„Hirnpotentiale“ von Heiko J. LUHMANN

Bewertung: 4.5 von 5.

Das Thema „Gehirn und Bewusstsein“ lässt mich nicht los. Auch wenn ich inzwischen recht sicher bin, dass mir schon weitgehend alles bekannt ist, was man aktuell auf populärwissenschaftlichem Niveau darüber sagen kann: Ich bin jedes mal extrem neugierig darauf, wie andere Autoren an dieses Thema herangehen. Wenn dann noch das heiße Eisen des „Freien Willens“ angesprochen wird, ist es um mich geschehen…

Das Buch von LUHMANN ist erstmal eine faktenreiche und bemerkenswert detaillierte Einführung in die Gehirnwissenschaften. Trotz der Kompaktheit der Darstellung werden strukturelle und funktionale Eigenschaften des Gehirns auf Fachbuch-Niveau abgehandelt. Dabei tragen nicht zuletzt die zahlreichen Abbildungen dazu bei, dass man als Leser/in sozusagen mit Riesenschritten in die Tiefe und Aktualität von Methodik und Erkenntnisstand vordringt. Diesem Buch bzgl. der Vermittlung von Faktenwissen Oberflächlichkeit vorzuwerfen, würde Zweifel an den Hirnfunktionen des Kritikers hervorrufen…
Nicht nur der Titel des Buches ist klug gewählt (ein schönes Wortspiel) – auch den Untertitel muss man ernst nehmen: Es geht LUHMANN nämlich nicht darum, auf einer nebulösen Basis weitreichende Spekulationen über das große Rätsel „Bewusstsein“ zum besten zu geben: Es geht ihm tatsächlich darum, ganz in Ruhe die (biologischen, evolutionären, strukturellen und physiologischen) Grundlagen darzustellen, auf denen Bewusstseinsprozesse nun mal zweifellos aufbauen. Das gibt im die Möglichkeit, abstraktere Überlegungen immer wieder darauf zu beziehen, also zu „erden“.

Nun erwartet man von diesem Buch natürlich auch Antworten auf die großen, die existenziellen Fragen: Lassen sich Bewusstseinsinhalte naturwissenschaftlich aus neuronalen Prozessen ableiten? Folgt daraus, dass wir unser Menschenbild verändern müssen, weil unser ICH nur ein (interessantes) Beiwerk unserer biologischen Determiniertheit ist – mit all den Konsequenzen für so beliebte Konzepte wie Willensfreiheit, Verantwortung und Schuld?

Und tatsächlich robbt LUHMANN sich an diese Themen heran. Er verändert an diesem Punkt ein wenig seine Didaktik und seinen Schreibstil: War er zunächst der (all)wissende Experte, nimmt er hier die Leserschaft mit, bezieht sie ein in die Einschätzungen rund um die biologische Erklärbarkeit von Bewusstsein bei Mensch und Tier.
Vorbildlich ist auch in diesem Teil des Buches die Strukturierung der verschiedenen Themen: Der Autor macht deutlich, wie wichtig es gerade bei den „großen“ Fragen die Klärung ist, von welcher Begriffsdefinition man ausgeht (z.B. beim „Freien Willen“).

LUMANN geht ausführlich auf die kontrovers diskutierte Frage ein, ob mit den – inzwischen zum Allgemeingut gewordenen – Experimenten von LIBET u.a. („das Gehirn fällt unsere Entscheidungen, bevor WIR sie kennen“) das Konzept der Willensfreiheit endgültig widerlegt wurde.
Seine Antworten sind zwar für einen Hirnforscher nachvollziehbar, befriedigen aber nicht ganz. Er macht keinen ernsthaften Versuch, die experimentellen Befunde auf Mikro-Ebene mit all den zusätzlichen (auch von ihm genannten) Faktoren – wie Umwelt, Sozialisation, erworbene psychische Strukturen – zu verbinden. Er erkennt diese Einflussfaktoren auf unsere Entscheidungen zwar an, kommt aber nicht auf die Idee, dass dies auch prägende und determinierende Kräfte sind, die ganz unmittelbar die „Freiheit“ des Willens betreffen und begrenzen. Hier stellt es sich dann doch als ein Nachteil heraus, dass LUHMANN nicht die spannende Integration philosophischer und (neuro)psychologischer Sichtweisen repräsentiert (wie z.B. ROTH und METZINGER).

Was bleibt ist ein absolut empfehlenswertes Sach-/Fachbuch über eines der spannendsten Themen des Menschseins. Selbst wenn man sich nicht auf jede Verästelung der dargestellten Grundlagen einlässt (was wirklich anspruchsvoll wäre), bleibt ein überzeugender Eindruck von den erstaunlichen Differenziertheit und Tiefe der Erkenntnisse. Sympathisch ist, dass dies bei LUHMANN keineswegs zu einer euphorischen Zukunftsgläubigkeit oder Selbstüberschätzung führt: Er macht immer wieder auf die Grenzen der wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten hin und bewahrt gegenüber seinem Forschungsgegenstand eine gewisse „Demut“.
Ein fasst perfektes Buch – wenn man darüber hinwegsieht, dass der Autor sich beim „Freien Willen“ doch etwas verhebt und hinter seinen sonstigen Ansprüchen ein wenig zurückbleibt.

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