„Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“

800 Seiten über Resonanz – was soll das bringen?
Bei mir hat dieses Buch enorm viel Resonanz ausgelöst. Es hat sozusagen seine eigene Theorie im Kontakt mit mir entfaltet und untermauert. Seitdem macht es mir noch mehr Vergnügen, die Welt unter Resonanz-Perspektiven zu betrachten.
Ich war für dieses Buch ein besonders geeigneter geeigneter und motivierter Leser: Habe ich doch (zusammen mit meiner Co-Autorin) gerade in den letzten Monaten ein „Resonanzraum-Modell“ für Liebesbeziehungen entwickelt. Und dann diese 800-Seiten Dröhnung; was für ein Geschenk!
Doch ich will ja nicht von mir erzählen, sondern davon, was dieses Buch auch Lesern ohne diese Vorgeschichte geben kann.

Ich hole ein wenig aus (bei dieser Seitenzahl ist das vielleicht erlaubt).
Warum – so könnte man fragen – sind nach einem Psychologen-Berufsleben die Nachbardisziplinen Philosophie und Soziologie so spannend?
Es ist die andere (erweiterte) Perspektive. Die Soziologie akzeptiert zwar die Wirkmechanismen der individuellen Psyche (ohne die sie auch nicht auskommt), betrachtet aber die gesellschaftlichen Bedingungen und Einflüsse auf die Lebensbedingungen bestimmter Gruppen von Menschen, die sich dann in typischer Weise in den einzelnen Individuen entfalten und zu bestimmten Einstellungen oder Handlungen (natürlich auch zu Störungen und Leid) führen.
(Die Philosophie guckt sich das Ganze aus einer noch höheren Perspektive an; das soll hier nicht weiter interessieren).

Soziologen bieten gerne theoretische Analyse-Schablonen an, mit deren Hilfe sie komplexe historische und gesellschaftliche Phänomene betrachten, ausleuchten und damit auch ein wenig erklären. Es ist erst wenige Monate her, dass ich eine solche Betrachtung der „Moderne“ unter der Überschrift „Singularitäten“ gelesen habe. Auch das war sehr anregend und erhellend.
Nun heißt diese Analyse-Brille also „Resonanz“. Natürlich können beide (und viele andere) solcher Perspektiven nebeneinander stehen. Theorien sind ja nicht „richtig“ oder „falsch“; sie sind nur mehr oder weniger nützlich für Verständnis und politische Schlussfolgerungen.
Warum die Resonanztheorie auf dieser Liste ab sofort ziemlich weit oben steht, will ich kurz ausführen.

Resonante Beziehungen sind für ROSA sehr erstrebenswert. Sie beinhalten einen lebendigen Austausch, in dem beiden „Seiten“ zu einem Geschehen so beitragen, dass man sich (und das Gegenüber) auf verschiedenen Kanälen spürt. Es kommt etwas zum „Klingen“, das mehr ist als die Summe der Einzeltöne, aber auch mehr als ein zurückgeworfenes Echo. Solche (befriedigende, sinnerfüllte) Beziehungen sind nicht nur zu anderen Menschen möglich (in Extremausprägung als wechselseitige Liebe), sondern auch zu Gegenständen (z.B. einem bearbeiteten Werkstück oder einem Kunstobjekt), zur Natur, zu Gott oder auch zu bestimmten Idealen und Konzepten. Auch wenn solche anonymen bzw. nicht-lebendigen Gegenüber nicht tatsächlich etwas „Objektives“ in die Beziehung einbringen, fühlt es sich doch für den Menschen so an, als ob es eine spürbare Resonanz gäbe (so kann man z.B. ein anspruchsvolles Buch als ein Gegenüber ansehen, dass sich zwar als ein wenig sperrig erweist, dann aber doch in das eigene Denken Eingang findet – ohne darin völlig aufzugehen).
Etwas klarer wir das Konzept, wenn man im Kontrast „nicht-resonante“ (entfremdete) Beziehungen anschaut: Diese sind eher „kalt“, „instrumentell“, auf Kontrolle, Beherrschen, Berechnung und Nutzen ausgerichtet.
Beispiel: Während ein Tischlermeister in seiner eigenen Werkstatt mit dem Werkstoff Holz in einer (multi-sinnlichen) resonanten Beziehung steht (diese Tätigkeit ihm also Sinn, Selbstwirksamkeit, usw. schenkt), wird ein Fließbandarbeiter in einer Möbelfabrik möglicherweise seine Arbeit weit weniger erfüllt erleben (vielleicht hat aber der Ingenieur und Erfinder der Maschine eine resonante Beziehung zu dem stählernen Ergebnis seiner Kreativität bzw. Berechnung).

In seinem Buch setzt ROSA also die Resonanz-Brille und guckt sich die Welt an auf der Suche nach förderlichen oder hinderlichen Bedingungen für Resonanz an – in Familie, Beruf, Kultur, Religion, aber auch zum eigenen Körper oder zur Natur.
Dabei betreibt der Autor keine Schwarz-Weiß-Malerei; es geht oft um Nuancen, es gibt Widersprüche, auch die eher technokratischen Weltbeziehungen werden gewürdigt (in Technik und Medizin) und nicht etwas in romantisch-verklärter Weise verteufelt.

Als zusätzlichen Service bietet ROSA so ganz nebenbei eine Reise durch die soziologischen Strömungen der letzten 250 Jahre – immer auf der Suche nach Übereinstimmungen mit (und Kontrasten zu) seiner Resonanz-Theorie.
Um es mal zurückhaltend auszudrücken: Dabei wird man nicht gerade dümmer!
Dass dabei die eigene Theorie nicht besonders schlecht abschneidet, sei dem wirklich hochintelligenten und extrem belesenen Autor zugestanden – schließlich hat er mit Sicherheit eine extrem resonante Beziehung zu seiner Resonanz-Theorie.

Das Buch spricht einen nicht nur theoretisch an; man findet sich auch in seinen alltäglichen Bezügen wieder. Seine Ausführungen über das unerfüllbare Versprechen, die ersehnte Resonanz im immer weiter gesteigerten Konsum zu finden ist genauso unmittelbar plausibel wie die These, dass es auch in Liebesbeziehungen nur so lange echte Resonanz geben kann, wie das Gegenüber eben nicht vollständig kontrolliert, berechenbar, und instrumentalisierbar geworden ist. Einen Partner sozusagen als Besitz zu „haben“ ist das Gegenteil von Resonanz.
Einleuchtend ist auch, dass Lebensbedingungen, die mit Unterdrückung, Angst, Entbehrung oder Gewalt belastet sind, kaum resonante Weltbeziehungen zulassen (außer viellicht in kleinen, sehr privaten Inselräumen).

Für mich hat das Resonanz-Buch die von mir geschätzten „Singularitäten“ (von RECKWITZ) überflügelt. Das liegt nicht zuletzt an der leichteren Lesbarkeit. Zwar hat auch ROSA ein Fachbuch geschrieben; die Zugangsschwelle für interessierte Laien ist aber erfreulich niedrig (es ist trotzdem keine Gute-Nacht-Lektüre).
Ich würde jeden Thriller oder jeden Weltklasse-Roman für das nächste Buch dieser Art liegen lassen. Denn Weltverstehen ist so ziemlich das Spannendste, was die Welt bieten kann.

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