„The Hidden Spring“ von Mark SOLMS

Bewertung: 5 von 5.

Das Lesen dieses Buches markiert einen weiteren Schritt auf meinem Weg, die Zusammenhänge zwischen dem Gehirn (als Teil der physikalisch-materiellen Natur) und dem (Ich-)Bewusstsein (als Basis des menschlichen Selbsterlebens) zu ergründen und die – vermeintliche – Lücke zwischen beiden zu schließen. Vorausgegangen war die Beschäftigung mit EAGLEMAN („The Brain“, „Livewired“ ). METZINGER („Der Ego-Tunnel“), KOCH („Bewusstsein“ ) , DENETT („Von den Bakterien zu Bach – und zurück“) und ROTH („Über den Menschen“).
Das Thema ist nicht nur wissenschaftlich reizvoll, sondern von grundsätzlicher Bedeutung für philosophische Betrachtungen über die Welt und den Platz des Menschen darin.

Wie man aus der Auswahl der Autoren (wirklich alles Männer) erschließen kann, setzt eine angemessene Auseinandersetzung mit einem der „letzten ungelösten Rätseln“ des Menschseins einen fächerübergreifenden Zugang voraus; ein Teil der Kompetenz liegt dabei zwangsläufig im Bereich der Hirnforschung/Neurowissenschaft.
Bei SOLMS ist das zweite Standbein nicht die Philosophie, sondern die Psychoanalyse. Ein Teil seiner Motivation, sich dem o.g. Forschungsgegenstand in dieser Totalität zu verschreiben, war die frühe Überzeugung, dass FREUD in seinen frühen neurologischen Studien (aber auch mit einigen seiner theoretischen Konzepten) bereits sehr weitsichtige Grunderkenntnisse erworben und formuliert hat. Das Bestreben, psychoanalytische (FREUDsche) Thesen neurologisch zu untermauern, beeinflusst aber in keiner Weise den (eindeutig naturwissenschaftlichen) Charakter dieses Buches. Für ihn ist jedoch eine Bewusstseinsforschung ohne die Einbeziehung der psychologischen Erlebnisqualitäten völlig unakzeptabel.

SOLMS legt – in didaktisch absolut überzeugenden Form – ein Gesamtkonzept über die neurologische Grundlagen des Bewusstseins vor. Er tut dies in kleinen, logisch aufeinander aufbauenden Schritten, setzt dabei nicht nur auf Labor-Experimente, sondern findet immer wieder hilfreiche Analogien aus dem Alltag und gibt Anregungen für eigene kleine „Erfahrungsübungen“.
Auch wenn es an einigen Stellen wissenschaftlich-theoretisch echt in die Tiefe geht (bis zu gelegentlich auftauchenden Formeln), wird man als Leser/in doch sofort wieder mitgenommen. SOLMS unterlässt es an keinem Punkt, seine Schlussfolgerunen (meistens mehrfach) in Alltagssprache zu übersetzen. Hier hilft Redundanz tatsächlich (insbesondere, wenn man das Buch nicht in seiner Muttersprache liest).

Die Kernthesen von SOLMS lassen sich vielleicht so zusammenfassen:
– Die Quelle des Bewusstseins wurde fälschlicher Weise immer im Denken (bei den Kognitionen) gesucht; sie liegt aber in den Gefühlen. („Man kann zwar kognitive Leistungen ohne Bewusstheit vollziehen – das machen wir andauernd – man kann über nicht „fühlen ohne sich zu fühlen“).
– Damit einher geht eine zweite „Revolution“ der Hirnforschung (meine Formulierung): Der Sitz des Bewusstseins ist nicht der Kortex (das Großhirn), sondern eine spezifische Region im Hirnstamm (natürlich wird das – wie alles andere – sorgfältig begründet und nachgewisesen).
– Vorläufer des Bewusstseins sind Empfindungen, die durch Abweichungen von überlebenswichtigen „Sollwerten“ (z.B. der Körpertemperatur) zustandekommen. Aus den grundlegenden (automatisierten) Regelkreisen entwickeln sich bei komplexeren selbstorganisierten Systemen Steuerungsmechanismen auf höheren Ebenen, die den Abweichungen eine Wertung geben (eine „emotionale Valenz“). Eine wichtige Rolle dabei spielt auch die Regulation des Aktivitätslevels des Gehirns („arousel“).
– Werden die Anforderungen in einer komplexen und instabilen Umwelt dann größer, entwickeln sich bestimmte Grundgefühle (sieben werden genannt), die nur durch ihren bewussten Charakter (und ihr ausgefeiltes Zusammenspiel mit Wahrnehmung und Motorik) das Überleben sichern helfen können.
– Kognitive Leistungen (bis hin zum abstrakten, sprachgebundenen Denken) bauen letztlich auf diesen Grundfunktionen auf. Dabei gilt für alle Ebenen: Das Bewusstsein ist „faul“ (besser gesagt: es muss Ressourcen schonen); es tritt erst in Aktion, wenn die automatisierten Regelkreise die notwendigen Bedingungen nicht mehr herstellen können.
– Die Grundsatzfrage („Wie und warum trat das Bewusstsein in die physikalische Welt?“) hält SOLMS für beantwortet. Den ultimativen Beweis für seine Sichtweise sähe er darin, auf der Grundlage der beschriebenen Funktionen ein nicht-organisches selbstregulierendes System zu schaffen, das dann – weil es ja um Gesetzmäßigkeiten und nicht um Spekulationen handelt – auch ein Bewusstsein entwickeln müsste. (Natürlich denkt der Autor bereits über die ethischen Implikationen nach).

Der Autor würde vermutlich angesichts dieser Verkürzung einen emotionalen Ausbruch bekommen (der ihm mit Sicherheit bewusst wäre). Es sollte hier nur um die ganz grobe Richtung gehen.
Das Buch ist hochkomplex (und gleichzeitig gradlinig) und setzt sich immer wieder auch mit anderen Forschern und abweichenden Sichtweisen auseinander. Es gibt offenbar keine kritische Frage, die sich SOLMS nicht selber stellt.
Soviel steht fest: SOLMS ist kein Spinner oder ein Zukunftsguru. Er betreibt mit seinem Team knallharte Wissenschaft an der vordersten Forschungs-Front.

Im Vergleich zu den oben genannten Vorläufern ist SOLMS einen entschiedenen Schritt weitergegangen: Er beschreibt nicht die messbaren Korrelate von Bewusstseinszuständen (was schon längere Zeit möglich ist), sondern er liefert eine inhaltliche Begründung und Erklärung dafür, warum es in hochkomplexen Systemen (unter bestimmten Bedingungen) zwangsläufig zu Bewusstseinsprozessen kommen muss.
Ich halte dieses Buch für eine Meisterleistung und hoffe darauf, dass es auch auf Deutsch erscheint.



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