09.05.2024 GRÜNEN-Bashing als Volkssport

Ich kann es kaum noch ertragen, dass Vertreter der GRÜNEN in jeder Talkshow mit dem Vorwurf konfrontiert werden, sie würden die Menschen überfordern und gängeln (zuletzt wieder am 08.05. bei Maischberger). Es ist eine Stimmung entstanden, in dem jeder Versuch, die – angeblich allseits akzeptierten – Klimaziele in praktische Politik umzusetzen, als willkürliche Schikane diffamiert wird.
Ich ärgere mich inzwischen nicht nur über die dreisten Anschuldigungen, sondern auch über die defensiven Reaktionen darauf. Manchmal hört es sich so an, als ob sie selbst nicht mehr daran glauben würden, dass lang erkämpfte Maßnahmen oder Auflagen absolut richtig und notwendig sind (auch in der Landwirtschaft). Als ob sie sich dafür entschuldigen müssten, dass sie die einzigen sind, die sich ernsthaft damit befassen, dass Nachhaltigkeit auch in reale Politik umgesetzt wird.
In dieser Sendung, in der es um die aktuellen Gewalttaten gegenüber politischen Mandatsträgern ging, hat Aiwanger mehrfach die AfD und die GRÜNEN als zwei Pole von “Extremismus” genannt. Soweit ist es gekommen! Angeblich kritische Journalistinnen lassen das durchgehen…


 

“Wahrheiten und Mehrheiten” von Peter STROHSCHNEIDER

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Autor – ein im deutschen Wissenschaftsbetrieb einflussreicher Germanist – legt eine Publikation vor, die nicht nur das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Demokratie gründlich ausleuchtet, sondern auch für eine Begrenzung des Geltungsanspruchs der Wissenschaften im gesellschaftlichen Diskurs plädiert.
Es ist anzuerkennen, dass der Autor diese Parteilichkeit schon im Untertitel offenlegt.
STROHSCHNEIDER will der (vermeintlichen) Gefahr entgegentreten, dass sich unter dem Deckmantel eines absoluten und endgültigen Wahrheitsanspruchs eine Verschiebung hin zu einem “autoritären Szientismus” vollziehen könnte, in dem dann durch eine illegitime Selbstermächtigung der Wissenschaftlichkeit die bewährten Aushandlungs- und Entscheidungsregeln unserer pluralistischen Demokratie eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt wären.

Dieses Buch ist alles andere als ein kämpferisches Pamphlet: STROHSCHNEIDER analysiert und argumentiert auf einem hohen sprachlichen und intellektuellen Niveau.
Die Leserschaft lernt eine Menge über die Komplexitäten des Wissenschaftssystems und der politischen Willensbildung.
Entsprechend seiner Zielsetzung deckt er z.B. Schwächen und Widersprüche bei Klima-Aktivisten auf, die ihren wissenschaftlichen Status in zweifelhafter Weise dazu benutzen, bestimmte politische Einzelentscheidungen zu begründen. Besonders kritisch setzt sich der Autor auch mit Karl Lauterbach auseinander, der in seinem Buch (“Bevor es zu spät ist“) für eine stärkere Präsenz von wissenschaftlicher Kompetenz in der Politik plädiert.

Ein Schwerpunkt des Textes befasst sich mit der prinzipiellen Frage, welchen Stellenwert Wahrheit, Evidenz oder Fakten gegenüber der freien politischen Meinungs- und Mehrheitsbildung haben soll bzw. darf.
Hat die Mehrheit das Recht, sich für kontrafaktische, dumme oder gefährliche Alternativen zu entscheiden? Auf welchen Gebieten sollen welche Disziplinen mit welchen Vertretern Gehör finden? Als Berater oder als (mit-)Entscheider? Droht da vielleicht die Expertokratie? Gibt es überhaupt die eine Wissenschaft? Sind nicht alle Erkenntnisse sowieso vorläufig? Steht Wissenschaft nicht auch in Abhängigkeiten, Interessenskonflikten und Machtkämpfen?
Um es kurz zu sagen: Der Autor legt sein ganzen Gewicht in die Waagschale der Demokratie und weist weitergehende Ansprüche der Wissenschaft zurück.

Die Covid-Pandemie und die Klimawende eignen sich natürlich besonders gut dafür, sich die Wechselwirkung zwischen den beiden Systemen konkret anzuschauen; das nutzt der Autor gründlich aus.
STROHSCHNEIDER leugnet weder die Bedrohung durch den Klimawandel (und anderer ökologischen Risiken), noch relativiert er die Pandemie. Aber er identifiziert die bereits grundsätzlich diskutierten Schwächen bzw. Gefahren einer Wissenschafts-Dominanz auch in diesen Bereichen (und wiederholt sich dabei ein wenig).
Als leidenschaftlicher Verteidiger der demokratischen Prozesse lässt er den Hinweis auf “Not- bzw. Ausnahmesituationen” nicht gelten (was sich wiederum gegen Lauterbachs Argumentation richtet).
Zugutehalten muss man STROHSCHNEIDER, dass er sich auch mit der Querdenker-Fraktion kritisch auseinandersetzt – allerdings nicht ohne einen Hinweis auf die Mitverantwortung des vermeintlich grenzüberschreitenden Wissenschaftsbezugs.

Auch wenn man dem Autor sicher nicht den Vorwurf einer generellen Undifferenziertheit machen kann: Es entsteht der Eindruck, dass sein persönliches Wertesystem deutlich stärker durch die Bedrohung demokratischer Spielregeln als durch die drohende Klimakatastrophe in Wallung gerät. Sein hochtheoretisches Abwägen klingt doch ein wenig nach Elfenbeinturm eines Gelehrten, der von der realen Dramatik der ökologischen Krise wohl nicht aus dem Schlaf gerissen wird.
Bei aller verständlichen Kritik an einer unreflektierten Selbstermächtigung vermeintlich omnipotenter Wissenschaftler: STROHSCHNEIDER vergisst doch ein wenig, dass auch eine Wissenschaft mit Schwächen, Widersprüchen und begrenztem Wahrheitsanspruch immer noch mit Abstand das beste und erfolgreichste System darstellt, sich der Wirklichkeit und ihren Gesetzmäßigkeiten zu nähern. Die Tatsache, dass der Autor in dem Text (gefühlt) auf jeder fünften Seite auf die Vorläufigkeit von Erkenntnissen hinweist, stärkt nicht gerade seine Argumentationskraft.
Kritisch ist auch anzumerken, dass STROHMEYER etwas locker mit den verschiedenen Entscheidungsebenen umgeht: Er tut wiederholt so, als ob sich Wissenschaftler permanent anmaßen würden, jede Einzelmaßnahme streng empirisch – und damit unangreifbar – aus der Faktenlage ableiten zu wollen. Den meisten Klimawissenschaftlern würde es völlig ausreichen, wenn die (längst vollzogene) Verpflichtung auf die Klimaziele endlich unwidersprochene und unhinterfragte reale Politik würde. Auf diesem Hintergrund läuft auch das Schlusskapitel ziemlich ins Leere, in dem der Autor eine saubere (aber kooperative) Arbeitsteilung zwischen den beiden Bereichen vorschlägt. Die meisten Wissenschaftler würden da wohl kaum widersprechen.

