durchgedrehtes Kind, eine publicity-süchtige Influencerin oder eine ferngesteuerte Marionette grüner Systemverändern (z.B. ihrer Eltern) wäre, der hat sich als Gesprächspartner disqualifiziert.

Insofern ist dieser Film gerade dadurch so aufklärerisch, dass er kaum „neutrale“ Informationen anbietet. Er überlässt Reaktionen und Bewertungen ganz den Zuschauern.
Ich rate dazu, sich dieser Herausforderung zu stellen (abrufbar in der ARD-Mediathek).


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„Eines Menschen Flügel“ von Andreas ESCHBACH

Bewertung: 3 von 5.

Ja, der Name ESCHBACH zieht immer noch bei mir; daher habe ich mich – mit leichtem Bedenken (wegen der Enttäuschung über Quest) – diesem jüngsten Mammutwerk von fast 1300 Seiten zugewandt (als Hörbuch, Dauer 44 Std.).
Ich habe letztlich durchgehalten und kann deshalb hier über das ganze Buch schreiben.

Wir haben es mit einer Mischung zwischen einer Fantasy-Story und einem Science-Fiktion-Roman zu tun. Der Kern des Plots beruht darauf, dass eine technologisch weit entwickelte Gesellschaft von „Ahnen“ die Basis für die spezielle Welt geschaffen hat, die Schauplatz dieses monumentalen Romans ist. Dieser Planet beheimatet die (tatsächlich auf Riesen-Bäumen lebende) Flügel-Menschen, mit deren Alltagsleben und schicksalhaften Wendungen der Leser/Hörer eine nicht unbeträchtliche Zeit seines Lebens verbringen kann – wenn er sich denn auf dieses Buch einlässt.

Angeboten bekommt man eine komplette Alternativwelt, die in allen erdenklichen Feinheiten beschrieben und ausgeschmückt wird. Der Autor scheut tatsächlich keine Mühen, einen Kosmos zu entwerfen, in dem auf der einen Seite so ziemlich alles anders ist (Pflanzen, Tiere, Klima, Technologie) – wo es aber andererseits in sozialen und emotionalen Bereichen meist menschlich, allzu menschlich, zugeht.
Es geht also – kurz gesagt – um die bekannten Ur- und Standardthemen wie Liebe, Loyalität, Konkurrenz, Heldentum, Familientraditionen, usw.

Konkret werden ein knappes Dutzend von Hauptfiguren für eine Reihe von Jahren begleitet. Da sich diese Protagonisten in verschiedenen Bereichen dieses Planeten (fliegend) bewegen und dort in unterschiedliche Konstellationen und Herausforderungen verwickelt sind, entsteht nach und nach ein Netzwerk von Handlungssträngen, die Raum für etliche Nebengeschichten geben, aber immer wieder mal zusammenfinden.

Es gibt also jede Menge Figuren und jede Menge Handlung; gibt es auch eine Botschaft?
Das Meta-Thema hat – welch Wunder – einen Zeitgeist-Bezug: Ist es sinnvoll, notwendig und möglich, den Drang der Menschen nach wissenschaftlicher und technologischer Weiterentwicklung zu begrenzen – um so die allzu bekannten Risiken zu vermeiden? Wäre eine (Selbst-)Beschränkung auf die menschlichen Grundbedürfnisse die Alternative zu einer immer hektischeren, militanteren und gierigeren Welt, in der irgendwann eben doch nur noch Macht und Geld zählen?
ERSCHBACH lässt diese Fragen eher im Hintergrund mitlaufen; ein pädagogischer Zeigefinger ist selten zu spüren.

Die Stärke dieses Buch liegt klar auf der Hand: Es steckt eine schier unfassbare Fleißarbeit in den Details! Das fängt an mit dem Erfinden von (gefühlt) Hunderten Namen an (für Menschen, Tiere, Pflanzen, Medizin, usw.), betrifft insbesondere die Ausgestaltung der baumlastigen Flug- und Flügelwelt und reicht in die geschichtlichen Zusammenhänge auf den verschiedenen Zeitebenen.
Geschaffen und ausgesponnen wird ein kleines Universum mit Mythen, Regeln, Gewohnheiten und Alltag. Viele Begrifflichkeiten werden liebevoll „übersetzt“, viele Details werden fantasievoll erfunden.
Vor dem Hintergrund der Fremdartigkeit zeichnen sich die menschlichen Grundthemen (s.o.) um so deutlicher ab.

