„Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“ von Florian AIGNER

Bewertung: 4.5 von 5.

Ich habe es zunächst ein wenig unterschätzt, dieses locker-flockig aufgemachte Sachbuch. Neue Erkenntnisse habe ich kaum erwartet, mich auf eine interessante Vermittlung gefreut. Aber AIGNER bietet mehr als nur einen neuen Aufguss bekannter Selbstverständlichkeiten.

Mit dem Begriff der „Liebeserklärung“ aus dem Untertitel ist die Richtung vorgegeben: Hier meldet sich ein Fan der Wissenschaft zu Wort. Seine Mission: Er will für die Wissenschaft werben, indem er Wissenschaft erklärt – die Prinzipien, die Methoden, die Entwicklung, die Grenzen.
Er tut das auf eine sehr strukturierte und leserfreundliche Art: Man fühlt sich gut geführt, erkennt jederzeit den roten Faden und hat immer wieder Anlass, über die humorvollen Beispiele zu schmunzeln.

Die größte Überraschung kommt gleich am Anfang: AIGNER startet mit einem – durchaus gehaltvollen – Ausflug in die Mathematik. Das dient gleich zwei Zielen: Einmal demonstriert der Autor anhand der unbezweifelbaren Eindeutigkeit bzw. logischen Stringenz mathematischer Axiome und Formeln den Unterschied zu den schrittweisen Erkenntnisprozessen der Wissenschaft. Zum anderen stellt AIGNER auch das fruchtbare Zusammenspiel zwischen Naturgesetzen und ihrer Darstellung in der kulturübergreifenden Sprache der Mathematik dar.
Natürlich werden in diesem allgemeinverständlichen Sachbuch grundlegende empirische Methoden, die verschiedenen Wege zur Bildung von Theorien und der statistische Rahmen für die Prüfung von Hypothesen ausführlich erklärt. Ein bisschen Erkenntnistheorie ist auch dabei.

Einen Schwerpunkt setzt AIGNER bei der Verteidigung der Wissenschaft (als Königsweg zum Weltverstehen) gegenüber mehr oder weniger unseriösen Angriffen von Zweiflern und Gegnern. Er demonstriert an den großen Umbrüchen insbesondere der Physik und Astronomie, dass gerade die Weiterentwicklung und Selbstkorrektur zu den Qualitätsmerkmalen des wissenschaftlichen Vorgehens gehört. Darüber hinaus macht der deutlich, dass frühere Theorien sich in der Regel oft nicht als „falsch“, sondern als „nur begrenzt gültig“ erwiesen haben. Anders gesagt: Die meisten unserer Alltagsphänomene sind weiterhin auch ohne Relativitätstheorie und Quantenmechanik erklärbar.
AIGNER widmet sich auch den Unterschieden zwischen Naturwissenschaften und der Erforschung komplexer sozialer und psychologischer Phänomene.

Erhellend und amüsant sind die Beispiele, mit deren Hilfe AIGNER das Prinzip „Wissenschaft“ von Versuchen abgrenzt, die Welt mithilfe religiöser, esoterischer oder verschwörungstheoretischer „Weisheiten“ zu erklären. Zurecht kritisiert er in diesem Zusammenhang auch die Neigung vieler Medien, haltlose Positionen quasi gleichberechtigt der wissenschaftlichen Expertise gegenüberzustellen.
Erfrischend klar arbeitet der Autor heraus, dass die Beweislast immer dort liegen muss, wo Behauptungen aufgestellt werden, die bewährte und empirisch unterlegte Sichtweisen in Frage stellen; wenn ich Positionen vertrete, die vom Prinzip her nicht beweis- oder widerlegbar sind, befinde ich mich außerhalb einer seriösen Diskussion.

Auch die Grenzen und Schattenseiten des Wissenschaftsbetriebs bleiben nicht unerwähnt; Wissenschaftler sind weder Heilige, noch wären sie dazu geschaffen oder befugt, moralische oder politische Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen. Auch strukturelle Bedingungen sind z.T. so ausgelegt, dass z.B. systematische Verzerrungen bei den veröffentlichten Untersuchungen entstehen können.
AIGNER warnt auch davor, emotionale, spirituelle oder künstlerische Erfahrungen und Lebensbereiche gegen die Wissenschaft auszuspielen: All diese Phänomene haben natürlich ihre eigene Berechtigung – können auch durchaus auch Gegenstand empirischer Forschung sein.

Insgesamt wirkt das Plädoyer für die Wissenschaft als konkurrenzloses Erkenntnisprinzip der Menschheit absolut überzeugend. Am ehesten könnte man die Auseinandersetzung mit dem Vorwurf vermissen, dass ja (zweifellos) Wissenschaft und Technik auch sehr problematische Entwicklungen (Raubbau an der Natur, Atombomben) ermöglicht haben. Ein kleiner Schwenker in diese Richtung hätte dieses extrem informative und nützliche Buch zusätzliche abgerundet.
Es eignet sich sehr gut dazu, der – oft unqualifizierten und oberflächlichen – Wissenschaftsfeindlichkeit eine starke aufklärerische Stimme entgegenzusetzen.


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