So bleibt am Ende ein gemischtes Bild: Wer in dem unübersichtlichen Gelände von Wissenschaft und Politik nach niveauvoller und facettenreicher Weise nach Orientierung sucht, dem/der macht STROSCHNEIDER hier ein attraktives Angebot. Jede zukünftige Diskussion wird davon mit Sicherheit profitieren.
Man muss allerdings in kauf nehmen, dass die Prioritäten vom Autor klar gesetzt sind: Er glaubt nicht daran, dass der Zeit- und Problemdruck eine Neuverteilung der Einflussfaktoren erforderlich macht.
Also lieber die Kipppunkte reißen als den Fakten zu viel Macht im Spiel der Kräfte geben?!

“Moralspektakel” von Philipp HÜBL

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Philosoph HÜBL hat vor einigen Jahren ein großartiges Buch über die emotionalen und rationalen Grundlagen der Moral geschrieben (“Die aufgeregte Gesellschaft“, 2019). Mit seinem neuen Buch bleibt er dem Thema verbunden und liefert eine kritische Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen, in denen moralische Fragen dazu missbraucht werden, Anerkennung und Status zu generieren, Andersdenkende vom politischen Diskurs auszuschließen, Macht auszuüben und die gesellschaftliche Stimmung zu polarisieren.
Damit reiht sich das Buch in die aktuellen Betrachtungen zu den Phänomenen “Wokeness” und “Cancel Culture” ein – die vom Autor in den weiter gefassten Begriff “Moralspektakel” integriert werden.

Es fällt schnell auf, dass HÜBL wohl so ziemlich mit all den modernen Begrifflichkeiten vertraut ist, die man im Umfeld des moralisch aufgeladenen Diskussionsklimas vorfindet. Das ist schonmal informativ und hilfreich.
Darüber hinaus kommt es den Lesenden entgegen, dass sie einen gut strukturierten und didaktisch sorgfältig aufbereiteten Text angeboten bekommen. Obwohl er mit Hinweisen auf empirische Untersuchungen nicht geizt und einen beeindruckenden Anhang (mit Anmerkungen, Literatur-, Namens- und Sachregister) liefert, tritt der Autor nicht als nüchterner Wissenschaftler auf. HÜBL versteckt seine Position nicht, an jeder Stelle wird deutlich, dass er hier für seine Sichtweise wirbt.

In einem Einleitungskapitel legt der Autor seinen wesentlichen Gedankenlinien schon recht umfangreich dar. Das gibt den Leser/innen Orientierung, schafft aber auch die Grundlage für einige spätere Redundanzen.

HÜBL steigt ein mit einem historischen Rückblick auf die moralischen Maßstäbe und Diskussionen der letzten Jahrzehnte und beschreibt eine deutliche Verschiebung in Richtung einer zunehmender Empfindsamkeit, einer Ausweitung von Themen/Anlässen und einer gesteigerten emotionalen Aufladung. Da Gesellschaften “objektiv” eher offener und toleranter geworden seien, könne man angesichts des Klagens über Moraldefizite von einem “Moralparadox” sprechen.
Ein zweiter Blick gilt den allgemeinen Grundlagen von Ethik und Moral: HÜBL betrachtet biologische, evolutionäre, philosophische, kulturelle und psychologische Bausteine sowohl unseres Moralempfindens, als auch der Alltagsmoral. Dabei kommen auch (kognitive) Verzerrungen in Wahrnehmung und Urteilen zur Sprache, ebenso wie unsere – tief verwurzelte – Neigung, uns über Moral selbst aufzuwerten und unseren sozialen Status zu sichern bzw. zu erhöhen.
Auf soziologisch-kultureller Ebene arbeitet der Autor unterschiedliche Moralkulturen heraus: Ehrenkulturen, Würdekulturen und Opferkulturen zeigen typische Werte-Muster, die für das moralische Klima entscheidend sind. Der Autor sieht uns gerade auf einem (inzwischen übertriebenen) Weg in einer Kultur der Verletzlichkeit und Fürsorge, in der manchmal eine geradezu pathologische Sorge bestehe, selbst geringste (von den vermeintlichen Opfern selbst oft gar nicht registrierte) Benachteiligungen bestimmter Minderheiten-Gruppen zu übersehen.

HÜBL sieht in der großen Bedeutung der eigenen Moral für die Definition der Identität ein Grund dafür, dass die moralische Außendarstellung – unter Einfluss der sozialen Medien – inzwischen eine überbordende Rolle spielt. Der Wettbewerbe um Status und Einfluss wird – so ist HÜBL überzeugt – heute bevorzugt auf der Ebene der (vermeintlichen) moralischen Überlegenheit ausgetragen: sein “moralisches Kapital” zu vermehren sei heute ein zentrales Ziel für Individuen, Unternehmen und gesellschaftliche Gruppen. Dabei seien an allen Ecken Trittbrettfahrer und Etikettenschwindler zu finden; moralische Empörung und Effekthascherei machten sich insbesondere in der digitalen Welt breit. Der Drang zur perfekten moralischen Reinheit führe im Extrem zur permanenten Selbstgeißelung als Angehöriger einer privilegierten Gruppe.

In einem zweiten Teil seines Buches wendet der Autor seine Analysen auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse an: Er spricht von Opfer-Hochstablern, von links- und rechtsgerichtetem Autoritarismus, von Trollen und Narzissten, von Einschüchterungskultur und Shitstorms. Und natürlich von Wokeness, Cancel-Culture und dem Unterschied zwischen (“inklusiver”) Sprache und Realität.
Generell gilt: HÜBL mag einfach keine Moral-Überheblichkeit – insbesondere, wenn das eigene Verhalten den – oft ins Uferlose gesteigerten – Ansprüchen an andere nicht gerecht wird. Da gilt es dann, hinter dem Moralspektakel die tatsächlichen Motive und Strategien zu erkennen.

Nachdem sich der Autor noch einige Kernbegriffe des moralischen Diskurses kritisch zur Brust genommen hat, stellt er die Schwächen des Konzeptes der “Intersektionalität” (der Addition einzelner Diskriminierungsmerkmale) dar: Die hier konstruierten Opferhierarchien hielten der Realitätsüberprüfung oft nicht stand. Da fällt dann auch mal ein kritisches Wort zur wissenschaftlichen Güte gewisser Gender-Studies, zu der Bereitschaft, wissenschaftliche Standards zu relativieren, wenn damit dem “indigenen Wissen” einer kolonialisierten Kultur geschmeichelt wird und zu der Aufnahme von Wokeness-Ansprüchen in die Kriterien für wissenschaftliche Veröffentlichungen.
Von das aus ist es nicht mehr weit zu der Schlussfolgerung, dass es oft der linksliberale Mainstream mit seiner reflexhaften Toleranz auch für die Positionen radikaler Aktivisten ist, der als Gegenbewegung einen rechtskonservativen Roll-Back erzeugt.

Der anregende – und stellenweise durchaus auch leicht provokante – Text wird durch acht nachvollziehbare Vorschläge gekrönt, die dem Moralspektakel das Wasser abgraben sollen: Da geht es um Universalität, Faktenbezug, Offenheit der Diskussion und eine vernunftbezogene moralische Bescheidenheit.

