„Fair gehandelt“ von Elisabeth CURRID-HALKETT

Bewertung: 3 von 5.

Die Soziologie-Professorin legt eine Analyse vor, die sich dem Zusammenhang zwischen Konsumentscheidungen bestimmter sozialer Schichten und der Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalts widmet. Ihre Kernthese – auf die gleich noch eingegangen wird – unterfüttert sie mit einer nicht enden wollenden Flut an statistischen Daten, die ausschließlich die Situation in den USA beschreiben.
Sie – und wohl auch der Verlag – gehen davon aus, dass die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen auch für vergleichbare Nationen Gültigkeit haben oder doch zumindest von Interesse sind.

Grundlage für die Betrachtung ist zunächst ein historischer Blick auf die Veränderungen der Konsumgewohnheiten „aufstrebenden“ bzw. besonders wohlhabenden Schichten.
Verkürzt führt das zu der Feststellung, dass die Eliten sich früher in erster Linie durch ihren „demonstrativen Konsum“ von den ärmeren Sozialschichten unterschieden haben. Wobei – und das ist wichtig – dieser Konsum von (aus damaliger Sicht) Luxusgütern auch den Zweck hatte, den eigenen (höheren) Status und die Gruppenzugehörigkeit gut sichtbar zu markieren.
Zwei Entwicklungen haben diese Situation verändert: Einmal wurden hochwertige Konsumgüter aufgrund der Massenproduktion auch für Normalbürger verfügbar (und taugten so nicht mehr zur Abgrenzung), zum anderen setzte bei den Trendsettern ein Wertewandel ein, der das Individuelle, das Ausgefallene, das Natürliche und das Nachhaltige stärker in den Fokus nahm als den puren materiellen Wert.
Diese neuen Kriterien waren auch mit einer Umgewichtung der Bedeutung von materiellen Besitztümern (eleganten Autos und edlen Uhren) hin zu einer bewussten, gesunden Lebensführung, zu kulturellen Events mit Erlebnischarakter und einer starken Betonung von möglichst guter Bildung für die eigenen Kinder verbunden. Genannt wird das alles „unauffälliger Geltungskonsum“.

CURRID-HALKETT meint nun, mit diesem Buch entlarvt zu haben, dass diese modernen Normen und Werte der Besserverdienenden zwar einen fortschrittlichen Anstrich hätten, aber dies nur ihren „wahren“ Charakter überdecken bzw. verschleiern würde.
Der bestände nämlich darin, dass dieser Lebensstil eben doch auf massiven ökonomischen Privilegien beruhe und damit auch statusbezogen sei. Statt dies zu erkennen, würden die Eliten ihr Verhalten moralisch überhöhen und damit die „anderen“ noch dem Vorwurf des „schlechteren bzw. falschen“ Lebens aussetzen. Zusätzlich erkennt die Autorin eine besondere „Heimtücke“ (meine Formulierung) darin, dass sich die privilegierte Klasse genau auf die Aspekte konzentriere, die für die Weitergabe der eigenen Vorteile auf die nächste Genration entscheidend sei (z.B. eben Bildungsinvestionen).

Das klingt ja alles irgendwie klug. Viele Beobachtungen über den Wertwandel der „Neuen Mittelklasse“ und die Bedeutung von „Singularitäten“ überschneiden sich mit den Analysen populärer deutscher Soziologen (z.B. RECKWITZ und ROSA).
Es gibt aber aus meiner Sicht einige Aspekte, die den Wert der Aussagen in dem vorgelegten Buches zumindest einschränken:
– Wenn auch die Grundthesen vielleicht länderübergreifend Sinn machen – ein Großteil der (sehr detaillierten) statistischen Daten tun es ganz eindeutig nicht. In Deutschland ist es wohl für die meisten Leser/innen nicht so besonders interessant, in welchen US-Städten die Dichte an Stillgruppen und Maniküre-Studios besonders hoch ist.
– Die Autorin ist in der Definition der von ihr betrachteten Gruppe nicht konsistent: Mal geht geht es ihr um die „aufstrebenden Schichten“, mal ist dann plötzlich die echte Oberschicht (nicht die Superreichen) gemeint. Das geht ein bisschen doll durcheinander.
– Viele Aussagen mögen für die amerikanischen sozialen Verhältnisse stimmen. Die bundesdeutsche „Neue Mittelschicht“ mit ihrer grün-liberal-weltoffenen Orientierung ist ganz sicher nicht vergleichbar mit der „Schikimicki-Elite“, die ihre Kinder unter massivem Kapitaleinsatz in die US-Elite-Universitäten drückt.
– Nicht ganz einig wird sich die Professorin, ob die betrachtete neue Elite nun den eigenen Status ganz bewusst markieren (und damit die anderen ausgrenzen) will, oder ob das nur als Kollateralschaden passiert.

Weitgehend schuldig bleibt die Autorin die Antwort, was denn die Alternative für die Menschen sein soll, die jetzt erkennen, dass ihr Lebensstil und Konsum zwar im Prinzip nachhaltig, gesund und menschenfreundlich sind, dies aber die Spaltung der Gesellschaft eher noch vergrößert. Sollen sie sich stattdessen dumm stellen und wie früher sinnlos protzen?
Der von CURRID-HALKETT angedeutete Weg hin zu einer Gesellschaft mit grundsätzlich anderen Werten („Entkoppelung von Lebenssinn und Konsum“) kommt auf der Ziellinie etwas sehr plötzlich und wirkt eher aufgesetzt als organisch entwickelt.

Unterm Strich bleibt es ein informatives Buch mit einer Menge Beobachtungen und Denkanstößen, die besonders für solche Leser/innen attraktiv sein werden, die sich auch genauer für die inneramerikanischen Verhältnisse interessieren.




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