„Der EGO-Tunnel“ von Thomas METZINGER

Der etwas fetzige Titel könnte täuschen: Es geht hier nicht um einen Science-Fiktion-Thriller, sondern um ein inhaltsschweres Sachbuch. Der Untertitel klärt das dann aber auf.

Meine ungebremste Begeisterung für dieses Buch lässt sich – natürlicherweise – nicht von meiner Vorgeschichte und damit von meiner Motivation trennen. Die Frage, wie Gehirn und Bewusstsein zusammenhängen, beschäftigt mich seit Jahrzehnten – psychologisch, philosophisch und immer stärker auch neurowissenschaftlich.

Im Rahmen der Fortschritte der Hirnforschung (bildgebende Verfahren, Computersimulationen, usw.) hat die uralte philosophische Frage, wie der Geist (vor allem das Ich-Bewusstsein) in die physikalischen und biologische Welt kommt, einen ganz anderen Drive aufgenommen. Für immer mehr geistige und psychische Zustände konnten inzwischen physiologische Korrelate nachgewiesen werden – und doch wurde das Bewusstsein selbst von vielen als ein letztes Geheimnis betrachtet, dem man möglicherweise nie auf die Spur kommen könnte.

Zwar gab es schon eine Weile auf beiden Hauptseiten, der Neuro-Wissenschaft und der Bewusstseins-Philosophie, eine Tendenz zur Interdisziplinarität. Mir ist aber tatsächlich verborgen geblieben, dass der Philosoph METZINGER diese Zusammenschau der Perspektiven schon seit einigen Jahren in seiner Person vereinigt – und das auf allerhöchstem fachlichen Niveau.

Der EGO-Tunnel stammt ursprünglich aus dem Jahre 2009, wurde teilweise 2014 überarbeitet. Das erscheint in diesem turbulenten Forschungsbereich schon ein bedenklich langer Zeitraum zu sein. Aber: METZINGERs Buch kann ohne Einschränkungen auch im Jahre 2020 noch als Standardwerk betrachtet werden und reicht mit seinen sehr grundsätzlichen Fragestellungen und Perspektiven noch weit in die Zukunft.

Der Zugang Thema (Gehirn und Bewusstsein) unterscheidet sich auf eine sehr prinzipielle Art von allem, was ich bisher darüber gelesen habe. METZINGER verbleibt nicht bei vagen Andeutungen und Hinweisen auf noch notwendige Forschung. Der Autor bietet ein konsistentes Modell zur Beschreibung und Erklärung des extrem komplexen Zusammenspiels zwischen dem, was in unserem Gehirn abläuft und unserem subjektiven Erleben. Das Tunnel-Modell soll veranschaulichen, dass wir grundsätzlich keinen direkten Kontakt mit der (echten) Außenwelt haben, sondern unser Gehirn uns eine Repräsentation anbietet, die das Ergebnis extrem komplexer Berechnungen und Konstruktionen darstellt. An diesem Prozess arbeiten neuronale Netze mit Milliarden von Verschaltungen, die dann in einem bestimmten zeitlichen Muster miteinander interagieren.
Die Grundthese ist: Bewusstsein entsteht dann, wenn das Gehirn sich sozusagen mit der Repräsentation dieser Repräsentation befasst, was wiederum einen besondere Form der abgestimmten Oszillation der Netzwerke voraussetzt.

Das klingt in dieser Komprimierung nach hohlen Begriffsformeln, wird aber von METZINGER sehr faktenreich und anschaulich abgeleitet. Er führt dabei Beobachtungen und Erkenntnisse aus ganz verschiedenen Bereichen an, so dass der der Eindruck entsteht, dass sein Modell wirklich eine Integration vieler Sichtweisen und Befunde darstellt. Dabei ist durchaus überraschend, dass sich der Autor auch ausführlich mit (insbesondere luziden) Träumen, psychodelischen Drogen, außerkörperlichen Erfahrungen und psychiatrischen Erkrankungen befasst. Im Mittelpunkt stehen jedoch zielgerichtete Experimente an Tieren und Menschen, die u.a. deutlich machen, dass Bewusstsein durchaus etwas ist, was eine stufenweisen evolutionären Entwicklung durchlaufen ist. Geraden die verschiedenen (Vor-)Stufen des Ich-Bewusstseins schaffen ein Verständnis davon, wie eben doch alles logisch aufeinander aufbaut – ganz ohne einen „Göttlichen Funken“.

METZINGER ist kein Wissenschaftler im Elfenbeinturm; ganz im Gegenteil!
Im letzten Teil des Buches beschäftigt er sich mit den weitreichenden gesellschaftlichen Folgen der sich gerade vollziehenden Revolution der Bewusstseins-Wissenschaften. Dabei geht es nicht nur um die zu erwartenden Anwendungen und Risiken (Werbung, Medizin, Militär, Bildung, Selbstoptimierung, usw.), sondern auch sehr grundsätzlich um die Auswirkungen, die die „Entzauberung“ des Bewusstseins für das Selbstbild des Menschen haben könnten. METZINGER hält es einerseits zwar für unvermeidbar und auch wünschenswert, dass sich eine rationale, naturalistische Sichtweise des Mensch-Seins entfaltet, sieht es aber auch als notwendig an, die „überholten“ Konzepte (Gott, Seele, Leben nach dem Tod) durch etwas anderes zu ersetzen. Sein Ziel ist nicht ein kruder sozialdarwinistischer Nihilismus, sondern eine Bewusstseinskultur, die größtmögliche Autonomie und Redlichkeit beinhaltet und den Zugang zu einer säkularen Spiritualität ermöglicht (z.B. durch Meditationsunterricht in den Schulen).

Ein grandioses Buch, von dem man lange zehren kann.
Inhaltlich, sprachlich und didaktisch ein Meisterwerk.

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