HÜBL wird sich mit dieser Publikation in den progressiven Kreisen sicher nicht nur Freude/Freundinnen machen; manche seiner Statements hinterlassen sicher den ein oder anderen Kratzer. Dass er das in kauf nimmt, ist ihm hoch anzurechnen.
Die Seiten gewechselt hat der Autor mit diesem streitbaren Text nicht: Indem er die Übertreibungen bekämpft, will er letztlich die aufgeklärten, toleranten und freiheitlichen gesellschaftlichen Entwicklungen stärken und erhalten.


“Das ausgeglichene Gehirn” von Dr. Camilla NORD

Bewertung: 4.5 von 5.

Mal wieder ein Buch über das Gehirn und die Neurowissenschaft. Geht es in der Masse ähnlicher Publikationen unter? Meine Antwort lautet: “nein”!

Wir haben es hier mit einem besonderen, vielleicht sogar mutigen Projekt zu tun. Für eine Einführung in die Gehirnforschung ist die Fragestellung viel zu speziell. Für ein populärwissenschaftliches Sachbuch geht es zu sehr in die Tiefe, ins Detail. Für ein lupenreines Fachbuch ist der Schreibstil ein wenig zu persönlich, zu journalistisch. Für ein Ratgeber-Buch sind die dargestellten Zusammenhänge zu komplex und die Schlussfolgerungen bzw. Empfehlungen nicht plakativ genug.
NORD entzieht sich also mit ihrem Buch einer klaren Zuordnung – aber was sagt das über die anvisierte Zielgruppe aus? Man könnte diese wohl am ehesten in pädagogischen, psychologischen, therapeutischen oder medizinischen Fachkreisen vermuten – oder bei sehr interessierten Laien, die gerne mal unter die Oberfläche tauchen.

In ihrem Labor (in Cambridge) untersucht NORD die Interaktion zwischen Gehirn und Körper bei neuropsychiatrischen Störungen und greift dabei auf kognitive und computergestützte neurowissenschaftliche Methoden zurück.
Mit dieser Publikation verfolgt die Autorin durchaus einen weitgehenden Anspruch: Sie will die Leserschaft davon überzeugen, dass bestimmte grundlegenden neuronale Prozesse nicht nur entscheidenden Einfluss sowohl auf körperliche als auch auf psychische Störungen haben, sondern dass deren Verständnis auch die Basis für eine neue Qualität therapeutischer Interventionen bilden kann. Ihr Endziel ist dabei ein möglichst individualisiertes Vorgehen, das medikamentöse und psychotherapeutische Maßnahmen auf die jeweils spezifischen neurologischen Ausgangsbedingungen ausrichtet.

Man merkt dem Buch von der ersten Seite ab an, dass hier ein sorgfältig strukturiertes didaktischen Konzept verfolgt wird. NORD widmet sich zunächst den Phänomenen “Lust” und “Schmerz”, erläutert dann die Prinzipien der “Erwartungshaltung” und des “Vorhersagefehlers” und kommt dann auf den Aspekt “Motivation/Antrieb” zu sprechen.
Dahinter steht der Grundgedanke, dass die Fähigkeit, angenehme Zustände anstreben (und Schmerz regulieren) zu können ein Fundament für psychische Gesundheit darstellt – und dass dabei immer eine Verzahnung von physiologischen und kognitiven Aspekten eine Rolle spielt.
NORD führt uns in das komplexe Zusammenspiel der Neurochemikalien ein und demonstriert insbesondere am Beispiel der Depression das Ineinandergreifen von Körper, Gehirn, Kognition und Psyche, das bei verschiedenen Menschen zu ganz unterschiedlichen “Schaltkreisen” (z.B. im Lern- und Belohnungssystem) führen kann – und damit auch zu einer unterschiedlichen Wirksamkeit von Therapien.
In einem eigenen Kapitel über Antidepressiva wird hierzu detailliertes und fundiertes Wissen geliefert.

Die zentrale Bedeutung von Erwartungen für Gesundheit und Wohlbefinden wird im Kapitel über die Placebo-Wirkung weiter vertieft. NORD ist überzeugt, dass ohne die Veränderung von konkreten Erwartungen und allgemeinen Glaubenssätzen/Weltsichten keine Heilung psychischer Störungen möglich ist. Dabei ist für sie letztlich zweitrangig, ob die entscheidende Veränderung durch Medikamente, Elektrostimulation, Psychedelika oder kognitive Verhaltenstherapie herbeigeführt werden (am besten wäre immer eine Kombination).
NORD geht so weit, dass sie nicht nur die Grenzen zwischen den Einflussfaktoren ebnet, sondern auch die klare Trennung zwischen den gängigen Störungsbildern in Frage stellt. Sie ist mehr an den konkreten beteiligten Regulationskreisen und ihrer Beeinflussbarkeit interessiert als an klassischen Diagnosekriterien.

Mit den Spezialkapiteln über klassische und moderne Elektrostimulation, über den Einsatz psychedelischer Drogen und die Bedeutung von Lebensstil (Bewegung/Ernährung) löst NORD endgültig den Anspruch ein, einen aktuellen und anregenden Überblick über den Zusammenhang zwischen Neurowissenschaft und psychischer Gesundheit vorzulegen.
Sympathisch ist dabei, dass NORD durchweg vorsichtig und differenziert argumentiert: Immer wieder warnt sie vor zu schnellen und einseitigen Schlussfolgerungen, mahnt Zurückhaltung und weitere Forschung an. Hier möchte niemand den Stein der Weisen verkünden, hier wird kein neuer Therapieansatz gehypt.
NORD stellt eine spezielle Sichtweise vor, durch die sich die Frage nach dem Vorrang von Psyche und Gehirn endgültig erledigt. Sie zeigt eher eine vielversprechende Forschungsperspektive vor als eine fertige Lösung: “Science in progress”!
Ein bisschen Selbsthilfe ist dann am Ende doch dabei – aber auch das geht sympathisch unaufgeregt und abgewogen vonstatten.

Nein – dieses Buch geht nicht in der Masse der Gehirn-Erklärungs-Werke unter.
Es ist ein mutiges und aufklärerisches Buch, weil es in die Tiefe geht, aber letztlich einfache bzw. endgültige Antworten vorenthält.

“Demokratie und Revolution” von Hedwig RICHTER und Bernd ULRICH

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Titel dieses Buches ist unglücklich gewählt: Zwar erschließt sich der Sinn des plakativen Haupttitels im Laufe des Lesens, er ist aber kaum geeignet, einen ersten einladenden Hinweis auf die auf Inhalt oder Zielsetzung zu geben. Der Untertitel verrät zwar ein bisschen mehr – seltsamer Weise wird aber der – eigentlich pfiffige – Bezug zur KANTschen Definition von Aufklärung im Text nicht aufgegriffen. Irgendwie schade!
Davon abgesehen haben wir es hier aber mit einem brandaktuellen und hochrelevanten Sachbuch zu tun, das viele Stärken und kaum Schwächen aufweist.

