„Die unberechenbare Wahrscheinlichkeit des Zufalls“ von John IRONMONGER

Bewertung: 3 von 5.

Die Sache mit dem Zufall ist ein dankbares und unvermeidliches Thema für Romanschreiber: Sind sie doch bei der Konstruktion ihrer Handlungsfäden permanent damit beschäftigt, das Eintreten bestimmter Ereignisse zu „begründen“ – z.B. durch das im Hintergrund wirkende Schicksal, durch den raffinierten Plan eines Bösewichtes oder eben durch die diffusen Kräfte des Zufalls.
IRONMONGER richtet in seinem Roman den Spot auf diese – sonst unter der Oberfläche arbeitenden – Verursachungsnarrative: Sie werden selbst zur Hauptthematik des Buches.

Personalisiert wird die rational-statistische Herangehensweise durch den Protagonisten dieses Romans, der – wie passend – selbst ein Zufallsforscher ist. Er gerät in den Strudel einer hochkomplexen Geschichte, in der es um eine Häufung von extrem unwahrscheinlich anmutenden zeitlichen und inhaltlichen Ereignisfolgen geht.
Der zentrale „Tatort“ (auch im kriminalistischen Sinne) ist dabei eine christliche Missions-Station in Uganda. Ein dort stattfindender Überfall eines Warlords löst für die beteiligten Hauptpersonen Erschütterungen in den Lebenslinien aus, die sich erst viele Jahre später nach und nach aufklären lassen.
Parallel wird das Schicksal einer Frau verfolgt, bei der schon die Frage nach der Vaterschaft nur durch Zufall zwischen drei potentielle Kandidaten zu entscheiden ist und in deren Biografie sich eine schier unglaubliche Regelhaftigkeit von persönlichen Katastrohen abspielt.

IRONMONGER mischt in seinem Roman Elemente und Schreibstile aus verschiedenen Genres: Da gibt es schelmenhaft-humoristische Aspekte; es werden handfeste Informationen über Wahrscheinlichkeits-Theorien angeboten; man erfährt etwas über die chaotischen Verhältnisse in afrikanischen Bürgerkriegen; es geht um Liebe und das Bedürfnis des Menschen, doch hinter dem Ganzen immer einen Sinn zu sehen.
Das Buch schwankt so immer wieder zwischen Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern.

Obwohl der Plot offensichtlich alle Voraussetzungen mitbringt, so etwas wie „intelligente Unterhaltung“ zu bieten, hat mich die Geschichte nicht wirklich erreicht.
Der Wechsel zwischen dem extrem konstruierten Handlungsfaden und den eingestreuten kleinen „Vorlesungen“ über die Welt der Wahrscheinlichkeiten wirkte auf mich holprig und gekünstelt. Die Figuren haben mich zu wenig interessiert, als dass so etwas wie ein Lese-Sog hätte entstehen können.

Und was ist nun mit dem Zufall?
Wir lernen letztlich, dass es ziemlich schwierig ist, die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen zu kalkulieren, wenn nicht alle Ausgangsbedingungen bekannt sind. Klug ist auf jeden Fall der Hinweis, dass man gut beraten wäre, wenn man bei wirklich extrem unwahrscheinlichen Zusammenhängen nach möglichen versteckten Erklärungsfaktoren sucht.
Was mir gefehlt hat, ist ein differenzierter Blick auf die zwei Aspekte des Zufalls: Der Autor definiert etwas als „zufällig“, wenn die Wahrscheinlichkeit des Auftretens sehr gering ist: Auch Dinge, die sehr selten Auftreten, passieren eben irgendwann mal. Das lässt sich bei Würfeln gut berechnen, bei Lebensereignissen eher weniger. Auf der anderen Seite geht es bei Zufällen ja auch darum, ob ihr Auftreten das Ergebnis einer (wissenschaftlich nachvollziehbaren) Verursachungskette ist, oder sie sozusagen außerhalb der (potentiell) berechenbaren Welt existieren. In diesem Sinne nennen wir oft etwas „zufällig“, weil wir angesichts der Komplexität der Einflussfaktoren (und ihrer Interaktion) schlicht kapitulieren. Hierzu sagt der Autor kaum etwas.

Dass Menschen, die auf der Basis eines naturalistischen Weltbildes die Kräfte verborgener Mächte (wie Vorsehung, Schicksal, Sterne oder Götter) außen vor lassen, von eher esoterisch angehauchten Zeitgenossen als „armselige Kopfmenschen“ (meine Formulierung) betrachtet werden, spielt bei IRONMONGER keine tragenden Rolle.
Eine noch etwas klarere Positionierung des Autors wäre für mich wünschenswert gewesen.

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