Die Frage, die sich stellt: Wer braucht 1300 Buchseiten über eine Alternativwelt, um sich letztlich mit Fragen zu befassen, die auch unser Leben und unseren Planeten betreffen?
Nun – das Buch ist für (wohl eher jüngere) Menschen geschrieben, die gerne eintauchen in fremde Welten und fremde Lebensläufe. So ein Buch – zu schreiben und zu lesen – ist nur zu rechtfertigen, wenn es nicht vom Output her betrachtet wird, sondern das Einlassen selbst als „selbstgenügsames Schwelgen“ zelebriert werden soll. So ein Buch braucht eigentlich kein Ende – denn jedes Ende nimmt dann letztlich doch den Zauber weg und führt zurück in den schnöden Alltag.

Ich staune immer wieder, dass zwar viele Ideen in solche Fantasy-Science-Fiktion-Stories einfließen, dass aber so wenig davon bei den gesellschaftlichen, sozialen und psychologischen Ebenen ankommt. Irgendwann geht es dann doch um geheime Bruderschaften und um machtgeile Herrscher, die mit futuristischen Waffen das Universum unterjochen. Liegt es wirklich an den biologischen Grundstrukturen des Menschen, dass sich diese Klischees nicht überwinden lassen oder fehlt es dann an bestimmten Stellen doch an der Fähigkeit zum „ganz anders Denken“?

Letztlich hat mich ESCHBACH mit diesem Roman dann doch nicht gepackt bzw. überzeugt; ich brauche eine solche Fantasy-Dröhnung einfach nicht. Vielleicht warte ich einfach mal ab, ob er sich nochmal einem anderen Genre zuwendet.

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„Der große Schneidewind / Rock- und Popgeschichten“ von Günter SCHNEIDEWIND

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein paar Jahrzehnte eigene Rock-Biografie sollte man schon auf dem Buckel haben, wenn man sich einem Buch voller Rückblicke auf über 50 Jahre Musikgeschichte zuwendet. Ansonsten ist es von vorneherein verlorene Zeit.

Der Radio-Moderator und Musikjournalist SCHNEIDEWIND beschreibt in diesem Buch Begegnungen mit insgesamt 25 bekannten, teilweise auch weltberühmten Musikern bzw. Bands, die er im Auftrag des SDR/SWR im Laufe von ca. 20 Jahren interviewte. In diese illustre Reihe gehören auch solche Ikonen wie Paul McCartney, David Bowie, Carlos Santana, die Rolling Stones, u.v.a.

Dargeboten werden jeweils nicht die Interview-Texte, sondern ein Stimmungsbild der Gesamtsituation. Es geht oft auch um die Anbahnung des Kontakts, die Bedingungen vor Ort, das Auftreten der Musiker und ihres Gefolges – aber auch um die eigene Befindlichkeit des Autors und die emotionale Atmosphäre des Gespräches.
Eingebettet sind diese Schilderungen in Informationen über die jeweiligen Künstler, ihre musikalische – z.T. auch persönliche – Entwicklung und ihren kommerziellen Erfolg.

Geprägt – und eingeschränkt – wird dieser breitgefächerte Einblick in die Musikpromi-Welt durch einen vorgegebenen zeitlichen Rahmen: SCHNEIDEWIND ist in der DDR geboren und erst nach der Wende (1990) in seinem neuen Tätigkeitsfeld gelandet. Das führt dazu, dass er mit den Stars, die überwiegend in den 60igern und 70igern gestartet sind, überwiegend im Vergangenheits-Modus unterwegs ist. Oder anders gesagt: Seine Motivation ist aus der Vergangenheit gespeist; die Musiker sind aber zum größten Teil daran interessiert, ihre gerade aktuellen Aktivitäten zu thematisieren und zu vermarkten. Zwar gelingt es dem Autor, dem Leser seine bis in die Jugendzeit zurückreichende Begeisterung gegenüber seinen Gesprächspartnern zu vermitteln, aber oft scheint die Tatsache der „leibhaftigen Begegnung“ bedeutsamer zu sein als der tatsächliche Inhalt der Gespräche.