Das Autorenbündnis zwischen der Historikerin RICHTER und dem bekannten ZEIT-Journalisten ULRICH hat einen Text hervorgebracht, der sowohl eine zeitgeschichtliche Aufarbeitung der Umwelt- und Klimapolitik der letzten 50 Jahre beinhaltet, als auch interessante, kreative und anregende Interpretatios-Schablonen zur gesellschaftlichen Einordnung der zugrundeliegenden Prozesse anbietet.
Beide kompetent und verständlich ausgearbeiteten Perspektiven sind darauf gerichtet, etwas zu erklären, das die Autoren mit tiefster Überzeugung nicht nur als “eigentlich” völlig unfassbar, sondern auch als extrem bedrohlich empfinden: Wie kann es sein, dass einer gut informierten und mit allen notwendigen Ressourcen ausgestatteten Gesellschaft die notwendigen Schritte zur Transformation in eine nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise nicht gelingt? Und wie konnte es passieren, dass ausgerechnet im heißesten jemals gemessenen Jahr 2023 der Klimaschutz in Deutschland zu einem Looser-Thema verkam?

Wenn man sich auch nur halbwegs mit den Zielen des Klima- und Artenschutzes identifiziert, kommt man beim Lesen dieses Buches aus dem zustimmenden Nicken kaum mehr heraus. Es tut wirklich sehr gut, in Zeiten des Zauderns, des Ablenkens, des Verleugnens und der gezielten Desinformation so eine riesige Portion Klartext geschenkt zu bekommen. Endlich wird der politischen und medialen Klimawende-Ignoranz – insbesondere des letzten Jahres – mal etwas potentiell Wirkmächtiges entgegengesetzt: Daten, Analysen, Erklärungen, Vorschläge. Es wurde auch Zeit – angesichts eines Roll-Backs der Klimapolitik, die im krassen Gegensatz zu den beobachtbaren Entwicklungen steht.

Die Autoren sind keine Klima-Aktivisten: Sie scheuen zwar nicht, auch die Dramatik der Situation zu benennen – ihr genuiner Beitrag liegt aber in der soziologischen, psychologischen und politischen Feinanalyse: Sie sezieren Stimmungen, Abwehrmechanismen, Selbstbetrug und Einflussnahmen. Verstehen soll die Leserschaft nicht nur gesellschaftliche Prozesse, sondern auch eigene kognitive und emotionale Dynamiken.

Das Buch deckt ein enormes Spektrum an Betrachtungsebenen ab: Es reicht von dem – sehr konkreten, an ethischen Standards orientierten – Umgang mit unseren tierischen Mitgeschöpfen bis zur historisch-politischen Bewertung von reformerischen und revolutionären gesellschaftlichen Entwicklungen.
Das Ganze findet auf einem sprachlichen Niveau statt, das hinsichtlich der Verständlichkeit wissenschaftsjournalistischen Ansprüchen gerecht wird, dieses Buch aber nicht zu einer entspannten Nebenbei-Lektüre Lektüre macht. Immer wieder gelingen den Autoren sprachliche Leckerbissen – wenn sie z.B. die Politik unseres Verkehrsminister so beschreiben. “…im vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem scrollenden und klickenden Bürger.”

Man spürt, dass die Autoren im Bereich der Tierethik und des Fleischkonsums eine nochmal gesteigerte persönliche Beteiligung in sich tragen. Das entsprechende Kapitel kratzt – trotz aller Faktenorientierung – gelegentlich etwas an der Grenze zur Missionierung. Das wird nicht jedem/jeder gefallen.
Insgesamt setzt dieses Buch die Bereitschaft voraus, sich auf die unterschiedlichen Perspektiven und Abstraktionsebenen einzulassen – die Belohnung dafür ist ein Füllhorn von Beobachtungen, Fakten, Interpretationen, Ideen und konkreten Vorschlägen.

RICHTER und ULRICH bleiben nicht in der Bestandsaufnahme stecken. Die letzten 25 Seiten sind der “Zukunft” gewidmet und enthalten einen Apell an uns alle (vordringlich an die Wohlhabenden, Reichen und Gebildeten): Wir sollten die Potentiale der Demokratie endlich (wieder) ernst nehmen, statt uns auf der vermeintlichen Trägheit des Systems auszuruhen. Wir sollten – entsprechend den Notwendigkeiten – einen revolutionären ökologischen Aufbruch innerhalb der Demokratie wagen. Das Motiv dafür sollte weder aus der (falschen) Annahme einer Zumutungsfreiheit, noch aus dem (langfristigen) wirtschaftlichen Eigennutz abgeleitet werden. Wir sollten einfach nicht die Menschen sein wollen, die aus egoistischer Bequemlichkeit in die Katastrophe steuern und vor allem die Lebenschancen zukünftiger Generationen verspielen. Wir sollten uns und unsere Mitmenschen für befähigt halten, mit Disziplin und Realitätssinn an die große Menschheitsanforderung der ökologischen Transformation heranzutreten.

Ein kluges, facettenreiches und engagiertes Buch zur rechten Zeit – damit nicht Ignoranz, Zynismus oder Resignation den Sieg davontragen. Mal wieder wünscht man sich, dass es Pflichtlektüre für unsere Entscheider/innen wäre.
Ein erfrischendes und lange überfälliges Plädoyer für die Bedeutung von moralischen Maßstäben und eines prinzipiengesteuerten Selbstbildes bei individuellen und gesellschaftlichen Grundsatzentscheidungen.

“Woke – Psychologie eines Kulturkampfes” von Esther BOCKWYT

Bewertung: 4 von 5.

Wokeness ist nicht nur als kulturelles Phänomen im Trend, sondern hat sich inzwischen auch als Thema im aktuellen Sachbuch-Markt etabliert. Inzwischen überwiegen die kritischen Perspektiven, die oft mit massiven Warnungen vor den gesellschaftlichen Folgen eines ungebremsten Woke-Aktivismus verbunden sind.
Wenn sich eine Autorin eine psychologische Betrachtung der Wokeness-Bewegung auf die Fahnen schreibt, lässt das aufhorchen: verspricht dies doch eine zusätzliche Analyseebenen, also eine Art Meta-Perspektive auf die zugrundeliegenden Dynamiken.
Kann BOCKWYT diese Erwartung erfüllen?

Auf der quantitativen Ebene überrascht zunächst die starke Gewichtung des Darstellungs-Teils. Es wird in diesem Buch keinerlei Wissen über die verschiedenen Facetten des Gegenstandes vorausgesetzt – im Gegenteil: Ca. die Hälfte des Textes wird darauf verwendet, die Entstehung, die weltanschaulichen Grundlagen, die Einzelbereiche und die Ausdrucksformen von “Woke-Sein” ausführlich und differenziert zu beschreiben. Dabei geht die Autorin so weit ins Detail, dass man ohne Zögern von einer substanziellen Einführung in die Thematik sprechen kann; inhaltliche Fragen bleiben da – z.B. in dem extrem informativen Kapitel über Sex und Gender – nicht offen.

