„Erzählende Affen“ von Samira El OUASSIL und Friedemann KARIG

Bewertung: 5 von 5.

Der Begriff „Narrativ“ hat in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt. Nicht zuletzt die Bücher von HARARI haben auf die kaum zu überschätzende Bedeutung hingewiesen, die alle Arten von Erzählungen für die Entstehung und Weiterentwicklung menschlicher Kulturen hatten und haben.
Das vorliegende Buch ist nicht weniger als der (gelungene) Versuch, einen kulturhistorischen Gesamt-Bogen der menschlichen Erzählungen zu schlagen – vom Frühmenschen (der sinniger Weise hier „Homo narrans“ genannt wird), bis zum Lügenbaron Trump (und darüber hinaus).

Das beeindruckende Buch (520 Seiten, toll gestaltetes Cover) hat ein eindeutiges Ziel: Es will belegen, dass wir die brennenden Zukunftsthemen nur mithilfe von starken Geschichten lösen können, die bestehende (eindeutig dysfunktionale, aber wirkmächtige) Narrative ersetzen können. Insofern liegt hier keine streng wissenschaftliche Publikation vor; die Autoren sind nicht neutral, vertreten offen ihre Werte (die einem humanistischen, fortschrittlichen und säkularen Weltbild entsprechen).
Doch es wird schnell deutlich: Diese beiden Autoren sind auch verliebt in Geschichten! Das, was sie uns über Erzählungen erzählen, geht weit über das hinaus, was für ihre Argumentationslinie notwendig gewesen wäre. In diesem Buch wird nicht nur informiert und aufgeklärt – hier wird das Erzählen begeistert zelebriert. Man kann sich bei Lesen kaum vorstellen, dass die Autoren zu den unzähligen Beispielen nicht (auch) irgendeine persönliche Beziehung haben.
So lebt das Buch davon, dass die aufgespannte Erzählwelt eben nicht nur funktionalen Charakter hat, sondern einen eigenen Wert. So geht lebendige Informations-Vermittlung!

Den Startpunkt setzen die Autoren mit der Analyse der Erzählstrukturen von Heldengeschichten. Sie nehmen sich viel Zeit für die 12 typischen Stufen und unterfüttern sie mit Beispielen aus dem gesamten historischen Fundus. Dabei legen sie Wert darauf, dass nicht nur klassisch gebildete Altphilologen, sondern auch moderne Mediennutzer voll auf ihre Kosten kommen (Film-Freaks und Fantasy-Leser sind eindeutig im Vorteil). Genannt werden auch typische inhaltliche Plots (von Rivalität, Aufstieg und Absturz).

Weiter geht es mit der evolutionären Bedeutung des Erzählens – vom ersten Lagerfeuer bis zum Tanz um die Selbstdarstellung und –verwirklichung in der Moderne. Der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken wird genauso thematisiert wie die Verbindung zwischen Wort und Bild und die digitale Medien-Revolution, mit deren Tsunami-Wellen wir immer noch zu kämpfen haben.

Dann wird das Buch eher gesellschaftspolitisch und wendet sich ausführlich den großen Narrativen zu, mit denen die Rahmenbedingungen gesetzt und begründet wurden, die seit einigen Jahrhunderten unseren Alltag bestimmen: Es geht um Militär, um die Wirtschaftsordnung, die Monarchie, um die Leistungsgesellschaft, die Erfindung der Rassen, den Antisemitismus und letztlich die Ideologie der „Rechten“ Verführer (vom Faschismus bis zu aktuellen Verschwörungstheorien).

Noch tiefer analysiert werden die fest verankerten nationalen Selbsterzählungen der USA und Deutschlands; gefolgt von einer gründlichen Entlarvung all der Narrative, mit denen eine Unterdrückung und Benachteiligung des weiblichen Geschlechts gerechtfertigt wurde.

Mit dem Themenschwerpunkt „Klima-Krise“ (mit einem Corona-Exkurs) lenken die Autoren ihren Plot auf die Zielgerade. Auf den verbleibenden ca. 100 Seiten werden folgende Fragen behandelt: Warum ist es so schwer, eine wirkmächtige Klima-Erzählung zu ersinnen? Warum sind Geschichten so attraktiv, die uns einen individualistischen Selbstbezug schmackhaft machen wollen (von Astrologie bis Achtsamkeit)? Wie könnte ein zukünftiges Narrativ überhaupt aussehen – bei einer Ausgangslage, die so gar nicht zu den Regeln der klassischen Heldensage passen?

Kritisch könnte angemerkt werden, dass die letztlich entscheidende Antwort der Autoren ein wenig kurz ausfällt – angesichts der bis zu dieser Stelle aufgetürmten Analysen und Erkenntnissen. Sie wollen die gewaltbestimmten Megathemen hinter sich lassen, wollen Raum für positive Utopien schaffen, wollen deutlich machen, dass es die Gegenwart ist, die durch eine dystrophe Erzählung bestimmt wird (die nur deshalb akzeptiert wird, weil sie fälschlicherweise für „normal“ gehalten wird.)

Dieses Buch stellt eine wahrhaft beeindruckende Gesamtleistung dar, vor der man als Leser den Hut ziehen möchte. Wer schon mal selbst geschrieben hat, hat vielleicht eine Ahnung davon, was ein Projekt dieser Größenordnung beinhaltet.
Das Ergebnis ist ein Lesevergnügen, von dem ganz sicher auch Leser/innen profitieren, die nicht jeder Schlussfolgerung oder Wertung zustimmen. Man kann dieses Buch nicht lesen, ohne danach klüger zu sein, sich angeregt zu fühlen, weiterzudenken.
Es lohnt, sich für dieses Buch etwas Zeit freizuschaufeln, denn es hat mit Sicherheit Langzeitwirkungen in Bezug auf das eigene Weltverständnis.

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