Die einzelnen Kapitel haben einen recht unterschiedlichen Charakter. Offensichtlich waren nicht alle Begegnungen gleichermaßen ergiebig bzw. bedeutsam aus Sicht des Autors. Gelegentlich steigern sich die Gespräche in biografische Feinheiten hinein, die für den normalen Musikliebhaber nur von bedingtem Interesse sind.

Was bedeutet das unter Strich?
SCHNEIDEWIND schafft es auf der einen Seite, eine ordentliche Portion Nostalgie aufzutischen – Erinnerungen an die Zeit, in der die berühmten Rock- und Popgrößen noch unerreichbare Idole waren. Seine musikalische Expertise ist ohne Zweifel anregend. Auch ist es durchaus informativ, die Entwicklung der Musiker(karrieren) im Rückblick zu betrachten.
Trotzdem leidet das Buch unter der Tatsache, dass praktisch alle Gespräche ein bis drei Jahrzehnte „zu spät“ geführt wurden – eben nicht in der Zeit, in der auch die Musik entstanden ist, um die die ganz Zeit es geht. Es handelt sich in gewisser Weise um eine doppelte Rückschau: Der Autor blickt auf Begegnungen zurück, in denen Musiker auf ihre „große Zeit“ zurückschauen.
Das macht die Sache stellenweise doch etwas mühsam…

Letztlich ist es ein Buch für eingefleischte Fans, die dann vielleicht aus jeder Zwischenbemerkung etwas ziehen können und für jeden persönlichen Einblick in die Welt ihrer Lieblingsmusiker dankbar sind.
(Ich gebe 3,5 von 5 Sternen)

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„Der Untergrund des Denkens“ von Philipp HÜBL

Bewertung: 4 von 5.

Der Philosoph HÜBL hat im Jahr 2019 mit dem Text „Die aufgeregte Gesellschaft“ eine extrem intelligente und anregende Gesellschaftsanalyse vorgelegt. Da mich die Fragen rund um Gehirn und Bewusstsein gerade sehr beschäftigen, wollte ich seine Ausführungen (von 2015) zum Themenkreis „Unbewusstes“ nicht länger links liegen lassen.

HÜBL bietet einen sehr breit angelegten Blick auf die komplexen Zusammenhänge zwischen den biologischen Vorgängen unter unserer Schädeldecke und all den vor-, halb-, un-, unter- und vollbewussten Prozessen, die uns – unser Denken, unser Ich-Gefühl und unsere Identität als selbstreflexive Wesen – bestimmen, ausmachen und prägen.

Der Autor nimmt sich gleich ein ganzes Potpourri an sperrigen Fragestellungen vor, die jede für sich ganze Bücher füllen könnten (und auch gefüllt haben): Nach Begriffsklärungen und -abgrenzungen rund um das Unbewusste und der Beschreibung seiner methodischen Herangehensweise geht es um Intuition, Aufmerksamkeit, Verdrängung, unterschwellige Wahrnehmung, den Zusammenhang von Sprache und Denken, die Kraft und Grenze der Vernunft, Willensfreiheit, Selbsterleben – und vieles mehr.
Immer wieder schlägt HÜBL dabei eine Brücke zwischen Experimenten bzw. Befunden der Hirnforschung und philosophischen bzw. psychologischen Konzepten.

HÜBL positioniert sich in diesem unübersichtlichen und umstrittenen Feld ziemlich klar: Er verteidigt – grob gesagt – die geisteswissenschaftliche Sicht vom Menschen (als weitgehend autonomes Wesen) gegenüber den (naturalistischen) Sichtweisen der Hirnforscher, die in der Aktivität unserer neuronalen Netze nicht nur das Korrelat zu unseren kognitiven Fähigkeiten sehen, sondern auch deren primäre Ursache. Entsprechend tritt HÜBL voller Überzeugung und Inbrunst Überlegungen entgegen, dass unser Bewusstsein und die in ihr erlebte Selbstbestimmtheit nur eine (nützliche) Illusion darstellen könnten.
Aber auch anderen gewichtigen Theoriegebilden widerspricht HÜBL entschlossen – immer dann, wenn sie antreten, die Rolle von Vernunft und bewusstem Entscheiden zu schmälern. Dabei ist es im relativ egal, ob seine Kontrahenten Sprachwissenschaftler, Sozialpsychologen oder Psychoanalytiker sind.

Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, dass sich HÜBL wie ein engstirniger Fanatiker gebärdet; keineswegs. Der Autor ist verbindlich im Ton und argumentiert auf der Basis eines unglaublich breiten Wissensfundamentes (das Literaturverzeichnis umfasst nahezu 50 Seiten).
Aber trotzdem: Seine Gewichtungen und Schlussfolgerungen lassen sich nicht immer eindeutig aus der dargestellten Fakten- und Theorielage ableiten. Stattdessen beschleicht dem Leser doch hin und wieder das Gefühl, dass es die Überzeugungen des Autors sind, die letztlich den Ausschlag geben.
So verläuft beispielsweise die argumentative Auseinandersetzung mit der ausdifferenzierten, neurophysiologisch basierten Bewusstseins-Theorie von METZINGER doch ein wenig oberflächlich. HÜBL ist auch mit solchen schwergewichtigen Gegenperspektiven erstaunlich schnell fertig.

Was bleibt ist ein anregender und informativer Rundflug über die Weiten der kognitiven Welten des Menschen. Es sind spannende und ungewohnte Perspektiven, die HÜBL in diesem Buch zusammenträgt und es zeichnet ihn auch diesmal aus, dass er die Grenzen zwischen den Disziplinen souverän ignoriert.
An manchen Stellen hätte man sich eine Gegenrede gewünscht – von den Forschern und Theoretikern, die der Autor (vielleicht ein wenig zu selbstbewusst) in die Schranken weist.
Für mich bleibt HÜBL ein spannender und lehrreicher Wissensvermittler. Dass er auch ein (sympathischer) Überzeugungstäter ist, spricht durchaus nicht gegen ihn.

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Amerikanischer Patriotismus

Nach der Betrachtung der Auftritte von Biden und Harris auf der Siegesfeier in der letzten Nacht gehen mir verschiedene Dinge durch den Kopf. Da ist Erleichterung, da ist Empathie und Rührung – aber da ist auch ein gewisses Fremdheitsgefühl angesichts der massiven Beschwörung des typisch amerikanischen Patriotismus und dem starken Bezug auf Gott.

Ich neige dazu, dem mit Verständnis und Toleranz zu begegnen.
Es ist in dieser Phase unbedingt notwendig, die tiefen Gräben zwischen den Menschen zu beseitigen. Dazu muss es gemeinsame – auch emotionale – Bezugspunkte gegen. Eine realistische Alternative zu der gemeinsamen Identifikation mit der Nation („wir sind Amerikaner“) und der Religion ist kaum denkbar.

Angenehm ist, dass sich dieser Apell an den Nationalstolz gegen niemanden wendet. Zwar werden die grandiosen Möglichkeiten eines vereinten Amerikas in allen Farben des Regenbogens ausgemalt, aber eben nicht im Kontrast zum Rest der Welt.

Amerikaner haben jede Menge Grund, nicht stolz zu sein – auf ihr Land, auf ihre Geschichte, auf die letzten vier Jahre. Aber wenn der momentane Stolz auf die Überwindung des abstoßenden Trump-Systems die Grundlage für einen echten Stimmungswechsel bilden kann, so sei er ihnen gegönnt.

Möglicherweise sind die „weichen“ Botschaften, die demonstrative Veränderung der Umgangsformen und des Stils, tatsächlich als Signal an die Welt bedeutsamer als die ein oder andere politische Entscheidung. Wenn sich eine zweite „Obama-Mentalität“ ausbreiten sollte, dann verändert sich die internationale öffentliche Meinung ganz sicher zu Ungunsten der Autokraten.
Auf Einladung zu Dialog und Kooperation lässt es sich viel schlechter eskalieren und polemisieren als auf schroffe Provokationen und dem Pochen auf Egoismus.

Von mir aus sollen die Amis baden in ihrem positiven Patriotismus – wenn er sich so total anders anfühlt als die letzten vier Jahre.
(Und dass Gott und Familie in den USA so unverzichtbar sind, nehme ich dann auch gerne in kauf).