BOCKWYT macht keinen Versuch, den Gegenstand ihrer psychologischen Untersuchung zunächst wertungsfrei darzustellen. Vielmehr wird von Anfang an deutlich, dass die Autorin zu den Kritikern und Gegnern eines raumgreifenden Woke-Aktivismus gehört. Ihr Anliegen, den zugrundeliegenden psychischen Mechanismen auf die Spur zu kommen, findet daher nicht in einem wissenschaftlich-neutralen Kontext statt, sondern ist letztlich ein Teil des Versuches, den beobachteten Folgen und Gefahren entgegenzuwirken. Diese sieht die Autorin insbesondere in der kulturellen Spaltung der westlichen Gesellschaften, die durch eine Beschränkung von Denk- und Redefreiheit, extreme und totalitäre Tendenzen in der Bewegung und der aktiven Ausgrenzen und “Canceln” Andersdenkender entstanden ist bzw. weiter droht.
BOCHWYT weist wiederholt darauf hin, dass ihre Kritik und ihre Warnungen keineswegs den ursprünglichen, grundlegenden Zielen einer Bewegung gilt, die sich dem Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus und für Toleranz und Vielfalt verschrieben hat.

Unterscheidet sich dieser Text bis hierhin nicht prinzipiell von ähnlichen Publikationen, kommt jetzt mit der psychologischen Analyse ein Alleinstellungsmerkmal ins Spiel. Gefragt wird: Was treibt die Wokeness-Kämpfer/innen innerlich an? Was führt vielleicht auch zu den Übertreibungen bzw. Auswüchsen in Sichtweisen und Verhalten?
Die spannendste Frage ist dabei wohl: Gibt es spezifische emotionale oder psychodynamische Muster, die man als typisch für die Persönlichkeit besonders engagierter Wokeness-Protagonisten ansehen kann – oder trifft man eher auf allgemeine Faktoren, die sich letztlich auf jede Form von radikalem Engagement anwenden ließe?

BOCKWYTs psychologische Analyse setzt sich mit den Aspekten Narzissmus (insbesondere im Sinne einer extremen Kränkbarkeit), Zwanghaftigkeit (gestrenges Über-Ich), Aggressivität (Lust an der Zerstörung), Negativverzerrung (kognitiver Fehlschluss), histrionische Begeisterung (unreife Überschwänglichkeit) und mit gruppenpsychologischen Dynamiken (Gruppendenken, Radikalisierung) auseinander.
Grundlage für ihre Betrachtungen sind dabei keine (sozial)psychologischen Forschungsbefunde, also etwa vergleichende Studien zwischen mehr oder wenigen woken Personengruppen. Vielmehr schöpft die Autorin aus einem breiten Fundus an – oft unspezifischen – Erkenntnissen und Theorien, die sie per Analogieschluss auf die woke Bewegung anwendet. Dabei reicht das Spektrum von philosophisch-soziologisch fundierten Thesen, über die Sozialpsychologie, die kognitive Verhaltenstherapie bis zur Psychoanalyse.
Das Ergebnis ist ein – aus ihrer Sicht – typisches Muster von Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Denkstrukturen, die sich als Haltungen und Handlungen woker Menschen manifestieren. Vieles davon ist unmittelbar plausibel, manches wirkt auch ein wenig konstruiert. Anregend ist es auf jeden Fall.

Das Buch ist in einem gut verständlichen, journalistisch-orientierten Sachbuch-Stil gehalten. Es setzt keine spezifischen Fachkenntnisse, wohl aber eine Bereitschaft und Fähigkeit zur konzentrierten Themen-Fokussierung voraus.
Ohne Zweifel hat es einen Preis, dass BOCKWYTs Buch in einem insgesamt parteilich-kämpferischen Stil verfasst ist. So entsteht unvermeidlich der Eindruck, dass die wissenschaftlichen Betrachtungen so ausgewählt und gemixt wurden, wie es der inhaltlichen Mission der Autorin dient. Das macht ihre Aussagen nicht falsch oder wertlos; das Vermeiden der ein oder anderen Zuspitzung hätte aber der Glaubwürdigkeit doch gut getan.
Andererseits gibt es Stellen im Text, in denen sich BOCKWYT ganz explizit einer Überwindung von Gräben widmet – insbesondere in dem versöhnlichen Schlusskapitel.

Fassen wir zusammen:
Dieses Buch bietet zunächst eine sehr informative und breite Darstellung des Phänomens “Wokeness” – getragen von einer kritischen Grundhaltung gegenüber den (nicht bestreitbaren) Auswüchsen dieser kulturellen Bewegung. Der Versuch, zugrundeliegende Motive, Denkmuster und psychodynamische Prozesse psychologisch-wissenschaftlich zu analysieren, bietet viel Stoff für vertieftes Nachdenken und (kontroverses) Diskutieren. Allerdings handelt es sich eher um eine suchende, hypothetische Sammlung von erklärenden Facetten als um eine – oder gar die – “Psychologie eines Kulturkampfes”. Auch wenn es spannende Hinweise auf typische woke Muster gibt: Die diskutierten emotionalen und kognitiven Muster und deren Potenzierung in Dynamiken von Gruppenbildung lassen sich ganz überwiegend auf jede Gruppierung anwenden, die sich leidenschaftlich einem Thema verschrieben hat.
Als generelle Erkenntnis kommt rüber: Auch die erstrebenswertesten und edelsten Ziele (z.B. der Schutz von Minderheiten) geben Raum und Gelegenheit für das Ausagieren von menschlichen Grundbedürfnisse (wie z.B. Selbsterhöhung, Wutregulation, Aggression, Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit). Das gilt sowohl für gemäßigte, als auch für übersteigerte Intensitäten solcher – vom Prinzip her sinnvoller – Tendenzen.
Sich individuell und gesellschaftlich gegen maßlose Forderungen und Reglementierungen zu Wehr zu setzen – auch dazu ermutigt dieses Buch. Der stellenweise etwas kämpferische Ton wird nicht allen gefallen, schmälert aber nicht den Informationswert.

“Im Moralgefängnis” von Michael ANDRICK

Bewertung: 1.5 von 5.

Warum – so fragt sich die interessierte Leserschaft – muss ein Autor, der für sich reklamiert, einen Beitrag zur Stärkung der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts leisten zu wollen, sein Buch in einer so wütenden, polemischen und durchweg zugespitzten Sprache verfassen?
Schon ein Blick auf das Buchcover markiert das Problem: Der provokante Titel steht im diametralen Gegensatz zum einladenden Untertitel; leider hat sich der Autor weitgehend für das maximale Getöse entschieden – und übertönt damit sogar die Teile seiner Ausführungen, die eine Beachtung wert wären.
Auch wenn das Überwinden der emotionalen Abneigung gegenüber dem Wutbürger-Sprachstil nicht leicht fällt, soll hier auch eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt erfolgen.

ANDRICK sieht unsere Demokratie gefährdet – durch den Infekt “Moralisierung” des privaten und öffentlichen Diskurses; er nennt dieses Virus plakativ “Moralin”, spricht auch von “Moralin-Seuche”, “Moralin-Injektion”, “Moralitis”, “Regime des Moralismus”, “Moralitis-Epidemie”, “Wahnwelt der Fundamentalisten” usw. Zuletzt droht gar die “lebensverstümmelnde Unfreiheit”. Der Autor hat es gern sprachgewaltig…
Was meint er? ANDRICK beobachtet eine eine strukturelle Fehlentwicklung in der politischen Kommunikation, die durch folgende Aspekte gekennzeichnet sei:
– Legitime Meinungsfragen würden zu Auseinandersetzungen um (wissenschaftliche) Wahrheit vs. Lüge bzw. Gut vs. Böse umgedeutet; Sachfragen würden zu Gesinnungsfragen gemacht.
– Die Vertreter der vermeintlich unmoralischen (falschen) Position würden persönlich verunglimpft (Wechsel vom Inhalt auf die persönliche Ebene) und ihnen werde das Recht auf eine gleichberechtigte Teilnahme am Ringen um den besten Weg abgesprochen (Ausgrenzung).
– Es entstehe eine gesellschaftliche Stimmung der Kontrolle und Einschränkung von Gedanken und Meinungen, an der dominante Interessensvertreter, Politik und Medien mitwirkten – bis zu einer “volkspädagogischen” Bevormundung.
– Nach und nach bilde sich so ein kollektiver Angst- und Stresspegel, der zu einem “Befürchtungsregiment” führen und sich bis hin zu einer Angstneurose steigern könnte.

