“Wahrheiten und Mehrheiten” von Peter STROHSCHNEIDER

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Autor – ein im deutschen Wissenschaftsbetrieb einflussreicher Germanist – legt eine Publikation vor, die nicht nur das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Demokratie gründlich ausleuchtet, sondern auch für eine Begrenzung des Geltungsanspruchs der Wissenschaften im gesellschaftlichen Diskurs plädiert.
Es ist anzuerkennen, dass der Autor diese Parteilichkeit schon im Untertitel offenlegt.
STROHSCHNEIDER will der (vermeintlichen) Gefahr entgegentreten, dass sich unter dem Deckmantel eines absoluten und endgültigen Wahrheitsanspruchs eine Verschiebung hin zu einem “autoritären Szientismus” vollziehen könnte, in dem dann durch eine illegitime Selbstermächtigung der Wissenschaftlichkeit die bewährten Aushandlungs- und Entscheidungsregeln unserer pluralistischen Demokratie eingeschränkt oder außer Kraft gesetzt wären.

Dieses Buch ist alles andere als ein kämpferisches Pamphlet: STROHSCHNEIDER analysiert und argumentiert auf einem hohen sprachlichen und intellektuellen Niveau.
Die Leserschaft lernt eine Menge über die Komplexitäten des Wissenschaftssystems und der politischen Willensbildung.
Entsprechend seiner Zielsetzung deckt er z.B. Schwächen und Widersprüche bei Klima-Aktivisten auf, die ihren wissenschaftlichen Status in zweifelhafter Weise dazu benutzen, bestimmte politische Einzelentscheidungen zu begründen. Besonders kritisch setzt sich der Autor auch mit Karl Lauterbach auseinander, der in seinem Buch (“Bevor es zu spät ist“) für eine stärkere Präsenz von wissenschaftlicher Kompetenz in der Politik plädiert.

Ein Schwerpunkt des Textes befasst sich mit der prinzipiellen Frage, welchen Stellenwert Wahrheit, Evidenz oder Fakten gegenüber der freien politischen Meinungs- und Mehrheitsbildung haben soll bzw. darf.
Hat die Mehrheit das Recht, sich für kontrafaktische, dumme oder gefährliche Alternativen zu entscheiden? Auf welchen Gebieten sollen welche Disziplinen mit welchen Vertretern Gehör finden? Als Berater oder als (mit-)Entscheider? Droht da vielleicht die Expertokratie? Gibt es überhaupt die eine Wissenschaft? Sind nicht alle Erkenntnisse sowieso vorläufig? Steht Wissenschaft nicht auch in Abhängigkeiten, Interessenskonflikten und Machtkämpfen?
Um es kurz zu sagen: Der Autor legt sein ganzen Gewicht in die Waagschale der Demokratie und weist weitergehende Ansprüche der Wissenschaft zurück.

Die Covid-Pandemie und die Klimawende eignen sich natürlich besonders gut dafür, sich die Wechselwirkung zwischen den beiden Systemen konkret anzuschauen; das nutzt der Autor gründlich aus.
STROHSCHNEIDER leugnet weder die Bedrohung durch den Klimawandel (und anderer ökologischen Risiken), noch relativiert er die Pandemie. Aber er identifiziert die bereits grundsätzlich diskutierten Schwächen bzw. Gefahren einer Wissenschafts-Dominanz auch in diesen Bereichen (und wiederholt sich dabei ein wenig).
Als leidenschaftlicher Verteidiger der demokratischen Prozesse lässt er den Hinweis auf “Not- bzw. Ausnahmesituationen” nicht gelten (was sich wiederum gegen Lauterbachs Argumentation richtet).
Zugutehalten muss man STROHSCHNEIDER, dass er sich auch mit der Querdenker-Fraktion kritisch auseinandersetzt – allerdings nicht ohne einen Hinweis auf die Mitverantwortung des vermeintlich grenzüberschreitenden Wissenschaftsbezugs.

Auch wenn man dem Autor sicher nicht den Vorwurf einer generellen Undifferenziertheit machen kann: Es entsteht der Eindruck, dass sein persönliches Wertesystem deutlich stärker durch die Bedrohung demokratischer Spielregeln als durch die drohende Klimakatastrophe in Wallung gerät. Sein hochtheoretisches Abwägen klingt doch ein wenig nach Elfenbeinturm eines Gelehrten, der von der realen Dramatik der ökologischen Krise wohl nicht aus dem Schlaf gerissen wird.
Bei aller verständlichen Kritik an einer unreflektierten Selbstermächtigung vermeintlich omnipotenter Wissenschaftler: STROHSCHNEIDER vergisst doch ein wenig, dass auch eine Wissenschaft mit Schwächen, Widersprüchen und begrenztem Wahrheitsanspruch immer noch mit Abstand das beste und erfolgreichste System darstellt, sich der Wirklichkeit und ihren Gesetzmäßigkeiten zu nähern. Die Tatsache, dass der Autor in dem Text (gefühlt) auf jeder fünften Seite auf die Vorläufigkeit von Erkenntnissen hinweist, stärkt nicht gerade seine Argumentationskraft.
Kritisch ist auch anzumerken, dass STROHMEYER etwas locker mit den verschiedenen Entscheidungsebenen umgeht: Er tut wiederholt so, als ob sich Wissenschaftler permanent anmaßen würden, jede Einzelmaßnahme streng empirisch – und damit unangreifbar – aus der Faktenlage ableiten zu wollen. Den meisten Klimawissenschaftlern würde es völlig ausreichen, wenn die (längst vollzogene) Verpflichtung auf die Klimaziele endlich unwidersprochene und unhinterfragte reale Politik würde. Auf diesem Hintergrund läuft auch das Schlusskapitel ziemlich ins Leere, in dem der Autor eine saubere (aber kooperative) Arbeitsteilung zwischen den beiden Bereichen vorschlägt. Die meisten Wissenschaftler würden da wohl kaum widersprechen.

So bleibt am Ende ein gemischtes Bild: Wer in dem unübersichtlichen Gelände von Wissenschaft und Politik nach niveauvoller und facettenreicher Weise nach Orientierung sucht, dem/der macht STROSCHNEIDER hier ein attraktives Angebot. Jede zukünftige Diskussion wird davon mit Sicherheit profitieren.
Man muss allerdings in kauf nehmen, dass die Prioritäten vom Autor klar gesetzt sind: Er glaubt nicht daran, dass der Zeit- und Problemdruck eine Neuverteilung der Einflussfaktoren erforderlich macht.
Also lieber die Kipppunkte reißen als den Fakten zu viel Macht im Spiel der Kräfte geben?!

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