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„Ruth Bader Ginsburg“ von Helena Hunt (Hrsg.)

Bewertung: 4 von 5.

Die 1933 geborene Juristin, zuletzt Richterin am Obersten Gerichtshof der USA, ist im September 2020 gestorben. Dieser Umstand hat aus zwei Gründen auch internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Einmal war Ginsburg in Amerika eine hochgeschätzte und verehrte Symbolfigur für den Kampf um Geschlechtergerechtigkeit, zum anderen war ihr Tod die Basis eines umstrittenen Nachbesetzungsverfahrens in den letzten Monaten der Amtszeit von Donald Trump.

Dieses Buch besteht fast ausschließlich aus – meist eher kurzen – Zitaten, die aus ihren Reden, Aufsätzen und Urteilsbegründungen zusammengetragen und – nach bestimmten Kategorien geordnet – dargeboten werden.
Erklärtes Ziel der Herausgeberin ist es somit, diese beeindruckende und couragierte Frau, eine Ikone für das liberale Amerika, für sich selbst sprechen zu lassen.
Ergänzt wird diese Zitatensammlung nur durch einen kurzen historischen Abriss ihrer privaten und beruflichen Biografie. Als Besonderheit sticht dabei hervor, dass den Stationen dieses Lebenslaufes auch eine Reihe von besonders bedeutsamen Gerichtsverfahren zugeordnet werden. Auch an diesem Punkt wird noch mal deutlich, dass Ginsburg nicht nur eine sehr besondere Karriere in einem extrem männerdominierten Bereich der Gesellschaft durchlaufen hat, sondern eben auch Rechtsgeschichte geschrieben hat: Sie hat durch ihre Haltung und ihre Arbeit Amerika zu einem anderen, zu einem gerechteren Land gemacht – nicht nur, aber besonders für seine weiblichen Bürger.
Dass Ginsburg keine fanatische Feministin war, sondern Ungerechtigkeit und Diskriminierung in einem umfassenden Ansatz bekämpfen wollte und bekämpft hat, hat ihren Einfluss sicher noch zusätzlich vergrößert.

Das Bild von Ginsburgs Leben und Schaffen setzt sich in diesen kurzen Textausschnitten mosaikartig zusammen. Es gibt keinen verbindende oder erklärende Begleitung, niemand führt einen durch Themen und Stationen.
Trotzdem entsteht nach und nach ein recht plastisches Bild dieser Person.
Das liegt vor allem daran, dass die Zitate inhaltlich sehr breit gestreut sind und durchaus auch sehr persönliche Informationen (über Familie, Erkrankungen und Ideale) beinhalten.
Extrem beeindruckend sind vor allem die Passagen, in denen Ginsburg die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen schildert, mit denen sie in den ersten Jahren und Jahrzehnten auf dem mühsamen Weg durch Universitäten, Anwaltskanzleien und Gerichte konfrontiert war. Es wird immer wieder ersichtlich, welcher Mut, welcher Idealismus und welche Zähigkeit notwendig waren, in dieser erstarrten, konservativen und z.T. frauenverachtenden Männerwelt zu bestehen – auch bei noch so viel Kompetenzen und Erfolgen.
Dass dabei auch private Schicksalsschläge zu verkraften waren, macht die Geschichte dieser Frau noch berührender.

Dieses Buch muss man nicht an einem Stück lesen. Es ist eine Fundgrube und sicher auch eine Ermutigung bzw. Inspiration für Menschen (sicher besonders für Frauen), die Interesse an dieser herausragenden Persönlichkeit haben oder Beispiele für die Rolle der Justiz bei der Weiterentwicklung einer Gesellschaft suchen.

Sicher gibt es auch Leser/innen, die eine ausformulierte (Auto-)Biografie vorziehen würden und die vorgelegte Zitatensammlung eher als eine Art „redundantes Stückwerk“ erleben würden. Man sollte schon wissen, worauf man sich mit diesem Buch einlässt.

Menschen und Juristen/Juristinnen wie Ginsburg werden weiterhin dringend gebraucht. Nicht nur, aber auch nicht zuletzt in den USA.

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„Die Macht der Clans“ von Thomas HEISE und Claas Mayer-HEUER

Bewertung: 4 von 5.

