„Komisch, alles chemisch“ von Mai Thi NGUYEN-KIM“

Bewertung: 4 von 5.

Dieses Buch scheint selbst eine Art Experiment zu sein – kein chemisches, aber ein pädagogisch-psychologisches. Die Ausgangsfrage: Wie weit kann man die Schwelle senken, die „normale“ (eher junge) Menschen davon abhält, sich freiwillig mit der Wissenschaft Chemie zu befassen?
Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalisten NGUYEN-KIM stellt mit ihrem Buch einen ernsthaften Rekordversuch auf die Beine.

Die Autorin verpackt ihre „Einführung in die Chemie“ in die Darstellung ihres Alltagslebens. Man erfährt eine Menge über ihren Tagesablauf, ihre Vorlieben und ihr soziales Umfeld. All das braucht man nicht, wenn man ausschließlich an der Sache interessiert ist.
Doch es geht hier um eine Mission: Wissenschaft soll trendy werden, konkret erfahrbar im täglichen Umfeld, positiv besetzt, mit einem Wort: cool!

Abgeholt werden die Lesenden dort, wo ihnen – oft nicht bewusst – Chemie jeden Tag begegnet: bei ihren emotionalen Reaktionen, beim Handy-Akku, beim Kochen bzw. Backen, bei Kaffee und Alkohol. Die Message: „Alles ist Chemie!“
Zwischendurch verliert NGUYEN-KIM gerne mal ihre Spezialgebiert ganz aus den Augen und wirbt engagiert für das wissenschaftliche Denken und Forschen ganz allgemein.

Locker und wie selbstverständlich wechselt die Autorin zwischen den Banalitäten und Tücken der alltäglichen privaten Routinen und einer – dann doch plötzlich recht handfesten – Faktenvermittlung. Plötzlich tauchen typisch-chemische Fachbegriffe und Struktur-Zeichnungen auf; einige Grundprinzipien des Periodensystems oder z.B. des „Bindungsverhaltens“ von bestimmten Molekülen (und ihren Außenelektronen) werden erläutert. Wenn man davon profitieren will, muss man den Lese-Stil eindeutig anpassen (also abbremsen).
Aber die nächste Erholungspause ist nicht weit – und wenn es das Lästern über einen neuen Nerd-Kollegen der Freundin ist.

Man muss also wissen, was man will. Das Buch richtet sich vom Stil der Ansprache ganz eindeutig an ein junges Publikum, dem die angebotenen Motivationshilfen den Weg zum Schnuppern an der Chemie eröffnen könnten. Erwartet werden kann am Ende eher eine Einstellungsveränderung als ein echter „Grundkurs“; aber auch das wäre ja ein Erfolg.
Für etwas ältere oder gezielt an Wissensvermittlung interessierte Menschen wäre das Buch wohl eher ein Fehlkauf. Da wäre die Schwelle dann doch ein bisschen zu niedrig…

Das aktuelle Nachfolge-Buch („Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit„) geht vom Anspruch und von der Ansprache deutlich über das hier besprochene Buch hinaus.

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