„In die Arme der Flut“ von Gerard DONOVAN

Bewertung: 4.5 von 5.

Dies ist eine Rezension über ein Buch, das mich schon während des Lesens veranlasste, mir auf der Stelle zwei ältere Werke dieses Autors zu bestellen. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich den brandaktuellen Roman von DONOVAN in zwei Tagen verschlang.
Damit ist eigentlich alles gesagt…

In einem fulminanten Auftakt von ca. 50 Buchseiten zieht uns der Autor ohne Vorwarnung in eine auf allen erdenklichen Ebenen aufgewühlte Situation. Es ist ein Start wie ein Finale, ein Einstieg wie ein Show-Down.
Sprachgewaltig bis zum Bersten schildert uns DONOVAN eine innere (psychologische) und äußere (naturhafte) Aufruhr: Ein Mann (der Protagonist „Luke“) steht auf einer Brücke und nähert sich millimeterweise dem beschlossenen Selbstmord. Parallel zum emotionalen Strudel wird die Dynamik des 35 Meter darunter gurgelnden Wassers und die aufziehende Nebelwand auf eine Art sprachlich dramatisiert, die einem den Atem nimmt.
Wie von Zauberhand gelingt es dem Autor, in diesen fast unerträglichen Spannungsbogen noch die ersten Fäden des erzählerischen Kontextes unterzubringen.
Kann man so eine Dichte über ein ganzes Buch halten?

DONOVAN kann. Zwar gibt es ruhigere Passagen in dem Text – aber die elementare Wucht der sprachlichen und erzählerischen Dynamik holt einen immer wieder ein.
Am Ende des Buches spürt man eine fast körperliche Erschöpfung.
Es geht viel um die Kraft des Wassers, in diesem Roman. Auch als Leser/in hat man das Gefühl, abwechselnd auf einer Welle zu reiten oder in die Tiefe gezogen zu werden. Am Ende wird man an den Strand gespült und muss sich erstmal erholen.

Das Buch ist ein Psychogramm und ein Soziogramm zugleich.
Es handelt von verletzen Seelen, von fehlenden Bindungen, von Todessehnsüchten. Man begegnet gescheiterten Menschen in tragischen Verstrickungen. Kunstvoll werden dabei aktuelle und frühere Geschehnisse miteinander verwoben.
Eingebettet sind diese Schicksale in einen sozialen und wirtschaftlichen Rahmen von Niedergang und Hoffnungslosigkeit. Die Brücke ist ein Symbol für das Scheitern – denn sie hat keine andere Funktion als immer wieder Schauplatz für Suizide zu sein.
Dass in dieser depressiven Grundstimmung auf einmal ein Heldentat vollbracht wird, schlägt ein wie ein Blitz. Die Menschen und die Medien wollen eine Lichtgestalt zelebrieren und sich in dessen Glanz sonnen. Doch Luke eignet sich nicht als Ikone – auch diese Chance endet letztlich tragisch.

Das alles wäre für einen 300-Seiten-Roman, der sich an erster Stelle durch seine Sprachkunst auszeichnet, schon mehr als genug. Doch DONOVAN leuchtet weitere Facetten aus: Die Scheinwerfer werden auf die chronisch überdrehte mediale Vermarktung und auf die skrupellose politische Instrumentalisierung der Ereignisse gerichtet.
Der Autor arbeitet mit beißender Konsequenz heraus, wie gleichgültig beide Maschinerien den tatsächlichen menschlichen Hintergründen gegenüberstehen. Die damit verbundene Verantwortungslosigkeit führt unaufhaltsam zu weiterem Unheil…

Es mag der Eindruck entstanden sein, dass dieses Buch die Leser/innen eher „runterzieht“. Tatsächlich gibt es wenig Grund zu Hoffnung und Leichtigkeit in dem Leben der Romanfiguren. Auch die Einblicke in die medialen und politischen Systeme verbreiten nicht gerade Optimismus.
Trotzdem vermittelt dieser „starke“ Roman eine große Portion Lesegenuss. Er ist das krasse Gegenteil von seichter Lektüre. Intensität ist sein Markenzeichen.
Ein energiegeladenes Meisterwerk!


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