Clan-Kriminalität ist zu einem Aufreger-Thema geworden – nicht an erster Stelle, aber doch mit spürbar wachsender Bedeutung. Es gibt inzwischen einige Spezialisten, die es in dem gut abgeschirmten Bereich der Großfamilien-Systeme zu erstaunlicher Expertise gebracht haben. Die beiden Autoren dieses Buches, beide erfahrene Journalisten, gehören ohne Zweifel dazu.

Zwischen einer allgemeinen Einleitung in die Thematik – insbesondere ihre Entstehungsgeschichte – und einem kurzen Ausblick auf die Zukunft bietet das Sachbuch vor allem Eines: Jede Menge konkrete Beispiele, penibel recherchiert unter intensiver Nutzung polizeilicher Ermittlungsakten.

Tatsächlich besteht die eigentliche Leistung des Buches darin, abstrakte Erkenntnisse zu den Strukturen, Machtverhältnissen und Funktionsweisen der bekanntesten arabisch-stämmigen Clans in personengebundene Geschichten zu übersetzen. Es werden jede Menge Namen genannt, Verwandtschaftsverhältnisse dargelegt, Vorstrafenlisten aufgerollt und Vermögensverhältnisse offengelegt. Teilweise werden die (kriminellen) Lebensläufe der Clan-Größen über über viele Jahre hin beschrieben, angefangen mit Jugendstraftaten bis hin zum Beherrschen ganzer Stadtviertel.

Geschaut wird auch auf die andere Seite, auf die Anstrengungen des Staates und seiner Behörden, dem kriminellen Treiben Einhalt zu gebieten. Hier halten die Autoren ihre Enttäuschung – manchmal wohl auch Fassungslosigkeit – nicht hinter dem Berg.
Sie beschreiben das anfängliche Versagen bei der Aufgabe, die (bevorzugt aus dem Libanon) stammenden Flüchtlinge bzw. Asylbewerber zu integrieren; diese Herausforderung stellte sich bereits in den 80er-Jahren.
Was dann in den nächsten 30 Jahren angesichts stetig wachsender Probleme passierte, wird als eine toxische Mischung von Ignoranz, Verdrängung, Feigheit, political correctness, Multi-Kulti-Naivität, Justizversagen und Resignation dargestellt.
Inzwischen – so sind die Autoren überzeugt – werde zwar die Größenordnung der Misere erkannt, für eine nachhaltige Lösung könnte es aber schon fast zu spät sein.

Das Buch baut zwar auf einer enormen Faktenmenge auf, den Autoren geht es aber ganz eindeutig darum, eine Botschaft zu vermitteln und Einfluss zu nehmen. Sie sind keine neutralen Berichterstatter, sondern legen ganz bewusst – und immer wieder auch süffisant – den Finder in die Wunde. Es regt sie auf, dass sich unser Staat vorführen lässt von der offen zur Schau gestellten, auf extremer Familienloyalität und Gewaltbereitschaft basierender Parallelmacht. Und so führen die beiden Journalisten unseren Staatsapparat vor: seine Trägheit, seine grenzenlose Toleranz, seine Inkonsequenz, seine Schwäche.
Sie werden beispielsweise nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Menschen mit dicken Autos und einem aufwändigen Lebenswandel weiter unbeirrt Sozialleistungen abgreifen, dass Gerichte in einer geradezu absurden Weise Strafverfahren einstellen bzw. skandalös milde Urteile aussprechen und dass auch bekannte und gemeingefährliche Serienstraftäter letztlich nicht abgeschoben werden (können).

Wenn den Autoren etwas gelingt, dann Folgendes: Sie machen sehr konkret deutlich, dass die von uns so geschätzten Freiheitswerte zu Regelungen (bei Asyl, Sozialleistungen, Strafrecht und Datenschutz) geführt haben, die auf der Voraussetzung basieren, dass die von ihnen betroffenen Menschen eine Art minimale Identifikation oder Grundsolidarität mit unserem Gemeinwesen empfinden. Wenn genau dies aber nicht der Fall ist, weil abgeschottete Parallelgesellschaften mit einem archaischen Rechts- und Ehrverständnis den Staat ausschließlich als Melkkuh betrachten – dann läuft unsere Liberalität ins Leere und wird letztlich verachtet und verlacht (nach dem Motto: „Wie soll man einen Staat respektieren, der so mit sich umgehen lässt?“).

