„Material Girls – Why Reality Matters for Feminism“ von Kathleen STOCK

Bewertung: 4.5 von 5.

Vorweg eine Warnung:
Hier schreibt ein binär-heterosexueller „Alter Weißer Mann“ über das Buch einer lesbischen Feministin, die sich kritisch mit der aktuellen „Transgender-Theorie“ auseinandersetzt.
Damit ist ein so weiter Bogen aufgespannt, dass wohl eine Entscheidung ansteht: Entweder man hält dieses Unterfangen (also meine Rezension) für eine Anmaßung (oder mindestens als vom Prinzip her irrelevant) – oder es entsteht erst recht eine Neugier: Kann man aus dieser neutral-distanzierten Perspektive wirklich etwas Substantielles über so ein Buch aussagen? Oder vielleicht gerade?

Zur Motivation:
Wie komme ich dazu, viele Stunden meines Lebens auf das Studium eines englisch-sprachigen Fachbuches zu verwenden, dessen Gegenstand keinen direkten Bezug zu meinem persönlichen und sozialen Leben hat – und das auch nur eine recht kleine gesellschaftliche Minderheit betrifft?
Mit einer gewissen Ratlosigkeit beobachte ich seit einiger Zeit eine Art „Hypersensibilität“ gegenüber (vermeintlichen) Diskriminierungen aller Art. Auf diesem Hintergrund wurde ich durch einen Online-Artikel der ZEIT auf die massiven (ideologischen) Konflikte aufmerksam, die die Autorin dieses Buches letztlich zu einer Aufgabe ihrer Professur an einer ehrwürdigen englischen Universität gebracht hat.
Das wollte ich genauer wissen: Welche Haltungen und Äußerungen dieser Hochschullehrerin hat diese Entwicklung ausgelöst? Kann man das nachvollziehen?

Anders als es durch Titel und Cover suggeriert wird, handelt es sich bei „Material Girls“ überwiegend um ein extrem gut strukturiertes und didaktisch vorbildlich aufbereitetes Fachbuch. STOCK definiert Begriffe, informiert, argumentiert, nennt (unglaublich viele) Quellen, bezieht sich immer wieder auf die relevanten Protagonisten der Transgender-Diskussion und macht durchweg deutlich, wenn sie nicht als Wissenschaftlerin, sondern als Trägerin einer bestimmten Überzeugung auftritt. Das alles ist vom Aufbau her vorbildlich und macht es auch einem „fremdsprachigen“ Leser recht leicht, den Argumentationslinien zu folgen.
Es wird schnell deutlich, dass STOCK ganz bewusst diesen wissenschaftlichen Stil wählt und pflegt, um sich auch auf dieser Ebene von bestimmten Trans-Aktivist*innen (bei diesem Thema ist Gendern alternativlos) zu unterscheiden. Eines ihrer Kritikpunkte besteht nämlich darin, dass sich eine Großteil der aktuellen Trans-Gender-Bewegung einer intellektuellen oder theoretischen Auseinandersetzung entziehe und sich nur noch als politische Kampftruppe verstehe (in der selbst eine gewisse Differenzierung von Konzepten schon als Gegnerschaft verstanden und mit Gesprächsabbruch und persönlicher Verunglimpfung beantwortet werde).

Der Nutzen dieses Buches liegt eindeutig darin, dass man ganz systematisch, Schritt für Schritt in die Thematik eingeführt wird. Es gibt einen historischen Abriss der wesentlichen Entwicklungs-Stufen in den Transgender-Konzepten; die wichtigsten Autor*innen und Publikationen werden vorgestellt. Alle im Kontext benutzten Begriff werden genannt, kritisch hinterfragt und dann hinsichtlich der weiteren Nutzung in dem Text sauber definiert.
Im weiteren geht es dann darum,
– was Geschlecht („sex“) eigentlich ist,
– warum die (biologische) Geschlechtszugehörigkeit weiterhin ein sinnvolles und unverzichtbares Konzept darstellt,
– was „Gender-Identität“ genau ist,
– was eine Frau zu einer Frau macht,
– wie man sich die radikalen Ausprägungen der „Gender-Identität“ erklären könnte,
– wie es dazu kommen konnte, dass diese (Transgender-)Bewegung so gesellschaftlich und politisch einflussreich (und damit auch gefährlich für den Feminismus) werden konnte,
– wie ein zukünftiger Umgang der verschiedenen Gruppen miteinander und eine (wissenschaftlich seriöse) Weiterentwicklung der Konzepte aussehen könnte.

