„Über den Menschen“ von Gerhard ROTH

Bewertung: 5 von 5.

Wer sich – wie der Autor – seit Jahrzehnten als Philosoph auch in der vordersten Linie der Neurowissenschaftler aufhält, hat einiges „Über den Menschen“ zu sagen. Dankenswerter Weise hat ROTH seine Erkenntnisse und Gedanken in diesem gut lesbaren Buch zusammengefasst und für den interessierten Laien in genießbarer Form aufbereitet.
Schon der das Cover strahlt Understatement aus: Hier will offenbar niemand effektvoll auf der Hirnforschungswelle surfen; es geht ROTH um eine strukturierte und unaufgeregte Gesamtsicht über den Stand der Wissenschaft vom Menschen.
Man könnte es kurz so formulieren: ROTH lotet in diesem Buch aus, in welchem Umfang philosophische und psychologische Grundfragen inzwischen durch die Neurowissenschaften entscheidend (mit-)beantwortet werden können.
Und (Überraschung!) – sie können es in einem erstaunlich großen Umfang!

Dieses Buch bietet jede Menge geistiges Futter für wissensdurstige und denkfreudige Gehirne:
Philosophen werden bei ihrem Lieblingsthema „Dualismus“ abgeholt (also der Fragestellung, ob es eine geistige Welt außerhalb der physikalischen Gesetzmäßigkeiten gibt). ROTH führt die geballten Forschungsbefunde der letzten Jahrzehnte ins Feld, die jede prinzipielle Lücke zwischen tierischem und menschlichem Bewusstsein genauso schließen wie jene, die sich vermeintlich zwischen Gehirnaktivität und geistigen Phänomenen auftun könnte. Die Befunde sind inzwischen überwältigend klar: Gehirn und Geist sind das Gleiche; das Gehirn ist keineswegs nur das Werkzeug der geistigen Kräfte. Unser Bewusstsein ist den Gehirnprozessen nicht vor- , sondern nachgeschaltet. Der Naturalismus ist auf der Siegerstraße (und doch warnt ROTH vor pauschalen Übertreibungen).
Den Psychologen wendet sich ROTH bei ihren Persönlichkeits-Theorien zu. Er bietet ihnen als Alternative zu ihren (auf Fragebogen basierenden) Faktorenmodellen nicht mehr und nicht weniger als ein hirnphysiologisch basiertes Persönlichkeitsmodell an. Doch auch die Bereiche Motivationspsychologie und Intelligenz werden ausführlich betrachtet.
Auch Sozialwissenschaftler fühlen sich sicher angesprochen, wenn ihre Befunde über Auswirkungen bestimmter frühkindlicher Sozialisationsbedingungen auf der Ebene von Hirnentwicklung und damit verbundenen hormonellen Regulationssystemen diskutiert wird.
Selbst Biologen, speziell Genetiker, werden sich für die neuesten Befunde zur Epigenetik (was lässt die Gene wirksam werden?) interessieren. Aus dem – schon reichlich komplizierten – Zusammenspiel zwischen Erbmaterial und Umwelt ist nämlich inzwischen ein Dreifaktoren-Modell geworden – mit der Epigenetik als gleichberechtigter Mitstreiterin.
Soziologen und Politologen (sicher auch Juristen) werden sicher (zusammen mit den Philosophen) genau hinhören, wenn es um die Gültigkeit von Grundkonzepten wie Willensfreiheit, Verantwortung und Schuldfähigkeit geht.

Man erstarrt fast gegenüber der Gewichtigkeit als dieser Themen und Fragen.
Aber: ROTH ist kein Eiferer und kein Indoktrinator. Sein Ton ist verbindlich, auch wenn manche Schlussfolgerungen nicht mehr viel Raum für Kompromisse lassen. Das Buch ist durchweg von der Gelassenheit des Überlegenen getragen – für manche mag das selbstgewiss oder gar arrogant wirken.
Man muss schon sagen: Es ist ein sehr großer Wurf, der hier gewagt wird. Man kann und darf nicht erwarten, dass jeder diskutierte Zusammenhang schon zweifelsfrei empirisch unterlegt ist. Es gibt sicher Bereiche, in denen die hirnphysiologische Untermauerung zunächst einmal theoretisch Sinn macht und der Erklärungsabstand zwischen den beobachtbaren Phänomenen (z.B. Verhalten) und den neurologischen Strukturen und Prozessen noch recht weit ist. Aber – und das wird mehr als deutlich – der Zug ist nicht aufzuhalten!

Trotz der Masse an strukturiert aufbereiteter Information kommt das Buch ganz ohne Tabellen oder Grafiken aus; selbst auf schematische Darstellungen zum Gehirnaufbau wird ganz verzichtet. Man könnte fast sagen: Es ist ein naturwissenschaftliches Buch in geisteswissenschaftlichen Gewand, ganz gewiss kein Buch für Scheuklappen-Wissenschaftler (die ROTH übrigens auch unter den Neuro-Experten vorfindet).

Dieses extrem anregende Buch unterstreicht eindrucksvoll, dass die „großen“ Fragen des Menschseins nicht mehr sinnvoll ohne die Beiträge der Neurowissenschaften beantwortet werden können.

Eine Antwort auf „„Über den Menschen“ von Gerhard ROTH“

  1. Eine Informative und positionierende Rezension! Jetzt gerade gelesen, im „Abklingbecken“ nach meiner zweiten Impfung.
    Dirceine schönen Restfeiertag, lieber Frank!
    Werner

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