Letztlich machen die Autoren so auch etwas deutlich, was sie an keiner Stelle aussprechen: Das Staatsversagen gegenüber den kriminellen Machtstrukturen ist durchaus ein Faktor, der Politikverdrossenheit und Populismus schürt. Das Weggucken und das Wegducken der staatlichen Ordnung wird von den Menschen als ungerecht und skandalös erlebt. Wer selbst mit dem Sozialamt zu tun hat, will es einfach nicht hinnehmen, dass stadtbekannte Drogendealer oder Bordellbesitzer und ihre zahlreichen Familienmitglieder jeden Monat Stütze von einem hilf- und zahnlosen Staat kassieren. Wer wundert sich da noch über die Buch-Verkaufszahlen eines gewissen Herrn Sarrazin und die Wahlerfolge einer bestimmten Partei?!

Man kann sich daran stören, dass es immer wieder die gleichen Abläufe sind, die da erzählt werden. Man kann sich fragen, welchen zusätzlichen Erkenntnisgewinn es bringt, in den verschiedenen Clans all die Straftaten und (oft fehlenden) Verurteilungen aufzuzählen. Man kann sicher auch kritisieren, dass die Autoren mit mancher Formulierung auch bewusst „Stimmung machen“, also mit Emotionen spielen. Es gibt auch eine Prise „Reißerisches“ in der Darstellung.
Ich hätte mir ein wenig mehr grundlegende Analyse und etwas weniger „Sex and Crime“ gewünscht, insgesamt noch ein wenig mehr Sachlichkeit. Denn die Situation spricht eigentlich für sich selbst und bräuchte kein sprachliches Aufheizen.

Unterm Strich wurde hier ein sehr informatives Buch vorgelegt, das insbesondere Lerser/innen ansprechen wird, die gesellschaftliche Fragestellungen gerne auf der Ebene von Einzelfällen und -schicksalen vermittelt bekommen.
Nach diesem Buch kann wohl niemand mehr ernsthaft behaupten, dass die ganze Problematik nur hochgeredet würde. Wer das tatsächlich (noch) denkt, sollte dieses Buch lesen.

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„Das Zeitalter der Angst“ von Pete TOWNSHEND

Bewertung: 4 von 5.

Es mangelte mir ganz sicherlich nicht an Motivation, mich diesem Roman zuzuwenden. Von seiner Existenz zu erfahren, ihn herunterzuladen und die ersten Zeilen zu lesen war eine Sache von wenigen Stunden. Wenige Tage später schreibe ich diese Zeilen.

Woher stammt diese Zielstrebigkeit?
Nun, der Autor ist mir nicht nur als Schriftsteller (durch eine erste Veröffentlichung 1985 und seine Autobiografie von 2012) bekannt. Pete TOWNSHEND ist einer der prägenden Rockmusiker der letzten (fast) 60 Jahre, der mit seiner Band THE WHO Musikgeschichte geschrieben hat. Dies gilt im doppelten Sinne des Wortes – denn TOWNSHEND hat mit seiner Band hat nicht nur ganze Generationen („My Generation“) beschallt, sondern hat auch hunderte von Song-Texten verfasst – u.a. für zwei stilbildende Konzeptalben („Tommy“ und „Quadrophenia“).
Bedeutsam für dieses Buch ist dabei noch eine Besonderheit: TOWNSHEND – gestartet als Kunststudent – hatte schon immer einen ausgeprägten Sinn auch für visuelle und ästhetische Reize, spielte also auf einer breiten kulturellen Klaviatur. An die Stelle der Inszenierung der frühen Auftritte als Zerstörungsorgien traten später aufwändige Lasershows und die Einbeziehung von Spielfilmen und Musicals als zusätzliche Darstellungsformen.
Kurz gesagt: TOWNSHEND war nie der Malocher-Rocker oder der Mädchen-Schwarm, sondern hatte immer einen gewissen intellektuellen Anstrich. Auch die zerhackten Gitarren waren für ihn ein zu Marketing-Zwecken eingesetztes Kunst-Happening.
Das berufsspezifische Drogenproblem hat er allerdings nicht ausgelassen; bei Ihm ging es schwerpunktmäßig um Alkohol; die andere Seite seiner Sinn-Suche war auf die spirituelle Welt des indischen Mystizismus gerichtet (sein Guru hieß Meher Baba).