Inhaltlich soll es hier exemplarisch um einen (allerdings zentralen) Punkt gehen:
STOCK macht anschaulich deutlich, welche Implikationen das aktuelle Selbstverständnis der Transgender-Bewegung hätte (und in einigen Ländern bereits hat): Der Umstand, das jede Person (völlig unabhängig vom biologischen Geschlecht) für sich frei eine beliebige „Gender-Identität“ definieren kann und dann einen (moralischen und juristischen) Anspruch darauf hat, von seiner sozialen Umgebung, von allen Institutionen und vom Gesetzgeber entsprechend behandelt zu werden – diese Situation führt zu einer Reihe von Absurditäten (die aber von den Aktivist*innen genau so auch gewollt sind): Trans-Frauen (also biologische Männer mit einer selbst-definierten weiblichen Gender-Identität) hätten/haben so das Recht auf Zugang zu allen Bereichen, Einrichtungen und Aktivitäten, die bisher (aus guten Gründen) nach Geschlecht getrennt (bzw. Frauen vorbehalten) waren: Toiletten, Umkleideräume, Schlafsäle, Schutzzentren, Gefängnisse, sportlichen Wettkämpfen, Personaldokumente, statistische Daten-Erfassung (z.B. Kriminalstatistik!).
Das Motto „eine Trans-Frau ist eine Frau“ (egal wie männlich ihr Körper ist) brächte/bringt einiges Durcheinander in einer Gesellschaft…
Da die Autorin erklärte Feministin ist, betrachtet sie die Folgen auf die Ziele der Frauenbewegung äußerst genau und kritisch.

Natürlich ist der Blick der Autorin nicht nur auf diese Facette der politischen Lobby-Arbeit dieser Bewegung gerichtet. Diskutiert wird z.B. auch die Situation der Transsexuellen, die sich tatsächlich um eine Anpassung ihrer körperlich Bedingungen an die von ihnen erlebte Geschlechtlichkeit bemühen. Auch wird das Schicksal der Kinder beleuchtet, die – so sieht es die Autorin – häufig von ihren trans-engagierten Eltern in ganz erhebliche eigene Identitäts-Konflikte „getrieben“ werden.
Um es nochmal zu sagen: Dieses Buch ist eine Fundgruppe für alle Menschen, die sich in diese Thematik einlesen möchten und es ertragen, dass differenziert und kritisch (und auf der Basis von Quellen und Fakten) argumentiert wird.

Bleibt die Frage: Warum lassen sich augenscheinlich so viele Menschen von einer Bewegung überzeugen, die so augenscheinlich kontra-intuitiv ist. Denn wer würde – außerhalb des hier beschriebenen Kontextes – denn wirklich ernsthaft behaupten, dass die beiden Geschlechtsbezeichnungen „männlich“ und „weiblich“ keine brauchbaren Kategorien mehr wären (um bestimmte Phänomene zu beschreiben, also die Welt irgendwie zu ordnen) und sie restlos durch die „gefühlten Identitäten“ ersetzt werden könnten?
Es ist wohl (so beschreibt es auch die Autorin) eine oft unreflektierte Mischung von meist irgendwie gut gemeinten Haltungen und Motiven, die sich als eine „allgemein progressiv-empathischen Grundsolidarität gegenüber Minderheiten“ beschreiben ließe, die aufgrund ihrer Abweichung vom gesellschaftlichen Mainstream Benachteiligung und sogar Hass auf sich ziehen könnten. Unter diesem großen Schirm der „freiheitlichen Selbstbestimmung und bedingungslosen Toleranz“ ist einfach eine Menge Platz – nicht zuletzt auch für so spannende und faszinierende Dinge wie Spielarten der Geschlechtlichkeit und deren facettenreiches Ausleben.
Eine zweite Spur der Erklärung: Viele Menschen scheinen zu glauben, dass der Kampf gegen die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen nur dann gewonnen werden könnte, wenn man die Bedeutung der biologischen Basis prinzipiell leugnen würde. So. als ob die Zuschreibung von Geschlechtsstereotypien unlösbar mit der Akzeptanz einer biologischen Geschlechtlichkeit verbunden seien.

Bleibt zu Schluss noch der Hinweis darauf, dass in dem Buch von STOCK an keiner Stelle die Solidarität für die betroffenen Menschen in Frage gestellt wird – egal an welcher Stelle sie sich gerade persönlich verortet fühlen. Im Gegenteil: Die Autorin lädt ein zu einem gemeinsamen Kampf gegen gemeinsame Barrieren und Gegner; sie will allerdings unbedingt vermeiden, dass die Ideologie der Trans-Aktivisten zu Nachteilen für die Frauenbewegung führt.

Das Buch ist ganz sicher viel differenzierter als dieser Versuch einer zusammenfassenden Bewertung sein kann; man möge mir das nachsehen.
(Wer das mal alles genauer wissen will: Das Buch ist als englischen EBook erstaunlich preiswert).

Wenn so jemand – wie diese aufgeklärte und tolerante Professorin – im akademischen Betrieb keinen Platz mehr findet – dann geht es um mehr als um ein bestimmtes hochemotionales Thema: Dann stimmt etwas Grundsätzliches mit der Form der Auseinandersetzung nicht mehr!

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