„Nachts im Internet“ von Stephen LAW

Bewertung: 3.5 von 5.

Eine nette Idee und ein kreativer Titel, der ins Auge springt: Mit welchen existenziellen Fragen schlagen sich (schlaflose, neugierige oder einsame) Menschen herum, wenn sie nachts im Internet nicht nach Erotik-Seiten suchen?
Der Autor hat tatsächlich die großen Fragewörter (Was? Warum? Sollte man?) eingegeben und ist auf eine Menge Sätze gestoßen, die schon seit Jahrtausenden Denker aller Kulturen beschäftigt haben. Was lag also näher, als eine Reihe (45) solcher Fragen auszuwählen und sie auf eine spezielle Art zu beantworten – fertig war das Buch!

Entstanden ist so eine Mischung zwischen einer (unsystematischen) Einführung in die Philosophie, einem Selbsthilfe-Ratgeber und einer Darlegung persönlicher Lebensweisheiten, die insgesamt auf einer logisch-empirischen Grundlage, also auf „gesundem Menschenverstand“ basieren.

Der Stil des Buches ist freundlich zugewandt, vielleicht ein bisschen „onkelhaft“-besserwissend; aber an keiner Stelle unsympathisch.
LAW liebt es, zunächst ein bisschen provokant zu sein: Mit einer oft entwaffnender Direktheit stellt er Erwartungen oder Ansprüche in Frage („Warum sollte guten Menschen denn kein Unheil widerfahren?“) oder entlarvt bestimmte religiöse Vorstellungen (Himmel und Hölle) als allzu abwegig und widersprüchlich.
Nach diesem ersten Schritt (der Desillusionierung) verlagert er die Fragestellung auf eine philosophische Ebene und bezieht sich für jedes Thema zumindest auf einen (bekannten) Denker, für den das Thema besonders typisch erscheint. Geliefert wird eine kurze, sehr verständliche Einführung in die betreffenden Kernaussagen.
Am Ende der kurzen Kapitel greift dann der Autor selbst ein, verbindet, glättet und relativiert und endet meist mit einem offenen Ende – denn grundlegende existenzielle Fragen haben nun mal die spezielle Eigenschaft, kaum abschließend und allgemeingültig beantwortbar zu sein.
Insgesamt wirkt das ganze aufklärerisch und anregend, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen.

Der (fast psychologische) Selbsthilfe-Anteil ist in den Fragen zu finden, die sich mit der eigenen Person (und deren Unzulänglichkeiten) auseinandersetzt (z.B.: „Bin ich ein schlechter Mensch?“): Hier sind die Antworten tröstend und aufbauend – ebenfalls auf der Grundlage von Relativierungen, Differenzierungen und logischen Einsichten.

Man muss diese insgesamt eher „seichte“ Art mögen. Das Buch ist leicht zu lesen, überfordert nicht. Zwar betätigt sich der Autor durchaus als kritischer Geist und regt zum Gebrauch von Logik und Vernunft an – aber so richtig in die Tiefe kann dieses Konzept natürlich nicht führen – und dafür wurde es ganz sicher auch nicht geschrieben.

Jedem User, der tatsächlich nachts diese Fragen (Wer bin ich? Warum ist das Leben so schwer?) in eine Suchmaschine eingibt (es muss nicht immer google sein), sei dieses Buch wärmstens empfohlen: Die dort humorvoll aufbereiteten Antworten geben mit Sicherheit mehr Orientierung und Gedankenfutter als der Wust von unsortierten und z.T. kommerzialisierten Links.
Man sollte allerdings keinen systematischen einen Einstieg in die Philosophie erwarten und wird vielleicht das ein oder andere Kapitel-Schlusswort doch als ein wenig zu banal empfinden.

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