Ohne Zweifel spricht der Autor hier Prozesse und Dynamiken an, die eine soziologische und sozialpsychologische Betrachtung verdienen würde. Insbesondere in der “wokeness”-Bewegung und der darauf beruhenden “cancel-culture” lassen sich entsprechende Anhaltspunkte finden.
Das Problem ist nur: Sobald ANDRICK konkret wird, verliert er das “rechte Maß” (nicht im politischen Sinne) und lässt erkennen, dass seine Analysen auf Bewertungsmustern beruhen, die außerhalb einer Blase von Corona-Leugnern und Lügenpresse-Beschwörern wohl nur schwer zu vermitteln sind. Speziell die staatlichen Anstrengungen, angemessen auf die (neue und unzweifelhaft bedrohliche) Pandemie zu reagieren, haben den Autor offensichtlich geradezu traumatisiert: Statt reale Fehler und deren Ursachen zu untersuchen, versteigt sich ANDRICK auf die These, dass sich im “Corona-Regiment” eine “totalitäre” Politik gezeigt hätte, mit “gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gegen Ungeimpften”. Bei dem erspürten vermeintlich “denunziatorischen Verfolgungsgeist” darf natürlich dir Verweis auf die entsprechenden Vorgänge in der NS-Zeit nicht fehlen…
Kann man, soll man, darf man das noch ernst nehmen?

ANDRICK setzt sich auch skeptisch mit der Frage auseinander, ob es überhaupt legitim sei, sich auf Wahrheit, Fakten oder Wissenschaft zu beziehen. Dabei stellt er den Sinn von “Faktenchecks” eindeutig in Frage: diese seien kaum als unabhängige Instanzen zu betrachten und oft sei auch die Frage, ob es objektive Fakten gäbe, durchaus offen.

ANDRICK missioniert in diesem Buch für den unzensierten Meinungsstreit zwischen gleichberechtigten Akteuren in einem weltanschaulich neutralen, pluralistischen Umfeld. Begrenzende Spielregeln betrachtet er mit Misstrauen: So weist er z.B. Vorwürfe zurück, bestimmte Äußerungen stellten eine “Hassrede” dar und seien deshalb unakzeptabel: dies unterstelle eine – nicht objektiv beweisbare – zugrundeliegende Gesinnung.
Dass sich ANDRICK auch an der Gender-Sprache abarbeitet, bedarf kaum der Erwähnung.

Richtig spannend wäre es gewesen, wenn man in einem Buch über Moral in der Politik eine ernsthafte Diskussion darüber gefunden hätte, welche Rolle diese denn legitimer Weise spielen könnte oder gar müsste. Zwar spricht ANDRICK kurz an, dass es auch echte Moralfragen gäbe, macht aber keine Aussagen darüber, wie denn damit zu verfahren wäre.
Es wäre sicher sehr aufschlussreich gewesen zu erfahren, ob der Autor in der Klimafrage den Hinweis auf bestehende ethisch-moralische Verantwortung auch für kommende Generationen gelten lassen würde. Wenn er das (was überraschend wäre) bejahen würde: Dürften sich dann Klimaaktivisten auf diese Moral berufen? Dürfte ein lupenreiner Egoismus in dieser Frage unmoralisch genannt werden? Welche Auswirkungen hätte das auf gesellschaftliche Bewertungen und Entscheidungen? Wäre das auch ein Beispiel für das “Moralgefängnis”?

Der Autor und sein Buch haben durchaus auch lichte Momente. Einige Betrachtungen gehen tatsächlich ein wenig in die Tiefe und ließen – in einem anderen Umfeld – durchaus produktive Diskussionen zu. Beschrieben werden das Ideal eines freien, unzensierten demokratischen Willensbildungsprozesses, das Aussteigen aus kommunikativen Spaltungsdynamiken und die Bedeutung von gegenseitigem Respekt. Positiv ist auch zu vermerken, dass zumindest erwähnt wird, dass man auch auf der konservativen Seite des politischen Spektrums nicht automatisch vor der Moralisierungs-Mechanismus gefeit ist (wenn auch nahezu alle Bespiele dem Lager der links-grünen Weltverbesserer stammen).
Insgesamt bekämpft diese Publikation eine in bestimmten Fällen durchaus kritikwürdige Tendenz zur Ausgrenzung unliebsamer Positionen mit einem untauglichen und wenig vertrauenserweckenden Mittel: mit Zuspitzung, Übertreibung und Polemik.

“Wie gesund wollen wir sein?” von Dr. Sven JUNGMANN

Bewertung: 4.5 von 5.

Wir haben es geahnt (oder sogar schon gewusst): Auch im Bereich Medizin/Gesundheit steht es in unserem Lande hinsichtlich der Digitalisierung bzw. des KI-Einsatzes nicht gerade zum Besten.
Der frühere Klinik-Arzt und aktuelle Medizin-Start-Upper JUNGMANN gibt uns einen informativen und praxisnahen Einblick in die Details und entwickelt Perspektiven sowohl für die nähere, als auch für die weitere Zukunft.

Der Autor holt uns bei der aktuellen Diskussion um die “Digitale Patientenakte” ab. Was in der eher verschlafenen deutschen Digital-Kultur als revolutionären Fortschritt – natürlich von zahlreichen Bedenken begleitet – diskutiert wird, stellt für JUNGMANN einen viel zu zaghaften und wenig effektiven ersten Schritt dar. Statt nämlich die Aufbereitung und Zugänglichkeit der dort gesammelten Daten nach einheitlichen Standards zu organisieren, bietet das seit Jahren umkämpfte System die Raffinesse einer “Aldi-Tüte” (in der Einzeldaten einfach nur gesammelt, keineswegs aber auch für einen Notfall nutzbar sind).

JUNGMANN greift immer wieder auf Beispiele aus dem Klinik-Alltag zurück, insbesondere auf die aufreibende Situation in der Notaufnahme. So wird uns die Ineffektivität und Rückständigkeit der Prozesse und der daran beteiligten technischen Ausstattung sehr hautnah und mit geradezu beängstigender Detailliertheit vermittelt.
Der Autor beschreibt auch ungeschminkt den Preis, den die althergebrachten Abläufe sowohl für die Patienten, als auch für das permanent überforderte medizinische Personal hat.

