Gendersprache und Diskriminierung

Die aktuell diskutierte und bereits stattfindende Veränderung unserer Sprache betrifft uns alle: als Lesende, als Schreibende, als TV-Konsumenten, usw.
Viele lassen es einfach geschehen und warten ab – so wie man es ja auch mit anderen zeitgeschichtlichen Phänomenen letztlich gewohnt ist.
Manche regt es aber auch sehr auf: weil sie die Schönheit oder die Verständlichkeit der Sprache bedroht sehen, weil Sie sich nicht das „richtige“ Schreiben bzw. Sprechen vorschreiben lassen wollen oder weil ihnen die ganze Richtung nicht passt (mit all den Diskussionen um Diskriminierung, political correctness und Diversitäten).
Kenn ich eigentlich meinen eigenen Standpunkt? Könnte ich ihn formulieren?
Nachdem ZEIT und SPIEGEL durch sind, wird es Zeit für einen Post.

Natürlich will ich hier nicht die ganze Breite der Diskussion aufspannen. Das können andere besser. Mir geht es um die Sprache, um die Verabsolutierung der Geschlechtszugehörigkeit und um das Verhältnis von Minderheiten und Mehrheiten.
Mir geht es ganz sicher nicht darum, traditionelle Machtpositionen von Männern zu verteidigen oder einen allgemeinen konservativen Rollback zu befördern.

Zur Sprache
Ich schreibe gerne und viel. Ich mag es, wenn Texte gut lesbar, leicht verständlich und so unkompliziert wie möglich (und damit auch irgendwie „elegant“) sind. Als Schreibender hätte ich gerne relativ große Freiheiten, um mich und meinen Stil ausleben zu können. Gerne unterwerfe ich mich dabei orthografischen und grammatikalischen Konventionen. Diese zu beherrschen, ist ein Teil von Schreibkompetenz.
Was ich nicht möchte, sind Vorgaben, die mir aus (meinetwegen gut gemeinten) ideologischen Motiven und als Ergebnis einer gesellschaftlichen Lobbyarbeit vorgegeben werden. Auch wenn man nicht gezwungen wird: Ab sofort ist mit Art und Umfang des sprachlichen Genderns ein weltanschauliche Selbstoffenbarung verbunden.
Ich will aber einfach bestimmte Veränderungen vermeiden, die ich als Beschädigung der Sprache erlebe; ich will nicht gleichzeitig eine Botschaft vermitteln, dass ich offenbar AFD-affin wäre.
Übrigens: Einen nachträglichen Eingriff in frühere oder gar historische Texte aus Gründen von Gender- oder sonstigen Gerechtigkeiten halte ich für völlig unakzeptabel.

Zur Geschlechtszugehörigkeit
Mich sprechen Stellungnahmen von Frauen an, die es als Zumutung erleben, dass durch das exzessive Gendern nicht die (gesellschaftliche) Gleichheit der Geschlechter befördert würde, sondern – ganz im Gegenteil – das Frau- oder Mannsein (und alle möglichen Zwischenformen) immer und überall mitgedacht und betont würde.
Warum muss dieses eine Merkmal unaufhörlich markiert werden? Wem nützt das eigentlich? Muss man Geschlechterzugehörigkeit (mit sprachlicher Hilfe) zu der zentralen Frage machen, mit dem Ziel sie – eigentlich – bedeutungslos werden zu lassen?
Ja, ich kenne all die Argumente über den Zusammenhang von Sprache und Machtverteilung in einer Gesellschaft. Ich glaube nur, dass die reale Macht der wichtigere Punkt ist und dass Sprache dann ganz von alleine hinterherkommt.

Sprachliche Diskriminierung von Minderheiten
Jetzt wird es noch schwieriger – ich bewege mich in vermintem Gelände. Man macht sich nicht nur Freunde, wenn man Meinungen kundtut. Zum Glück mögen meine Leser/innen (auch hässlich; am liebsten hätte ich „Leser“ geschrieben) auch offenen und kontroversen Austausch.
Ich finde, dass jede Minderheit, die Recht und Freiheit der Mehrheit nicht einschränkt, Anspruch darauf hat, nicht wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe benachteiligt zu werden.
Was ich nicht finde: dass jede Minderheit den Anspruch darauf hat, dass die Mehrheit ihre Traditionen, Gewohnheiten und alltäglichen Abläufe auf die jeweiligen Bedürfnisse und Wünsche ausrichtet. Ich halte es beispielsweise nicht für notwendig, dass in jedem Text, der sich an Mädchen oder Jungen wendet, der Hinweis enthalten sein müsste, dass man sich ja vielleicht durch beide Begriffe nicht angesprochen fühlen könnte (vor einigen Tagen selbst gelesen!).
Es ist sicherlich gut gemeint, wenn Sprache das Selbsterleben von Minderheiten berücksichtigen will. Aber: Gibt es nicht auch sowas wie das Selbsterleben von vielleicht 99 Prozent der Gesellschaft? (Wikipedia schätzt den Anteil von „intergeschlechtlichen“ Personen auf 0,2% der Bevölkerung). Ist es wirklich sinnvoll, wenn 99,8% der jungen Menschen, die sich gerade mühsam in ihre Identität als Mädchen oder Junge hineinarbeiten, permanent darauf gestoßen werden, dass es ja auch viel komplizierter sein könnte? Was ist an diesem Punkt mit der „Macht der Sprache“? Hat da schon jemand drüber nachgedacht?

