„Bei Sturm am Meer“ von Philipp BLOM

Der Autor hat mich vor einiger Zeit mit einem aktuellen gesellschaftlichen Sachbuch sehr überzeugt. Daraufhin hat es mich einfach interessiert, wie so ein Historiker und Philosoph wohl einen Roman schreibt. Wird er versuchen, seine Themen und Botschaften in das andere Genre zu übertragen? Oder zeigt er eine völlig andere Seite seiner literarischen Begabung?

Die Antwort fällt für mich eindeutig aus: Blom zeigt sich hier als reinrassiger Erzähler – nicht mehr und nicht weniger. Denkbar ist natürlich, dass er den zeitgeschichtlichen Kontext seines Romans auch mit einer fachlichen Perspektive als Historiker begleitet hat; zu spüren ist das jedenfalls nicht.

Blom schreibt einen sehr persönlichen Roman. Es geht um eine Drei-Generationen-Geschichte zwischen Hamburg und Amsterdam.
Als Rahmen wählt der Autor eine besondere Situation: Ben wartet auf die – auf dem Postweg verloren gegangene – Urne seiner Mutter. Diese paar Tage nutzt er, um seinem noch sehr jungen Sohn einen Brief zu schreiben, den dieser 40 Jahre später (also im aktuellen Alter von Ben) lesen soll. Dieser Brief besteht aus einer kaleidoskopartigen Mischung zwischen der bereits bekannten Familiengeschichte und den überraschenden Erlebnissen bzw. Erkenntnissen, die Ben in diesen Tagen selbst noch dazu gewinnt. Durch diese „live“ aufgedeckten Familiengeheimnisse bekommt der Plot eine deutlich gesteigerte Dynamik.

Es geht überwiegend um dramatische und tragische Entwicklungen bei den Protagonisten, die sich überwiegend in der Eltern- und Großelterngeneration von Ben abspielten. Thematisch berührt wird die linke Protest- und Medienszene der frühen 70iger Jahre. In weiten Teilen stehen aber auch sehr persönliche (Generations-)Konflikte und leidvolle Erfahrungen rund um Einsamkeit und gescheiterte Lebensträume im Vordergrund.

Ungewöhnlicher Weise wechselt immer wieder die Erzählperspektive: Manchmal wird über Ben erzählt, manchmal ist Ben ein Ich-Erzähler. Dieser Wechsel ist nicht dadurch zu erklären, dass ich Ich-Perspektive den Inhalt des Briefes wiedergibt. Mich hat dieser Kunstgriff nicht gestört; er hat eher eine zusätzliche Betrachtungs-Ebene erzeugt.

Blom schreibt sehr eindringlich. Er kann ganz eindeutig professionell mit Sprache umgehen. Schildert er z.B. Träume oder Situationen von Verwirrung, drücken Tempo, Rhythmus und Begrifflichkeiten diese Zustände sehr gekonnt aus .
Der Autor schafft immer wieder eine hohe emotionale Dichte, ohne auch nur im Leisesten in Richtung Kitsch abzudriften.

Insgesamt ein zwar kurzer, aber kunstvoll konstrurierter und sprachlich anspruchsvoll ausgestalteter Roman.
Lesenswert.

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