Seine Forderung ist glasklar: radikale Verschlankung der Routine-Aufgaben und der bürokratischen Zeitfresser durch konsequenten Einsatz von Digital- und KI-Technologien bei Datenauswertung, Diagnostik, Patienten-Basis-Information und Dokumentation.
Die eingesparte Zeit könnte dann in eine vertiefende Patienten-Kommunikation und die Beschäftigung mit speziellen Anforderungen investiert werden.

Doch JUNGMANNs Mission geht über eine Effizienzsteigerung für das System Krankenhaus weit hinaus: In seiner zukünftigen Gesundheits-Medizin geht es nur noch am Rande um die immer gleichen Standard-Therapien für die immer gleichen Volkskrankheiten.
Stattdessen sollen (und – so der Autor – werden) zukünftig
– immer mehr Daten aus der Begleitung und Überwachung unserer Vitalfunktionen einfließen (von der Fitness-Uhr bis zu neuartigen inneren Sensoren),
– auf der Basis von DNA-Analysen, eigener Krankengeschichten und Persönlichkeit mit Hilfe von KI individualisierte Therapiepläne entwickelt und
– die maßgeschneiderte Gesundheitsförderung und -prophylaxe immer stärker an die Stelle einer rein kurativen Medizin treten (was auch die Eigenverantwortung für das Gesundheitsverhalten beinhalten wird).

JUNGMANN lässt auch das leidige Thema “Datenschutz” nicht aus.
Er macht deutlich, dass ihm – bei aller Kritik an den typisch deutschen Bedenkenträgern – dieses Thema keineswegs gleichgültig ist. Allerdings sieht er keine grundsätzlichen Probleme, auch hier innovative technische Lösungen zu finden. Erste Ideen dazu trägt er vor.

Man spürt dem Autor seine innere Beteiligung an dem Thema deutlich an: Nicht nur hat das (frühere) Leiden an Stress, Frust und Überforderung Spuren hinterlassen, sondern auch die Begeisterung und das Engagement für die als notwendig erachteten Innovationen kommt rüber. Der Autor schreibt kein nüchternes Sachbuch, sondern (auch) einen persönlichen Erfahrungsbericht, einschließlich der emotionalen Aspekte.
JUNGMANN setzt sich auch mit seiner Entscheidung auseinander, sich aus dem Brennpunkt des klinischen Geschehens verabschiedet zu haben. Damit macht er auch offen, dass sein Buch auch ein wenig als Lobbyarbeit für die Produkte verstanden werden könnte, die er als Start-Up-Unternehmer in diesem Bereich entwickelt hat (und entwickeln wird). Man hat aber an keiner Stelle den Eindruck, dass dies die Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen relativieren könnte.

JUNGMANN legt ein für ein breites Publikum gut lesbares Sachbuch zu einem extrem relevanten Thema vor. Spontan entsteht beim Lesen der Gedanke, dass möglichst alle Gesundheitspolitiker mehr als einen kurzen Blick hineinwerfen sollten.

“The Coming Wave” von Mustafa SULEYMAN

Bewertung: 4.5 von 5.

Während die Folgen des Klimawandels für die meisten Menschen eher im Zeitlupentempo zu verlaufen scheinen, ist die KI-Revolution im Expresstempo angekommen – spätestens, seit sich ChatGPT in den Büros und auf den Schülerschreibtischen breit gemacht hat.
Die Verunsicherung ist groß: Was kommt wie schnell auf uns zu? Gibt es mehr Chancen oder Risiken? Verändert sich nur unser Lernen und Arbeiten oder unser gesamtes Selbstverständnis als “Krone der Schöpfung”? Können wir überhaupt noch Einfluss nehmen?

SULEYMAN beantwortet (zusammen mit dem britischen Forscher und Publizisten BHASKAR, den ich im Folgenden nicht mehr nennen werde, weil das Buch aus der Ich-Perspektive geschrieben ist) diese und viele andere relevante Fragen. Er tut dies aus einer Position heraus, der man mit dem Begriff “Insider” nur ansatzweise gerecht wird. Der Autor steht seit über 10 Jahren im absoluten Zentrum der KI-Entwicklung: Seine eigene Firma (DeepMind) wurde 2014 von Google gekauft, er selbst hatte dort wichtige Funktionen, engagierte sich speziell im Bereich der KI-Ethik und hat aktuell einen Chefposten bei Microsoft.
Dieses Buch profitiert sehr davon, dass sich hier jemand zu Wort meldet, bei dem das KI-Expertentum bzw. das Wissen um die technischen und wirtschaftlichen Potentiale nicht zu einem Scheuklappenblick geführt haben. Eher im Gegenteil: Gerade weil der Autor alle wesentlichen Forschungs- und Anwendungsbereiche hautnah von innen kennt, legt er das Hauptgewicht seiner Botschaft auf die Beherrschung dieser Revolution.

Zunächst zieht der Autor alle Register, um selbst dem letzten Zweifler davon zu überzeugen, dass hier eine Welle (Wave) von ungeheurem Ausmaß auf uns zurollt. Besondere Aufmerksamkeit widmet SULEYMAN der Verbindung von KI und der modernen Bio-Technologie (u.a. der “Synthetischen Biologie”, also der zielgerichteten Manipulation von DNA). Aber auch für alle anderen denkbaren Anwendungsbereiche (Medizin, Robotik, Verkehr, usw.) finden sich beeindruckende Anwendungsbeispiele, die man in dieser Konkretheit sonst kaum findet.

Die Sorgen und Bedenken des Autors sind mindestens genauso ausgeprägt wie sein Respekt vor den anstehenden technologischen Umwälzungen. Dabei steht die AGI (Artificial Generell Intelligence) im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Diesen Quantensprung zu unterschätzen hält SULEYMAN für genauso leichtfertig wie eine unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen.
Er verwendet einen erheblichen Teil seines Textes darauf, die Notwendigkeit und die Möglichkeiten einer Eindämmung der KI-Risiken zu diskutieren. SULEYMAN appelliert wortreich und mit spürbarer persönlicher Beteiligung für einen – wie er selbst sagt – schwierigen und schmalen Grad zwischen unkontrollierten Freiräumen für die freie Entwicklung von risikoreichen Innovationen und einer autokratischen und dystopischen Totalüberwachung. Er fordert nicht nur, sondern konzipiert entsprechende Systeme und lädt sowohl die Forschung, als auch Politik und Gesellschaft ein, daran mitzuwirken.

Das Buch richtet sich an ein breites Publikum; niemand wird durch einen technischen Spezial-Jargon überfordert. SULEYMAN formuliert eher redundant als knapp, bringt sich immer wieder mit seinen persönlichen Erfahrungen und Haltungen ein. Man spürt, dass der Autor mit diesem Buch eine Warnung, einen Weckruf, eine Mission verbindet.
Dieser Mann fürchtet tatsächlich, dass diese Welle uns überrollen könnte.
Vielleicht wird an einigen Stellen ein wenig zu detailliert auf seine persönliche Rolle in den verschiedenen Unternehmen eingegangen; nicht jede/r Leser/in interessiert sich für die Interna in bestimmten Google-Arbeitsgruppen.

Nach dem Lesen dieses Buches ist die KI-Revolution kein diffuses Schlagwort mehr. Dass diese Welle kommen wird – es werden mehrere Wellen sein – kann und wird niemand mehr bezweifeln. Dass dieses Buch zugleich informiert, aufklärt, warnt und konkrete Handlungswege aufzeigt macht es zu einem hervorragenden Sachbuch.