Resümee
Sprache entwickelt sich weiter. Das kann man als Einzelner nicht aufhalten.
Vermutlich werde auch ich in drei oder fünf Jahren ganz selbstverständlich sprachlich gendern – weil es einfach zum neuen Regelkanon gehören wird (wie die Rechtschreibung).
Ich wollte nur mal meine Meinung vom März 2021 sagen. Und ich weiß, dass das Ganze komplexer ist, als meine paar Anmerkungen hier. Auch ich habe einige Sympathien für die andere Seite.
Freue mich über Zustimmung und Widerspruch.

5 Antworten auf „Gendersprache und Diskriminierung“

  1. Gut und punktgenau geschrieben Frank.
    Ja, die Entwicklung der Sprache kann man nicht aufhalten, dass sehe ich auch so. In manchen Bereichen ist es auch aus der Tradition schwierig siehe Bundeswehr.
    Bin von deinem Schreibtisch begeistert ohne zu „Schmeucheln“. Gruß Klaus

  2. Ich bin da differenzierter Meinung! Durch Sprache werden Gefühle manifestiert und Gefühle werden in Sprache umgesetzt!
    Wenn meine Tennispartnerin von einer „Damenmannschaft“ spricht, verdrehe ich innerlich die Augen… auch, wenn ich auf einem dieser Treffen im Frauenkreis höre: „ Alle Mann reinkommen…“ Alltägliches ist prägender als gedacht …. besser „ als gesagt“! Ich tue mich da auch oft schwer, aber ich schätze jeden Versuch zu gendern mehr als die alltägliche männlich ausgedrückte Selbstverständlichkeit! Ich verurteile es nicht, nicht zu gendern, aber … bzw. UND es wäre schön, wenn es von jeder /m weiterhin versucht würde!
    Ich hatte schon immer was gegen: Es war schon immer so…. Warum soll es nicht so bleiben?!
    Bequemlichkeit! Hätten wir die englische Sprache…. würden wir uns darüber kaum bzw. wenig Gedanken machen, aber es würde uns an feinfühligen sprachlichen und vielseitigen Ausdrucksformen fehlen… Auf die möchte ich auch nicht verzichten!
    Wie schön wäre es, wenn wir beides könnten !
    Nein, ich bin eine Leserin ( – in Mehrzahl verstehe ich mich in Lesende wieder-) und ich gehe zu einer Ärztin und zu meiner Friseurin….. die es nach Jahrzehnten geschafft haben , da zu sein, wo sie sind!
    Ein zukunftsträchtiges Thema!

  3. Ganz ehrlich! Mich nervt die Genderitis! Nicht gewaltig, da ich in meinem Alltag möglichst vermeide, mich damit zu belasten. Vielleicht ein wenig, wenn ich in einer Talkrunde merke, dass ich kurz in meiner Aufmerksamkeit gebremst werde, wenn ich zum Beispiel an dem Wörtchen LeserInnen hängenbleibe und damit die Konzentration auf das Gesagte einen Knacks erhält. Jetzt würde ich auch behaupten, dass dies nicht nur daran liegt, dass es noch fremd für meine Ohren klingt. Es stört die Satzmelodie, es wirkt holprig und künstlich. Ja, ich weiß, das könnte und wird sich wahrscheinlich ändern, je selbstverständlicher es wird. Ja, ich weiß, dass Sprache Gedanken und Gefühle formen kann. Aber tatsächlich erhöht der Krampf, der sich da manchmal einstellt, meiner Erfahrung nach nicht die Toleranz, die Einsicht, das Umdenken. Tatsächlich überdeckt es die eigentlichen Ursachen für Rassismus, Diskriminierung und fehlende emanzipatorische Bewegungen. Die Genderitis beflügelt die intellektuellen, rein gedanklichen Reformbewegungen. So lässt sich trefflich und mit gutem Gewissen auf einer Welle der Gutdenker auf das einfache Volk herabblicken. Das Volk, das zurzeit damit zu tun hat, dass insgesamt 12,1 Prozent nur einzelne Sätze lesen und schreiben können, aber keine zusammenhängenden Texte. Und noch ein kleiner Schwenker zum Thema Sprachentwicklung: In Norwegen sind die frühpädagogischen Fachkräfte angehalten, dafür Sorge zu tragen, dass alle Kinder von der sprachlichen Vielfalt profitieren und mehrsprachige Kinder gezielt ermutigt werden, auch ihre Familiensprachen zu verwenden. So weit ist Deutschland noch lange nicht. Ich weiß, ich schweife ab. Letztendlich bin ich davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft sehr dringend eine Auseinandersetzung zu den Themen Diskriminierung und Chancengleichheit braucht und zwar ein Auseinandersetzung, in der auch Frau Müller aus dem dritten Stock im Hochhausviertel sich angesprochen und sich gesehen fühlt. (Herr Müller natürlich auch). Herrn und Frau Müller ist die Genderitis mit Sicherheit völlig schnuppe, aber Gedanken wie gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, also ob Herr Müller auch für die Kinder zuständig ist oder ob der Nachbar mit der schwarzen Hautfarbe vielleicht auch gerne Sauerkraut isst, da müsste man ansetzen. Ziemlich kompliziertes Arbeitsfeld für Intellektuelle. Ich für meinen Teil werde weiterhin Ch, fragen, ob er schon einen Termin beim Frisör gemacht hat. Wohlwissend, dass hier im Dorf die Rosa Besitzerin und einzig Tätige ist. Die Rosa weiß, wie bedeutend sie für die Menschen aus dem Dorf ist.

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