„Jaffa Road“ von Daniel SPECK

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Nahost-Konflikt begleitet die Menschheit inzwischen seit drei Generationen. Was unter der britischen Besatzung Ende der 40-ger Jahre begann, wird auch heute noch auf die jeweils neuen Weltpolitiker als ungelöstes Problem vererbt.
Daniel SPECK widmet dieses Buch dieser spannungsgeladenen Region, die heute überwiegend israelisches Staats- bzw. Einflussgebiet ist. Sein Medium ist ein Familienroman, in dem der Protagonist – ursprünglich ein deutscher Soldat – auf beiden Seiten lebte und liebte. Seine drei Liebesbeziehungen (und damit verbundenen familiären Netze) öffnen dem/der Leser/in die Innenperspektive einer jüdischen und einer palästinensischen Weltsicht. Hier geht es nicht um Parolen und Ideologie, sondern in erster Linie um Emotionen, um Alltagsleben und gewonnene bzw. verlorene Heimat.

Das komplexe Geflecht des um die Biografie des Deutschen geflochtene sozialen Netzes bildete schon im Vorläufer-Roman („Picola Sicilia“) die Basis für die komplexen zeitgeschichtlichen und persönlichen Ereignisse. Der geografische Schwerpunkt hat sich in diesem zweiten Roman von Tunis nach Israel bzw. Palästina verschoben. Die Geschichte ist unabhängig von dem ersten Text verständlich: SPECK lässt alle für das Verständnis der Zusammenhänge notwendigen Informationen in gut dosierter Form einfließen.
(Dass dies gut gelungen ist, kann ich insbesondere deshalb beurteilen, weil ich den zweiten Band, also Jaffa Road, zuerst gelesen habe).
Die Verbindung zur Gegenwart wird durch eine zweite Zeitebene vollzogen: In einer Rahmenhandlung sind zwei Frauen (eine Tochter und eine Enkelin aus zwei verschiedenen Familienzweigen) damit befasst, die Hintergründe des Ablebens ihres Vaters bzw. Großvaters zu erkunden.

Den meisten historischen Familien-Romanen ist anzumerken, ob sie eher zeitgeschichtliches Wissen mit dem Medium der Personalisierung vermitteln wollen, oder ob der historische Hintergrund nur als (letztlich austauschbare) Kulisse für eine Saga dient.
Bei SPECK ist eine solche Zuschreibung kaum möglich, da er sich beiden Seiten mit der gleichen Akribie widmet. Die persönlichen Schicksale, die Leidenswege und Verluste – ebenso wie die (kurzen) glücklichen Phasen – sind untrennbar mit den Folgen des zweiten Weltkrieges für den Nahen Osten verbunden. Zeitgeschichte definiert und determiniert die menschlichen und beziehungsmäßigen Prozesse – und gleichzeitig treffen Menschen in all ihrer Individualität persönliche Entscheidungen, die ebenso schicksalhaft sind.

Dem Autor gelingt es in beeindruckender Weise, sowohl die palästinensische als auch die jüdische (israelische) Perspektive des scheinbar unlösbaren Konflikts nachfühlbar zu machen. SPECK ist ganz nahe an den Menschen; seine Figuren leben nicht nur in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, sondern die Umstände durchdringen den Kern ihres Daseins, ihr Hoffen, Bangen und Leiden.

SPECK beschreibt nicht nur die großen Gefühle – Liebe, Hoffnung, Entwurzelung, Verzweiflung – sein Schreiben selbst ist voller intensiver Emotionalität. Er hat ganz offensichtlich keine Angst davor, dass einzelne Formulierungen als zu „aufgeladen“, „zu pathetisch“ empfunden werden könnten.
Wenn man bereit ist, sich von der Geschichte (im doppelten Sinne des Wortes) einfangen zu lassen, dann erlebt man diese sprachliche Dichte und Intensität als absolut stimmig und als eine besondere Qualität dieses Romans.

Ein tolles Leseerlebnis! Es war geradezu unvermeidlich, sofort den Vorgängerband nachzulegen. Nicht, weil es zum Verständnis notwendig gewesen wäre, sondern weil man von diesem Erzähler und dieser Erzählung einfach nicht genug kriegen kann.

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