„Soziale Arbeit als Dienstleistung?“ von Silvia

Dies ist ein sehr grundsätzliches Statement zur Ausgestaltung von Sozialer Arbeit (vor allem in der Jugendhilfe). Er basiert auf den jahrzehntelangen Erfahrungen von Silvia und wurde aktuell motiviert durch einen Artikel über die Jugendhilfe in der ZEIT (Nr. 23/2020).

Vor mehr als 45 Jahren wünschten sich meine Eltern, dass ich doch bitte eine Banklehre machen sollte. Sie sorgten sich um mein Seelenheil und hatten ebenfalls im Blick, dass ich mit meiner Berufswahl sehr geringe Chancen haben würde, Reichtum anzuhäufen. Aber mein Entschluss stand fest. Ich wollte etwas bewegen in dieser Welt und die Erwachsenen erschienen mir nicht sehr geeignet dafür, ihre Komfortzone zu verlassen und neue Wege zu beschreiten.

Mein Weg durch unterschiedlichste soziale Bereiche begann und ließ mich wachsen und reifen. Ich war eine „Überzeugungstäterin“ und bin es bis heute, nach über 45 Jahren sozialer Arbeit. Neue Konzepte kamen und gingen, wiederholten sich, widersprachen sich und der Kern meiner, unserer Arbeit blieb doch immer gleich. Es galt und gilt, Menschen jeglichen Alters neue Wege aufzuzeigen und ihnen Mut zu machen, diese auch zu beschreiten.

Ja, es veränderte sich vieles, auch zum Guten. Während ich zu Beginn in einer katholischen Einrichtung erleben musste, dass Kinder gedemütigt und geschlagen wurden, dass es Schlafräume mit 20 Betten gab, auf denen morgens Kuscheltiere drapiert wurden, um die Armseligkeit des alltäglichen Umgangs mit den Kindern zu verschleiern, wandelten sich in einem doch bemerkenswerten Tempo die äußeren Bedingungen in der Heimerziehung und auch in anderen sozialen Einrichtungen. Viele differenzierte Angebote wurden ins Leben gerufen. Sie sollten die Chancen der Kinder, der Jugendlichen und der Eltern verbessern. Mehr und mehr wandelte sich auch die Haltung gegenüber der Arbeit, gegenüber den Kindern und Jugendlichen.

Zwei Ereignisse ließen mich aufhorchen, sensibilisierten mich für das große Ganze und läuteten eine Zeit ein, in der ich einen schleichenden, aber gravierenden Wandel in der sozialen Arbeit erlebte.
Eines Abends saß ich mit Freunden am Tresen meiner Lieblingskneipe, da tickte mir jemand von hinten auf die Schulter und sagte leicht süffisant: “ Na, hallo Mutter Theresa!“
Kurz darauf erlebte ich, wie mir morgens bei meiner Ankunft im Büro ein Ordner zum Qualitätsmanagement überreicht wurde. Ich war in der freien Wirtschaft angekommen. Die Arbeit sollte überprüfbarer werden, strukturierter, effektiver. Das alles mit Blick auf den einzelnen Sozialarbeiter, Betreuer, Erzieher, im Heim, im Amt, in der offenen Jugendarbeit. Diese Entwicklung erlebte ich als fatal. Leidenschaft und Liebe zu dem Beruf, Gefühle, Empathie und Hilfsbereitschaft wurden Kriterien untergeordnet, die datenmäßig erfasst werden konnten. Ziele für die Betroffenen, die unsere Hilfe suchten, konnten teilweise mit Zahlencodes wiedergegeben werden. Wer sich dem nicht unterordnete, erschien schnell unprofessionell.

Mit der Zeit konnte ich feststellen, dass sich der Krankenstand erhöhte, Burnout und Kündigungen gehörten mehr und mehr zum Alltag in Ämtern und sozialen Einrichtungen. Jugendamtsleitungen kamen aus dem Verwaltungsbereich und Stechuhren wurden angeschafft, um die Kontrolle der Sozialarbeiter zu verbessern.
Ungesagt möchte ich nicht lassen, dass ich in all diesen Jahren immer wieder auf Ämter, Teams und Einzelne gestoßen bin, die sich diesem gesellschaftlichen Trend erfolgreich widersetzten. Erfolgreich heißt für mich, dass ihr eigenes Wohlbefinden in der Arbeit spürbar war, dass sie mit ihren Möglichkeiten der Kommunikation und der Selbstfürsorge den Hilfesuchenden eine Plattform bieten konnten, auf der diese langsam ihr Misstrauen ablegen und Hilfe annehmen konnten.

Die Geschichte der sozialen Arbeit hat eine lange Tradition und spiegelt in allen Zeiten die Haltung der Gesellschaft wieder. In der heutigen Zeit, die in unseren Breitengraden geprägt ist von den Göttern des Konsums und der schnellen Befriedigung aller sich ständig verändernden Bedürfnisse, werden die Handlungen der Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, auch immer deutlicher daran gemessen, wie effektiv sie dies eigentlich tun. Und der Maßstab dafür ist weit entfernt von den Bedürfnissen, die eigentlich das Miteinander von Hilfesuchenden und Helfern prägen sollte.

Gerade in den letzten Tagen steht mal wieder das Jugendamt in der öffentlichen Kritik. Anerkennend muss ich sagen, dass auch die Überbelastung der Mitarbeiter zum Thema wird, aber das ist meiner Meinung nach nicht der Kern des Problems. Der Kern ist, dass Kreativität, Phantasie, Intuition, menschliche Wärme, Empathie und der Mut, Grenzen benennen und durchsetzen zu dürfen und zu können, erstmal keine Voraussetzungen sind, die statistisch überprüfbar scheinen. Aber diese Fähigkeiten gehören dazu, wenn man erfolgreich sein will in unserem Beruf.

Ich hätte schon einige sehr klare Veränderungswünsche und Vorschläge. Sie betreffen zum Beispiel die Ausbildungssituation, die Einsatzorte, die Haltung gegenüber Menschen, die sich für Menschen engagieren, Gesetze, die die Eigenverantwortung der Menschen stärken und, und, und. Es ist ein weites Feld, so differenziert und vielschichtig, wie jeder Einzelne.

Warum ich nach all den Jahren noch immer aus Überzeugung im sozialen Bereich arbeite, werde ich manchmal gefragt. Es ist ganz einfach. Es ist eine Aufgabe, die meinen Fähigkeiten entspricht, in der ich ständig lernen kann, die mich mit Freude erfüllt und mich mit mir selber konfrontiert. Und wie bei jedem anderen Beruf kann ich sagen, dass Leidenschaft die Voraussetzung dafür ist, dass man etwas Gutes bewirken oder erschaffen kann. Fachlichkeit ist mit Sicherheit eine unentbehrliche Grundlage, aber sie muss eingebettet sein in eine Struktur, die die Lebendigkeit menschlicher Begegnungen zur Grundlage hat.

Und von dem „Mutter Theresa Quatsch“ lass ich mich bis heute nicht beirren.

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