„McCartney III“ von Paul McCartney

Bewertung: 4 von 5.

Wenn ein Ex-Beatle im Corona-Jahr 2020 sein drittes Solo-Album veröffentlicht (nach 1970 und 1980), dann ist das ein wohlwollend-nostalgischen Reinhören wert – so dachte ich.
Schließlich ist der Typ 78 Jahre alt – und damit nicht nur ein persönlicher Lebensbegleiter (ich sang als 9-jähriger mit meiner Schwester 1964 die deutsche Version von „She Loves You“), sondern auch eines der erfolgreichsten Modelle der „ewigen Jugend“ in der Rockgeschichte (neben z.B. den Stones und den WHO).

Paul (in der Rock-Generation duzt man sich) hatte sich das Jahr 2020 anders vorgestellt; er begann an einem Film-Projekt zu arbeiten. Dann kam der Lockdown und der Multi-Instrumentalist konnte eine Menge Zeit in seinem privaten Home-Studio verbringen. Er spielte sogar die Drums selbst ein (natürlich auch Gitarren, Bass, Synth, Harmonium).
(Einen Antrag auf Kurzarbeiter-Geld oder Verdienstausfall hat er vermutlich nicht gestellt.)

Am Ende des Jahres (seit 18.12.) liegt nun ein musikalischen Werk vor, das aufhorchen lässt: Das ist ja gar keine seichte Durchschnittsware! Keine gefällige Mitsumm-Reminiszenz! Keine Fahrstuhl-Hintergrundmusik für immer und überall!
Wow!

Paul hat ein ausgereiftes, abwechslungsreiches – z.T. sogar eigenwilliges und experimentelles Gesamtkunstwerk abgeliefert. Sehr facetttenreich – so dass jede/r etwas zum Staunen und zum Augenverdrehen finden wird.
Trotz einiger typsicher Balladen ist der Gesamtdrive rockiger als erwartet.
Die Texte drehen sich (immer noch) um die Liebe, aber auch um alterstypische Einsichten und Ratschläge über das Leben. Wäre ja auch ein Wunder, wenn ein Mensch mit so einer Biografie gar nichts zu sagen hätte. Paul ist dabei nicht missionarisch oder gar politisch. Diese Rolle hatte schon früher John Lennon inne; er konnte sie leider nur bis 1980 spielen. Paul guckt eher nach innen, drückt seine privaten Gefühle aus.

Egal was ein PaulMcCartney jemals produziert: Es wird immer den Vergleich mit den Beatles geben. Das ist vielleicht Segen und Fluch zugleich – aber es gibt wohl schlimmere Hypotheken als den Bezug zu einem zeitgeschichtlich-kulturellen Phänomen, das wohl auf Ewig mit dem letzten Jahrhundert verbunden bleiben wird.
Ja, das Album erinnert durchaus an die Zeiten der späteren Beatles. Es gibt einfache und komplexere Kompositionen, es gibt Soundeffekte und Überraschungen. Es klingt sowohl spielerisch als auch ernsthaft. Es schmeichelt dem Ohr und fordert auch mal heraus.
Es ist echte intelligente Rock/Pop-Musik! Mainstream-tauglich, aber nicht auf Massen-Geschmack getrimmt.

McCartney III ist ganz sicher nicht das schlechteste Ergebnis des Corona-Jahres!

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