Dem aktuellen Roman nähert man sich am besten über die ungewöhnliche Zusatzbezeichnung auf dem Cover; dort heißt es: „Ein Kunstroman“.
Bei einem der beiden ganz großen Themen dieses Buches geht es um die Verschmelzung der unterschiedlichen Kunstformen, u.a. um die Frage, wie innere Bilder (Fantasien, Träume, Erscheinungen, drogeninduzierte Halluzinationen) in Worte (Texte) und schließlich in Klänge (Musik) ausgedrückt/übersetzt werden können.
In diesem Bereich liegt wohl am ehesten die literarische Kraft dieses Romans. TOWNSHEND schildert die Vermischung von Bildern und Klängen in einer sprachgewaltigen Wucht, die wohl ihresgleichen sucht. Diese assoziativen Wort- und Satzkaskaden lassen sich wohl nur auf dem Hintergrund eigener einschlägiger (Drogen-)Erfahrungen erschaffen.

Auch dieser spektakuläre Aspekt des Romans ist aber – so wie die anderen thematischen Schwerpunkte – in einen erzählerischen Rahmen eingesponnen. Der Ich-Erzähler (ein erfolgreicher Kunsthändler) schaut aus einer sicheren zeitlichen Distanz auf einen turbulenten Abschnitt seines eigenen Lebens zurück. Dabei richtet sich der Spot auf eine Gruppe von insgesamt ca. einem Dutzend miteinander verwandten oder gut bekannten Personen, die sich rund um eine Hauptperson, den Sänger und Musiker Walter gruppieren, dessen Patenonkel und Mentor der Erzähler ist. Weitere männliche Protagonisten sind Walters Vater, seine Bandkollegen und der Manager. Wichtiger sind aber eine Reihe von (allesamt irgendwie sehr erotischen) Frauen, die meisten davon (wie die Tochter des Erzählers) jung und alle in Walter verliebt. Aber das mit dem Alter ist so eine Sache: Das geht nämlich ein bisschen durcheinander – und daran ist der Erzähler nicht ganz unbeteiligt.

Tatsächlich nehmen die unterschiedlichen Liebessehnsüchte und -affären innerhalb dieser ziemlich abgeschlossenen Biotops einen beträchtlichen Raum ein. Dabei geht es um alte Sünden und deren (lange unentdeckten) Spätfolgen, es geht um Schuld, Verantwortung, Eifersucht, Verführung, das Begehren von älteren Männern und späte Liebe.
Braucht man das? Ist das literarisch ansprechend?
Ich habe da so meine Zweifel.

Ja, es gibt noch ein Thema, das da so am Rande mit anklingt.
Es geht um unterschiedliche Musikstile und deren Verankerung in persönlichen Biografien. Wir bekommen Kontakt zu einem Hoch-Kultur-Musiker (Organisten), zu einer bodenständigen Kneipen-Rock-Truppe und zu Rockmusikern, die ihr Spektrum und ihre Ausdrucksformen künstlerisch erweitert haben.
Hier geht es auch um die (magische?) Verbindung zwischen Musiker und Publikum – wie sie sich gegenseitig spüren, brauchen und manchmal auch aussaugen oder miteinander verschwimmen.

Vielleicht ist es schon deutlich geworden: Dieser Roman ist durchaus vielschichtig – manchmal im besten Sinne künstlerisch, manchmal sperrig und irritierend, manchmal auch verblüffend kitschig. Er ist sicher eher ein literarisches Werk als ein Unterhaltungsroman.

Im meinem Bekanntenkreis kenne ich maximal eine Person, der ich dieses Buch empfehlen könnte. Es ist schon sehr „speziell“. Eine hohe Anfangsmotivation ist wohl notwendig. Für die meisten Leser wird die wohl über die Bedeutung des Autors Rock-Star generiert werden.
Ich bin sehr gespannt, ob man in den Feuilletons diesen Roman als literarisches Ereignis zur Kenntnis nimmt.

Übrigens: Ich vergebe 3,5 von 5 Sternen (aufgerundet auf 4)


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