“Ist das euer Ernst?” von Peter HAHNE

Bewertung: 1 von 5.

Ist das sein Ernst?
Denkt HAHNE wirklich, dass er mit diesem Text einen sinnvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs leisten könnte?

Eine erste Frage muss man sich wohl als Rezensent vorab selber stellen: Verdient ein Autor, der sich in seiner Publikation mehrfach als Corona- und Klimawandelleugner outet (z.B.: “Da wird dann eine Grippe schon mal zur Pandemie und der jahrtausendalte Klimawandel zur aktuellen Katastrophe”) überhaupt die Mühe, die mit einer halbwegs differenzierten Bewertung seines Produktes verbunden ist?
Nun: Das Büchlein führt die aktuelle SPIEGEL-Bestseller-Liste an. Ignorieren hilft also nicht!

HAHNE widmet sich den großen Aufreger-Themen: Zuwanderung, Corona, Wokeness/Gendern, vermeintliche Fremdbestimmung im Rahmen der “verordneten” ökologischen Transformation, wirtschaftliche Probleme. Aus seiner Sicht weisen alle diese Punkte in die gleiche Richtung: auf eine politische und mediale Klasse, die idiotisch, ideologiegetrieben und unfähig ist und unser Land in Riesenschritten ins Verderben führt.

Wie geht der schreibende Wutbürger vor? Er legt eine Sammlung zahlreicher Skandälchen und Social-Media-Stürme vor, die in den letzten Jahren durch die Gazetten und Talkshows getrieben wurden. Peinliche Versprecher, gecancelte Veranstaltungen, Bespiele für Gender-Verirrungen und Fehlwirtschaft. Natürlich geht es um Zigeuner und Indianer, um Pipi Langstrumpf und die Versprecher von Baerbock,
Und dabei gibt es kein Zweifel: Ja, es gibt sie: Die Patzer, Absurditäten, Übertreibungen und Verirrungen in der sog. “Mainstream-Politik”. Es gibt das Kleinreden und Verschweigen von Fehlentwicklungen aus taktischen Erwägungen. Es gibt die voreilige und undifferenzierte Ausgrenzung von anderen Meinungen. Es gibt die Versuche, missliebige Meinungen und Personen zu canceln. Es gibt ein reflexhaftes und undifferenziertes “Gutmenschentum”, dem manchmal ein Realitätsbezug abhanden kommt. Es gibt im Bereich Feminismus, Antirassismus und Transgender Gruppen von Aktivisten, die jedes Maß verloren haben.
Die Frage ist allerdings: Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen und wie kann man es besser machen?

Ein HAHNEL unterscheidet nicht zwischen sinnvollen/notwendigen Zielen und Mängeln in der Umsetzung; er sieht nicht das zugrundeliegende Engagement für eine gute und alternativlose Sache (ökologische Wende), er unterstellt nicht mal eine Spur von Orientierung an Gemeinwohl und Zukunftssicherung. Das alles wäre viel zu differenziert.
Für HAHNEL sind einzig Idiotie und Ideologie die Quelle für alle Zumutungen – weil es ja für ihn die großen (unbequemen) Herausforderungen schlichtweg nicht gibt (und – siehe Coraona – nicht gab).

Interessant ist, was HAHNE auslässt: Zwar kann er Corona und den Klimawandel klein reden, doch den Ukraine-Krieg umschifft er – so, als ob er für die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation unseres Landes und für die Sachzwänge der Politik keine Bedeutung hätte. So viel Ignoranz ist bemerkenswert!
Es geht ihm offenbar nicht um die Zukunftsfragen, nicht um die fortschreitende wirtschaftliche Spaltung unserer Gesellschaft, um die Beteiligung der Superreichen an der Finanzierung unseres Gemeinwesens, um die Vorbereitung auf die Verwerfungen des Arbeitsmarktes im Rahmen von Digitalisierung, Automation und KI.
Natürlich sind die Wut-Bauern seine aktuellen Helden, haben sie doch einen Kristallisationspunkt für all das diffuse Unbehagen geschaffen, das aktuelle Krisen und bevorstehende Veränderungen offenbar auslösen.

HAHNE hat einen erschreckend uninspirierenden Text geschrieben; den Mangel an Ideen und Argumenten versucht der Autor durch die schiere Sprachgewalt seiner Tiraden auszugleichen: Da ist permanent von Idiotie, geistigem Gift, Diktat, Klima-Religion, Ernährungswahn, Sprachzerstörung, moralischem Größenwahn, Öko-Sozialismus, Günstlingswirtschaft, Gehirnwäsche, galoppierendem Wahnsinn, Olympiade des Schwachsinns, Denunziantentum, totalitärem Erziehungsprogramm, versifftem Lebensstil u.ä. die Rede.
Natürlich ist auch die Löwen-Hysterie, die sich als eine banale Wild-Sauerei entpuppte, ein Beleg für das totale Politik- Staats- und Medienversagen…
Ist das der neue Sachbuch-Bestseller-Stil, mit dessen Hilfe Deutschland wieder in gesunde Bahnen kommt?

Was will HAHNE? Freiheit, Privatheit, Wohlstand – ohne lästige Konfrontation mit den Erfordernissen der multiplen Krisen . Er möchte nicht behelligt werden von den großen, globalen Herausforderungen. Er will, dass alles so bleibt wie es vorher (vor Markel und der Ampel, zumindest von 2015). Hier schreibt einer, der es offenbar mit aller Macht darauf anlegt, passgenau das Klischee vom “alten weißen Mann” zu erfüllen, gegen das halbwegs differenzierte Menschen mit viel Mühe ankämpfen.
Seine erträumte Gegenwelt findet HAHNE in der Nostalgie-Sendung “Bares für Rares”: Hier findet der Vergangenheitsfreund eine von modernen Zumutungen freie Welt mit “Herz, Hirn und Humor”. Das passt.

Dieses Buch tut nichts anderes, als sich mit Hilfe schon vielfach durchgenudelter “Skandälchen” von Wokeness und Genderwahn auf der großen Frust- und Wutwelle zu reiten. Der Beitrag von HAHNE liegt weder in einer erhellenden Analyse noch in kreativen oder zukunftsweisenden Lösungsvorschlägen – sein Beiträge sind eine erschreckend vereinfachte Zuspitzung und ein sprachlicher Extremismus, der einem schier die Sprache verschlägt. Ich kenne keine Veröffentlichung des hier so ungebremst aggressiv angegangenen politischen Lagers, die mit einer solchen Kanonade von Beschimpfungen und Beleidigungen auf die andere Seite losgeht.
Dass sich ein solcher wutschnaubender Hetzer am Ende auf Gott und das Christentum bezieht, bringt das Fass endgültig zum Überlaufen. Hier will einer ganz offensichtlich Gräben aufreißen, nicht Brücken der Verständigung bauen. Sich dafür religiösen Beistand zu vereinnahmen, ist an Dreistigkeit kaum zu übertreffen!

Was ist mit unserem Land los, dass man mit einem so niveaulosen Pamphlet ohne jeden Neuigkeitswert die Bestseller-Liste erklimmen kann?
Ist das unser Ernst?