„Klara und die Sonne“ von Kazuo ISHIGURO

Bewertung: 3.5 von 5.

Es ist ein wahrhaft literarischer Zugang zum Thema „KI in Menschengestalt“. Wir haben es hier nicht mit einem typischen Science-Fiction-Roman zu tun (bei dem oft die technische Seite ein große Rolle spielt). ISHIGURO legt eher ein sperriges Buch über die Interaktion der beiden Welten vor, das erobert werden möchte.
Das hat seinen Preis…

Die Geschichte wird aus Sicht einer Roboterin erzählt, die zunächst im Laden darauf wartet, ausgesucht und gekauft zu werden. Das verschafft dem Leser die Gelegenheit, die junge „Frau“ kennenzulernen, bevor sie ihren bestimmungsgemäßen Einsatz hat.
Es handelt sich nämlich um ein weit entwickeltes KI-System, das auch Ich-Bewusstsein und Selbstreflexion zu seinen Kompetenzen zählen kann. Daran muss man sich ja erstmal gewöhnen…
Um die Menschenähnlichkeit etwas zu dosieren, baut der Autor einige Besonderheiten ein. So stößt man immer wieder auf die speziellen Wahrnehmung von optischen Strukturen und die extreme Affinität zur Sonne (die ganz offensichtlich noch mehr als eine energiespendende Bedeutung hat). Ebenfalls ist auffällig, dass der Protagonistin (also Klara) einige spezifische Aspekte ihrer menschlichen Umwelt nur mühsam zugänglich sind (das merkt man an den von ihr geprägten Kunst-Begriffen), während sie andere ganz selbstverständlich und perfekt beherrscht . So sind sie halt, die Menschen-Maschinen (oder Maschinen-Menschen?)…

Die eigentliche Geschichte spielt dann in einem – von der Umgebung ziemlich abgeschotteten – familiären Setting, das aus dem jugendlichen Mädchen (dessen Alltagsbegleitung Klaras Job ist) und ihrer Mutter besteht (eine ältere Schwester ist leider zu Tode gekommen). Bedeutsam sind aber auch die Nachbarn: Hier lebt – ebenfalls nur mit seiner Mutter – ein passender Junge, mit dem schon früh so etwas wie „ein Bund fürs Leben“ geschlossen wurde.
Vermutlich wird sich niemand wundern, dass die Sache dann doch nicht so einfach ist…

Nun soll hier natürlich nicht die Story zusammengefasst werden. Wichtiger erscheint mir anzudeuten, auf welche Grundsatzthemen man sich bei diesem Buch einlässt.
Natürlich geht es irgendwie um das Zusammenspiel von programmierter „Persönlichkeit“ und normalen Menschen. Das Ganze aus der fremden (Außen-)Perspektive zu beschreiben, schafft natürlich eine grandiose Chance, den Blick gerade auf solche menschlichen Eigenarten zu werfen, die dem eigenen Auge sonst (wegen ihrer Selbstverständlichkeit) verborgen bleiben.
ISHIGURO spielt dabei auch mit den Optionen zukünftiger Technologie und ihrer denkbaren gesellschaftlichen Auswirkungen; kaum jemand wird bezweifeln, dass dies mit warnender Absicht geschieht.

Woran man sich gewöhnen muss, ist der besondere Erzählstil des japanischen Nobelpreisträgers. Er schafft mit der Ausgangskonstellation eine faszinierende Grundlage für geradezu unendliche spannende und erhellende Verwicklungen. Statt aber solche Handlungsfäden zu spinnen, beißt er sich geradezu fest an einem Aspekt der inneren Klara-Welt, die eher seinem Bedürfnis nach symbolischen Bildern Rechnung trägt als der Erwartung der Leser.
ISHIGURO bleibt auf einmal gewählten Spuren und kostet sie – seien sie auch noch so speziell – mit einer manchmal sehr redundant wirkenden Gründlichkeit aus. Mit diesem Eintauchen in eher symbolische oder surreale (Neben-)Aspekte nimmt der Autor der Geschichte auf der einen Seite die realitätsbezogene Dynamik, gibt ihr andererseits natürlich eine literarische Eigenwilligkeit (die man gerne dann als „große Kunst“ bewerten mag).

Mir hätte eine etwas gradlinigere Umsetzung der faszinierenden Grundidee wohl besser gefallen. Mit einer etwas anderen Form von Fantasie und Schreibstil hätte aus diesem Buch noch viel mehr werden können. Ein wenig wünsche ich mir, dass einige andere Autoren sich dieser Aufgabe widmen mögen.

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